Ways to a New Style in Architecture
GA 286 — 5 July 1914, Dornach
7. Die Wahren Ästhetischen Formgesetze
Meine lieben Freunde! Wir haben in den letzten Auseinandersetzungen gesprochen über den Geist, von dem die Formen unseres Baues durchtränkt sein sollen. Sie werden aus alledem, was gesagt worden ist, entnommen haben, daß diese Formen auf der einen Seite ebensowenig auf irgendeiner Imitation der äußeren physischen Welt beruhen, wie sie auf der anderen Seite auf einer bloßen Spekulation, auf einem bloßen Ausdenken beruhen. Das Gefühl, die Empfindung werden Sie erhalten haben, daß die Formen gesucht sind aus dem Geiste, aus jener Geisteswelt, in welche der Mensch hineingegliedert ist, die der Mensch auf dem Erkenntniswege der Geisteswissenschaft allmählich zu gewinnen hoffen darf. Insbesondere möchte ich Sie noch einmal erinnern an einen wichtigen Umstand, den ich hervorgehoben habe. Das ist der, daß das menschliche Leben verläuft in Perioden, annähernd von sieben zu sieben Jahren, und daß, wenn wir diese siebenjährigen Perioden in ihrem Verlauf betrachten, wir sagen können - ich habe das letzte Mal versucht, Ihnen das aus der geisteswissenschaftlichen Kosmologie heraus zu erklären -: Der Mensch bekommt jedesmal nach sieben Jahren eine neue Stütze, so daß er, wenn er siebenmal sieben Perioden erlangt hat, das heißt um das fünfzigste Lebensjahr herum, sieben Paar solcher Stützen hat.
Wenn man sich also etwa denken würde, man betrete unseren Bau von Westen her, so würde man in den zwei ersten Säulen den Ausdruck haben für jene Stützen des menschlichen Lebens, die man nach Ablauf der ersten siebenjährigen Periode in sich selbst aufrichtet, bei dem zweiten Säulenpaar dasjenige, was man sich erwirbt nach der zweiten siebenjährigen Periode; und so schreitet es dann weiter fort, nur daß der Mensch diese Stützen gleichsam ineinanderschiebt, während wir sie hier hintereinander im Raum aufzustellen haben. Man kann sich dann mit der Empfindung durchdringen: Wenn du von Westen nach Osten diesen Raum durchschreitest, so zeigt dir das, was du links und rechts auf dich wirken lassen kannst, dasjenige, was sich im menschlichen Leben selbst abspielt. - Daraus ersehen Sie, daß man sprechen kann von feststehenden Weltgesetzen, in die der Mensch eingegliedert ist, welche aber unendlich viel tiefer sind als das, was man gewöhnlich Naturgesetze, Gesetze der äußeren physischen Welt nennt, unendlich viel tiefer, und daß aus diesen tiefen Weltgesetzen heraus diese Dinge geformt sind.
Es würde natürlich sehr, sehr weitgehend sein, wenn man alle Einzelheiten schon jetzt von diesem Gesichtspunkt aus betrachten wollte, aber sie könnten so betrachtet werden. In der äußeren Gegenwart, in der Gegenwart, die nichts von Geisteswissenschaft weiß, wird selbstverständlich noch wenig Verständnis zu finden sein für diese tieferen Gesetze alles Seins und Werdens. Und da wird man auch erfahren können, daß zum Beispiel irgend jemand die für ein äußeres Wissen ganz begreifliche Frage aufwirft: Ja, warum sind diese Säulen von verschiedenem Holz? - Wahrhaftig, etwas Allegorisches oder Symbolisches ist damit nicht gemeint, und derjenige, der diese Frage aufwirft, bedeutet uns mit dieser Frage nur, daß er eben niemals im Leben Gelegenheit hatte, über tiefere Weltgesetze nachzudenken, denn man müßte ihm die Antwort geben: Ja, warum betrachtest du es denn nicht als eine Notwendigkeit, daß auf einer Violine lauter A-Saiten angebracht sind? - Gerade dasselbe Verlangen, das der stellen würde, der auf einer Violine nur A-Saiten anbringen wollte, würde der stellen, vielleicht ganz unbewußt und ungeahnt, der aus einem oberflächlichen Wissen heraus beurteilen wollte, warum die Säulen aus verschiedenem Holz sind.
Nun können wir ja, da wir noch öfter hier zusammen sein werden, die Dinge langsam entwikkeln, meine lieben Freunde. Wir können dasjenige, was uns nützlich sein kann, gewissermaßen langsam zu unserer Empfindung kommen lassen. Daher möchte ich heute wiederum nur einiges dazu beitragen, die Empfindungen zu vermitteln von dem Begründetsein ästhetischer Formgesetze auf der einen Seite im Kosmos, auf der anderen Seite in dem Mikrokosmos, in der menschlichen Natur. Es wird nicht mehr lange dauern, da wird ergänzt werden dasjenige, was man heute Wissenschaft nennt, durch eine ungeheuere Erweiterung. Dann aber wird man erst verstehen, welches die wahren tieferen ästhetischen Formgesetze auch sind.
Um von dem, was ich nun mit mehr abstrakten Worten angeführt habe, eine konkretere Empfindung hervorzurufen, will ich zunächst etwas vor Ihnen auseinandersetzen, was einer kosmologischen, einer großen Weltentatsache entspricht.
Wir wollen annehmen, daß dieses hier die Sonne, dieses hier die Erde und dieses hier den Mond vorstelle.

Selbstverständlich ist die Zeichnung nur schematisch, da ich ja dabei keine Rücksicht nehmen kann auf Größenverhältnisse und Entfernungsverhältnisse der entsprechenden Himmelskörper; aber darauf kommt es jetzt nicht an.
Wenn nun der okkulte Beobachter mit dem hellsichtigen Bewußtsein sich in einer gewissen Weise in Verbindung setzt mit diesen drei Himmelskörpern, das heißt mit demjenigen, was sie geistig darstellen, dann stellt sich etwas heraus, was man nennen könnte: es wird das Weltall überflutet von den realen gegenseitigen Beziehungen der geistigen Wesen dieser Himmelskörper. Wesen wohnen, wie Sie schon oft gehört haben, auf allen Himmelskörpern, aber auf den Himmelskörpern wohnen nicht nur Wesenheiten, sondern sie schicken auch Wirkungen aus. Höhere Wesenheiten bewohnen dauernd die Himmelskörper;, untergeordnete Wesen werden von einem zum anderen Himmelskörper geschickt und bewirken Strömungen im Weltall. Diese Strömungen sind oft nichts anderes als gewissermaßen Wege, welche gewisse elementare oder höhere Wesenheiten von einem Weltenkörper zum anderen nehmen. So daß man anfangs sieht, mit dem hellsichtigen Bewußtsein, wie, ich möchte sagen, weltenmagnetische oder -elektrische Strömungen von einem Himmelskörper zum anderen gehen, dann löst sich das bei genauerer Betrachtung auf in eine Schar, in einen Schwärm von geistigen Wesenheiten, die von einem Himmelskörper zum anderen ziehen.
Nun stehen diese drei Himmelskörper - Sonne, Erde und Mond - in einem gewissen gegenseitigen Verhältnis; sie schicken ihre Wirkungen einander zu. Von einer besonderen Art solcher Wirkungen möchte ich Ihnen heute sprechen, meine lieben Freunde. Zu diesem Zwecke möchte ich zunächst die Sonne schematisch so abteilen, wie sie wirklich dem okkulten Betrachter erscheint, wenn er seine Aufmerksamkeit auf das richtet, was ich angedeutet habe. Dann sieht man die Sonne, wenn man sie in Projektion anschaut, wie sie kreuzförmig in vier Partien, in vier Räume geteilt ist.
Das Merkwürdige ist, daß man eine gewisse Strömung, könnte man sagen, bemerkt, wenn man vom ersten Anblick redet; aber wenn man nicht von dem ersten Anblick redet, sondern von dem, was sich der genaueren Betrachtung ergibt, dann kann man davon sprechen, daß man es zu tun hat mit Scharen hin- und herwandernder Wesenheiten. Und so kann man eine solche Strömung wandernder Wesenheiten sehen, aus einer gewissen, man möchte sagen, «Kammer» der Sonne [I] zur Erde hin, in die Erde eindringend, die Erde durchlebend mit Sonnenheit, das heißt mit der geistigen Kraft der Sonne, dann wieder zurückkehrend zur Sonne und in diese Kammer hier [III] zurückkehrend.
Dies ist also eine kosmische Realität. Aber man sieht noch mehr. Man sieht wiederum Strömungen, beziehungsweise etwas wie Wanderungen von Scharen geistiger Wesenheiten in der folgenden Art. Man sieht gleichsam in Strömen Wesenheiten umfluten und durchfluten den Mond. Diese Wesenheiten gehen aus von dieser Kammer der Sonne [IV], aber sie gehen auch nach der anderen Richtung und durchfluten in dieser Weise den Mond. [Es werden die beiden Strömungslinien von Kammer IV ausgehend, durch den Mond in Kammer IV zurückkehrend, gezeichnet.]
Nun sehen Sie gleichsam beschäftigt bis jetzt die Bewohner dreier Sonnenorte. [I, III, IV].
Aber es entsteht noch eine andere Wanderung oder Strömung. Während also diese Wesenheiten, nachdem sie den Mond durchflutet haben, und zwar in einer doppelten Strömung, immer wiederum in die Sonne, in die vierte Kammer, zurückkehren, bildet sich außerdem noch eine weitere Strömung, die darin besteht, daß gewisse Wesenheiten die Wanderung bis zum Mond nicht mitmachen, sondern, ehe sie beim Mond ankommen, den Weg wiederum zurück zur Sonne nehmen. [Es wird der Weg von IV nach II gezeichnet.]

Von dieser Figur sieht man eine Art von Spiegelbild, möchte ich sagen, im Weltenall. [Es wird die Bewegung von IV durch den Mond nach I gezeichnet.] Dieses Spiegelbild wollen wir zunächst außer Betracht lassen für das, was uns jetzt besonders interessiert.
Ich werde nun das, was ich hier aufgezeichnet habe, etwas anders zeichnen; ich werde Sie zunächst auf den Weg dieses Anderszeichnens bloß dadurch führen, daß ich das Kreuz in der Sonne etwas gedreht zeichnen werde... [Lücke in der Nachschrift, siehe unter Hinweise auf Seite 131]

Die Sache ist ganz dieselbe, nur das Kreuz ist gedreht, dadurch sind die Linien etwas anders, aber es beginnen und münden die Linien in denselben Sonnenräumen. [Zu den bisherigen Strömungen werden ergänzend noch hinzugefügt die spiegelbildlichen Strömungen von Kammer IV zu II und von Kammer IV durch den Mond zu Kammer II: punktierte Linien.] Sie sehen, daß dieses Spiegelbild ergänzen würde die Figur, die da entstanden ist, die gleichsam in den Kosmos hineingezeichnet ist, Sie sehen, daß uns dieses Spiegelbild unsere Figur zu einer richtig symmetrischen ergänzen würde. Das heißt aber nichts anderes, meine lieben Freunde, als daß in einer wunderbaren Weise sich dem hellsichtigen Bewußtsein ein Formenzusammenhang, gleichsam eine in den Kosmos hineingezeichnete Figur enthüllt, welche darstellt die gegenseitigen Wirkungen von Sonne, Mond und Erde.
Nun will ich die Sache aber noch etwas anders zeichnen. Ich will einmal die Voraussetzung machen, daß das, was wir gewöhnt sind, Ahriman und Luzifer zu nennen, hier dazukommt und drückt und Unordnung hineinbringt. Und ich will jetzt das, was hier als Sonne ist, etwas unregelmäßiger zeichnen; ich will auch einmal etwas unregelmäßiger zeichnen, was ich als Erde gezeichnet habe; unregelmäßiger, was ich als Mond gezeichnet habe, und jetzt will ich wiederum die Verbindungen ziehen. Was habe ich Ihnen aber jetzt gezeichnet? Nichts anderes, als was ich vorher kosmisch gezeichnet habe, nur etwas verschoben durch Ahriman und Luzifer. Ich habe Ihnen jetzt gezeichnet den menschlichen Blutkreislauf: wie das Blut von der linken Herzkammer fließt durch den Körper: auf der einen Seite durch das Gehirn, auf der anderen Seite durch den ganzen übrigen Körper, und zurückkommt als venöses Blut [in die rechte Vorkammer]; dann hier den kleinen Kreislauf durch die rechte Herzkammer, durch die Lunge, zurückkommend zur sogenannten linken Vorkammer.
Sie sehen daraus, daß man ablesen kann aus dem Kosmos dasjenige, was der Mensch als Mikrokosmos ist, - nur daß über ihn Ahriman und Luzifer gekommen sind. So ist der Mensch mit dem Weltenall verbunden; so ist er ein wirklicher Ausdruck der großen kosmischen Zusammenhänge. Und Sie brauchen jetzt nur zu setzen: also ist im Menschen das Herz der Mikrokosmos für die Sonne, die Lunge der Mikrokosmos für die Erde - für diese Hierarchie der Kräfte -, und das Gehirn der Mikrokosmos für den Mond, und Sie haben einen vielsagenden bedeutungsvollen

Wenn nun jemand das, was ich hier gezeichnet habe, zur Figur machte, das heißt aus dem Kosmos abzeichnete, und das in irgendeinem Motiv erblicken würde, so würde er einfach in diesem Formzusammenhang ein tiefes Weltgeheimnis empfinden. Wenn irgendein Linienzusammenhang zugrunde liegt einer solchen Figur, und vielleicht nur einzelne von diesen Linien ausgedrückt sind, die anderen in ganz anderer Weise, so würde derjenige, der Sinn hat - nicht für verstandesmäßiges Auffassen der Sache, sondern für unmittelbare Empfindungen, die auf ihn wirken - in diesem Formzusammenhang selbst ein Geheimnis des Weltenalls empfinden, das heißt, er würde sagen: Ja, was drückt mir denn diese Form aus? Ich weiß es nicht, ich kann es nicht wissen, aber ich ahne es, ich empfinde es, daß damit ein Geheimnis ausgedrückt ist. - Das ist es zuweilen, was uns die Seele in Begeisterung versetzt, was uns das Herz höher schlagen läßt, wenn wir irgendwelche Formen empfinden. Wir können uns nicht immer zum Bewußtsein bringen, was darinnen liegt, aber unser Astralleib, unser Unterbewußtsein, in dem Sinne, wie ich es im letzten Vortrag hier angeführt habe, wie er das Mathematische enthält, so enthält er die Geheimnisse des Kosmos und empfindet es in der Tiefe. Wenn der Mensch sagt: Ich empfinde irgend etwas als Schönheit, aber ich kann mir nicht erklären, was es eigentlich ist, - ja, dann geht in seinem Astralleib irgend etwas vor. Das, was vorgeht in ihm, könnte man etwa ausdrücken, indem man sagt: er fühlt tief geheimnisvolle Mysterien des Weltalls, und das drückt sich nicht aus in ihm durch Vorstellungen und Gedanken, sondern durch ein Gefühl: Ach, schön ist diese Form! - Der Grund, warum er dies als Wärme durch seine Seele, durch sein Herz ziehen fühlt, der Grund ist der, daß in diesem Augen blick, wenn er im Astralleibe so bewußt wäre wie im Ich, er eine tiefe Erkenntnis durchschauen würde in bezug auf den Kosmos.
Aus diesen Dingen heraus, meine lieben Freunde, muß man allmählich empfinden lernen, wie Kunst eigentlich sich in der Menschheitsentwickelung allmählich ergeben hat, und wie die wahren Kunstwerke im echten Goetheschen Sinne eine Manifestation höherer Naturgesetze sind, als man mit dem gewöhnlichen Menschen-Sinn und -Verstand nur ahnen kann.
Und gerade wenn wir zurückgehen in jene Zeiten menschlicher Kunstentwickelung, die dem heutigen Menschen nach seiner Ansicht vielfach nur als «primitive Kunsb» gilt, werden wir von einer Ahnung der Wahrheit solcher Dinge berührt. Wir werden es aus dem Grund, weil ja in den alten Zeiten ein gewisses primitives atavistisches Hellsehen ein Gemeingut der Menschheit war, und weil die Leute aus diesem Hellsehen heraus Formen geschaffen haben. Wollen wir manche Formen gerade der primitiven Künste verstehen, dann müssen wir sie dem ursprünglichen Hellseherbewußtsein der Menschheit zuschreiben. Die Menschen haben das, was in ihrem Astralleib gelebt hat, als lebendige Bewegung erfaßt und haben es in sich selbst auszudrücken versucht, ich möchte sagen, im höheren Tanze - ich habe das ja auch schon in früheren Vorträgen erwähnt -, und haben es dann umgesetzt vom dionysisch-Tanzhaften in das apollinisch-Zeichnerische-Malerische. Dadurch aber sind die Formen entstanden, die uns aus den primitiven Künsten manchmal heute eben nur primitiv erscheinen, die aber in Wahrheit aus einem tieferen Verständnis der geistigen Welt heraus erwachsen sind, welches dazumal durch das ursprüngliche primitive Hellsehen vermittelt worden war.
Daraus aber, glaube ich, kann sich leicht die Empfindung ergeben, daß im Sinne echter wahrer Kunst der Ausspruch, daß sich über den Geschmack nicht streiten läßt, dennoch ein ganz richtiger Ausspruch ist. In Grunde genommen läßt sich ja natürlich über alles streiten, auch über Sätze der Mathematik. Wenn der eine einen mathematischen Satz ableitet und etwas anderes bekommt als ein anderer, der ihn auch ableitet, kann man natürlich streiten; der Streit kann vielleicht sogar heftig werden, aber es hat eben einer einen Fehler gemacht. Nun, so leicht ist das natürlich bei der Schönheit, bei der Kunst nicht zu durchschauen. Aber durcharbeiten kann sich der Mensch doch zu einer Anschauung, bei welcher er sich klar wird, daß allerdings das, was künstlerisch ist in einem höheren Sinne, ebenso feste Gesetze und feste Formen hat, sogar Formen hat, welche in den tieferen Wesensgesetzen des Kosmos voll begründet sind. Vielleicht darf sogar zugegeben werden, meine lieben Freunde, daß man sich zu dem Satze «über den Geschmack läßt sich nicht streiten» erst mühsam im Leben durchringt, daß das eine Anschauung ist, die man sich erst allmählich erwirbt. Aber man kann im Laufe seines Lebens zu der Anschauung kommen, daß die Kunst eine Manifestation höherer Naturgesetze ist, die ohne die Kunst nicht offenbar werden würden - ich gebrauche noch einmal das Goethesche Wort -, man kann zu der Überzeugung kommen, daß die Kunst diese Manifestation höherer Naturgesetze ist, um die sich eigentlich im Grunde genommen nicht streiten läßt.
Nun müssen wir, wenn wir das, was eben jetzt weniger als ein Gedanke, vielmehr als Empfindung angeregt sein sollte, uns vor Augen halten, dann auch uns allmählich zu einer anderen Empfindung hindurcharbeiten können, zu der Empfindung: Ja, was geschieht denn eigentlich mit uns, wenn wir wahrhaft künstlerische Formen genießen? - Wir gehen aus uns heraus. Wir versenken uns mit unserer Seele in das, was kosmisch ist, was außer uns real ist. Daher ist es ganz und gar nicht unnatürlich, was in den letzten Betrachtungen ausgeführt wurde, daß ein Bau, der in die Gegenwart und Zukunft hineingehört, ganz bewußt darauf ausgehen muß, solche Formen zu schaffen, durch die der Mensch das Bewußtsein bloß physisch-sinnlicher Gegenwart überwindet und durch Architektur, Skulptur und all das, was an einem solchen Kunstwerk sein kann, sich geweitet fühlt ins kosmische Weltenall hinaus. Um aber für alle Gebiete der Kunst von dieser Empfindung durchdrungen sein zu können, dazu wird noch manches notwendig sein, damit es unsere Wissenschaft zugebe.
Der Darwinismus und all das, was sich im 19. Jahrhundert daran angeschlossen hat, hat große Verdienste um den Fortschritt der menschlichen Erkenntnis und der Kulturentwickelung, allein er hat auch große Einseitigkeiten gebracht, zum Beispiel da, wo man etwas, was nur einseitig eben gilt, als ein allgemeines Weltgesetz hinstellt: das ist das Gesetz von der sogenannten «Auslese». Dieses Gesetz zu kennen ist außerordentlich wichtig, aber es als allgemeines Gesetz hinzustellen, ist eben einseitig. Man kam dann dazu, etwa in der folgenden Weise darüber zu denken. Man sagt: Woher kommt es, daß die Lebewesen zweckmäßig aufgebaut sind? Sie zeigen eine zweckmäßige Einrichtung, woher kommt dieses? - Nun, da sagt der monistisch gefärbte Materialist der Gegenwart: So töricht wie unsere Vorfahren sind wir nicht mehr, wir sind heute gescheite Leute, ganz gescheite Leute, daher glauben wir nicht, daß irgendwelche geistigen Wesenheiten in den Organismus, in das organische Wesen eine zweckmäßige Einrichtung hineingelegt haben, sondern es liegt in der Natur, daß ursprünglich Zweckmäßiges und Unzweckmäßiges, bunt durcheinander, entstanden ist. Das ist dann in den Kampf ums Dasein getreten. Das Zweckmäßige hat im Kampf ums Dasein gesiegt, hat das andere ausgerottet, und es hat sich nun vererbt, so daß nach einer gewissen Zeit nur das Zweckmäßige vorhanden ist. - So hat man kausal, aus der Ursache heraus, sich die Zweckmäßigkeit der Einrichtung des Organischen erklärt.
Auf eines speziell angewendet, heißt das: Man nehme einmal an, irgendein Lebewesen lebe in einer bestimmten Umgebung und zeige die merkwürdige Eigenschaft, daß es in seiner Färbung der Umgebung ähnlich ist. Nehmen wir an, das Wesen lebt im Sand, der eine gewisse Färbung hat. Man bemerkt in solchen Fällen, daß solche Wesen die Färbung des Sandes annehmen. Da sagt derjenige, der an der zweckmäßigen Einrichtung, wie eben gesagt, festhält: Zweckmäßig ist es wohl, daß die Wesen die Färbung ihrer Umgebung haben; daher können die Feinde diese Wesen nicht sehen und können sie nicht verfolgen; sie werden nicht gefressen. Sie haben also denjenigen, die anders gefärbt sind als der Sand, voraus, daß sie nicht gefressen werden. Also waren einmal Wesen entstanden, die gefärbt waren wie der Sand, und solche, die alle möglichen Farben hatten; aber die, die alle möglichen anderen Farben hatten, die wurden von den Feinden gesehen und gefressen, die hatten Nachteil im Kampf ums Dasein. Die anderen aber, die zufällig die Farbe des Sandes hatten, die blieben übrig und vererbten diese Eigenschaft auf die Nachkommen. Die andersartig gefärbten sind ausgestorben, und die, die so wie der Sand sind, die haben sich im Kampf ums Dasein erhalten.
Ein sehr plausibler Gedankengang, der ja auch Jahrzehnte die menschlichen Gemüter beherrscht hat. Man kennt nun aber in Strandgegenden eine Fülle dieser Art von kleinen Wesen, die ausgesprochen die Farbe des Sandes haben. Die würden also — nach dem materialistisch-monistisch gefärbten Darwinismus - so entstanden sein, wie wir jetzt auseinandergesetzt haben. Aber die Tatsachen machen einen Strich durch die Rechung, denn sobald sich die Wesen zeigen, werden sie doch gefressen von ihren Feinden, soviel die nur Lust dazu haben. Die ganze Sache beruht also gar nicht auf den Tatsachen, sondern man hat es mit Phantasiegebilden des Materialismus zu tun.
Anstelle von all solchen materialistischen Spekulationen und Phantasiegebilden wird einmal die richtige Einsicht treten, wenn sie auch heute noch für viele grotesk und paradox erscheinen mag. Man wird einmal wirklich einsehen, warum der Eisbär weiß ist und nicht schwarz oder braun. Es wird die Einsicht kommen, daß es ein astrales Wesen gibt, und daß jedes tierische Lebewesen einen Astralleib hat, und daß in diesem Astralleib Vorgänge seelischer Art vorhanden sind. Die Wesen, die da mit ihrer grauen Farbe im Sande laufen, haben selbstverständlich kein Ich, aber sie haben einen Astralleib, wenn auch einen primitiven. Dieser Astralleib tritt ins Verhältnis zur Farbe der Umgebung, und die Folge des Verhältnisses, ich möchte sagen, zur Grauheit der Umgebung, ist, daß diese aufgenommen wird in dem schwächeren Bewußtsein des Astralleibes und sich das ganze Wesen damit durchdringt. Geradeso, wie Sie, indem Sie hierhergehen, sagen: Das ist Holz, ich weiß, daß das Holz ist -, so lebt das Wesen im Sand und durchdringt sich im Astralleib mit der Färbung des Sandes, und das Bewußtsein «Färbung des Sandes> durchlebt das ganze Wesen. Das Wesen nimmt die Farbe der Umgebung an, es durchtränkt sich mit der Umgebungsfärbung.
Natürlich ändert sich die Färbung durch jenen Kampf, der entsteht zwischen der unmittelbaren Umgebungsfärbung und dem direkten Sonnenlicht. Aber auch die Einwirkung des direkten Sonnenlichtes auf den Astralleib ist so, daß tatsächlich auf dem Umweg durch das Seelische in den Astralleib etwas eindringt, was wiederum ausstrahlt und das ganze Wesen durchdringt. Bis in die Färbungen der Vogelfedern hinein, bis in die Färbung der Pelze der Tiere wird man erkennen, daß diese Färbungen das tiefere Ergebnis jenes Bewußtseins sind, welches entsteht zwischen dem Astralleib und der Umgebung. Das heißt: Das lebendige Wesen lebt und webt im flutenden Farbensein und identifiziert sich mit diesem flutenden Farbensein. Das tut der Mensch auch unter der Schwelle seines Ich, nur in einem höheren Sinn, das heißt unser Leben ist verbunden mit dem Leben des flutenden Farbenmeeres. Bloß eines haben wir als Menschen voraus, das ich jetzt gewissermaßen nur andeutend ausdrücken kann. Denken Sie sich einmal - zum Vergleich sei es gesagt -, es gäbe Tiere, die immer unter dem Wasser schwimmen und nie an die Oberfläche kommen. Die haben Wasser in der Umgebung; sie richten sich nach dem ein, wie das ist, was sie aufnehmen aus dem Wasser. Andere müssen an die Oberfläche kommen und richten sich auch ein nach dem, was über der Oberfläche des Wassers ist. Statt des Wassers denken Sie sich nun ein flutendes Farben- und Lichtmeer. Alle Tiere leben wie unter der Oberfläche des Farben- und Lichtmeeres, daher richten sie ursprünglich ihre Färbung ein im Sinne dieses Farben- und Lichtmeeres.
Aber der Mensch ragt mit seinem Ich-Bewußtsein aus dem Farben- und Lichtmeer heraus und das gibt ihm sein Ich-Bewußtsein. Wo der Mensch beeinflußt werden soll in seiner Färbung, wie bei den verschiedenen Rassen, da geschieht die Beeinflussung nicht durch Farbe und Licht, sondern durch die Wärme- und klimatischen Verhältnisse. Aber aus einem ganz anderen Grunde sind die Kolibris in gewissen Gegenden an ihrer Außenseite mit allerlei Farben bedeckt, als der Mensch in diesen Gegenden mit negerhaftem Schwarz bedeckt ist. Bei den Kolibris sind es die Farben- und Lichtverhältnisse, bei dem Menschen - zum Beispiel, daß der Neger schwarz ist - sind es die Wärme- und klimatischen Verhältnisse, weil eben der Mensch mit seinem Ich sich herausarbeitet aus dem Meere des Farbigen und dieses nur in seinem Astralleib verarbeitet. Sonst würde sicherlich - wenn ich mich radikal und daher auch natürlich paradox ausdrücken soll - der Landmann, der immer unter Grünem lebt, wenn er nicht ein Ich hätte, durch das er hinausragt aus dem flutenden Farbenmeer, mit einer grünen Hautfarbe herumgehen; und der Städter, der immer unter grauen Häusern lebt und nur selten hinausgeht - wenn Ursprünglichkeit in diesem Wechselverhältnis wäre -, würde schrecklich grau aussehen in seiner Hautfarbe. Aber doch stecken auch wir drinnen, schwimmen gleichsam mit unserem Astralleib in dem flutenden Farbenmeeer, nur haben wir das, was der Astralleib aus dem flutenden Farbenmeer aufgenommen hat, auf eine andere Art auf genommen. Wir färben dadurch nicht unser Haar, tragen auch keine Federn, die wir färben würden durch das, was wir durch den Astralleib aufnehmen, dafür aber empfinden wir, ohne daß wir die Farbe ausbreiten an uns, an der Farbe. Würden wir das Grün aufnehmen in unseren Astralleib, oder Blau oder Rot, und es einfach ausbreiten, und uns nach der Färbung der Außenwelt die Eigenfärbung geben, dann würden wir ganz anders zur Farbenwelt stehen als jetzt. Aber das tun wir nicht. Wir nehmen die Farben in einem geistigen Sinne in uns herein und stehen dem Blau zum Beispiel so gegenüber, daß es für uns der Ausdruck wird der ruhigen Empfindung. Rot ist der Ausdruck des leidenschaftlich Feurigen, das heißt, es setzt sich für uns, weil wir mit unserem Ich aus dem flutenden Farbenmeer herausragen, in flutendes Empfinden um. Dieses bezeugt uns also, daß wir im Grunde genommen gegenüber dem Farbensein in dem Kosmos drinnen schweben, und daß wir im Grunde genommen, selbst wenn wir nur den natürlichen Farben gegenüberstehen, gerade der Farbenwelt gegenüber, auch wenn sie nur die natürliche ist, schon versucht sind, ästhetisch zu empfinden, Schönheitsmaßstäbe anzulegen. Das aber bedingt, daß wir lernen, mit den Farben zusammenzuwachsen, daß wir lernen, in dem Farbigen wie in unserem Element zu leben.
Sehen Sie, selbst bei solchen Leuten, die in der Gegenwart nachdenken über manches Künstlerische, findet man die Empfindung, die hiermit ausgesprochen ist, nicht sehr häufig. So zum Beispiel können Sie bei dem ausgezeichneten Künstler Hildebrand, den ich schon öfters angeführt habe, der immerhin ein geistvolles Buch geschrieben hat über künstlerische Formen, die Meinung finden, daß man eine bloße Farbe zum Malen eines Bildes nicht gebrauchen könne; erst wenn die Zeichnung entstünde, entstünde die Figuration. Das ist aber nicht richtig. Der betreffende Künstler glaubt, wenn ich eine Leinwand vor mir habe und darauf Farbe auftrage, so stünde ich einfach der Farbe, sagen wir, dem Blau und Rot gegenüber. Während, wenn ich Grenzen, Konturen zeichne, ich einem Ausdruck gegenüberstünde, so stünde ich, meint der betreffende Künstler, wenn ich eine Fläche mit der blauen oder roten Farbe überstreiche, keinem Ausdruck gegenüber. Das ist aber nicht wahr. Eine Fläche, die ich blau überziehe, drückt mir in Wahrheit aus das, was etwa in folgenden Worten gesagt werden könnte: An der Stelle des Raumes, die dir blau gegenübertritt, hast du das Gefühl, daß du immer tiefer und tiefer, ferner und ferner, wie ins Unendliche mitgehen kannst. Die blaue Farbe holt dich gleichsam, du Kannst mit ihr immer weiter und weiter gehen. Von der roten Farbe dagegen hast du mehr das Gefühl: sie Kommt mir entgegen, sie kommt auf mich zu, da bekämpft sie mich.
Das ist natürlich etwas radikal ausgedrückt, aber die ganze Farbenskala charakterisiert sich als Farbe bloß in dieser Weise, daß sie uns als ein unmittelbar Lebendiges gegenübersteht. Ebenso wie in scharf konturierten Formen etwas ausgesprochen wird, wird in der Farbengebung etwas voll Differenziertes vor uns hingestellt. Aber zu diesen Dingen durchzudringen, das wird erst wiederum die Aufgabe der zukünftigen Kunst sein. In welchem Sinne, meine lieben Freunde?
Wenn wir uns aufklären wollen über diesen Sinn, ja, da wollen wir einmal ins Auge fassen, was wir öfter schon gehört haben, wie der Geist der menschlichen Entwickelung eigentlich ist.
Die menschliche Entwickelung ist ja ausgegangen von primitiven, atavistischen, hellsichtigen Bewußtseinszuständen. Der Mensch hat sich dann allmählich heraufgearbeitet, auch noch durch die verschiedenen Kulturzustände, die wir kennengelernt haben, bis er in der Zeit der griechisch-lateinischen Epoche sozusagen sein Ich in der Verstandes- oder Gemütsseele geboren hat. Und jetzt leben wir in der Zeit, wo das Ich heraufgeholt wird in die Bewußtseinsseele und dann allmählich hinaufzurücken hat in Geistselbst oder Manas.
Wenn wir in der Zeit, bevor das Ich, das Bewußtsein vom Ich geboren worden war, das ins Auge fassen, was wir mit der Kunst in Zusammenhang bringen können, müssen wir sagen: da ist die Kunst hervorgegangen wie aus einem unmittelbaren Belebtsein des Menschen aus der geistigen Welt heraus; wie ein Ausdruck dessen, was man als Belebung empfunden hat in der geistigen Welt, entstanden allerlei künstlerische Formen. Ich will ein Beispiel sagen: Der Mensch geht bei hereinbrechender Nacht hinaus, er sieht den Mond; sein Bewußtsein damals, als er noch atavistisches Hellsehen hatte, das wußte: Ja, jetzt beginnt dir aufzuleuchten der Zusammenhang zwischen deinem Gehirn und dem Mond, und das, was die Erde von ihrem Wesen erzählt, du atmest es mit deiner Lunge. Die Sonne ist untergegangen, aber das, was du von ihr in dir selbst trägst, was sie in dir erzeugt hat, das fühlst du als den Pulsschlag deines Herzens. - Und dann fühlte der Mensch, oder er sah es auch im atavistischen Hellsehen in diesen alten Zeiten: Ja, es besteht Zusammenhang zwischen Erde, Sonne und Mond. Oh, die Geister schweben auf und nieder. - Welcher Ausdruck für das Auf- und Niedersteigen der Geister zwischen Sonne und Mond könnte da wohl passend sein? Der Ausdruck:
«Wie Himmelskräfte auf und niedersteigen,
und sich die goldnen Eimer reichen»
drückt die Bewegung aus. Und man empfand: ich muß es ausdrücken, ich brauche es ja nur so zu machen - - oh, ich drücke aus die Bewegung! Was in die Hand wollte, wenn man es im Kosmos empfunden hatte, das drücke ich mit Kreide aus. [Es wurde offenbar gezeichnet, diese Zeichnung ist nicht überliefert.] Ich zeige das für die einfachste Form, für die komplizierteste ist es genauso.
Dann kam die Zeit für die Menschheitsentwickelung, wo das alte Hellsehen immer mehr heruntergegangen war; der Mensch wurde immer mehr und mehr herausgestellt in die bloße Wahrnehmung der äußeren Sinneswelt. Da kam nichts mehr herein in ihn von einer geistigen Welt aus. Es entstand die Notwendigkeit, woanders das herzunehmen, was man ausdrücken wollte. Ursprünglich lebte aller Antrieb zur Kunst in der eigenen menschlichen Wesenheit und ihrer Beweglichkeit. Erst hatte der Mensch dasjenige, was er der Welt gegenüber empfand, nachzumachen, nachzubilden versucht, indem er mit seiner Hand, in seiner Hand ausdrückte die Form, die in seine Hand gefahren ist wie eine Kraft aus dem Kosmos. Dann sollte er das, was er in Gebärden ausdrückte, umsetzen in irgendeine Form. Es fiel dem Menschen nicht ein, etwas nachzuahmen. Was in ihm lebte, was in ihm pulsierte, was aus dem Kosmos in ihn hineinwuchs und ihn durchglühte, durchtränkte, durchwogte und durchwebte, das wurde so zur Kunst ohne Nachahmung, indem das innere Leben, das in ihm fortwellte, ihm einfach in ihm selbst das Werkzeug führte. Der Kosmos führte selber in ihm das Werkzeug.
Damit war es vorbei, als das alte atavistische Hellsehen und damit das Zusammenhängen des Menschen mit dem Kosmos aufgehört hat, und die imitative Kunst begann, das Nachahmen, weil man nicht mehr in sich hatte die Linienführung und das andere der Kunst, nicht mehr in sich hatte dies Gefühl: Ich will mich nähern der Gottheit; ja, da ist sie, die Gottheit, ich komme zu ihr. - In diesem Augenblick, wo man das Gefühl entwickelte, aufzugehen in der Gottheit, da wurde es einem «blau» vor den Augen; und wollte man es ausdrücken, man drückte es in Blau aus. Aber kam einem ein Feind entgegen, ein fremdes Wesen, das einen zurückstieß: Rot! Man hatte das als unmittelbares Erlebnis, man brauchte nichts zu imitieren. Damit war es aus, als der atavistische Zusammenhang mit dem Weltenall aufhörte, und es begann die imitative Kunst, die in dem griechisch-lateinischen Zeitalter für die Plastik, und für die Malerei an der Wende zum fünften Zeitalter ihren Höhepunkt erlebte.
Meine lieben Freunde, auch die äußere Geschichte könnte diejenigen, die sehen wollten, lehren, daß die Dinge so sind. Versuchen Sie einmal bloß darüber nachzudenken, warum diejenigen Völkerschaften, die von Nord- oder Mitteleuropa mit den Menschen der griechisch-lateinischen Kultur in Zusammenhang gekommen sind, bei diesen so lange als Barbaren gegolten haben, warum sie lange nicht sich in die Kunst hineinfinden konnten. Aus keinem anderen Grund, als weil diese keltisch-germanisch-slawischen Völkerschaften noch auf einer früheren Bewußtseinsstufe standen als die griechisch-lateinischen Völker. Sie waren noch nicht angekommen bei der vollen Geburt des Ich, sie verstanden nichts von der imitativen Kunst. Sie bildeten gleichsam den Nachschub einer früheren Zeit. Man studiere daher die Kunst im Mittelalter, und man wird finden, daß das, was nicht imitative Kunst ist, eigentlich das Bedeutsame in der mittelalterlichen Kunst bildet. Die architektonische Kunst, die Kleinkunst, in denen man nicht nachahmt, sondern aus dem Innern heraus schöpft, das ist da das Charakteristische, während sich erst nach und nach auch die nordischen Völker durchdringen mit dem, was das Imitative der Kunst ist.
Jetzt aber leben wir in einem Zeitalter, wo wieder die Menschheit sich versetzen muß in die geistige Welt, wo sie von der imitativen Kunst übergehen muß zu einer wahren künstlerischen Neuschöpfung, wo alles neu werden muß. Wahrhaftig, die imitativen Künste haben mit den Schöpfungen Raffaels und Michelangelos und so weiter ihren Höhepunkt erreicht. Aber jetzt steht uns etwas anderes bevor: ein bewußtes Eindringen in die geistige Welt, und damit ein Herunterholen desjenigen, was in Formen und Farben in dem uns geistig umflutenden Weltmeer des Kosmos ist. Damit muß begonnen werden. Heruntergeholt aus der geistigen Welt muß das werden, was sich nicht durch Nachahmung dessen gewinnen läßt, was die Sinne in der äußeren Welt um uns herum wahrnehmen. Inwiefern das gewisse Formen bedingt, die mit unserem Bau zusammenhängen, davon haben wir schon gesprochen. Inwiefern es uns hinweist auf ein ganz neues Studium auch des Malerischen, davon werden wir ein nächstes Mal sprechen. Ich wollte heute nur noch einiges beitragen zur Vertiefung der Empfindungen, die wir gewinnen müssen, wenn wir den notwendigen Übergang zu unserem eigenen tieferen Verständnis finden wollen, der sich ergeben muß, wenn die ja schon charakterisierten alten Kunstformen und Kunstgestaltungen in neue übergehen sollen.
Ich hoffe, daß gerade diejenigen unter unseren lieben Freunden, die so hingebungsvoll, so opferwillig, wie das jeder Tag uns zeigt, an dem künstlerischen Bezwingen der eben uns notwendig gewordenen Formen arbeiten, daran arbeiten, auf daß, wenn auch nur ein primitiver, so doch einmal ein Anfang gegeben wird in einer spiritualisierten Kunst, daß unsere lieben Freunde immer mehr Enthusiasmus, immer mehr und mehr Freude auch gewinnen in dem Bewußtsein, daß der Weltengeist von uns fordert, das Unsrige dazu beizutragen, um einzuwerfen in die menschliche Entwickelung dasjenige, was in unserem fünften und was beim Übergang in das sechste Zeitalter in die menschliche Entwickelung eingeworfen werden soll. Indem wir dies verstehen, meine lieben Freunde, verbünden wir uns mit dem Weltengeist, der in der Menschheitsentwickelung arbeitet, und den wir zu erkennen suchen durch dasjenige, was wir wahre und wahr empfundene Geisteswissenschaft nennen; jene Geisteswissenschaft, welche zugleich in all ihren Impulsen so ist, daß sie in das künstlerische Fühlen und das künstlerische Gestalten und das künstlerische Erleben und Erfühlen der Welt mit ihrem Erleben übergehen kann. Wahrhaftige Begeisterung und Hingabe ist notwendig! Aber diese Begeisterung und Hingabe wird uns werden, wenn wir in Liebe uns aufschwingen zu dem Geiste, der die Menschheit geleitet hat von Anbeginn ihrer Entwickelung im Kosmos, und der auch uns nicht verlassen wird, wenn wir uns ihm von rechtem Herzen und im rechten Sinne widmen; wenn uns die Arbeit nicht zu einem sentimentalen, sondern zu einem echten Gebet wird, zu jenem Gebet, das besteht in dem lebendigen Erfüllen unseres Inneren mit der Kraft, die uns aus dem Weltengeist, der uns führt, ergreift, und in dem lebendigen Erfühlen zugleich jener begeisternden Impulse, die in uns sein können, wenn wir wissen: Du läßest dir beschwingen deiner Hände und deiner Seele Arbeitskraft durch das, was als Geist in deinen Händen arbeiten mag!
In diesem Sinne wollen wir weiterarbeiten.