And The Temple Becomes Man
GA 286 — 5 February 1913, Berlin
Der Ursprung der Architektur aus dem Seelischen des Menschen und Ihr Zusammenhang mit dem Gang der Menschheitsentwickelung
Meine lieben Freunde! Als der Johannesbau-Verein an unsere letzte Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft hier in Berlin eine Sitzung anschloß, hatte ich an Sie einige Worte zu richten über die Art, wie sich der Johannesbau in die ganze Entwickelung der Kunst, namentlich der architektonischen Kunst, hineinstellen soll; daß er sich nämlich -in dem Sinne, wie wir auch sonst dasjenige betrachten, was wir auf dem Gebiete der Theosophie oder Anthroposophie leisten wollen - als etwas Notwendiges hineinstellen soll in den ganzen geistigen Entwickelungsgang der Menschheit; so daß das, was durch Theosophie oder Anthroposophie zu geschehen hat, nicht erscheint als eine Art Willkür, nicht erscheint als etwas, das wir aus uns heraus als eine Art willkürliches Ideal gebären, sondern so erscheint, wie wir dies als Notwendigkeit gleichsam ablesen aus jener Schrift, die uns den notwendigen Gang des menschlichen Geistes durch die Erdenentwickelung hindurch offenbart.
Nun, man kann viele Gesichtspunkte wählen, um diese eben charakterisierte Notwendigkeit darzustellen. Damals habe ich von einem gewissen Gesichtspunkte aus gezeigt, wie dieses in die Menschheitsgeschichte notwendige Hineinstellen desjenigen, was mit dem Johannesbau gewollt wird, zu verstehen ist. Ein anderer Gesichtspunkt soll heute gewählt werden, so daß meine heutigen Betrachtungen in gewisser Beziehung eine Ergänzung bilden zu dem, was hier im Dezember 1911 vor Sie hingestellt worden ist.
Baukunst ist eigentlich an eine ganz bestimmte Voraussetzung gebunden, wenn wir Baukunst in dem Sinne auffassen, daß der Mensch gleichsam die Umhüllung schaffen will mit irgendwel‚chem Material, durch irgendwelche Formen oder sonstige Maßnahmen, sei es für profanes Wohnen und Sichbetätigen, sei es für religiöse Verrichtungen oder dergleichen. In diesem Sinne ist Baukunst, ist Architektur durchaus an das gebunden, was wir Seelisches nennen können, hängt zusammen mit dem Begriff des Seelischen, entspringt aus dem Seelischen und kann begriffen werden, indem begriffen wird der ganze Umfang des Seelischen.
Nun trat uns ja im Laufe der Jahre, in denen wir geisteswissenschaftlich gearbeitet haben, das Seelische immer von drei Gesichtspunkten aus vor Augen: vom Gesichtspunkte der Empfindungsseele, vom Gesichtspunkte der Verstandes- oder Gemütsseele und von dem der Bewußtseinsseele. Dann aber tritt uns dieses Seelische auch auf, indem es sich gleichsam erst ankündigt, aber noch nicht so recht als Seelisches vorhanden ist, wenn wir von dem Empfindungs- oder astralischen Leib sprechen. Und wiederum tritt uns das Seelische auf, wenn wir sagen, das Seelische habe sich so weit entwickelt, daß es einen Übergang sucht zu dem Geistselbst oder Manas. Wenn Sie meine «Theosophie» anschauen, so werden Sie darin das dreifache Seelische finden als Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele, aber Sie werden angrenzend finden die Empfindungsseele an den Empfindungsleib, so daß Empfindungsseele und Empfindungsleib wie zwei Seiten eines und desselben erscheinen, die eine Seite mehr seelisch, die andere mehr geistig; und dann werden Sie finden, wieder sich zusammenschließend, Bewußtseinsseele und Geistselbst; die Bewußtseinsseele die mehr seelische Seite darstellend, das Geistselbst dagegen die mehr geistige Seite.
Wer sich als Anthroposoph allmählich in ein solches Erfassen dieser Begriffe hineinfindet, so wie es in diesen Tagen sehr schön unser verehrter Freund Arenson ausgeführt hat, der wird nicht bei den Worten Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele stehenbleiben können und nur das Bestreben haben, zu diesen Worten diese oder jene Definitionen zu suchen, sondern er wird als wahrer Anthroposoph die Sehnsucht haben, allmählich in seinem Gemüt vieles, vieles an Begriffen, an Empfindungen, an Anschauungen auszubilden, welche die eine Empfindung zu der anderen hinleitet und so weiter, um zu einem umfassenderen Verständnis zu kommen, das bei diesen Begriffen sich nach den verschiedensten Richtungen hin gliedert.
Für den Seher selbst schließen die angeführten Worte ja - man möchte sagen - ganze Welten ein. Darum wird man auch zu einem entsprechenden Verständnis solcher Begriffe das hinzunehmen müssen, was über die menschliche Entwickelung - zum Beispiel in der nachatlantischen Zeit — dargestellt worden ist: daß der Empfindungsleib ganz besonders seine Entwickelung erfahren hat in der urpersischen Kultur, die Empfindungsseele in der ägyptisch-chaldäischen Kultur, die Verstandes- oder Gemütsseele in der griechisch-römischen Zeit, die Bewußtseinsseele in der Zeit, in der wir selbst leben, und daß wir den nächsten Zeitraum sozusagen als in seiner Entstehung schon jetzt herankommen sehen, ja, daß wir selber mit dem, was wir als Anthroposophie, Theosophie wollen, an dem Herankommen dieses nächsten Zeitraumes arbeiten, der uns in einer gewissen Weise den Zusammenhang von Bewußtseinsseele und Geistselbst oder Manas zeigen soll.
Baukunst, Architektur - wurde gesagt - ist enge geknüpft an den Begriff des Seelischen. Da könnte nun jemand sagen: Müßte dann die Baukunst nicht auch an die Entwickelung des Seelischen, so wie sie jetzt eben charakterisiert worden ist, gebunden sein? Und müßten dann nicht die Formen, die Gestaltungen der Architektur in ihrer Aufeinanderfolge gewisse Eigentümlichkeiten zeigen, die mit dieser eben charakterisierten Entwickelung von Empfindungsleib, Empfindungsseele und so weiter zusammenhängen? Und würde man dann nicht auch für gewisse Zeiten - zum Beispiel den ersten nachatlantischen Zeitraum, der den Ätherleib besonders zur Ausbildung brachte - gar keine Berechtigung haben, so recht von Baukunst zu sprechen? Denn wenn Baukunst an Seelisches gebunden ist, so sollte sie auch erst dann, wenn es sich zu entwickeln beginnt, anfangen aufzudämmern. Also sollte man vermuten, daß sie heraufzukommen beginne beim Empfindungsleib, weil der gleichsam die andere Seite des Seelischen ist; und vorher müßte man auf Zeiten verwiesen werden, in denen eine eigentliche Baukunst - in dem Sinne, wie wir die Baukunst charakteristisch auffassen - im Grunde genommen gar nicht vorhanden wäre.
Nun ist es schon an sich schwierig, diese Frage vom Standpunkte der äußeren Geschichte zu beantworten; denn alles, was hinter den ägyptisch-chaldäischen Zeitraum zurückweist, ist aus historischen Denkmälern und Überlieferungen kaum mehr zu gewinnen, sondern eigentlich nur der hellseherischen Forschung zu entnehmen. Schon der Zeitraum des Zarathustra, den wir als den urpersischen bezeichnen, liegt so weit zurück, daß historische Forschungen nicht in Betracht kommen, geschweige denn jener Zeitraum, den wir an die Entwickelung des Ätherleibes gebunden wissen, nämlich der ursprünglich indische Zeitraum.
Allerdings kann man auch mit dieser Sache sonderbare Erfahrungen machen, wenn man damit an die ganz gescheiten Leute der Gegenwart herankommt. Da hat zum Beispiel jüngst einer von diesen gescheiten Leuten gesagt, daß diese nachatlantischen Zeiträume, wie sie sich zum Beispiel in meiner «Geheimwissenschaft» verzeichnet finden, nicht haltbar wären, denn wer die Sprachdenkmäler Indiens kenne, der würde niemals glauben, daß die indische Kultur so weit der ägyptisch-chaldäischen vorangegangen wäre, wie es im Sinne dieser «Geheimwissenschaft» dargestellt wird. - Nun, man kann sich nur wundern, daß solche sehr gescheiten Leute der Gegenwart es noch nicht dazu gebracht haben, selbst wenn sie auch manchmal Sanskrit lesen können, ein Buch, das in ihrer Muttersprache geschrieben ist, verständig zu lesen. Denn es ist in der «Geheimwissenschaft» doch ausdrücklich ausgesprochen, daß diejenige Kultur Indiens, auch die Veden-Kultur, mit welcher es die äußere Wissenschaft zu tun hat, nicht diejenige ist, von der in der «Geheimwissenschaft» als von der urindischen Kultur, der ersten Kultur der nachatlantischen Zeit, gesprochen ist, sondern daß man es bei der Vedenkultur mit einer Zeit zu tun hat, die zu der dritten nachatlantischen Kulturperiode zu rechnen ist, die also zeitlich parallel verläuft mit der ägyptisch-chaldäischen Kultur. Die ursprüngliche indische Kultur dagegen war eine solche, von der keine äußeren Dokumente und auch keine äußeren Denkmäler und dergleichen vorhanden sind und von der in den Veden nur letzte Anklänge enthalten sind. Ich will mich dabei nicht weiter aufhalten, sondern sage dies nur, weil der eine oder andere von Ihnen diesen Einwand zu hören bekommen könnte und vielleicht nicht gleich die Begriffe und Ideen bei der Hand hat, die einen solchen Einwand hinwegräumen können.
Also die vorhin angedeutete Frage bleibt bestehen, wonach wir beim ersten nachatlantischen Zeitraum in Zeiten zurückkommen müßten, in denen eine eigentliche Baukunst, wie für die späteren Zeiten, noch nicht möglich sein konnte. Aber dann kommen wir wie an einen merkwürdigen Grenzpunkt, auf den auch die äußere Forschung weist; wir kommen gewissermaßen auf ein Vorstadium der Baukunst: auf das Hineinbauen der Räume für religiöse, für gottesdienstliche Verrichtungen in Höhlen, hineingehauen in das Gestein, wie man es etwa in Indien oder auch in Nubien findet. Das ist in der Tat das Zeitalter, das auf der Grenze der Entwickelung des Seelischen aus dem Leiblichen steht. Diese Höhlenbauten bestätigen, was nach der Geistesforschung in bezug auf die Entwickelung des Seelischen erwartet werden muß: Erst in der Zeit der Menschheitsentwickelung, in der wir die Seelenentwickelung aus der Leibesentwickelung herauskommen sehen, sehen wir auch erst die wirkliche höhere Baukunst sich herausentwickeln aus dem, was vorher Felsenhöhlen, unterirdische Felsenhöhlen waren, welche man hineingehauen hatte in das Erdreich selber.
Das Erdreich erscheint in dieser Beziehung wie das Leibliche, in das sich das menschlich Seelische erst hineinarbeitet, wie es ja auch in der Entwickelung des Menschen selber vor sich geht, wo sich das Seelische in das Leibliche, die Empfindungsseele in den Empfindungsleib hineinarbeitet. Und in dem Übergange von Höhlenräumen zu menschliche Verrichtungen umschließenden ‚Architekturwerken sehen wir zugleich die Wichtigkeit des Überganges von der Kultur des Empfindungsleibes zu derjenigen der Empfindungsseele.
Es werden Zeiten kommen, in denen man das, was Theosophie oder Anthroposophie gibt, ausarbeiten wird für alle Zweige des menschlichen Wissens, für alle Zweige der menschlichen Entwikkelung. Und man wird finden, daß alles, was andere menschliche Weltanschauungen einseitig darstellen, zusammengezimmert ist aus irgendwelchen ungenügenden Begriffen und Ideen, während Geisteswissenschaft oder Anthroposophie das Umfassende zeigt, mit dem man überall wird hineinleuchten können. Man kann ganz beruhigt sein, auch wenn das die Leute heute noch nicht glauben. Darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß die Zeit die Beweise dafür liefern wird. Man muß sich nur Zeit lassen. Die Bestätigungen werden nach und nach heranrücken auf allen Gebieten des Lebens und der Entwickelung. Auch auf dem Gebiete der Baukunst.
Und wenn wir jetzt die nachatlantische Entwickelung durchgehen, so sehen wir im Verlaufe der Zeiten die einzelnen Entwickelungsepochen gewissermaßen gebunden an das Seelische, an die Entwickelung der Empfindungsseele, dann an die der Verstandes- oder Gemütsseele und dann an die der Bewußtseinsseele, bis in unsere Zeit herein. Und in unserer Zeit selber sehen wir aufgehen, sich vorbereitend erst, die Zeit, die aus der Bewußtseinsseele das Geistselbst oder Manas herausarbeitet, so daß wir gleichsam vor einem Umgekehrten stehen wie in derjenigen nachatlantischen Epoche, da man von dem Leiblichen auf ein Seelisches überging. So wie sich damals aus dem Empfindungsleibe herausarbeitete die Empfindungsseele, so steht uns jetzt eine Zeit bevor, in der wir aus dem Seelischen wieder in ein Geistiges hineinzuarbeiten haben. Für die Baukunst ergibt sich daraus, daß wir das Umgekehrte wieder zu erwarten haben. Das heißt, so wie man in jenen früheren Zeiten in die Felsen Höhlen hineingehauen hat als die Vorstadien menschlicher Architekturwerke, so hätten wir jetzt, dadurch daß wir in der jetzt aufgehenden Zeit in den Geist hineinzuarbeiten haben, das Komplement, das Gegenstück dazu zu schaffen.
Versuchen wir nun folgendes vor unsere Seele hinzustellen, und zwar zunächst ohne genauere Zeitangaben; denn jeder kann sich das, was zum Parallelismus notwendig ist, selber bilden.
Nehmen wir einmal die Entwickelung durch Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele; zunächst also die Entwickelung durch die Empfindungsseele.
Indem der Mensch mit der Empfindungsseele begabt ist, setzt er sich in ein Wechselverhältnis zu der ihn umgebenden Welt. Durch die Empfindungsseele geht gleichsam das, was in der Welt als Wirklichkeit vorhanden ist, in die menschliche Seele, in das menschliche Innere selber herein. Das ‚Äußere wird zu einem Inneren auf dem Umwege über das Erleben in der Empfindungsseele. Darum müßte es nun in der Entwickelung der architektonischen Kunst etwas geben, das sich gleichsam ganz naturgemäß aus dem Höhlenbau herausbegibt, und in sich selber so etwas zeigt, wie es für die Empfindungsseele charakteristisch ist. Das heißt, es müßte gleichsam so gebaut werden, daß man ein Äußeres wie ein Inneres repräsentieren will. Hier brauchen wir uns nun nur an den Pyramidenbau und ähnliche Bauten zu erinnern und können auch sogar neuerer wissenschaftlicher Forschungen gedenken, die gezeigt haben, wie in dem Pyramidenbau, in seinen Abmessungen, sich astronomisch-kosmische Verhältnisse wiederfinden, die man hineingebaut hat, und dann hat man vor sich, um was es sich handelt. Immer mehr und mehr wird man an der Pyramide entdecken die sonderbare Gliederung nach kosmischen Verhältnissen. Astronomische Abmessungen finden sich wieder in dem Verhältnis der Basis zur Höhe zum Beispiel. Und wer die Pyramide studiert, kommt nach und nach zu der Empfindung: mit der Pyramide haben die Pyramidenpriester dasjenige ausgedrückt, was in einem Bauwerke auszudrücken möglich war als Wahrnehmung kosmischer Verhältnisse. Wie wenn die Erde das, was aus dem Kosmos herein wahrgenommen wird, in sich selber hätte erleben wollen, so wurde die Pyramide hingestellt. Ganz so, wie die Empfindungsseele das äußere Wirkliche in sich belebt, und als Inneres darstellt, was draußen ist, in ihrer Art wiederholt, was draußen ist, so wiederholt die Pyramide in ihren Maßverhältnissen, in ihren Formen äußere kosmische Verhältnisse, zum Beispiel auch dadurch, daß das Sonnenlicht in einer bestimmten Art hereinfällt. Wie die äußere Wirklichkeit durch die Empfindungsseele im Innern des Menschen eine Art Repräsentanz findet, so nimmt sich die Pyramide aus wie ein großes Empfindungsorgan der gesamten Erdenkultur gegenüber dem Kosmos.
Gehen wir weiter. Wie müßte sich die Baukunst in einer Kulturetappe verhalten, in der das Charakteristische die Verstandes- oder Gemütsseele ist?
Die Verstandes- oder Gemütsseele ist im Menschen das innerlich Seelische, das am meisten in sich selber zu arbeiten hat, das auf der ja schon innerlichen Grundlage der Empfindungsseele dieses seelisch Innerliche weiter ausbaut, aber noch nicht so weit geht, es wieder zusammenzufassen zum eigentlichen Ich; also das Seelische gleichsam ausbreitet und ausweitet, ohne es in dem Mittelpunkt des Ich gipfeln zu lassen. Derjenige Mensch, welcher gerade dieses Seelenglied ausgebildet hat, tritt uns entgegen namentlich durch den Reichtum seines Seelenlebens, durch die vielen inneren erkämpften und errungenen Seeleninhalte und Seelenerlebnisse; er hat weniger das Bedürfnis, Systeme aus den innerlichen Erlebnissen aufzubauen, sondern gibt sich mehr der Breite dieser inneren Erlebnisse hin. Die Verstandes- oder Gemütsseele ist eben innerlich sich selber tragendes, innerlich sich abschließendes, sich innerlich totalisierendes Leben der Seele.
Was würde das für eine Baukunst sein müssen, die einem solchen Seelischen entsprechen würde? Es müßte diejenige Baukunst sein, welche weniger wie der Pyramidenbau etwas wie eine Art von Abbild oder Repräsentation der kosmischen Verhältnisse zeigt, dafür aber mehr ein in sich abgeschlossenes, totales Wesen selber sein müßte; etwas, was sich selber trägt, und was sozusagen — ganz der Verstandes- oder Gemütsseele entsprechend - in dem Tragen der einzelnen Teile die Breite der Entwickelung zeigt, und weniger darauf bedacht ist, das, was in der Breite der Entwikkelung da ist, zusammenzuschließen. Niemand, der die Eigenart der Verstandes- oder Gemütsseele kennt, wie sie eben charakterisiert worden ist, kann daran zweifeln, daß die griechische und auch noch die römische Baukunst wie ein äußeres Bild des Verstandes- oder Gemütsseelenlebens zu verstehen ist.
Betrachten wir die griechische Baukunst, zum Beispiel den griechischen Tempelbau, wie wir ihn schon öfter betrachtet haben, indem wir ihn auffaßten als das Haus des Gottes selber, so daß der Gott darinnen wohnt, und das ganze Haus sich darstellt als Wohnung des Gottes, das Ganze innerlich gerundet als eine innerliche Totalität. Wir haben aus der Anschauung des griechischen Tempels heraus sogar sagen können: Dieser griechische Tempel macht keinen Anspruch darauf, daß ein Mensch oder eine Menschengemeinde darinnen ist. Er ist der Wohnsitz des Gottes und kann ganz allein, abgeschlossen, als eine Totalität für sich, dastehen, so wie die Verstandes- oder Gemütsseele eine innerliche Totalität, ein in sich abgeschlossenes innerliches Leben ist, das aber noch nicht zur Egoität hin geht, das aber doch, wenn auch unbewußt, das Darleben des Gottes im Menschen ist. Und wenn wir dann sehen, wie im griechischen Tempelbau das eine das andere trägt, wie alles darauf beruht, daß die Säulen in die Höhe streben und die Balken tragen, wie die gegenseitigen Kräfteverhältnisse zu einer Totalität zusammengeschlossen sind, ohne daß sich das Ganze in irgendeiner Weise systematisch nach einer Einheit, nach einer Spitze hin gliedert, so finden wir darin - und in der römischen Baukunst ist eigentlich dasselbe der Fall - jene Breite, jene Weite, die wir in der Verstandes- oder Gemütsseele selber finden.
‚Gerade das ist überall das Auffällige der griechisch-römischen Baukunst, daß sie auf der Statik, auf dieser reinen Statik der einzelnen Kräfte beruht, die tragend oder lastend sich entfalten. Eines aber kann man beim griechischen Tempel vergessen: man kann vergessen, daß er eine «Schwere» hat. Denn wer naturgemäß empfindet, der wird oder kann wenigstens das Gefühl haben, daß die Säulen etwas sind, was wie aus der Erde herauswächst. Und bei dem, was wirklich aus der Erde herauswächst, bei der Pflanze, hat man nicht das Gefühl der lastenden Schwere. Daher strebt auch die Säule im griechischen Tempel nach und nach dahin, gleichsam dem Pflanzenstengel ähnlich zu werden, wenn es auch erst in der korinthischen Säule sichtbar wird. Und darum liegt für die Empfindung das Lastende nicht bei der Säule, sondern für die Empfindung ist die Säule ein Tragendes. Aber wenn man dann hinaufkommt zum Balken, zum Architrav, dann hat man unmittelbar das Gefühl: das lastet auf der Säule, das heißt, das Bauwerk ist innerlich von Statik durchdrungen. Und wer sein Seelenleben in sich herangebildet hat, der hat auch das Gefühl, daß die Empfindungen, Gefühle und Begriffe, zu denen er gekommen ist, die er sich innerlich herangearbeitet hat, sich innerlich ebenso tragen wie die Säule den Balken trägt. Weil in der Zeit, da die griechischrömische Baukunst entsprungen ist, in der Menschheit die Verstandes- oder Gemütsseele besonders ausgebildet war, deshalb strebte die Seele, wenn sie sich ausdrücken wollte in der Sprache der Architektur, ganz von selbst dahin, das innerlich Erlebte sich stützend in der Statik hervorzutreiben. Nicht in der Absicht, sondern in dem Sichausleben der Menschenseelennatur lag es, in der Architektur sich ein Abbild des Seelischen zu schaffen.
Und dann ging allmählich die Entwickelung über zur Bewußtseinsseele. Der Bewußtseinsseele ist es wesentlich, das, was die Seele erlebt, zusammenzufassen in dem Totalgefühl: «Du bist! Und du bist dieser eine Mensch, diese eine Persönlichkeit, diese eine Individualität.» - Indem man in der Verstandes- oder Gemütsseele lebt, lebt der Gott in einem; aber man läßt den Gott gleichsam hineinleben in alle Vibrationen des Seelischen, man ist seiner gewiß, so daß man es nicht zusammenzufassen braucht wie in einem Punkte und sich nicht zum Bewußtsein zu bringen braucht: «Du bist identisch mit deinem Göttlichen.» - Das aber muß man in der Bewußtseinssele. In dieser ist es nicht so, daß der Mensch innerlich in sich ruht wie in der Verstandes- oder Gemütsseele, sondern in der Bewußtseinsseele strebt der Mensch aus sich heraus, um sein Ich willkürlich zur Realität, zur Existenz zu entfalten.
Wenn man für das Formen der Worte ein Empfinden hat, so sieht man förmlich, wie die Worte, die jetzt gerade als das Charakteristikon der Bewußtseinsseele ausgesprochen worden sind, sich wie ganz von selbst formen zu dem gotischen Pfeiler und dem gotischen Bogen, wo wir durch die Umschlüsse ein Bauwerk vor uns haben, das nicht mehr das ruhige Insichbeharren ausdrückt, sondern das Streben, durch seine Formen aus der bloß innerlichen Statik herauszzukommen. Wie groß ist doch der Unterschied zwischen dem Balken, der in voller statischer Ruhe getragen wird von seiner Säule, und den gegenseitig sich stützenden Bogen, die in der Spitze zusammenkommen und sich halten, wo alles drängt zu einer Spitze, genauso, wie die menschliche Seelenkraft in der Bewußtseinsseele sich zusammendrängt.
Und wer sich hineinversetzen kann in den fortgehenden Gang der Menschheitsentwickelung, der fühlt - besonders beim Verfolgen der italienischen oder französischen Baukunst -, wie bei dem Übergange von der Entwickelung der Verstandes- oder Gemütsseele in die Entwickelung der Bewußtseinsseele hinein es nun nicht mehr auf ein ruhiges statisches Sichstützen und Sichtragen aus der inneren Totalität heraus ankommt, und man nun nicht mehr, wie in der griechischen Baukunst, innerliche Geschlossenheit in der Form anstrebt, sondern wie man ins Dynamische überzugehen sucht, gleichsam herauszukommen sucht aus seiner Haut, um, wie in der Bewußtseinsseele, in Zusammenhang zu treten mit der Realität der Außenwelt. Die gotischen Bogen öffnen sich in langen Fenstern dem Lichte des Himmels. Das ist nicht so in der griechischen Baukunst. Beim griechischen Tempelbau wäre es für die Auffassung ganz dasselbe, ob Licht hereinfällt oder nicht. Das Licht ist dabei nur zufällig. Für den gotischen Dom ist das nicht gleichgültig; der gotische Dom ist nicht denkbar ohne das Licht, das sich in den bunten Fenstern bricht.
Da spürt man, wie die Bewußtseinsseele sich hineinstellt in die Totalität der Welt, wieder hinausstrebt in die allgemeine Existenz. Die Gotik ist also dasjenige baukünstlerische Streben, das charakteristisch ist für das Zeitalter der Entwickelung der Bewußtseinsseele.
Und jetzt kommen wir in unser Zeitalter herein, in dem eine Weltanschauung, die nicht aus der Willkür, sondern aus den Notwendigkeiten der menschlichen Entwickelung heraus arbeiten will, sich klar werden muß, daß sich der Mensch wieder herausarbeiten muß aus dem Seelischen ins Geistige hinein, daß der Mensch im Geistselbst geistig in sich selber ruht. Wie nur der Vorbote dieses Prozesses erscheint dabei der gotische Bau mit seiner besonderen Architektur der durch die Fenster durchbrochenen Wand, mit seinem Sichöffnen für das, was hereinkommen kann, für das, was jetzt kommen muß! Wie der rechte Vorbote dessen, was jetzt kommen soll - wo die Wand notwendig zu einer Gliederung hinführt und in dieser Beziehung auch nur Füllsel, Dekoration ist, nicht das Umschließende, wie die Wände des griechischen Tempels —, wie ein Vorbote erscheint dieser gotische Bau zu dem, was nun der neue Bau für die Umschließung der kommenden Weltanschauung werden muß, der neue Bau, dessen wesentliche Eigentümlichkeiten von mir schon da oder dort angedeutet worden sind und von dem einige Wesentlichkeiten sogar schon versucht worden sind, zum Beispiel beim Stuttgarter Bau.
Das Wesentliche wird sein, daß nun das Komplement auftritt zu dem Vorstadium der Architektur, zum Höhlenbau, wo der Felsen selbst materiell das abschloß, was hineingehauen worden ist; daß unser neuer Bau sich wie nach allen Seiten öffnet, daß seine Wände nach allen Seiten offen sind, allerdings nicht nach dem Materiellen, sondern offen sind hin nach dem Geistigen. Und dies werden wir dadurch erreichen, daß wir die Formen so gestalten, daß wir vergessen können, daß außer unserem Bau noch irgendeine Stadt oder dergleichen da ist. Im Stuttgarter Bau ist schon ein solcher Versuch gemacht worden; dessen Wände sind trotz des materiellen Abschlusses offen, dem Geiste nach offen. Auch im neuen Bau werden wir die Formen, das Dekorative, das Malerische so gestalten, daß die Wand durchbrochen ist, so daß wir durch Farbe und Form hindurchempfinden: trotzdem wir abgeschlossen sind, erweitert sich der geistig-seelische Ausblick in die Weltenweiten. Wie man in der Pyramide hereingenommen hatte die Maßverhältnisse des Kosmos, so nehmen wir das, was wir durch Anthroposophie, Theosophie erleben können, und schaffen ihm Formen, schaffen ihm Farben, schaffen ihm Umrisse, schaffen ihm Gestalt, Figurales, schaffen das alles aber so, daß gerade durch das, was wir an den Wänden schaffen und an die Wände hinzaubern, diese Wände selber verschwinden, und das Abgeschlossene von uns so erlebt wird, daß wir überall die Illusion empfinden können: es erweitert sich hinaus in den Kosmos, in die Weltenräume, so wie die Bewußtseinsseele, wenn sie einmündet in das Geistselbst, sich hinauslebt aus dem bloßen Menschlichen in das Geistige.
So wird in der neuen Baukunst auch die Bedeutung der Einzelsäule zu etwas ganz anderem aufrücken. Hat man es - wie beim griechischen Tempel - mit statischen Verhältnissen zu tun, mit Verhältnissen, bei denen es hauptsächlich auf die Innerlichkeit ankommt, so ist es selbstverständlich, daß sich die Säulenformen, die Kapitälformen wiederholen. Denn wie könnte man sich eine Säule an der einen Stelle anders denken als eine andere in der Nachbarschaft, wenn sie ganz genau dasselbe zu tun haben? Sie muß ebenso gestaltet sein wie die andere. Es kann gar nicht anders sein, weil ja jede Säule dieselbe Aufgabe hat.
Haben wir es jetzt bei der neuen Baukunst mit dem Hinausgehen in den Kosmos zu tun, der nach allen Seiten in der verschiedensten Weise differenziert ist, sollen wir vergessen, daß wir in einem Innenraume sind, so bekommen die Säulen eine ganz neue Aufgabe, eine Aufgabe, die etwa die ist eines Buchstabens, der über sich selbst hinausweist, indem er mit den andern Buchstaben ein Wort bildet. So schließen sich die Säulen, nicht in einer Verschiedenheit, sondern wie die einzelnen Buchstaben zu einer gewichtigen Schrift zusammen, die hinausweist nach außen zum Kosmos, von innen nach außen. Und so werden wir bauen: von innen nach außen! Und so, wie das eine Kapitäl auf das andere vorhergehende folgt, so werden sie sich zusammenschließen und werden etwas aussprechen als eine Totalität. Das wird etwas sein, was über den Raum hinausführt. Und was wir sonst anbringen werden, zum Beispiel innerhalb der Kuppel, das wird so angebracht werden, daß wir nicht das Gefühl haben werden: wir sind durch eine Kuppel abgeschlossen -, sondern daß die ganze Malerei die Kuppel scheinbar durchstößt, sie hinwegschafft ins Unendliche. Dazu wird man allerdings lernen müssen, ein wenig so zu malen, wie Johannes Thomasius malt für das Empfinden Straders, so daß dieser das Gefühl bekommt: «Die Leinwand, ich möchte sie durchstoßen, zu finden, was ich suchen soll.»
Man wird schon einmal einsehen, daß in den Mysterienspielen kein Wort umsonst geschrieben ist, sondern immer aus dem Ganzen heraus und daß sich alle Dinge, die wir wollen aus den Vorbedingungen unserer Kultur heraus, notwendig zusammenschließen. Heute wollte ich nur ein Gefühl dafür hervorrufen, daß die neue Baukunst in der ganzen Behandlung der Wände, der architektonischen Motive, der Säulen, und in der Verwendung alles Dekorativen auf ein Vernichten des Materiellen gehen muß, gleichsam die Wand überwinden und die Perspektive nach außen öffnen muß, so daß auch das Malerische die Wand überwinden muß; ich wollte ein Gefühl dafür hervorrufen, daß das alles eintreten und versucht werden muß durch die neue Baukunst und daß das eine Notwendigkeit ist gegenüber dem Gang der Menschheitsentwickelung, wie wir ihn als einen notwendigen erkennen.
Allerdings nimmt es sich, angesichts der Notwendigkeit eines solchen Baues aus dem Entwickelungsgang der Menscheit heraus, wie eine Jämmerlichkeit aus, daß es so schwierig ist, den Bau wirklich durchzubringen, und jämmerlich sind auch alle die Einwände, die da gemacht werden von den Behörden in München, auch von den Künstlern, die aufgerufen worden sind, darüber zu urteilen und die gesagt haben, der Bau erdrücke die Nachbarschaft. Vielleicht haben sie ein kleines Magendrücken bekommen darüber, daß der Bau die Nachbarschaft erdrücken könnte, daß er so aus ihr herauswächst, in eine sehr weite Umgebung hinein. Innerlich drückend werden sie ihn zunächst empfinden.
Solche Einwände, die von Künstlern gemacht wurden, die da glauben, auf der Höhe der Kunst ihrer Zeit zu stehen, sie erscheinen als ein grotesk Komisches, wenn man aus der Entwickelung der Menschheit heraus die Dinge bedenkt. Da hat zu unserm lieben Freunde, der uns als Architekt hier hilft, einer, der ein freier Künstler sein will, gesagt, daß der Baumeister sich nicht niederzwingen lassen müsse vom Bauherrn, sondern als freier Künstler schaffen, so wie er will. Ein schöner Grundsatz ist das, denn nehmen wir an, der Bauherr bestellt ein Warenhaus, so würde er doch nicht sehr zufrieden sein, wenn der «freie Künstler» ihm eine Kirche hinbaute. Nun, solcher Schlagworte gibt es viele. Aber man ist durch Aufgabe und Material beschränkt. Da hat das Wort «freier Künstler» einfach keinen Sinn. Denn ich möchte wissen, was der «freie Künstler» machen wird, wenn er die Absicht hat, aus der freien Künstlerschaft heraus ein plastisches Kunstwerk auszuführen, den Ton formt und eine Venus schaffen will, und statt der Venus daraus ein Schaf wird? Ist er dann ein freier Künstler? Hat das Wort «freie» Kunst den geringsten Sinn, wenn Raffael den Auftrag bekommt, die Sixtinische Madonna zu malen und es wäre eine Kuh daraus geworden? Da wäre Raffael ein «freier» Künstler gewesen — aber er hätte keine Sixtinische Madonna geschaffen! So wie man zu gewissen Dingen nur eine Zunge braucht, so braucht es auch hier nur eine Zunge. Denn solches Argumentieren hat nichts zu tun mit den notwendigen realen Bedingungen der Menschheitsentwickelung, sondern es kommt darauf an, ob man eine Wahrheit im Sinne hat, die sich auf Tun, auf Wirken, die sich auf Arbeiten bezieht. Denn Wahrheiten, die fruchtbar sein sollen, die «wahr» sein sollen, müssen so begründet sein in den Notwendigkeiten der Menschheitsentwickelung. Allerdings werden sie immer so sein, daß auf sie anwendbar sein wird, was Schopenhauer gesagt hat in bezug auf die Wahrheit, die hereintritt in die Menschheitsentwickelung. Denn Schopenhauer hat gesagt: «In allen Jahrhunderten hat die arme Wahrheit darüber erröten müssen, daß sie paradox war, und es ist doch nicht ihre Schuld. Sie kann nicht die Gestalt des thronenden allgemeinen Irrtumes annehmen. Da sieht sie seufzend auf zu ihrem Schutzgott, der Zeit, welcher ihr Sieg und Ruhm zuwinkt, aber dessen Flügelschläge so groß und langsam sind, daß das Individuum darüber hinstirbt.»
Hoffen wir, liebe Freunde, und wollen wir das Unsere dazu tun, weil es gut sein könnte für unsere Sache, daß unser Schutzgeist sich erbarmt und seine Blicke auf uns wendet, damit wir, erkennend die Notwendigkeit unseres Baues, auch in Bälde imstande sind, diese der Menschheitsentwickelung entsprechende Umhüllung für Anthroposophie oder Geisteswissenschaft wirklich herstellen zu können!