And The Temple Becomes Man
GA 286 — 12 December 1911, Berlin
1. Der Ursprung der Architektur aus dem Seelischen des Menschen und Ihr Zusammenhang mit dem Gang der Menschheitsentwickelung
Meine lieben Freunde! Der Johannesbau, insofern er umschließen soll die Wirkungsstätte unserer Geisteswissenschaft, soll etwas sein, was mit den Entwickelungsbedingungen der gesamten Menschheit rechnet. Und er wird entweder dieses sein, oder wird nicht dasjenige sein, was er eigentlich sein sollte. Bei einer solchen Angelegenheit hat man eine Verantwortung gegenüber alledem, was als geistige Gesetze, als geistige Mächte, als geistige Entwickelungsbedingungen der Menschheit uns bekannt ist und zu unserer Seele sprechen kann. Vor allen Dingen hat man auch eine Verantwortung gegenüber dem Urteil der zukünftigen Menschheit. Ein solches Verantwortlichkeitsgefühl ist in unserer Zeit, in dem gegenwärtigen Menschheitszyklus noch etwas ganz anderes als es ein ähnliches Verantwortungsgefühl in den verflossenen Zeitaltern war.
Große, mächtige Kunst- und Kulturdenkmäler sprechen zu uns in der mannigfaltigsten Weise herüber aus dem Laufe der Zeit. Wie Kunst- und Kulturdenkmäler aus dem Laufe der Zeiten uns die inneren Verhältnisse der Menschenseelen in jenen Zeiten künden, darüber haben Sie eine schöne, bedeutungsvolle Betrachtung gerade heute morgen von dieser Stelle aus gehört. Wenn wir in unserem Sinne über etwas sprechen sollen, was all den Menschen, die an jenen Kultur- und Kunstdenkmälern beteiligt waren, ihr Verantwortlichkeitsgefühl in einer gewissen Weise leichter machte, als es uns gemacht wird, wenn wir in unserer Sprache darüber sprechen wollen, dann müssen wir sagen: Diese Menschen der Vorzeit hatten noch andere Hilfen als unser Zeitenzyklus sie hat; ihnen halfen die Götter, die, diesen Menschen unbewußt, in deren Unter- oder Unbewußtsein ihre eigenen Kräfte einströmen ließen. Und in einer gewissen Weise ist es Maja, wenn man glaubt, daß in den Denkapparaten oder in den Seelen derjenigen, welche die ägyptischen Pyramiden, die griechischen Tempel und andere Kunstwerke gebaut haben, allein diejenigen Gedankenformen, Impulse und Intentionen wirksam waren für dasjenige, was uns entgegentritt, was im Laufe der Zeit den Menschen entgegentrat in den Formen, den Farben und so weiter, denn Götter wirkten mit durch die Hände, durch die Hirne, durch die Herzen der Menschen. Unsere Zeit ist, nachdem die vierte nachatlantische Kulturperiode vorübergegangen ist, der erste Zeitenzyklus, in welchem die Götter die Menschen auf ihre Freiheit hin prüfen, in welchem die Götter zwar ihre Hilfe nicht versagen, aber den Menschen nur dann entgegenkommen, wenn diese Menschen in eigenem freien Aufstreben aus ihrer individuellen Seele heraus, die sie nun erhalten haben durch genügend viele Inkarnationen, dasjenige aufnehmen, was von oben herunterströmt. Etwas Neues haben wir auch zu schaffen in dem Sinne, daß wir in ganz anderem Stile noch als es in den verflossenen Zeiten der Fall war, in freier Selbsttätigkeit aus den menschlichen Seelen heraus schaffen müssen. Bewußtsein, das geboren ist mit der Bewußtseinsseele, welche das Charakteristikon unseres Zeitenzyklus ist, das ist die Signatur unserer Zeit. Und mit Bewußtsein, mit voll durchleuchtetem Bewußtsein, in welches nichts aufgenommen werden kann aus dem bloß Unterbewußten herauf, müssen wir schaffen, wenn die Zukunft von uns ähnliche Kulturdokumente erhalten soll, wie wir sie von der Vergangenheit erhalten haben. Daher geziemt es uns wohl, heute den Versuch zu machen, unser Bewußtsein anzuregen mit denjenigen Gedanken, die uns Licht bringen sollen über das, was wir zu tun haben. Und wir können nur etwas tun, wenn wir wissen, aus welchen Gesetzen, aus welchen spirituellen Grundimpulsen heraus wir handeln sollen. Das aber kann sich auf keinem anderen Wege ergeben, als wenn wir im Einklang arbeiten mit der gesamten Evolution der Menschheit.
Versuchen wir jetzt einmal, wenigstens ganz skizzenhaft, einige der Hauptgedanken vor unsere Seele hinzurücken, die uns befruchten können in bezug auf das, was wir mit diesem neuartigen, nicht bloß neuen Werke schaffen sollen.
In gewisser Beziehung sollen wir ja einen Tempel bauen, der zugleich, etwa wie dies die alten Mysterientempel waren, eine Lehrstätte ist. «Tempel» benennen wir immer im Laufe der Entwikkelungsgeschichte der Menschheit alle die Kunstwerke, die dasjenige umschlossen, was den Menschen das Heiligste war. Und Sie haben ja heute morgen schon gehört, in welcher Art die verschiedenen Zeiten im Tempel das Seelische zum Ausdruck brachten. Wenn man mit dem von der Seele durchwärmten Auge tiefer eingeht auf das, was man vom Tempelgebäude, vom Tempelkunstwerke kennen kann, so stellt sich denn doch eine große Verschiedenheit dar in den einzelnen Tempelkunstwerken. Und ich möchte sagen: Besonders groß ist der Unterschied zu jenen Tempelkunstwerken, von denen allerdings äußerlich nur mehr wenig vorhanden ist, und die wir in ihrer Grundform, in ihrer ältesten Form, eigentlich nur entweder ahnen oder aus der Akasha-Chronik uns rekonstruieren können; jene Tempelformen, die wir als die der zweiten nachatlantischen Kulturperiode, herübergehend dann in die dritte, etwa bezeichnen können als die urpersischen Tempel, von denen etwas übergeflossen ist in die späteren Tempel... [Lücke in der Nachschrift] nur insofern sie von jener Gegend der Erde in ihrer Konfiguration beeinflußt sind. Übergegangen ist etwas von ihnen in die babylonisch-assyrische, überhaupt in die vorderasiatische Tempelkunst.
Was war das Bedeutsamste jener Baukunst?
Äußere Dokumente sprechen, wie gesagt, nicht gerade viel von dieser Baukunst. Aber selbst wenn man nicht eingehen kann auf die Dokumente der Akasha-Chronik, sondern auf sich wirken läßt, was aus einer späteren Zeit erhalten ist, und hinweist darauf, wie Tempelbauten in einer so frühen Zeit in dem Gebiete, von dem gesprochen worden ist, ausgesehen haben können, so muß man sich sagen: Bei diesen Tempeln kam ungeheuer viel - ja, wohl alles - auf die Fassade an, auf die Art und Weise, wie einem der Tempel sich präsentierte, wenn man zum Eingange hin sich ihm nahte. Und würde man durch eine solche Fassade in das Innere des Tempels geschritten sein, so würde man in dem Tempel - je nachdem, ob man zu den mehr oder weniger profanen oder mehr oder weniger eingeweihten Persönlichkeiten gehört hätte - aber auf jeden Fall die Empfindung gehabt haben: Da sagt mir die Fassade etwas, was wie in einer geheimnisvollen Sprache gesprochen ist, und drinnen finde ich dasjenige, was sich ausdrücken wollte in der Fassade.
Und wenden wir den Blick von diesen für die nicht-akashachronikmäßige Forschung nur zu ahnenden Tempelbauten hinüber nach gewissen ägyptischen Tempeln oder anderen ägyptischen sakralen Bauten, wie den Pyramiden, so finden wir allerdings einen anderen Charakter. Wir nähern uns einem ägyptischen Tempelbau - und uns treten, geheimnisvoll grandios, Symbole, Kunstgebilde entgegen, die wir erst enträtseln müssen. Sphinxe, selbst die Obelisken, wir müssen sie erst enträtseln. Vor allen Dingen steht das Rätselhafte, dem wir uns in der Sphinx und in der Pyramide nähern, so vor uns, daß ein deutscher Denker, Hegel, diese Kunst geradezu die Kunst des «Rätsels»> genannt hat.
In der eigentümlichen pyramidal ansteigenden Form, ohne viele äußere Fensteröffnungen, umschließt sich uns etwas, was schon durch seine ganze Umschließung sich ankündigt als ein Geheimnisvolles, das von außen, jedenfalls zunächst durch die Fassade, nicht anders verraten wird als dadurch, daß uns zunächst ein Rätsel aufgegeben wird. Und wir treten ein und finden, neben den geheimnisvollen Mitteilungen über allerlei Mysterien, geschrieben in der alten Mysterienschrift oder ihrer Nachfolgerin, im Allerheiligsten das, was des Menschen Herz und des Menschen Seele hinführen soll zu dem in tiefster Verborgenheit auch innerhalb des Tempels wohnenden Gott. Wir finden den Tempelbau als Umschließung des heiligsten Geheimnisses der Gottheit und wir finden auf der anderen Seite den Pyramidenbau selbst als Umschließung des heiligsten Geheimnisses der Menschheit: der Initiation, der Einweihung, als etwas, was sich von der Außenwelt abschließt, weil es sich abschließen soll in seinem inneren, geheimnisvollen Gehalte.
Wenden wir von diesem ägyptischen Tempel den Blick hinüber nach der griechischen Tempelkunst, so finden wir dort allerdings festgehalten den Grundgedanken vieler ägyptischer Tempel, indem wir diese griechischen Tempel aufzufassen haben als die Wohnung des Göttlich-Geistigen, aber wir finden zugleich den äußeren Tempelbau selber in der Weise fortgeschritten, daß er in einer wunderbaren Dynamik - nicht etwa bloß der Form, sondern der in den Formen lebenden inneren Kräfte - ein in sich Selbständiges ist, wie in einer inneren Unendlichkeit, wie in einer inneren Vollendetheit. Da wohnt der griechische Gott in einem Tempelkunstwerk. In diesem Tempelkunstwerk - angefangen von den tragenden Säulen, die in jeder Weise in ihrer Dynamik sich als Träger erweisen und gerade so sind, daß sie das, was auf ihnen liegt, tragen können, ja tragen müssen - finden wir den Gott eingeschlossen in einem in sich Vollendetem; in einem, das innerhalb des Erdenseins ein in sich Unendliches darstellt, angefangen von dem Gröbsten bis in das Einzelnste hinein.
Und wir finden den Gedanken «des Menschen Teuerstes ausgedrückt im Tempelbau» festgehalten, wenn wir herankommen an den christlichen Tempelbau, der zunächst über einem Grabe oder auch über dem Grabe des Erlösers erbaut ist, der sich dann angliedert dem in die Höhe strebenden Turm und so weiter. Aber hier tritt uns ein merkwürdiges neues Moment entgegen, ein Moment, das im Grunde genommen die spätere Tempelkunst, die christliche Tempelkunst, ganz und gar unterscheidet von der griechischen. Der griechische Tempel ist gerade dadurch ein so Charakteristisches, daß er eben ein in sich Abgeschlossenes ist, ein in sich dynamisch Vollendetes. Das ist keine christliche Kirche. Ich habe einmal den Ausdruck gebraucht: ein Tempel der Pallas Athene oder des Apollon oder ein Zeus-Tempel braucht keine Menschenseele in seiner Nähe oder in seinem Innern, denn er ist zunächst gar nicht dazu veranlagt, daß ein Mensch in seiner Nähe oder in seinem Innern sein soll; sondern er soll dastehen in seiner grandios einsamen Unendlichkeit, bloß zeigend die Wohnung des Gottes. Der Gott wohnt in ihm, und dieses Wohnen des Gottes in ihm bildet seine in sich abgeschlossene Unendlichkeit. Und je weiter, möchte man sagen, die Menschen im Umkreise entfernt sind von einem griechischen Tempel, desto echter wirkt ein griechischer Tempel. Lassen Sie mich das Paradoxon aussprechen, denn so ist der griechische Tempel gedacht, und das ist nicht der Fall bei einer christlichen Kirche: Die christliche Kirche fordert den Gläubigen mit seinen Empfindungs- und Gedankenformen; und was wir betreten als Raum, es sagt uns, wenn wir es näher studieren, in jeder dieser einzelnen Formen, daß es aufnehmen will die Gemeinde und die Gedanken und die Empfindungen und die Gefühle der Gemeinde. Und man hätte wohl kaum einen glücklicheren Instinkt entfalten können, als für den christlichen Tempel später das Wort «Dom» zu prägen, in welchem sich ausdrückt das Zusammendringen von Menschen, die «Beisammenheib» von Menschen, um das sonderbare Wort zu gebrauchen. «Dom» ist innig verwandt mit «tum», wie es sich etwa im Wort «Volkstum» als Nachsilbe zum Ausdruck bringt.
Und wenn wir den Blick weiter wenden, zur Gotik hin, wie könnten wir verkennen, daß die Gotik noch mehr dahin strebt, in ihren Formen etwas auszudrücken, was keineswegs so in sich abgeschlossen ist wie etwa der griechische Tempelbau. Man möchte sagen: Allüberall strebt die gotische Form über sich selbst hinaus, überall strebt sie darnach, etwas auszudrücken, was sich in dem Räume, in dem man ist, wie etwas Suchendes ausnimmt, wie etwas, das die Grenzen durchdringen und ins All sich verweben will. Hervorgegangen aus der Empfindung von dynamischen Verhältnissen sind allerdings die gotischen Bogenformen; aber wie selbstverständlich fügt sich in sie ein dasjenige, was über diese Formen selber hinausführt, sie gleichsam durchdringlich machen will, und was in einer gewissen Beziehung dadurch so wunderbar wirkt, daß wir als etwas Naturgemäßes in einem gotischen Bau empfinden können - nicht müssen - die vielfarbigen Fenster, die das Innere mit dem alldurchwebenden Licht geheimnisvoll in Verbindung setzen. Wie könnte es denn im äußeren Raumesweben etwas lichtvoll Grandioseres geben, als wenn wir in einem gotischen Dome stehen und durch die vielfarbigen Fenster das Licht webend in den Staubwölkchen schauen! Wie könnte man grandioser empfinden das Wirken einer Raumesbegrenzung, die, über sich selbst hinausgehend, nach dem All und seinen Geheimnissen strebt, wie sie sich ausbreiten im großen Werden!
Wir haben den Blick schweifen lassen über eine längere Zeit tempelkünstlerischer Entwickelung und uns ist aufgefallen, wie ganz regelmäßig, gesetzmäßig, die Tempelkunst in der Menschheitsevolution fortschreitet. Aber wir stehen in gewisser Weise vor einer Art Sphinx. Was liegt denn da zugrunde? Warum ist das gerade so geschehen? Gibt es eine Erklärung für die merkwürdige Fassade, die wir als die letzten Reste des ersten Stadiums der Tempelbaukunst, die ich anzudeuten versuchte, in Vorderasien uns entgegentreten sehen mit den merkwürdigen geflügelten Tieren, mit den geflügelten Rädern, mit den merkwürdigen Säulen und Kapitellen, die uns etwas sagen, etwas Merkwürdiges sagen, und in einer gewissen Weise ganz dasselbe sagen, was wir in der Seele erleben, wenn wir in den Tempel hineintreten? Gibt es vielleicht etwas Rätselvolleres an äußerer Formenkunst als so etwas, wenn wir es selbst in den Trümmern in einem heutigen Museum erblicken? Was hat denn das gemacht?
Es gibt eines, was uns sofort eine Erklärung gibt, was das gemacht hat. Aber diese Erklärung finden wir nicht anders, als wenn wir hineinschauen in die Gedanken und Kunstintentionen derjenigen, die an diesem Tempelbauen beteiligt waren. Das ist allerdings zunächst eine Sache, die nur mit Hilfe des Okkultismus zu lösen ist. Was ist letzten Endes ein vorderasiatischer Tempel? Wo tritt uns in der Welt ein Vorbild dafür entgegen?
Das Vorbild, das uns sogleich Licht wirft auf das, was hier geschehen ist, das ist in Folgendem gegeben: Sie denken sich einen Menschen am Erdboden liegend und sich mit seinem Vorderleibe und seinem Antlitze aufrichtend. Und Sie haben in dem Menschen, der am Erdboden liegend sich aufrichtet, um seinen Körper einfangen zu lassen von den herabströmenden höheren geistigen Kräften, um sich mit diesen in Verbindung zu setzen, dasjenige gegeben, was die anregende Inspiration geben kann für einen vorderasiatischen Tempel. Alle die Säulen, die Kapitelle, alle die merkwürdigen Gestalten dieses Tempels sind Symbole für das, was man empfinden kann, wenn man sich gegenüberstellt einem so sich aufrichtenden Menschen, mit alledem, was sich in seinen Handbewegungen, in seinen Gesten und in seinem Antlitze verrät. Würde man nun mit dem geistigen Blick dieses Antlitz durchbrechen, würde man eindringen in das Innere des Menschen, in den Mikrokosmos, der ein Abdruck ist des Makrokosmos, so würde man finden - insofern das menschliche Antlitz ein voller Ausdruck ist für das, was im Innern des Menschen, des Mikrokosmos ist - dasselbe Verhältnis zwischen dem menschlichen Antlitz und dem Innern, wie zwischen der Fassade des vorderasiatischen Tempels und dem, was in seinem Innern war. Ein sich aufrichtender Mensch ist ein vorderasiatischer Tempel; allerdings nicht kopiert, sondern als Motiv betrachtet mit alle dem, was er in der Seele anregt. Insofern wir physische Menschen sind und die menschliche Leiblichkeit durch Anthroposophie geistig geschildert werden kann, insofern ist der vorderasiatische Tempel der Ausdruck des menschlichen Mikrokosmos. So ist aus der Erfassung des menschlichen Mikrokosmos mit dem Streben nach aufwärts jener Teil der menschlichen Baukunst erschlossen. Dieser physische Mensch hat seinen getreuen spirituellen Abdruck in jenen merkwürdigen Tempeln, von denen nicht viel anderes mehr als Trümmer erhalten sind. In allen Einzelheiten, bis zum geflügelten Rade und den Urformen dieser Dinge würde man nachweisen können, daß dies so ist. In lauten Tönen sprechen zu uns herüber die Zeiten: Der Tempel ist der Mensch!
Und der ägyptische und der griechische Tempel?
Wir können den Menschen nicht bloß vom anthroposophischen, sondern auch vom psychosophischen Standpunkte aus schildern, vom Standpunkte der Betrachtung der Seele. Nähern wir uns dem Menschen, insofern er uns auf der Erde in hauptsächlichster Art als Seelenwesen entgegentritt, dann ist uns dasjenige, was wir, wenn wir dem Menschen gegenübertreten, betrachten in seinem Auge, in seinem Antlitz, in seiner Geste, wahrhaftig zunächst ein Rätsel. Und wie mancher Mensch ist in dieser Beziehung ein großes Rätsel! Wahrhaftig, wenn wir in dieser Beziehung dem Menschen entgegentreten, so ist das nicht anders, als wenn wir dem ägyptischen Tempel entgegentreten, der uns das Rätsel darbietet. Und wenn wir in sein Inneres hineintreten, so finden wir dort des menschlichen Seelischen Allerheiligstes. Aber wir finden es nur zugänglich denjenigen, die über das Äußere hinübergehen und in das Innere eintreten können. Eine Menschenseele ist verschlossen in der innersten Cella, wie des Gottes Heiligtum, wie die Mysteriengeheimnisse selber im ägyptischen Tempel, in der ägyptischen Pyramide.
Aber nicht so verschlossen ist die Seele in dem Menschen, daß sie nicht in der Geste, in alle dem, was am Menschen uns entgegentreten kann, sich ausdrücken könnte. Der Leib kann, wenn die Seele ihn in ihrer Eigentümlichkeit durchdringt, zum äußeren Ausdruck der Seele werden. Dann erscheint uns dieser Menschenleib als etwas im höchsten Maße künstlerisch in sich Vollendetes, als ein Durchseeltes, als ein in sich vollendetes Unendliches. Und suchen Sie sich etwas in der ganzen sichtbaren Schöpfung, das in sich ein so Vollendetes darstellen würde, wie der menschliche Leib es ist, insofern dieser durchseelt ist: Sie werden innerhalb der sichtbaren Schöpfung nichts finden - nicht in bezug auf Dynamik - außer den griechischen Tempel, ihn, der den Gott in sich so einschließt, aber auch als Wohnung ihm zum Ausdruck dient in einem in sich vollendeten Unendlichen, wie der menschliche Leib der menschlichen Seele. Und insofern der Mensch als Mikrokosmos Seele in einem Leibe ist, ist der ägyptische, ist der griechische Tempel - der Mensch.
Der sich aufrichtende Mensch: das ist der orientalische Tempel. Der Mensch, der auf dem Erdboden steht, eine Welt in sich rätselvoll verschlossen hält, aber diese Welt einströmen lassen kann in voller Ruhe in sein Wesen und ruhig den Blick horizontal nach vorn richtet, abgeschlossen nach oben und nach unten: das ist der griechische Tempel. Und wiederum sprechen die Annalen der Weltgeschichte: Der Tempel - das ist der Mensch!
Und wir nähern uns unserer Zeit, jener Zeit, welche ihren Ursprung hat - wie wir unverbrüchlich zum Teil schon bewiesen haben und immer mehr werden beweisen können - in alledem, was hervorgegangen ist aus dem althebräischen Altertum und dem Christentum, dem Mysterium von Golgatha, was aber zunächst sich selber hereindrängen mußte in jene Formen, die man übernommen hat von Ägypten, von Griechenland, was aber immer mehr und mehr darnach strebte, diese Formen zu durchbrechen, so zu durchbrechen, daß sie als Raumesgrenzen - wie durchbrochen in sich selber - hinausweisen über den begrenzten Raum in das Weben des unendlichen Alls.
Alle Dinge, die in der Zukunft geschehen, sind in der Vergangenheit schon veranlagt. In einer gewissen Weise rätselvoll veranlagt ist der Tempelbau der Zukunft in der Vergangenheit. Und indem ich über ein immerhin großes Rätsel der Menschheitsentwickelung zu sprechen habe, kann ich kaum anders, als dieses Rätsel selber in einer etwas rätselvollen Form zum Ausdruck zu bringen.
Wir hören von dem salomonischen Tempel bei mancherlei Gelegenheiten als von jenem Tempel, von dem wir wissen, daß in ihm zum Ausdruck kommen sollte der ganze Geist der Menschheitsentwickelung. Wir hören davon; an die Menschen der physischen Erde stellt man aber - und das ist das Rätselhafte an der Sache - die ganz vergebliche Frage: wer hat jenen salomonischen Tempel, von dem wir als einer grandiosen Wahrheit sprechen - wenn wir überhaupt im Ernst davon sprechen -, wer hat ihn mit physischen Augen gesehen? Ja, es ist ein Rätsel, was ich da sage! Herodot hat wenige Jahrhunderte, nachdem der salomonische Tempel aufgebaut gewesen sein mußte, Ägypten bereist, hat Vorderasien bereist. Aus seinen Reiseschilderungen, die sich wahrhaftig über viel Geringeres hermachen als über das, was der salomonische Tempel gewesen sein muß, wissen wir, daß er nur wenige Meilen vorbeigegangen sein mußte am salomonischen Tempel - aber er hat ihn nicht gesehen. Den salomonischen Tempel hatten die Leute noch nicht gesehen!
Das Rätselvolle ist nun, daß ich über etwas sprechen muß, was doch da war und was die Leute nicht gesehen haben. Aber es ist so. Nun, es gibt auch in der Natur etwas, was da sein kann und was die Leute doch nicht sehen. Der Vergleich ist aber nicht vollständig, und wer ihn ausnützen wollte, würde ganz danebenschießen. Es sind die Pflanzen, die in ihrem Samen enthalten sind; aber die Menschen sehen die Pflanzen in ihrem Samen nicht. Es sollte aber nun niemand weitergehen in diesem Vergleich, denn wer jetzt darnach den salomonischen Tempel interpretieren würde, der würde gleich etwas Falsches sagen. Soweit ich es selbst gesagt habe, ist der Vergleich durchaus richtig, der Vergleich des Pflanzensamens mit dem salomonischen Tempel.
Was will der salomonische Tempel? Er will dasselbe, was der Tempel der Zukunft wollen soll und allein wollen kann.
Man kann den physischen Menschen darstellen in der Anthroposophie. Man kann den Menschen, insofern er der Tempel der Seele selber ist und von der Seele durchseelt ist, darstellen in der Psychosophie. Und man kann den Menschen darstellen durch Pneumatosophie, insofern der Mensch Geist ist. Der geistige Mensch, dürfen wir ihn denn nicht so vor uns hinstellen, daß wir sagen: Zuerst erblicken wir den Menschen, der, am Boden liegend, sich aufrichtet, dann den Menschen, der in sich selbst geschlossen wie ein in sich gegründetes Unendliches vor uns steht mit dem gerade vor sich hingerichteten Blick, und dann erblicken wir den Menschen, der nach oben schaut, seelisch in sich gegründet, aber die Seele zum Geiste erhebend und den Geist empfangend. «Der Geist ist spirituell», das ist eine Tautologie, aber sie kann uns doch klarmachen, was wir zu sagen haben: Der Geist ist das Übersinnliche, die Kunst kann nur im Sinnlichen formen und im Sinnlichen überhaupt zum Ausdruck kommen. Mit anderen Worten: Was die Seele als Geist empfängt, muß in die Form sich ergießen können. So wie der sich aufrichtende Mensch, der in sich gefestigte Mensch zum Tempel geworden ist, so muß die Seele zum Tempel werden können, die den Geist empfängt. Dazu ist unser Zeitalter da, daß es den Anfang macht mit einer Tempelkunst, die laut zu den Menschen der Zukunft sprechen kann:
Der Tempel, das ist der Mensch, der Mensch, der in seiner Seele den Geist empfängt!
Aber es unterscheidet sich diese Tempelkunst von allen früheren. Und hier schließt sich das, was nunmehr im Inhaltlichen zu sagen ist, an den Ausgangspunkt unserer Betrachtung an.
Den äußeren Menschen, der sich aufrichtet, sieht man, den braucht man nur zu deuten. Den in sich selbst zu deutenden Menschen, den die Seele durchseelt hat, muß man fühlen und empfinden, das Deuten reicht da nicht hin. Er wurde empfunden - wie es Ihnen heute morgen so lebhaft zum Ausdruck gebracht worden ist -, er wurde empfunden, wie wirklich ein griechisches Kunstwerk in uns sich empfinden muß, indem gesagt worden ist, man fühlt die Knochen knacken. - Es lebt in uns der griechische Tempel, weil wir es sind, insofern als wir durchseelter Mikrokosmos sind. Aber unsichtbar, übersinnlich ist die Tatsache der Geistempfängnis durch die Seele, und doch: sie muß sinnlich werden, soll sie Kunst werden!
Kein anderes Zeitalter vermag eine solche Kunst zu entwickeln als das unsrige und das kommende. Aber das unsrige muß den Anfang machen. Alles sind nur Versuche, alles sind nur Anfänge, in der Art etwa, wie der in sich selbst vollendete Tempel gestrebt hat in der bisherigen christlichen Kirche das Mauerwerk zu durchbrechen und die Verbindung zu finden mit dem unendlichen Weben des All.
Was müssen wir nun bauen?
Die Vollendung von dem eben Angedeuteten müssen wir bauen! Aus dem, was uns die Geisteswissenschaft geben kann, müssen wir die Möglichkeit finden, jenen Innenraum zu schaffen, der in seinen Farben- und Formenwirkungen und in anderem, was er an künstlerischen Darbietungen in sich enthält, zugleich abgeschlossen und zugleich in jeder Einzelheit so ist, daß die Abgeschlossenheit keine Abgeschlossenheit ist, daß sie uns überall, wo wir hinblicken, auffordert, die Wände mit dem Auge, mit dem ganzen Gefühl und Empfinden zu durchdringen, so daß wir abgeschlossen sind und zugleich in der Abgeschlossenheit der Zelle in Verbindung sind mit der Allheit des webenden Weltgöttlichen.
«Wände haben und keine Wände haben», das ist es, was beantworten wird die Tempelkunst der Zukunft: Innenraum, der sich selbst verleugnet, der keinen Egoismus mehr des Raumes entwikkelt, der selbstlos in allem, was er an Farben, an Formen darbieten wird, nur da sein will, um das Weltall in sich hereinzulassen. Wie das die Farben können, inwiefern Farben sein können die Verbindung mit den Geistern der Umgebung, sofern sie in der geistigen Atmosphäre enthalten sind, versuchte ich schon darzustellen bei der Eröffnung unseres Stuttgarter Baues.
In der äußeren physischen Vollendung des Menschen, was ist da der übersinnliche Mensch? Wo tritt uns noch eine Andeutung entgegen von dem überphysischen Menschen in dem äußeren physischen Menschen? Nirgends anders als da, wo der Mensch dem Worte das einverleibt, was in seinem Innern lebt, wo er spricht, wo das Wort Weisheit und Gebet wird und - ohne die gewöhnliche oder irgendeine sentimentale Nebenbedeutung dieser Worte — in der Weisheit und im Gebete dem Menschenjleibe] sich anvertrauend, Weltenrätsel umhüllt! Das Wort, das in dem Menschen Fleisch geworden ist, das ist der Geist, das ist die Spiritualität, die sich ausdrückt auch im physischen Menschen. Und wir werden entweder den Bau schaffen, den wir schaffen sollen oder wir werden dies nicht tun, sondern es zukünftigen Zeiten überlassen müssen. Wir werden es tun, wenn wir in der Lage sind, unseren Innenraum zum ersten Male in entsprechender Weise zu gestalten, so vollkommen als es heute geht, ganz abgesehen davon, wie der Bau nach außen sich darstellen wird. Da könnte er von allen Seiten mit Stroh umhüllt sein - das ist ganz gleichgültig. Der äußere Anblick ist für die äußere profane Welt da, die das Innere nichts angeht. Der Innenraum wird das sein, um was es sich handelt. Was wird er sein?
Er wird sich so darbieten, daß jeder Blick, den wir werfen, auf etwas fällt, das uns ankündigt: dies drückt in den Farben und Formen, in seiner ganzen Farben- und Formensprache, in all dem, was es ist, in all seinem real Lebendigen dasselbe aus wie das, was an diesem Orte getan und gesprochen werden kann, was der Mensch seinem eigenen Leiblichen anvertrauen kann als das Spirituellste an ihm. Und eins wird sein an diesem Bau, was in ihm als Weisheit, als Gebet Menschenrätsel kündet, und dasjenige, was den Raum umschließt. Und naturgemäß wird es sein, daß das Wort, das hinausdringt in den Raum, sich selbst so begrenzt, daß es gleichsam auffällt an den Wänden, und an den Wänden dasjenige trifft, was ihm so verwandt ist, daß es wieder zurückgibt an den Innenraum, was gegeben wird durch den Menschen selber. Von dem Zentrum des Wortes nach der Peripherie des Wortes wird ausgehen die Dynamik, und ein peripherisches Echo der Geisteskundschaft und Geistesbotschaft selber soll das sein, was als Innenraum sich darbietet, nicht als Fenster sich durchbrechend, sondern an seinen Grenzen, an dem, was er selber ist, zugleich begrenzt und zugleich sich frei öffnend nach den Weiten der spirituellen Unendlichkeit.
Das konnte bisher noch nicht da sein, denn erst die Geisteswissenschaft ist imstande, solches zu schaffen. Aber die Geisteswissenschaft muß einmal solches schaffen. Schafft sie es nicht in unserem Zeitalter, so werden spätere Zeitalter es von ihr verlangen. Und ebenso, wie es wahr ist, daß in die Menschheitsentwickelung eintreten mußte der vorderasiatische Tempel, der ägyptische Tempel, der griechische Tempel, die christliche Kirche, ebenso wahr ist es, daß der geisteswissenschaftliche Mysterienraum mit seinem Abschluß vor der materiellen Welt, mit seinem Aufschluß gegenüber der spirituellen Welt, als das Kunstwerk der Zukunft aus dem Menschengeist entspringen muß. Nichts von dem, was schon da ist, kann an die Idealgestalt mahnen, die da vor uns hintreten soll. Alles muß in einer gewissen Beziehung neu sein. Es wird selbstverständlich in unvollkommener Gestalt erstehen, aber das genügt zunächst, damit wird der Anfang gemacht sein. Gerade damit wird der Anfang gemacht sein für immer höhere und höhere Vollkommenheitsstufen auf demselben Gebiete.
Was brauchen die Menschen der Gegenwart, um sich einigermaßen reif zu machen für ein solches Tempelkunstwerk?
Es kann keine Kunst entstehen, wenn sie nicht aus dem Gesamtgeiste eines Menschheitszyklus heraus entsteht. Oft noch klingen mir in den Ohren die Worte, die im zweiten meiner Studienjahre an der Wiener Technischen Hochschule der Architekt Ferstel, der Erbauer der Wiener Votivkirche, gesprochen hatte bei seiner Rektoratsrede, Worte, die mir dazumal wie ein Mißklang auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber doch wieder wie ein Ton, der unsere Zeit so recht charakterisiert, in der Seele tönten. Ferstel sagte damals die merkwürdigen Worte: Baustile werden nicht erfunden. - Hinzufügen muß man zu diesen Worten: Baustile werden geboren aus der Eigentümlichkeit der Völker heraus. - Nun, unsere Zeit zeigt bisher keinerlei Anlagen, Baustile zu finden in demselben Sinne, wie die alten Zeiten sie gefunden haben, und solche wieder vor die Welt hinzustellen. Baustile werden zwar gefunden, aber sie werden nur gefunden von dem Gesamtgeist irgendeines Menschheitszyklus.
Wie können wir uns heute irgend etwas von diesem Gesamtgeiste vor die Seele führen, der den zukünftigen Baustil, den wir heute meinen, finden soll?
Ich werde jetzt von einer ganz anderen Seite und von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus etwas zur Charakteristik dieser Sache zu sagen versuchen.
Es sind mir im Laufe der geisteswissenschaftlichen Wirksamkeit diese oder jene Künstler auf den verschiedensten Gebieten immer wieder und wieder gegenübergetreten, die eine gewisse Furcht, eine gewisse Scheu hatten vor der Geist-Erkenntnis und zwar aus dem Grunde, weil die Geistesforschung ein gewisses Verständnis der Kunstwerke und auch der Impulse, welche den Kunstwerken zugrunde liegen, zu eröffnen versucht. Wie oft kommt es vor, daß dasjenige, was uns als Sage und Legende, aber auch als Kunstwerk entgegentritt, durch die Geisteswissenschaft zu interpretieren versucht wird, das heißt zurückzuführen versucht wird auf die zugrundeliegenden Kräfte. Wie oft kommt es aber auch vor, daß sich gerade vor einer solchen Interpretation in begreiflicher Weise der Künstler zurückzieht, weil er - insbesondere wenn er auf einem Gebiet produktiv ist - sich sagt: Es geht mir alles Ursprüngliche verloren; was ich in die Form gießen will, alles - Inhalt wie Form - geht mir verloren, wenn ich in irgendein Begriffs- oder Ideengebilde bringe, was mir doch als lebendig erfühltes Kunstwerk oder wenigstens als lebendig erfühlte Intuition vor die Seele tritt.
Es gibt wenig Dinge, die mir Menschen sagen konnten im Laufe der Zeit, die ich besser verstehen konnte, als diese Furcht und diese Ängstlichkeit. Denn voll nachempfinden kann man, wenn man dafür Veranlagung hat, das Grauenerregende, das der Künstler empfinden müßte, wenn er einmal da oder dort sein eigenes Werk, oder ein Werk, das er liebt, analysiert fände: vom Verstande übernommen das Kunstwerk! Welch furchtbarer Gedanke für alles, was Künstler in unsererer Seele ist! Fast drängt sich uns etwas wie Leichengeruch auf, wenn wir einen Goetheschen «Faust» vor uns liegen haben, und unten die Anmerkungen eines analysierenden Gelehrten [lesen], selbst wenn er zu den interpretierenden Philosophen gehört, nicht zu den interpretierenden Philologen bloß! Ja, was sollen wir dazu sagen? Ich möchte es Ihnen ganz kurz in ein paar Minuten an einem Beispiel Klarmachen.
Ich habe hier vor mir die jüngste Ausgabe der «Legende von den sieben weisen Meistern», die jetzt (1911) bei Diederichs erschienen ist. Diese alte Legende - die in mannigfaltigen Wiedergaben, und auch so vorhanden ist, daß Stücke daraus, fast über ganz Europa zerstreut, immer wieder vorkommen - ist eine höchst merkwürdige Erzählung, die recht schön auch als Kunstwerk gebaut ist. Ich rede jetzt von der dichterischen Kunst; aber was man dieser gegenüber unternimmt, könnte man auch der Baukunst gegenüber unternehmen. Ich kann Ihnen jetzt nicht erzählen, was in zum Teil höchst derben Wendungen in der Legende von den sieben weisen Meistern enthalten ist, aber ich möchte das Gerippe in der folgenden Weise darstellen.
Ungeheuer lebendig ist in aufeinanderfolgenden Erzählungen, an ein Gerippe gehängt, das gegeben, was nun zum Ausdruck kommt. Überschrieben ist das Ganze: «Hier fanget an das Buch, das da sagt von dem Kaiser Pontianus und von seiner Frauen, der Kaiserin, und von seinem Sohne, dem jungen Herrn Dyocletianus, wie er den henken wollte und ihn sieben Meister erlösten, alle Tage, jeglicher mit seinem Spruche.» Ein Kaiser ist vermählt mit einer Frau, von der er einen Sohn hat, der hier als Dyocletian geschildert wird. Die Frau stirbt, und der Kaiser heiratet eine andere Frau. Sein Sohn Dyocletian ist sein rechtmäßiger Nachfolger, von der zweiten Frau hat er keinen rechtmäßigen Nachfolger. Es rückt nun die Zeit heran, wo Dyocletian erzogen werden soll. Es wird ausgeschrieben, daß Dyocletian in der allerbedeutsamsten, befriedigendsten Weise erzogen werden soll durch die weisesten Leute des Landes, und es melden sich dann sieben weise Meister, die nun die Erziehung des Sohnes des Kaisers übernehmen sollen. Die zweite Frau des Kaisers will durchaus auch einen Sohn haben, um in irgendeiner Weise die Nachfolgerschaft des Stiefsohnes zu verhindern. Das gelingt ihr jedoch nicht. Da versucht sie nun, diesen Sohn des Kaisers in jeder Weise bei ihrem Gemahl anzuschwärzen, und sie beschließt endlich, ihn auf irgendeine Weise zu beseitigen. Dazu ergreift sie alle möglichen Mittel. Nun stellte sich heraus, daß Dyocletian unterrichtet worden ist durch sieben Jahre hindurch von den sieben weisen Meistern, daß er Großartiges und vieles in der mannigfaltigsten, das heißt in der siebenfältigen Weise gelernt hat. Aber er war in einer gewissen Weise sogar hinausgewachsen über alles, was an praktischer Weisheit die sieben weisen Meister bezwungen hatten. Und so war es ihm gelungen, einen Stern am Sternenhimmel zu deuten. Dadurch konnte er sich sagen, er müsse während sieben aufeinanderfolgenden Tagen, wenn er wieder zu seinem Vater zurückkäme, stumm bleiben, in keiner Weise etwas reden und wie ein Dummer sich darstellen. Nun wußte er aber ebenso, daß die Kaiserin auf seinen Tod sann. Daher bittet er jetzt die sieben weisen Meister, ihn vom Tode zu erretten. Und nun geschieht in sieben aufeinanderfolgenden Zeiten, in denen sich alles abspielt, das Folgende: Der Sohn kommt nach Hause. Aber die Kaiserin hat dem Kaiser eine Geschichte erzählt, die einen groBen Eindruck auf dessen Seele gemacht hat, und die eben den Zweck hatte, den Kaiser zu bewegen, daß er den Sohn henken ließe. Der Kaiser ist auch ganz damit einverstanden, denn die Geschichte hat ihn überzeugt. Der Sohn wird auch schon hinausgeführt zum Galgen, da treffen sie auf dem Wege den ersten der sieben weisen Meister. Nach dem ihm gemachten Vorwurf, daß er den Sohn so dumm gelassen habe, äußert sich dieser erste der Meister und sagt, er wolle dem Kaiser eine Geschichte erzählen. Der Kaiser will sie hören. Ja, sagt der Weise, dann mußt du aber erst den Sohn nach Hause kommen lassen, denn ich will, daß der Sohn uns hört, bevor er gehenkt wird. Der Kaiser willigt ein. Sie kommen nach Hause, und da erzählt der erste der sieben weisen Meister seine Geschichte. Auf den Kaiser macht diese Geschichte einen solchen Eindruck, daß er den Sohn nicht henken läßt, sondern ihn freiläßt. Am nächsten Tage aber erzählt die Kaiserin nun wieder dem Kaiser eine Geschichte, die wieder dazu führt, daß der Sohn zum Tode verurteilt wird. Schon wird er wieder hinausgeführt zum Galgen, da treffen sie auf dem Wege den zweiten der sieben weisen Meister, der ebenfalls dem Kaiser eine Geschichte erzählen will, bevor der Sohn gehenkt wird. Das geschieht, und die Folge davon ist, daß der Sohn wieder am Leben bleibt. Das wiederholt sich in dieser Weise siebenmal hintereinander, bis der achte Tag da ist, und der Sohn sprechen kann. Auf diese Weise geschieht die Rettung des Sohnes, die da erzählt ist.
Die ganze Erzählung, wie auch der ganze Abschluß, sind in einer hervorragenden Weise lebendig dargestellt. Ich möchte nun sagen: Man nimmt auf der einen Seite das Buch in die Hand und versenkt sich darin und man hat seine große Freude an den großen, zum Teil derben Bildern; wunderbar geht man auf in der Schilderung von Seelen. Aber eine solche Geschichte fordert es geradezu heraus, erklärt zu werden. Geradezu? - Nein, nur in unserer Zeit, weil wir im fünften nachatlantischen Kulturzeitraum leben, wo der Intellekt die dominierende und immer mehr und mehr dominierende Kraft ist. In dem Zeitalter, in welchem diese Geschichte geschrieben worden ist, hätte sie niemanden zu Erklärungen veranlaßt. Wir in unserer Zeit aber sind verurteilt dazu, eine Erklärung dafür zu geben, und dann entschließt man sich, eine solche zu geben. Wie nahe liegt sie? Der Kaiser hat eine Frau gehabt, von der ist ihm ein Sohn geblieben, der dazu bestimmt ist, von sieben weisen Meistern erzogen zu werden, und der seinem Bewußtsein nach herstammend ist aus der Zeit, als die Menschheit noch die hellseherische Seele hatte. Gestorben ist die hellseherische Seele, aber das menschliche Ich ist noch immer geblieben, und kann unterrichtet werden von den «sieben weisen Meistern», die uns in der mannigfaltigsten Gestalt entgegentreten.
Ich habe selbst einmal darauf aufmerksam gemacht, daß wir es bei den sieben Töchtern des midianitischen Priesters Jethro, welche Moses am Brunnen seines Schwiegervaters trifft, aber auch bei den sieben freien Künsten im Mittelalter im wesentlichen mit demselben zu tun haben.
Die zweite Frau, die nun kein göttliches Bewußtsein mehr entwickeln kann, das ist die jetzige Menschenseele, die deshalb auch keinen Sohn haben kann. Dyocletian, der Sohn, wird in der Verborgenheit unterrichtet bei den sieben weisen Meistern, und er muß zuletzt befreit werden durch die Kräfte, die er sich bei den sieben weisen Meistern erworben hat.
Wir könnten so noch weitergehen und ein absolut richtiges Bild geben, und würden unserer Zeit selbstverständlich damit dienen. Aber nehmen wir jetzt unseren künstlerischen Sinn. Ich weiß nicht, inwiefern das, was ich jetzt zu sagen habe, ein Echo finden wird! Aber liest man das Buch, läßt man es auf sich wirken und ist dann sehr klug und erklärt es ganz richtig auch im Sinne unserer Zeit, wie es unsere Zeit verlangt, so kommt man sich doch so vor, als wenn man eigentlich ein Unrecht, ein schweres Unrecht an dem Buch getan hat, weil man eigentlich ein strohernes Gerippe von allerlei abstrakten Begriffen hingestellt hat an die Stelle des lebendigen Kunstwerkes. Und es ändert nichts daran, ob dies richtig oder falsch ist, geistreich oder nicht geistreich. - Wir können noch weiter gehen.
Das größte Kunstwerk ist die Welt, entweder der Makrokosmos oder der Mikrokosmos. In Bildern oder Symbolen, in allerlei dergleichen drückten die alten Zeiten aus, was sie auszudrücken hatten von den Geheimnissen der Dinge, und wir kommen mit der «uralte» Weisheit - die aber nur so alt ist, wie sie sich als Same vorbereitet hat für das fünfte nachatlantische Kulturzeitalter, wir kommen mit dem Intellekt, wir kommen mit der ganzen Geisteswissenschaft als einer Welterklärung. Das ist etwas ebenso Abstraktes und Trockenes gegenüber der lebendigen Wirklichkeit, wie der Kommentar gegenüber dem Kunstwerk! Trotzdem es Geisteswissenschaft geben muß, trotzdem unsere Zeit Geisteswissenschaft verlangt, müssen wir sie in gewisser Beziehung doch empfinden wie ein strohernes Gerippe gegenüber der lebendigen Wirklichkeit. Das ist in einer gewissen Weise nicht zu viel gesagt. Denn insofern Theosophie oder Geisteswissenschaft nur unseren Verstand beschäftigt, insofern wir nur mit dem Intellekt dabei sind, insofern wir Schemen und allerlei Termini technici prägen, besonders in den Teilen, die sich auf den Menschen selbst beziehen, insofern ist Theosophie ein ganz strohernes Gerippe. Und sie fängt erst an, etwas erträglicher zu werden da, wo wir ausmalen können zum Beispiel die verschiedenen Zustände von Saturn, Sonne und Mond und den früheren Erdenzeiten, oder die Tätigkeiten der verschiedenen Hierarchien. Greulich aber ist es, davon zu sprechen: der Mensch bestehe aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich - oder gar aus Manas und Kama-Manas - und noch greulicher ist es, wenn man in Schemen und auf Tafeln diese Dinge zum Ausdruck gebracht hat. Ich kann mir kaum etwas Grauenvolleres denken als den ganzen, in sich grandiosen Menschen, und daneben auf einer Tafel den Menschen mit den sieben Menschengliedern; in einem großen Saal umgeben sein von einer großen Menschenzahl und neben sich zu haben eine Tafel mit der Skala der sieben menschlichen Grundteile. Ja, so ist es! Aber so etwas müssen wir erfühlen. Wir brauchen diese Dinge nicht gerade vor unsere Augen hinzuhängen, denn sie sind nicht einmal schön, aber wir müssen sie vor unsere Seele hinhängen! Das ist die Mission unserer Zeit. Und man mag noch so viel gegen diese Dinge vom Standpunkte des Geschmackes, der künstlerischen Produktivität aus sagen - das gehört in unsere Zeit herein, das ist die Aufgabe unserer Zeit.
Aber wie kommen wir über dieses Dilemma überhaupt hinweg? Wir sollen in gewisser Beziehung auch öde Theosophen, Anthroposophen sein, sollen die Welt zerpflücken und zerblättern, grandiose Kunstwerke in Abstraktionen hineinziehen und sogar noch sagen: Wir sind Theosophen! Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus?
Nur durch ein einziges Mittel! Und dieses Mittel liegt darin, daß Geisteswissenschaft für uns ein Kreuz ist, daß Geisteswissenschaft für uns ein Opfer ist, daß wir sie wirklich so empfinden, daß sie uns fast alles nimmt, was die Menschheit bisher an lebendigem Weltinhalt gehabt hat. Und es gibt keinen Grad von Intensität, den ich schildern möchte, um begreiflich zu machen, daß für alles, was lebendig sproßt - auch im Hergange der Menschheitsentwickelung und der göttlichen Welt - Geisteswissenschaft zunächst sein muß etwas wie ein Leichenfeld!
Aber wenn wir dann Geisteswissenschaft als Künderin des Größten, was es in der Welt gibt, so empfinden, daß sie uns der größte Schmerz, die größte Entbehrung wird, so daß wir in uns einen der göttlichen Züge ihrer Mission in der Welt empfinden, dann wird sie zu dem Leichnam, der sich aus dem Grabe erhebt, dann feiert sie die Auferstehung, dann steht sie aus dem Grabe auf Keiner wird eine Freude empfinden über die Entblätterung und Verödung des Weltengehaltes, doch keiner kann die Produktivität der Weltengeheimnisse empfinden wie der, welcher sich mit seiner Produktivität als eine Nachfolge des Christus empfindet, der das Kreuz zur Schädelstätte getragen hat, der durch den Tod gegangen ist. Das ist aber auch auf dem Erkenntnisgebiete das Kreuz der Erkenntnis, das die Geisteswissenschaft auf sich nimmt, um darinnen zu sterben und aus dem Grabe zu erfahren, wie eine neue Welt aufsteigt, ein neues Lebendiges. Wer so umprägt was dem Intellekt niemals gefallen darf - sein Seelenwesen wie ein lebendiges Inneres, wer wie durch einen Tod durchgeht in der Geisteswissenschaft selber, der wird auch das Leben fühlen als eine lebendige Kraft zu neuen künstlerischen Impulsen, welche dasjenige in die Wirklichkeit umzusetzen vermögen, was ich Ihnen heute skizzieren konnte.
So eng hängt mit allem spirituellen Empfinden das zusammen, was wir tun sollen, und wovon wir glauben, daß der Johannesbau-Verein ein Verständnis dafür eröffnen wird. Ich glaube kaum nötig zu haben, weitere Worte zu sagen, um begreiflich zu machen, daß dieser Johannesbau für den Anthroposophen eine Herzensangelegenheit sein kann von jener Art, die als Notwendigkeiten im Zeitenlaufe empfunden werden. Denn für die Beantwortung der Frage, ob in einem gewissen weiteren Sinne Anthroposophie heute verstanden wird, hängt zunächst außerordentlich viel von einer Antwort ab, die wir nicht mit Worten geben können, die wir nicht mit Gedanken ausdrücken können, sondern davon, daß wir zur Tat übergehen und daß ein jeglicher, wie es ihm möglich ist, in der einen oder andern Weise beitrage zu dem, was, in so schöner Weise verständnisvoll sich hineinstellend in die Evolution der Menschheit, unser Johannesbau-Verein will.