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GA 284 — 20 May 1907, Munich

Planetenentwickelung und Menschheitsentwickelung

Gestern durfte ich Ihnen sprechen von der Initiation im Sinne der rosenkreuzerischen spirituellen Weltenströmung, von denjenigen Stufen der Erkenntnis, des Empfindens, der Willensimpulse, der Tätigkeiten, die ein Mensch durchzumachen hat, wenn er den Pfad der Erkenntnis hinaufrücken will, höheren Daseinsstufen des Menschentums entgegengehen will. Heute lassen Sie uns versuchen, ein Kapitel aus dieser rosenkreuzerischen Theosophie selbst abzuhandeln. Nicht als ob — und das muß immer wieder betont werden — diese Rosenkreuzerweisheit etwas anderes wäre als die gemeinsame spirituelle Weisheit aller Völker und Zeiten; sie ist nur angepaßt unserer modernen Vorstellungsart, dem modernen zeitlichen Bedürfnis; sie ist nur herausgeboren aus der Erkenntnis, daß unsere Epoche eine besondere Art zu sprechen braucht, um die urewigen Wahrheiten aller Zeiten zu verkünden, so daß sie selbst sich hineinleben können gerade in die Konfiguration der heutigen Menschheit Europas und Amerikas.

Es ist vielleicht ein sehr weit abliegendes Kapitel, das hier ausgewählt wird, dennoch ist es eines der wesentlichsten. Denn nichts zeigt uns des Menschen Ursprung und Ziel so sehr wie die Erkenntnis dieses Kapitels und weist uns zugleich auf die Kräfte hin, die wir in uns selbst entfalten sollen, um Mitarbeiter zu werden im Dienste der Menschheitsevolution. Wir können nicht anders die große Entwickelung des Kosmos betrachten, als daß wir ausgehen von dem Menschen und seiner Wesenheit selbst. Und ich werde nichts anderes sagen, als was eine gemeinsame theosophische und rosenkreuzerische Weisheit ist, was jeder sagen würde, der aus diesen Quellen heraus spricht. Es gibt da keinen Widerspruch. Viele kennen bereits das, was ich hier noch einmal sagen möchte.

Wir unterscheiden sieben Glieder der Menschennatur. Heute vormittag haben wir gehört, daß man auch eine andere Zahl zugrunde legen könnte: dreimal drei. Es tut nichts, daß ich heute die drei mittleren Glieder in einem einzigen Namen zusammenfassen werde, und fassen Sie einmal diese drei Glieder zusammen unter dem, was ich heute als das vierte nennen werde, dann decken sich die Ausführungen vollständig.

Wir teilen die menschliche Wesenheit so ein, daß wir sagen, der Mensch hat zunächst seinen physischen Leib; er ist das, was Hände berühren und Augen sehen können, das, was der Mensch gemeinschaftlich hat mit der ganzen Natur und was den physischen und chemischen Gesetzen unterliegt. Das zweite ist der sogenannte Äther- oder Lebensleib. Er ist das, was die chemischen und physischen Kräfte und Stoffe aufruft zum Leben und was den Zusammenhang der physischen und chemischen Stoffe im Tode verläßt. Man sagt im Okkultismus: Der menschliche physische Leib ist eine solche Zusammenfügung von Stoffen und Kräften, daß er als physischer Leib durch sich selbst nicht bestehen kann; nur dadurch, daß ihm ein Ätherleib eingefügt ist und so lange, als er ihm eingefügt ist, wird er vor dem Zerfall der physischen Stoffe und Kräfte bewahrt. In dem Augenblicke, wo der Ätherleib die physischen Kräfte verläßt, tritt der Tod ein, ist der physische Leib ein Leichnam. Daher sagt man auch, der Ätherleib ist das, was uns in jedem Augenblick vor dem Tode bewahrt. In jedem Augenblick gibt es in dem Ätherleib einen großen Kampf gegen das, was sonst unsere chemischen Stoffe zerfallen macht. Das dritte Glied ist der Träger von Lust und Leid, Freude und Schmerz, Gefühlen und Affekten, was wir den Astralleib nennen. Er ist das Glied der menschlichen Wesenheit, das der Mensch ebenso mit den Tieren gemeinsam hat, wie er den Ätherleib mit der Pflanzen- und Tierwelt und den mineralischen Leib mit der ganzen äußeren Welt gemeinsam hat. Der Name Astralleib ist gebräuchlich seit den ursprünglichsten Zeiten. Es gibt keinen passenderen Namen für dieses Glied der menschlichen Wesenheit als Astralleib. Und es gibt vielleicht keine schönere Definition des Grundes, warum dieser Leib Astralleib heißt, als die, welche der große Theosoph Paracelsus gegeben hat. Ebenso wie im Tode der Ätherleib den physischen Leib verläßt, so verläßt einige Zeit nach dem Tode der Astralleib den Ätherleib. Aber der Astralleib verläßt den physischen und Ätherleib auch in jeder Nacht. Da ist er außer uns. Wo ist er denn?

Da sagt Paracelsus mit Recht: Wo ist er, und was tut er in der Nacht? Ruht er, hat er eine Aufgabe? Jawohl, er hat eine Aufgabe. Zwar wer nicht hellseherische Kräfte hat, kann auch nicht hineinsehen in die Tätigkeit des Astralleibes während der Nacht. Aber die Konsequenzen dieser Tätigkeit empfindet ein jeder Mensch. Sie alle legen sich des Abends ermüdet zu Bett. Die Ermüdung ist der Ausdruck einer Disharmonie in der Zusammenfügung unseres physischen und Ätherleibes. Sie muß entstehen, wenn der Astralleib nicht Gewalt hat, Harmonie in die zwei anderen, den physischen und Ätherleib, hineinzubringen. Und wie der Mensch heute ist, muß während des tagwachenden Lebens eine solche Disharmonie notwendig entstehen, Wäre unser physischer und Ätherleib bloß unter der Gewalt des Astralleibes — wie die Kräfte zusammengefügt werden sollen -, dann würde immer Harmonie in unserem Äther- und physischen Leibe sein. So aber lebt nicht nur der Astralleib in dem physischen Leib, sondern auf der Bewußtseinsstufe, die die Menschheit auf dem Erdenplaneten erreicht hat, wirkt die ganze Umwelt der physischen, sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände auf den Menschen ein. Es fließen von außen in ihn herein die Eindrücke des Auges und Ohres und der übrigen Sinne. Während des Tagwachens wird bei jedem Menschen, der noch nicht auf einer gewissen höheren Stufe der spirituellen Entwickelung angelangt ist, eine Disharmonjie eintreten müssen. Wenn dieser Astralleib nun niemals an einem anderen Ort verweilen könnte als in unserem physischen und Ätherleib, so würde er selbst in Unordnung kommen. Dann würden seine Kraftströmungen nicht die bleiben, die sie sein müssen, wenn ein richtiger Äther- und physischer Leib geformt werden sollen. Während des Tages kommt die innere Harmonie des Astralleibes in Unordnung, und der Ausdruck für die Unordnung ist die Ermüdung. In dem Augenblick, wo Sie die Ermüdung spüren, ist die innere Disharmonie da. Wo ist nun der Astralleib während der Nacht?

Mit Recht sagt Paracelsus: Wenn die Kraftlinien, die ihn bei Tag mit dem physischen Leib verbinden, sich zu lockern beginnen, dann tritt er in Zusammenhang mit dem ganzen harmonischen Kräftesystem, das den Sternenhimmel durchflutet. In dem Augenblick, wo der Mensch eingeschlafen ist, ruht er in der Harmonie der Sphären, und daraus bringt er sich die Kräfte mit, um das wieder auszugleichen, was während des Tages verbraucht ist. So ruht der Astralleib während der Nacht in der Welt der Sterne; da hat er seine eigentliche Heimat. Und kehrt er zurück, so bringt er sich die Kräfte der Sterne mit, um damit die Ermüdungsstoffe fortzuschaffen. Daher ist der Schlaf ein guter Arzt, weil dann Ordnung und Harmonie eintreten kann, wenn der Astralleib wiederum einige Zeit ruht in derjenigen Welt, die die Gesetze für den Sternenhimmel enthält, und das sind die Gesetze für die geistige Welt überhaupt. Wenn der Mensch keinen Schlaf hat, wird die Gesundheit deshalb untergraben, weil der Astralleib nicht eine Zeit geruht hat in der Sternenwelt. Deshalb hat der Astralleib diesen Namen erhalten. Früher wurde kein Name gegeben, der nicht dem Wesen der Sache entsprach. Und bevor wir okkulte Namen und Bezeichnungen korrigieren, müssen wir erst über den Namen nachdenken, wozu er gegeben worden ist. Wenn heute ein Komet oder kleiner Planet entdeckt wird, schlägt man ein Lexikon der Mythologie auf und gibt daraus dem Stern einen Namen. Das Prinzip der Namengebung in spirituellen Zeiten war, in einem Namen das Wesen der Sache selbst tonhaft nachklingen zu lassen: es klang im Namen der Zusammenhang mit der Welt.

In dem vierten Glied seiner Wesenheit hat der Mensch etwas, wodurch er die Krönung der irdischen Schöpfung des planetarischen Daseins bildet. Folgen Sie mir für kurze Zeit in eine subtile Betrachtung. In dem ganzen Umkreis der deutschen Sprache gibt es einen Namen —- und in anderen Sprachen ist es ähnlich -, der sich von allen anderen Namen grundsätzlich unterscheidet. Jeder von Ihnen kann zu dem Tisch «Tisch» sagen, zu dem Bild «Bild» und so weiter. Einen Namen gibt es aber, den wir in demselben Sinne nicht anwenden können, das ist der Name Ich. Keiner von ihnen kann zu einem anderen «Ich» sagen. Jeder andere ist für ihn ein «Du» und auch Sie sind für jeden anderen ein «Du». Wenn dieser Name uns selbst bezeichnen soll, kann kein Ton in der Außenwelt ihn verkörpern, er muß aus uns selbst klingen. Das empfanden zu allen Zeiten diejenigen Religionen, die einen Impuls von der Geheimlehre hatten. In der Geheimlehre sagt man daher den Namen für das Wesen, und in der hebräischen Geheimlehre ist der unaussprechliche Name Gottes, der Jahve-Name nichts anderes als der Name für das Ich. In Wahrheit ist der Jahve-Name der Name für das, was in der Seele anfängt, einen Monolog zu halten - in seinem Selbst zu leben. Man empfand das so, daß man in denjenigen Weltanschauungen und Religionen, die auf spirituellen Grundlagen errichtet waren, sagte: Im Ich beginnt im Innersten der Seele der Gott zu sprechen. Es ist das ein Anfang, aber er muß gemacht werden, und dieses Ich — dieser einzige Zentralpunkt - ist das, was das wesentlichste unterscheidende Merkmal des Menschen von all den Wesen ausmacht, die uns auf diesem Planeten umgeben. Sinnige Personen haben das immer empfunden. Jean Paul sagt uns, wie er als ganz junges Kind im Hofe des elterlichen Hauses stand, und er wußte sich genau daran zu erinnern, wie zum ersten Male das Gefühl in ihm entstand: du bist ja eine Ich-Wesenheit! Und er fügt hinzu, ein Irrtum sei ausgeschlossen und auch, daß andere etwas zu dieser Erinnerung hinzugetan hätten. Denn damals - sagt Jean Paul — habe ich in das verhangene Allerheiligste meines inneren Wesens hineingeblickt; damals wußte ich, daß ich unsterblich bin, weil ich mit dem Gotte den Zusammenhang gefunden hatte.

Wenn wir jetzt vom Ich nach außen gehen, so kommen wir zu dem Punkt, wo wir die gegenseitigen Verhältnisse der menschlichen Wesenheit betrachten können. Die menschliche Entwickelung besteht darin, daß das Ich an den drei Leibern arbeitet, innerhalb welcher es auftritt wie der Kern einer Frucht in seiner Schale. Und wie arbeitet dieses Ich?

Wenn wir das verstehen wollen, müssen wir uns an primitive Völkerschaften erinnern. Nehmen Sie ein Volk, das heute auf einer untergeordneten Kulturstufe steht. Da sehen Sie, daß dieses Volk von seinen Gefühlen und Instinkten, von Trieb und Leidenschaft beherrscht ist, ganz wie das Tier: sie fressen einander auf. Vergleichen Sie nun diesen Wilden mit dem Angehörigen einer höher entwickelten Kultur, mit einem Franz von Assisi. - Was unterscheidet die beiden Entwickelungsformen?

Wenn wir uns diese Frage beantworten wollen, müssen wir uns klarsein, daß der Mensch — durch die vielen Inkarnationen hindurch, durch die er sich entwickelt - von seinem Ich aus seine Arbeit verrichtet: erst am Astralleib, dann am Ätherleib und dann auch am physischen Leib. Das ist menschliche Entwickelung: diese Ausstrahlung des Ich in die drei Leiber. Der Wilde folgt allen Trieben und Leidenschaften, die in ihm leben. Der Kulturmensch sagt sich, gewissen Trieben darf ich nicht folgen; er versagt sich gewisse Triebe und Leidenschaften. Der noch höherstehende Idealist versagt sich diese nicht nur, sondern er erzeugt aus sich heraus Ideale, die etwas Neues hinzufügen zu dem, was die Triebe des Astralleibes auf einer primitiven Kulturstufe ausmacht. So sehen wir vor dem hellseherischen Blick den Astralleib aus zwei Teilen bestehen: was ursprünglich in ihm war und dann das, was das Ich selbst daraus gemacht hat. Sehen Sie einen hochentwickelten Idealisten an, so ist dieser Teil [es wird gezeichnet] durch die Arbeit des Ich größer als bei anderen, und bei einem Menschen wie Franz von Assisi sehen Sie, wie wenig von dem zurückgeblieben ist, was der Mensch, als er seine erste Inkarnation antrat, sein eigen nannte. In der Theosophie benennt man diesen praktisch umgewandelten Teil des menschlichen Astralleibes, über den der Mensch Herrschaft gewonnen hat, mit dem deutschen Worte «Geistselbst», das man sonst in der theosophischen Literatur mit «Manas» bezeichnet; es ist ein umgewandelter Teil des Astralleibes.

Der Mensch arbeitet aber von seinem Ich aus auch seinen Ätherleib um. Was heißt: Arbeiten an dem Ätherleib? Wir wollen uns das durch ein Beispiel klarmachen. Sie können das an Ihrer eigenen Entwickelung tun. Erinnern Sie sich, was Sie als ein siebenjähriges Kind gewußt haben an Begriffen und Vorstellungen, und was Sie heute wissen, was Sie gelernt und verändert haben in Ihrem Vorstellungsleben. Sie werden sehr viel finden. Vergleichen Sie aber jetzt dies, was Sie gelernt haben, mit dem, was sich verwandelt hat von anderen Dingen, die auch in Ihnen sind, an Temperament, Gedächtnis, gewissen Grundeigenschaften der menschlichen Natur. Wenn Sie als achtjähriges Kind jähzornig waren, so wird noch manchmal dieser Jähzorn durchblicken. War Ihr Temperament ein melancholisches, so wird vielleicht Ihr ganzes Leben lang diese Färbung bleiben. So daß wir vergleichsweise sagen können: was der Mensch eigentlich lernt, bewegt sich so vorwärts wie der Minutenzeiger einer Uhr; aber was die Grundneigungen eines Menschen sind, das bewegt sich langsamer vorwärts, so wie der Stundenzeiger. Und so langsam wie der Stundenzeiger einer Uhr verwandelt sich der Ätherleib. Es ist der Ätherleib ein dichterer als der Astralleib; daher ist die Arbeit des Ich an dem Ätherleib im wesentlichen schwieriger als die Arbeit an dem Astralleib. Und erst, wenn das Ich nicht nur an seinen intellektuellen Vorstellungen arbeitet, sondern sein Temperament umzuwandeln beginnt, dann ist das begleitet von einer Umformung seines Ätherleibes. Für viele ist das nur möglich bei dem Übergang von einer Inkarnation in die andere. Aber gerade das ist das Wesentliche der okkulten Schulung: alles was du lernen kannst, ist nur Vorbereitung für die okkulte Schulung, und mehr hast du getan, wenn du irgendeine Grundstimmung fortzuschaffen dich bemüht hast, wenn du dein zum Beispiel melancholisches Temperament umgewandelt hast in ein harmonisches. In dem Augenblicke, wo wir beginnen, nicht nur Empfindungen und Impulse, sondern unsere Grundaffekte zu ändern, beginnen wir an dem Ätherleib zu arbeiten, und derjenige Teil des menschlichen Ätherleibes, der so vom Ich heraus umgestaltet ist, ist wiederum ein neues Glied der menschlichen Natur. Bewußt können heute die wenigsten Menschen diese Umformung des Ätherleibes bewirken, sondern nur die, welche in einer okkulten Schulung sind. Ein Gesetz in der pythagoräischen Schule war zum Beispiel, daß erst der Astralleib vollständig gereinigt werden mußte, bevor die Arbeit an dem Ätherleib beginnen konnte. Aber man muß unterscheiden zwischen der bewußten und unbewußten Schulung am Ätherleib. Der Teil, der von der Arbeit des Ich durchdrungen ist, heißt in der deutschen Sprache der «Lebensgeist» ; es ist dasselbe in seiner Grundwesenheit, was man in der theosophischen Literatur die «Buddhi» nennt.

Das dritte und Bedeutungsvollste ist, wenn der Mensch nicht nur beginnt, Herr zu werden über die Kräfte seines Ätherleibes, sondern wenn er beginnt, hinunterzuarbeiten bis in den physischen Leib. Es könnte scheinen, als ob die Arbeit des Ich an dem physischen Leib das niedrigste wäre; es ist aber gegenwärtig das Höchste. Und die Arbeit an dem physischen Leib ist wiederum schwieriger als die Arbeit am Ätherleib. Beginnt der Mensch bewußt daran zu arbeiten, durch das Ich Herr zu werden der Kräfte, die im physischen Leibe wirken, dann tritt noch etwas anderes bei ihm auf. Was im physischen Leibe wirkt, sind dieselben Kräfte, die im Kosmos wirken. Lernt der Mensch die Kräfte seines Blutes, seines Atmens beherrschen, dann lernt er die Magie des Kosmos. Dann fließt das, was er kann, aus seinem physischen Leib hinaus, in das All ein, und das ist eine wirkliche, reale Arbeit, die dann erst beginnen kann, wenn der Mensch einen gewissen Grad seiner Arbeit am Ätherleib erreicht hat. Und weil man beginnt mit der Regulierung des Nächsten, was uns vorliegt — mit der Regulierung des Atmens -, so ist auch der Name des Atmens von «Atma» hergenommen. So viel der Mensch in seiner inneren physischen Natur umgestaltet, so viel ist in ihm von dem «Geistesmenschen», von «Atma»; da ist ein Teil der Geistmaterie in ihm verwandelt worden.

Nicht um ein asketisches Fliehen aus der physischen Welt handelt es sich dabei; sondern wir haben die Aufgabe, uns in die physische Welt hineinzubegeben, um sie zu einer spirituellen umzuformen. Das ist das große Gesetz der Erlösung. Gerade dies Physische bedeutet einen Teil des Spirituellen, der so geworden ist, wie er geworden ist, damit wir unsere heutige Entwickelungsstufe erlangen konnten. Wir haben nun die Aufgabe, diesen physischen Leib wiederum hinaufzuvergeistigen, ihn zu erlösen. Hinter dem Worte Erlösung liegt dies Prinzip. Da haben Sie die gegenseitige Beziehung der sieben Glieder der menschlichen Natur, wie man sie haben muß, wenn man sie in praktischer theosophischer Arbeit verwerten will.

Nun wollen wir die Evolution des Menschen betrachten. Wer als Materialist bloß den physischen Leib kennt, macht sich auch von der Evolution des Menschen nur eine abstrakte Vorstellung. Wer aber einsieht, wie kompliziert der Mensch ist, sieht auch, wie kompliziert die Evolution des Menschen ist. Welches ist nun von diesen vier Gliedern das älteste, das vollkommenste? Da wird mancher überrascht sein, wenn er hört, daß das älteste und in seiner Art vollkommenste Glied der menschlichen Wesenheit das physische ist; es ist dasjenige, zu dem die längste Zeit notwendig war. Jünger ist der Ätherleib, noch jünger der Astralleib, und das Baby ist das Ich. Nur mit Unrecht nennt man den physischen Leib ein unvollkommenes Stück des Menschen. Betrachten Sie zum Beispiel nur den Bau des Oberschenkelknochens: ein wunderbares Kunstwerk. Da sind die Balken so weisheitsvoll gelegt, wie keine menschliche Ingenieurkunst es zustande bringen könnte, und sie sind so gelegt, daß der Oberkörper mit dem kleinsten Aufwand von Kraft getragen wird. Gehen wir nun von diesem Glied über zu dem Bau des menschlichen Herzens. Wer sich in das hineinvertieft, was unsere Physiologen uns vom Herzen und auch von den übrigen Organen lehren, der weiß, daß diese Glieder so weise aufgebaut sind, daß keine menschliche Weisheit in diese physischen Formen sogar nur eindringen kann. Der physische Leib wäre gut bei allen Menschen. Aber nun sehen wir uns den Astralleib an, was der das ganze Leben hindurch tut. Der Mensch führt durch die Tätigkeit seines Astralleibes dem physischen Leibe, zum Beispiel dem Herzen, fortwährend Herzgifte zu; aber das Herz ist so weise gebaut, daß es ganze Zeiten aushält gegen die Attacken des Astralleibes. Erst eine künftige Zeit wird den Astralleib ebenso weise finden, wie es heute der physische Leib ist. Der physische Leib ist das älteste Glied der Menschennatur, zu dem die längste Evolutionszeit notwendig war. Die Glieder der Menschennatur sind aber zusammengefügt mit der ganzen Umwelt. Ebenso wie der einzelne Finger nur bestehen kann, wenn er ein Glied der ganzen Hand ist, ebenso ist der Mensch nur im Zusammenhang mit dem ganzen Kosmos denkbar. Heben Sie ihn einige Meilen über die Erde hinaus, dann geht es ihm ebenso wie dem Finger, wenn Sie ihn abschneiden. Und nur weil der Mensch auf der Erde herumspazieren kann, gibt man diese Unselbständigkeit nicht zu.

Blicken Sie zurück auf urferne vergangene Zeiten! Und wenn Sie vorblicken in zukünftige Zeiten, so sehen Sie, daß die Gestalt seiner Glieder sich fortwährend ändert. Aber sie können sich nur ändern, wenn alles in der Umgebung des Menschen anders wird. Nur weil der Mensch trotz seiner vorgerückten Wissenschaft eine so kurze Spanne Zeit überblickt, glaubt er, daß die Dinge immer so waren, wie sie sind. Aber wer weiter hineinblickt, weiß, daß sich unser Planet von Form zu Form ändern muß, wenn wir uns selbst ändern wollen. Aber es genügt nicht bloß, daß die Veränderungen eintreten, welche die Erde selbst durchmacht, sondern der Mensch war in gewisser Beziehung schon da, bevor man die Erde im Kosmos «Erde» nennen konnte. Wie der Mensch im Kosmos fortschreitet, so schreiten auch die Planeten oder die Wesen, die sie bewohnen, fort. Unser Planet ist die Reinkarnation eines anderen planetarischen Zustandes, und wir können drei vorhergehende Inkarnationen unserer Erde verfolgen und perspektivisch auf drei folgende vorausblicken. Was wir Planetenentwickelung nennen, ist nichts weiter als ein Analogon zu unserer Menschenentwickelung. Die drei vorhergehenden Planetenzustände, durch die unsere Erde durchgehen mußte, nennt man in rosenkreuzerischer Bezeichnung: Saturn, Sonne, Mond, so daß wir uns vorzustellen haben: die Erde war, bevor sie Erde wurde, Mond, und bevor sie Mond wurde, war sie Sonne, und vor der Sonne war sie Saturn; und die späteren Zustände, auf die wir hinblicken, nennt man Jupiter, Venus, Vulkan. Was heißt das: die Erde ist durch diese Zustände hindurchgegangen ?

Wir sind heute in der vierten Inkarnation unseres eigenen Planeten, und das hängt mit der menschlichen Evolution auf das innigste zusammen. Auf der ersten Planetenform - also auf dem Saturn — waren bereits die ersten Anlagen zum menschlichen physischen Leib vorhanden. Damals aber war der menschliche physische Leib während der ganzen Saturnentwickelung so, daß ihm noch kein selbständiger Ätherleib eingegliedert war. Durch den Sonnen- und Mondzustand hindurch bis zum Erdenzustand herunter hat sich dieser physische Leib immer mehr und mehr vervollkommnet, so daß wir sagen können: der physische Menschenleib steht heute auf der vierten Stufe seiner Entwickelung, er steht heute auf dem Punkt der Erdentwickelung. Erst bei der zweiten Inkarnation unserer Erde wurde diesem physischen Leib eingegliedert ein selbständiger Ätherleib. Es wurde gleichsam der physische Leib dadurch vollkommener, daß ein Ätherleib in ihm arbeitete. Dann führte die dritte Reinkarnation der Erde - der Mond dazu, daß sich den zwei Leibern noch der Astralleib eingliederte; so daß der Bewohner des Mondes, der Vorfahr des heutigen Erdenmenschen, aus drei Leibern — dem physischen, dem Äther- und dem Astralleib — bestand. Und der Sinn der Erdentwickelung ist der: diesen drei Gliedern das Ich einzugliedern, den Arbeiter, der dann beginnt umzugestalten, was ihm von früher her geworden ist. So sehen wir, daß der physische Leib älter ist als die anderen, und das Ich ist erst auf der ersten Stufe seiner Entwickelung. Man kann auch aus der Konfiguration des physischen Leibes sogar wissen, was in uns herstammt von dem Saturnzustand. Was am höchsten steht innerhalb unseres physischen Leibes, das sind die Sinnesorgane, und der Keim zu unseren Sinnesorganen wurde gelegt auf dem Saturn. Und so wurde Glied für Glied aufgebaut, wurde stufenweise immer vollkommener und vollkommener mit den anderen Gliedern der menschlichen Natur.

Was hier Saturn und Sonne genannt wird, ist nicht die heutige Sonne und der heutige Saturn, sondern es werden damit Entwickelungsphasen bezeichnet. Dennoch steht das, was unsere Erde in ihrer Entwickelung durchgemacht hat, in Zusammenhang mit dem heutigen Saturn. Es verhält sich der heutige Saturn zu der Erde wie ein Knabe zu einem Greis. Dieselben Lebensverhältnisse, die der Saturn heute durchmacht, hat unsere Erde früher durchgemacht. Daher spricht man im wirklichen Okkultismus nicht von dem Saturn, von der Sonne und so weiter, sondern von einem Saturn, einer Sonne und so weiter. Unsere Erde ist ein älter gewordener Saturn.

Nun müssen wir uns noch klarsein, welchen Sinn denn diese ganze Entwickelung hat. Wenn wir zurückblicken auf jene Saturnentwickelung, wo der Mensch noch ohne Ätherleib, Astralleib und Ich war - insofern sie selbständige Wesen waren -, bekommen wir den besten Unterschied jener uralten Zustände von dem heutigen dadurch zu erkennen, daß wir uns auf das «Bewußtsein» beziehen. Es ist mit jedem Entwickelungszustand ein Bewußtseinszustand verbunden. Es gibt sieben Bewußtseinszustände. Der gegenwärtige Mensch ist im vierten; diesen kann kein Wesen haben, das nicht zu sich «Ich» sagen kann. Daher entwickelte der Mensch die Form des Bewußtseins, die er jetzt hat, erst auf der Erde. Die Erdentwickelung hat den Sinn, das wache Tagbewußtsein zu entwickeln. Auf den früheren Planetenzuständen gab es für den Menschen nur unvollkommene Bewußtseinszustände. Auf dem Saturn hatte der menschliche Vorfahr in seiner primitiven Gestalt ein Bewußtsein, wie es auch die Mineralien haben, oder vielmehr: der menschliche physische Vorfahr ist jenes Bewußtsein. Wir können dafür kaum leicht Worte finden; wir können nur andeuten. Dieses Bewußtsein ist ein ganz, ganz dämmerhaftes, ein tiefes Trance-Schlafbewußtsein, dumpf und dämmtrig, das aber in gewisser Weise wiederum einen Vorzug hatte: es übersieht einen viel größeren Umkreis, ist viel universeller; ein Mineralbewußtsein weiß von dem ganzen Sonnensystem.

Dann wurde dieses Bewußtsein eingeengt zu dem, was die Pflanze hat. Aber es ist jetzt schon ein etwas aufgehellteres Bewußtsein gegen das des Minerals. In diesem Bewußtsein war der Mensch, als die Erde im Sonnendasein war. Die dritte Form des Bewußtseins ist das Bilderbewußtsein, auch das primäre psychische Bewußtsein genannt. Es unterscheidet sich von dem gegenwärtigen dadurch, daß es in Bildern wirkt, aber so, daß es das Psychische des anderen vermittelt. Denken Sie sich ein Wesen - und das menschliche Vorfahrenwesen auf dem Monde war so -, das noch kein sinnliches Bewußtsein hat und die Gegenstände beim Aufwachen mit Farben überziehen kann: ein letztes Überbleibsel eines solchen Bewußtseins haben Sie in der Traumwelt. Die Traumwelt ist nicht das astrale Bewußtsein. Das gegenwärtige Traumbewußtsein verhält sich zum Mondbewußtsein so, wie irgendein verkümmertes Glied zu der Form, wie sie vorhanden war, als es noch im Menschen selbst seine Aufgaben hatte; zum Beispiel gewisse Muskeln, die die Ohren bewegen konnten, die beim Menschen ihren Sinn verloren haben. Von jenem astralen oder psychischen Bilderbewußtsein vom Monde ist als Rudiment die heutige Traumwelt zurückgeblieben; daher wirkt sie auch so, wie das astrale imaginative Bewußtsein wirkt. Denken Sie sich, es träumt jemand, daß er einen Laubfrosch finge. Er sieht ihn hüpfen und faßt ihn. Da wacht der Schläfer auf und sieht, er hatte den Zipfel der Bettdecke in seiner Hand. Oder ein anderer Traum, der richtig vorgefallen ist. Eine Bauersfrau träumt, sie ginge in die Kirche. Sie hört andächtig zu. Da bewegt der Pfarrer heftig seine Arme und siehe da, er bekommt Flügel. Das war der frommen Bauersfrau nicht allzu merkwürdig, daß ein Pfarrer, der vom Himmel predigt, gelegentlich auch einmal Flügel bekommt. Aber was geschieht? Der Pfarrer beginnt auf der Kanzel laut zu krähen. Im selben Augenblick wacht die Bauersfrau auf und draußen auf dem Hofe kräht der Hahn.

Was ist da geschehen, wo eine ganze dramatische Handlung vor sich geht? Im symbolischen Bild drückt sich etwas aus, was Sie im wachen Tagbewußtsein als äußeren Gegenstand wahrgenommen hätten. Es bildet sich symbolisch etwas aus, was nicht in dieser Weise vorhanden ist. Behalten Sie aber das Symbol in der Form - denken Sie, der Mensch verwende es, um Wahrnehmungen zu haben von der wirklichen psychischen Welt, dann haben Sie das, wovon ich jetzt spreche. Ein symbolisches Bewußtsein, das wahr und wirklich ist, war das Mondbewußtsein. Denken Sie sich einen Menschen ohne unser heutiges Gegenstandsbewußtsein. Er näherte sich einem anderen Wesen. Er sieht bei diesem nicht die begrenzte Form, sondern da tritt vor ihm auf ein Farbengebilde. Bei Sympathie sieht er eine ganz bestimmte Farbe, ebenso bei Antipathie. Das ist etwas anderes als die Farbe heute: es ist der Ausdruck für die Sympathie oder Antipathie für das andere Wesen. Und wer das Mondbewußtsein hat, tut das, was dem Mondbewußtsein entspricht: er richtet seine Handlungen nach den Symbolen ein. Nimmt er eine gewisse Farbe wahr, so weiß er, da geht etwas vor, was ihm feindlich ist, und er wird sich zurückziehen.

Erst eine spätere Entwickelungsform ist die, die sich unter dem Einfluß des Ich entwickelt, wo das Bewußtsein nicht die psychische Erscheinung mehr wahrnimmt, sondern wo sich das, was als Färbung aufgestiegen ist, über die Gegenstände hinüberlegt. Die Farben, die Sie heute über die Gegenstände ausgebreitet liegen schen, sind die alten Farben, die einst als psychisches Gebilde aufstiegen.

Wenn der moderne Mensch zu dem heutigen Bewußtsein dazu noch dasjenige des Mondes hätte, so daß er die psychische Welt voll wahrnimmt wie die physische, so hätte er das jetzige Bewußtsein erweitert zum imaginativen. Eine höhere Form wäre dann, wenn er als ein weiteres noch das Bewußtsein hinzugefügt hätte, das heute die Pflanze hat und das der Mensch dumpf und dämmerig während der Sonneninkarnation hatte. Und die höchste Form wäre die, wo der Mensch das Bewußtsein, das heute das Mineral hat, auch noch dazu hätte, das ihm wiederum das Aufgehen in den universellen Kosmos ermöglichte. Dieses letzte Bewußtsein schwebt als Ideal des Menschen vor uns, und man nennt es das spirituelle Bewußtsein.

Der Sinn der Planetenentwickelung ist also, daß die Bewußtseinszustände aufeinander folgen; aber dazu muß der planetarische Schauplatz auch jedesmal ein ganz anderer werden. Wir überblicken aber die vollständige Evolution nur dann, wenn wir wissen, daß innerhalb jeden planetarischen Zustandes wiederum sieben Stufen zurückgelegt werden müssen. So mußte Saturn, Sonne, Mond und jetzt die Erde sieben Stufen zurücklegen. «Runden» in der Theosophie genannt, «Reiche» in der christlichen Esoterik. Jeder der Planeten, den die Erde durchmacht, hat sieben kleinere Kreisläufe; denn ein jedes Bewußtsein hat wiederum Grade, wenn es aufsteigen soll, von den unvollkommensten bis zu den vollkommensten. Man nennt sie auch Lebenszustände. Jedes solcher Reiche oder Lebenszustände muß aber wiederum durchgehen durch sieben verschiedene Offenbarungszustände oder sieben Formenzustände: arupa, rupa, astral, physisch, plastisch, intellektuell, spirituell (archetypisch).

So haben wir 7 mal 7 mal 7 = 343 Zustände; sie bezeichnen die 343 planetarischen Inkarnationen in ihrer Vollständigkeit. Je 49 dieser Zustände umfassen die Entwickelung eines Bewußtseinszustandes. Sie sehen also, wie wir in eine gewaltige kosmische Entwickelung hineinblicken können.

Als der Mensch noch auf der Sonne lebte und nur seinen Äther- und physischen Leib entwickelt hatte, war er noch ein ganz anderes Wesen. Man könnte ihn nicht Pflanze nennen, aber man könnte in einem gewissen übertragenen Sinne doch sagen: er war damals im Pflanzendasein. In bezug auf seine Lage zur Erde war er wie umgewendet: was heute in den Äther frei hineinragt, der Kopf, das war damals zum Mittelpunkt der Erde hin gerichtet. Mit der Entwickelung des Bewußtseins ist zugleich die Umkehr der ganzen Menschengestalt verknüpft. Daher nennt man auch den Sonnenmenschen einen nach dem Mittelpunkt der Erde gerichteten Menschen, und in demselben Sinne nennt man den Menschen des Mondzeitalters einen umkreisenden Menschen. Wenn man eine Tangente nach der Mondoberfläche gezogen hätte ... [Lücke in der Nachschrift]. Und der Erdenmensch ist der umgekehrte Sonnenmensch.

So schreitet alles vorwärts. Wenn wir zurückblicken auf die Mondentwickelung, müssen wir uns klarsein, daß das, was wir heute Affekte nennen, sich erst als ein astraler Einschlag auf dem Mond entwickeln konnte. Damals aber war noch nicht das Ich entwickelt. Weil sich das Ich erst auf der Erde entwickelte, empfand der Mondmensch noch nicht den Schmerz als seinen individuellen; es war der Mondenschmerz. Unselbständig war dieser physisch-ätherisch-astralische Mondenvorfahr. Unindividuelle Leidenschaften, Affekte und Schmerzen kamen da heraus. Zum Beispiel war es auf dem Monde so — man darf es heute aussprechen, wenn es auch noch so wenige glauben -, daß zu gewissen Jahreszeiten die ganze Welt, alle lebenden Wesen, die von einem Astralleib umgeben waren, anfingen zu schreien, von Tönen sich zu entäußern; das war verknüpft mit einer gewissen Entwickelung im animalischen Leben. Ein Rudiment davon ist noch der Brunstschrei im Sexualleben gewisser Tiere, wo zu gewissen Zeiten damit Schreie verknüpft sind.

Nun ist das Gesetz der Evolution so, daß in späteren Zuständen sich immer gewisse frühere wiederholen. So mußte die Erde als Wiederholung das Saturn-, Sonnen- und Monddasein durchmachen. Jetzt befindet die Erde sich in ihrem eigentlichsten Dasein. Sie bekommen eine Vorstellung von dem, was hier Sonne genannt wurde, wenn Sie alle Wesen, die heute auf Sonne, Mond und Erde sind, zusammenrührten zu einem Brei; es war das alles einmal in einem vorhanden auf der Sonne. Zur Zeit des Sonnenzeitalters waren Sonne, Mond und Erde ein Körper. Dann hatte sich die Sonne zum Mondendasein entwickelt und da erst wurden Sonne und Mond geteilt. Und bei der Wiederholung auf der Erde hat sich wiederum zuerst die Sonne und dann wiederum der Mond herausgetrennt, und mit der Heraustrennung des Mondes ist verknüpft die eigentliche Ich-Werdung des Menschen. Der Mond enthält die Kräfte, die die übrigen Glieder des Menschen verhindern, Träger eines Ich zu werden. Ich kann nur darauf hindeuten, daß der Zeitpunkt, der für unsere Erdentwickelung eintrat in der alten lemurischen Zeit, nur dadurch eintreten konnte, daß sich erst die Sonne lostrennte und dann der Mond. Als die Erde selbständig geworden war, konnte sie erst die Menschengestalt hervorbringen, aus der sich der heutige Mensch entwickelt hat.

So hängt mit der kosmischen Entwickelung die menschliche aufs innigste zusammen. Blicken Sie zurück auf die alte atlantische Zeit, die Vorgängerin unserer heutigen Zeit, wo der Mensch auf der Atlantis lebte — die die Naturwissenschaft wenigstens schon für die Tierwelt entdeckt hat -, da haben Sie den Menschenvorfahren, der noch nicht ein solches Bewußtsein besitzt, wie es der Mensch heute hat, das rechnen und industrielle Gegenstände herstellen kann. Dafür aber war eine andere Fähigkeit in hohem Maße entwickelt. Der atlantische Mensch hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis, wovon man sich heute keine rechte Vorstellung mehr machen kann. Noch etwas anderes war damit verknüpft. Sie würden finden, daß sich auch physisch diese alte Atlantis ganz wesentlich von der Konfiguration der heutigen Erde unterscheidet. Was wir heute Luft und Wasser nennen, war noch nicht da. Die ganze Luft war angefüllt mit einem feinen Wasserdunst. Das Wasser war noch aufgelöst. Deshalb hat die alte deutsche Sage davon den Namen «Nifelheim» aufbewahrt. Er bedeutet, daß die Menschen damals in einer Art wassergeschwängerten Luft lebten und nur in einer solchen Luft konnte das Bilderbewußtsein des damaligen Menschen leben. Die Mythen und Sagen der germanischen Mythologie sind aus diesem Bewußtsein heraus entstanden. Wer das Volk wirklich kennt, der weiß, daß es nicht so dichtet, wie die heutige Gelehrsamkeit behauptet. Überbleibsel eines alten ätherischen Bilderbewußtseins waren die Mythen und Sagen, der Ausdruck eines uralten dämmerhaften Hellsehens, und die Menschen haben nur davon den Ursprung vergessen, nachdem sie zu dem heutigen hellen Tagbewußtsein vorgerückt sind.

So sehen Sie, wie die Menschheitsentwickelung an den Kosmos gebunden ist. Auf einem Erdenrund, wo die Luft mit Wasser geschwängert ist, nimmt der Mensch die Welt ganz anders wahr. Für den Atlantier war das Rauschen des Windes eine Sprache, die er verstand. Es waren damals noch keine Gebote und Gesetze vorhanden. Es gab noch Zeiten, wo der Mensch, wenn er wissen wollte, wie er sich benehmen sollte, hinausging und horchte auf die Quelle, wie sie rieselte: das sagte ihm etwas. Und wenn er hinausging, um zu horchen, dann hörte er hin auf einen Grund- und Unterton, der vorhanden war wie ein musikalischer Grundton, den der Atlantier verstand. Es ist eine einfache, mehrgliedrige Silbe; die lebte in der ganzen Umgebung des Atlantiers; die ging durch alles hindurch, und der Atlantier sagte sich: In diesem Grundton spricht der Gott zu mir. Und wenn er sein Gebet zu seinem Gott richten wollte, geschah es in diesem Grundton. Die Weisheit des alten Atlantiers mußte sich in die unsrige verwandeln, damit der Mensch vorwärtsschreiten konnte. Aber wir werden in der Entwickelung wiederum das Bewußtsein des Atlantiers erringen müssen, zu dem unsrigen hinzu. Manchmal müssen wir das Opfer bringen, daß das Alte für eine Zeit wie schlummernd liegen muß.

So hängt die Entwickelung des Menschen mit der Entwickelung des Kosmos zusammen. Denken Sie einmal, wie weit der Mensch sich entfernt hat von den Quellen der Weisheit, die in der Welt selbst ruht! Wie weit hat er sich entfernt von der unmittelbaren Verbindung mit der Natur! Aber was wir verloren haben, werden wir wiedergewinnen zu dem, was wir uns erobert haben. Dieses Bewußtsein, das wir haben, entsprang aus dem Bewußtsein der einzelnen, konkreten Tatsachen, die man in der Rosenkreuzermethode mit der «Weisheit der Welt» bezeichnet hat. Es durchdringt das ganze Leben des Menschen. Durchdringen wir uns damit, dann fühlen wir, was der Lehrer wollte, an den sich der Name «Rosenkreutz» knüpft, der als eine führende Individualität durch die Jahrhunderte hindurch die spirituelle Bewegung lenkt und leitet.

Scheinbar liegt es fern, wenn man den Menschen im Zusammenhang mit der ganzen Welt betrachtet; aber dringt es ein in unser Herz, dann wird es zu einer Kraft in uns, die uns beseligen wird, wenn wir mitarbeiten wollen an der Umwandlung und Umgestaltung des Kosmos. Man hat die Pflicht, sich einzugliedern in den Kosmos. Wie der einzelne Stein sich nicht zu dispensieren strebt von dem Haus, so darf sich der Mensch nicht dispensieren vom Kosmos. Man muß erkennen, daß es Pflicht sein muß, zu dienen innerhalb der großen Weltenevolution. Dann wird das, was ewig ist in uns, sich eingliedern in das Weltendasein. Es wird in unserem alltäglichsten Leben ein Abglanz davon vorhanden sein, so daß der Mensch bei jeder Handbewegung diese Weisheit ausdrücken kann. Dann wird der Kosmos wirklich etwas haben vom Menschen, denn alles ist in der Umformung. Alles muß wieder umgeformt werden durch die Wesen, die hineingestellt sind in die Weltenbewegung. Arbeiten wir so mit, so werden wir lebendig fühlen, wie es wahr ist. Und das Wahre wird Impuls für unser Handeln sein. So wird ein schönes Wort bewahrheitet, das ein hochinspirierter Dichter sagte:

Die Zeit ist eine blühende Flur,
Ein großes Lebendiges ist die Natur,
Und alles ist Frucht, und alles ist Same!

German original of Planetary Evolution and the Evolution of Humanity · ← Previous · Next →