Poetry's Spiritual Essence: Syllable, Form, and Recitation

GA 281 — 29 March 1923, Stuttgart

SILBENLAUTEN UND WORTESPRECHEN

Maß, Zahl und Gewicht des Silbenhaften

Gestatten Sie, daß wir in diese pädagogisch-künstlerische Tagung heute einfügen eine Probe rezitatorischer und deklamatorischer Kunst, zu der ich einiges, ich möchte sagen, episodisch bemerken möchte.

Es ist immer außerordentlich schwierig, gerade über das Künstlerische auch noch zu sprechen. Das Künstlerische gehört der unmittelbaren Empfindung, der unmittelbaren Anschauung. Es muß aufgenommen werden in unmittelbarem Eindruck. Wenn man also über das Künstlerische spricht, so ist man gewissermaßen bei einer solchen Tagung, die künstlerisch das Erkennen, künstlerisch die ganze Handhabung der Erziehungs- und Unterrichtspraxis klarlegen will, in einer besonderen Lage. Gewiß, alle Vorträge, die hier gehalten worden sind, haben immer betont, daß es sich gerade bei der Waldorfschulpädagogik darum handelt, das künstlerische Element in die ganze Erziehungs- und Unterrichtskunst einzufügen. Der Kunst selber gegenüber - das habe ich schon in meinem ersten Vortrag durchblicken lassen - möchte man aber am liebsten, ich möchte sagen keusch zurückhaltend mit dem künstlerischen Elemente sein. Alle Erörterungen, alle Gefühlsoffenbarungen, alle Willensimpulse der Menschen gehen zuletzt in dasjenige über, was die fortlaufende Strömung der menschheitlichen Kultur- und Zivilisationsentwickelung bildet. Und sie sind enthalten in den drei größten Impulsen alles menschlichen Werdens, alles geschichtlichen Geschehens: in dem religiösen, in dem künstlerischen und in dem Erkenntnisideal. Mit Recht wird gerade in unserer Gegenwart versucht, das Künstlerische zum Träger des Erkenntnisideals zu machen, damit wiederum eine Möglichkeit gefunden werde, aus dem Reiche des Stofflichen, aus dem Reiche des Materiellen hinaufzudringen auch mit der Erkenntnis in das Geistige. Ich versuchte zu zeigen, wie die Kunst der Weg ist, um wirkliche Menschenerkenntnis zu gewinnen, weil das künstlerische

Schaffen, das künstlerische Empfinden gewissermaßen die Organe sind für echte, wahre Menschenerkenntnis, da Natur in dem Augenblicke, wo sie heraufgeht aus der Fülle der Tatsachen und Wesenheiten des Universums, um gewissermaßen den Menschen zustande zu bringen, selbst zur wirklichen Künstlerin wird. Das darf nicht bloß als Metapher ausgesprochen werden, sondern sollte gerade eine tiefere Welt- und Menschenerkenntnis sein. Wiederum der Kunst gegenüber möchte man sagen: Man wird aufdringlich, wenn man künstlerisch über die Kunst sprechen will. Über die Kunst sprechen, heißt zurückführen das Gesprochene auf eine Art religiösen Erkennens, wobei allerdings das Religiöse im weitesten Sinne aufzufassen ist, so daß es nicht nur das umfaßt, was wir heute mit Recht als eigentlich religiös ansehen, das Verehrende im Menschen, sondern wo es auch das umfaßt, was im höchsten Sinne des Wortes der Humor ist. Aber es muß immer eine Art religiösen Empfindens sein, das vorbereitet die Stimmung für die Kunst. Denn man muß, wenn man über die Kunst spricht, aus dem Geiste heraus sprechen. Wie sollte man denn Kunstwerke höchster Art, wie etwa Dantes «Comedia», irgendwie mit dem Worte treffen, wenn man nicht religiöse Momente in dieses Wort aufnehmen würde.

Das hat man schon gefühit, und gerade recht gefühit bei der Entstehung der Kunst. Kunst ist entstanden in der Zeit, als Wissenschaft und Religion mit ihr, mit der Kunst noch ein Gemeinsames, einheitliches Ganzes bildeten. Wir hören am Ausgangspunkte größter Kunstwerke die Worte, die, ich möchte sagen, wie eine welthistorische Bekräftigung des eben Gesagten erscheinen. Wahrhaftig, aus kosmischem Bewußtsein heraus beginnt Homer seine Dichtung etwa mit den Worten:

Singe, o Muse, vom Zorn mir des Peleiden Achilleus.

Homer singt nicht selbst. Homer ist sich bewußt, daß sich seine Seele erheben muß zu Übermenschlich-Übersinnlichem, und daß er seine Worte als Opfergabe in den Dienst höherer Mächte stellen muß, wenn er wirklicher künstlerischer Dichter werden will. Selbstverständlich hat hiermit die Homerfrage als solche nichts zu tun. Und wenn wir einen langen Zeitraum überblicken und gehen bis zu einem der modernen Dichter herauf, so hören wir Klopstock seine «Messiade» beginnen mit einem Worte, das allerdings anders, aber äußerlich formell ähnlich klingt:

Singe, unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung, die der Messias auf Erden in seiner Menschheit vollendet.

Und indem man mit dem einen Gedicht beginnend zu dem anderen vorschreitet, durchschreitet man diejenige Zeit, in der der Mensch den großen, unermeßlichen Weg gemacht hat vom vollen Hingegebensein an göttlich-geistige Mächte, als deren Umhüllung er sich auf der Erde gefüHt hat, bis zu demjenigen Punkte, wo der Mensch sich begann in seiner Freiheit, nur seine eigene Seele umhüllend, zu fühlen. Aber auch da, im Beginne dieser großen Zeit deutscher Dichtung war es so, daß an das Unsichtbare appelliert hat Klopstock, wie Goethe es getan hat jederzeit, wenn er es auch nicht offen ausgesprochen hat. Und so sehen wir, daß bei den künstlerischen Dichtern selber das Bewußtsein vorhanden ist des Sichversetzens in das Übersinnliche.

Das Übersinnliche aber spricht nicht in Worten. Worte sind unter allen Umständen Prosa. Worte sind unter allen Umständen Glieder einer Rede, Glieder eines Seelenvorganges, der sich der Logik fügt. Logik ist aber da, damit wir die äußeren, sinnlichen Wesen und Vorgänge in ihrer sinnlichen, äußeren Wirklichkeit schauen; daher darf Logik sich in nichts real Geistiges mischen. In dem Augenblicke, wo wir auf dem Wege der Logik den Satz in der Prosa zustande bringen, müssen wir ganz auf der Erde stehen. Denn die geistige Welt spricht nicht in menschlichen Worten. Die geistige Welt geht bloß bis zu der Silbe, nicht bis zum Worte, so daß wir sagen können: Der Dichter ist in einer merkwürdigen Lage. Der Dichter muß sich der Worte bedienen, weil Worte einmal die Werkzeuge der menschlichen Sprache sind, aber indem er sich der Worte bedient, muß er notwendig aus seinem eigentlich künstlerischen Element herausgehen. Das kann er nur dadurch, daß er das Wort wiederum zurückführt zu der Gestaltung des Silbenhaften. In Maß, Zahl und Gewicht des Silbenhaften, also in einer Region, wo das Wort noch nicht Wort geworden ist, wo das Wort sich noch dem Musikalisch-Imaginativ-Plastischen des Überwörtlichen, des Geistigen fügt, da waltet der Dichter. Und wenn der Dichter sich doch der Worte bedienen muß, so fühlt er in seinem Inneren, daß er die Wortgestaltungen wieder zurückführen muß auf dasjenige Gebiet, aus dem er herausgetreten ist, indem er von der Silbe eben zum Wort übergehen mußte. Er fühlt, daß er im Reim, in der ganzen Strophengestaltung das wiederum gutmachen muß, wiederum künstlerisch runden, gestalten, harmonisieren muß, was dadurch geschieht, daß man mit dem Worte herauskommt aus Silben-maß und Silbengewicht.

Hier schaut man intim hinein in den Seelenzustand des dichterischen Künstlers. Es fühlt aber auch der wirkliche Dichter - und nicht nur von Platen haben wir ein merkwürdiges Wort, das hinweist auf dasjenige, was ich jetzt eben charakterisieren wollte:

... Weitschweifigen Halbtalenten sind

Präzise Formen Aberwitz; Notwendigkeit

Ist dein geheimes Weihge schenk, o Genius!

Platen ruft den Genius an, indem er darauf aufmerksam macht, wie die Notwendigkeit in der Silbengestaltung nach Maß, Zahl und Gewicht der Silben dem Genius eigen ist, während das ins Prosaische Abschweifen lediglich der Aberwitz der Haibtalente ist, die aber allerdings - ich habe schon darauf aufmerksam gemacht - neunundneunzig Prozent derer ausmachen, die dichten. Aber nicht nur Platen, auch Schiller spricht ein Ähnliches aus mit sehr schönen Worten:

Es hat mit der Reinheit des Silbenmaßes die eigene Bewandtnis, daß sie zu einer sinnlichen Darstellung der innern Notwendigkeit des Gedankens dient, da im Gegenteil eine Lizenz gegen das Silbenmaß eine gewisse Willkürlichkeit fühlbar macht. Aus diesem Gesichtspunkt ist sie ein großes Moment und berührt sich mit den innersten Kunstgesetzen.

Die Notwendigkeit des Silbenmaßes, von ihr spricht Schiller in diesem Satze.

Nun, der Deklamator und Rezitator ist der Interpret des wirklich dichterischen Künstlers. Er muß sich bewußt sein insbesondere dessen, worauf ich eben aufmerksam machte; er muß sich bewußt sein, daß er das, was ihm in der Dichtung vorliegt, die ja durch Worte sprechen muß, wiederum zurückführen muß auf Maß, Zahl und Gewicht der Silben. Er muß sich bewußt werden, daß er das, was dann in das Wort ausfließt, wiederum runden muß nach Strophengestaltung und nach dem Reime. Daher kommt es auch, daß in unserer etwas unkünstlerisch fühlenden Zeit eine merkwürdige Art von Deklamationsund Rezitationskunst hat heraufkommen können: dieses prosaische Pointieren eben des Prosasinnes, was unkünstlerisch ist. Denn der wirkliche Dichter geht stets zurück von dem Prosaischen der Worte zu dem musikalischen oder plastischen Element. Schiller hatte immer, bevor er die Worte eines Gedichtes hinschrieb, eine wortlose, unbestimmte Melodie, ein melodiöses Erlebnis der Seele. Das hatte noch nicht Worte, das floß melodiös, musikalisch thematisch hin, und daran reihte er dann die Worte. Man könnte sich denken, daß bei Schiller aus demselben melodiösen Thema die verschiedensten Dichtungen dem Wortinhalte nach hervorgegangen wären. Und Goethe stand vor seinen Schauspielern, als er selbst seine Jambendramen mit ihnen einstudierte, mit dem Taktstock wie ein Kapellmeister, nicht so sehr das Wesentliche sehend in dem Prosagehalt der Worte, als in der Gestaltung der Laute, in dem Wägen der Silben, in dem Musikalischen, Rhythmischen, Taktmäßigen und so weiter. Daher ist es notwendig geworden, daß gerade innerhalb unserer Geistesströmung zurückgegangen werden mußte zu einer wirklichen Rezitations- und Deklamationskunst, wo tatsächlich wiederum heraufgehoben wird das, was auf das Niveau der Prosa wegen des Ausdrucksmittels, dessen sich der Dichter bedienen muß, zurückgesunken war, daß das wiederum zurückgeführt wird auf das Niveau des übersinnlichen Gestalten- und Musikerlebnisses.

Diese Arbeit versuchte Frau Dr. Steiner zu tun, indem sie die Rezitations- und Deklamationskunst so auszubilden versuchte in den letzten Jahren, Jahrzehnten, daß wiederum bei ihr über den Prosa-gehalt hinaus das eigentlich innerlich Eurythmische, die imaginative und musikalische Gestaltung des Silbenmaßes, der Laut-Imagination, der Lautplastik, des Musikalischen herauskommt. Das stellt sich dann in der verschiedensten Weise dar für Lyrisches, Episches, Dramatisches. Ich werde darauf noch mit ein paar Worten zu sprechen kommen. Zuerst wollen wir Ihnen aber zeigen, wie im allgemeinen herausgeholt werden kann aus dem wirklich Künstlerisch-Dichterischen das, was hier angedeutet worden ist.

Im ersten Teil dieser Rezitationsprobe wird Ihnen vorgeführt werden «Ostern» von Anastastus Grün, insbesondere dazu geeignet, über den Inhalt hinweg zu der künstlerischen Gestaltung zu führen. Diese heute schon etwas altertümliche Dichtung ist - allerdings im engeren Sinne -, gewissermaßen weil sie eine Art Weihegedicht für Ostern ist, zeitgemäß; doch ist sie nicht zeitgemäß, weil sie einem Zeitalter angehört, das weit in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückgeht, aber auch einem Zeitalter, in welchem der Dichter sich noch verpflichtet fühlte, zur Notwendigkeit der rhythmisch-plastischen Gestaltung sich zu bekennen. So mag das Gedicht hingenommen werden, das heute, weil es gewissermaßen antiquierte Vorstellungen enthält, von manchen, die nur auf die Prosa hinhören, langweilig empfunden wird, aber mag die Prosa davon langweilig sein, ein echter Dichter hat versucht, der Notwendigkeit des Innerlich-Künstlerischen in der Dichtung sich zu fügen.

Dann werden wir einen modernen Dichter folgen lassen in dem Gedicht «An eine Rose» von Albert Steffen, ein Sonett. Gerade am Sonett kann man, wenn man will, so recht bemerken, wie das ganze, das vorgeführt wird in Worten, durch die streng geschlossene Form die Sünde wider die Worte wiederum gutmacht, das ganze rundet und harmonisiert; gerade bei einem Dichter, der so wie Albert Steffen zugleich tief hineinschürft in verborgenste Tiefen der Weltanschauung, ist es interessant zu sehen, wie er die Notwendigkeit empfindet, das, was er als einen Erkenntnisweg zutage fördert, in die strengste Kunstform zu gießen.

An den Terzinen von Christian Morgenstern werden wir sehen, wie eine besondere dichterische Form, die Terzinenform, in einem Fortführen des Gestaltenempfindens besteht, während das Sonett in einem Runden der Empfindung besteht, wie die Terzine - schon allerdings gegen den Schluß des Gedichtes hin - etwas Offenes hat, wie die

Terzine aber das, was im Worte ausfließt, zu einem geschlossenen Ganzen macht.

Und dann darf ich vielleicht noch drei meiner Dichtungen «Frühling», «Herbst» und «Weltenseelengeister» bringen, wo versucht ist, gerade innerlichstes menschliches Seelenerleben in strenge Formen zu bringen, Formen, die nicht diejenigen sind der hergebrachten Poetik oder Metrik, die entnommen sind dem Empfinden selber, die aber, ich möchte sagen, innerhalb des seelischen Lebens das unbestimmt Flutende, Glitzernde des Seelenlebens in eine innerlich strenge Form zu bringen versuchen.

Das soll das erste sein, was Frau Dr. Steiner Ihnen vorbringen wird: diese sechs mehr lyrischen Dichtungen. «Ostern» ist natürlich eine lange Dichtung, und wir werden Ihnen deshalb nur den fünften Teil dieser Dichtung vorführen.

OSTERN

Und Ostern wird es einst, der Herr sieht nieder

Vom Ölberg in das Tal, das klingt und blüht;

Rings Glanz und Füll' und Wonn' und Wonne wieder,

So weit sein Aug' - ein Gottesauge - sieht !

Ein Ostern, wie's der Dichtergeist sieht blühen,

Dem's schon zu schaun, zu pflücken jetzt erlaubt

Die Blütenkränze, die als Kron' einst glühen

Um der noch ungebornen Tage Haupt !

Ein Ostern, wie's das Dichteraug' sieht tagen,

Das überm Nebel, der das Jetzt umzieht,

Die morgenroten Gletscherhäupter ragen

Der werdenden Jahrtausende schon sieht !

Ein Ostern, Auferstehungsfest, das wieder

Des Frühlings Hauch auf Blumengräber sät;

Ein Ostern der Verjüngung, das hernieder

Ins Menschenherz der Gottheit Atem weht !

Sieh, welche Wandlung blüht auf Zions Bahnen !

Längst hält ja Lenz sein Siegeslager hier;

Auf Bergen wehn der Palmen grüne Fahnen,

Im Tale prangt sein Zelt in Blütenzier !

Längst wogt ja über all' den alten Trümmern

Ein weites Saatenmeer in goldner Flut,

Wie fern im Nord, wo weiße Wellen schimmern,

Versunken tief im Meer Vineta ruht.

Längst über alten Schutt ist unermessen

Geworfen frischer Triften grünes Kleid,

Gleichwie ein stilles, freundliches Vergessen

Sich senkt auf dunkler Tag' uraltes Leid.

Längst stehn die Höhn umfahn von Rebgewinden,

Längst blüht ein Rosenhag auf Golgatha.

Will jetzt ein Mund den Preis der Rose künden,

Nennt er gepaart Schiras und Golgatha.

Längst alles Land weitum ein sonn'ger Garten;

Es ragt kein Halbmond mehr, kein Kreuz mehr da !

Was sollten auch des blut'gen Kampfs Standarten?

Längst ist es Frieden, ew'ger Frieden ja !

Der Kedron blieb. Er quillt vor meinen Blicken

Ins Bett von gelben Ähren eingeengt,

Wohl noch als Träne, doch die dem Entzücken

Sich durch die blonden, goldnen Wimpern drängt !

Das ist ein Blühen rings, ein Duften, Klingen,

Das um die Wette sprießt und rauscht und keimt,

Als gält' es jetzt, geschäftig einzubringen,

Was starr im ScHaf Jahrtausende versäumt,

Das ist ein Glänzen rings, ein Funkeln, Schimmern

Der Städt' im Tal, der Häuser auf den Höhn;

Kein Ahnen, daß ihr Fundament auf Trümmern,

Kein leiser Traum des Grabs, auf dem sie stehn !

Die Flur durchjauchat, des Segens freud'ger Deuter,

Ein Volk, vom Glück geküßt, an Tugend reich,

Gleich den Gestirnen ernst zugleich und heiter,

Wie Rosen schön, wie Cedern stark zugleich.

Begraben längst in des Vergessens Meere,

Seeungetümen gleich in tiefer Flut,

Die alten Greu'l, die blut'ge Schergenehre,

Der Krieg und Knechtsinn und des Luges Brut.

Auf Golgatha, in eines Gärtchens Mitte,

Da wohnt ein Pärlein, Glück und Lieb' im Blick;

Weit schaut ins Land, gleich ihrem Aug' die Hütte,

Es labt ja Glück sich gern an fremdem Glück !

Einst, da begab sich's, daß im Feld die Kinder

Ausgruben gar ein formlos, eisern Ding;

Als Sichel däucht's zu grad und schwer die Finder,

Als Pflugschar fast zu schlank und zu gering.

Sie schleppen's mühsam heim, gleich seltnem Funde,

Die Eltern sehn es, - doch sie kennen's nicht,

Sie rufen rings die Nachbarn in der Runde,

Die Nachbarn sehn es, - doch sie kennen's nicht.

Da ist ein Greis, der in der Jetztwelt Tage

Mit weißem Bart und fahlem Angesicht

Hereinragt, selbst wie eine alte Sage;

Sie zeigen's ihm, - er aber kennt es nicht.

Wohl ihnen allen, daß sie 5 nimmer kennen !

Der Ahnen Torheit, längst vom Grab verzehrt,

Müßt' ihnen noch im Aug' als Träne brennen.

Denn was sie nimmer kannten, war ein Schwert !

Als Pflugschar soll's fortan durch Schollen ringen,

Dem Saatkorn nur noch weist's den Weg zur Gruft;

Des Schwertes neue Heldentaten singen

Der Lerchen Epopee'n in sonn'ger Luft !

Einst wieder sich's begab, daß, als er pflügte,

Der Ackersmann wie an ein Felsstück stieß,

Und, als sein Spaten rings die Hüll' entfügte,

Ein wundersam Gebild aus Stein sich wies.

Er ruft herbei die Nachbarn in der Runde,

Sie sehn sich's an, - jedoch sie kennen's nicht ! -

Uralter, weiser Greis, du gibst wohl Kunde?

Der Greis besieht's, jedoch er kennt es nicht.

Ob sie's auch kennen nicht, doch steht's voll Segen

Aufrecht in ihrer Brust, in ew'gem Reiz,

Es blüht sein Same rings auf allen Wegen;

Denn was sie nimmer kannten, war ein Kreuz !

Sie sahn den Kampf nicht und sein blutig Zeichen,

Sie sehn den Sieg allein und seinen Kranz !

Sie sann den Sturm nicht mit den Wetterstreichen,

Sie sehn nur seines Regenbogens Glanz !

Das Kreuz von Stein, sie stellen's auf im Garten,

Ein rätselhaft, ehrwürdig Altertum,

Dran Rosen rings und Blumen aller Arten

Empor sich ranken, kletternd um und um.

So steht das Kreuz inmitten Glanz und Fülle

Auf Golgatha, glorreich, bedeutungsschwer:

Verdeckt ist's ganz von seiner Rosen Hülle,

Längst sieht vor Rosen man das Kreuz nicht mehr.

Ein Sonett von Albert Steffen

AN EINE ROSE

Ich schaue mich in dir und dich in mir:

Wo ich die Schlange bin, bist du die   , wir aßen beide von der irdischen Krume, in dir aß Gott, in mir aß noch das Tier.

Die Erde ward für dich zum Heiligtume, du wurzelst fest, du willst nicht fort von ihr.

Ich aber sehne mich, ich darbe Her, ich such im All nach meinem Eigentume.

Du überwächst den Tod mit deinen Farben und saugst dir ewiges Leben aus dem Boden.

Ich kehre immer wieder, um zu sterben.

Denn ach: Nur durch mein Suchen, Sehnen,

Darben, nur durch die Wiederkehr von vielen Toden, darf ich um dich, 0 rote Rose, werben.

Terzinen von Christian Morgenstern

Was ist das? Gibt es Krieg? Den Abendhimmel verfinstern Raben gleich geschwungnen Brauen des Unhelis und mit gierigem Gekrächz.

Südöstlich rudern sie mit wilder Kraft, und immer neue Paare, Gruppen, Völker...

Und drüber raucht's im Blassen wie von Blut.

Wie Sankt Franciscus schweb ich in der Luft mit beiden Füßen, fühle nicht den Grund der Erde mehr, weiß nicht mehr, was das ist.

Seid still ! Nein, - redet, singt, jedweder Mund !

Sonst wird die Ewigkeit ganz meine Gruft und nimmt mich auf wie einst den tiefen Christ.

Dies ist das Wunderbarste, dieses feste, so scheint es, ehern feste Vorwärtsschreiten - und alles ist zuletzt nur tiefer Traum.

Von tausend Türmen strotzt die Burg der Zeiten

(so scheint's) aus Erz und Marmor, doch am Saum der Ewigkeit ist all das nur noch Geste.

Dämmrig blaun im Mondenschlmmer

Berge... gleich Erinnerungen ihrer selbst; selbst Berge nimmer.

Träume bloß noch, hlnterlassen von vergangnen Felsenmassen:

So wie Glocken, die verklungen, noch die Luft als Zittern fassen.

Lyrische Dichtungen von Rudolf Steiner

FRÜHLING

Der Sonnenstrahl,

Der lichterfunkelnde,

Er schwebt heran.

Die Blütenbraut,

Die farberregende,

Sie grüßt ihn froh.

Vertrauensvoll

Der Erdentochter

Erzählt der Strahl,

Wie Sonnenkräfte,

Die geistentsprossenen,

Im Götterheim

Dem Weltentone lauschen;

Die Blütenbraut,

Die farberglitzernde,

Sie höret sinnend

Des Lichtes Feuerton.

HERBST

Der Erdenieib,

Der Geistersehnende,

Er lebt im Welken.

Die Samengeister,

Die Stoffgedrängten,

Erkraften sich.

Und Wärmefrüchte

Aus Raumesweiten

Durchkraften Erdensein.

Und Erdensinne,

Die Tiefenseher,

Sie schauen Künft'ges

Im Formenschaffen.

Die Raumesgeister,

Die ewig-atmenden,

Sie blicken ruhevoll

Ins Erdenweben.

WELTENSEELENGEISTER

Im Lichte wir schalten,

Im Schauen wir walten,

Im Sinnen wir weben.

Aus Herzen wir heben

Das Geistesringen

Durch Seelenschwingen.

Dem Menschen wir singen

Das Göttererleben

Im Weltengestalten.

Das Zusammenwirken von Atmung und Blutzirkulation

Bevor der zweite Teil dieser Rezitation versucht wird, darf ich mir erlauben, ich möchte sagen, auf das innere Entstehen des Dichterisch-Künstlerischen in der Menschennatur mit einigen Worten hinzuweisen. Dasjenige, was einer wirklichen Menschenerkenntnis zugrunde liegen muß, ist die Anschauung, wie erstens die Welt, das Universum , der Kosmos an dem Menschen künstlerisch schafft, wie aber auf der andern Seite selber der Mensch die vom Kosmos in ihn gelegte künstlerische Gestaltung in der Kunst wiederum hervorholt.

Zwei Elemente sind es, welche im Menschen zusammenwirken müssen durch die Gewalt des Geistes und der Seele, wenn überhaupt Dichterisches sich gestalten, sich formen soll. Es ist nicht der Gedanke, selbst in den Gedankendichtungen ist es noch etwas anderes als der Gedanke selber, der von dem dichterischen Künstler gestaltet wird. Es ist das Zusammenwirken, das wunderbare Zusammenwirken von Atmung und Blutzirkulation. In der Atmung steht der Mensch ganz und gar mit dem Kosmos in Verbindung. Die Luft, die ich jetzt in mich eingeatmet habe, war vorher noch ein Bestandteil des Kosmos und wird danach wiederum ein Bestandteil des Kosmos werden. Ich nehme den Kosmos in seiner Substantialität in mich herein, gebe das, was eine kurze Weile mein war, wiederum dem Kosmos zurück, indem ich atme. Derjenige, der empfindend erkennen kann diese Atmung, für den ist sie eines der wunderbarsten Geheirunisse in der ganzen Gestaltung der Welt. Aber das, was sich da abspielt zwischen Mensch und Welt, findet seine innere Ausgestaltung in der ja eng an den Atmungsrhythmus gebundenen Blutzirkulation, in dem Rhythmus der Blutzirkulation. Und es ist beirn erwachsenen Menschen approximativ, durchschnittlich das Verhältnis von eins zu vier, das sich ausdrückt zwischen dem Atemzuge und dem Pulsschlag: achtzehn Atemzüge, ungefähr achtzehn Atemzüge in der Minute, zweiundsiebzig Pulsschläge. Zwischen beiden wird jene innerliche Harmonie herbeigeführt, die das ganze innerlich schaffende, sich musikalisch erschaffende Menschenleben ausmacht.

Man möchte sagen - damit will ich nicht eine besondere Erkenntnis andeuten, sondern ein Bild: Vor einem entsteht der Lichtgeist, der auf den Fluten der Luft in den Menschen hereinspielt durch die Atmung. Die Atmung greift ein in die Blutzirkulation wie in das geheime Funktionieren des menschlichen Organismus selbst. Apollo, der Lichtgott, getragen von den flutenden Luftmassen im Atmungsprozeß; seine Leier, das Funktionieren der Blutzirkulation selber. Alles dasjenige, was sich dichterisch abspielt, dichterisch gestaltet, beruht in Wirklichkeit auf diesem Verhältnis von Atmung, die innerlich erlebt wird, zur Blutzirkulation, die innerlich erlebt wird. Der Atem zählt die Pulsschläge unterbewußt; die Pulsschläge zählen die Atemzüge unterbewußt, teilen und gliedern, gliedern und teilen da-mit das Maß und die Zahl der Silben. Nicht als ob etwa sich anpassen würde das dichterische Offenbaren, das Sprechen den Atemzügen oder der Blutzirkulation, aber dem Verhältnisse zwischen beiden. Sie können ganz herausfallen, die Silbengestaltungen, aber sie stehen in einem innerlichen Verhältnis zueinander in der dichterischen Kunst, wie Atemwesen und Zirkulationswesen.

Und so sehen wir denn da, wo zuerst heraufkommt die Dichtung in der für uns am leichtesten noch verständlichen Gestalt, im Hexameter, wie in den drei ersten Versgliedern des Hexameters und in der Zäsur die vier zu eins sich in ein Verhältnis stellen. Der Hexameter wiederholt zweimal dieses Verhältnis von Blutzirkulation zu Atmung. Der Mensch nimmt das Geistige auf in sein innerliches Funktionieren, in sein innerlich ureigenstes Betätigen, indem er dichterisch gestaltet, was er in jedem Augenblicke seines Lebens hier auf der Erde ist: das Produkt von Atmung und Blutzirkulation. Das gliedert er künstlerisch in Silbe und Maß, in Silbe und Zahl. Und gerade daraus, ob wir nun in die Einheit des Atmens weniger oder mehr Silben lassen, die sich dann wie von selbst reduzieren auf das Naturmaß, indem wir mit anderen Worten das Taktmaß so oder so gestalten, bekommen wir heraus in wirklich dichterischer Weise die Steigerung, die Beruhigung, die Spannung, die Lösung.

Indem wir nach dem uns von dem Kosmos selber gegebenen Maß zwischen Atmung und Blutzirkulation den Vers fortrücken lassen , bekommen wir das Epische; und indem wir dazu aufsteigen, das mehr Innerliche geltend zu machen, also die Atmung mehr zurücktreten lassen, nicht gewissermaßen das Atmungswesen zum Aktiven zu machen, zum Zählenden - zum Zählenden auf der Leier der Blutzirkulation -zu machen, sondern indem wir zurückgehen mit der Atmung in unser Selbst, indem wir das Anschlagen des Blutes zu unserem Wesentlichen machen, so daß man gleichsam an den Einkerbungen des Blutstromes abzählt, bekommt man dann die andere Form der metrischen Kunst heraus. Haben wir es mit der Atmung zu tun, die gewissermaßen ab-zählt die Blutzirkulation, dann hat man es zu tun mit dem Rezitieren. Das Rezitieren fließt in der Gemäßheit des Atmungsprozesses dahin. Hat man es zu tun damit, daß das Blutgemäße das Tonangebende ist, daß das Blut seine Stärke, Schwäche, Leidenschaft, Emotion, Spannung und Entspannung eingräbt in den dahinflutenden Atmungsstrom, dann entsteht die Deklamation: die Deklamation, welche mehr schaut auf die Kraft oder die Leichtigkeit, Stärke und Schwäche der Silbenbetonung, Hochton,Tiefton; die Rezitation, die in Gemäßheit des ruhig dahinfließenden Atems, der nur die Blutzirkulation zählt, gewissermaßen das Mitteilende der dichterischen Kunst ist, während das Deklamatorische das Schildernde der dichterischen Kunst ist. Und eigentlich muß sich jeder, der die Vortragskunst ausübt, einer Dichtung gegen-über fragen: Habe ich hier zu rezitieren, habe ich hier zu deklamieren? -Es sind im Grunde genommen zwei ganz verschiedene Kunstnuancen. Das tritt einem entgegen, wenn man sieht, wie der dichterische Künstler selber wunderbar unterscheidet zwischen Deklamieren und Rezitieren.

Vergleichen Sie auf das hin einmal die «Iphigenie», die Goethe in Weimar dichtete, bevor er in Italien bekannt wurde mit der griechischen Kunstart, betrachten Sie die «Iphigenie», die er da niedergeschrieben hat: ganz deklamatorisch. Er kommt nach Italien, lebt sich ein in seiner Art in dasjenige, was er griechische Kunst nennt -es ist nicht mehr griechische Kunst -, was er noch als Nachklang der griechischen Kunst empfindet: er dichtet seine «Iphigenie» um im Sinne des Rezitativischen. Indem die Deklamation, die aus dem Blut sprießt, übergeht in die Rezitation, die aus der Atmung sprießt, wird dasjenige, was mehr aus dem Innerlich-Nordischen, aus dem deutschen Gemütvollen hervorgeht, mehr äußerlich künstlerisch durch Maß und Zahl sich offenbaren in der - wie Herman Grimm gesagt hat - «römischen Iphigenie». Und für denjenigen, der künstlerisch empfindet, ist der denkbar größte Unterschied zwischen der deutschen und der römischen «Iphigenie» Goethes. Wir wollen gar nicht heute Sympathie oder Antipathie mit dem einen oder anderen haben, sondern hinweisen auf diesen gewaltigen Unterschied, der dann herauskommen soll in dem, was einem als Rezitation, als Deklamation eines Stückes der «Iphigenie» entgegentritt, das sowohl in der einen als auch in der anderen Gestalt vor Sie hintreten wird.

Den Hexameter selber wollen wir sehen in seiner Gestalt in dem Gedichte « Der Tanz » von Schiller. Das richtig Ebemnäßige, das nicht Hexameter zu sein braucht, wollen wir an einigen Dichtungen Mörikes eben sehen, der ja Lyriker ist, aber leicht zum Balladendichter wird.

Wir können es durchaus empfinden, wenn wir die künstlerische Menschheitsentwickelung überschauen, wie im alten Griechenland, wo der Mensch überhaupt mehr in seiner Naturumgebung lebte, alles zum Rezitatorischen wurde. Das Rezitatorische lebt durch den Atmungsprozeß in Maß und Zahl. In der Innerlichkeit des Nordens, in den Gemütstiefen des mitteleuropäischen Geistes- und Seelenlebens entsteht das Deklamatorische, das da rechnet mehr mit Gewicht und Zahl. Und wenn das Göttliche die Welt bei seinem Schaffen durch-wallt nach Maß, Gewicht und Zahl, so sucht zu erlauschen der Dichter in der deklamatorischen, rezitatorischen Kunst das göttliche Walten auf eine intime Weise im Dichterischen, indem in der Rezitation mehr hingeschaut wurde auf Maß und Zahl, indem in der Deklamation mehr hingefühlt wird auf Zahl und Gewicht innerhalb desjenigen, was sich zum Heben des Gewichtes gestaltet.

Um das geltend zu machen, werden wir nun zur Darstellung bringen den «Tanz» von Schiller, um den Hexameter zu zeigen; « Schön-Rohtraut» von Mörike, «Die Geister am Mummelsee», die balladen-haft sind, und dann ein kurzes Stück aus der deutschen und römischen «Iphigenle » Goethes.

DER TANZ

Siehe, wie schwebenden Schritts im Wellenschwung sich die Paare

Drehen ! Den Boden berührt kaum der geflügelte Fuß.

Seh ich flüchtige Schatten, befreit von der Schwere des Leibes?

Schlingen im Mondlicht dort Elfen den luftigen Reihn?

Wie, vom Zephyr gewiegt, der leichte Rauch in die Luft fließt,

Wie sich leise der Kahn schaukelt auf silberner Flut,

Hüpft der gelehrige Fuß auf des Takts melodischer Woge,

Säuselndes Saitengetön hebt den ätherischen Leib.

Jetzt als wollt es mit Macht durchreißen die Kette des Tanzes,

Schwingt sich ein mutiges Paar dort in den dichtesten Reihn.

Schnell vor ihm her entsteht ihm die Bahn, die hinter ihm schwindet,

Wie durch magische Hand öffnet und schließt sich der Weg.

Sieh ! jetzt schwand es dem Blick; in wildem Gewirr durcheinander

Stürzt der zierliche Bau dieser beweglichen Welt.

Nein, dort schwebt es frohlockend herauf; der Knoten entwirrt sich;

Nur mit verändertem Reiz stellet die Regel sich her.

Ewig zerstört, es erzeugt sich ewig die drehende Schöpfung,

Und ein stilles Gesetz lenkt der Verwandiungen Spiel.

Sprich, wie geschiehts, daß rastlos erneut die Bildungen schwanken,

Und die Ruhe besteht in der bewegten Gestalt?

Jeder ein Herrscher, frei, nur dem eigenen Herzen gehorchet

Und im eilenden Lauf findet die einzige Bahn?

Willst du es wissen? Es ist des Wohllauts mächtige Gottheit,

Die zum geselligen Tanz ordnet den tobenden Sprung,

Die, der Nemesis gleich, an des Rhythmus goldenem Zügel

Lenkt die brausende Lust und die verwilderte zähmt.

Und dir rauschen umsonst die Harmonien des Weltalls?

Dich ergreift nicht der Strom dieses erhabnen Gesangs?

Nicht der begeisternde Takt, den alle Wesen dir schlagen?

Nicht der wirbelnde Tanz, der durch den ewigen Raum

Leuchtende Sonnen schwingt in kühn gewundenen Bahnen?

Das du im Spiele doch ehrst, fliehst du im Handeln, das Maß.

Zwei Balladen von Mörike

SCHÖN-ROHTRAUT

Wie heißt König Ringangs Töchterlein?

Rohtraut, Schön-Rohtraut.

Was tut sie denn den ganzen Tag,

Da    sie woH nicht spinnen und nähen mag?

Tut fischen und jagen.

0    daß ich doch ihr Jäger wär' !

Fischen und Jagen freute mich sehr. -

-    Schweig stille, mein Herze !

Und über eine kleine Weil',

Rohrtaut, Schön-Rohtraut,

So dient der Knab' auf Ringangs Schloß

In Jägertracht und hat ein Roß,

Mit Rohrtaut zu jagen.

0    daß ich doch ein Königssohn wär' !

Rohtraut, Schön-Rohtraut lieb' ich so sehr. -

-    Schweig stille, mein Herze !

Einstmals sie ruhten am Eichenbaum

Da lacht Schön-Rohtraut:

«Was siehst mich an so wutniglich?

Wenn du das Herz hast, küsse mich!»

Ach ! erschrak der Knabe !

Doch denket er: mir ist's vergunnt,

Und küsset Schön-Rohtraut auf den Mund.

-    Schweig stille, mein Herze !

Darauf sie ritten schweigend heim,

Rohtraut, Schön-Rohtraut;

Es jauchat der Knab' in seinem Sinn:

Und würdst du heute Kaiserin,

Mich sollt's nicht kränken:

Ihr tausend Blätter im Walde wißt,

Ich hab' Schön-Rohtrauts Mund geküßt ! -

-    Schweig stille, mein Herze !

DIE GEISTER AM MUMMELSEE

Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät

Mit Fackeln so prächtig herunter?

Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?

Mir klingen die Lieder so munter.

O nein!

So sage, was mag es wohl sein?

Das, was du da siehest, ist Totengeleit,

Und was du da hörest, sind Klagen.

Dem König, dem Zauberer, gilt es zuleid,

Sie bringen ihn wieder getragen.

O weh!

So sind es die Geister vom See!

Sie schweben herunter ins Mummelseetal,

Sie haben den See schon betreten ,

Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal ,

Sie schwirren in leisen Gebeten -

O schau!

Am Sarge die glänzende Frau !

Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor;

Gib acht, nun tauchen sie nieder !

Es schwankt eine lebende Treppe hervor,

Und - drunten schon summen die Lieder.

Hörst du?

Sie singen ihn unten zur Ruh.

Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn !

Sie spielen in grünendem Feuer;

Es geisten die Nebel am Ufer dahin,

Zum Meere verzieht sich der Weiher. -

Nur still !

Ob dort sich nichts rühren will?

Es zuckt in der Mitten - 0 Himmel ! ach hiff!

Nun kommen sie wieder, sie kommen !

Es orgelt im Rohr und es klirret im Schilf:

Nur hurtig, die Flucht nur genommen !

Davon !

Sie wittern, sie haschen mich schon !

Es folgte noch die Rezitation aus «Iphigenie auf Tauris», (Text siehe S. 20 ff).

Es hat einmal jemand, nachdem versucht worden ist, so wie es hier geschieht, die dichterische Kunst zurückzuführen auf das gehobene, vom Übersinnlichen durchtränkte innerliche Spielen des Atmungsgeistes auf dem Zirkulationsgeist, rein äußerlich diese Sache an-hörend, gesagt: Ja, da wird die Dichtung, die dichterische Kunst mechanisiert, auf ein mechanisches Verhältnis zurückgeführt. - Das ist so richtig ein materialistisch gesinntes Urteil unserer Zeit. Man kann gar nicht anders als denken: Da steht auf der einen Seite das Seelisch-Geistige möglichst abstrakt in bekannten Begriffsformen, auf der anderen Seite, um mich des Ausdruckes der klassischen deutschen Zeit zu bedienen, das derb-materiell Konkrete, zu dem auch die menschlichen Organe und auch das menschliche innerliche Funktionieren gehören. - Der aber erst versteht in der richtigen Weise die Zusammenwirkung des Übersinnlich-Geistigen mit dem Sinnlich-Physischen, der überall hineinvibrieren schaut das, was im Geiste sich vollzieht, in die Materie. Wer also spricht wie jener Mann gesprochen hat, kritisierend das, was hindeuten sollte auf das wirklich Musikalische und Imaginative der dichterischen Kunst, hat etwa so gesprochen - so paradox das klingt -, wie wenn einer sagen würde: Es gibt Theologen, die behaupten, Gottes Schöpferkraft sei da, um die derb-materielle Welt zu schaffen. Da materialisiert man Gottes Schöpfer-kraft, wenn man sagt, daß Gott sich nicht zurückhält, die derb-materielle Welt zu schaffen. - So gescheit ist es zu sagen, man materialisiere die dichterische Kunst, wenn man zeigt, wie auf der einen Seite das Geistig-Übersinnliche stark genug ist, um bis in das Materielle, aber rhythmisch-künstlerisch sich gestaltende des Atmungsprozesses hin-einzudringen, so wie Apollo selbst auf der Leier spielt, auf der anderen Seite des Blutprozesses. Da wird wiederum eins das Leiblich-Körperhafte des Menschen mit dem Seelisch-Geistigen. Da entsteht nicht abstrakte übersinnliche Anschauung in Wolkenkuckucksheimen, da entsteht wahre Anthroposophie und von ihr getragene anthroposophische Kunst , wenn man sieht, wie in dem Körperlichen des Menschen das Geistige waltet und webt, und wie künstlerisch schaffen heißt: rhythmisieren, harmonisieren, plastizieren dasjenige, was geistig ist in den leiblich-physischen Funktionen. Wiederum wird wahr das altgefühlte Wort, daß das Herz mehr ist als dieses physiologisch-anatomische Organ, welches in der Brust sitzt für das äußere Auge, daß das Herz etwas zu tun hat mit dem ganzen Seelenleben des Menschen, dieses Herz als der Mittelpunkt der Blutzirkulation. Wiederum wird gefühlt werden, ebenso wie der Zusammenhang des Herzens mit dem Seelischen, so auch der Zusammenhang des Atmungswesens mit dem Geistigen, wie es eine Zeit einmal gefühlt hat, die selbst noch in der den Leib verlassenden Seele im Tode sah den fortziehenden Atmungsprozeß. Ein gescheites, aufklärendes Zeitalter mag über diese Dinge hinwegkommen, meinetwilien, für eine abstrakte, nicht die Wirklichkeit ergreifende, sondern tote Wissenschaft kann das gelten. Für das Erkennen, das im Sinne der Goetheschen Anschauung zugleich die Grundlage aller wirklichen Kunst ist, für dieses Erkennen muß gelten, daß man wiederum die Einheit zwischen Geistig-Seelischem und Körperlich-Physischem im Menschen nicht nur durchschaut, sondern auch künstlerisch lebendig macht. Abstrakte, tote Wissenschaft begründen kann man, wenn man auf die eine Seite die Materie stellt, auf die andere Seite den Geist. Lebenförderndes Künstlerisches schaffen kann man auf diese Weise nicht. Daher ist unsere Wissenschaft, so berechtigt sie ist für alles Technische und für die Grundlegung alles Technischen, so unkünstlerisch. Daher ist sie so menschenfremd, weil die Natur zur Künstlerin wird, indem sie den Menschen gestaltet.

Das aber liegt zugrunde insbesondere der dichterischen Kunst.

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