And The Temple Becomes Man

GA 286 — 23 January 1914, Berlin

Gesichtspunkte zur Baulichen Gestaltung der Anthroposophischen Kolonie in Dornach

Meine lieben Freunde! Es hat sich ja im Zusammenhange mit der Errichtung unseres Johannesbaues in Dornach ergeben, daß eine Anzahl unserer Freunde, unserer Mitglieder, den Wunsch gefühlt haben, sich um diesen Johannesbau herum, beziehungsweise in der Nähe desselben, irgendeine Heimstätte zu schaffen, und es haben schon eine Anzahl von Mitgliedern dort sich für das Erwerben von Besitzungen angemeldet und in Aussicht genommen, für das ganze Jahr oder für einige Zeit im Jahr bleibende Heimstätten zu schaffen. Selbstverständlich, meine lieben Freunde, sind die Worte, die ich gerade in diesem Moment, im Anschluß an das eben Gesagte, vorbringen möchte, nicht so gemeint, als ob ich mich auch nur im Geringsten hineinmischen möchte in das, was von diesen Kolonisten um unsern Johannesbau in Dornach herum unternommen wird. Es ist ja selbstverständlich, daß nach der ganzen Art, wie wir unsere anthroposophische Bewegung auffassen, die Freiheit jedes einzelnen Mitgliedes im ausgiebigsten Maße gewahrt werden muß. Um also nach der einen oder anderen Richtung einen Zwang auch nur anzudeuten, habe ich nicht zu sprechen; aber um Wünschenswertes zum Ausdruck zu bringen, darf ich vielleicht doch zu Ihnen sprechen.

Nicht wahr, wir werden also jetzt in Dornach den Johannesbau als solchen haben, für den wir uns bemüht haben, eine ja doch wirklich in ganz neuem Sinne gehaltene Architektur zu finden, um einmal in den Bauformen das auszudrücken, was wir wollen, und um einmal etwas zu schaffen, was in dem schon öfter angedeuteten Sinne eine nicht nur würdige, sondern auch richtige Umhüllung für unsere Sache darstellen kann.

Herr Dr. Grosheintz hat Ihnen in verschiedenen Abbildungen vorgeführt die Anstrengungen, die zu diesem Ziele gemacht worden sind. Es werden sich, wenn dazu die Gelder ausreichen, Baulichkeiten unmittelbar um den Johannesbau herum finden, einzelne Häuser, von denen Sie ja schon gesehen haben, daß sie in unmittelbarer Nähe des Johannesbaues liegen werden. Und diese Häuser werden so zu bauen versucht werden, daß sie wirklich auch in ihrer künstlerischen Ausgestaltung ein Ganzes geben können mit dem Plane des Johannesbaues selbst.

Es ist mancherlei notwendig, um ein solches Ganzes herzustellen. Wir haben ja - das lag in der Natur der Sache, denn weiter brauchten und konnten wir auch nicht sein -, wir haben ja bis jetzt nur die Möglichkeit gehabt, die eben charakterisierte Idee für das kleine Häuschen durchzuführen, das Sie dort (im Modell) an einer Stelle sehen und das zunächst dazu dienen soll, daß in ihm die Glasfenster hergestellt werden sollen; so daß also Herr Rychter und vielleicht sonst noch jemand darin sich unterbringen können, und in den übrigen Räumen die Glasfenster hergestellt werden können. Als zweites, was schon gewissermaßen eine ganz definitive Form hat, haben wir das sogenannte «Kesselhaus» anzusehen. Dieses Kesselhaus mußte ja auf das moderne Material Eisenbeton hin gedacht werden. Und so war das Problem zu lösen, wie man einen solchen Riesenschornstein — der selbstverständlich, wenn er so dastehen würde, wie heute Schornsteine in der Nähe von Gebäuden stehen, eine Scheußlichkeit wäre —, wie man einen solchen Schornstein im Zusammenhange mit dem Gebäude architektonisch auf das entsprechende Material hin gedacht durchführt.

In der kleinen Figurenform, die Sie hier sehen (im Modell), und in dem, was Herr Dr. Grosheintz als Abbild dieses Kesselhauses gezeigt hat, werden Sie gesehen haben, daß versucht worden ist, auch die Architektur dieses Bauwerkes zu lösen. Und wenn es einmal dastehen wird und namentlich wenn es einmal beheizt sein wird - denn das Hervorgehen des Rauches aus dem Schornstein ist mitgedacht in der Architektur —, dann wird man vielleicht empfinden können, daß diese Formen sinngemäße Schönheit trotz ihres prosaischen Zweckes haben. Man wird vielleicht gerade dadurch, daß die Aufgabe des Gebäudes wirklich auch in den Formen zum Ausdruck kommt, empfinden können, daß diese Formen nicht nur rein nach den Prinzipien der alten Utilitätsbaukunst gebildet worden sind, sondern zugleich so, daß eine innere ästhetische Formung stattgefunden hat. In dem Zusammendenken der beiden Kuppeln mit einer Ausweitung, die nach den verschiedenen Seiten hin verschieden geformt ist, und am Schornstein in einem Aufspringen von, man kann nicht sagen «blattähnlichen» Gebilden, denn ein Mitglied, das dieses Modell gesehen hat, hat sie zum Beispiel «ohrenartig» gefunden; aber man braucht es nicht als solche Formen zu definieren, die Formen müssen nur richtig sein —, durch all diese Formen wird wohl erreicht werden können, daß man empfinden wird, daß selbst ein solches, ganz modernen Zwecken der Heizung dienendes Gebäude - der Johannesbau und die unmittelbar um ihn herumliegenden Gebäude werden von hier aus geheizt werden - in ästhetisch befriedigende Formen gebracht werden kann.

Zu einer solchen Sache nun - die anderen Dinge sind also nur provisorisch, und es wird sich ergeben können, inwiefern sie provisorisch sind -, damit man weiß, was man zu diesem Formen braucht, ist notwendig, daß man zuerst kenne eine genaue, spezifizierte Angabe alles dessen, was in dem Gebäude drinnen geschehen soll, zu welchem Zwecke es dienen soll. Ich möchte sagen: Weiß man, wieviele Räume, zu welchen Zwecken dienende Räume gebraucht werden, wieviele Arten des Aufganges, wieviele Arten der Aussicht und so weiter jemand haben will, und weiß man ferner genau den Ort, wie das betreffende Gebäude zum Johannesbau liegt, nach Norden ‚oder Süden, dann kann man für jede solche Angabe eine entsprechende Architektur finden.

Darum also wird es notwendig sein, daß alle diejenigen Freunde, die Kolonisten werden wollen und daran denken, sich in der Nähe des Johannesbaues etwas zu erbauen, wirklich sich ein wenig, wenigstens in einem weiteren Sinne, anschließen an das, was für die Gebäude in der unmittelbaren Nähe des Johannesbaues verfolgt werden muß, wenn wir unseren Prinzipien nicht untreu werden wollen. Denn als erstes liegt ja vor, daß durch die äußere Bauart, durch den ganzen Stil für die Außenwelt wird hervortreten sollen, daß alle diese Häuser gewissermaßen zusammengehören, ein Ganzes bilden. Selbst dann, wenn andere Häuser dazwischen liegen sollten, würde es dennoch wünschenswert sein, daß gerade diejenigen Häuser, die von Kolonisten erbaut werden, so gebaut werden, daß man es den Häusern ansieht: Sie gehören zu diesem Ganzen. Man wird vielleicht in der Außenwelt sagen: Das sind verdrehte Menschen! Nun gut, aber man soll es spüren -gleichgültig, ob man es bejahend oder verneinend ansieht -, und wir sollen Veranlassung dazu geben, daß man spürt, daß in dieser Weise - wenn auch vielleicht gestört durch manches andere, was dazwischen steht - der Komplex der zum Johannesbau hingebauten Gebäude ein ideelles Ganzes bildet.

Das ist der eine Gesichtspunkt, der wirklich notwendig ist zu berücksichtigen. Der andere aber ist der, daß wir ja wirklich etwas wollen, was eine gewisse Bedeutung hat in der Kulturentwickelung der Gegenwart. Wir wollen, meine lieben Freunde - und das sehen Sie ja an den Formen des Johannesbaues selbst -, daß tatsächlich einfließe unsere geisteswissenschaftliche Gesinnung auch in den Baustil und in die künstlerischen Formen auf allen Gebieten. Ebensowenig wie wir in der Lage wären, wenn uns heute jemand fragen würde: Wie übt man die Kunst des Tanzes am besten aus?, zu sagen: Gehen Sie zu dem oder jenem, der hat diese oder jene Methode -, sondern geradeso, wie wir da genötigt wären, unser Eigenes zu suchen in der Eurythmie, so müssen wir auch verstehen lernen, in den anderen Kunstformen unser Eigenes zu suchen und dadurch für die, die verstehen wollen, etwas hinzustellen, was vielleicht wirklich nur einer so produktiven Geistesströmung möglich ist, wie sie die geisteswissenschaftliche Gesinnung gibt.

Ich habe öfter schon darauf aufmerksam gemacht, wie es mir bleibend in den Ohren nachklingt, was der Architekt Heinrich von Ferstel, nachdem er die Wiener Votivkirche gebaut hatte und zum Rektor der Wiener Technischen Hochschule gewählt worden war, sagte, als er einen Vortrag hielt über Baukunst; wie sein eigentlicher Tenor in diesem Vortrag war: Baustile werden nicht erfunden! - Man kann gegen diesen Satz viel einwenden, man kann ihn auch beweisen, beides kann gleich richtig sein. Sie werden nicht erfunden, die Baustile, aber aus der Richtigkeit des Satzes, daß sie nicht erfunden werden, folgt durchaus noch nicht, daß man einfach den gotischen Baustil nimmt, wie ihn Ferstel genommen hat und das etwas vergrößerte Konditorwerk, dieses Zukkerwerk der Wiener Votivkirche hinstellt. Es folgt auch durchaus noch nicht aus jenem Satze, daß Baustile deshalb auch in unserer Gegenwart nur dadurch gebildet werden dürfen, daß man gleichsam im eklektischen Sinne alte Baustile modifiziert, immer wieder und wieder sie zusammenschweißt und auf diese Weise das oder jenes dann zustande bringt.

Gerade die geisteswissenschaftliche Gesinnung soll zeigen, daß es möglich ist, vom Innern des Geisteslebens aus wirklich Kunstformen in den Baustil hineinzubringen. Und daß dies auch beim Privathaus möglich ist, sollten wir der Welt beweisen. Wir sollten Verständnis für unsere Sache von diesem Gesichtspunkte aus gewinnen können. Wir werden dadurch, daß wir von diesem Gesichtspunkte auszugehen vermögen, einen ungeheuer bedeutsamen ideellen Wert für unsere Kultur schaffen.

So würde es gewiß, ohne daß auf die Freiheit irgendeines Mitgliedes ein Einfluß ausgeübt werden soll, schön sein, wenn sich die Kolonisten zusammenfänden und aus ihrem eigenen freien Willen, aber mit der Erkenntnis unserer Grundsätze etwas Einheitliches zustande bringen würden. Müssen wir ja schon, da dies sich zunächst einmal nicht ändern läßt - es wird vielleicht später anders werden —, mit dem Faktor rechnen, daß in der Nähe des Johannesbaues ein Haus steht, das jetzt noch nicht beseitigt werden kann und die Schönheit nicht erhöhen wird; aber es steht nun einmal da und es kommt ja nicht darauf an, daß wir alles «schön» machen, sondern daß wir das, was wir machen, in unserem Sinne schön machen.

Daher hat es mich in einer gewissen Weise wirklich betrübt, möchte ich sagen, als mir in den verflossenen Wochen Baupläne, Bauvorschläge über Häuser zu Gesicht gekommen sind, die von den Kolonisten dort gebaut werden sollen. Sie waren selbstverständlich in der allerbesten Absicht gedacht, aber sie wiesen durchaus alle Scheußlichkeiten, Scheusäligkeiten eines furchtbaren Baustiles auf. Es kann wirklich anders gemacht werden, wenn man den guten Willen dazu mitbringt. Es ist ja selbstverständlich, daß mit mancherlei Hemmnissen und Hindernissen wird gerechnet werden müssen, allein, welche neue Strömung, die sich in die Welt einzuleben hat, findet keine Hemmnisse oder Hindernisse?

In das, was durch die Vereinigung der Mitglieder der Kolonie - der Kolonisten also selber etwa morgen entstehen könnte, will ich mich nicht hineinmischen; aber es würde mir betrüblich erscheinen, wenn etwas anderes entstehen könnte oder würde als das, was im Sinne der eben ausgesprochenen Worte gelegen ist. Es wird ja durchaus möglich sein, wenn wir alle unsere Sorgfalt darauf verwenden, daß das eben Charakterisierte in Erfüllung geht. Wenn freilich Kolonisten nicht die Geduld haben könnten, um abzuwarten, bis der Zeitpunkt erst da ist, in dem eventuell angegeben werden kann, wie das eine oder das andere gut zu machen wäre, dann wird sich nichts Günstiges machen lassen.

So sehr einzusehen ist, daß es mancher von den Kolonisten eilig haben könnte damit, sein Bauprojekt zu bekommen, so wäre es doch wünschenswert, daß die Kolonisten, die es ernst meinen mit unserer Sache, sich ein wenig in Geduld fassen, um die Dinge im Einklange mit den Intentionen entstehen zu lassen, von denen ich nicht sagen kann, daß sie die unsrigen sind durch unseren Willen, sondern daß sie sich ergeben aus dem, was wir aus der geisteswissenschaftlichen Gesinnung herausholen müssen. Es könnte dadurch in der Tat etwas entstehen, wovon vielleicht die Welt zunächst einen Eindruck empfängt, über den sie lacht. Mag sie es tun! Aber die Zeit, wo man darüber lacht, wird schon aufhören. Wenn man niemals etwas so Geartetes unternehmen würde, so würde man in der menschheitlichen Entwickelung nie vorwärts kommen.

Es braucht niemand zu glauben, daß er auch nur für das Allergeringste Unbequemlichkeiten in seinem Hause haben müsse, wenn die Grundsätze eingehalten werden, von denen ich gesprochen habe. Aber eines wird allerdings dazu notwendig sein: daß nicht jeder der Kolonisten sozusagen seinen eigenen Weg geht, sondern daß das, was getan wird, in einer gewissen Harmonie getan werde, daß man sich gegenseitig besprechen und aneinander halten kann.

Was in dem Baustil der Kolonistenhäuser die ganze Kolonie als eine ideelle Einheit erscheinen lassen wird, das wird ja ein äußerer Abdruck sein einer Harmonie, die eine innere sein wird. Ich sage das, was ich jetzt sage, teilweise als Wunsch, teilweise als Hypothese, teilweise als etwas, ja, ich weiß selbst nicht, was ich für ein Wort wählen soll: es soll eben ein Abdruck sein der inneren Harmonie der in dieser Kolonie Wohnenden!

Es wird dem Sinne der Anthroposophischen Gesellschaft nach ja unmöglich sein, daß in dieser Kolonie jemals die geringste Unfriedlichkeit oder gegenseitige Unverträglichkeit oder auch nur ein böses Wort von einem Mitglied der Kolonie zu einem andern gehe, oder auch nur ein schiefes Gesicht von einem zum andern jemals gezogen werde. Und das wird schön sein, wenn sich das auch in den äußeren Formen sozusagen wie der personifizierte Friede über alles ausgießen wird. ‚Aber auch selbst dann, wenn es wirklich einmal vorkommen sollte, daß durch eine Kleinigkeit im Gemüte der eine oder andere zu einem schiefen Mund oder einem schiefen Gesicht veranlaßt sein könnte, so wird er, weil Formen Gedanken anregen, die Augen in diesem schiefen Gesicht auf die gemeinsamen friedlichen Formen lenken und es wird gleich ein friedsames Lächeln über das verzogene Gesicht streichen.

Wenn wir dies alles bedenken, dann haben wir ja wirklich die Gründe für den Impuls, dort etwas Einheitliches zu schaffen. Glauben Sie ja nicht, daß dieses Einheitliche bedingen wird, daß ein Haus so sei wie das andere. Im Gegenteil. Die Häuser werden sehr voneinander verschieden sein und alles wird einen sehr individuellen Charakter tragen müssen. Ein menschlicher Organismus kommt ja auch nicht dadurch zustande, daß man sagt: Ein Arm ist so, eine Hand ist so...[Lücke]. Würde man jemals den Arm oder die Hand oben statt dem Kopf draufgesetzt haben, so würde niemals ein Organismus entstehen können. Ebenso wird die Form eines Hauses, die nach der einen Seite hin richtig sein wird, nicht nach der andern Seite hin richtig sein. Das alles wird aber tief durchdacht sein müssen für unsere Zwecke.

Und dann, wenn wir in der Lage sind, das alles wirklich in Szene zu setzen, dann sind auch noch andere Gesichtspunkte zu betrachten. Denken Sie einmal, wir waren hier in dieser Woche vereinigt. Am Montag tagte da drüben im Nebensaal irgendeine theosophische Gesellschaft mit einem Vortrag von dem und jenem; an einem andern Tag tagte wieder eine andere Gesellschaft mit etwas anderem und an einem dritten Tag sogar eine «Anthroposs-Gesellschaft und so weiter. Denken Sie nun einmal, wenn es vorkommen könnte, daß der Sohn, die Tochter, der Enkel oder Neffe oder irgend so jemand von einem unserer Mitglieder sich irgendeiner «Anthropos»-Gesellschaft oder gar irgendendeiner theosophischen Gesellschaft anschlösse, und es dahin käme, daß einmal später Häuser unserer Kolonie sich vererben würden an solche Mitglieder einer Familie, so würden wir nicht nur so «nachbarlich» die Vorträge der anderen Gesellschaften haben, sondern auch mitten unter uns drinnen die Gesinnungen und so weiter dieser Gesellschaften haben.

Man muß also schon heute wohl bedenken, welche Schwierigkeiten im Laufe der Zeit erwachsen können und wie man diesen Schwierigkeiten begegnen kann. Man wird ihnen nur begegnen können, wenn man eine solche Vereinigung der Kolonisten schafft, durch die Mittel und Wege gefunden werden können, daß die Besitztümer der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft auch wirklich bei Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft in Zukunft verbleiben. Daß dies nur durch die verschiedensten Wege wird möglich sein, das wird sich dann für Sie morgen beim Durchsprechen der praktischen Grundsätze herausstellen. Selbstverständlich dürfen Erben niemals beeinträchtigt werden, aber man kann auch ohne Beeinträchtigung der Erben die Möglichkeit schaffen, daß gerade das, was man dort in der Kolonie besitzt, nicht auf solche Erben jemals übergehen könnte, die nicht Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft sind.

Diese Kolonie als eine solche von Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft in alle Zukunft zu erhalten, das wäre denn doch schon sehr wünschenswert; nicht aber bloß daran zu denken, wie schön es ist für sich selber, dort zu wohnen, wie es nett ist, es nicht weit zu haben zu den Veranstaltungen des Johannesbaues und dort mit Anthroposophen zusammen zu sein. Bloß daran für sich zu denken, das würde noch weniger als für irgend etwas anderes gerade bei dieser Sache im Sinne unserer Geistesströmung liegen. Daß heute unsere Geistesströmung noch mit gewissen Opfern verbunden sein muß, das stellt sich ganz besonders dann heraus, wenn die Prinzipien, die Impulse unserer Geistesströmung in die praktische Wirklichkeit umgesetzt werden müssen. Daß wir nicht von jedem beliebigen, ganz außerhalb unserer Sache stehenden Architekten unsere Häuser bauen lassen können, das sollte mehr oder weniger selbstverständlich sein. Daß wir den anthroposophischen Charakter der Kolonie zum Ausdruck bringen wollen, das sollte wiederum selbstverständlich sein.

Das sind gewisse Gesichtspunkte, die ich Ihnen vorlegen möchte, selbstverständlich, wie ich schon sagte, nicht um einen Zwang auszuüben, aber als etwas, von dem Sie bei näherer Überlegung zugeben werden, daß man es nicht umgehen kann, wenn irgend etwas dabei herauskommen soll aus der ganzen Sache unseres Johannesbaues und damit unserer anthroposophischen Sache dienen soll.

Sehen Sie, wir mußten von München fortgehen, weil wir dort kein Verständnis fanden, zunächst rein für das, was wir künstlerisch wollen. Da draußen in Dornach, wo wir nun sein können, können wir uns in die Lage versetzen, in gewisser Beziehung Modell zu bilden für das, was unsere Geistesströmung der Zukunft bringen soll. Und es wäre ein Mißverstehen unserer Bewegung, wenn wir es nicht tun wollten, wenn wir uns durch kleinliche Rücksichten oder durch irgend etwas anderes davon abhalten lassen würden, die Gesichtspunkte einzuhalten, die besprochen worden sind. Es sollte im Grunde genommen jeder, der dort bauen will, einsehen, daß es für ihn eine Notwendigkeit ist, sich einer Vereinigung der Kolonisten wirklich anzuschließen. Vielleicht würde es sogar das allerbeste sein, wenn gerade das Künstlerische der Sache einer Art Komitee oder Kommission unterworfen würde. Man braucht diese Sache nicht zu erzwingen, aber wie schön wäre es, wenn wirklich alle Kolonisten darin zusammenstimmen würden, daß sie sich sagen: man unterwirft am besten einer Art von Kommission das, was da an Häusern und so weiter zustande kommen soll. Wenn wir das wirklich durchführen können, daß wir, insofern wir Kolonisten sind, zeigen: wir können einmal eine Reihe von uns mit einem gemeinsamen Willen durchdringen und können diesem Willen die Richtung geben, die durch unsere anthroposophische Gesinnung vorgezeichnet ist, dann werden wir dort etwas Musterhaftes schaffen. Und es wird das, was dort entsteht, eine Probe dafür sein, wie gut oder wie schlecht unsere Sache verstanden worden ist. Von einem jeden Haus, das als Scheusal hingebaut wird von einem beliebigen Architekten, wird man sagen: ein neuer Beweis dafür, wie wenig man heute in unserer Gegenwart noch verstanden wird in bezug auf unsere anthroposophische Bewegung! Und von jedem Haus, das ein Formausdruck unserer anthroposophischen Gesinnung sein wird, wird man sagen: Wie froh kann es einen machen, daß doch schon ein inneres Verständnis bei dem einen oder andern für das da ist, was wir wollen!

Es wäre mir so sehr lieb gewesen, wenn das, was ich beabsichtigt habe für diese Generalversammlung, hätte zustande kommen können. Wir wollen sehen, was davon morgen noch zustande kommen kann, wenn auf Grund der Thesen: Wie sollen wir, jeder einzelne von uns, unter unseren Mitmenschen am besten anthroposophisch arbeiten und wie können wir unsere anthroposoPhische Gesinnung am besten zeigen und unsere Erfahrung in den Dienst der Welt stellen? - eine recht anregende Diskussion bei dieser Generalversammlung in freier Aussprache zustande gekommen wäre. Aber, meine lieben Freunde, dadurch, daß wir uns bemühen, just bloß das Weisheitsgut der anthroposophischen Bewegung an den Mann oder die Frau zu bringen, tun wir allein noch nicht dasjenige, was wir tun müssen, wenn wir unserer Bewegung in der Welt Boden schaffen wollen. Wir müssen wirklich dafür sorgen, daß dasjenige, was uns als Geistesgut gegeben ist, in sachgemäßer Weise der Welt entgegentritt in der Verkörperung desjenigen, was außen von uns geschaffen wird, so wie die alten Baustile Verkörperungen der alten Kulturideen waren.

Wenn es uns gelingt, etwas recht Einheitliches dort zu schaffen und dieses Einheitliche recht gut als etwas der anthroposophischen Bewegung zu Bewahrendes auch juristisch zu sichern, dann haben wir den Beweis geliefert, daß wir unsere Bewegung verstehen. Möchte das wirklich so eintreten, daß recht viele solcher - auch in Bau- und sonstigen Formen — künstlerischen Elemente bei dieser Gelegenheit, wo es sein kann, uns einen Beweis dafür liefern: die anthroposophische Bewegung wird schon verstanden!

Wahrhaftig, eine Sekte, irgendeine Gemeinschaft, die diese oder jene Dogmen vertritt und verbreitet, wollen wir ja nicht sein. Wir wollen etwas sein, das es mit den Kulturaufgaben ernst nimmt. Das können wir aber nur dann für den Fall des Johannesbaues und der damit verbundenen Kolonie, wenn wir im Sinne des jetzt Ausgesprochenen handeln.

Ich denke, meine lieben Freunde, daß in diesen kurzen Worten vielleicht einige Gesichtspunkte für Ihre Maßnahmen bei der Kolonisierung um den Johannesbau herum gegeben sein könnten.

German original of And The Temple Becomes Man III · ← Previous · Next →