Images of Occult Seals and Columns
GA 284
Bericht Über die Einweihung des Stuttgarter Hauses
[Verfasser nicht bekannt]
Der Sonntag des 15. Oktober 1911 brachte unserem gesamten theosophischen Leben ein Ereignis von — man kann wohl sagen - geschichtlicher Bedeutung! Es brachte zunächst für Stuttgart die Erfüllung einer langgehegten Sehnsucht, einer Sehnsucht, welche mehr oder minder im Herzen eines jeden feinfühligen Theosophen schlummert, und welcher von Dr. Steiner mit den Worten Ausdruck verliehen wurde: «Umgeben zu sein von einem Heim, von einem Raum, der unser ist.»
In schwäbischen Landen, auf einem, durch seine okkulten Traditionen wie prädestiniert erscheinenden Boden, war in aller Stille, mit Hilfe rastlos tätiger, hingebungsvoller Kräfte, das große Werk herangeteift: ein eigenes theosophisches Haus an geeigneter Stelle zu erbauen! Und schon 9% Monate nach der feierlichen Grundsteinlegung durch Dr. Steiner war das, was erst nur im schöpferischen Geiste des Erbauers gelebt hatte, schon zu einer wunderbar harmonischen Wirklichkeit auf dem physischen Plan emporgewachsen, einer Wirklichkeit, welche nicht schöner bezeichnet werden konnte als mit den Worten: «Theosophie umgesetzt in künstlerisches Können!» — Alle diejenigen unserer Mitglieder, welche als Gäste der Stuttgarter Loge von nah und fern, zum größten Teil auch mit dem Karlsruher Sonderzuge, herbeigeeilt waren und nun am Frühnachmittage des 15. Oktober den sonnenhellen, stattlichen Bau sich entgegengrüßen sahen, sie waren sich wohl bewußt, daß sie gewürdigt, hier etwas ganz Besonderes, ganz eigenartig Bedeutungsvolles zu erleben! Wie ein andächtiger Schauer mußte die Seele eines jeden Anwesenden das Bewußtsein durchziehen, daß hier in Wahrheit eine theosophische Tat getan, daß - um abermals mit Dr. Steiners Worten zu sprechen - «dem Geiste dem wir dienen, ein Tempel gebaut worden war».
Und über alles Erwarten schön und einheitlich wirkte nun auf den Beschauer das ganze, mit so viel verständnisvoller Liebe entworfene Innere dieses weihevollen Tempelraumes! Es gibt, wenn man so sagen darf, einen Maßstab für die Wirkungsfähigkeit alles dessen, was sich aus dem künstlerischen Empfinden heraus zu einer Realität gestaltet; es ist der Maßstab, der sich in dem unwillkürlichen Empfinden auslöst: es kann ja anders gar nicht sein, als wie es ist! Nichts von dem, was unser Auge hier erblickt, sieht nach einer berechnenden Effekthascherei, nichts sieht nach einer gewollten Absichtlichkeit aus. Alles vielmehr ist geeignet, die rechte Stimmung und die wahre Seeleneinkehr zu erzeugen, die mit einem solchen, theosophischer Arbeit dienen sollenden Bau, verbunden sein muß. Gerade so mußten auch die mystisch gedämpften Farbentöne der Lampen von den Wänden herunterglänzen, oder die klare Tageshelle aus dreieckig umrahmten Fensterovalen auf die versammelte Menschheit herniederströmen! Überall sah man die symbolische Dreieckform sich in der äußeren Linienführung, sogar der Stühle wiederholen und sich eingliedern in die erhabene Stilistik des Ganzen. Als einzigen Schmuck der Wände erblickte man die beiden, tief okkulten Stockmeyerschen Bilder, den Sieg des Geistes über die Materie uns eindrucksvoll vor Augen stellend. - Wer dann seine Blicke zur Decke erhob, der sah dieselbe wie ein hohes leuchtendes Zeltdach sich ausbreiten über den Raum und am Rande ringsherum sich ergießend in ein wohlbekanntes okkultes Tropfenmotiv.
Gleiche Rechte für alle — dieser Grundsatz schien sich auch in der weisen Ausnutzung des großen länglichen Raums bemerkbar zu machen: von den Plätzen im Saale sowohl, als auch von den Emporen aus, konnte ein jeder das am äußersten Ende des Saales sich erhebende Rednerpult frei und ungehindert überblicken. Unendlich stimmungsvoll wirkten die im Lichte der elektrischen Flammen aufblühenden roten Rosen des an der Vorderseite jenes Pultes angebrachten Kreuzes; hinter dem Rednerpulte aber befand sich noch, verdeckt von einem sehr künstlerisch entworfenen, altarartigen Aufbau, ein herrliches, orgelartig klingendes Harmonium, dessen feierliche Töne bei Beginn der Einweihung den ganzen Raum erfüllten, wie ein mystischer Zusammenklang des hohen Gefühlserlebnisses: «Eines in Allem!»
Tief dankbaren Herzens mußte es so ein jeder empfinden, daß in dieser neuen theosophischen Heimstätte wirklich etwas Aufblühendes, etwas dem Frühling Verwandtes, zur Entfaltung kam, und daß eine begnadete Künstlerhand den Meistern der Weisheit hier, in Wahrheit und im heiligsten Sinne, hatte dienen dürfen! — Die Einweihungsrede Dr. Steiners ließ die versammelten Zuhörer dies alles noch einmal in innerster Seele bewußt empfinden, und zur großen Freude aller theosophischen Mitglieder sind wir schon jetzt in der Lage, die von Herrn Dr. Unger freundlich zur Verfügung gestellte Nachschrift dieser Rede in den Mitteilungen zum Abdruck zu bringen, sowie auch ein Protokoll der ganzen sonstigen Eröffnungsfeier. Die beiden anderen, im Anschluß daran noch in Stuttgart gehaltenen Vorträge Dr. Steiners, vom 15. Oktober abends über: «Die okkulten Gesichtspunkte des Stuttgarter Baues» und vom 16. Oktober mittags über das Thema: «In welchem Sinne sind wir Theosophen und in welchem Sinne sind wir Rosenkreuzer?», diese beiden Vorträge sollen ebenfalls schon in kürzester Zeit im Druck erscheinen, da sie das allgemeine Interesse in hohem Grade beanspruchen dürften!
Vieles bliebe noch übrig, über das schöne Stuttgarter Theosophenheim und seine verschiedenen, ihren Zwecken so wohl angepaßten Räumlichkeiten zu sagen, wie zum Beispiel über das ganz in Rot gehaltene Vorstandszimmer und den zu längerem Verweilen einladenden, gemütlichen Bibliothekraum. Gar manchem der Gäste war es wohl auch freundlich gestattet, einen Blick in die schöne und ideal gelegene Wohnung des Herrn und der Frau Kinkel zu werfen, die sich in der oberen Etage befindet. Frau Kinkel, eine jahrelange unermüdliche Kämpferin für die Realisierung des Stuttgarter Baus, durfte nun die freudige Genugtuung erleben, in diesem selbst eine Heimstätte zu beziehen, zugleich mit der frohen Hoffnung, Dr. Steiner jetzt öfter in den eigenen Räumen willkommen heißen zu dürfen.
Es soll nun, am Schlusse dieses Berichtes, nachdem der so herzlich und ohne jegliche neidische Gefühle von allen Theosophen geteilte Festesjubel verklungen ist, noch auf eine, von Fräulein vor Sivers vor Beginn des 3. Vortrages gehaltene, ebenso eindringliche, als überzeugende Rede hingewiesen werden. Fräulein von Sivers betonte in dieser Ansprache mit besonderem Nachdruck, daß wir eine solche, aus schönsten Impulsen hervorgehende und mit Hilfe großherziger Spenden ermöglichte Gründung eines theosophischen Heims, wie Stuttgart es nun besitzt, mit froher Genugtuung begrüßen müssen; daß wir aber das große vorbildliche Ziel, welches sich für uns mit dem Bau einer zunächst ganz exzeptionellen, geisteswissenschaftlichen Pflegestätte in München verknüpft, über die Sonderinteressen einzelner Logen niemals aus den Augen verlieren dürfen. - Wir müssen vielmehr immer besser begreifen lernen, daß die Realisierung einer solchen Hochschule theosophischen Geistesstrebens, welche ihre Strahlen nicht nur auf einen kleinen Umkreis beschränken, sondern infolge von Münchens günstiger Lage bis zur äußersten Peripherie ihrer Wirksamkeit erstrecken will, daß eine solche Hochschule nachgerade zu einer Lebensnotwendigkeit für uns geworden ist. Dem wunderbaren Quellborn geisteswissenschaftlicher Offenbarungen, der nun schon durch Jahre hindurch in unsere Seelen eingeflossen ist, uns immer gewaltigere Erkenntnisse über Wesen und Bestimmung des Menschen bringend und zugleich kristallisiert erscheinend in den Formen einer neuen spirituellen Kunst - diesem Quellborn vor den Augen der ganzen Menschheit eine würdigste Pflegestätte zu bereiten, muß als das hohe einheitliche Ziel unseres theosophischen Wollens nunmehr empfunden werden! — Nicht um die Gründung theosophischer Heimstätten an einzelnen Orten darf es sich also vor der Hand für uns handeln, sondern um das zielbewußte Aufrichten einer Warte, welche, weit in das Land hineinschauend, unserer geistigen Perspektive allein die richtige Mittelpunktstellung erteilen kann, welche ein Leuchtfeuer entzündet für alle diejenigen, welche, von nah und fern ihrer tiefen, nicht mehr zu stillenden Sehnsucht folgend, den geistigen Hunger an dieser einzigartigen Quelle zu stillen begehren. - Vorbildlich, auch im Sinne später etwa zu errichtender theosophischer Heimstätten, wird dieser Münchener Bau in seiner Formengebung für uns werden, ebenso, wie die Münchener Mysterien-Dramen diese Vorbildlichkeit schon in das Gebiet der Kunst hineingetragen haben. — Möchten wir es daher alle als unsere nächste und wichtigste Aufgabe empfinden, dieses im tiefsten Sinne kulturgeschichtliche Werk mit allen unseren Kräften zu fördern, damit seine Erfüllung nicht zu lange hinausgeschoben und dadurch eventuell ernstlich gefährdet werden könnte! Möge uns bei diesem unserm Wollen im tiefsten Innern das Gefühl leiten, welches Goethe einst bei Erfüllung eines Lieblingswunsches in seiner Seele aufsteigend empfand und in die Worte kleidete:
Welch’ hoher Dank ist dem zu sagen,
Der frisch uns an das Werk gebracht,
Der allem Weinen, allem KlagenEin jähes Ende hat gemacht!