Images of Occult Seals and Columns
GA 284 — 24 August 1923, Penmaenmawr
Die Kunst und Ihre Zukünftige Aufgabe
im Anschluß an einen Vortrag von Kunstmaler Arild von Rosenkrantz
Es wurde gewünscht, daß ich an die interessanten Ausführungen des Baron Rosenkrantz einiges anfüge über die Kunst und ihre zukünftige Aufgabe, und daß ich auch ein Bild geben sollte des Goetheanum, wie es in der Zukunft aussehen wird.
Ich möchte auf diese Fragen hin nur mit einigen Andeutungen antworten, mit Andeutungen, die sich mehr beziehen auf die Herausarbeitung eines künstlerischen Impulses oder künstlerischer Impulse in der Zukunft — wobei ich aber nicht meine, daß diese künstlerischen Impulse, ich möchte sagen, willkürlich oder absichtlich von irgendwelchen Menschen unternommen werden können; sondern gewissermaßen sieht man sie in demjenigen, was sich gegenwärtig vorbereitet, wohin sich gerade das Künstlerische in der nächsten Zukunft wird orientieren müssen. Ich meine das in der folgenden Weise.
Wir sehen in unserer Gegenwart auf der einen Seite fortdauern die alten Impulse des menschlichen Arbeitens, der menschlichen Zivilisation auf allen Gebieten, auf den Gebieten der Wissenschaft und des künstlerischen Schaffens, auf den Gebieten des religiösen Empfindens. Wir sehen aber auch, wie auf der anderen Seite in einer großen Anzahl von Menschen, in mehr Menschen, als man gewöhnlich denkt, unbestimmte Untergründe walten, Sehnsuchten nach irgend etwas. Diese Sehnsuchten, die möchte man gerade auf dem Gebiete des anthroposophischen Wirkens ergründen; man möchte gewissermaßen hinter sie kommen. Und mir scheint, daß in der Tat ein großer Teil dessen, was gerade in der Gegenwart als Anthroposophie sich geltend machen will, solchen unbestimmten, mehr oder weniger unbewußten Sehnsuchten zahlreicher Menschen in der Gegenwart entgegenkommt.
Also eben gerade deshalb, weil in den verflossenen drei bis vier Jahrhunderten im Grunde genommen die Intellektualität alles überflutet hat, weil die Intellektualität sich tiefer in die Menschenseelen hineingewurzelt hat als man denkt, deshalb finden die Menschen heute so schwer die Brücke von einer unbestimmten Sehnsucht zu demjenigen, was dieser unbestimmten Sehnsucht im irdischen Schaffen eine Offenbarung geben kann. Wir sehen das, wenn wir die Geisteswissenschaft selber betrachten.
Ich habe während meiner Vorträge hier öfter erwähnen müssen, wie diese Geisteswissenschaft allerdings durch Imagination, Inspiration, Intuition herausgeholt werden muß aus dem Forschen über die übersinnlichen Welten, wie aber, wenn diese Forschungen ihre Ergebnisse darlegen, der gewöhnliche gesunde Menschenverstand durchaus verständnisvoll an diese Forschungsergebnisse herandringen kann. Und es ist eigentlich nur das Haften an alten Vorurteilen, wenn man nicht genügend Kraft in der Seele findet, um vorurteilslos an die Ergebnisse der Geisteswissenschaft heranzukommen.
Dasjenige, was die Menschen heute so vielfach einwenden gegen diese Ergebnisse der Geisteswissenschaft, geht eigentlich hervor aus einer unbestimmten, tief unten in der Seele sitzenden Furcht. Die Menschen fürchten sich eigentlich im Grunde genommen vor den Ergebnissen der Geisteswissenschaft. Alles dasjenige, was die letzten Jahrhunderte heraufgebracht haben in der Menschheitszivilisation, widerspricht ja so sehr dieser Geisteswissenschaft, daß sie als ein den meisten Menschen völlig Unbekanntes auftritt. Vor dem Unbekannten fürchtet man sich immer; aber man will sich doch diese Furcht nicht gestehen, und so kleidet man sich diese Furcht in sogenannte logische Widerlegungen, in logische Kritik.
Derjenige, der die Dinge durchschauen kann, der sieht überall, wie die Logik der Gegner der Geisteswissenschaft im Grunde genommen nichts anderes ist, als eine Entschuldigung der eigenen Seele über die Furcht, die man vor ihr hat.
Und so ist es auf künstlerischem Gebiete. Man hört außerordentlich häufig: Ja, Geisteswissenschaft will durch Ideen, durch wissenschaftliche Feststellungen in die höheren Welten hinauf; aber die Wissenschaft unterdrückt das freie künstlerische Schaffen. Derjenige, der wirklich künstlerisch schaffen will, der müsse - so sagt man - frei sein von allen Ideen, von allen Erkenntnissen; er müsse aus der reinen Phantasie heraus schaffen. Und es gibt sehr viele Dichter, Maler, Musiker, also auf allen Gebieten Künstler, die nun die reine Furcht haben, daß, wenn sie zu viel an diese Geisteswissenschaft herankommen, ihnen dann ihre Phantasie austrockne; daß sie dann dazu kämen, ihre Phantasie nicht mehr frei entfalten lassen zu können, sondern gewissermaßen nur das wiedergeben würden durch Farben, durch Töne, was in der Geisteswissenschaft vorkommt.
Ja, sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden: beim alten Goetheanum hat es allerdings manchen Kampf gegeben. Es ist schon so, daß diejenigen, die nicht einen tiefgründigen künstlerischen Impuls haben, aus einer gewissen mißverständlichen Auffassung dieser Geistestrichtung zu einer Art äußeren Symbolik, äußeren Allegorik kommen. Ich kann schon gestehen, daß es außerordentlich viele Anthroposophen und 'Theosophen gegeben hat, die das Künstlerische gesucht haben in Ideen, die dann gemalt werden, oder meinetwillen auch manchmal sogar komponiert werden und dergleichen. Wenn man in einen solchen anthroposophischen oder theosophischen Raum hineinkam, und diese symbolischen und allegorischen, strohernen Bilder da sah: man konnte verzweifeln! Da war allerdings alles Künstlerische ausgetrieben! Ich kann sagen, daß es ja gewiß auch sehr gutmeinende Freunde gegeben hat, die, als das alte, verbrannte Goetheanum gebaut wurde, begonnen wurde, alles Mögliche von Symbolen anzubringen gewollt haben. Aber dagegen habe ich mich immer in der allerentschiedensten Weise gewehrt! Bei diesem Goetheanum mußte alles aus der wirklichen künstlerischen Form herausgeholt werden. Es mußte jede Linie, jede Formgebung so entstehen, daß die Sache rein innerlich künstlerisch angeschaut wurde.
Daher waren die Formen des Goetheanum eigentlich nicht zum Interpretieren, sondern im Grunde genommen nur zum Anschauen. Wenn Freunde oder sonstige äußere Besucher nach dem Goetheanum gekommen sind, so wollten sie immer herumgeführt werden, und sie baten dann, daß sie von dem oder jenem begleitet werden und daß man ihnen erklärt, wie da die Säulen gestaltet sind, die Kapitäle gestaltet sind, die Architrave gestaltet sind — wie die Dinge gemalt sind. Man sollte ihnen überall den inneren Sinn geben.
Ich hatte, wenn ich selbst Freunde führte, in der Regel als Einleitung gesagt: Dasjenige, was ich jetzt den Freunden oder den Besuchern werde zu sagen haben, ist mir außerordentlich unsympathisch. Und ich war noch nie mit einer solchen Antipathie besessen gegen dasjenige, was ich selber sage, als wenn ich diese Formen des Goetheanum erklären sollte; denn sie waren nicht dazu da, um sie zu erklären, um sie in. Begriffe zu fassen, sondern sie waren dazu da, angeschaut zu werden, künstlerisch, ästhetisch aufgefaßt zu werden!
Und warum konnte das sein? Das kann man am besten am Menschen selber anschaulich machen. Sehen Sie, man kann den Menschen studieren — studieren nach demjenigen, was die Wissenschaft der letzten drei bis vier Jahrhunderte eben als solche Wissenschaft herausgebracht hat. Da kommt man aber nur bis zu einem gewissen Punkt, nur höchstens bis zum physischen Organismus. In dem Augenblick, wo man in die höheren Glieder der Menschennatur hinaufgehen will, kann man es nicht, ohne daß man die Welt einlaufen läßt in ein künstlerisches Erfassen des Menschen, weil die Welt selber künstlerisch schafft da, wo sie geistig schafft. So daß niemand den Menschen begreifen kann, der nicht das Wissenschaftliche übergehen lassen kann in seiner eigenen inneren Anschauung in Künstlerisches.
Die gegenwärtige Wissenschaft kommt dann und sagt: Ja, derjenige, dem es passiert, daß er von der Wissenschaft in das Künstlerische übergeht, der geht ab von dem Wege der Logik, den Beobachtungen der Logik, die in der Wissenschaft da sein müssen. Der ist kein Wissenschafter mehr.
Man kann lange so deklamieren, meine sehr verehrten Anwesenden: Wenn aber die Natur nicht so schafft, wie man da deklamiert, wenn die Natur anfängt an einem bestimmten Punkte nicht mehr so naturalistisch logisch zu sein, sondern eben selber künstlerisch zu sein, dann kommt nur der an die Natur heran, der eben künstlerisch wird im letzten Augenblicke.
Und so ist es eben gerade bei der wirklichen Anthroposophie. Sie will nicht und kann nicht, weil das ihrem Wesen nicht entspricht, sie will nicht irgend etwas bloß lebendig Ideelles sein, sondern in einem bestimmten Augenblicke geht das, was lebendig wissenschaftlich in Ideen ausgesprochen wird, über in unmittelbar Künstlerisches, Bildnerisches. Und deshalb wird jedesmal, wenn man nur anfängt, den menschlichen Ätherleib zu beschreiben, auch die vorher meinetwillen noch der gegenwärtig gebräuchlichen Wissenschaft ähnliche Beschreibung unmittelbar übergehen in künstlerische Gestaltung, in künstlerische Verbildlichung.
Und sobald man dies intensiv begreift, dann wird man überall finden, daß Anthroposophie, daß überhaupt wahrhaftige Geisteswissenschaft nicht etwas Kunstfremdes oder gar Kunstfeindliches ist, sondern daß sie gerade in ein wirklich Künstlerisches in der Zukunft hinüberführen wird.
Im alten Goetheanum hat sich das wirklich in der Praxis gezeigt. Das alte Goetheanum hatte einen solchen Grundtriß, daß, wenn man sich eine Mittellinie zog, nach beiden Seiten hin die Achse symmetrisch war; dann aber war keine weitere Symmetrie da, außer der LinksRechts-Symmettie.
Die Säulen des Zuschauerraumes hatten Kapitäle, welche nicht alle gleich waren, sondern welche in einer fortschreitenden Entwickelung waren, und zwar so, daß das Kapitäl der ersten Säule links und rechts verhältnismäßig einfach war. Die zweite Säule hatte ein etwas komplizierteres Kapitäl. Und so ging das fort. Aber das künstlerische Schaffen an diesen Kapitälen war durchaus so, daß man innerlich in der Empfindung der Linie, in diesem Anschauen der Kurven alles in der Form am zweiten Kapitäl unmittelbar hervorgehen ließ aus dem ersten, das dritte wiederum aus dem zweiten. Und so überließ man sich rein dem Leben in Linien, Flächen, Kurven.
Und dabei ergab sich, daß man von selbst, möchte ich sagen, mit der siebenten Säule fertig war. Da hatte man eine Form bei den Linien, Kurven: darüber ging’s nicht mehr hinaus, da mußte man stehen bleiben.
Da sehen nun die Leute die sieben Säulen und meinen: das ist eine tief mystische Zahl, sie beruht auf einer alten Formel, auf etwas, das im Aberglauben weiterlebt und dergleichen. Aber so ist es nicht! Wenn man rein künstlerisch schafft, muß man beim Siebenten stehen bleiben. So wie der Regenbogen sieben Farben hat, die Musikskala sieben Töne hat von der Prim bis zur Oktave - die Oktave ist die Wiederholung der Prim -, so hat man sieben Säulen.
Aber noch etwas zeigt sich bei einem solchen Schaffen: Nun hat man das zweite Kapitäl durch Metamorphosieren, erlebtes Metamorphosieren aus dem ersten hervorgehen lassen, das dritte aus dem zweiten, und so weiter, hat sieben zustande gebracht. Dann steht man und schaut sich das an. Man schaut sich seine eigenen Sachen an und entdeckt allerlei daran, das man durchaus nicht hineingedacht hat! Da entdeckte ich zum Beispiel, als ich das siebente Säulenkapitäl hatte und es verglich mit dem ersten, daß, natürlich künstlerisch angegriffen, alle Formen, die am ersten konkav waren, konvex waren am letzten; und alle, die am ersten konvex waren, konkav waren am letzten. So daß, wenn man einiges umlegte, man das letzte ins erste hineinlegen konnte: also das siebente ins erste, das sechste ins zweite, das fünfte ins dritte, und das vierte blieb in der Mitte für sich stehen. Das ergab sich ganz von selbst.
Sehen Sie, da hatte man die Sicherheit, daß man gar nichts von menschlicher Willkür in die Dinge hineingeheimnißt hat, sondern daß man aus dem Leben der Formen selber heraus gearbeitet hat; daß man sich verbunden hat mit der schaffenden kosmischen Welt selber; daß man auch an den Pflanzenmetamorphosen dies umfaßt, daß man also auch, was in der Natur waltet und webt, auf einer anderen Stufe erfaßt; daß das, was man tat, nicht menschliches Allegorisieren war, sondern daß man sich gewissermaßen hineinverwoben hat in das Naturschaffen, und nun wie die Natur schuf.
Das aber ist auch das wahre künstlerische Schaffen, und auf das werden alle Künste in der Zukunft mehr oder weniger zurückkommen. Das war das künstlerische Schaffen in allen großen Kunstepochen. Und das ist dasjenige, was ja auch entgegengeleuchtet hat in allen einzelnen Ausführungen des ausgezeichneten Vortrages von Baron Rosenkrantz. Das ist dasjenige, was Sie sehen können überall da besonders, wo neue künstlerische Impulse in der Erdenentwickelung auftauchen. Von neuen Impulsen bekommt man dann den Mut und die Hoffnung, daß wirklich aus dem, was in der Geisteswissenschaft erlebt werden kann, neue Kunstformen hervorgehen können.