The Inner Nature of Music and the Experience of Tone
GA 283 — 2 December 1922, Dornach
Des Menschen Äusserung durch Ton und Wort
In den Auseinandersetzungen, die wir in der letzten Zeit gepflogen haben, habe ich darauf hinweisen können, wie Verrichtungen des menschlichen Wesens, die in der ersten Kindheit auftreten, Umwandelungen sind von Verrichtungen, die der Mensch vollzieht zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, die er also vollzieht im vorirdischen Dasein. Wir sehen ja, wie das Kind, nachdem es nach der Geburt noch nicht voll angepaßt ist der Erdenschwere, dem Erdengleichgewicht, nach und nach dazu übergeht, diesem Gleichgewicht wirklich angepaßt zu sein, wie es das Stehen, das Gehen lernt. Dieses Anpassen des Körpers an die Gleichgewichtslage des Erdendaseins ist etwas, was sich der Mensch erst während des Erdendaseins erwirbt. Wir wissen ja, daß der physische Leib des Menschen in seiner Form das Ergebnis ist einer großartigen geistigen Betätigung, die der Mensch im Vereine mit Wesen der höheren Welten ausführt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Aber was da der Mensch gestaltet, und was gewissermaßen eben der Geistkeim seines künftigen physischen Erdenorganismus ist, das ist nicht so gestaltet, daß es schon in sich die Fähigkeit des aufrechten Ganges enthält. Die wird dem Menschen erst dadurch eingegliedert, daß er, nachdem er geboren ist, sich in die Gleichgewichtsverhältnisse, in die Kraftverhältnisse des irdischen Daseins hineinfügt. Denn im vorirdischen Dasein bedeutet die Orientierung nicht das, was sie hier auf der Erde im Gehen und Stehen bedeutet, sondern da bedeutet die Orientierung das Verhältnis, das man hat zu den Wesen der Angeloi, Archangeloi, also zu den Wesenheiten der höheren Hierarchien, je nachdem man sich von dem einen Wesen mehr, von dem anderen weniger angezogen fühlt. Das ist die Gleichgewichtslage in den geistigen Welten. Das verliert gewissermaßen der Mensch, indem er auf die Erde heruntersteigt. Er ist im Leibe der Mutter eigentlich weder in den Gleichgewichtsverhältnissen seines Geistlebens, noch schon in den Gleichgewichtsverhältnissen seines Erdenlebens. Er hat die ersteren verlassen und ist in die zweiten noch nicht eingetreten.
Ähnlich ist es mit der Sprache. Die Sprache, die wir hier auf Erden reden, ist ja durchaus den irdischen Verhältnissen angepaßt. Denn diese Sprache ist ein Ausdruck unserer irdischen Gedanken. Diese irdischen Gedanken enthalten irdische Kenntnisse, irdisches Wissen. Dem wird die Sprache während des Erdendaseins angepaßt. In dem vorirdischen Dasein hat der Mensch - wie ich schon ausgeführt habe — eine Sprache, die nicht eigentlich von innen nach außen geht, die nicht vorzugsweise dem Ausatmen folgt, sondern die dem geistigen Einatmen, dem Inspirieren folgt, dem, was wir im vorirdischen Dasein als dem Einatmen entsprechend bezeichnen können. Da ist es ein Leben mit dem Weltenlogos. Da ist es ein Leben in dem Weltenworte, in der Weltensprache, aus der heraus die Dinge gemacht sind.
Dieses Leben in der Weltensprache, das verlieren wir wiederum, indem wir heruntersteigen auf die Erde, und eignen uns hier dasjenige an, was zunächst zum Ausdruck unserer Gedanken dient, der irdischen Gedanken, und zum menschlichen Verstande, das heißt zum Verstande unter Menschen, die alle auf der Erde leben. Und ebenso ist es ja mit den Gedanken, die wir hier haben, mit dem Denken. Das Denken wird angepaßt den irdischen Verhältnissen. Im vorirdischen Dasein ist es ein Leben in den webenden Weltengedanken.
Wenn wir zunächst das mittlere Glied ins Auge fassen, das Sprechen des Menschen, so können wir ja sagen: In dem Sprechen liegt ein Wesentliches der Erdenkultur, der Erdenzivilisation. Durch das Sprechen finden sich die Menschen zusammen hier auf der Erde, findet der eine die Brücke zu dem anderen hinüber. Seele mit Seele verbindet sich. Wir fühlen, daß wir im Sprechen ein Wesentliches hier auf Erden haben, und es ist ja auch der irdische Abglanz des Lebens in dem Logos, in dem Weltenworte. Daher ist auch ein Erfassen des Zusammenhanges dessen, was sich hier auf Erden der Mensch als seine Sprache erkämpft, mit der Metamorphose, die diese Sprache drüben im vorirdischen Dasein hat, ganz besonders interessant. Und man wird, wenn man dieses Verhältnis betrachtet, geführt auf die innere Organisation des Menschen aus dem Lautlichen, aus dem Tonlichen heraus.
Und in diesem Augenblick fügt es sich ja schön, daß unserer kosmologischen Betrachtung, die wir jetzt schon seit Wochen haben, ich heute das Kapitel von der Äußerung des Menschen durch Ton und Wort einfügen darf. Haben wir ja in diesen Tagen eben die große Freude, eine so hervorragende Tonleistung, Gesangesleistung hier in unserem Goetheanum zu vernehmen. Und lassen Sie mich daher heute, ich möchte sagen, wie einen Ausdruck der inneren Befriedigung über dieses für uns so erfreuliche künstlerische Ereignis einiges sprechen gerade über den Zusammenhang der tonlichen und lautlichen Äußerung des Menschen hier auf Erden, mit dem Leben des Menschen in dem, was Ton und Laut drüben im Geistigen entspricht.
Wenn wir die menschliche Organisation, wie sie hier auf Erden vor uns steht, betrachten, so ist sie ja durch und durch ein Abbild des Geistigen. Alles ist hier, nicht nur was der Mensch an sich trägt, sondern auch was ihn in der äußeren Natur umgibt, ein Abbild des Geistigen. Indem der Mensch sich sprachlich äußert, indem der Mensch sich gesanglich äußert, drückt er ja als eine Offenbarung seinen ganzen Organismus nach Leib, Seele und Geist nach außen hin, und auch nach sich selbst zu, nach innen hin, aus. Der Mensch ist gewissermaßen in dem, was er lautlich und tonlich offenbart, ganz darinnen enthalten. Wie sehr er darinnen enthalten ist, das zeigt sich erst, wenn man im genaueren, in den Einzelheiten auffaßt, was der Mensch ist, indem er spricht oder indem er singt.
Gehen wir von der Sprache aus. Im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit ist ja eigentlich die Sprache aus einem ursprünglichen Gesanglichen hervorgegangen. Je weiter wir zurückgehen in vorhistorische Zeiten, desto ähnlicher wird das Sprechen dem Rezitativ und zuletzt dem Singen. Und in sehr alten Zeiten der irdischen Menschenentwickelung unterschied sich die lautlich-tonliche Offenbarung des Menschen nicht nach Gesang und Sprache, sondern beides war eines. Und was man von der menschlichen Ursprache oftmals mitteilt, das ist eigentlich so, daß man auch sagen könnte: diese menschliche Ursprache ist ein Urgesang. Wenn wir die Sprache in ihrem heutigen Zustande betrachten, wo sie sich schon sehr stark von dem rein Gesanglichen entfernt hat und untergetaucht ist in das Prosa-Element und in das intellektualistische Element, dann haben wir in der Sprache wesentlich zwei Elemente: das konsonantische und das vokalische Element. Alles, was wir in der Sprache zur Geltung bringen, setzt sich ja zusammen aus einem konsonantischen Elemente und aus einem vokalischen Elemente. Das konsonantische Element beruht eigentlich ganz auf unserer feineren Körperplastik. Wenn wir ein B oder ein P oder ein L oder ein M sprechen, so beruht das darauf, daß irgend etwas in unserem Körper eine bestimmte Form hat. Es ist nicht immer so, daß man, wenn man von diesen Formen spricht, nur von dem Sprach- oder Gesangsapparat zu sprechen hat. Die sind nur die höchste Gipfelung. Denn wenn der Mensch einen Ton oder einen Laut hervorbringt, so ist eigentlich sein ganzer Organismus daran beteiligt, und was da in den Gesangs- oder in den Sprachorganen vor sich geht, das ist nur die letzte Gipfelung dessen, was im ganzen Menschen vor sich geht. So daß unser menschlicher Organismus eigentlich auch so aufgefaßt werden könnte in seiner Form, daß man sagt: Alle Konsonanten, die eine Sprache hat, sind ja eigentlich immer Varianten von zwölf Urkonsonanten. Sie finden zum Beispiel im Finnischen diese zwölf Urkonsonanten wesentlich noch fast rein erhalten: elf sind ganz deutlich, nur der zwölfte ist etwas undeutlich geworden, aber er ist auch noch deutlich vorhanden in... [Lücke im Text]. Diese zwölf Urkonsonanten, wenn man sie richtig erfaßt - man kann jeden zugleich durch eine Form darstellen — sie stellen, wenn man sie zusammenstellt, eigentlich die ganze Plastik des menschlichen Organismus vor. So daß man dann, ganz ohne daß man im Bilde spricht, sagen kann: Der menschliche Organismus ist plastisch ausgedrückt durch die zwölf Urkonsonanten.
Was ist denn dann eigentlich dieser menschliche Organismus? Dieser menschliche Organismus ist eigentlich von diesem Gesichtspunkte aus, von dem Gesichtspunkte des Musischen aus, ein Musikinstrument. Ja, auch die äußeren Musikinstrumente können Sie im Grunde genommen dadurch begreifen, daß Sie sie in ihren Formungen, ob Sie schließlich die Violine oder ein anderes Instrument nehmen, irgendwie konsonantisch durchschauen, sie gewissermaßen als aus den Konsonanten heraus gebaut anschauen. Wenn man vom Konsonantischen spricht, hat man eigentlich im Gefühl immer etwas, was an Musikinstrumente erinnert. Und die Gesamtheit, die Harmonie alles Konsonantischen stellt eigentlich die Plastik des menschlichen Organismus dar.
Und das Vokalische - das ist die Seele, die auf diesem Musikinstrument spielt. Die gibt das Vokalische. So daß Sie eigentlich, wenn Sie in der Sprache das Konsonantische und das Vokalische verfolgen, in jeder sprachlichen und tonlichen Äußerung eine Selbstäußerung des Menschen haben. Die Seele des Menschen spielt vokalisch auf dem Konsonantismus des menschlichen Körperinstrumentes.
Wenn wir unsere, der heutigen Zivilisation und Kultur angehörige Sprache betrachten, dann bedient sich unsere Seele, indem sie vokalisiert, sehr stark des Gehirn-, des Kopf-Nerven-Organismus. Das war in früheren Zeiten der Menschheitsentwickelung nicht in demselben Maße vorhanden. Lassen Sie mich das, was da geschieht, ein wenig schematisch Ihnen an die Tafel schreiben. Es ist ganz schematisch.
Nehmen wir an, wir hätten in dieser Weise den Kopf-NervenOrganismus gebaut (rot). Die roten Striche würden also die Kräfte, die längs der Nervenstränge des Kopfes gehen, darstellen. Das ist aber nur sehr einseitig die Sache angesehen. In diese Tätigkeit, die da die Nervenstränge entwickeln, geht eine andere Tätigkeit hinein. Die kommt dadurch zustande, daß wir die Luft einatmen. Diese Luft, die wir einatmen — es ist wieder schematisch gezeichnet — die geht durch den Rückenmarkskanal (gelb) direkt hier hinein, und der Stoß der Atmung klingt zusammen mit den Bewegungen, die längs der Nervenstränge ausgeführt werden. So daß in Ihrem Haupte fortwährend der Atemstrom, der durch den Rückenmarkskanal nach dem Kopfe hindrängt, sich begegnet mit dem, was da die Nerven tun. Wir haben nicht eine abgesonderte Nerventätigkeit und eine abgesonderte Atmungstätigkeit, sondern wir haben im Kopfe ein Ineinanderklingen von Atmungstätigkeit und Nerventätigkeit. Der heutige, im gewöhnlichen Leben prosaisch gewordene Mensch, der legt mehr Wert auf die roten Kräfte hier (siehe Zeichnung); er bedient sich mehr seines Nervensystems, wenn er spricht. Er «innerviert» — wie man sagen könnte - er innerviert das Instrument, das die vokalischen Strömungen konsonantisch gestaltet. Das war in früheren Zeiten der Menschheitsentwickelung nicht der Fall. Da lebte der Mensch nicht so sehr in seinem Nervensystem, da lebte er in dem Atmungssystem; daher war die Ursprache mehr Gesang.
Wenn heute gesungen wird, so nimmt der Mensch das, was er beim Sprechen eigentlich ausführt mit Hilfe der Innervation des Nervensystems, zurück in die Atmungsströmung, und er bringt bewußt diese zweite Strömung, die Atmungsströmung, in Tätigkeit. Es ist die Fortsetzung der Atmung in das Haupt, welche direkt in Tätigkeit gesetzt wird, wenn zu der Erzeugung des Tones auch noch, wie im Singen, das Vokalisieren kommt; aber es ist nicht ein Herausgehen aus dem Atem. Es ist also ein Wiederzurücknehmen der prosaisch gewordenen Sprache in das Poetische, in das Künstlerische des rhythmischen Atmungsprozesses.
Der Dichter bemüht sich noch, den Rhythmus der Atmung zu haben in der Art und Weise, wie er die Sprache seiner Gedichte gestaltet. Derjenige, der für Gesang komponiert, nimmt wieder alles in die Atmung, also auch in die Kopfatmung zurück. So daß wir sagen können: Das was gerade der Mensch hier durchmachen muß auf der Erde, indem er sich mit seiner Sprache anpaßt an die irdischen Verhältnisse, das wird in einer gewissen Weise rückgängig gemacht, wenn wir von der Sprache zum Gesang übergehen. Der Gesang ist in der Tat eine reale Rückerinnerung mit irdischen Mitteln an dasjenige, was im vorirdischen Dasein erlebt worden ist. Denn wir stehen mit unserem rhythmischen System viel näher der geistigen Welt als mit unserem Denksystem. Und das Denksystem beeinflußt ja die prosaisch gewordene Sprache.
Indem wir vokalisieren, drücken wir eigentlich das, was in der Seele lebt, gegen den Körper hin, der nur das Musikinstrument abgibt, indem er das Konsonantische dazu gibt. Sie werden durchaus das Gefühl haben, daß in jedem Vokal etwas unmittelbar seelisch Lebendiges liegt, und daß man das Vokalische für sich gebrauchen kann; das Konsonantische aber sehnt sich fortwährend nach dem Vokalischen hin. Das plastische Körperinstrument ist eigentlich ein Totes, wenn nicht das Vokalische, das Seelische an es anschlägt. Sie sehen das an Einzelheiten; nehmen Sie zum Beispiel in gewissen Dialekten Mitteleuropas das Wort «mir» in «es geht mir gut», also «mir». Wie ich einer kleiner Bub Tat-i : war, konnte ich mir gar nicht vorstellen, daß das Wort so geschrieben wird; ich habe es immer so geschrieben: «mia»; denn in dem r liegt die Sehnsucht nach dem a unmittelbar darinnen. Es ist so, daß wir, wenn wir den menschlichen Organismus als die Harmonie der Konsonanten auffassen, überall in ihm die Sehnsucht nach dem Vokalischen, also nach dem Seelischen haben. Ja, woher kommt denn das?
Dieser menschliche Organismus, wie er sich hier auf Erden einrichten muß in seiner Plastik, muß sich den irdischen Verhältnissen anpassen. Er ist so gestaltet, wie es die irdische Gleichgewichtslage, die irdischen Kräfteverhältnisse allein zulassen. Aber er ist ja aus dem Geistigen heraus gestaltet. Was da eigentlich vorliegt, kann man nur durch geisteswissenschaftliche Forschung erkennen. Ich will es Ihnen schematisch verdeutlichen.
Nehmen wir an, das Seelische sei so ausgedrückt in seiner vokalischen Äußerung (rot): Es stößt an das Konsonantische an (gelb), und das Konsonantische ist nach Erdenverhältnissen plastisch gestaltet. Wenn man nun sich erhebt in die geistige Welt in der Weise, wie ich es dargestellt habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», dann kommt man zunächst ja zur Imagination, zur imaginativen Erkenntnis. Aber da hat man nämlich mittlerweile die Konsonanten verloren; die Vokale sind einem zunächst noch geblieben. Man hat ja seinen physischen Leib verloren im Imaginieren. Man hat die Konsonanten verloren. In der imaginativen Welt hat man für die Konsonanten kein Verständnis mehr. Wenn man das, was man da drinnen hat, ganz adäquat mit Worten bezeichnen will, dann besteht das alles aus lauter Vokalen zunächst. Also das Instrument fehlt einem zunächst, und man kommt in eine tonliche Welt hinein, die noch in der mannigfaltigsten Weise vokalisch tingiert ist, aber in der alle Konsonanten der Erde eben auch in Vokalen aufgelöst sind.
Sie werden daher finden, daß in Worten von Sprachen, die noch den Ursprachen nahe gestanden haben, gerade die Dinge der übersinnlichen Welt eigentlich vokalisch benannt werden. Das Jahve-Wort zum Beispiel hat nicht unser J und V gehabt, sondern es bestand eigentlich nur aus Vokalen und wurde scandierend halb gesungen. Man kommt also hinein in ein Vokalisieren, das selbstverständlich gesungen wird.
Und gelangt man aus der imaginativen Erkenntnis in die inspirierte Erkenntnis, nimmt man also direkt die Offenbarungen des Geistigen auf, dann werden alle Konsonanten, die hier auf Erden sind, etwas ganz anderes. Die Konsonanten verliert man. Also das geht einem verloren (mit gelb zugedeckt, siehe Zeichnung unteres Gelb); dafür beginnt in der geistigen Wahrnehmung, die durch Inspiration erkundet werden kann, ein Neues sich zu äußern: die geistigen Gegenbilder der Konsonanten (siehe oberes Gelb).
Aber diese geistigen Gegenbilder der Konsonanten, die leben jetzt nicht zwischen den Vokalen, sondern in den Vokalen. Wenn Sie hier auf Erden die Sprache haben, so haben Sie Konsonanten und Vokale so, daß sie nebeneinander leben. Die Konsonanten verlieren Sie beim Aufsteigen in die geistige Welt. Sie leben sich in eine vokalisierend singende Welt hinein. Sie hören eigentlich auf zu singen; es singt. Die Welt wird selber Weltengesang. Aber das, was vokalisierend ist, das tingiert sich geistig-seelisch so, daß in den Vokalen etwas lebt, was die geistigen Gegenbilder der Konsonanten sind. Hier im Irdischen gibt es ein A als Laut und meinetwillen ein Cis in einer bestimmten Oktave als Ton. Sobald man in die geistige Welt kommt, gibt es nicht ein A, nicht ein Cis in einer bestimmten Skala, sondern innerlich — nicht etwa nur von verschiedener Höhe — sondern innerlich qualitativ unzählige; denn etwas anderes ist es, ob ein Wesen aus der Hierarchie der Angeloi einem ein A ausspricht, oder ein Wesen aus der Hierarchie der Archangeloi, oder ein anderes Wesen. Das ist immer äußerlich dieselbe Offenbarung, aber innerlich ist die Offenbarung beseelt. So daß wir sagen können: Hier auf Erden haben wir unseren Körper (Zeichnung links, weiß); da schlägt der vokalisierende Ton an (rot). Drüben haben wir den vokalisierenden Ton (Zeichnung rechts, rot) und in den schlägt die Seele hinein (weiß) und lebt darinnen, so daß der Ton der Leib des Seelischen wird.
Nun sind Sie darinnen in der Weltenmusik, in dem Weltengesang; nun sind Sie darinnen in dem schöpferischen Ton, in dem schöpferischen Wort. Und wenn Sie sich hier auf Erden den Ton, auch den Ton, der sich als Laut offenbart, vorstellen: irdisch lebt das in der Luft. Aber die physikalische Vorstellung, daß die Luftformung der Ton sei, ist eigentlich nur eine naive Vorstellung. Es ist wirklich naiv. Denn denken Sie sich einmal, Sie hätten hier einen Boden, und da drauf einen Menschen. Der Boden ist doch ganz gewiß nicht der Mensch; aber er muß da sein, daß der Mensch darauf stehen kann, sonst könnte der Mensch nicht da sein. Aber Sie werden nicht vom Boden aus den Menschen begreifen wollen.
So muß die Luft da sein, damit der Ton einen Anhalt hat. So wie der Mensch auf dem Boden steht, so hat der Ton, nur in etwas komplizierterer Form, seinen Boden, seinen Widerstand in der Luft. Die Luft hat für den Ton nicht mehr Bedeutung, als der Boden für den Menschen, der darauf steht. Der Ton drängt sich nach der Luft hin, und sie gibt ihm die Möglichkeit, zu stehen. Aber der Ton ist ein Geistiges. So wie der Mensch etwas anderes ist als der Erdboden, auf dem er steht, so ist der Ton etwas anderes als die Luft, auf der der Ton aufsteht. Natürlich nur in komplizierter Weise steht er auf, in mannigfaltigerer Weise steht er auf.
Dadurch, daß wir auf Erden nur vermittelst der Luft sprechen und singen können, haben wir in der Luftformung des Tonlichen das irdische Abbild eben eines Geistig-Seelischen. Das Geistig-Seelische des Tones gehört eigentlich der übersinnlichen Welt an. Und das, was hier in der Luft lebt, ist im Grunde genommen der Körper des Tones. So daß man sich nicht zu wundern braucht, daß man den Ton auch wiederfindet in der geistigen Welt. Nur ist dort abgestreift dasjenige, was vom Irdischen herkommt: das irdische Konsonantisieren. Das Vokalisieren, der Ton als solcher wird hinüber genommen in seinem geistigen Inhalt, wenn man sich in die geistige Welt erhebt. Nur wird er innerlich durchseelt. Statt daß er äußerlich durch das Konsonantische geformt wird, wird er innerlich durchseelt, der Ton. Das geht aber parallel dem Sich-Einleben in die geistige Welt überhaupt.
Nun denken Sie sich, der Mensch geht durch die Pforte des Todes; die Konsonanten läßt er bald hinter sich, aber die Vokale und namentlich die Intonierungen der Vokale, die erlebt er in einem erhöhten Maße: nur so, daß er nicht mehr fühlt, das Singen gehe von seinem Kehlkopfe aus, sondern daß das Singen um ihn herum ist, und er in jedem Ton lebt. So ist es schon die allerersten Tage, nachdem der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Er lebt eigentlich im musikalischen Elemente, das zu gleicher Zeit ein sprachliches Element ist. In diesem musikalischen Elemente offenbart sich immer mehr und mehr von der geistigen Welt her — eine Beseelung.
Nun ist ja, wie ich Ihnen gesagt habe, dieses Hinausgehen des Menschen in die Welt, indem er durch die Pforte des Todes geschritten ist, zu gleicher Zeit ein Übergang von der irdischen Welt in die Sternenwelt.
Wenn wir so etwas darstellen, sprechen wir scheinbar bildlich, aber das Bildliche ist durchaus Wirklichkeit. Stellen Sie sich also die Erde vor, darum herum zunächst die Planeten, dann den Fixsternhimmel, den man sich ja seit Alters her mit vollem Rechte als den Tierkreis vorstellt.
Indem der Mensch auf der Erde steht, sieht er die Planeten und die Fixsterne von der Erde aus in ihrem Abglanz, also sagen wir von vorne, um den Erdenmenschen zu ehren - nicht wahr, das Alte Testament drückt sich ja anders aus. Indem aber der Mensch sich entfernt von der Erde nach dem Tode, gelangt er allmählich dazu, die Planeten sowohl wie die Fixsterne von hinten zu sehen. Nur sieht er dann nicht diese Lichtpunkte oder diese Lichtflächen, die von der Erde aus gesehen werden, sondern er sieht die entsprechenden geistigen Wesenheiten. Überall ist eine Welt von geistigen Wesenheiten. Wo er da zurückschaut auf Saturn, Sonne, Mond, oder auf Widder, Stier und so weiter, er sieht von der anderen Seite her geistige Wesenheiten.
Eigentlich ist dieses Sehen zugleich ein Hören, und ebensogut, wie man sagt: man sieht von der anderen Seite, also von rückwärts, den Mond, die Venus und so weiter, den Widder, den Stier und so weiter, ebensogut könnte man sagen: man hört die Wesen in die Weltenweiten hinaus tönen, die in diesen Weltenkörpern ihre Wohnsitze haben.
Nun stellen Sie sich das ganze Gefüge vor - es ist tatsächlich so, daß es aussieht, wie wenn man bildlich spräche, aber es ist nicht bildlich gesprochen, es ist durchaus eine Wirklichkeit - stellen Sie sich da draußen im Kosmos vor: die Planetenwelt weiter weg, den Tierkreis mit seinen zwölf Konstellationen Ihnen jetzt näher. Von all diesen Weltenkörpern singt es Ihnen sprechend, spricht singend, und Ihr Wahrnehmen ist eigentlich ein Hören des sprechenden Singens, des singenden Sprechens.
Indem Sie nach dem Widder hinschauen, haben Sie den Eindruck eines Seelisch-Konsonantischen. Da ist vielleicht Saturn hinter dem Widder: ein Seelisch-Vokalisches. Und in diesem Seelisch-Vokalischen, das da von dem Saturn her in den Weltenraum hinaus erglänzt, da lebt das Seelisch-Geistig-Konsonantische des Widders oder des Stieres. Sie haben also die Planetensphäre, die Ihnen vokalisch in den Weltenraum hinaus singt, und Sie haben die Fixsterne, die Ihnen - wir können es jetzt sagen — diesen Gesang der Planetensphäre konsonantisch durchseelen.
Stellen Sie sich das lebhaft vor: die mehr ruhende Fixsternsphäre, dahinter die wandelnden Planeten. Indem ein wandelnder Planet an einem Fixsterngebilde vorbeigeht, erklingt, ich kann jetzt nicht sagen, ein Ton, sondern eine ganze Tonwelt; indem er weitergeht vom Widder zum Stier, erklingt eine andere Tonwelt.
Aber dahinter ist ja zum Beispiel, sagen wir, Mars. Mars läßt, durch den Stier gehend, ein anderes ertönen.
Und Sie haben ein wunderbares kosmisches Instrument in dem Fixsternhimmel, und dahinter unsere Planetengötter als die Spieler auf diesem Instrumente des Tierkreis-Fixsternhimmels.
Wir können wirklich sagen: Wenn der Mensch hier unten auf der Erde wieder zurücknimmt die Sprache, die für das Irdische gebildet ist, wie das Gehen aus der kosmisch-geistigen Orientierung heraus für das Irdische gebildet ist, in den Gesang, so ist dies ein Hinneigen zu demjenigen, aus dem der Mensch als aus dem vorirdischen Dasein für das Irdische heraus geboren ist. Wie die Kunst überhaupt eigentlich sich so vor den Menschen hinstellt, als ob der Mensch sagen würde, indem er sich künstlerisch äußert: Nun, es ist ja Menschenschicksal, und es ist richtig, daß es so Menschenschicksal ist: der Mensch ist, indem er sein Erdendasein antritt, in die irdischen Verhältnisse hineingestellt, muß sich den irdischen Verhältnissen anpassen; aber in der Kunst macht er einen Schritt zurück, läßt das Irdische um sich herum ablaufen, und durch den Schritt, den er zurückmacht, nähert er sich dem Geistig-Seelischen, aus dem er als aus dem vorirdischen Dasein herausgewachsen ist.
Wir verstehen die Kunst nicht, wenn wir in ihr nicht die Sehnsucht empfinden, das Geistige wenigstens zunächst in der Offenbarung des schönen Scheines zu erleben. Unsere Phantasie, welche der Auspräger des Künstlerischen ist, ist ja im Grunde genommen nichts anderes, als die vorirdische Hellseherkraft. Man möchte sagen: Wie der Ton auf Erden in der Luft lebt, so lebt für das Seelische dasjenige, was eigentlich geistig ist im vorirdischen Dasein, auf irdische Weise im Abbild des Geistigen. Wenn der Mensch spricht, dann bedient er sich seines Körpers: Es wird das Konsonantische in ihm zur Plastik des Körpers; es wird der nicht in die feste Plastik übergehende Atemstrom von der Seele benützt, um auf diesem Körperinstrumente zu spielen. Aber wir können das, was wir so als irdisch sprechende Menschen sind, auf zweifache Weise zu dem Göttlichen hin tendieren.
Nehmen wir den konsonantischen menschlichen Organismus, lösen wir ihn gewissermaßen los von der festen Prägung, die er durch die irdischen Schwerkräfte oder durch die chemischen Kräfte der Nahrungsstoffe erhalten hat, lösen wir los dasjenige, was konsonantisch den Menschen durchsetzt! — So dürfen wir schon sprechen. -— Wenn man eine menschliche Lunge auf den Seziertisch legt, findet man chemische Stoffe, die man chemisch untersuchen kann. Aber das ist nicht die Lunge. Was ist die Lunge? Ein Konsonant, der aus dem Kosmos heraus gesprochen ist und Form angenommen hat. Das Herz, legen wir es auf den Seziertisch: es besteht aus den Zellen, die man chemisch dem Stoffe nach untersuchen kann. Das ist aber nicht das Herz; das ist ein anderer Konsonant, der aus dem Kosmos heraus gesprochen ist. Und wenn man im wesentlichen die zwölf Konsonanten sich vorstellt aus dem Kosmos heraus gesprochen, so ist der menschliche Körper da.
Das heißt: schaut man an die Konsonanten, hat man die nötige hellseherische Phantasie, um die Konsonanten zu sehen in ihrem Zusammenhang, so entsteht der menschliche Körper in voller Plastik. Wenn man also die Konsonanten aus dem Menschen herausnimmt, so entsteht Bildhauerkunst; wenn man den Atem, dessen sich die Seele bedient, um auf diesem Instrumente zu spielen im Gesang, wenn man das herausnimmt aus dem Menschen nach der anderen Seite, was das Vokalische ist, dann entsteht eben das Musikalische, das Gesangliche.
Nehmen Sie also das Konsonantliche aus dem Menschen heraus, so entsteht die Form, die Sie plastisch gestalten müssen. Nehmen Sie das Vokalische aus dem Menschen heraus, entsteht das Gesangliche, das Musikalische, das Sie singen müssen. Und so ist eigentlich der Mensch, wie er vor uns steht auf Erden, das Ergebnis von zwei Weltenkünsten: von einer plastizierenden Weltenkunst, die von der einen Seite kommt, und von einer gesanglichen, musikalischen Weltenkunst, die von der anderen Seite kommt. Zweierlei geistige Wesenheiten fügen ihre Tätigkeit zusammen. Das eine gibt das Instrument, das andere spielt auf dem Instrument; das eine formt das Instrument, das andere spielt auf dem Instrument.
Kein Wunder, daß in älteren Zeiten, als man solche Dinge noch empfunden hat, der größte Künstler Orpheus genannt worden ist, der nun tatsächlich des Seelischen so mächtig war, daß er nicht nur den schon geformten menschlichen Körper als Instrument benutzen konnte, sondern durch seine Töne sogar die ungeformte Materie in Formen gießen konnte, die den Tönen entsprachen.
Sie werden verstehen, daß, wenn man so etwas darstellt, man die Worte etwas anders gebrauchen muß, als sie in der heutigen Nüchtlingszeit gewöhnlich gebraucht werden; aber dennoch ist die Sache nicht bloß bildlich oder symbolisch gemeint, sondern in durchaus realem Sinne. Die Dinge sind schon so, wie ich sie dargestellt habe, trotzdem manchmal eben die Sprache in einen größeren Fluß gebracht werden muß, als sie eben heute gewöhnlich im Gebrauche ist. Ich wollte den heutigen Vortrag namentlich auch deshalb, wie ich schon sagte, so gestalten, um den hier uns so befriedigenden Leistungen unserer verehrten Künstlerinnen, die uns in diesen Tagen erfreuen, auch von dieser Seite her einen kleinen Gruß zu bringen. Und so wollen wir denn morgen, meine lieben Freunde, mit einer Gesinnung an das uns so befriedigende Konzert herantreten, der auch, wie hier alles sein soll, etwas eingegeben ist von anthroposophischer Seelenverfassung.