The Essence of Music: Questions and Answers

GA 283 — 7 February 1921, Dornach

Zweites Schlusswort

Dornach, 7. Februar 1921

nach einem Vortrag von Leopold van der Pals

Ich möchte nur das eine dazu sagen: Herr van der Pals hat mit Recht darauf hingewiesen, daß in so etwas wie in dieser chinesischen Legende von der «Mondgeige», der Mensch fehlt. Und ich glaube, er hat gemeint, nicht wahr, daß das etwas besonders Auffälliges ist, daß der Mensch herausgeworfen ist aus dem Hineingestelltsein des Menschen selbst in den ganzen Kosmos, im musikalischen Sinne. - Das ist doch zusammenhängend mit der inneren Bedeutung, die gerade in der orientalischen Literatur, also auch in der chinesischen Literatur, solch eine Legende hat. Der Mensch steht schon in einem gewissen Sinne doch darinnen: Und gemeint ist immer ein tief gefühltes, man könnte für ältere Zeiten sagen, instinktiv-hellseherisch gewußtes Zusammensein des Menschen mit dem ganzen Kosmos.

So ist gerade im Chinesischen ein tiefes Bewußtsein des Zusammenhanges vorhanden zwischen dem menschlichen Haupt und den oberen Sphären, zwischen dem menschlichen rhythmischen System, dem Lungen-Herzsystem und dem, was Erde ist, woran der Mensch also dadurch teilnimmt, daß er atmet, indem durch den Atem selbst sein rhythmisches System auch in Bewegung gesetzt wird. Und dann ist es der Mensch als ganzer, bei dem man empfindet, daß er innerhalb der Erdenevolution etwas Neues ist, eigentlich noch nicht mit irgend etwas Kosmischem in eine unmittelbare Beziehung gesetzt werden kann, wie sein Kopf als Teil oder seine Brustorgane als Teile, sondern es bleibt die Beziehung des ganzen Menschen zum Kosmos etwas Unbestimmtes.

Man bezeichnete aber doch dasjenige, was da im Menschen unbestimmt bleibt, als Mond im Menschen. Und es war ein gründliches, wenn auch instinktives Bewußtsein vorhanden davon, daß dasjenige, was gewissermaßen das dritte Glied eines dreigeteilten Menschen ist, daß das mondartig ist. Das liegt ja auch aller geisteswissenschaftlichen Auffassung des Menschen zugrunde (siehe Zeichnung, Mond).

Nun unterschied man von diesem Mondartigen dasjenige, was sich gewissermaßen aus dem gesamten rhythmischen System heraus ergibt, was gewissermaßen auf dem rhythmischen System schwebend, das Ergebnis des rhythmischen Systems darstellt. Das ist dann das Sonnenhafte (siehe Zeichnung, Sonne). Das würde dann hauptsächlich im Herzen des Menschen konzentriert zu finden sein müssen.

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Diese beiden Glieder des Menschen sind gewissermaßen in der menschlichen Natur nach vorne gelegen. Das Sonnenhafte ist dasjenige, was er noch nicht zur vollen Entwickelung gebracht hat, das Sonnenhafte nicht im Sinne des alten Planeten, wie es meine «Geheimwissenschaft im Umriß» meint, sondern der gegenwärtigen, am Himmel erglänzenden Sonne.

Dazu kommt dann dasjenige im Menschen, was sich an das rhythmische System anlehnt: was die Gliederung seines Nervenapparates ist, und was in Beziehung steht zu den übrigen Planeten. So daß man etwa hat: ganz oben im Haupte, in einer Beziehung zum Gesamtnervensystem, Zentralnervensystem, den Saturn (siehe Zeichnung), dasjenige, was dann mehr zu den Sinnesorganen, zu den Augen hin liegt: Jupiter, dasjenige, was den Sprachorganen, den Gesangsorganen zugrunde liegt: Mars, dasjenige, was mehr hinüberleitet zum sympathischen Nervensystem: Venus und Merkur. So hätte man also die Gesamtnatur des Menschen, wie sie aus dem Monde herübergekommen ist, als dasjenige, was zugrunde liegt. Und man würde zu unterscheiden haben fünf Verbindungslinien, die zurückgehen auf die fünf Planeten:

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Dadurch würde man das Innere des Menschen organisiert bekommen im Sinne eines ideellen, aber im Menschen sehr realen musikalischen Instrumentes.

Dieses musikalische Instrument wäre gewissermaßen auferbaut über der Mondwesenheit des Menschen. Und es wird, wie Sie ja wissen, in allen älteren Anschauungen der Mensch dargestellt unter dem Bilde eines Baumes oder einer Pflanze. Sie brauchen nur an die Weltesche zu denken. Diese Anschauungsweise geht sehr weit zurück. So brauchen Sie also nur sich vorzustellen: Die fünf Sterne, Saturn, Jupiter, Mars, Venus und Merkur, sie senken sich nieder auf den Menschenbaum und spannen auf ihm die Lyra auf, so daß er zum musikalischen Instrumente wird. Über dem Ganzen schwebt, sich herabsenkend aus dem geistigen Weltenall, der Stimmer dieses Instrumentes: der Vogel Phönix, die unsterbliche Menschenseele.

In dieser chinesischen Legende liegt tatsächlich ein sehr bedeutungsvoller Sinn. Und der Mensch bleibt aus dem Grunde weg, weil er die Musik selber ist, weil die Legende von dem, was die Hauptsache ist, eben nicht redet. Sie redet von dem, was das ganze Musikinstrument zusammensetzt. Es ist gewissermaßen so, wie wenn einer eine Geige baut, und er redet vom Holz, von den Saiten, vom Steg, aber er redet nicht von der Geige. So redet diese chinesische Legende eigentlich von nichts anderem als vom Menschen, vom Werden dieser fünf Sterne, von der unsterblichen Seele; aber gerade weil das Ganze, aus dem es sich zusammensetzt, eigentlich auf den Menschen hintendiert, so bleibt der Mensch weg. Es ist dieses tiefe Bewußtsein vom Zusammenhange der eigentlichen Musik mit der Menschennatur selbst, das da zugrunde liegt.

Deshalb hat ganz richtig Herr van der Pals gesagt: Wer den Ursprung der Melodie sucht, der geht eigentlich ganz in die Irre, wenn er sie in der Jetztzeit irgendwie suchen würde. — Der, der sie suchen würde, müßte eigentlich in die heiligen Schriften und immer weiter und weiter zurückgehen, und er würde niemals ans Ende seiner Forschung kommen, denn die Melodien sind wirklich etwas, was zum alten Bestande einer ganzen menschlichen Kulturentwickelung gehört.

Man müßte eigentlich sagen: Nicht bloß war es einer wirklich tiefen Empfindung entsprungen, daß so jemand wie Nietzsche als erstes Werk schrieb: «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik», sondern — wenn auch das absolut richtig ist, was Herr van der Pals sagte, daß die musikalische Kunst, so wie wir sie jetzt auffassen, eigentlich erst, als das Mittelalter zu Ende ist, aufgeht — das Musikalische als solches geht ganz tief in den Menschenursprung zurück. Und man könnte geradezu auch irgend etwas ausführen unter dem Thema: Der Ursprung des gesamten menschlichen Geisteslebens aus dem musikalischen Elemente. - Denn, wer das Gefühl, das richtige Gefühl hat von einem kleinen Kinde, möchte immer sagen: Das kleine Kind wird eigentlich als ein Musikinstrument geboren. Und das Musikalische der Kinder beruht auf diesem Urzusammenhang gerade auch des melodiösen Elementes mit dem Menschen.

Aber, wie gesagt, diese Dinge im einzelnen heute auszuführen, das würde wahrlich zu weit führen. Ich wollte nur darauf hinweisen. Und auch der Ausdruck «Mondgeige» ist durchaus begründet, liegt in der ganzen Anschauung begründet, denn es ist eben die Mondwesenheit des Menschen, an die hier appelliert wird, indem man davon spricht, daß die Mondgeige gebaut wird.

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