Images of Occult Seals and Columns
GA 284 — 15 January 1911, Stuttgart
Die Einweihung des Stuttgarter Hauses
Ansprache des Architekten Carl Schmid-Curtius
Als dem Erbauer dieses Hauses ist es mir vergönnt, bei der heutigen Hausweihe die ersten Worte der Begrüßung und des Willkommens an Sie zu richten.
Die Fülle der Gefühle, die mich bei der Übergabe gerade dieses Baues, unseres neuen, theosophischen Heimes, bewegen, soll vor allem ihren Ausdruck in dem herzlichen Dank finden an alle diejenigen, die mit Rat und Tat diesen Bau gefördert, ja eigentlich möglich gemacht haben. Wenn ich mich so der edelsten Pflicht dessen entledigt habe, der ein Werk mit Hilfe anderer vollbracht hat, so darf ich meine vielen Wünsche für dieses Haus, in dem noch manchen Generationen Theosophie gelehrt werden soll, dahin zusammenfassen, daß ich sage: In diesen Räumen sind die okkulten Motive nach einer grundlegenden Idee unter höherer Leitung und Genehmigung angeordnet; wir wissen, daß alles, was uns hier umgibt, der Ausdruck eines Geistigen ist. Mögen diese Formen alle dazu dienen, die theosophische Arbeit zu fördern und möge dieser Bau stets dem Geiste gewidmet sein, in dem er erbaut wurde!
Dem Bauverein des Verbandes der Stuttgarter Zweige übergebe ich den Schlüssel des Hauses mit herzlichem Dank für treue Beihilfe und den besten Wünschen für ein segensreiches Arbeiten in diesen schönen Räumen.
Ansprache des Vorsitzenden des Bamwereins des Verbandes der Stuttgarter Zweige Jost del Monte
Im Namen des Bauvereins übernehme ich den Schlüssel dieses Hauses.
Wenn Sie, mein lieber Herr Schmid, Worte des Dankes an alle diejenigen gerichtet haben, welche Ihnen geholfen haben, dieses Werk zu schaffen, so sind wir uns wohl bewußt, daß dieser Dank vor allen demjenigen gelten muß, aus dessen tiefem Wissen heraus allein die in diesen Räumen verkörperten Ideen erstehen konnten, und jeder von uns teilt Ihre Empfindungen mit ganzer Seele. Und soweit sich dieser Dank an uns richtet, lassen Sie mich Ihnen sagen, daß wir es als eine ganz besondere Gunst angesehen haben, an diesem Baue mitwirken zu dürfen. Inwieweit das Werk gelungen ist, das zu beurteilen, wollen wir unseren lieben Gästen überlassen; das Eine lassen Sie mich aber noch hinzufügen, daß das harmonische Zusammenwirken mit Ihnen uns eine große Befriedigung gewährt hat, und wir ganz zu würdigen wissen, welche Summe von hingebungsvoller Arbeit dieses Werk von dem Erbauer gefordert hat. Wir danken Ihnen herzlich und freuen uns, Ihnen dies von dieser Stelle aus sagen zu können.
Weiter geht unser Dank an alle diejenigen, die in hochherziger Weise mit Gaben zu diesem Unternehmen beigetragen haben, und insbesondere ist es uns Bedürfnis, desjenigen unserer Mitglieder zu gedenken, det durch eine große, grundlegende Spende die Erfüllung unseres langgehegten Wunsches möglich gemacht hat.
Und endlich lassen Sie mich im Namen des Bauvereins der Freude Ausdruck geben, daß wir die Hausweihe im Verein mit so vielen auswärtigen Freunden begehen können. Wir danken Ihnen für Ihre Anteilnahme an unserem Fest und heißen Sie herzlich willkommen. Einen Hort für theosophisches Leben durften wir in treuer Zusammenarbeit schaffen; fertig steht nun dies Haus, der Bauverein hat damit seine Hauptaufgabe beendigt. Ich übergebe nun den Stuttgarter Zweigen den Schlüssel zu diesem Hause, das ihnen eine Stätte treuen Wirkens werden möge.
Ansprache des Vorsitzenden des Verbandes der Stuttgarter Zweige Adolf Arenson
Im Namen des Verbandes der Stuttgarter Zweige übernehme ich den Schlüssel dieses Hauses.
Es ist entworfen und ausgeführt worden in Übereinstimmung mit geistigen Rhythmen und geistigen Gesetzen, die uns übermittelt wurden von unserem hochverehrten Lehrer.
Die Formen und Gestaltungen, die uns entgegentreten, die Zeichen und Bilder, die dem Raum sein Gepräge geben, sie sind geschöpft aus jenen Sphären, die unserer irdischen zugrunde liegen; des wollen wir allezeit eingedenk sein, und die Arbeit, die wir in diesem Hause zu vollbringen haben, soll anstreben, den Einklang zu gewinnen mit dem, was uns umgibt. Die Symbole, die auf uns niederschauen, inneres Leben sollen sie werden durch unser Wirken.
Heilig ist der Raum in seiner Anordnung - beseelt werden in seiner Heiligkeit soll er durch unsere Arbeit. Eine Heimstätte soll er werden dem Höchsten, was uns geworden ist durch hohe Geistesmächte. Und schützen wollen wir mit allen Kräften das uns anvertraute Gut. Das geloben wir feierlich.
Durchdrungen von solcher Gesinnung, bitten wir unsern hochverehrten Führer, der Stätte unseres künftigen Wirkens die Weihe zu geben.
Weiherede von Rudolf Steiner
Alle, die wir heute hier versammelt sind, empfinden die Bedeutung und die Weihe dieses Augenblicks. Und vielleicht wird in dieser Stunde sich manches Herz hier fragen, worin die größere Bedeutung und die größere Weihe liegt, ob in der Tatsache, die wir vor uns haben, und deren Wichtigkeit für das theosophische Leben in unseren Kreisen wir gar nicht genug empfinden können, oder ob in der symbolischen Bedeutung, in der symbolischen Wichtigkeit dessen, was wir heute hier beginnen dürfen. Die schönsten und weihevollsten Worte sind zweifellos in diesem Augenblicke diejenigen, die leise ertönen in den Herzen derer, die hier versammelt sind, und mir obliegt wohl kaum etwas anderes, als Ausdruck zu verleihen diesen unausgesprochenen Worten, die jetzt unsere Herzen erfüllen. Wir fühlen, welche Bedeutung darin liegt, daß von jetzt ab zum ersten Mal in dem Sinn, der eingehalten wurde seit Jahren innerhalb unserer mitteleuropäischen theosophischen Bewegung, gewirkt werden kann in einem Raum, der uns überall, wohin wir das Auge wenden, umgibt mit Zeichen und Merkmalen dessen, was so innig zusammenhängt mit all dem, was wir erstreben als Impuls für unsere Erkenntnis, die uns führen soll in die übersinnlichen Welten. Und im Grunde faßt sich das ganze Gewicht dieser Stunde in die wenigen Worte zusammen: Wir sind zum ersten Mal umgeben von einem Heim, von einem Raum, der unser ist. Mit einem solchen Worte kann sich leicht ein Begriff verbinden, der uns fern liegen muß. Es kann sich ein solches Wort mit dem Begriff des Egoismus verbinden; aber nicht in diesem Sinn kann und darf das Wort von uns verstanden werden, sondern einzig und allein in dem Sinn, daß wir nunmehr einen Raum um uns herum haben, der in inniger, intimer Weise zu dem gehört, was wir anstreben in den geistigen Welten; und wenn wir das Gewicht dieser Worte auf unsere Seele wirken lassen, dann wird ersprießen das umfassende Gefühl, von dem ja schon gesprochen worden ist, das Gefühl des Dankes gegenüber allen denjenigen, welche es möglich gemacht haben, daß wir heute vor einer solchen Tatsache stehen.
Wir müssen allerdings, wenn wir zu den ersten Quellen dieser Möglichkeit zurückgehen wollen, um Jahre zurückgehen, müssen zurückblicken auf die hingebungsvolle theosophische Arbeit, die seit Jahren gerade hier an diesem Orte geleistet worden ist, müssen gedenken, in welch schöner Weise die mannigfaltigsten theosophischen Impulse hier an diesem Orte gerade zusammenwirken, wie sich hier ebensowohl mystisch-innerliches, wie theosophisch-intellektuelles Streben seit Jahren schon in liebevoller Weise die Hände gereicht haben, wie einträchtig und harmonisch zusammengewirkt haben seit Jahren Menschen verschiedensten Temperaments, verschiedenster Arbeitsweise, die alle aber in gleicher Art ihre Arbeitsweise, ihre Temperamente und Charaktere harmonisieren konnten, weil doch als der tiefste Impuls in ihnen lebte, was wir ausdrücken können als theosophische Liebe, als theosophisches Friedensgefühl und Friedensstreben. Weit würden wir ausgreifen müssen in dasjenige, was hier geleistet worden ist auf dem Horizonte unseres theosophischen Lebens, wenn wir alles das charakterisieren wollten, was sich zuletzt in einen Impuls zusammengedrängt hat. So können wir sagen: geboren worden ist hier aus emsiger, tatkräftiger Arbeit auf theosophischem Feld Verständnis für die Bedürfnisse des wirklichen theosophischen Lebens.
Dadurch wurde ergriffen das Herz eines unserer lieben Freunde, der in der Lage war, eine Idee in Wirklichkeit umzusetzen, die gewiß in allen unseren Herzen immer leben muß. Daher muß sich unser Dank an denjenigen richten, der seine im edlen theosophischen Geist gedachte Grundstiftung zu diesem Bau geleistet hat, die eingetragen werden kann in das Gedächtnis der theosophischen Entwickelung. So wurde verhältnismäßig in jungen Jahren unseres theosophischen Strebens hier eine in allen Einzelheiten einen Abglanz unseres Denkens und Sinnens zeigende Heimstätte unserer 'Theosophie geschaffen. In dem von unserem lieben Freund gegebenen Impuls liegt als erstes eine Aufforderung, in würdiger Weise zu arbeiten in der Heimstätte, die uns gegeben worden ist. So fühlen wir, wie vom Anfange an nicht nur das, was vor unsern Augen liegt, was auf unsere Sinne wirkt, theosophisch unser ist, sondern wir fühlen in diesem Augenblicke, daß der Raum auch in einem gewissen Sinne moralisch unser ist; und wir fühlen diesen Raum durchdrungen von theosophischer Liebe und theosophischer Opferwilligkeit, von der Liebe derjenigen, die hier jahrelang gearbeitet haben hingebungsvoll und opferwillig, um den Impuls theosophischen Verständnisses zu geben, und von der Liebe desjenigen, der den Raum zunächst möglich gemacht hat. Und wir dürfen sagen, wir fühlen auch in vieler Beziehung das Vorbildliche dieses gegenwärtigen Augenblicks. Oftmals wurde es betont, wie Theosophie den Weg finden müsse in alle Zweige und Betätigungsweisen des Menschengeistes, des Seelenlebens und des äußeren Lebens.
So wie alles vom Geiste stammt, so soll alles Menschenwirken vom Geiste durchdrungen und durchseelt sein, und so müssen wir es als eine im echten Sinn als theosophisches Resultat zu erkennende Tatsache betrachten, daß wir in unserer eigenen Mitte den Mann gefunden haben, der dasjenige, was heute künstlerische Erkenntnis bieten kann, zu durchdringen vermochte mit dem, was unser theosophischer Geist ist; und Sie alle empfinden in diesem Augenblicke zweifellos, daß unser lieber Herr Schmid, der diesen Bau ausgeführt hat, sein bestes theosophisches Fühlen und Empfinden und Denken vereinigt hat mit dem, was ihm als sein künstlerisches Vermögen die Außenwelt gegeben hat. Wir dürfen uns mit ihm zusammen glücklich fühlen über diese Tatsache. Was fühlen wir, wenn wir einen Blick werfen auf alles, was uns umgibt! Wir fühlen vor allen Dingen, daß hier gearbeitet hat nicht nur das Können eines Baumeisters, sondern auch das Herz eines theosophischen Baumeisters. So wahr es ist, daß wir voller Anerkennung stehen vor der Art und Weise, wie unser Freund Schmid, was 'Theosophie ist, umsetzt in seine Kunst, so wahr muß es sein, daß wir voller Gegenliebe sind für all die Liebe, die er gerade in diesen Bau hineinzulegen vermochte. Ich denke, es ist auch Ihnen, mein lieber Herr Schmid, eine Aufgabe gewesen, welche Ihr Herz mit Freude erfüllte, mit derjenigen Freude, welche dem Gebiet des geistigen Empfindens angehört, und die da entspringt, wo der Mensch seine Arbeitsfähigkeit, seinen Schaffensdrang, sein Können in die Kräfte des geistigen Lebens einfließen lassen darf. Wir aber betrachten es als ein günstiges Karma unserer theosophischen Bewegung, daß wir gerade diesen Baumeister gefunden haben, der — wie ich, vielleicht mehr als irgendeiner außerhalb Stuttgarts, versichern kann — eine wunderbare Hingabe und Verständnis für dasjenige, was Baukunst in diesem Falle dem geistigen Leben bieten soll, gezeigt hat. Und wir werden froh sein dürfen, wenn in der Zukunft ein ähnliches Verhältnis erreicht werden kann.
Und nun lassen Sie uns, die wir zusammengekommen sind von den verschiedensten Gegenden, um hier mit unsern Freunden diese Stunde festlich zu begehen, gedenken außer der allgemeinen, opferwilligen und hingebungsvollen Arbeit, die geleistet worden ist, jener engeren Arbeit, die gerade in den letzten Jahren hat geleistet werden müssen. Erinnern Sie sich einmal an den Augenblick, wo wir vor neuneinhalb Monaten den Grundstein zu diesem Gebäude legen konnten, und gedenken Sie, was vorangehen mußte an opferwilliger Arbeit. Gedenken Sie weiter, was alles geschehen mußte von unsern Stuttgarter Freunden, von dem engeren Verein, der heute die Schlüsselgewalt dieses Baues übernommen hat, damit wir innerhalb dieses theosophischen Neubaues vereinigt sein können. Es würde unmöglich sein, diese mühe- und hingebungsvolle Arbeit zu schildern. Aber eines sei gegenüber dieser Arbeit besonders betont. Lassen Sie mich gedenken eines Grundnervs zu einer solchen theosophischen Arbeit! Sie alle erfüllt es zweifellos mit Freude und inniger Befriedigung, wie unsere Theosophische Gesellschaft gewachsen ist; aber bei einer solchen Gelegenheit soll nicht vergessen werden, daß, wenn es auch das höchste Glück in dem Sinn, wie man hier sprechen kann, bedeutet, daß sie so gewachsen ist, daß mit dem Wachsen auch die Schwierigkeiten in der Führung der Angelegenheiten eben dieser Gesellschaft stark wachsen.
Solche Dinge, wie sie uns weihe- und bedeutungsvoll in diesem Augenblick vor Augen treten, sie müssen geleistet werden von Menschen, die in der Zeit der Entstehung ihr ganzes Herz an das Werk hängen können, und das macht notwendig, daß in diesem Augenblick von dem Grundnerv einer solchen Sache gesprochen wird. Je mehr unsere Gesellschaft wächst, desto mehr scheint es, als ob ein solches Werk in die Hände von allen Theosophen gelegt werden müßte. Das kann gar nicht sein! Das ist unmöglich! Aber etwas anderes ist möglich: daß die echte Arbeit an einem solchen Werk in vorbildlicher Art, geradezu pädagogisch für alle, die sich zu uns bekennen, wirke. Was wird das Beste in sozialer Beziehung sein, wenn unsere Bewegung in zahlreichen Früchten das, was sie als Keim hat, verwirklichen soll? Das werden nicht Abstimmungen sein und Majoritätsbeschlüsse, sondern das Vertrauen, das der eine dem anderen persönlich und individuell entgegenzubringen vermag; jenes Vertrauen, das darin besteht, daß wir die kleinen Kreise, die das eine oder das andere Werk auszuführen haben, ohne Hemmnis arbeiten lassen. Dann können sie arbeiten, wie hier gearbeitet worden ist. Stören wir nicht diejenigen, die ihr Herz opfernd hängen an das, was unser großes Ziel fördern soll, und geben wir ihnen dafür die völlige Freiheit für ihr Wirken, umgeben wir sie nicht mit den Hemmnissen des Besserwissens, das gar nicht vorhanden sein kann! Und wenn der kleine Kreis hier im Stillen seit Jahren gewirkt hat und jenes Vertrauen gefordert hat, dann dürfen wir sagen: Wenn wir aus der Frucht auf den Keim schließen dürfen, dann hat sich das, was ohnedies im Sinne des theosophischen Wirkens liegt, hier in glänzendster Weise bewährt. Das Werk, vor dem wir heute stehen, ist im vollsten Sinne eine herrliche Rechtfertigung des Vertrauens, das wit gefaßt haben zu dem treuen Arbeiten jenes kleinen Bauvereins, der hier gewirkt hat. Verständnisvoll und vertrauensvoll sprechen wir unseren Dank dem vorbildlichen Wirken dieses Bauvereins aus.
Nehmen Sie heute oder morgen, wenn Sie diesen Raum verlassen werden, das Gefühl mit: wie anders ist es, innerhalb einer solchen Umgebung den theosophischen Gedanken sich hingeben zu können, als in einer Umgebung, die wir antreffen, wenn wir sonst wirken müssen. Fühlen wir in diesem Augenblick, wie das Wort sich uns erweitern kann: Dieser Raum ist unser. Was heißt das in einem noch andern Sinne? In veränderter Weise darf wiederholt werden, was bei der Grundsteinlegung gesagt wurde: «Wir haben dem Geiste, dem wir dienen, einen Tempel gebaut.» Wie anders können wir uns diesem Geiste verbunden fühlen innerhalb eines solchen Baues! Und wir verstehen dann die Sehnsucht nach Abbildern des schönen, herrlichen Vorbildes, das uns hier gegeben worden ist. Vielleicht mehr als alle Worte, die sonst gesprochen werden können, kann dieser Raum selber sprechen zu denjenigen, die in der Lage sind, Nachbilder zu schaffen; in deutlich vernehmbarer Weise spricht er von der Notwendigkeit, umgeben zu sein von dem, was unseres Geistes Tempel ist. Und wenn in München gesprochen worden ist von einem anderen, ähnlichen, nur in größerem Maßstabe auszuführenden Bau, so betrachten Sie als eine schöne Verschärfung all dieser Worte, die nur mit dem Munde gesprochen werden können, das, was dieser Raum zu Ihnen zu sprechen vermag. Betont er nicht, wenn wir ihn verständnisvoli betreten, in ihm weilen, ihn verlassen zu immer neuer Einkehr in ihn, betont er nicht deutlich die Notwendigkeit solcher Bauten auch an andern Orten?
Wenn wir unseren Gefühlen ein wenig den Lauf lassen, dann müssen wir sagen: Das Menschenkarma, es wirkt ganz sonderbar. Mit Rührung könnte es uns erfüllen, daß dieser unser Bau gerade in diesen Landesraum, in diese Gegend hereingestellt werden konnte. Denken wir daran, wie vieles dem Geistesleben Mitteleuropas gerade aus diesen Landesgebieten entsprungen ist. Denken Sie daran, wie in stiller, ernster, intimer Art ein Geist des 18. Jahrhunderts die inbrünstige Verehrung des Geistes, der durch alle Welten waltet und webt, einem Freunde mit drei Worten ins Stammbuch geschrieben hat: «Eines in Allem.» Der unglückliche ZZölderlin, aus einem Empfinden des Geistes im Weltenall, schrieb dem philosophischen Freund gerade in dieser Gegend die Worte ins Stammbuch: «Eines in Allem.» Oft ist es wiedergekehrt, das Wort, das in dieser Gegend aus tiefer Empfindung heraus geschrieben worden ist. Einem Manne ist es ins Stammbuch geschrieben worden, dessen philosophischer Geist ganz Deutschland und im Grunde genommen die ganze gebildete Welt erfüllt.
Denken wir weiter daran, wie im 18. und 19. Jahrhundert das Geistesleben gerade aus dieser Gegend seinen Ausgangspunkt genommen hat. Jene Theosophie, die damals allein da sein konnte, hat gerade in dieser Gegend ihren Ursprung genommen. Innerhalb des Schwabenlandes gab es theosophische Zentralen des 18. Jahrhunderts, von denen viele Kolonien ausgegangen sind, die zum Teil auch heute noch wirken. Denken wir daran, daß es ein Sohn dieses Gebietes war, der zu einem Seher des 18. Jahrhunderts nach Thüringen kam, Oetinger, der jene Theosophie vertrat, die damals möglich war. Er fand durch das Temperament, das ihm eigen war, jene Seherpersönlichkeit Mitteldeutschlands, die einen Namen trug, der gerade hier wieder lokale Bedeutung hat. Denken wir daran, daß aus dem Schauen des 'Thüringers Völker die Theosophie dieser Gegend reiche Quellen des Sehertums schöpfte. Denken wir daran, daß uns aus derselben geistigen Substanz dieser Gegend die großen Philosophen geschickt wurden, denken wir daran, daß so innig verwoben ist mit der geistigen Substanz dieser Gegend derjenige, der so populär geworden ist innerhalb des Geisteslebens, und der das schöne Wort gesprochen hat: «Ein unermeßlich Reich ist der Gedanke, und ein geflügelt Werkzeug ist das Wort.»
Wenn wir gedenken, daß wir Diener sein wollen des Geistes durch das Wort in diesem Bau, der in Symbolen und Formen ein Ausdruck des Geistes, dem wir dienen, sein soll, dann darf in unsere Seele hereinklingen in etwas veränderter Form, umgesetzt in unsere theosophischen Gedanken, ein Wort, das vor langer, langer Zeit ergriffen hat und erbaut unzählige Herzen, die alles, was sie übrig hatten, zusammengetragen hatten, um dem Geiste, dem sie dienten, einen Tempel zu bauen. Und derjenige, der dienen durfte mit seiner Person bei diesem Tempelbau, er sprach Worte, die wir übersetzen dürfen in unsere Sprache:
«Du Geist des Weltenalls, der Du dich verkündigst unserer wahren Selbsterkenntnis, Du hast gnädig das Wort gehalten, welches Du uns gegeben hast, da Du sahest unsere Arbeit, wie sie geleistet wurde seit Jahren von Deinen Dienern; und offenbar wird es heute in dieser Stunde. Zwar vermögen die weitesten Geistesräume Dich nicht zu fassen, großer Geist des Weltenalls, der Du mit Deinen Gedanken alle Deine Werke durchdringst, der Du wohnen willst in den Worten, die von unseren Lippen ertönen dürfen; wie viel weniger können Dich fassen diese Tempelmauern, die wir Dir erbaut haben. Siehe aber, Geist des Weltenalls, der Du Dich ankündigst in unserer wirklichen Selbsterkenntnis, auf den Willen zum Verstehen, auf die Sehnsucht nach Erkenntnis Deiner Diener! Siehe, Geist des Weltenalls, Durchdringer eines jeglichen Ichs, auf uns herab, und laß Deine Augen offen sein über diesem Bau, wo Du beschlossen hast zu wohnen! Erhöre unsere Gefühle, die danach drängen, durch unsere Arbeit des Einfließens Deines Geistes in die Räume, die wir Dir gewidmet haben, uns würdig zu zeigen!»
Ich mußte zu den Worten des Alten Testamentes, zu den Salomonischen Worten greifen, um das auszudrücken, was wir selber aus dem Geiste der mit der Welt fortgeschtittenen Menschenentwickelung heraus wie ein Gebet zu richten haben an den Geist des Weltenalls, der in allen Herzen wohnt, die nach wahrer Selbsterkenntnis streben. Wenn wir etwas in uns entwickeln können von den hingebungsvollen Gefühlen, durch welche in allen Zeiten aufgerufen worden ist der Geist einer Gemeinde gegenüber einem Bau, so laßt uns dieses Gefühl in unseren Herzen erstehen! Indem wir in diesem Raum weiterarbeiten, werden wir schon sehen, wie anders unsere Arbeit geleistet werden kann als in einem sonstigen gleichgültigen Raum.
Was witd denn hier vor allen Dingen möglich sein? Etwas, was wir brauchen, und was wir fassen können in ein einziges Wort: Sammlung unseres Geistes, Abgeschlossenheit unserer Seele, während wir uns hingeben den theosophischen Erkenntnissen. Wir können fühlen, was uns die Stimme des Weltenalls selber sagen kann, wenn wir uns versetzen in die Frühlingsstimmung. Wenn auch draußen Herbst ist, wir haben Frühling in diesem Raum. Dann können wir verstehen aus der Sprache des Weltengeistes in der Natur, wie gerechtfertigt es ist, Einkehr und Sammlung zu suchen. Wenn kommen sollten diejenigen, die sagen: Warum schließt Ihr Euch ab mit Eurer Arbeit, tragt sie nicht hinaus als Arbeit der Liebe -, dann antworten nicht wit, dann lassen wir antworten den großen Weltengeist, der aus den Werken der Natur selbst spricht. Wie viel hängt zusammen mit dem, was im Frühling geschieht! Was ist notwendig zum Heile der Pflanzenwelt, die im Frühling aus der Erde heraussprießt? Daß die Samen dem vollen Sonnenlicht der äußeren Wirksamkeit entnommen sind; damit sie erblühen können, müssen sie aber in die Dunkelheit, in die Abgeschlossenheit kommen, in die sie im Herbste eingehen. So müssen jene Geisteskeime vom Leben hereingetragen werden in die stille Heimstätte der Sammlung, der Erkenntnis, der Liebe und des Friedens, um hier still zu wirken wie der Keim im Schoße der Erde; und dann erst können sie wirksam hinausgetragen werden in den vollen Sonnenschein des Lebens. Solche Stätten sind für das Zusammenwirken der Menschheitsentwickelung notwendig, und insofern wir selbst Träger der besten Samen unseres Kulturlebens sein wollen, insofern ist es nötig, daß hereingetragen werde in die Verborgenheit, was von draußen gewonnen werden kann, was nur hier gepflegt werden, gedeihen kann.
So ist es eine wunderbare Karmaerfüllung, daß gerade auf diesen Boden unser erstes theosophisches Haus gestellt worden ist, wie ein Tribut des neuen Geisteslebens an das alte. Wenn der Geist, dem wir dienen, empfangen hat diese Hülle, fühlen wir uns selbst eingefügt in den Organismus des ganzen menschlichen Geisteslebens und wissen, daß wir im höchsten und heiligsten Sinn ein zeitgemäßes Werk vor uns haben. Zeitgemäß aus dem Grund, weil dieses Werk verbunden ist mit derjenigen Geistesströmung, welche gerade in der Gegenwart fließt aus dem Quell des spirituellen Lebens nach dem Karma der gesamten Menschheit.
Deshalb dürfen wir es uns heute gestehen: Denjenigen gegenüber, die wir als die Quelle unserer Arbeit, aber auch unserer Arbeitsmöglichkeit betrachten, fühlen wir, daß wir ihnen dienen durften mit diesem Werke. Wir durften den Meistern der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen, bei denen die Quellen unserer okkulten Erkenntnis liegen, dienen auch mit unserem äußeren Werk, und weil wir dieses fühlen dürfen, deshalb dürfen wir auch empfinden, daß sie uns helfen bei unserer Arbeit. Ihr Geist möge walten in diesem Raum, der aus theosophischer Hingabe entsprungen ist, den die Hingabe der Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen würdigen werden, einfließen zu lassen, was wir brauchen, die Kräfte der unsichtbaren Welten, um das, was unsere Seelen selber vermögen, zu stärken und zu kräftigen. Es steht mir vor der Seele, wie die Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen mit ihrem Wohlgefallen auf die heutige Stunde herabschauen und insbesondere auf die Gefühle, die in unseren Herzen leben, und die die besten sind, wenn wir uns geloben, das Werk der Meister in diesem Raum, den wir ihnen erbaut haben, zu erfüllen. Die Geister, die verbunden waren mit der Theosophie in ihrer besten Form, so lange sie besteht, sie werden ihre Hilfe hereinsenden in diesen Raum; so spricht das Gefühl, daß sie es tun mögen, so aber spricht auch ein Gebet, das an sie in stiller Art gerichtet sein möge. Wenn wirken die Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen, die wir anrufen, an einem Orte, wo wir streben nach Erkenntnis, nach Harmonisierung, nach einem Halt unseres Lebens, dann gedeiht dieses Werk.
Mögen diese guten Geister der theosophischen Bewegung ihren Segen dazu verleihen, wenn ich aus allen Ihren Herzen heraus in dieser Stunde schreiben möchte, nicht mit physischen Worten, sondern nur mit geistigen Worten etwas wie einen Geleitspruch über die Pforte dieses Hauses, der sich eintragen soll in unsere Herzen, so daß wir keine physischen Augen brauchen, wenn wir ihn lesen bei unserem Eintritt in dieses Haus, und den wir im Herzen behalten bei unserem Verweilen in diesem Haus, bei unserem Austritt aus diesem Haus, bei dem wir die Sehnsucht mitnehmen, immer wieder uns zur Pflege der Theosophie zu versammeln. Geschrieben sei über die Pforte:
Wer eintritt, bringe Liebe diesem Heim, Wer drinnen weilt, suche Erkenntnis an diesem Ort, Wer austritt, nehme Frieden mit aus diesem Haus!