Images of Occult Seals and Columns
GA 284 — 16 October 1911, Stuttgart
IN WELCHEM SINNE SIND WIR THEOSOPHEN UND IN WELCHEM SINNE SIND WIR ROSENKREUZER? Stuttgart, am
Was einer spimituellen Bewegung am meisten schaden kann, ist die Einseitigkeit. Wir müssen uns nämlich, wenn wir uns einem solchen Betrachtung hingeben, wie der über die okkulten Gesichtspunkte des Stuttgarter Baues, darüber klar sein, daß mit der Betonung irgendeiner einzelnen Wahrheit ein starkes Licht auf diese Wahrheit fällt, und man kann dann leicht verkennen, was auch zu beachten ist, nämlich die andere Seite der Sache. Um zu einer umfassenden Ansicht zu kommen, muß man sich das immer vorhalten. Man muß zum Beispiel zu allem, was gestern gesagt worden ist, noch eines hinzufügen. Gewiß, eine noch größere Vollkommenheit ist dann erreicht, wenn wir rein in Gedanken um uns herum eine solche Tempelstätte aufrichten können; wenn wir uns vorstellen können, in Gedanken von einer solchen Heimstätte umschlossen zu sein. Dazu müßten unsere Gedanken so stark sein, daß sie in einer ähnlichen Weise wirken wie eine physische Heimstätte. Das läßt sich erreichen durch eine starke Kraft der Konzentration, wenn wir einsam für uns befolgen solche Regeln, wie sie gegeben sind in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» Aber, um uns jetzt keine falschen Vorstellungen von dem Notwendigkeit eines solchen Baues zu machen, müssen wir uns sagen, daß, wenn wir in der Zweigambeit uns unseren Betrachtungen hingeben, wir nicht nur das brauchen, daß wir als einzelne die Bedingungen unserer Konzentration herstellen, sondern auch, daß wir durch unsere Umgebung möglichst wenig gestört werden.
Da der Mensch nicht nur aus dem physischen Organismus besteht, sondern auch aus übersinnlichen Gliedern, und diese tätig sind und Beziehungen herstellen zu unserer Umgebung, so ist es notwendig, wenn wir unser physisches Denken anstrengen, daß wir unsere Willens-anstrengungen unterstützen für den ätherischen und astralischen Leib. Das können wir, wenn wir für unser Unterbewußtsein, das heißt für den Äther- und Astralleib, solche Bedingungen herstellen, wie sie am besten hergestellt werden können, wenn wir in einer okkulten Umgebung sind. Deshalb ist ein solcher Bau eine große Wohltat und wird zur Notwendigkeit für uns. Das müssen wir ins Auge fassen, daß die großen Wahrheiten in einer gewissen Beziehung für den Menschen zugleich Schwierigkeiten sind. Sie sind etwas, was der Mensch erst ertragen lernen muß, was zunächst schockierend sein kann, was ihn umwerfen kann, weil es so wenig mit seinem Alltäglichkeit zusammenstimmt. Um daher in einer möglichst günstigen Weise an die höheren Wahrheiten herantreten zu können, ist es notwendig, eine solche Raumesumgrenzung zu schaffen, daß in der Tat jene spirituellen Erkenntnisse, die auf uns warten, zu uns hereinkommen dürfen. Und die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen haben in unserem Zeitalter die Möglichkeit, uns vieles zu überliefern. Gerade seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sind viele Tore gegenüber der geistigen Welt offen, und es können viele Ströme des geistigen Lebens zu uns hereingeleitet werden.
Es darf gesagt werden, daß gerade in den nächsten Zeiten, denen die Menschheit gegen-wartig entgegenlebt, immer günstiger die Bedingungen werden für das Hereinfließen von wichtigen spimituellen Erkenntnissen, die den Menschen stark vorwärtsbringen können in jedem Beziehung. Um aber die Hemmnisse hinwegzuschaffen, die dadurch erwachsen, daß die Menschen, nachdem sie gerade aus dem Materialismus herausgeschlüpft sind, noch nicht reif sind für die großen Wahrheiten, müssen wir in uns eine Stimmung erzeugen, die weniger Gefahr dem Störung bedeutet. Das kann durch eine würdige Umgebung geschehen. Und überall, wo in unserem Sinne jetzt gerade Sorge getragen werden soll, daß alles zusammenstimmt, da wird wirklich alles eingehalten, was der okkulte Standpunkt fordert.
Es ist natürlich, daß der einzelne, der in die Theosophie hereinkommt, mit seinen Bedürfnissen und Wünschen nach der einen oder anderen Seite sehr weit geht; und es ist schwierig, weil auf der anderen Seite die Einsicht nicht da sein kann, Dinge, die der andere für berechtigt hält, versagen zu müssen. Es ist oft gar nicht die Einsicht da, daß das Versagen zum Besten des anderen ist, und so ist es insbesondere, daß Von einzelnen vielleicht recht schwer abgewartet werden kann, die Antwort auf die eine oder andere Frage zu bekommen. Man ist so sehr gewöhnt, weil alles Wissen exoterisch ist, zu erwarten, daß im Grunde genommen alles, was ein Mensch fragen kann, immer beantwortet werden kann. Aber dazu gehören mindestens zwei Dinge: Das eine ist, daß der Betreffende, der die Antwort haben will, in der Lage ist, sie zu verstehen; das heißt, daß er sich durch seine ganze theosophische Entwickelung so weit gebracht hat, um die Antwort zu verstehen. Man hat aus abstrakten Gründen heraus viel früher das Bedürfnis, Fragen zu stellen, als die Möglichkeit da ist, die Antwort zu verstehen, die aus okkulten Welten heraus gegeben wird. Das andere ist, daß der Gefragte die Antwort weiß. In bezug auf gewisse spirituelle Erkennmisse sind wir gerade in einem solchen Stadium, daß sehr leicht für unsere ganze Zeit, nicht nur für den einzelnen Menschen, eine Frage sehr verfrüht sein kann, wenn uns auch die richtige Form der Antwort im Laufe der Zeit zweifellos gegeben wird. Deshalb habe ich im Karlsruher Zyklus gesagt, daß etwas gehört zum Okkultismus, das ist: Warten können! Das muß insbesondere derjenige, der vielleicht eine gewisse Entwickelung durchgemacht hat; am allermeisten, wer eine gewisse Höhe der okkulten Entwickelung erreicht hat. Wenn man alles daransetzt, in einem gewissen Zeitpunkt eine Frage zu beantworten, so kann sehr leicht der Verstand, der immer antworten will, eine Antwort hervorzaubern, auch aus dem Gemüt des geschulten Okkultisten. Diese Antwort ist nicht nur falsch oder ungenügend, sondern sie benimmt die Möglichkeit für längere Zeit, überhaupt an die richtige Antwort heranzukommen. Daher ist das Wartenkönnen, bis man begnadet wird, aus der spirituellen Welt eine Antwort zu bekommen, eine Notwendigkeit.
Aber das bezieht sich nicht nur auf die höchsten Fragen, sondern auch auf elementare Fragen. Es ist auch für den geschulten Okkultisten sehr leicht die Versuchung da, die Antwort aus sich selbst zu nehmen; dann wird er leicht fehigehen können. Ein Beispiel sind die zwei Bilder. Unser Freund Stockmeyer hat schon lange davon gesprochen, daß er sie fertigen wolle. Die Antwort über die Idee wurde ihm versprochen, sobald die Möglichkeit dazu vorliege. Das hat lange gedauert. Die Bilder sind auch zur Verzweiflung des Architekten reichlich spät fertig geworden. Woran lag die Schuld? Daran, daß die Antwort erst sehr spät gegeben werden konnte, die als eine Art okkulter Angabe zu diesen Bildern notwendig war. Man mußte abwarten, bis die Intultion da war. Ausdenken könnte man diese Ideen sehr leicht, aber dann taugen sie nichts.
Das ist es, was so notwendig ist: daß man nicht nur sozusagen einen geraden Weg geht, sondern auch die Resignation hat, nichts auszuklügeln; den Verstand nur anzuwenden auf die okkulten Wahrheiten, wenn sie da sind, nicht aber, um sie zu finden; dazu muß der Verstand ganz ausgeschaltet werden. Wenn sie da sind, dann müssen sie vom Verstand behandelt und begründet werden, er muß das logische Gepräge geben. Das muß man geradezu als eine gewisse Praxis ausbilden, wenn man vorwärtskommen will; gerade wenn man vielleicht Einzelheiten, die sonst elementar sind, braucht, um sie in einen ganzen Zusammenhang einzufügen.
Wie wird es dann sein, wenn wir in München einen großen Bau ausführen wollen, und wir zur rechten Zeit den Sinn nicht haben, der hineingelegt werden soll? Ja, wir sind eben Theosophen und wissen, daß nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern für alle Zusammen-hänge Karma wirkt. Wenn wir diesen Glauben haben, dann wissen wir: wenn eine Sache notwendig ist, so kann sie uns warten lassen, aber sie kommt schon, und zwar zur rechten Zeit. Wir können nur nicht beurteilen, wann die rechte Zeit ist. Dazu brauchen wir Vertrauen in die Zukunft. Wenn sie nicht kommt, dann soll sie nicht für uns sein. Das ist nicht Fatalismus, denn ein solcher Glaube hält uns nicht davon ab, alle Anstrengungen zu machen, aber er lenkt unsere Anstrengungen in die rechten Bahnen. Wir machen nur keine falschen Anstrengungen mit unserem Verstand, sondern wollen uns vorbereiten für den Augenblick, wo wir begnadet werden sollen. Es ist besser, anstatt sich vor einem Blatt Papier zu zerquälen, sich in gebetartiger Meditation zu versenken und Karma zu bitten, daß dieser Augenblick der Intuition komme.
Damit hängt auch zusammen, was man die richtige Auffassung nennen könnte vom Rosenkreuzerprinzip. Wenn ein pedantischer exoterischer Kenner des Rosenkreuzertempels in diesen Bau hereinkommen würde und würde sich erinnern an die Regeln, die ihm gelehrt worden sind aus alten Überlieferungen heraus, er würde sagen: Ihr habt alles falsch gemacht, das ist nicht rosenkreuzerisch. - Wir würden antworten müssen: Das, was du verlangst, wollen wir nicht und können es auch nicht wollen. Denn Rosenkreuzertum heißt nicht, bestimmte Wahrheiten durch alle Jahrhunderte forttragen, sondern es heißt, den Sinn entwickeln für das, was eine jede Zeit aus der geistigen Welt heraus dem Menschen geben kann. Was vielleicht im 14. Jahrhundert falsch sein konnte, ist gerade in unserer Zeit richtig und muß in unserer Zeit so gemacht werden, denn die Beziehungen der geistigen Mächte um uns herum fordern gerade diese Gestalt. So ist dieser Bau nicht nach einer alten Schablone, sondern nach den Forderungen unserer Zeit gemacht. Denn was ist diese Forderung von seiten der spirituellen Mächte?
Ich halte fast keinen Vortrag, ohne daß ich, wie das sprachlich möglich ist, wenn es auch nicht grammatikalisch richtig ist, das Wort «theosophisch» gebrauche. Viele würden vielleicht unsere Anrede « Meine lieben theosophischen Freunde» tadelnswert finden. Dieses Wort wird absichtlich gebraucht, weil der Grundnerv dessen, was unsere Aufgabe ist, gerade durch dieses Wort charakterisiert werden kann. Theosophie ist etwas, was zu allen Zeiten in der Menschheit gelebt hat, was gepflegt worden ist zu allen Epochen in der Art, wie die Menschen nach ihren Anforderungen es pflegen mußten, zuweilen in größeren Kreisen, zuweilen in engsten Zirkeln, ganz nach den Beschaffenheiten der einzeinen Epochen. Theosophie ist dasjenige, was, nachdem alle Entwickelungen vorangegangen sind, heute in eine solche Form gebracht werden kann, daß es in gewissen Grenzen einziehen kann in jedes Menschenjch, jedes Gemüt und jede Art von intellektueller Reife. Es brauchte heute keinen Menschen zu geben, der, wenn er den guten Willen hätte, Theosophie in sich nicht aufnehmen könnte. Deshalb ist Theosophie auf der einen Seite etwas Ewiges, auf der anderen Seite eine spezielle Aufgabe unserer Zeit. Von diesem Gesichtspunkt aus müssen wir uns als die Träger betrachten derjenigen Weltenströmung, welche man als die theosophische zu bezeichnen hat.
Daß innerhalb dieser Strömung, je nachdem was der einzelne zu erkennen vermag, die verschiedensten Schattierungen stattfinden können, sollte selbstverständlich sein und ist in unserer Bewegung auch jederzeit so bezeichnet worden. Wenn Theosophie Gesinnung wird, schafft sie den Boden, auf dem die verschiedensten Erkenntnisse erblühen können; aber sie müssen auf den Wegen wirklicher Wahrheit gewonnen sein. Es ist ja unter denjenigen, welche den Grund-nerv des Okkultismus verstehen, immer so, daß sie sich gar nicht gegenseitig stören können. Es ist nicht möglich, daß sich Menschen stören, die in okkulter Praxis drinnenstehen und dadurch, daß sie von verschiedenen Ausgangspunkten ausgehen, zu anderen Formulierungen kommen. Das ist strenges Gesetz. Bekämpfen darf der Okkultist nicht, wenn er sieht, daß richtige Ausgangspunkte und richtiges Streben da sind bei anderen Okkultisten, auch wenn er deren Formulierungen ungeschickt findet. Daß verschiedene Okkultisten das, was sie zu sagen haben, in verschiedener Weise formulieren, kann von verschiedenen Ausgangspunkten herstammen, und davon, je nachdem sie für nötig halten, dieses oder jenes herauszuholen aus den höheren Welten.
Anders wird es, wenn die ganz bestimmte Ansicht sich ergeben muß, daß andere Strömungen eben nicht auf demselben Niveau stehen und einfach mit elementareren Bedingungen zu Werke gehen und dann behaupten, daß das die letzte Wahrheit sei. Einen höheren Standpunkt nicht zu erkennen, das ist falsch. Wenn jemand sagen würde, daß dasjenige, was in unserer Geistesströmung als die Christus-Wesenheit durch viele Bemühungen seit Jahren immer klar-gemacht werden soll, etwa sich mehr als einmal auf der Erde in einem fleischlichen Leib inkar-nieren kann, woher würde diese Behauptung rühren?
Aus dem, was Sie gehört haben und noch hören werden, werden Sie die absolute Klarheit bekommen, daß es ein solches Wesen gibt, das gerade so wirkt, daß es nur einmal in einem physischen Leib durch drei Jahre verweilen konnte und nicht immer wiederkommen kann im physischen Leib. Das ist eine Wahrheit, die allerdings immer aus dem Rosenkreuzertum heraus betont worden ist, wie auch im Mysterium scharf beleuchtet wurde. Wer das nicht kennt, kann von einer weniger in diese Regionen hineingehenden Erkenntnis zu einer unrichtigen Formulierung kommen; unrichtig, weil sie den Namen Christus gebraucht. Dagegen ist es möglich, zu sagen: Warum spricht der andere anders? - Er spricht anders, weil er das gar nicht hat in seinen Gedanken, was wir hier den Christus genannt haben. Er bezeichnet etwas anderes als Christus. Von dem könnte das, was er sagt, vielleicht gesagt werden, aber es ist nicht das, wovon in dieser Strömung gesprochen wird, weil es unbedingte Notwendigkeit unserer Zeit ist - als Forderung der Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen -, daß von dieser hohen Wesenheit gesprochen wird, die wir mit dem Christus-Namen nennen und wiedererkennen, wenn wir die Evangelien lesen und identifizieren dürfen mit dem, was seit zwei Jahrtausenden so bezeichnet wird. Das ist ein historisches Recht, kein absolutes natürlich!
Wenn auch diese Erkenntnis seit zwei Jahrtausenden sehr unvollkommen war, sie ist so bezeichnet worden und wir tun dasselbe aus historischen Gründen. Deshalb sollte dieser Name nicht von anderen Wesenheiten gebraucht werden. Das ist etwas, was immer betont worden ist und was heute in Wahrheit für jeden Menschen ganz leicht verständiich sein kann. Es ist interessant zu verfolgen, wie schwierig es allerdings ist, über diese Sachen zur Klarheit zu kommen, aber diejenigen, die nicht von vornherein eine besondere Sympathie haben, auf feinere Erörterungen sich einzulassen, werden es als unbequem empfunden haben, daß wir uns die Sache mit dem Christus so gar nicht leicht machen. Das konnte man wieder in Karlsruhe sehen; was da gebracht wurde, war nur möglich, weil alles andere vorangegangen ist. So ist es ja heute noch nicht ganz leicht, zu dem Christus-Prinzip zu kommen, aber es ist eine Notwendigkeit, die uns auferlegt wird von den Leitern der spirituellen Bewegung.
Es ist sehr merkwürdig, daß eine gewisse Schwierigkeit bestanden hat, gerade die speziellen Forschungen des Rosenkreuzertums in die theosophische Strömung einfließen zu lassen, und sogar das Verhältnis dieser Bewegung hier wird sehr mißverstanden, gerade inwiefern diese Bewegung den Namen einer rosenkreuzerischen verdient. Ich werde aber niemals sagen: Meine rosenkreuzerischen Freunde! Daraus können Sie entnehmen, daß es nie darauf angekommen ist, das Rosenkreuzerische als etwas Ausschließendes zu betrachten. Wenn ein außerhalb unserer
Bewegung Stehender sagen wollte, wir waren Rosenkreuzer, so wäre das nicht nur ein Mißverständms, sondern eine etwas verleumderische Bezeichnung für unsere Bewegung.
Da kommt mir immer in den Sinn, wie einmal ein Mensch auf dem Markte behauptet hat, jemand sei ein Phlegmatiker, und eine Frau sagte: Was, das soll der sein, und ich weiß doch, daß er ein Metzger ist! - So ist das wirklich, wenn man uns, um etwas Unterscheidendes hervorzuheben, Rosenkreuzer nennt. Das hat gar keinen Sinn. Das Rosenkreuzertum ist in unsere Strömung eingeflossen, es wird mitverarbeitet, in gewissem Grade auch praktiziert.
Wie schwer es ist, diese Strömung einfließen zu lassen, sehen Sie an dem eigentümlichen Schicksal derjenigen Persönlichkeit, zu welcher wir als der Bewegung angehörig alle mit großer Verehrung aufsehen: H.P. Blavatsky. Wenn Sie ihre Entwickelung verfolgen von der «Entschleierten Isis» bis zur «Geheimlehre», dann werden Sie sehen, daß in die «Isis» eine große Summe von rosenkreuzerischen Erkenntnissen eingeflossen ist. Sie hat dann eine Schwenkung gemacht aus Gründen, die jetzt nicht erörtert werden können, in der «Geheimlehre», die das, was hätte ausgebaut werden können, nicht ausgebaut hat, dagegen einen Seitenweg einschlug. Wie stark aber diese rosenkreuzerischen Prinzipien gewirkt haben, kann man im dritten Band der «Geheimlehre» sehen. Da findet man die größten Wahrheiten neben wirklich Unmöglichem. Wer Unterscheidungsvermögen hat, kann daran auch anknüpfen, was heute geoffen-bart wird. So ist es gekommen, daß H.P. Blavatsky mit aller Schärfe betont hat, daß der Christus, der wiederkommen soll, niemals in einem solchen Sinne verstanden werden dürfte, als ob er im fleischlichen Leib wiederkommen würde; daß unter dem kommenden Christus nur verstanden werden dürfte ein Ereignis, das der Mensch erlebt durch einen Zusammenhang mit einer geistigen Welt. Wir stehen durchaus auf ihrem Boden, wenn wir in klarerer Weise, als es ihr möglich war, herausarbeiten, was sie angeregt hat. Wenn sie sich mit solcher Schärfe dagegen wendet, daß der Christus sich im Fleische wieder inkarnieren könnte, ist es nicht leicht, daß derjenigen Bewegung, die eben die unsere ist, der Vorwurf gemacht wird, daß gerade mit ihren bedeutendsten Erkenntnissen, die nur manchmal nicht gut formuliert sind, gebrochen wird. Es ist Kontinuität, und wir haben nicht nötig, diesen Bruch mit dem ursprünglichen Ausgangspunkt zu vollziehen, indem wir in irgendeinen Konflikt damit geraten würden, was den kommenden Christus betrifft. Trotzdem stellen wir jederzeit das Richtige an die Stelle des Falschen; aber in vielen Dingen können wir zurückgehen zu den ursprünglichsten Aufstellungen von H.P. Blavatsky. Und wir können wissen, daß sie in der Form, in der sie jetzt lebt, durchaus will, daß die Kontinuität fortentwickelt wird, die nicht ein Festhalten an den Formulierungen, sondern ein Arbeiten sein soll in dem Geiste, der damals war. Es war kein Geist des Stillstandes, am wenigsten ein Geist des Rückschrittes! Wir arbeiten am besten, wenn wir das bringen, was H.P. Blavatsky noch verschlossen war. Namentlich seit 1899 haben sich die Tore noch ganz anders geöffnet.
Wir versuchen, ohne Rücksicht auf irgend etwas Vorangehendes einzudringen gerade in die Bedeutung und Wichtigkeit des Christus-Prinzips. Das führt uns natürlich dazu, anzuknüpfen an diejenigen okkulten Forschungen, die gerade seit dem 13. Jahrhundert in Rosenkreuzer-kreisen mit besonderer Sorgfalt gepflegt wurden. Aber wer die verschiedenen Zyklen angehört hat, wird wissen, daß es sich gar nicht darum handelt, Rosenkreuzertum, wie es war im 13. Jahrhundert, heute zu lehren. Wir sind Rosenkreuzer des 20. Jahrhunderts! Es kommt uns gar nicht auf etwas anderes an, als an jene Prinzipien, die das Rosenkreuzertum gehabt hat, anzuknüpfen, sie nutzbar zu machen im theosophischen Fortschritt. Aber wir müssen - das geht nicht anders - das, was dadurch gefunden worden ist, auf allen Gebieten für ein Höheres anerkennen, als was sonst in der Welt in Beziehung auf das Christus-Prinzip gegeben worden ist.
Wir müssen aber zugeben, daß über der Energie, mit der dieses Prinzip herausgearbeitet worden ist, zurücktraten die Lehren von Karma und Reinkarnation. So ist es nicht der Geist einer historischen Epoche, auch nicht der Geist des Rosenkreuzertums, sondern der Geist der Wahrheit, um den es sich allein handelt. Ganz einerlei ist es uns, wo dieses oder jenes Bekenntnis auftritt. Um den Geist der Wahrheit handelt es sich; und deshalb wird auch alles Einschachteln in Kategorien und Schablonen gerade für unsere Bewegung immer Mißverständmsse hervor-rufen müssen. Wir wollen nur der Wahrheit dienen. Nicht was diese oder jene Zeit gesagt hat, wollen wir vertreten, sondern das, was hereinfließt aus der spirituellen Welt. Was anerkannt werden kann durch menschlichen Verstand, das gilt uns, danach führen wir unsere Bewegung weiter, und gegenüber allen anderen Bekenntnissen dürfen wir uns Theosophen nennen, nach dem ersten Grundsatz unserer Bewegung: Keine Religion steht höher als die Wahrheit. In dieser Beziehung stehen wir auf dem allertheosophischsten Boden. Deshalb umgeben wir uns nicht mit irgendwelcher nach rosenkreuzerischer Schablone geschaffenen Umgebung, sondern mit derjenigen, die uns gerade für einen individuellen Zweck angegeben wird. Dazu ist zum Beispiel äußere Bedingung die Größe des Raumes. Vielleicht hätte man gar nicht dieses oder jenes zugeben können, wenn der Raum größer oder kleiner gewesen wäre. Kein Schema kann gelten, sondern das Abwarten, was als Gnade aus geistigen Welten uns zukommt. Das heißt, all unser Streben geht danach, das zu verstehen, was so emfach klingt: das Herz zu öffnen für die geistige Welt, die immer um uns ist; zu verstehen ein solches Wort, wie der Christus Jesus gesprochen hat: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.
Niemand wird sagen können nach dem, was in den verflossenen Jahren vertreten worden ist, daß wir ein Christentum vertreten, wie es in den ersten Jahrhunderten zugrunde gelegt worden ist. Wir wollen uns die Gesinnung aneignen, dem Christus nahezukommen, wie er heute lebt; und erst wenn wir erkannt haben, daß dieser Christus ein Lebendiger ist, wollen wir beleuchten dasjenige, was in früheren Zeiten geschehen ist. Ebenso halten wir den Buddha für einen Lebendigen, der sein Prinzip befolgt, daß der Buddha nicht mehr ins Fleisch zurückkommt. Wenn jemand das behaupten würde, so wäre zu erwidern, daß er nichts von Buddhismus versteht, denn wer vom Bodhisattva zum Buddha aufgestiegen ist, der kehrt nicht wieder. Denn der Buddha lebt und wirkt gerade in unserer Bewegung und beleuchtet das, was er vor 2500 Jahren geleistet hat, in dem, was er heute wirkt. Wie nur der über Buddha sprechen darf, der ihn kennt, so darf auch nur der, der den Christus kennt, über ihn sprechen. Da können wir sagen, wenn ein Wesen von hoher Bedeutung im fleischlichen Leib vertreten wird: Als Tatsache mag es richtig sein, aber mit dem Christus hat es nichts zu tun. - Tatsache ist, daß, wer sich vertieft in das Wesen des Christus, der kommt schon dazu, zu verstehen, daß der andere irrt. Niemals kann es umgekehrt sein. Das macht Schwierigkeiten, aber das muß derjenige insbesondere berücksichtigen, der Gelegenheit hat, theosophische Prinzipien in wahrem Sinn in wahrster Toleranz zu üben auch dem Irrtum gegenüber. Aber Toleranz üben, das heißt nicht, sich zum Irrtum bekennen, sondern ihn in Liebe zu behandeln, sonst wäre es Sünde wider den Heiligen Geist. Wir müssen Toleranz üben, gerade, weil wir in Beziehung auf den Christus das rosenkreuzerische Prinzip vertreten. Wir können darauf warten, bis man uns Opposition macht, gerade über den Christus. Verstehen Sie dieses Wort, das Prinzip echtesten Wahrheitssuchens und auf der anderen Seite echter Toleranz, so können Sie sich selbst die Frage beantworten:
In welchem Sinne sind wir Theosophen und in welchem Sinne sind wir Rosenkreuzer.
BERICHT ÜBER DIE EINWEIHUNG DES STUTTGARTER HAUSES
[Vetfasser nicht bekannt]
Der Sonntag des 15. Oktober 1911 brachte unserem gesamten theosophischen Leben ein Ereignis von - man kann wohl sagen - geschichtlicher Bedeutung! Es brachte zunächst für Stuttgart die Erfüllung einer langgehegten Sehnsucht, einer Sehnsucht, welche mehr oder minder im Herzen eines jeden feinfühligen Theosophen schlummert, und welcher von Dr. Steiner mit den Worten Ausdruck verliehen wurde: «Umgeben zu sein von einem Heim, von einem Raum, der unser ist.»
Jn schwäbischen Landen, auf einem, durch seine okkulten Traditionen wie prädestiniert erscheinenden Boden, war in aller Stille, mit Hilfe rastios tätiger, hingebungsvoller Kräfte, das große Werk herangereift: ein eigenes theosophisches Haus an geeigneter Stelle zu erbauen! Und schon 91/2 Monate nach der feierlichen Grundsteiniegung durch Dr. Steiner war das, was erst nur im schöpferischen Geiste des Erbauers gelebt hatte, schon zu einer wunderbar harmonischen Wirklichkeit auf dem physischen Plan emporgewachsen, einer Wirklichkeit, welche nicht schöner bezeichnet werden konnte als mit den Worten: «Theosophie umgesetzt in künstlerisches Können!» - Alle diejenigen unserer Mitglieder, welche als Gäste der Stuttgarter Loge von nah und fern, zum größten Teil auch mit dem Karlsruher Sonderzuge, herbeigeeilt waren und nun am Frühnachmittage des 15. Oktober den sonnenhellen, stattlichen Bau sich entgegen-grüßen sahen, sie waren sich wohl bewußt, daß sie gewürdigt, hier etwas ganz Besonderes, ganz eigenartig Bedeutungsvolles zu erleben! Wie ein andächtiger Schauer mußte die Seele eines jeden Anwesenden das Bewußtsein durchziehen, daß hier in Wahrheit eine theosophische Tat getan, daß - um abermals mit Dr. Steiners Worten zu sprechen - « dem Geiste dem wir dienen, ein Tempel gebaut worden war».
Und über alles Erwarten schön und einheitlich wirkte nun auf den Beschauer das ganze, mit so viel verständnisvoller Liebe entworfene Innere dieses weihevollen Tempeiraumes! Es gibt, wenn man so sagen darf, einen Maßstab für die Wirkungsfähigkeit alles dessen, was sich aus dem künstlerischen Empfinden heraus zu einer Realität gestaltet; es ist der Maßstab, der sich in dem unwillkürlichen Empfinden auslöst: es kann ja anders gar nicht sein, als wie es ist! Nichts von dem, was unser Auge hier erblickt, sieht nach einer berechnenden Effekthascherei, nichts sieht nach einer gewollten Absichtlichkeit aus. Alles vielmehr ist geeignet, die rechte Stimmung und die wahre Seeleneinkehr zu erzeugen, die mit einem solchen, theosophischer Arbeit dienen sollenden Bau, verbunden sein muß. Gerade so mußten auch die mystisch gedämpften Farbentöne der Lampen von den Wänden herunterglänzen, oder die klare Tageshelle aus dreieckig umrahmten Fensterovalen auf die versammelte Menschheit herniederströmen! Überall sah man die symbolische Dreieckform sich in der äußeren Linienführung, sogar der Stühle wiederholen und sich eingliedern in die erhabene Stilistik des Ganzen. Als einzigen Schmuck der Wände erblickte man die beiden, tief okkulten Stockmeyerschen Bilder, den Sieg des Geistes über die Materie uns eindrucksvoll vor Augen stellend. - Wer dann seine Blicke zur Decke erhob, der sah dieselbe wie ein hohes leuchtendes Zeltdach sich ausbreiten über den Raum und am Rande ringsherum sich ergießend in ein wohlbekanntes okkultes Tropfenmotiv.
Gleiche Rechte für alle - dieser Grundsatz schien sich auch in der weisen Ausnutzung des großen länglichen Raums bemerkbar zu machen: von den Plätzen im Saale sowohl, als auch von den Emporen aus, konnte ein jeder das am äußersten Ende des Saales sich erhebende Rednerpult frei und ungehindert überblicken. Unendlich stimmungsvoll wirkten die im Lichte der elektrischen Flammen aufblühenden roten Rosen des an der Vorderseite jenes Pultes angebrachten Kreuzes; hinter dem Rednerpulte aber befand sich noch, verdeckt von einem sehr künstierisch entworfenen, altarartigen Aufbau, ein herrliches, orgelartig klingendes Harmonium, dessen feierliche Töne bei Beginn der Einweihung den ganzen Raum erfüllten, wie ein mystischer Zusammenkiang des hohen Gefühlserlebnisses: «Eines in Allem!»
Tief dankbaren Herzens mußte es so ein jeder empfinden, daß in dieser neuen theosophischen Heimstätte wirklich etwas Aufblühendes, etwas dem Frühling Verwandtes, zur Entfaltung kam, und daß eine begnadete Künstlerhand den Meistern der Weisheit hier, in Wahrheit und im heiligsten Sinne, hatte dienen dürfen! - Die Einweihungsrede Dr. Steiners ließ die versammelten Zuhörer dies alles noch einmal in innerster Seele bewußt empfinden, und zur großen Freude aller theosophischen Mitglieder sind wir schon jetzt in der Lage, die von Herrn Dr. Unger freundlich zur Verfügung gestellte Nachschrift dieser Rede in den Mitteilungen zum Abdruck zu bringen, sowie auch ein Protokoll der ganzen sonstigen Eröffnungsfeier. Die beiden anderen, im Anschluß daran noch in Stuttgart gehaltenen Vorträge Dr. Steiners, vom 15. Oktober abends über: «Die okkulten Gesichtspunkte des Stuttgarter Baues» und vom
- Oktober mittags über das Thema: «In welchem Sinne sind wir Theosophen und in welchem Sinne sind wir Rosenkreuzer?», diese beiden Vorträge sollen ebenfalls schon in kürzester Zeit im Druck erscheinen, da sie das allgemeine Interesse in hohem Grade beanspruchen dürften!
Vieles bliebe noch übrig, über das schöne Stuttgarter Theosophenheim und seine verschiedenen, ihren Zwecken so wohl angepaßten Räumlichkeiten zu sagen, wie zum Beispiel über das ganz in Rot gehaltene Vorstandszimmer und den zu längerem Verweilen einiadenden, gemütlichen Bibliothekraum. Gar manchem der Gäste war es wohl auch freundlich gestattet, einen Blick in die schöne und ideal gelegene Wohnung des Herrn und der Frau Kinkel zu werfen, die sich in der oberen Etage befindet. Frau Kinkel, eine jahrelange unermüdliche Kämpferin für die Realisierung des Stuttgarter Baus, durfte nun die freudige Genugtuung erleben, in diesem selbst eine Heimstätte zu beziehen, zugleich mit der frohen Hoffnung, Dr. Steiner jetzt öfter in den eigenen Räumen willkommen heißen zu dürfen.
Es soll nun, am Schlusse dieses Berichtes, nachdem der so herzlich und ohne jegliche neidische Gefühle von allen Theosophen geteilte Festesjubel verklungen ist, noch auf eine, von Fräulein von Sivers vor Beginn des 3. Vortrages gehaltene, ebenso eindringliche, als überzeugende Rede hingewiesen werden. Fräulein von Sivers betonte in dieser Ansprache mit besonderem Nachdruck, daß wir eine solche, aus schönsten Impulsen hervorgehende und mit Hilfe großherziger Spenden ermöglichte Gründung eines theosophischen Heims, wie Stuttgart es nun besitzt, mit froher Genugtuung begrüßen müssen; daß wir aber das große vorbildiiche Ziel, welches sich für uns mit dem Bau einer zunächst ganz exzeptionellen, geisteswissenschaftlichen Pflegestätte in München verknüpft, über die Sonderinteressen einzelner Logen niemals aus den Augen verlieren dürfen. - Wir müssen vielmehr immer besser begreifen lernen, daß die Realisierung einer solchen Hochschule theosophischen Geistesstrebens, welche ihre Strahlen nicht nur auf einen kleinen Umkreis beschränken, sondern infolge von Münchens günstiger Lage bis zur äußersten Peripherie ihrer Wirksamkeit erstrecken will, daß eine solche Hochschule nachgerade zu einer Lebensnotwendigkeit für uns geworden ist. Dem wunderbaren Quellborn geisteswissenschaftlicher Offenbarungen, der nun schon durch Jahre hindurch in unsere Seelen eingeflossen ist, uns immer gewaltigere Erkenntnisse über Wesen und Bestimmung des Menschen bringend und zugleich kristallisiert erscheinend in den Formen einer neuen spirituellen Kunst - diesem Quellborn vor den Augen der ganzen Menschheit eine wärdigste
Pflegestätte zu bereiten, muß als das hohe einheitliche Ziel unseres theosophischen Wollens nunmehr empfunden werden! - Nicht um die Gründung theosophlscher Heimstätten an einzeinen Orten darf es sich also vor der Hand für uns handeln, sondern um das zielbewußte Aufrichten einer Warte, welche, weit in das Land hineinschauend, unserer geistigen Perspektive allein die richtige Mittelpunktstellung erteilen kann, welche ein Leuchifeuer entzündet für alle diejenigen, welche, von nah und fern ihrer tiefen, nicht mehr zu stillenden Sehnsucht folgend, den geistigen Hunger an dieser einzigartigen Quelle zu stillen begehren. - Vorbildiich, auch im Sinne später etwa zu errichtender theosophischer Heimstätten, wird dieser Münchener Bau in seiner Formengebung für uns werden, ebenso, wie die Münchener Mysterien-Dramen diese Vorbildlichkeit schon in das Gebiet der Kunst hineingetragen haben. - Möchten wir es daher alle als unsere nächste und wichtigste Aufgabe empfinden, dieses im tiefsten Sinne kulturgeschichtliche Werk mit allen unseren Kräften zu fördern, damit seine Erfüllung nicht zu lange hinausgeschoben und dadurch eventuell ernstlich gefährdet werden könnte! Möge uns bei diesem unserm Wollen im tiefsten Innern das Gefühl leiten, welches Goethe einst bei Erfüllung eines Lieblingswunsches in seiner Seele aufsteigend empfand und in die Worte kleidete:
Welch' hoher Dank ist dem zu sagen,
Der frisch uns an das Werk gebracht,
Der allem Weinen, allem Klagen
Ein jähes Ende hat gemacht!