Images of Occult Seals and Columns
GA 284 — 19 May 1907, Munich
Die Einweihung Des Rosenkreuzers
Der eine der großen Männer, deren Büsten hier vor Ihnen stehen, der deutsche Philosoph Hegel, faßte seine Überzeugung von dem Wesen der Menschheitsentwickelung in den Worten zusammen: diese Entwickelung sei ein Fortschritt der Menschheit im Bewußtsein der Freiheit. - Und er hat damit andeuten wollen, daß die menschheitliche Entwickelung nicht eine Wiederholung, eine Aufeinanderfolge von gleichen Tatsachen, gleichen Ereignissen sei, sondern ein ständiger und stetiger Fortschritt; daß von Epoche zu Epoche die Menschheit hinaufsteige zu immer höheren und höheren Stufen.
Derjenige, welcher vom spirituellen Gesichtspunkt aus die menschliche Evolution betrachtet, wird eine tiefe Wahrheit gerade in diesem Ausspruch Hegels finden. Zwar soll damit nicht gesagt sein, daß innerhalb des aufsteigenden Entwickelungsganges der Menschheit nicht auch vorübergehend Epochen des Niederganges stattfinden; aber es heißt den großen Werdegang unseres Geschlechtes von einem kleinen Standpunkt aus betrachten, wenn man nicht gegenüber den vorübergehenden Epochen des Niederganges sieht, wie im Großen der fortdauernde Aufstieg da ist. Nur derjenige, der nicht in die Tiefen des Entwickelungsganges blicken kann, hat die heute so häufig vorkommende Idee - wenn wir weiter in die Zeit zurückblicken oder auch petspektivisch vorschauen in die Zukunft -, als ob alles, der Mensch selbst in seiner Gestalt oder die um ihn herumliegenden Naturreiche, doch ungefähr so ähnlich waren wie heute. Wenn auch von Entwickelung gesprochen wird: von jenen gewaltigen Differenzen, die da bestehen zwischen den einzelnen Epochen des menschlichen Geistes und der fortschreitenden Kultur, macht sich gewöhnlich der Geist, der nur auf dem physischen Plan lebt, keine Vorstellung. Dem scheint es oft grotesk, wenn man ihm die großen Unterschiede der Naturreiche in den verflossenen Epochen schildert oder wenn man prophetisch hinweist auf die zukünftigen Epochen.
Erst wenn man den differenzierten Werdegang der Menschheit betrachtet, stellt er uns auf dem physischen Plan die Konfiguration der höheren Welten dar. Erst der erkennt seine Epoche, der weiß, an welchem Ort in der Menschheitsentwickelung er steht. Wir müssen uns ein bißchen umsehen, wo wir stehen — welchem Plan unsere gegenwärtige Menschheitsentwickelung entspricht. Da lehrt uns, was man die okkulte Weisheit nennt, daß auf einem absteigenden Entwickelungsgang dasjenige ist, was wir in der deutschen Sprache den Geist nennen — nicht die andern Teile der menschlichen Wesenheit. Der Geist ist es, der in unserer Epoche am tiefsten heruntergestiegen ist auf den physischen Plan. Seit dem letzten Drittel des 19. Jahthunderts ist er gleichsam wieder dabei, seinen Aufstieg zu nehmen, und wer die Konfiguration erkennt, kann das nur so ausdrücken, daß er sagt: Innerhalb dieser Epoche ist die tiefste Verstrickung des Geistes mit der Materie das Bezeichnende gewesen; jetzt strebt er danach, wieder heraufzusteigen. Und alle, die spirituell streben, streben danach, aus dieser Verstrickung wieder herauszukommen.
Lange bereitet sich ein solcher wichtiger Knotenpunkt der Menschheitsentwickelung vor. Wenn man okkult prüft, seit wann sich das vorbereitet hat, was als ein wichtiger Einschnitt in der Geistesentwickelung der Menschheit des 19. Jahrhunderts herausgekommen ist, so kommt man da zurück zu derjenigen Zeit, wo der Menschheitsgeist herabgestiegen ist von jenen Erkenntnissen, die noch mehr oder weniger herausgeboren waren vom astralischen Plan, und man kommt zu einer besonderen Mission in der Evolution der Menschheit für die letzten vier bis fünf Jahrhunderte. Den wichtigsten Punkt, wo die Menschheitsevolution gleichsam herunterrückt vom Astralplan auf den physischen Plan und die geistigen Erkenntnisse ins Materielle übergehen, können wir auf den Zeitpunkt fixieren, als die alte ptolemäische Weltanschauung, die kein Unsinn, sondern eine Projektion astraler Erkenntnisse auf den physischen Plan ist, durch Kopernikns heruntergeführt worden ist auf den physischen Plan. Diese Erkenntnis drang dann immer mehr hinein in die späteren Entwickelungsstadien, bis sie im 19. Jahrhundert noch tiefer heruntergeführt wurde, als man den Geist sogar selbst materiell fassen wollte. Wer im rechten Sinne die theosophische Bewegung versteht, kritisiert das nicht, was die Menschheit so heruntergebracht hat. Das wäre kein aktives theosophisches Leben. Das aktive theosophische Leben fragt vielmehr: Wie steigen wir wieder heraus aus den Banden des physischen Planes? — und es versucht zu erkennen, welche Aufgabe diesem Herunterstieg auf den physischen Plan zukam.
Wir schauen zurück auf die ägyptische Weisheit, auf die wunderbare chaldäisch-babylonische Weisheit und fragen uns: Welcher Unterschied ist denn zwischen dem, was der ägyptische Priester, der Hermesdiener sah, wenn er hinaufschaute zu dem gestirnten Himmel, oder dem, was der Astronom der Chaldäer geschaut hat in den Sternen - und zwischen demjenigen, was die heutige Wissenschaft sieht? Man bekommt durch die materialistische Wissenschaft keine rechte Vorstellung von dem, was in jenen Weisen vorging, wenn sie hinaufblickten zum Himmelsgewölbe; aber durch eine Analogie bekommt man sie, wenn man einen Menschen betrachtet.
Wir betrachten ja den Menschen nicht so, daß wir bloß die Physiognomie seines Gesichtes ansehen. Wenn wir die Träne perlen sehen, betrachten wir nicht bloß, wie sie sich unter der Kraft der Schwere abwärts bewegt — wirklich, wenn heute ein Engel vom Himmel käme, man würde zuerst seine Fallgeschwindigkeit berechnen -, nein, wit sehen dutch die Tränenperlen das Leid und den Schmerz seiner Seele. Und wenn er lächelt, dann sehen wir in seinem lächelnden Antlitz das, was in seinem Geist als Freude lebt. Wir wissen, daß ursprüngliche elementare Empfindungen im Menschen vor sich gehen.
Dieses Durchsehen von dem Materiellen zu dem geistig-seelischen Inhalt der Seele war es, was die Hermesdiener meinten, wenn sie sagten: Es ist unten alles wie oben! - Kein Materielles, das nicht der äußere Ausdruck eines Geistig-Seelischen wäre! Wie das Eis nur Wasser ist in anderer Form, so ist alle Materie nur Geist in anderer Form. Wenn jemand käme und zeigte uns ein Stück Eis, und wir sagten, das ist verdichtetes Wasser, er aber leugnete es, so sagten wir ihm: du bis naiv, du irrst dich, dieses Eis ist nur verdichtetes Wasser. Es ist eben nur etwas Anderes, Neues, wenn wir auf die Form sehen. So ist Materie nur der verwandelte, kondensierte Geist. Aber es genügt nicht, das nur zu wissen; wir müssen alles Wissen in unsere Seele aufnehmen. Und das spirituelle Leben fordert, daß alles, was in unserer Seele lebt, zur Tätigkeit gelangt; es genügt nicht, was als gewöhnliche Gedanken, Gefühle, Willensimpulse in unserer Seele lebt. Wenn wir aber dazu noch ein inneres Leben in uns auferwecken, dann können wir nachfühlen, wie der ägyptische Hermesdiener oder der chaldäische Astronom zum Sternenhimmel hinaufschaute: Mars, Venus, Mond oder Merkur, alles war ihm nur der Ausdruck des Geistes, der in dem Stern lebt. So bezeichnete man in Zeiten spirituellen Lebens gar nicht, was der heutige Astronom unter den Sternen versteht, sondern unter dem Namen Merkur zum Beispiel stellte sich der alte Weise, der im spirituellen Leben lebte, die Seele, den Geist vor, der den Merkur durchlebt, so wie die Seele in Ihrem Körper lebt. Und so lehrte er alle, die auf sein Wort hörten. Nun stellen Sie sich lebendig vor, wie ein Mensch hinaussieht in den Raum und da die Sterne erblickt. Nicht ein abstraktes, sondern ein intimes spirituelles Leben ist es, was ihn mit der Welt verbindet. Geist ist es, was er sah, und im Geistesraume schwebte er selbst und fühlte sich als ein Glied der Welt, so wie ein Finger nur ein Glied an meiner Hand ist. Trennen Sie seine Wesenheit aus der universellen Geistigkeit heraus, so stirbt sie ab und ist nicht mehr vorhanden, wie der Finger, wenn Sie ihn abschneiden. Vergleichen Sie damit, was der heutige Astronom sieht. Für ihn fliegen physische Weltenkugeln herum. Das lebendige Gefühl [für deren geistige Wesenhaftigkeit] fehlt ihm. Aber diese lebendige Empfindung ist nicht so leicht zu erringen. Vielleicht ist er theoretisch Spiritualist; aber schwieriger ist es, Spiritualist der ganzen Seele, dem ganzen Leben nach zu sein, als der bloß theoretischen Anschauung nach. Jetzt lebt der Mensch in einer rein physischen Umgebung; die lebendige Harmonie zwischen dem Göttlichen und dem Physischen findet er nicht mehr. Aber es ist richtig und von großer Bedeutung, daß es so kam.
Vergleichen wir mit jener hohen, geistigen Priesterweisheit das, was die Menschen auf dem physischen Plan leisten. In den alten Zeiten herrschte eine primitive Kultur. Wenn wir die unendliche Arbeit und Mühe sehen, wie jeder einzelne Gegenstand um uns herum ein geistiges Geschöpf der letzten vier Jahrhunderte ist, dann wollen wir nicht vergessen, daß dies dem menschlichen Geist der letzten Jahrhunderte zu verdanken ist. Aber auch das könnte nicht da sein, wenn der Geist nicht heruntergestiegen wäre auf den physischen Plan. So hat jede Epoche ihre Aufgabe. Und weil das insbesondere für die letzte Epoche der Weltgeschichte der Fall war, so mußten jene Quellen, aus denen immer das spirituelle Leben fließt, auch in der letzten Menschheitsepoche den Geist denjenigen herabsenden, die in hingebungsvoller spiritueller Arbeit ihn empfangen wollten.
Rechnen wir bis zum Herabsteigen [des Geistes auf den physischen Plan] vier bis fünf Jahrhunderte zurück, und dann noch für die Vorbereitung zwei Jahrhunderte, so finden wir.eine Strömung, die trotz des Herabsteigens dafür gesorgt hat, daß der Geist den Weg zurückfinden kann; um dem Geist, der notwendig heruntersteigen mußte zu dem physischen Plan, Mittel zu geben, wieder hinaufzusteigen. Diese Strömung nennt man die Rosenkreuzerströmung. Und ebenso wie in alten Zeiten die Menschen zum Ewigen hinaufgeführt werden mußten, so ist es, daß der Mensch heute den Weg suchen muß zu der modernen, zu der Rosenkteuzereinweihung. Nicht soll hier behauptet werden, daß es verschiedene Wahrheiten gibt im Entwickelungsgang der Menschheit. Die Wahrheit ist eine einzige, wie die Sonne, die den ganzen physischen Erdumkreis beleuchtet; aber die Wege zur Wahrheit sind verschieden. Denken Sie einmal, Sie vergleichen den Gesichtspunkt, den Sie erlangt hätten, mit dem Gipfel eines Berges; oben hätte man nach allen Seiten eine freie Aussicht, wie immer man auch hinaufkam. Würden Sie es aber nicht unvernünftig nennen, wenn irgend jemand unten am linken Bergesabhang steht und einen Weg herauffinden kann auf der linken Seite des Berges, und dann erst um den Berg herumgehen würde, um auf der anderen Seite einen Weg heraufzufinden, der nicht auf der Seite ist, wo er steht? So ist es mit der Entwickelung der Menschheit. Die Ausgangspunkte der Kulturen sind wie die Wege am Berge; die verschiedenen Völker müssen sich die verschiedenen Wege hinaufbewegen. Die Wahrheit - das spirituelle Erkennen - ist ein und dasselbe. Nur wer glaubt, daß sich in den verschiedenen Rassen dasselbe wiederholt, kann behaupten, daß die Einweihungswege dieselben waren. Aber so verschieden wie ein Menschenleib ist, der vor fünfzehn Jahrhunderten geboren ist, von einem Menschenleibe, der heute geboren ist, so verschieden muß die Behandlung sein für den Schüler, der den Pfad hinaufgehen will. Und in gewissen Zeiten muß eine Erneuerung der Methoden, eine Anpassung an die Völker stattfinden — an das, was der Mensch geworden ist -, wenn auch die Strukturverhältnisse sich dem gewöhnlichen Auge entziehen. Aber die okkulte Physiologie und Anatomie weiß, daß die Strukturverhältnisse des physischen Gehirnes andere werden mußten, wenn die Eroberung des physischen Planes durch den Menschen eintreten sollte. Die physischen Strukturverhältnisse sind nur die unteren Tatsachen zu dem, was oben geistig ist. Und so gibt es heute eine rosenkreuzerische Einweihung.
Unter den verschiedenen Arten der Einweihung brauchen wir nur die drei hervorragendsten zu erwähnen. Man weiß, worum es sich handelt, wenn man den Jogaweg, den chtistlichgnostischen Weg und den Rosenkreuzerpfad erwähnt. Den Jogaweg kennen Sie alle aus der Literatur. Der chtristlich-gnostische Weg ist der, der in der christlichen Esoterik gelehrt worden ist - in der ersten Zeit, wo das Christentum verbreitet worden ist - durch Dionysius Arcopagita. Die Gelehrsamkeit redet von ihm wie von einem Pseudo-Dionysius, der im 6. Jahrhundert gelebt und alle großen Bücher geschrieben haben soll. Die christliche Tradition weist das in die Zeit des Apostels Paulus zurück. Die Gelehrsamkeit fragt nur: Wann wurden diese Papierrollen geschrieben?, aber die christliche Esoterik weiß, daß dieser Dionysius Areopagita ein Schüler des Apostels Paulus war und von seinem Meister besonders beauftragt war, die esoterische Schule des Christentums zu begründen. Für unzählige Menschen ist diese christliche Esoterik Wahrheit geworden. Heute kann man sich kaum eine Vorstellung machen von den Quellen, aus denen manches Wort eines christlichen Lehrers zu uns kam. Diese Quelle war die christliche Initiation. Diese christliche Initiation schaut heute für den, der materialistisch denkt, wie ein Phantasiegebilde aus. Direktes, unmittelbares Leben aber war sie für den damaligen Menschen. Wir unterscheiden darin sieben Stufen, welche jeder, der die christliche Initiation erreichen wollte, durchmachen mußte. Nur die sieben Namen dafür lassen Sie mich nennen:
die Fußwaschung
die Geißelung
die Dornenkrönung
die Kreuzigung
der mystische Tod
die Grablegung und Auferstehung
die Himmelfahrt der Seele.
Das sind die sieben wahren Stufen, die durchgemacht werden mußten in den Lehtrstätten, wo die christliche Initiation zu Hause war. Wenigstens zwei dieser Stationen, die erste und die vierte, will ich Ihnen zum Verständnis charakterisieren.
Wenn der christliche Zögling so weit war, daß das, was man im gewöhnlichen Leben Moral nennt, geläutert und schon zu einer höheren Stufe erhoben war, wenn man es als selbstverständlich bei ihm finden konnte, daß er nicht mehr abirren würde von dieser höheren Moral, dann wurde er von seinem Meister der christlichen Initiation empfangen, und er sollte nun etwas in sich durchleben, das ich Ihnen nur in der Form eines Dialoges schildern kann, obwohl sich das nie in einem Dialog abgespielt hat.
Nachdem der Schüler so in Zucht genommen worden war, wurde ihm von dem Lehrer gesagt:
Sieh dir einmal die Pflanzenwelt an. Sie sproßt auf dem mineralischen Reich. Wäre das Mineralreich nicht, die Pflanze könnte nicht gedeihen, obwohl sie auf höherer Stufe steht. Könnte die Pflanze denken, so müßte sie sagen: Du stehst zwar in der Reihe der Naturreiche tiefer als ich, aber ich könnte ohne dich nicht sein. In Demut neige ich mich vor dir! - Und dann wurde der Schüler dazu geführt, diese Demut bei allen Naturreichen zu erkennen. Das Tier müßte sich zur Pflanze und der Mensch sich wiederum zum Tier in Demut herunterneigen und sagen: Ohne euch könnte ich nicht sein! Und der Mensch, der auf einer höheren Stufe steht, müßte sich in Demut neigen vor denen, die noch nicht so weit sind; denn keiner kann höher stehen ohne die anderen. Versteht der Mensch diese Stufenleiter, so blickt er in Demut hinunter zu den Niederstehenden. Dadurch lernte der Schüler begreifen, was es heißt im dreizehnten Kapitel des Johannes-Evangeliums, daß der Höchste, obwohl die zwölf niedriger sind als er, sich vor ihnen in Demut beugt und ihnen die Füße wäscht. — Wer so [zur höheren Moral] herauferzogen ist im Sinne des esoterischen Christentums, der versteht erst das Innere des Johannes-Evangeliums. Das Johannes-Evangelium ist ein Initiationsbuch über die Methoden der Einweihung, die Apokalypse über den Inhalt der Einweihung.
Wenn der Schüler so weit war, daß ihm diese Demut selbstverständlich geworden war, dann wurde das dreizehnte Kapitel des Johannes-Evangeliums für seine Seele zur Wahrheit. Dann konnte ihn der Lehrer dahin bringen, daß ganz bestimmte Gefühle auftraten. Der Schüler konnte fühlen und erkennen, daß er jetzt die Möglichkeit habe, zu einer höheren Stufe aufzusteigen. Er fühlte - und das war eine gemeinsame Empfindung aller, welche die christliche Initiation empfangen hatten -, wie wenn seine Füße im Wasser ständen, wie wenn die Geisteswasser an ihn heranschlügen. Und das innere Symptom, das als ein Bild jedesmal auftrat, war, daß der Schüler, wenn er so weit war, ganz von innen heraus, durch eine innere Kraft, das Bild vor sich hatte, welches das dreizehnte Kapitel des Johannes-Evangeliums anführt. Das ist nicht bloß ein äußerlich-historisches, sondern ein geistiges Bild, das ein jeder haben kann: auf dem astralen Plan sieht er vor sich ausgebreitet das Bild der Fußwaschung.
Nur um uns zu verständigen, will ich die vierte Stufe - die Kreuzigung — auch noch anführen. Wenn die dritte Stufe vorüber war, wurde dem Schüler klargemacht, daß er seinen Körper nicht mehr zu sich zu rechnen hat. Er mußte seinen Körper empfinden wie einen Gegenstand, wie etwas außer sich selbst. Der gewöhnliche Mensch meint, sein Körper sei sein Ich. Wer die vierte Stufe der christlichen Initiation erreichen will, muß es aber dahin bringen, daß sein Körper ihm nicht wertvoller ist als irgendein Stuhl oder Tisch um ihn herum. Der gewöhnliche Mensch sagt: Ich gehe zur Türe hinein. Dem Initiierten aber ist es selbstverständlich zu sagen: Ich trage meinen Körper zur Tür hinein. —- Dann treten wiederum zwei Symptome auf: Das willkürliche Hervorbringen der sogenannten Blutsprobe ist der symptomatische Ausdruck für die vierte Initiationsstufe. Genau an den Stellen seines Körpers, die man die Wundmale nennt, ist er imstande, die Rötung seiner Haut durch die innere Kraft seiner Spiritualität hervorzubringen. An den Handflächen, an den Füßen und an der rechten Seite der Brust treten die Wundmale auf. Dies wird begleitet von dem inneren Symptom, daß der Schüler auf dem astralen Plan sich selber als am Kreuz befindlich schaut.
Man spreche nicht von Gefahren dieser Entwickelung. Worauf es dabei ankommt, ist der Grad der inneren Entwickelung, und dann spricht man nicht mehr von Gefahren dabei. Wer das aber ohne den Rat eines Lehrers machen will, der ist gewiß in Gefahr dabei. Wer aber geduldig, demütig sich der Führerschaft überläßt, wird nur dadurch, daß er seine Märtyrerschaft durchmacht, ein desto dienstbareres Glied der menschlichen Entwickelung sein. Allerdings soll er das nicht eher auf sich nehmen, als bis er die Verpflichtung dazu in sich fühlt.
Es war die christliche Initiation auch die Grundlage und Quelle des äußeren christlichen Lebens. Diese christliche Initiation mußte in die etwas andere Form der Rosenkreuzereinweihung übergeleitet werden etwa zwei Jahrhunderte vor dem Herabstieg des Geistes auf den materiellen Plan.
Die Rosenkreuzereinweihung ist keine unchristliche. Sie ist eine Fortentwickelung der christlichen Einweihung. Aber der, der sie empfängt, tritt nicht heraus aus der physischen Umgebung, wie es die rein christliche Einweihung — wenigstens für eine Zeitlang - fordert. Wer heute als ein würdiges Glied der Menschheitsentwickelung leben will, muß die Arbeit auf dem physischen Plan mitmachen. Es wäre sündhaft, sich von der physischen Welt zurückzuziehen. Wir müssen sie nur verstehen und ihr gewachsen sein. Hätte die christliche Einweihung die frühere Form beibehalten, so wäre der Mensch geistig-seelisch hoch hinaufgestiegen, aber schwachgeblieben auf dem physischen Plan. Denken wir an die Eroberung des physischen Planes, an die großen Erfindungen, die Buchdruckerkunst und so weiter. Was da hereinflutet aus den anderen Planen... [Lücke in der Nachschrift]. Dazu bedarf es einer ganz anderen inneren Konfiguration. Dazu bedarf es der Fähigkeit, in sich andere, starke Impulse zu entwickeln, um das, was von der materiellen Entwickelung kommt, in die richtigen Wege zu leiten. Die Rosenkreuzerinitiation ist eine solche, die den Menschen fähig macht, alle die Mittel der modernen Kultur zu gebrauchen. Sie lehrt den Geist in der Materie zu begreifen, indem der Mensch den Zusammenhang selbst des Materiellsten noch mit dem Spirituellen erkennt, so daß er das Spirituelle ausfließen lassen kann in das Materielle.
Aus der Notwendigkeit der Zeit ist die Rosenkreuzereinweihung herausgeboren. Sieben Stufen hat auch sie.
Die erste ist das, was man im weiteren Sinne Studium nennt; die zweite: Aneignung der imaginativen Erkenntnis; die dritte: Aneignung der okkulten Schrift; die vierte: die Erzeugung des Steins der Weisen — das ist das technische Wort dafür -; die fünfte: die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos; die sechste: das Aufgehen im Makrokosmos; die siebente: die Gottseligkeit. Nicht so haben Sie sich das vorzustellen, als ob jeder Schüler gleichsam nacheinander diese Stufen durchzumachen hätte; sondern der Lehrer muß aus jedem Kapitel das auswählen, was gerade für den Schüler seiner Individualität nach geeignet ist. Das Studium muß jeder zunächst haben. Dann aber muß man die Gliederung oft in ganz verschiedener Weise zusammenstellen. Und nun wollen wir sie im einzelnen besprechen.
Studium im Rosenkreuzersinne ist nicht das, was im gewöhnlichen Leben Studium genannt wird. Im Rosenkreuzersinne ist es das, was man eigentlich nennen müßte: leben im reinen Gedanken. Was das heißt, ist von vornherein gar nicht so leicht zu fassen. Gerade Hegel wiederum hat sich sein ganzes Leben hindurch bemüht, den Deutschen beizubringen, was es heißt: leben im reinen Gedanken. Und zehn Jahre nach seinem Tode war es ganz vergessen, was Hegel zur Vertiefung der Deutschen gebracht hat. Heute sind wir noch nicht so weit, daß Hegel wiederum verstanden würde. Und doch wären seine Werke ein gutes Mittel, zu zeigen, was es heißt, im reinen sinnlichkeitsfreien Gedanken zu leben. Die neueren Philosophen, zum Beispiel Eduard von Hartmann, leugnen es überhaupt, daß wir uns einen Gedanken bilden können, der nicht von der Sinnlichkeit beeinflußt ist. Man hat darauf geschworen, daß nichts im Intellekt ist, was nicht in den Sinnen war. Was nicht von den Sinnen sei, das sei nicht real. Wären diese Worte wahr, so gäbe es keine Mathematik. Die Gnostiker nannten das Geistesleben eine «Mathesis», nicht weil sie sich eine Mathematik darunter vorstellten, sondern weil es auf den höheren Ebenen ein reines Denken und Erkennen gibt, wie es in der Mathematik, in bezug auf Formen, ein sinnlichkeitsfreies Denken gibt. Dieses reine Denken geht nicht von Gegenständen aus, sondern flutet von Gedanken zu Gedanken. Für die, welche sich einleben wollen in ein ganz sinnlichkeitsfreies Denken, versuchte ich ein Buch zu schreiben wie das meiner «Philosophie der Freiheit». Es ist kein persönliches Werk. Es ist so entstanden wie ein Organismus: es ist ein Gedankenorganismus, und eine Anleitung für das, was man im Rosenkreuzersinne Studium nennt. Gewiß machen viele so etwas nicht durch. Für die meisten, die etwas derartiges nicht durchmachen können, genügt schon die einfache theosophische Lehre. Sie ist sinnlichkeitsfreier Gedanke; sie kann niemand hören oder sehen. Wenn Sie Theosophie studieren, so entspricht das der ersten Stufe der Rosenkreuzerschulung. Theosophie ist selbst Rosenkreuzerstudium, wenn Sie es in richtiger Weise betreiben. Man braucht sich dabei nicht in philosophische Höhen zu verlieren. Die schlichteste Seele kann sich da hinein vertiefen.
Die imaginative Erkenntnis ist die zweite Stufe der Rosenkreuzereinweihung. Sie wird erreicht, wenn der Mensch dahin gelangt, den Gedanken umzuwandeln in das Bild. Das ist eine reale Tatsache. Einer, der Bescheid wußte mit der Rosenkreuzerei, hat an einer Stelle die Worte ausgesprochen: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis!» Dann kommt man vom physischen Plan weg. An zwei Beispielen möchte ich Ihnen zeigen, wie man das erreichen kann. Nehmen Sie die drei Logoi. Alles was bisher als Studium angeführt worden ist, bezieht sich einzig und allein auf den physischen Plan. Erst die imaginative Erkenntnis hebt uns höher hinauf. Wenn Sie die drei Logoi irgendwie schematisch beschreiben, wenn Sie von Projektionen reden, so bekommt man eine Vorstellung für den physischen Verstand, auch wenn Sie davon sprechen, daß der zweite Logos anders vibriert als der erste. Aber alles das ist nur etwas für das Verstandesbewußtsein. Alles was sich auf den dreidimensionalen Raum bezieht, können wir nicht auf die höheren Plane mit hinaufnehmen, sondern erst das, was nicht räumlich gedacht ist. Eine "Ton- oder Farbenqualität ist zwar in den Raum hineingebaut, ist aber nicht räumlich. Der astrale Raum ist ein flutendes Farben- und Lichtmeer. Es treten Ihnen da auf dem astralen Plan entgegen, was Sie hier als Farbenqualität und Tonqualität wahrgenommen haben. Was hier an Farbe und Ton physisch ist, heben Sie hinauf auf die höheren Plane; nur müssen wir es läutern und reinigen, um es hinaufzuheben. Darum sagt Ihnen der Lehrer: Nimm für alles, was du unmittelbar anschauen willst, die sinnliche Qualität heraus; stelle dir vor, wie eine Farbe sich heraushebt. Dann ist das die Methode, um zur Imagination zu kommen. Und wer diese Stufe erringen will, stellt sich so der Außenwelt gegenüber, daß diese abgesonderten Bilder sich so darstellen, daß der Mensch, wenn er zum Beispiel von den drei Logoi spricht, sie nicht mehr als Quantität, sondern als Qualität empfindet. Dann empfindet er den dritten Logos als etwas, was die Welt durchtönt - als Ton empfindet er ihn -; den zweiten, insofern er als astralische Projektion auftritt, als flutendes Licht; und den ersten Logos als Weltenaroma, als durch die Welt fliegendes, bis zur vollkommensten Reinheit geläutertes Aroma. So haben die Rosenkreuzer überall empfunden. Das sind Bilder, Imaginationen und nicht Beschreibungen, denn die kommen vom physischen Plan her.
Ein anderes Bild, das uns eine mehr alltägliche Erscheinung vorführt, ist uns erhalten in einer wunderbaren Mythe, der Mythe von dem Heiligen Gral. Es bedeutet ein Erlebnis auch für den Rosenkreuzerschüler, das er als eine reale Tatsache seines inneren Seelenlebens empfindet. Der Meister sagt dem Schüler: Sieh dir einmal die Pflanze an; sie lebt mit der Wurzel im Boden, sendet den Stamm nach oben und hat ihren Kelch - das, was eine Pflanze wieder hervorbringt — der Sonne zugewendet. Selbst die neuere materialistische Gelehrsamkeit hat ja wieder darauf aufmerksam gemacht, daß, wenn wir die Pflanze mit dem Menschen vergleichen, wir die Wurzel mit dem Kopf vergleichen müssen. Die Pflanze ist gleichsam der auf den Kopf gestellte Mensch. Die Evolution besteht darin, daß sich das Bild umwendet: Was die Pflanze keusch öffnet vor aller Welt, das ist beim Menschen nach unten gerichtet. Was die Wurzel bei der Pflanze ist, die nach dem Mittelpunkt der Erde hinstrebt, das ist beim Menschen nach oben gerichtet. Beim Menschen richtet sich der Kopf hinaus in den Sonnenraum. Zwischen beiden drinnen steht die Tierwelt, deren Rückgrat horizontal gerichtet ist. Nun sagte man dem Schüler: Stelle dir vor die Pflanze, das Tier und den Menschen und du hast das Weltenkreuz. Das Kreuz war das Bild der Evolution der Weltenwesen bis hinauf zum Menschen. Die Pflanze bringt nur hervor, wenn sie berührt wird von dem Sonnenstrahl, den man die «heilige Liebeslanze» nannte. Wird sie davon getroffen, dann erfüllt sie ihre Aufgabe. Nun denken Sie sich den Menschen mit dem Kama, das ihn ergriffen hat; es müssen die niederen Organe geläutert und gereinigt werden und müssen auf höherer Stufe wiederum auftreten, so daß sich im Laufe der Entwickelung dieser Kelch von eben öffnet. Wenn der Mensch sich umgewandelt hat, wenn er diesen Kelch, den die Pflanze auf primitiver Stufe hat, wiederum geläutert hat, dann wird er es wiederum in der Hand haben, daß er berührt wird von der heiligen Liebeslanze - dann wird er die Läuterung des Menschen in der Hand haben - nicht nur astralisch oder ätherisch, sondern sogar physisch. So wird imaginativ die Entwickelung gegeben. Wer sich so einlebt, dem offenbart sich der astrale Plan.
Das dritte ist die Erringung der okkulten Schrift. Sie ist nicht eine Schrift wie unsere heutige abstrakte Zeichenschrift. Man eignet sich die Harmonie der Qualitäten an. Der Lehrer sagt zum Schüler: Steigst du höher, bis zur Erkenntnis der okkulten Schrift auf, so wird dir das erklingen, was man die Sphärenharmonie in der pythagoräischen Schule genannt hat. Das ist eine Realität für den Eingeweihten, nicht eine bloße Allegorie. Was die heutige Wissenschaft bietet, wenn sie von Zahlensystemen spricht, verhält sich zu der Sphärenharmonie oft so, wie wenn man eine Sinfonie als eine Wellenbewegung in der Luft bezeichnen wollte. Der okkulte Schüler lernt das Töne-Hören in der geistigen Welt. Auch Goethe wußte darüber Bescheid, als er sagte: «Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang» — und an anderer Stelle: «Tönend wird für Geistesohren schon der neue Tag geboren.» Was da geschieht, was geistigen, nicht physischen Ohren hörbar ist, sind die Ereignisse des geistigen Planes, sind die Sphärenharmonien. Und die Zeichen der okkulten Schrift sind wirkliche Weltenkräfte, und wer sie kennt, der fühlt den Strom der Weltenkräfte in seinem Organismus bis zum leiblichen Organismus herunter. Nur ein Beispiel dafür: Vier Zahlen werde ich Ihnen anführen. Wenn ich sie Ihnen sage, sind sie etwas Abstraktes; würden Sie aber die Musik dafür geistig wahrnehmen, dann würden Sie wahrnehmen das Verhältnis der vier niederen menschlichen Glieder. Diese Zahlen sind: 1, 3, 7, 12. So tönen in der geistigen Welt die niederen vier Glieder der Menschennatur harmonisch zusammen. Das ist das Geheimnis der pythagoräischen Zahlenlehre, daß man sie in eine geistige Musik verwandelt.
Das vierte ist die Erzeugung des Steins der Weisen. Die moderne Gelehrsamkeit hat ein Märchen daraus gemacht. Aber sie hat in gewisser Weise damit recht, denn wenn es wirklich so wäre, wie die Wissenschaft es sich vorstellt, so wäre es eine Kinderei. Es ist aber doch das Höchste, was der Mensch anstrebt. Zu Ende des 18. Jahrhunderts wurde etwas von den Rosenkreuzergeheimnissen verraten. Wir finden da etwas, von dem wir sagen könnten: Die Leute haben da etwas läuten hören. Wir finden da nämlich eine merkwürdige Stelle in einer deutschen Zeitung! Es heißt da über den Stein der Weisen: Ihn gibt es. Kann man ihn in seinem vollen Werte erkennen, besitzt man das Geheimnis der Unsterblichkeit. Eigentlich kennen ihn die überwiegende Zahl der Menschen. Viele haben ihn täglich in der Hand. - Der Mann, der das schrieb, hatte keine Ahnung, um was es sich handelte, hatte aber eine Mitteilung erhalten, die etwas Richtiges enthielt. Wir brauchen nämlich nichts anderes zu betrachten als den Prozeß, der den Menschen in dieser gegenwärtigen Epoche kosmisch erhält: den Atmungsprozeß. Wir atmen ein und aus. Atmen ein den Sauerstoff der Luft, geben zurück an die umgebende Welt die Kohlensäure, ein giftiges Gas, in dem wir nicht leben könnten. Die Pflanze nimmt es fortwährend auf, behält sich aus der Kohlensäure die Kohle zurück und baut daraus ihren eigenen Leib auf. Den Sauerstoff aber gibt sie wieder zurück an Tiere und Menschen. So bilden Pflanze, Tier und Mensch ein Ganzes, insofern wir den Atmungsprozeß betrachten. Der Mensch braucht heute die Pflanze. Der Leichnam der Pflanze als schwarze Kohle, wenn Sie ihn aus der Erde herausgraben, oder auch als durchsichtiger Diamant, ist etwas, was wir selbst in uns haben; aber wir können es nicht brauchen. Wir müssen es als Lebensluft an die Pflanzen abgeben. Die Pflanze baut sich ihren Leib aus der Kohlensäure selbst auf. Sie kann etwas, was der Mensch heute noch nicht kann, was er aber später können wird. Stellen Sie sich nun diesen Prozeß vor: Einnehmen der Kohlensäure durch die Pflanze, Aussenden des Sauerstoffes — verlegt ins Innere des Menschen ... [Lücke im Text] also das Zusammenfließen mit der Pflanzenwelt, die hineingenommen wird in die menschliche Natur, dann bauen wir, wie heute die Pflanze, in uns selbst einen reinen keuschen Leib auf. Ein Wesen zu sein, das dies mit Bewußtsein auszuführen vermag, dazu ist der Mensch auf dem Wege; und dann wird er dadurch imstande sein, in sich den Kelch des Heiligen Gral zu entwickeln. Der Atmungsprozeß ist kein abgeschlossener; er ist auf dem Wege, vollkommener zu werden und das innerhalb des Menschen zu verrichten, was heute außerhalb des Menschen vorgeht, und die menschliche Substanz, die von Kama durchzogen ist, umzuwandeln in reine, keusche Substanz. Dies ist real Alchimie. Dann wird der Mensch die Alchimie können, durch die er auch den Kosmos umzuwandeln lernt. Das Symbol dafür ist der Heilige Gral. Wir dürfen das hohe Ideal nicht abweisen, weil es noch Millionen von Jahren von uns getrennt ist, sondern es muß erreicht werden nach dem Grundsatz: Steter Tropfen höhlt den Stein. — So erreicht der, der den Atmungsprozeß rhythmisiert, nach und nach sein Ziel. Der Stein der Weisen ist die Kohle, ist die Substanz zum Aufbau des menschlichen Leibes in der Zukunft. Dieser Verwandlungsprozeß ist Alchimie im rosenkreuzerischen Sinne. Natürlich werden die intimen Anweisungen nur von Lehrer zu Schüler gegeben.
Das fünfte, die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos, ist das Lernen der Entsprechung dessen, was wir selbst in uns haben, mit dem äußeren Makrokosmos. Paracelsus sagt einmal: Sehen wir uns die Tiere, Pflanzen und Mineralien an - es ist alles in irgendeiner Weise auch in dem eigenen Menschenleib. Der Mensch ist wie ein Zusammenfließen alles dessen, was auch in der Natur draußen ist. Die Natur ist gleichsam der auseinandergenommene Mensch. Die Natur ist wie die Buchstaben, der Mensch aber ist das Wort, das aus diesen Buchstaben zusammengesetzt ist. - Wenn diese Erkenntnis ins Bewußtsein dringt, dann schaut der Schüler, wie aus dem Licht das Auge geformt wurde. Das Auge ist vom Lichte gebildet. Unser Organismus ging aus einem anderen hervor, der noch keine Augen hatte; aber das Licht hat das Auge hervorgerufen. Dieser Bewußtseinszustand ist längst nicht mehr vorhanden. Der Mensch weiß heute nichts mehr davon, aber der Seher auf dem Astralplan sieht es. Da lernen Sie wieder kennen, was im Innern des Kosmos webt wie in Ihrer eigenen Natur. Dann lernen Sie durch Ihre einzelnen Glieder den Kosmos kennen: aus dem Auge das Licht, aus den Ohren den Ton, und das andere so, wie es nur von dem Lehrer zum Schüler gegeben werden kann.
Wenn der Mensch so weit gekommen ist, daß er die Entsprechung zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos gelernt hat, dann kann er zum sechsten aufsteigen: zum Aufgehen in dem Makrokosmos. Dann haben Sie zu jedem Ding in der Natur ein Freundschaftsverhältnis. Es besteht dann etwas wie ein Liebesverhältnis zu jedem Wesen in der Natur, so etwa, wie es in der Liebe zwischen Mann und Weib noch übriggeblieben ist. Anders erscheint dann die Sonnenblume, anders das Veilchen, anders Löwe und Tiger, anders dieser und jener. So differenziert, wie die Liebe bei Mann und Weib, so differenziert erscheint der ganze Kosmos. Es fließt unser Inneres von innen nach außen, und das ist wieder verbunden mit einer Umwandlung des Herzens: Der Äther- und der Astralleib wandeln das Herz um, daß es ein willkürlicher Muskel sein wird. Hier wird die okkulte Lehre, wenn sie sich noch mehr vervollkommnet, Licht verbreitend wirken. Heute ist das Herz für die Physiologen eine Crux. Es ist ein unwillkürlicher Muskel, aber in bezug auf seine Streifung ist es ein willkürlicher Muskel; denn er ist quer gestreift. Alle willkürlichen Muskeln sind quer gestreift, während die unwillkürlichen längs gestreift sind. Das Herz ist quer gestreift, denn es ist auf dem Wege, ein willkürlicher Muskel zu werden. Heute ist es mit der Anlage dazu versehen. Wenn der Mensch in der Zukunft aus der Spiritualität des Kosmos heraus zu schaffen vermag, wird er das Herz so zu bewegen vermögen, wie er heute die Hand zu bewegen vermag. Und so könnte ich Ihnen hundert und aber hundert Beispiele anführen, wo die okkulte Wissenschaft Licht wirft auf das, was die physische Wissenschaft nicht enträtseln kann.
Wenn der Mensch allmählich dieses persönliche intime Verhältnis zur ganzen Umwelt erreicht, wenn er die physischen Gehirnkräfte nicht mehr gebrauchen muß, dann, sagt der Lehrer, kann er erst das begreifen, was der Rosenkreuzer die Gottseligkeit nennt, wo die Selbständigkeit des Menschen gewahrt ist, aber das Höchste gefühlt wird.
Nur eine Skizze konnte ich heute entwerfen; aber viel kann die Rosenkreuzerschulung da geben. Viel kann auch eingewendet werden; man kann aufmerksam machen auf die Gefahren, die dabei mit auftreten können. Da kann nur auf eines hingewiesen werden: Ist der Mensch nicht aus dem Egoismus heraus ungestüm nach dem Ideal, sondern fühlt er sich eingegliedert, fühlt er die Entwickelung nicht als Begierde, sondern als Pflicht, will er Diener der Evolution sein, läutert er alles, was er läutern muß, dann ist Gefahr gar nicht vorhanden. Und gerade die Rosenkreuzerschulung wird auch eine moralische Läuterung bewirken. Aufzugehen mit seiner Seele ganz im reinen Gedanken, muß dem Schüler vorschweben; denn der reine Gedanke ist eine gewaltige moralische Läuterung. Dann wirkt er als Vorbereitung zu den sechs Stufen.
Alles Zielen auf okkulte Entwickelung aber muß unter dem Grundsatz des Überwindens vor sich gehen, den auch Goethe an einer Stelle ausgedrückt hat. Nur wenn wir auch uns überwunden haben, dürfen wir uns höher entwickeln. Das muß unser Grundideal werden, denn das Überwinden ist das Grundideal der Rosenkreuzer:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet!