Images of Occult Seals and Columns
GA 284 — 19 October 1907, Berlin
SYMBOLE UND ZEICHEN ALS WIRKUNGEN DES CHAOS Vortrag am
Heute lassen Sie uns mit einer scheinbar recht entlegenen Betrachtung beginnen, die aber, wie Sie sehen werden> uns doch wieder in gewisser Weise für unser alltägliches Leben interessieren kann. Wir werden heute wirklich versuchen, nicht nur den Himmel, sondern auch dasjenige, was hinter dem Himmel ist, mit der Erde und unserem alltäglichen Erlebnis zu verknüpfen.
Das Leitmotiv unserer heutigen Betrachtung soll dasjenige bilden, was man mit einem den alten Zeiten entlehnten Namen das «Chaos» nennt. Also, wie Sie sehen, ein etwas entlegenes Thema, ein Thema, das wirklich noch hinter dem liegt, was wir unter dem Himmel verstehen, das wir aber gerade anknüpfen sollten an unsere alltäglichen Erlebnisse.
Sie wissen, daß nicht nur die wunderbare griechische Mythe und Sage an das Chaos anknüpft, indem sie sagt, daß die ältesten Götter, also die ältesten geistigen Wesenheiten, herausgeboren sind aus dem Chaos, sondern Sie wissen auch, daß die Mythen und Sagen anderer Völker unter verschiedenen Namen dieses Chaos kennen. Denn, was ist schließlich jener gähnende Abgrund der nordisch-germanischen Sage « Ginnungagap», aus dem auf der einen Seite das kalte Nifl-heim oder Nebelheim entsteht und auf der anderen Seite das heiße Muspelheim, anderes als das Chaos? Und auf was sonst deutet letzten Endes der Anfang unserer Bibel selbst hin? Im Ersten Buch Mos es finden Sie ja die Worte: Im Anfang schuf die Gottheit den Himmel und die Erde, und die Erde war wüst und wirre, und das Dunkel lagerte über den Wassern. Und der Geist aus der Gottheit webete brütend über den Wassern. Und es ertönte der Gottheit Wort:
Licht werde - und Licht ward. Und die Gottheit nahm wahr das Licht und nahm wahr, daß es schön sei und schied die Lichtwelt von der Dunkeiwelt. - «Die Erde war noch wust und wirre», ist nur ein anderer Ausdruck für das Chaos, aus dem die höchsten geistigen Wesenheiten selbst hervorgegangen sind.
Was ist das Chaos? Mit solchen alten Worten für so hohe Begriffe ist es in der Menschheitsentwickelung merkwürdig gegangen. Seit ziemlich langer Zeit haben die Menschen vollständig die Empfindung verloren für eine richtige Auffassung dessen, was mit so etwas gesagt wird. Sie wissen gar nicht mehr, was damit gemeint war, wenn so etwas gesagt wurde. Das materialistische Zeitalter, aus dem ja alle Menschen der Gegenwart in einer gewissen Beziehung hervorgegangen sind, hat kaum noch Worte dafür, um überhaupt zu charakterisieren, was hinter dem Wort Chaos steckt. Unsere Worte haben ja auch im Laufe der Zeit eine ganz andere Bedeutung angenommen, als sie früher hatten, ja, als sie noch vor ganz kurzer Zeit hatten. Früher entsprach das Wort der geistigen Bedeutung des Gegenstandes, dem Begriff. Heute sind unsere Worte sozusagen aufgeteilt worden an die materialistische Bedeutung der äußeren, materiellen Gegenstände und werden nicht mehr angewendet auf die geistige Bedeutung. Wer heute ein Wort hört, wendet es an auf das, was es in der sinnlichen Welt bedeutet, aber denkt nicht mehr daran, es in Beziehung zu setzen zur geistigen Welt.
Unter den mancherlei Gründen für die Inaugurierung der gegenwärtigen theosophischen Strömung gibt es einen, der mit dieser Umwandlung der Worte in den Materialismus hinein zusammenhängt. Daß die theosophische Bewegung gerade jetzt in die Welt getreten ist und in die Welt treten mußte, hängt mit verschiedenen Tatsachen, sinnlichen und übersinnlichen, zusammen. Aber einer der Gründe ist der, daß wenn nicht am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts diese theosophische Bewegung, diese spirituelle Weltströmung gekommen wäre, wenn sie nicht jetzt Eingang fände in die Welt, eine solche spirituelle Bewegung in hundert Jahren wahrscheinlich schon ganz unmöglich wäre. Es ist wirklich geradezu ein Abpassen der günstigsten Bedingungen der Zeit. Die Worte nehmen immer mehr und mehr den Charakter an, nur auf Materielles angewendet zu werden. Hätte man noch hundert Jahre gewartet, dann könnten unsere Worte nicht mehr ausdrücken, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat. Die Menschen würden kein Gefühl mehr dafür haben, weil sie dann nur noch das hören wurden, was auf die materielle Welt Anwendung findet. Es würde keine Worte mehr geben, mit denen man sich verständlich machen könnte, und so würde alles, was der Geisteswissenschafter zu sagen hat, nicht mehr passen. Die Theosophie muß also allem neue Worte aufdrücken, allen Worten ein neues Gepräge geben; sie muß geradezu die Sprache erneuern. Die Menschen müssen wieder eine Empfindung dafür gewinnen, daß in diesen Worten etwas liegt; daß bei gewissen Worten nicht bloß Handgreifliches oder mit Augen zu Sehendes gemeint ist, sondern etwas, was in die höheren Welten hinaufweist.
Nun werden wir scheinbar ganz vom Thema abgehen und einmal versuchen, Empfindungen aufzusuchen von Menschen, die noch viel viel stärker nach der spirituellen Welt gerichtet und gelenkt waren als die Empfindungen und Vorstellungen der gegenwärtigen Menschheit. Es ist immer von großem Interesse für denjenigen, der sich in den geheimnisvollen und doch so klaren Gang des menschlichen Geistes vertieft, irgendein beliebiges altes Buch zur Hand zu nehmen und sich nicht nur in dieses Buch zu vertiefen, wie viele Gelehrte es tun, indem sie herauslesen, was «der Herren eigener Geist » ist, sondern indem man sich in den Geist des Verfassers hinein-empfindet, hineinversetzt. Man könnte irgend etwas Beliebiges herausgreifen; wir wollen aber herausgreifen die «Physica» von Comenius, 1633 erschienen. Das sind Physica, unter denen sich der heutige Mensch gar nicht mehr gut etwas denken kann, weil da von physischen Dingen gesprochen wird, aber so, daß es ganz klar ist, daß der, der spricht, mit jedem physischen Ding zugleich hinweist auf die geistigen Hintergründe, und daß er in jeder Materie, in jeder Kraft ein Instrument, einen Ausfluß sieht von dahinterstehenden geistigen Wesenheiten und geistigen Kräften. In diesem Buche, dieser «Physica», ist vieles beschrieben, was dazumal Gegenstand der Erkenntnis war. Aber Comenius> der große Pädagoge und Denker des 17. Jahrhunderts - geboren 1592-, hat nicht nur die Erkenntnis seiner Zeit aufgenommen und zusammengefaßt, sondern Comenius hatte auch große ureigene Gedanken über Menschen und Ereignisse und fand tiefe, geistige Zusammenhänge. Comenius ist eine merkwürdige Persönlichkeit, wie es deren eine ganze Reihe gibt seit dem 14. und 15. Jahrhundert.
Sie wissen aus anderen Besprechungen, daß im 14. Jahrhundert und endgültig im 15. Jahrhundert der sogenannte Rosenkreuzerorden begründet worden ist; jener Orden, welcher in einer neuzeitlichen Form die uralten Geheimnisse bearbeitet und bewahrt. Der Orden, der bei seiner Begründung nur aus sieben Mitgliedern bestand, hat bis in unsere Zeiten herein ganz im geheimen gewirkt. Und niemand hat gewußt, wer ein Rosenkreuzer ist, als der Rosenkreuzer selber. Niemand hat auch jemals etwas über die Geheimnisse der Rosenkreuzer erfahren können. Deshalb ist alles, was in der Außenwelt von Anhängern und Gegnern geschrieben wurde über die Rosenkreuzerei, Scharlatanerie oder etwas, was mißverstanden oder durch einen Verrat herausgekommen ist. Erst heute ist die Zeit gekommen, wo einiges von den rosenkreuzerischen Geheimnissen der allgemeinen Weit mitgeteilt werden darf. Aber es gibt und gab viele andere Mittel und Wege, wodurch solche Geheimnisse, die in den okkuiten Schulen blühen, einfließen in das allgemeine Geistes- und Kulturleben. Zum Beispiel war es nichts anderes als eine geheime rosenkreuzerische Strömung, die derjenige, über den sie sich ergossen hat, selbst gar nicht ahnte, als Lessing am Schlusse seiner «Erziehung des Menschengeschlechts», wie aus der Pistole geschossen, sagt, daß der Mensch immer wieder- und wiederkehrt auf die Welt, daß er wieder-verkörpert werde. Diese bedeutsame Abhandiung, die da schließt: «Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?», sie ist für den Kundigen nichts anderes als ein Zeichen, daß die rosenkreuzerische Weltanschauung durch Lessings Mund auf eine ihm selbst unbewußte Weise zu der Menschheit gekommen ist.
So ist vieles durch die Rosenkreuzerei gekommen. Es gibt eben viele Mittel und Wege, wo-durch die Geisteswelt sich ergießt, ohne daß die Menschen, die davon getroffen werden, es immer ganz genau wissen. Es kommt nicht darauf an, daß das, was in der Welt gewirkt wird, sich an einen Namen anknüpft. Die Bewegung als solche knüpft an einen Namen an. Aber Prozesse wegen Plagiaten haben die Rosenkreuzer nie geführt. Niemals würden sie irgendeine sogenannte Entiehnung ihrer Gedanken irgendwie verfolgt haben. Das war ihnen gleichgültig. Was war überhaupt demjenigen, dem es auf die Wirkung ankommt, gleichgültiger als die persönliche Quelle, von der solche Dinge aus strömten? Die Hauptsache war, daß sie in die Welt kamen. In unserer Zeit, wo man Prozesse auch wegen der Entlehnung von Gedanken und anderer Dinge führt, ist es ja so, daß die eigentlichen Entlehner in der Regel doch nicht zu fassen sind.
Zu denjenigen, die vermöge einer hohen Geistesentwickelung höhere Erkenntnisse hatten, die durch einen starken, energischen Willen sich in die höheren Welten hinaufschwangen in-folge der Rosenkreuzerbeeinflussung, gehörte auch Comenius, dieser große Pädagoge. Es ist für die heutigen Menschen durchaus nützlich, sich gerade in die Gedanken des Comenius zu vertiefen. Ebenso nützlich ist es auch, sich in die Gedanken Johann Baptist van Helmonts, seines Zeitgenossen, zu vertiefen, der auch ein Rosenkreuzer war. Sie interessieren uns aber heute von einer ganz anderen Seite, wobei ich ausdrücklich bemerken will, daß, was ich jetzt sage, nur zur Verdeutlichung dienen soll, zum Pfadsuchen zu dem, was wir eigentlich mit dem Worte Chaos meinen.
Sie kennen ein Wort, von dem Sie wahrscheinlich alle oder doch sehr viele glauben, daß es sehr alt sei: nämlich das Wort «Gas», das die meisten Menschen nur als Leuchtgas oder dergleichen kennen. Sie wissen aus der Physik, daß es viele Gase gibt und daß im Grunde genommen die meisten Substanzen sich in Gas verwandeln lassen. Wenn man nicht weiter nachdenkt, könnte man leicht zu dem Glauben verleitet werden, das Wort sei so alt wie alle anderen. Das ist aber nicht der Fall. Vor den Zeiten des Comenius und Helmont waren «Gas» und «gasfi5rmig» noch keine bekannten Begriffe. Helmont war der erste, der dieses Wort gebraucht und geprägt hat. Seit jener Zeit ist es erst in der Sprache aufzufinden. Das Werk, in welchem dieses Wort zum erstenmal vorkommt, ist 1615 geschrieben. Bedenken Sie also, eine wie kurze Zeit das ist. Nun müssen Sie sich natürlich auch klarmachen, daß man eine Veranlassung haben muß, wenn man ein solches neues Wort gebraucht. Helmont ist eben der erste gewesen, der die Vorstellung, den Begriff des Gases hatte und ihn so, wie er heute üblich ist, der Menschheit vermittelt hat.
Machen wir uns einmal klar, was nach den heutigen Schulbegriffen ein Gas ist. Sie wissen alle, wenn Sie Wasser nehmen und dieses Wasser zum Sieden, zum Verdampfen bringen, so entsteht zuerst Wasserdampf. Dampf ist nicht Gas, auch nach den heutigen Schulbegriffen nicht. Dampf ist eigentlich, wenn man sich grob ausdrücken will, dasjenige, was man noch mit Augen sehen kann, derselbe Stoff, der vorher im Wasser da ist, nur in feineren Partikeln verteilt. So daß man sagen kann, Wasser geht in Wasserdampf über durch das Erhitzen. So können Sie alle oder wenigstens die weitaus meisten Substanzen bei niederer oder höherer oder sehr hoher Temperatur in Dampf verwandeln. Sie können aber die Erhitzung noch weitertreiben. Wenn
Sie sie weitertreiben, dann erhalten Sie einen Zustand der betreffenden Substanzen, wo sie sozusagen nicht mehr sichtbar sind, wo sie in eine wirklich andere Form übergehen, die man heute die Gasform nennt. Während die Dampfform nur eine Art Zwischenform ist zwischen der Wasserform und der Gasform, ist diese Gasform im Grunde genommen nur eine Dampfform auf höherer Entwickeiungsstufe, die entstanden ist bei höherer Temperatur. Diese Dampfform und Gasform war eben vor Helmont durchaus keine klare Vorstellung. Auch Comenius hat mit der Dampfform gearbeitet.
Nun hat sich Helmont zunächst an der Kohlensäure, die er genau untersucht hat, die Natur des Gases klargemacht. Er hat allerdings mit Kohlensäure und anderen Gasen Vorstellungen verknüpft, die für den heutigen Physiker und Menschen überhaupt nicht mehr ganz verständlich sind. Und dabei hat sich ihm ergeben, daß es unter den verschiedenen anderen Zuständen auch diesen feineren Zustand gibt, dem er den Namen Gas gab. Einer der grundiegenden Sätze im « Ortus medicinae», dem Werke des Helmont, ist der Satz: «hunc spiritum, incognitum hactenus, novo nomlne gas voco.» Das heißt auf deutsch: Solchen Geist, wie er bisher unbekannt war, nenne ich Gas. - Das ist das erste Mal, wo dieses Wort in die Betrachtungsweise eintritt.
Nun lehrt uns dieser Satz eine ganze Menge. Vor allen Dingen nennt Helmont das, was er als Gas anspricht, spiritus, Geist, so daß es klar ist, daß das, was er konstatiert hat als Gas, ihm das Instrument war für eine geistige Wesenheit. Er hat selbst das Gefühl, daß er diese durchsichtige Substanz als Geist ansprechen muß, und benennt diesen Geist mit dem neuen Namen « Gas». Nun fassen wir ganz genau, was er dabei für Vorstellungen hatte. Er wußte, wenn man dieses Gas abkühlt, so hat man merkwürdige Erscheinungen: Dunkle, wolkenartige Einschläge bilden sich; es wird wieder dampfförmig und dann wieder wäßrig. Das Gas war ihm eine Grundlage, eine durchsichtige klare Grundlage, aus der heraus Dichtes, Verdichtetes entsteht. Das Gas war ihm ein Gleichnis in dem Sinne, wie Goethe sagt: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.» Helmont sah viel in diesem einfachen Prozeß, wie sich Gas abkühlt und verdichtet: kleine Welten gingen für ihn aus dem Gas hervor. Ein Mensch, der so fühlte, konnte noch sagen: «hunc spiritum incognitum gas voco.»
Die Frage, wie ursprünglich alles, was an Materie in der Welt ist, entstanden ist, war ihm klar. Er wußte: Ursprünglich erfüllte die ganze Welt etwas, vielleicht von einer viel größeren Feinheit als das, was er entdeckt hat als Gas, etwas, was durch das Licht durchgeht und was man gar nicht sehen kann: ein durchsichtiges, in sich leuchtendes, keine Trübung enthaltendes Geistiges. Und wie von diesem Gas sich abspalten Dämpfe, die wie Nebelmassen aussehen, so haben sich aus der durchsichtigen, trüblosen Unendlichkeit alle Dinge, die jetzt sind, Mineralien, Pflanzen und Tiere, alles, was wir im Materiellen sehen, herausgebildet. Alles Geistige ist dicht geworden, ist zu den Gebilden von jetzt geworden.
Schon in uralten Zeiten und bei primitiven Völkern finden wir Gleichnisse, die gut brauchbar sind, um eine ähnliche Vorstellung hervorzurufen. Ursprüngliche und auch primitive Völker sehen manchmal dasjenige, was äußerlich materiell geschieht, auch noch geistig an. Solch ein Mensch weiß, daß aus seinem Munde der Hauch herauskommt, von dem er sieht, daß er Dampf wird, wenn er in die kalte Luft heraustritt. Da sieht er, daß aus dem Seelischen etwas geschaffen wird, was sich aus der durchsichtigen Klarheit des menschlichen Hauches verdichtet. Und er fühlte in dem Hauch der Seele, in dem Aushauchen und Dichtwerden ein Gleichnis für den Vorgang im Großen, für die Entstehung der Welt. Daher die vielfache Ansicht, die die Weit wie das Ergebnis eines Aushauchens der Gottheit ansieht. Das ist wirklich eine ururaite Vorstellung.
Wir müssen uns klar sein darüber, was diese uralte Vorstellung in sich involviert. Diese uralte Vorstellung enthält einen ganz anderen Raumbegriff als den trockenen, abstrakten Raum-begriff, den der heutige Mensch hat. Was denkt sich der heutige Mensch unter Raum? Er denkt sich die unendiich ausgedehnte Leere, die große Leere, in der nichts ist. Das können Sie heute, wo von Raum gesprochen wird, überall unter dem Raumbegriff finden. Was dachten sich aber unter dem Raum diejenigen, die auf dem Boden der Geheimwissenschaft standen? Für sie war der Raum der ausgegossene, ausgedehnte Geist, der sein Gleichnis hat in dem Ungetrübten, aus dem der Dampf entsteht, die Quelle, aus der heraus alle Samen der Dinge geschaffen worden sind durch das Wort des ursprünglichen Gottesgeistes. Denn nicht endiose Leere ist der Raum, sondern der Raum ist ursprünglicher Geist. Und wir selbst sind verdichteter Raum, heraus-geboren aus dem Raum. Wenn alle Dinge wiederum aufgelöst würden, so wäre scheinbar eine endlose Leere um uns. Aber diese scheinbare Leere enthlelte alles, was dagewesen ist. In Wahrheit wäre diese endiose Leere ebensowenig ein Nichts, wie das Gas, worin sich Substanzen aufgelöst haben, ein Nichts ist. Das verstehen unter Raum diejenigen, die okkult denken.
Daß Helmont so etwas im Hintergrunde seines Denkens hatte, das zeigt er uns ganz klar. Er zeigt uns, daß er den Gedanken hat: Ja, so ein Gas, wie ich es entdeckt habe, ist sehr dünn, sehr durchlässig, das Licht geht durch, und man ahnte nichts, wenn man nicht da, wo das Gas sich ausbreitet, an der Wirkung empfände, daß überhaupt etwas da ist. Aber im Verhältnis zu dem Urgrunde ist auch dieses Gas noch eine Verdichtung, eine Trübung. Es liegt dem ein anderes, noch Geistigeres zugrunde. Aber man kann mit Recht dieses Tiefere erkennen, wenn man das Gas als ein Gleichnis nimmt: wenn man das Hervorgehen der ganzen Welt aus dem samenreichen Raum wie das Verdampfen und Verdunsten sich vorstellt, wenn man sich vorstellt, daß das Gas ein Dunst des Geistes selber ist, so wie der Dampf der Dunst des Gases ist. Indem er diese Vorstellung in der Seele hat, sagt Helmont ein merkwürdig schönes Wort. Er sagt: «halitum illum gas vocavi, non longe a chao veterum secretum.» Das heißt: Jenen Hauch habe ich «Gas» genannt; er ist nicht weit verschieden von dem «Chaos» der Alten. - Sie sehen, er knüpft den Begriff Gas an das Wort Chaos an, ja, er hat das Wort Gas überhaupt nach dem Wort Chaos gebildet, «Gas» ist das umgewandelte «Chaos». Es ist das Wort, das Helmont gebildet hat, um seine geheimwissenschaftlichen Begriffe in dasselbe hineinzulegen. Das ist ein außerordentlich interessanter wissenschaftlicher Zusammenhang.
So werden wir von einem, der in diesen Dingen Bescheid wußte, hingeführt zu einem Raum-begriff, der nicht ein unfruchtbarer, leerer, abstrakter Raumbegriff ist, wie derjenige, den die Physik kennt, sondern wir werden geführt zu einem Raumbegriff, welcher unendlich samen-reich ist, denn er enthält auf unsichtbare Weise die Samen aller Dinge. Die Dinge, die heute verdichtet sind, sie waren alle einst Dunst und sind verdichtet worden aus dem Raum. Der Raum wird uns so lebendig, wird zu dem Samen von dem, was ausgebreitet ist in der Welt. So setzen wir an die Stelle des leeren, abstrakten Raumes den lebendigen Geist, aus dem alle, alle Dinge hervorgegangen sind. Wir verwandeln auf diese Weise allerlei Abstraktes in Lebendiges; und es ist gut, daß wir über solche Abstraktionen, über Begriffe, die ertötend wirken auf alles menschliche Denken und Leben, hinwegkommen.
Wenn wir uns nun in den Zustand des Raumes versetzen, wo er noch ganz geistig war, und mit unserer Seele verfolgen, wie sich die Wesen aus diesem unendiichen Raum heraus verdichten, aus den Gesetzen, die diesem Raum eingeboren sind, wenn wir uns da hineinversetzen, dann werden wir zum Beispiel klar empfinden die schönen Worte der Bibel: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüste und wirr, und der Geist aus der Gottheit webete brütend über der Tiefe.
Denken Sie sich nur einmal, wie ursprünglich der reine geistdurchsichtige Raum da war. Was geschah in diesem reinen, durchsichtigen Raum? Stellen wir uns recht lebhaft vor, was wir uns schon öfter vorgestellt haben: Hier in diesem Raume ist auch das ausgedehnte Luftgas. Meine Worte werden hineingesprochen in den Raum, wo das Luftgas ausgedehnt ist. Da entstehen die Schwingungen und von da dringen die Worte in Ihre Seelen. Jedes Wort, das gesprochen wird, gestaltet sich hier in dem Raum> der ausgefüllt ist von der Luft. Denken Sie sich die Luft still; nichts wird gesprochen. Und nun wieder denken Sie sich, es wird gesprochen. Die ganze Luft kommt in eine regelmäßige Bewegung durch dieses Sprechen und jedes Wort gestaltet sich in der Luft - still und ungesehen von uns - zu Formen. Und so denken Sie sich jetzt den unendlich ausgebreiteten Raum, der nicht ein leeres Abstraktum ist, und hineintönend das Wort des Gottes, gestaltend den ganzen Raum nach den Worten, die die Gottheit ausspricht. Das war im Anfang. Das Wort ertönte in dem Raum, und es entstand zuerst die geistige Welt, das Chaos, diese aus dem Raum sich herausentwickelnden Nebelgebilde, welche zum erstenmal im Trüben zeigten, was später gestaltet werden sollte.
Und nun hören wir auf die Worte der Bibel: Das Chaos - dieses sich herausentwickelnde Nebelgebilde der Erde - war noch wüst und wirr und der Geist Gottes wirkte und webete brütend über der Tiefe. Da haben wir eben den Moment des Entstehens: das ist das Chaos.
So tief sind allerdings die Vorstellungen, die einer solchen Religionsurkunde zugrunde liegen. Die Menschen müssen sich erst wieder die Empfindung aneignen, um so etwas zu verstehen.
Nun aber wirkt das Chaos nicht nur am Anfang der Weltentwickelung, sondern es wirkt fort. Es ist auch heute noch vorhanden. Dasjenige, was uns jetzt hinter den Himmel und in unser alltägliches Leben hineinführt, das ist die Erkenntnis, daß das Chaos auch noch heute vorhanden ist, daß ebenso wie der harmonische Himmel, wie die schön gestalteten Welten, um uns herum heute auch noch das Chaos ist. Alles ist durchdrungen, durchsetzt von ihm. Es ist die erste, ursprüngliche Gestaltung. Dann trübte es sich, es bildeten sich die Samen, es formten sich die Welten bis zu ihrer heutigen Vollkommenheit. Aber so, wie wenn Sie eine Gasmasse haben und einen Teil dieser Gasmasse abkühlen, so daß noch zwischen den einzelnen Teilen Gas bleibt und fortwirkt, ebenso blieb von dem ursprünglichen Geist ein Teil zurück; und so wirkt das Chaos fort und lebt fort mit unserer Welt. Alles ist noch jetzt vom Chaos durchsetzt, jeder Stein, jedes Wesen. Sie selbst sind durchdrungen und durchsetzt vom Chaos. Und nicht nur sind vom Chaos durchsetzt die Wesen draußen in der Sinnenwelt, durchsetzt vom Chaos sind auch Ihre Seele und Ihr Geist. So wie der Mensch hier ist, nimmt auch seine Seele und sein Geist teil an dem, was zurückgeblieben ist vom Chaos. Nur ein Teil hat sich heraus-gegliedert aus dem Chaos. Das Chaos ist um uns herum da. Es wirkt in allen Wesenheiten und ist zu gleicher Zeit mit ein Grund der fortwährenden, fortwirkenden Fruchtbarkeit.
Verschaffen wir uns einmal durch ein einfaches Beispiel eine Vorstellung davon, wie das Chaos wirkt. Sie sehen, daß die Wirksamkeit des Chaos da auftritt, wo Abfallprodukte zum Beispiel des tierischen Organismus sind. Scheinbare Zerstörungen sind diese Abfallprodukte; aber diese tierischen Ausscheidungen, die von dem Landmann als Dünger hinausgetragen werden auf den Acker, liefern den Grund zur neuen Fruchtbarkeit. Die neue Saat geht hervor, indem man den Dünger in den Boden hineinlegt. Was ist da geschehen? Was war der Dünger zuerst? Er war zuerst allerlei schöngeformte Pflanzen und andere Wesen draußen in der Welt, dasjenige, was sich aus dem Chaos herausgebildet hatte. Es hat seinen Weg genommen und den Tieren als Nahrungsmittel gedient. Die unbrauchbaren Stoffe werden ausgeschieden, durch die im Körper wirkenden Gesetze gleichsam herausgedrängt; der Dünger vermischt sich mit dem Acker: es ist eine Rückkehr der Wesen zu dem Chaos. Das Chaos wirkt in dem Dünger, in allem Ausgeworfenen, und ohne daß Sie das Chaos hineinmischen in den Kosmos zu irgendeiner Zeit, ist niemals eine Fortentwickelung möglich.
Es führt uns dieser Vorgang, den wir hier in diesem Prozeß auf der niedersten Stufe haben, zu etwas ganz anderem. Er führt uns dazu, daß wir uns aufschwingen können zum Begreifen dessen, daß es notwendig ist für alle Entwickelung, über den Zusammenhang der Ursachen in der Vorzeit hinauszukommen und irgendwie das Chaos wieder aufzunehmen. Niemand kann fortbestehen, wenn einzig und allein der Kosmos auf ihn wirkt. Denn, was ist Kosmos? Kosmos ist nichts anderes, als was aus vorhergehenden Ursachen und Gestaltungskräften sich gebildet hat. Nicht nur alle physischen Dinge, sondern auch alle moralischen und intellektuellen Lehren entstehen aus Ursachen, die vorher gelegt worden sind. Ich will es Ihnen an einem radikalen Beispiele klarmachen, was Kosmos ist.
Kosmos ist es, wenn zum Beispiel in Deutschland Goethe, Schiller, Lessing, Herder, Schelling gewirkt haben und dann ein Schulmeister kommt und die herrlichen Gedanken und Schönheiten von Goethe, Schiller und so weiter wiedergibt. Nichts würde der Schulmeister wiedergeben können, was nicht vorher durch die Ursachen, die gelegt worden sind, schon da ist. Oder nehmen wir irgendeinen Menschen auf anderem Gebiete. Er steht ganz auf dem Boden dessen, was sich nach und nach entwickelt hat. Bei dem Genie ist es nicht so. Es wirkt aus dem Chaos heraus. Das Genie ist dadurch etwas so Besonderes, weil ein neuer Funke in die menschliche Seele hineinkommt. Neue Einschläge, neue Begriffe entstehen und werden wirksam. Es ist die Vermählung des Kosmos mit dem Chaos, was im Genie ist. Es käme kein Fortschritt zustande, wenn nur die äußeren Ursachen da wären, wenn diese Ursachen sich nicht wieder in das Chaos mischten. Dadurch, daß alle früheren Wirkungsgesetze in das Chaos zurückgeworfen smd, dadurch entsteht das Genie, und es entsteht durch die Wirkung des Genies etwas, was aus anderen Welten hereinkommt, etwas, was nicht herausgenommen ist aus Früherem, sondern ern Neues. In jedem Momente muß die Welt wiederum Chaos werden. Die Ehe der Vergangenheit mit der Gegenwart ist eine Ehe des Kosmos mit dem Chaos. Daher kommen jene tiefen, bedeutsamen Empfindungen, die der alte Mensch hatte und der Geheimforscher hat, wenn der Name Chaos auch nur ausgesprochen wird. Für denjenigen, der das nicht empfinden kann, ist das Chaos etwas, was verworren, was unklar ist, wie die Gedanken der Genies für die meisten Menschen wirr und Wüst sind. Die Empfindung des Wirren und Wüsten, in der Weise, wie meistens die Gedanken der Genies empfunden werden, haben dabei aber nur die Menschen, die auf dem Boden des aus der Vergangenheit her Wirkenden stehen. Etwas Neues kann nur entstehen aus dem Chaos, das sich richtig mit uns verbinden muß, wenn wir etwas beitragen wollen zur Fortentwickelung der Menschheit.
Die theosophische Bewegung soll eine Bewegung sein, welche imstande ist, die Menschheit mit neuen geistigen Samen zu befruchten. Und diejenigen, die die theosophische Strömung verstehen, mussen sich klar darüber sein, daß sie nicht nur fortwirtschaften können mit dem, was vom alten Vater-Kosmos hereinkommt, sondern daß auch neue Keime des Geistes, wie aus dem Chaos herein, in die Menschheit kommen müssen. Dadurch wird die Menschheit im richtigen Sinne geistig befruchtet.
Diejenigen Vorstellungen, die heute die Menschheit vermittelt erhält durch die wirkliche und wahrhafte Theosophie, sind nicht aus der Vergangenheit hergenommen. Derjenige, der als Geologe die Schichten der Erde erforscht und nur sagen kann, was in der Vergangenheit in der Sinnenwelt entstanden ist, der kann nimmermehr erforschen, was für die Theosophie bedeutsam ist: die Erkenntnis der Zukunfts gestaltung der Menschheit, die aus dem Chaos hereinkommt in den sinnlichen Kosmos. Daher ist es von unendlicher Wichtigkeit, daß der Mensch durch die theosophische Weltanschauung Vorstellungen, Empfindungen und Willensimpulse aufnimmt, welche nicht unserem Kosmos, wie er ist als Sinnenkosmos, entnommen sind, sondern weiche unmittelbar herausgeholt sind aus der Gestalt, die der Geist hatte, bevor er sich äußerlich gestaltete, die aus dem Chaos herausgeholt sind.
Solche Vorstellungen, die aus dem Chaos herausgeholt sind, sind die Symbole und Zeichen, die durch die Geheimschulen hereingeholt werden aus den höheren Welten und aller Geheim-wissenschaft und imaginativen Erkenntnis zugrundeliegen. Die Imaginationen wirken aus dem Chaos heraus auf die menschliche Seele. Wirken sie lebendig, dann vermählt sich das Chaos mit der menschlichen Seele.
Sie erinnern sich an die Ausgestaltung des Kongreßsaales in München. Was in den sieben Siegeln dargestellt ist, ist noch nicht im Kosmos; niemand kann es in dem Gesetzes kosmos finden. Aber in dem, was werden wird, wird es sein. Es wird Gestalt sein in der Zukunft. Noch wirken sie aus dem Chaos heraus auf die menschliche Seele, und so wirken sie, diese Imagmationen, diese Gestalten, daß es ein ganzes Weltbild gibt, in der Art, wie es beschrieben ist in der Einleitung, die ich dazu gegeben habe. Und wenn sie in der rechten Weise angeschaut werden, dann wirken sie lebendig und führen den Menschen hinauf in die höheren Welten. Dann wirkt in der Menschenseele das Chaos und führt ihn in Welten, die über den sinnlichen Kosmos hinaus liegen. Der Mensch muß so kommen zu einer neuen Verbindung mit den geistigen Welten, und das ist die Bedeutung dessen, daß der Mensch zu solchen Bildern greift. Wenn man zu solchen Bildern kommt, empfindet man die Wirkung jenes Großen, Gewaltigen, das fort-wirkt durch die Unendlichkeit der Zeiten; man empfindet die überwältigende Wirkung des Chaos, das den Samen aller Dinge enthält. Wenn man diese Bilder auf sich wirken läßt, werden sie aus der Seele die tiefsten Urgründe heraufholen.
In den sieben Siegeln sehen wir die Bilder der astralen Welt, und in den sieben Stützen oder Säulen die Begriffe, die hereinkommen in unseren Kosmos, in unsere Welt, wenn wir die devachanische Welt betrachten. Wenn Sie diese Säulenkapitäler betrachten, werden Sie finden, daß sie in Ihnen wirken. Wenn Sie empfindend sich hineinleben, dann finden Sie dasjenige, was Ihr Empfinden so ordnet, wie es niemals geordnet werden könnte aus der sinnlichen Welt heraus, und was Ihnen einen Begriff verschaffen kann von jener geistigen Musik oder Sphären-harmonie, die das Devachan ist. Diese Kapitäler sind direkt eine Anregung, um unsere Gefühle herauszuheben aus den alten Zusammenhängen und sie in völlig neue zu bringen. Dadurch allein kann etwas Neues entstehen, daß unsere Gefühle herausgerissen werden aus alten Zusammenhängen und neue Zusammenhänge bilden. Wir dürfen sie aber nicht sinnlos herausreißen, sonst zerreißen wir uns selber. Wir einen sie mit uns, wenn wir das, was wir auf die Gefühle wirken lassen, der geistigen Welt, dem Chaos entnehmen. So gehören solche Imaginationen zu den Mitteln, wodurch die geisteswissenschaftliche Strömung in det W elt ihre Mission hat. Alles, was auftritt in dieser Weltströmung, muß als ein Einheitliches angesehen werden, denn ein einziger Gedanke durchdringt die ganze Strömung. Vnd nur wenn ein einziger Gedanke dieselbe durchdringt, können wir der Bewegung ihre richtige Fruchtbarkeit versprechen.
Sie können sich überzeugen, daß diese Bilder wirken. Sie können aber auch in einer sehr schlimmen Weise wirken. Diese Bilder sind dazu da, daß sie den Menschen in die schönste geistige Harmonie hineinführen. Derjenige, der sie in wahrer theosophischer Gesinnung betrachtet, und an Orten, wo das theosophische Leben fließt, wird finden, daß sie auf ihn seelenbefrelend und erquickend wirken. Würden Sie sie zum Beispiel im Speisezimmer aufhängen und mit alltäglichen Gedanken betrachten, dann verderben Sie sich Ihren physischen Organismus bis auf die Verdauung hin. Nicht mit unheiliger Seele können diese Dinge genossen werden, sondern nur in der richtigen Stimmung. Daraus sehen Sie, daß dasjenige, was starkes Licht ist, auch starke Schatten haben kann. Schwaches Licht hat auch nur einen schwachen Schatten. Nicht darf es der Theosophie angerechnet werden, wenn sie für diejenigen, welche sie in unrechtmäßiger Weise genießen, eine starke Finsternis wird. Aber nicht dadurch, daß wir im Abstrakten herumreden, können wir wirken, sondern dadurch, daß wir das, was uns die Geheim-schulen geben können, weiterleiten und den Menschen die Mittel geben, wieder in größerem Umfang an diesen Dingen teilzunehmen. Die Theosophie ist keine Spielerei mit Vorstellungen, sondern reale Kraft, die in das Geistesleben der Menschheit einffießen muß. Daher darf man auch mit solchen Dingen nicht spielen, sondern man muß sich darüber klarsein, daß es wirksame Kräfte sind.
An diesem Beispiel, das uns unmittelbar beschäftigt, kann sich uns so zeigen, wie umfassend der Begriff des Chaos für den ist, der ihn in der richtigen Weise versteht. Dasjenige, was hinter dem Physischen steht, aus dem heraus das Physische gemacht und geboren ist, das Chaos - alle haben es gekannt. Ob die Griechen es Chaos genannt haben, ob es uns die Genesis in der Weise, wie wir es gesehen haben, schildert, oder ob die indische Philosophie von dem Achaos, dem Akasha spricht: es ist immer dasselbe, was aus den Geheimschulen heraus uns errnnern soll, wie das, was im Anfang war, fortwirkt durch alle Zeiten.
Nur dadurch, daß sich der Mensch mit seinem wahren Ursprung verbindet, kann ein Fortschritt stattfinden. Dem, der an die Sinneswelt gefesselt ist, erscheint das Chaos wirr und wüst. Dem Wissenden ist es nicht so. Wer es im geistigen Sinne durchdringt, der vernimmt, wie es durchklungen ist von der Sphärenharmonie, von der die Pythagoräer gesprochen haben, und deren Übersetzung in Worte dasjenige ist, was heute in der theosophischen Weltbewegung der Öffentlichkeit übermittelt wird, gerade zur richtigen Zeit. Weil es heute noch möglich ist, daß einige Menschen, die sich aus der großen Mehrzahl herausheben, die Empfindung bekommen für einige Worte aus der Geisteswelt, darum ist es an der Zeit, von diesen Dingen zu sprechen.
Auch alle Kunst ist hervorgegangen aus diesen Gefühlen. So wie früher die korinthischen und ionischen Säulenordnungen hervorgegangen sind aus der alten ägyptischen Geheimlehre, so werden diese Säulen der Ausdruck werden für geisteswissenschaftliche Wahrheiten. Neue Säulenordnungen werden aus jenen hervorgehen, denn alle Kunst ist nur kristallisierte Geheim-lehre. Einst haben die Menschen in den heiligen Hainen das Walten und Weben der Gottheit empfunden. Und was sie da empfunden haben, wer könnte es nicht nachempfinden in einem gotischen Kunstwerk, wie zum Beispiel dem Mailänder Dom! Dieselbe Stimmung ist es, die dort waltet, wie in den heiligen Hainen der Druiden und Drotten. So wird alle zukünftige Kunst eine kristallisierte Geheimlehre sein. Die Gotik ist nichts anderes als die kristallisierte Geheimiehre des Vor-Mittelalters. Und ebenso wird das, was wir jetzt in Worte kleiden, in der Zukunft künstlerisch in Farben und Formen gegossen werden.
Dann erst wird die theosophische Strömung lebendig ffießen, wenn sie nicht nur in Gedanken und Worten strömt, sondern sich den Dingen einprägt, die uns umgeben - wenn sie alle Dinge durchdringt.
Aus der Diskussion
Die Kräfte, die das Hohl-Ich hervorrufen, [sind eine] Steigerung der Kräfte, die schon da sind in der sich unten entwickelnden Dreiheit. Wenn sie sich fortentwickelt, dann entsteht es. Auf einer bestimmten Stufe waren die Leiber fertig. Wie sie so weit waren, höhlten sie sich aus, als das Selbst sich annäherte, und es tritt ein. Alles höhlt sich aus, wenn seine Entwickelung überschnappt.
Denken wir uns das Chaos, welches noch vollkommen durchsichtig, geistig, den Samen der Dinge enthält. Sie können nur durch Verdichtung ... [Lücke]. Diese tritt dadurch ein, daß das Geistige das Substantielle von sich wegdrängt, so daß überall solche Hohlräume entstehen. Wenn der Geist wirkt, entsteht ein Hohlraum in der Materie. In aller Materie entstehen sie, wenn der Geist darauf wirkt, sie bebrütet. Der Logos bohrte sozusagen Löcher in den Raum; hier ist das Prinzip dieses Wortes aus den «Strophen des Dzyan» in der «Geheimlehre» [von Blavatsky].