The Inner Nature of Music and the Experience of Tone

GA 283 — 12 November 1906, Berlin

Zweiter Vortrag

Wir sehen, wie uns die Welt, die ganze Natur um uns herum, durch die geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise verständlich wird, und es wird uns mehr und mehr klar, wie äußere Tatsachen unserer Umgebung eine mehr oder weniger tiefgehende Bedeutung für die innere Wesenheit des Menschen haben können. Wir werden heute einiges entwickeln über das Thema: Warum wirkt die Musik in einer ganz bestimmten, eigenartigen Weise auf die menschliche Seele? — Dabei wollen wir tief hineinleuchten in die Gründe der Seele.

An den Ausgangspunkt stellen wir die Frage, wie es sich denn erklären läßt, daß eine so merkwürdige Vererbung stattfinden kann, wie wir sie zum Beispiel in der Familie Bach sehen, in der innerhalb eines Zeitraumes von zweihundertfünfzig Jahren eine Anzahl von beinahe dreißig Mitgliedern eminente musikalische Begabung zeigten. Oder eine andere Tatsache: daß in der Familie Bernoulli die mathematische Begabung in ähnlicher Weise sich vererbte und acht ihrer Mitglieder mehr oder weniger große Mathematiker waren. Das sind zwei Erscheinungen, die sich unter Vererbung begreifen lassen; doch sind sie total verschiedene Dinge.

Die Musik erschien von jeher den Geistern, die versuchten, etwas tiefer in das Wesen der Dinge einzudringen, als etwas ganz Besonderes. Stets nahm die Musik eine besondere Stellung innerhalb der Kunst ein. Stellen wir uns einmal auf den Standpunkt Schopenhauers. In seinem Werke «Die Welt als Wille und Vorstellung» spricht er von den Künsten als von einer Art Erkenntnis, die unmittelbarer ins Göttliche führe, als es der Verstandeserkenntnis möglich sein könne. Diese Ansicht Schopenhauers hängt damit zusammen, daß er über die Welt die Anschauung hatte, alles, was uns umgibt, sei nur ein Spiegelbild menschlicher Vorstellung. Dieses Spiegelbild kommt nur dadurch zustande, daß äußere Dinge in den menschlichen Sinnen Vorstellungen hervorrufen und daß der Mensch dadurch zu ihnen in Beziehung tritt. Von dem, was keinen Eindruck machen kann auf die Sinne, kann der Mensch nichts wissen. Physiologisch spricht er von spezifischen Sinnesempfindungen. Das Auge kann nur Lichtempfindungen in sich aufnehmen, allen anderen Eindrücken gegenüber verhält es sich unempfindlich; nur das, was Licht ist, kann es empfinden, und gleichermaßen das Gehör nur Tonempfindungen und so weiter. Alles was der Mensch so als seine Welt ringsum betrachtet, spiegelt sich, nach der Anschauung Schopenhauers, als eine Art Fata Morgana in ihm wieder, ist eine Art Spiegelung, hervorgerufen durch die menschliche Seele selbst.

Nun sagt Schopenhauer, es gibt doch eine Möglichkeit, hinter die Vorstellung zu kommen. Ein Ding gibt es, zu dessen Wahrnehmung der Mensch keiner äußeren Einwirkung bedarf, und das ist der Mensch selber. Alles Äußere ist ihm eine ewig wechselnde, ewig sich verschiebende Fata Morgana. Nur eines spüren wir unabänderlich und immer in derselben Weise in uns, das sind wir selber. Unser Wille ist es, in dem wir uns spüren, und es ist kein Umweg von außen nötig, um seine Einwirkungen auf uns wahrzunehmen. Wenn wir irgendeine Wirkung auf die Außenwelt vollziehen, dann spüren wir den Willen, wir sind selbst dieser Wille, daher wissen wir, was der Wille ist. Wir wissen es aus eigener, innerer Erfahrung, und aus der Analogie können wir schließen, daß dieser in uns wirkende Wille auch außer uns vorhanden und tätig sein muß, daß Kräfte außer uns vorhanden sein müssen, gleich wie die Kraft, die innerhalb unser als Wille tätig ist. Und diese Kräfte nennt er den Weltwillen.

Stellen wir uns nun die Frage: Wie entsteht Kunst? — Die Antwort auf diese Frage, immer noch im Sinne Schopenhauers, lautet: Durch ein Kombinieren der Fata Morgana außer uns und in uns, durch ein Zusammenfassen beider. Wenn der Künstler, zum Beispiel als Bildhauer, eine Idealgestalt, sagen wir, von Zeus schaffen will, und er sich nach einem Urbilde umschaut, dann sieht er sich nicht einen einzelnen Menschen an, um in ihm das Urbild zu finden, sondern hält Umschau unter vielen Menschen. Er nimmt von dem einen Menschen ein wenig, von dem anderen wieder ein wenig und so weiter. Er prägt sich alles ein, was Stärke, was edel, was hervorragend ist, und daraus formt er sich ein typisches Bild von Zeus, so wie er den Zeusgedanken in sich trägt. Das ist die Idee im Menschen, die nur dadurch zu gewinnen ist, daß man das, was die Welt uns bietet, was in Einzelheiten an uns herantritt, in sich kombiniert.

Stellen wir diesen Gedanken Schopenhauers mit dem Goetheschen Gedanken zusammen, der seinen Ausdruck findet in den Worten: In der Natur sind mehr die Absichten bedeutsam. - Da finden wir, daß Schopenhauer und Goethe vollkommen miteinander einverstanden sind. Beide nehmen an, daß es Absichten in der Natur gibt, die sie in ihren Werken nicht ganz erreicht, nicht ganz zum Ausdruck bringen kann, wenigstens im einzelnen nicht voll erreicht. Der schaffende Künstler nun versucht, diese Absichten in der Natur zu erkennen, sie zusammenzufassen und im Bilde darzustellen. So versteht man, daß Goethe sagt, die Kunst sei Offenbarung geheimer Naturabsichten, daß der schaffende Künstler die Fortsetzung der Natur offenbare. Der Künstler nimmt die Natur in sich auf; er läßt sie wieder in sich erstehen und aus sich herausgehen. Es ist, als ob die Natur nicht fertig würde und in den Menschen die Möglichkeit hineingießen würde, ihr Werk zu Ende zu führen. Die Natur findet in ihm ihre Vollendung, ihre Krönung, sie jauchzt gewissermaßen auf in ihm und in seinem Werke.

Im menschlichen Herzen liegt so die Befähigung, zu Ende zu denken, und das, was die Absicht der Natur war, hinauszugießen. Goethe sieht in der Natur die große, schaffende Künstlerin, die nur ihre Absichten nicht voll erreichen kann, die uns gewissermaßen vor ein Rätsel stellt. Der Künstler jedoch löst diese Rätsel; er ist der große Rätsellöser, indem er die Absichten der Natur zu Ende denkt und aus sich heraussetzt in seinen Werken.

Das trifft bei allen Künsten zu, sagt Schopenhauer, nur nicht bei der Musik. Sie steht auf einer höheren Stufe als alle anderen Künste. Warum? — Schopenhauer findet die Antwort, indem er sagt: Alle anderen schaffenden Künste, die Bildhauerei, die Malerei, sie müssen die Vorstellungen zusammenfassen, ehe sie die geheimen Absichten der Natur erraten; die Musik dagegen, die Melodien, die Harmonien der Töne, sie sind die unmittelbare Äußerung der Natur selber. Der Musiker hört unmittelbar den Pulsschlag göttlichen Willens durch die Welt fluten, er vernimmt es, wie sich dieser Wille ausdrückt in Tönen. So steht er näher dem Herzen der Welt als alle anderen Künstler; in ihm lebt die Fähigkeit, den Willen, den Weltenwillen darzustellen. Die Musik ist der Ausdruck des Willens der Natur, während alle anderen Künste der Ausdruck der Idee der Natur sind. Darum, weil die Musik näher dem Herzen der Welt flutet, weil sie so unmittelbar der Ausdruck seines Wogens und Wallens ist, darum wirkt sie auch unmittelbarer auf die menschliche Seele. Sie strömt ein in die Seele als das Göttliche in seinen verschiedenen Gestaltungen. Und so ist es erklärbar, daß die Musik so unmittelbar, so gewaltig, so elementar in ihren Wirkungen auf die menschliche Seele ist.

Wenden wir uns nun von diesem Standpunkt, den bedeutende Geister, wie Schopenhauer und Goethe, der erhabenen Kunst der Musik gegenüber einnehmen, zu dem Standpunkte, von dem aus der Okkultismus diese Frage beleuchtet, so finden wir merkwürdigerweise, daß aus dem, was der Mensch ist, uns verständlich und begreiflich wird, weshalb die Töne, die Harmonien und Melodien so auf ihn einwirken. Wir gehen da wieder zurück auf die bekannten drei Bewußtseinszustände, die dem Menschen möglich sind, und auf sein Verhältnis zu den drei Welten, zu denen er während dieser drei Bewußtseinszustände gehört.

Drei Bewußtseinszustände gibt es, doch nur einer von diesen ist dem gewöhnlichen Menschen voll bekannt, da er während der anderen beiden nichts von sich weiß, sie durchlebt, ohne eine Erinnerung, eine bewußte Einwirkung davon in den einen, ihm bekannten Bewußtseinszustand durchzubringen. Dieser letztere ist der Bewußtseinszustand, den wir als das gewöhnliche, wache Tagesbewußtsein bezeichnen. Der zweite Bewußtseinszustand ist dem gewöhnlichen Menschen teilweise bekannt; es ist der traumerfüllte Schlaf, dieser Symboliker, der dem Menschen in Symbolen oft einfache Alltagserlebnisse vorführt. Der dritte Bewußtseinszustand ist der traumlose Schlaf, der für den gewöhnlichen Menschen den Zustand einer gewissen Leere bedeutet.

Nun gibt aber die Initiation eine Verwandlung der drei Bewußtseinszustände. Zunächst verändert sich sein Traumleben. Es ist nicht mehr chaotisch, nicht mehr eine Reproduktion der Alltagserlebnisse in oft wirren Symbolen; sondern eine neue Welt tut sich dem Menschen auf im Traumschlaf, eine Welt voll flutender Farben, voll schimmernder Lichtwesen umgibt ihn da, die astrale Welt. Das ist keine neu erschaffene Welt, sie ist nur neu für den Menschen, der bisher über den niederen Bewußtseinszustand, den des Alltagsbewußtseins, nicht hinausgekommen ist, Diese Welt ist vielmehr immer da, sie umgibt fortwährend den Menschen. Sie ist eine wirkliche Welt, ebenso wirklich, wie die uns umgebende Welt, die uns als Wirklichkeit erscheint. Sobald der Mensch eingeweiht ist, die Initiation empfangen hat, lernt er diese wunderbare Welt kennen. Er lernt bewußt in ihr sein, mit einem ebenso klaren, nein klareren Bewußtsein, als es sein Tagesbewußtsein ist. Er lernt auch seinen eigenen Astralleib kennen und lernt bewußt in ihm zu leben. Was er nun in dieser neuen Welt, die sich vor ihm auftut, erlebt, ist ein Leben und Weben in einer Farben- und Lichtwelt im wesentlichen. Der Mensch beginnt nach der Einweihung, aus dem gewöhnlichen Traumschlaf heraus zu erwachen; es ist, als ob er sich erhoben fühlte aus einem wogenden Meer von flutendem Licht und Farben. Und lebendige Wesenheiten sind diese flutenden Farben, dieses schimmernde Licht. Dies Erleben im bewußten 'Traumschlaf überträgt sich dann auch auf das ganze Leben im Tages-Wachbewußtsein; diese Wesenheiten lernt er auch im Alltagsleben sehen.

Den dritten Bewußtseinszustand erreicht der Mensch dann, wenn er den traumlosen Schlaf in einen bewußten Zustand zu verwandeln vermag. Auch die Welt, in die der Mensch dadurch eintreten lernt, zeigt sich ihm zunächst nur teilweise, dann immer mehr und mehr. Immer länger und länger lebt er in ihr, ist bewußt in ihr und erlebt in ihr ein sehr Bedeutsames.

Nun kann der Mensch zur Wahrnehmung der zweiten, der astralen Welt nur kommen, wenn er durch die sogenannte «Große Stille» hindurchgeht. Er muß still, ganz still in sich werden. Die große Ruhe muß vorausgehen dem Aufwachen in der astralen Welt. Und diese tiefste Stille wird immer größer und größer, wenn er anfängt, sich dem dritten Bewußtseinszustande zu nähern, dem Zustand, wo er im traumlosen Schlaf empfindet. Die Farben der Astralwelt werden immer durchsichtiger, das Licht immer klarer, gleichsam durchgeistigter. Der Mensch hat dann die Empfindung, als ob er selbst in dieser Farbe, in diesem Lichte lebe, als ob nicht sie ihn umgebe, sondern er selbst Farbe und Licht sei. Er fühlt sich selbst als astralisch innerhalb dieser astralischen Welt, wie schwimmend in großer, tiefer Ruhe. Dann beginnt diese tiefe Stille nach und nach aufzutönen, es fängt an, leise und immer lauter geistig zu klingen; wie durchzogen wird die Welt des Lichtes und der Farben von klingenden Tönen. Dieser dritte Bewußtseinszustand, in den der Mensch nun nach und nach eintritt, besteht darin, daß die farbige Welt, in der er im Astralen lebte, durchklungen wird. Und das ist Devachan, das ist die sogenannte mentale Welt, die sich nun vor ihm auftut. Und hinein tritt er in diese wunderbare Welt durch das Tor der Großen Stille; aus der Großen Stille klingt der Ton von der anderen Welt zu ihm herüber. So verhält es sich wirklich mit der devachanischen Welt.

Manche theosophischen Bücher bringen andere Beschreibungen von ihr; doch beruhen diese nicht auf eigener Erfahrung der Wirklichkeit dieser Welt. Leadbeater zum Beispiel bringt eine zutreffende Beschreibung des Astralplanes und des Erlebens auf diesem, doch seine Beschreibung des Devachanplans ist nicht zutreffend. Sie ist lediglich eine Konstruktion, zusammengestellt nach dem Muster des astralen Planes, sie ist nicht von ihm selbst erlebt. Alle Beschreibungen, die Ihnen nicht schildern, wie von der anderen Seite der Ton herüberklingt, die sind nicht richtig, sind nicht aus der Anschauung heraus. Dem Devachanischen ist besonders eigen, daß es eine tönende Welt ist, wenigstens im wesentlichen. Man darf sich selbstverständlich nicht denken, daß die Devachanwelt nicht auch eine in Farben erstrahlende sei. Sie ist selbstverständlich auch durchleuchtet von der astralen Welt, denn sie ist ja nicht getrennt von ihr, das Astralische durchdringt auch das Devachanische. Doch das eigentlich Devachanische liegt im Tönen. Das, was das Licht in der Großen Stille war, fängt jetzt an zu tönen.

Auf einem noch höheren Plan des Devachans wird aus dem Ton etwas Wortähnliches. Von da kommt alle wirkliche Inspiration, und in diesem Gebiete bewegen sich die Autoren, die inspiriert waren. Sie erleben dort ein wirkliches Einklingen der Wahrheiten der höheren Welten. Dieses Phänomen ist durchaus möglich.

Nun müssen wir uns vorstellen, daß nicht nur der Eingeweihte in diesen Welten lebt. Der Unterschied ist nur, daß der Eingeweihte in Bewußtheit diese verschiedenen modifizierten Zustände durchlebt. In ihm ist nur ins Bewußte umgeändert, was der gewöhnliche Mensch wieder und wieder unbewußt durchmacht. Denn auch der gewöhnliche Mensch geht tatsächlich durch diese drei Welten immer wieder hindurch, nur weiß er nichts davon, weil er sich seiner selbst und seiner Erlebnisse dort nicht bewußt wird. Doch bringt er sich trotzdem von den Wirkungen, die dieses Erleben in ihm hervorruft, etwas mit. Wenn er morgens aus dem Schlafe erwacht, bringt er mit sich nicht nur die körperliche Erquickung durch den Schlaf, sondern er bringt mit sich aus jenen Welten auch die Kunst. Denn nichts anderes ist es, als ein, wenn auch unbewußtes Sich-Erinnern an die Erlebnisse der astralen Welt, wenn zum Beispiel der Maler in seinen Farbentönen, Farbenharmonien, die er auf seine Leinwand hinsetzt, weit über die Wirklichkeit der Farben der physischen Welt hinausgeht. Wo hat er diese Töne, diese schimmernden Farben gesehen, wo sie erlebt? Das sind die Nachwirkungen der astralen Erlebnisse seiner Nächte. Nur dieses flutende Meer von Licht und Farben, von einer Schönheit, einer strahlenden, schimmernden Tiefe, in dem er während seines Schlafes gelebt, gibt ihm die Möglichkeit, jene Farben, in denen er gelebt, so wieder zu verwerten, wenn er auch in den schweren, erdigen Farben unserer physischen Welt nicht annähernd das Ideal, das in ihm lebt, das erlebt worden ist, wiedergeben kann.

So sehen wir in der Malerei ein Schattenbild, einen Niederschlag der astralischen Welt auf die physische Welt, und wir sehen ihre Wirkungen sich so großartig, so wunderbar im Menschen ausleben.

In der großen Kunst gibt es wunderbare Dinge, die für den Okkultisten ganz anders verständlich sind, weil er ihren Ursprung durchschaut. Ich denke da zum Beispiel an zwei Bilder von Leonardo da Vinci, die im Louvre in Paris hängen. Das eine stellt den Bacchus, das andere den Johannes dar. Beide Bilder zeigen dasselbe Gesicht; es ist also für beide dasselbe Modell benutzt worden. Sie sind mithin nicht durch ihre äußere novellistische Wirkung so total voneinander verschieden; die malerischen Lichtmysterien, die sie enthalten, beruhen vielmehr lediglich auf ihrer Farben- und Lichtwirkung. Das Bacchusbild zeigt ein eigentümliches, ins Rötliche schimmerndes Licht, das über die Körperfläche ausgegossen ist. Es ist, als ob der Körper dies Licht in sich eingesogen habe, es spricht von einer unter der Haut verborgenen Üppigkeit und kennzeichnet so die Bacchusnatur. Es ist, als ob er das Licht aufsauge, und es mit dem Eigenen, eben jener Üppigkeit durchsetzt, wieder von sich gebe. Das Johannes-Bild dagegen zeigt eine keusche, gelbliche Tönung. Es scheint, als ob die Farbe den Körper nur umspiele, ab ob derselbe das Licht nicht aufnehme, nur seine Formen von dem Licht umgeben lasse, aber nichts von außen in sich hineinnehmen wolle. Es ist eine völlig selbstlose Körperlichkeit, völlig rein, völlig keusch, die in diesem Bilde zum Beschauer spricht.

Alles das versteht der Okkultist. Nur muß man nicht glauben, daß sich ein Künstler immer verstandesmäßig klar ist über das, was in seine Werke hineingeheimnißt ist. Die Niederschläge seiner astralen Visionen brauchen nicht bis in das physische Bewußtsein zu dringen, um in seinen Werken zu leben. Leonardo da Vinci hat die okkulten Gesetze, nach denen er seine Bilder geschaffen, vielleicht nicht gekannt - darauf kommt es nicht an -, aber aus seinem instinktiven Empfinden heraus hat er sie befolgt.

So sehen wir in der Malerei den Schatten, den Niederschlag der astralischen Welt auf unsere physische Welt. Der Musiker hingegen zaubert eine noch höhere Welt, er zaubert die devachanische Welt in die physische hinein. Tatsächlich sind die Melodien, die Harmonien, die zu uns aus den Werken unserer großen Meister sprechen, richtige Abbilder der devachanischen Welt. Wenn irgendwo wir einen Schatten, einen Vorgeschmack der devachanischen Welt zu empfangen vermögen, so ist es in den Melodien und Harmonien der Musik, in ihren Wirkungen auf die menschliche Seele.

Wir kehren noch einmal zur Wesenheit des Menschen zurück. Wir finden da zunächst den physischen Leib, dann den Ätherleib, dann den Astralleib, dann das Ich, das zuerst dem Menschen bewußt ward am Ende der atlantischen Zeit.

Wenn der Mensch schläft, löst sich der Astralleib und die Empfindungsseele von der niederen Wesenheit des Menschen los. Im Bette liegt der physische Mensch, verbunden mit seinem Ätherleib. Alle seine anderen Teile lösen sich los und leben in der astralischen und der devachanischen Welt. Und in diesen Welten, und zwar in der Devachanwelt, nimmt die Seele in sich auf die Welt der Töne. Der Mensch ist tatsächlich beim Erwachen jeden Morgen durchgegangen durch ein Musikalisches, durch ein Meer von Tönen. Und der Mensch, der seine physische Natur so gegliedert hat, daß sie diesen Eindrücken folgt er braucht es nicht zu wissen -, der ist eine musikalische Natur. Das musikalische Wohlgefühl beruht in nichts anderem als in dem richtigen Zusammenstimmen der Harmonien, die er von drüben gebracht, mit den Tönen und Melodien von hier. Entsprechen die Töne von außen diesen Tönen des Inneren, so haben wir das musikalische Wohlgefühl.

Für das Musikalische ist das Zusammenwirken von Empfindungsseele und Empfindungsleib von besonderer Bedeutung. Man muß wissen, daß das ganze Bewußtsein entsteht aus einer Art Überwindung der äußeren Welt. Was dem Menschen als Lust, als Freude zum Bewußtsein kommt, bedeutet den Sieg des Geistigen über das bloß Körperlich-Lebendige, der Empfindungsseele über den Empfindungsleib. Für den aus dem Schlafe mit den inneren Schwingungen zurückkehrenden Menschen gibt es eine Möglichkeit, die Töne stärker zu stimmen und den Sieg der Empfindungsseele über den Empfindungsleib wahrnehmen zu können, so daß die Seele imstande ist, sich stärker zu fühlen als der Leib. Der Mensch kann immer bei der Wirkung von Moll wahrnehmen, wie die Schwingungen des Empfindungsleibes stärker sind, während bei der Dur-Tonart die Empfindungsseele stärker schwingt und den Empfindungsleib überwältigt. Sobald die kleine Terz eintritt, fühlt man den Schmerz der Seele, das Überwiegen des Empfindungsleibes; erklingt aber die große Terz, so verkündet sie den Sieg der Seele.

Wir können jetzt auch begreifen, worauf die tiefe Bedeutung der Musik beruht, warum ihr von allen, die den Zusammenhang der inneren Dinge kennen, von jeher die höchste Stelle unter den Künsten eingeräumt wurde, warum ihr auch von Nichtwissenden eine besondere Stellung zugewiesen wurde, und warum sie in unserer Seele die tiefsten Saiten anrührt und erklingen läßt.

Wenn der Mensch im Wechsel zwischen Schlafen und Wachen fortwährend einen Übergang von der physischen zur astralischen und von dieser zur devachanischen Welt vollführt, sehen wir darin ein Abbild seiner Inkarnationen. Wenn er im Tode seinen physischen Leib verläßt, steigt er durch die astrale Welt hinauf zur devachanischen. Dort findet er seine eigentliche Heimat; dort ist seine Ruhestätte. Der feierlichen Ruhezeit dort folgt sein Wiederhinabsteigen in die physische Welt, und er vollführt so einen fortwährenden Übergang von einer Welt zur anderen.

Aber als sein Ureigenstes, weil Heimatlichstes, empfindet der Mensch das, was der devachanischen Welt angehört. Die Vibrationen, die diese durchfluten, werden durch sein tiefinnerstes Wesen gefühlt. Das Astrale und Physische empfindet er gewissermaßen nur als Hülle. Im Devachanischen ist seine Urheimat, und die Nachklänge aus dieser Heimatwelt, der geistigen Welt, ertönen ihm in den Harmonien und Melodien der physischen Welt. Sie durchziehen diese niedere Welt mit den Ahnungen eines herrlichen, wunderbaren Daseins; sie durchwühlen sein tiefinnerstes Wesen und durchzittern es mit Schwingungen von reinster Freude, erhabenster Geistigkeit, die ihm diese Welt nicht geben kann. Die Malerei spricht zur astralen Leiblichkeit, doch die Tonwelt spricht zum Innersten des Menschen. Und solange der Mensch noch kein Eingeweihter ist, ist ihm zunächst die Devachanwelt, seine Heimatwelt, im Musikalischen gegeben. Daher die hohe Schätzung der Musik von allen, die solchen Zusammenhang ahnen. Auch Schopenhauer ahnt ihn in einer Art instinktiver Intuition, die er in seinen philosophischen Formeln ausspricht.

So wird uns die Welt, so werden uns vor allem die Künste begreiflich, vermöge des Okkultismus. Es ist oben alles wie unten und unten alles so wie oben. Wer im höheren Sinne diesen Ausspruch versteht, der lernt in den Dingen der Welt Wertvolles und wieder Wertvolleres zu erkennen, und nach und nach in dem von ihm als wertvoll Erkannten den Abdruck immer höherer und höherer Welten zu empfinden; der empfindet auch im Musikalischen das Bild einer höheren Welt.

Das Werk des Architekten, aus Stein gefügt, der den Jahrhunderten widersteht, es ist aus ihm herausgesetzt, in Materie umgesetzt, und so auch die Werke der Bildhauerei und Malerei. Sie sind äußerlich da, sie haben Form angenommen.

Doch die Werke der Musik müssen sich immer wieder von neuem erzeugen. Sie fluten dahin im Wogen und Wallen ihrer Harmonien und Melodien, ein Abbild der Seele, die in ihren Inkarnationen sich auch immer wieder von neuem erleben muß im Dahinfluten der Zeiten. Wie die menschliche Seele ein Werdendes ist, so ist ihr Abbild hier auf Erden ein Fließendes. Die tiefe Wirkung der Musik beruht auf dieser Verwandtschaft. Die menschliche Seele flutet abwärts aus ihrer Heimat, dem Devachan; sie flutet hinauf zu ihm, und ebenso ihre Schatten, die Töne, die Harmonien. Daher die intime Wirkung der Musik auf die Seele. Aus ihr spricht zur Seele die ureigenste Verwandtschaft, aus ihr klingen in sie hinein Heimatklänge im tiefinnersten Sinne. Aus ihrer Urheimat, aus der geistigen Welt, aus der Heimatwelt, da tönen zu uns herüber die Klänge der Musik und sprechen tröstend und erhebend zu uns in den wogenden Melodien und Harmonien.

German original of The Inner Nature of Music II · ← Previous · Next →