The Art Of Recitation And Declamation

GA 281

Niedergang und Aufbau

Eine Sprachbetrachtung

Wenn man heute von der Bühne herab eine Madonna, eine Göttin sprechen hört, so traut man seinen Ohren kaum. Es wird nicht der leiseste Versuch gemacht, die Sprache aus der Trivialität des Alltags herauszulösen; es ist auch nicht der geringste Ansatz da, mit Hilfe der Sprache zu einer höheren Sphäre sich emporzuschwingen. Jeder Weg zum Geiste ist der Bühne heute versperrt, nirgends öffnet sich ein Zugang zu diesen fremden, verschlossenen Welten; auch nicht der bescheidenste. Man strebt ja gar nicht an, in der Sprache etwas von den Hintergründen durchschimmern zu lassen, aus denen überirdische Gestalten hervortreten. Reale Geistigkeit ist ein verlorengegangener Begriff. Eine Waschfrau am Troge würde ebenso sprechen können wie diese Madonnen, die man in manchen Mirakelstücken auf den Sockel stellt - bar jedes göttlich-geistigen Inhalts -, so unkultiviert ist die Sprache, so rauh und prosaisch, daß sie schmerzt, daß sie beleidigt. Es soll durchaus nichts Geringschätzendes gegen die Sprechweise der Waschfrau gesagt werden; bei ihr ist das berechtigt. Ihr schwerer Beruf bringt es mit sich, daß die Stimme rauh und hart werden muß, und ihr Kampf mit der Materie muß sie derb machen, wenn sie nicht gerade ein Gegengewicht hat in der Anthroposophie oder in der Religion. Aber die Madonna in den himmlischen Gefilden braucht ja nicht dort grade einer so harten physischen Beschäftigung nachzugehen. Etwas Atmosphäre müßte ihr doch noch anhaften, wenn sie sich auf den Bühnensockel stellt; etwas Glanz, etwas Durchsichtigkeit, etwas Geistigkeit sollte doch in ihre Stimme hineinklingen. Die Sprechenden müßten wissen, wie man es anstellt, eine Stimme aus weiter Ferne erklingen zu lassen, gelöst und schwebend. Die Gestalt, die man uns da vorführt, ist doch Bild für etwas, was bis in den Himmel reicht und von dorther uns seine Gaben hinunterbringt, Lichtfülle und Sphärenton in uns hineinstrahlend.

Und dann - die himmlischen Heerscharen! .. Haben Sie sie je auf der Bühne oder hinter den Kulissen sprechen hören? Goethes Erzengel zum Beispiel und «den Herrn »?.. Jeder Stubenhocker könnte so sprechen und jeder Geschäftsreisende. Trocken, nüchtern, geschäftsmäßig, ganz matter of fact... Aber geistige Hintergründe, Sphärenreigen, Äonenschritt.. die fehlen. «Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang...» davon ist nicht viel übrig.

Das ist aber, was heute gesucht werden muß, erstrebt, erobert. Schritt für Schritt muß man es sich ertasten, erhören, erfühlen - stetig ringend und nimmer sich zufriedengebend-, bis manintellektualistische Grenzen sprengt, Hindernisse der Materie aus dem Wege räumt, Enge überwindet und sich draußen findet auf der andern Seite, befreit und erlöst. Wer froh ist «wenn er Regenwürmer findet», gelangt nicht über sich hinaus, macht nicht die Entdeckung, daß er ja auch ein Luftmensch ist, der den physischen Menschen beherrscht und sich seiner bedienen kann, ohne an ihn gekettet zu sein. Die Heilkraft des Wortes findet er nicht, die Schwungkraft, die Leuchtekraft, die ihn seines Wesens Kern erfassen läßt und ihn hinüberträgt, dahin, von wo er gekommen ist. Auf den Flügeln des Wortes kann er wieder die Wege zurücksuchen, die er erahnt, wenn er sich in des Wortes Ursprungskräfte zurück versetzt. Ich- lebendiger Odem -Gottheitsmittelpunkt... dahin kann ihn das Wort zurückführen.

Und schauen wir uns um in den Gefilden dichterer Geistigkeit, die uns die Dichtung erschließen will, in der Welt der Elemente zum Beispiel. Welche Schlüssel werden uns heute in die Hand gegeben durch die Kunst, dieses Götterkind, um uns jene Reiche zu erschließen? Gar keine. Verstand und Temperament sollen allem genügen. Man poltert drauf los, ohne eine Ahnung zu haben von weiser Beherrschung der Kunstmittel durch die Erkenntnis unserer menschlichen Organisation, von Gesetzmäßigkeiten, die Offenbarungen göttlich-schöpferischer Kunstkraft sind, als deren Repräsentanten für uns eben der Mensch und die Erde dastehen. Sollte man nicht endlich den Wegen nachspüren wollen, die Götter angewandt haben, um Kunstwerke nach ihrem Bilde zu schaffen, denen sie dann den lebendigen Odem einflößten? Betreten wir doch mit unserem tastenden Bewußtsein diese Wege, leise zunächst und ehrfurchtsvoll, und beginnen wir nachzuspüren beim lebendigen Atem, der uns den Daseinsgrund gibt, hier wie dort. Wenn wir in das Wort eindringen - in seine Wesenhaftigkeit uns vertiefen, wir betreten diese Wege. Könnte es eine herrlichere Aufgabe geben?

Nur muß man anfangen beim Buchstabieren, bei den Grundelementen: den Lauten. Nicht bei den drängenden Kräften unserer einseitigen Persönlichkeit. Ich sah auf einer großen Bühne Deutschlands Shakespeares «Sturm». Von der Geistigkeit der Elemente war nichts zu verspüren. Es gab viel Lärm, Temperament und Schreien. Die Kaliban-Szenen wurden in realistischer Weise bis ins Maßlose ausgedehnt und übertrieben, weit über die Grenzen, die Shakespeare ihnen zugewiesen. Und Ariel? Von Luftgewalt, von Lüfteleichtigkeit war nichts da. Eine schwere, starke, knochenfeste Stimme, eine untersetzte Gestalt, viele Sprünge und viel Geschrei. Die Erdenschwere des gedrungen kleinen Körpers wurde durch jene Sprünge nicht behoben; der struppige, wirre Wuschelkopf war das Gegenteil von Strahlung. Ariel! Ist nicht Leichtigkeit in diesem Wort, Glanz, dahinfliegende, klingende, verschwebende Lüfteseligkeit? Bald nachher sah ich dieselbe Schauspielerin als Salome in Hebbels «Herodes und Mariamne». Da merkte ich, daß sie Begabung hatte, weil die Physis sie in dieser Rolle unterstützte. Die dunkle, schwere Stimme, der harte lauernde Blick, das gedrungene, zur Erde schwer Hintendierende der Gestalt - sie wurde zur interessantesten Figur in Hebbels farbenschwerem Stück, diese unheilbrütende Salome-Herodias, während Mariamne gar zu bewußt-kühl, kraftvoll-intelligent und frauenrechtlerisch sich gab. Makkabäerin? Oh nein, ganz norddeutsch im Wesen.

Wann werden die Schauspieler die Wege finden heraus aus ihrem einseitigen Verstand zu den Quellen, die ihnen die Epochen, die Rassen, die Elemente und die Geistwelt erschließen? Sie müssen ja verdorren, wenn sie diese Wege nicht finden. Auf die Spitze getriebene Nerven reißen ab, Lungenschwindsucht ist nicht lange interessant und jedenfalls nicht produktiv; wenn sie Schule macht und zur Manier wird, ist sie abstoßend. Schon mehren sich die Stimmen, die da sagen, daß das Theater vor dem Film wird abdizieren müssen.

Ich sah einst eine «Iphigenie»-Aufführung. Sie wurde mir zum Ereignis; sie hatte etwas Schicksalwendendes in sich, denn so konnte es nicht weitergehen; dies war auf die Spitze getrieben und mußte brechen. Mußte dort brechen, wo vielleicht die treibenden Kräfte zu diesen Exzessen sind und die Gegenkräfte aufgerufen werden. Ich will nicht so sehr von der Iphigenie selbst sprechen; sie war nur furchtbar langweilig und banal und drückte die Blasiertheit und die öde Leere der ausgehöhlten Salondame aus, die nichts anderes zu tun hat, als in ihrem Park auf- und abzugehen und sich von dem einen langweiligen Verehrer belästigen zu lassen. Ich will mich auch nicht bei der Boxergestalt dieses Verehrers aufhalten, obgleich er mit seinen herabhängenden, nackten, muskulösen Armen und seinem entblößten Stiernacken gleichsam sagen wollte: «Nun nehmt meine Maße, einen patenteren Kerl findet ihr nit...», ich erinnere mich auch nicht, daß etwas anderes aus seinen Worten gesprochen hätte, jedenfalls nichts Königliches. - Aber Orest! Dieser Orest!

Es war klar, daß nur ein Gedanke ihn beseelt hatte: anders zu sein als alle bisher dagewesenen Oreste - und zwar im Überbieten des Trivialen. Denn - nicht wahr, wenn man ein Landstreicher ist, so ist man halt danach - hat eine kupferrote Haut, einen wirren, ungekämmten Haarschopf, der eine undefinierbare Staubfarbe hat, man ist heiser und flach und blechern in der Stimme... Orest ist ja auch besessen, und man konstruiert sich aus dem Intellekt heraus, wie das ist, wenn man besessen ist: die Gedanken reißen ab - nicht wahr - die Nerven schmerzen, man ist nervös, man will nicht angerührt werden; alles ist einem ekelhaft... Solch ein ausgeklügeltes realistisches Kopfgebilde ist dann von innen heraus so wahr wie eine Billardkugel, die sprechen würde; von außen nimmt sich das aus wie ein verwahrloster Strolch, dem man auf mancher Landstraße Rußlands ja auch begegnen könnte... Doch halt, solch ein Gedanke könnte ja inspirierend wirken: Tauris Krim - Rußland - besessene Strolche..., das gibt Analogien. -Von viel weiterher nimmt man ja heute kaum die Gesichtspunkte. Dagegen Tantalide, griechischer Heros... das ist veraltet, ist schon zu oft dagewesen. Und gar Jamben, metrisches Maß... edler Gleichklang der Sprache... längst überholt.

Uns wurde erzählt, wie Maximilian Hardens journalistische Kartiere damit begonnen hatte, daß der Redakteur der Montagsausgabe des «Berliner Tageblatts» eine Anzahl junger Leute als seine Angestellten hatte, denen er sagte: «Ihr sollt die ganze Woche nichts anderes tun, als in den Kaffeehäusern sitzen und alle Zeitungen lesen, deren ihr habhaft werden könnt, und dann müßt ihr mir für den Montag einen Artikel schreiben, der anders ist, als alles was ihr über denselben Gegenstand gelesen habt.» -— Am besten soll dies Maximilian Harden getroffen haben.

Wenn etwas Ähnliches das treibende Motiv für jenen Orest-Darsteller gewesen ist, so hätte man eine Erklärung für seinen bizarren und stillosen Einfall, sonst nicht. Obgleich sein Neues nur bestand in einem Auf-die-Spitze-Treiben des im naturalistischen Intellektualismus schon Dagewesenen und in der Anwendung realistisch-nervöser Verkleinerungssucht auf eine Gipfelleistung deutscher Geistigkeit. Das edelste, fehlerloseste, vollkommenste Gebilde deutscher Sprachkunst: die Goethesche «Iphigenie» in ihrer römischen Fassung, dieses Werk wurde zertreten, ganz rücksichtslos und brutal; und wer solches mitempfindet, fühlte sich mitzertreten. Mit Verantwortung beladen trat man aus einer solchen Vorstellung heraus; denn hier ging es um die Rettung höchster geistiger Werte.

Um diese Zeit verließ uns der Schicksalgestalter, der auch der Kunst die neuen Wege zur Heilung wies. Er spannte den schimmernden Bogen über den Abgrund moderner Geistlosigkeit hinüber zum Jenseits; er baute und formte und zündete und zersprühte, in tausend und aber tausend Edelsteinen sein Werk uns hinterlassend. Im vollen Gefühl unserer Verantwortung fügen wir nun zusammen diese Edelsteine seines Geistesgutes.

Sie werden noch jahrtausendelang die Menschen beseligen und adeln, und heute werden sie uns dienen wie der magische Schlüssel, der geschlossene Tore öffnet, Totes belebt, Krankes gesundet, Böses entsühnt - wenn wir nur guten Willens sind. All diese zerstreuten Edelsteine können zum Zauberschlüssel werden - und liegen sie auch noch so zersplittert da vor unsern Augen wie in diesen höchst ungenügenden Nachschriften dreier herrlicher Vorträge. So lange - sieben Jahrelagen sie da, ungehoben für eine größere Öffentlichkeit, weil die Mängel der Nachschrift zu offensichtlich waren. Und doch, es ist von dem Reichtum noch so viel übrig, daß eine Wiedergeburt des Theaters auf diesem Boden möglich ist.

Jedes Wort des Gesprochenen muß freilich in seiner Vollwertigkeit genommen werden und in seinen Zusammenhängen, und eine Verständnisgrundlage muß geschaffen werden durch den Willen zur Gesamterkenntnis menschlicher und göttlicher Weltwesenheit. Richtlinien nennt Rudolf Steiner, was er uns hier gegeben hat. Er hat uns damit Welten erschlossen.

Diese Vorträge können Wegweiser sein nach jenen subtileren Gebieten der Kunst, zu denen der Zugang heute verlorengegangen ist, vom Materialismus verschüttet. Es sind Intimitäten des Seelenlebens, Geheimnisse der menschlichen Organisation in ihren Zusammenhängen mit den Geheimnissen des Kosmos, die die Grundlage bilden für diese Betrachtungen, welche nichts anderes sein wollen als Ausgangspunkte für ein weiteres Eindringen durch stetes Arbeiten und inneres Erleben. Sie sind wegen der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit nur skizzenhaft ausgeführt; aber sie sind Anreger und Wekker und können die Kräfte des Künstlers zu selbständigem Leben aufrufen. Sie wurden gegeben innerhalb eines Gesamtkomplexes von Vorträgen, die sich das eine Ziel gesetzt hatten: aus den Vernichtungskräften der Zeit heraus zu neuem Licht und zur Gesundung! Dies war die Tat Rudolf Steiners, und wenn es auch feindlichen Mächten scheinen könnte, daß mit der Lahmlegung seiner öffentlichen Tätigkeit, mit dem Brande des Goetheanum, mit seinem physischen Tode das Werk seines Lebens aufgehalten oder gar vernichtet worden sei -, sie irren sich, denn die zukunftbergenden Keime sind da und wirken überall, auch wenn die äußere Form zerbricht.

Diese Zukunft vorzubereiten und aufzubauen, erforderte unermüdliches Schaffen, die Kraft eines Übermenschen und die Besiegelung durch das Opfer. Inmitten eines rastlosen Arbeitslebens war einer der Höhepunkte im Werke Rudolf Steiners die Eröffnung des Goetheanum als Hochschule für Geisteswissenschaft. Es war die Zeit des Umsturzes und der sozialen Wirren, des wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Wenn auch die künstlerischen Arbeiten noch nicht alle vollendet waren, so konnte doch der Bau seiner Bestimmung, die Arbeit ihren Zielen übergeben werden. Drei Jahre lang diente der Bau dieser Arbeit: der Wiedererneuerung der Menschheit im Geiste. Dann brannte er nieder in der Silvesternacht. Die Würde der Feier war dem Vernichtungsakt gegeben; die Größe der Jahreslaufumrahmung dem historischen Geschehen. So in den Kosmos und in den Zeitenlauf hineingesiegelt ward der Bau, als er dem Erdenwirken entrissen wurde.

Diese Vorträge bilden einen Teil der Hochschulkurse, der im Rahmen der ganzen Eröffnungsfeier nicht fehlen durfte, denn er war mehr als integrierender Teil. Das Wort stand für Rudolf Steiner da als Grundlage des Geschehens. Das Wort war Ausgangspunkt und Mittelpunkt und Ziel alles Werdens und aller Entsiegelung. Aber Rudolf Steiner pflegte nicht große Worte nur geheimnisvoll verhüllt hinzustellen; er führte zu ihnen hin durch das Erkennen und durch das Ergreifen. Was er erschloß, wurde Wahrnehmung, wurde bewußtseinsmäßiges Erfassen und Wirken. Die ersten Sprossen der Leiter durfte man unter seiner Leitung erklimmen. Dann übergab er uns der Freiheit. Sein Wort in uns sollte Wagemut werden und Tat.

Nie hat die Kunst fehlen dürfen in den Veranstaltungen, die von Rudolf Steiner ausgingen. Erkennend sollten wir ihr nahen, in Ehrfurcht sie auswirken, ihres Ursprungs gedenk. Im kosmischen Kultus war sie wesender Bestandteil; im dreifachen Logos urständete sie; an den Altären der Wahrheit, Schönheit und Stärke diente und opferte sie. Ihre göttliche Bindung hat sie am längsten gewahrt durch die rationalistischen Zeitalter hindurch. In dem Zeitalter der Trivialität versank ihre Gotteskindschaft in die Physis; der Sieg der Mechanik entriß sie ihren geistigen Quellen, fesselte sie an die Maschine.

Sie muß wieder erlöst werden. Das Haus der Sprache — so nannte Rudolf Steiner das Goetheanum - hatte das Ziel, Kunst, Wissenschaft und Religion aus der getrennten Dreiheit, die sie geworden waren, zu ihrer ursprünglichen Einheit wieder zurückzuführen. In der geistigen Vertiefung und gegenseitigen Befruchtung von Kunst, Wissenschaft und Religion sah Rudolf Steiner ein Heilmittel, das in wirksamer Weise eingreifen konnte in das soziale Leben der Menschheit, damit Barbarei vermieden werden könne und statt der schon wissenschaftlich bewiesenen Abendröte der europäischen Kultur aus Not, Elend und Irrtum heraus doch eine neue Morgenröte erstehen könne.

Die tief eindringlichen Worte, in denen er diesem seinem Streben Ausdruck verleiht, lassen voll erkennen, welche bedeutsame Rolle er einer durchgeistigten Kunst im Wiederaufbau der höheren Menschheitskultur zuschreibt, und sollen deshalb zusammen mit den Vorträgen über redende Künste in diesem Buche erscheinen.

Das Haus, das diesen Zielen diente, in freier Offenheit den Willkommensgruß jedem Gaste bietend, steht nicht mehr. An seiner Stelle erhebt sich ein burgähnlicher Bau im spröden Material unserer Zeit, dem Beton. Ihm ist noch Leben eingehaucht worden von seinem dahingegangenen Schöpfer; dies adelt ihn und gibt ihm seine Bedeutung. Dort sollen die Mysterienspiele aufgeführt werden, die dramatischen Schöpfungen Rudolf Steiners, die den Menschen wieder in seine geistig-kosmischen Zusammenhänge hineinstellen, ihn zum Weltenbürger machen, seine gegenwärtige Persönlichkeit aus den früheren Erdenleben heraus erklären. An diesen Dramen wird die Menschheit lernen können sich erkennen, sich erleben und sich wieder erneuern. Dort soll auch vor allem die Eurythmie gepflegt werden, jene Kunst, die Rudolf Steiner als eine neue Kunst in die Reihe der ihr vorangegangenen älteren Künste hineinstellte, die äußere sichtbare bewegliche Form der Sprache, die ganz imperativ und zwingend die Wiedererneuerung der Sprachkunst, des künstlerisch gesprochenen Wortes fordert. Orchestrales Zusammenwirken zwischen dem gesprochenen Wort und der eurythmischen Gebärde war die Forderung, die Rudolf Steiner stellte, und die in der Praxis erreicht werden mußte. Als das Geleistete seinen Forderungen entsprach, gab er uns das erkennende Bewußtsein dessen, was wir taten, leuchtete in die Geheimnisse der Sprachkunst und der Dichtkunst hinein und erlöste uns so von dem Bann der Unerträglichkeiten.

Wir geben uns keiner Täuschung darüber hin, daß die Welt diesem Streben noch wenig Verständnis entgegenbringen wird. Wir werden es sogar verstehen, wenn mancher ehrlich Suchende dieses Buch zunächst voll Ungeduld und Verzweiflung beiseite wirft. Bewußtseinsmetamorphose ist nötig, um diesen Weg zu beschreiten, und man hat ja die Kunst fernhalten wollen von der Bewußtseinsdurchdringung. Schauendes, hörendes, wollendes Bewußtsein führt uns allein heute zu wahrem künstlerischem Erleben und entreißt die dichterische Sprache der abstrakten Intellektualisierung und Mechanisierung, denen sie bereits anheimgefallen ist.

Hat man sich gewöhnt das hinzunehmen, was von der Bühne herab nach dieser Richtung hin heute geboten wird, so ahnt man nicht, was gelitten werden kann, wenn die edelsten Werke der Dichtkunst so verstümmelt, so mißhandelt, so entweiht einem vor die Seele treten, wie es heute nur allzuoft geschieht.

Es ist als ob die Götter sich zürnend abwendeten von dem, was wir mit ihren Gaben gemacht haben. Alles haben sie uns gegeben, nichts vorenthalten; Werke sind entstanden von unglaublicher Höhe und Reinheit und Formvollendung; die deutsche Sprache ist zu einem Werkzeug geworden von subtilster Kraft und Geschmeidigkeit, um die Weiten und Tiefen des Seins zu erfassen und das Innenwesen zu erschließen... Sieistimmer noch wandlungsfähig und biegsam und vermag über sich selbst hinauszuwachsen, so die Menschheit zu ihrem Fortschritt emportragend... Aber wer sie dieser ihrer Bestimmung zuführt, zielbewußt und unbeirrt, der wird gesteinigt.

Wer sie banalisiert und feuilletonisiert gilt dagegen als Meister.

Was die deutsche Sprache an Möglichkeiten hat in der Konturierung und Transzendenz ihrer Begriffsformulierungen, das hat sie in anderer Weise in der Plastizität und Durchlässigkeit ihrer Lautelemente, Sie ist nicht im gewöhnlichen Sinne musikalisch, nicht auf der Oberfläche - man muß das innere Ohr für sie haben -, aber sie hat so viele Schattierungen, Lichter, Schleier, Aufhellungen und Blitze, daß man mit ihrer Hilfe immer wieder die Sinnengrenze durchstoßen kann: von der andern Seite, von drüben her tönt es durch ihre Umlaute, ihre Diphthonge hindurch, raunt in den Konsonantenverbindungen, klingt im wehenden Schwingen ihres Satzbaues. Man ahnt nicht, welch ein künstlerisches Erlebnis Sprache sein kann, bevor man gelernt hat von innen hören, bevor das seelisch-geistige Erklingen sich umgesetzt hat in die Formung des 'Tones, in den Flug der Bewegung.

Die heutige Welt ist eine Realisierung des Intellektuellen; sie kommt nicht hinaus über das Mechanisch-Mathematische; sie findet nicht die Wege hinein in das Imaginative, in die Legendenbildung. Man bringt es nicht mehr fertig, Bilder zu formen, weil man ein intellektueller Abstraktling geworden ist. Es ist viel leichter, gescheit zu denken, als bildhaft zu gestalten, denn das Intellektuelle entströmt dem Persönlichen, und die künstlerische Gestaltung erfordert viel mehr Selbstlosigkeit. Sie taucht unter in den Gegenstand, statt sich ihn vorzustellen, läßt sich von ihm mitnehmen, statt ihn zu halten. Wir verlieren unsere reale Verbindung mit der Welt, wir entziehen dern Menschen Unsterbliches dadurch, daß wir im Intellektualismus leben. Bildhaftes Gestalten wirkt nicht nur auf das Intellektuelle, sondern es wirkt auf den ganzen Menschen; es geht in viel tiefere Schichten des Seelenlebens hinein als das begriffliche Denken. Dadurch, daß man versucht im Bilde zu sprechen, wird wieder synthetisiert dasjenige, was beim Studium durch das Lehrgut atomisiert wird. Es wird in die Sphäre der Imagination hinaufgerückt, wird dort plastisch gelöst und musikalisch durchseelt. Dadurch nähert es sich dem, was in der Seele ewig ist, was hinter dem Intellektualistischen steht. Durch imaginativ beseeltes Sprechen führen wir den Menschen zum substantiellen Inhalt des Wortes, zum Übersinnlichen, zu dem schöpferischen Wort, das aus dem Übersinnlichen herausströmt. Unsterbliches Seelenleben wird erweckt, wenn man aus dem Bilde, aus dem Künstlertschen heraus spricht; unsterbliches Seelenleben wird ertötet, wenn man aus dem Intellektualistischen heraus arbeitet.

German original of Decline and Rebuilding: A Linguistic Observation · ← Previous · Next →