Ways to a New Style in Architecture
GA 286 — 26 July 1914, Dornach
8. Die Schöpferische Welt der Farbe
Meine lieben Freunde! Lassen Sie uns heute die Betrachtungen, die wir hier angestellt haben über künstlerische Gegenstände, etwas fortsetzen. Es sollen ja Betrachtungen sein, die uns dienen können bei den Gedanken, mit denen wir die Arbeit, die uns hier obliegt, durchdringen müssen. Wenn wir dasjenige, was wir gewissermaßen als unsere Aufgabe, ganz primitiv erst, beginnen, mit richtigen Gedanken begleiten wollen, dann kann es von Wichtigkeit sein, manches uns vor die Seele zu führen, was aus der Betrachtung der menschlichen Kunstleistungen und ihres Zusammenhanges mit der Menschheitskultur überhaupt unsere Seele beeindrucken kann.
Herman Grimm, der geistvolle Kunstbetrachter des 19. Jahrhunderts, hat einen, man möchte sagen, radikal klingenden Ausspruch in bezug auf Goethe getan. Er hat nämlich gesagt, wann erst die Zeit kommen werde, in der die Menschheit das Allerwichtigste bei Goethe richtig einsehen würde. Er hat diesen Zeitpunkt in das Jahr 2000 verlegt. Nicht wahr, es ist noch eine hübsche Zeit, die nach dieser Anschauung verlaufen soll, bis die Menschheit soweit gekommen sein wird, daß sie, nach dieser Ansicht, das Allerwichtigste bei Goethe verstehe. Und man kann ja auch, gerade wenn man auf unsere Zeit blickt, nicht die Neigung empfinden, einem solch radikalen Ausspruch zu widersprechen. Denn was sieht Herman Grimm als das Wichtigste bei Goethe an? Nicht daß Goethe Dichter war, daß er dieses oder jenes einzelne Kunstwerk geschaffen hat, sondern, daß er alles aus dem ganzen vollen Menschen heraus geschaffen hat, so daß allen Einzelheiten seines Schaffens die Impulse des vollen Menschentums zugrunde lagen. Und man darf sagen, daß unsere Zeit recht weit entfernt ist von dem Begreifen desjenigen, was zum Beispiel eben in Goethe lebte als volles Menschentum.
Selbstverständlich will ich gar nicht, indem ich dieses ausspreche, auf die ja oftmals gerügte spezialistische Betrachtungsweise der Wissenschaft verweisen. Die spezialistische Betrachtungsweise der Wissenschaft ist auf der einen Seite eine gewisse Notwendigkeit. Aber viel eingreifender als das Spezialistentum der Wissenschaft ist etwas anderes, ist das Spezialistentum unseres Lebens! Denn dieses Spezialistentum unseres Lebens führt dahin, daß immer weniger und weniger die einzelne Seele, die in diesen oder jenen speziellen Vorstellungs- oder Empfindungskreis eingerammt ist, die Vorstellungsart einer anderen Seele, die wiederum in etwas anderem sich spezialisiert, verstehen kann. Und gewissermaßen Spezialistenseelen sind gegenwärtig alle Menschen. Ganz besonders aber tritt uns diese Anschauung von der Spezialistenseele entgegen, wenn wir die Kunstentwickelung der Menschheit betrachten. Und gerade deshalb ist es so notwendig - wenn es auch nur in primitiven Anfängen geschehen kann - , daß in einer Weise, auf die schon in früheren Vorträgen aufmerksam gemacht werden konnte, wieder eine Art von Zusammenfassung des ganzen Geisteslebens stattfindet. Und aus dieser Zusammenfassung des ganzen Geisteslebens wird dasjenige, was die künstlerische Form ist, hervorgehen.
Wir brauchen gar nicht eine sehr weit ausgreifende Betrachtung anzustellen, um das, was gesagt worden ist, zu belegen. Ich möchte, weil wir ja vielleicht uns am besten verständigen können, wenn wir von etwas Naheliegendem ausgehen, auf ein ganz kleines Stück jener völlig unverständigen und oftmals so lächerlichen Angriffe gegen unsere Geistesströmung verweisen, die gegenwärtig so zahlreich sich überall geltend machen.
Man findet es so billig, da wo man uns vor der Welt, man darf heute schon sagen, mit völlig aus der Luft Gegriffenem anschwärzen will, zugleich etwa hinzuweisen darauf, daß wir uns vergangen haben damit, daß wir da oder dort unsere Räumlichkeiten in einer Weise gestalten, wie wir das für unseren Sinn angemessen finden. Man wirft uns vor, daß wir da oder dort unsere Versammlungslokale mit farbigen Wänden auskleiden, und man ergeht sich ja hinlänglich schon über die, wie man sagt, «Wunderlichkeit» unseres Johannesbaues, von dem man behauptet, daß er für eine wirkliche Theosophie - so drückt man sich aus - doch völlig unnötig sei. Ja, man betrachtet in gewissen Kreisen eine «wahre Theosophie» als einen von allerlei dunklen Gefühlen durchzogenen Seelenmischmasch, der ein wenig schwelgt darin, daß die Seele in sich ein höheres Ich entfalten könne, dabei aber nichts anderes als egoistische Gefühle im Auge hat. Und vom Standpunkt dieses Seelenmischmasches, dieser unklaren Duselei, findet man es überflüssig, wenn sich ausleben soll das, was eine geistige Strömung ist, in der äußeren Form, wenn diese äußere Form auch eingeständlich eine anfängliche, primitive sein muß. Man denkt in diesen Kreisen, man könne ja überall, wo man sich befindet, über diesen Seelenmischmasch, über dieses unklare Duseln von dem göttlichen Ich im Menschen, schwätzen. Wozu sei es denn notwendig, daß da in Angriff genommen wird allerlei Ausleben in diesen oder jenen, wie man meint «sonderbaren» Formen?
Nun, meine lieben Freunde, es ist ja durchaus nicht die Anforderung zu stellen, daß solche Leute, die so etwas als Vorwurf drechseln, auch wirklich denken können; diese Anforderung kann man heute wirklich an die wenigsten Menschen stellen. Aber wir müssen doch über mancherlei Punkte vollständig zur Klarheit kommen, damit wir die entsprechenden Fragen in der eigenen Seele wenigstens richtig beantworten können.
Ich möchte Ihren geistigen Blick hinlenken auf einen Künstler, der zu Ende des 18. Jahrhunderts mit einer gewissen starken Begabung als zeichnender, als malender Künstler in das Kunstleben eingetreten ist: Carstens. Ich will durchaus nicht über den Wert der Carstensschen Kunst sprechen, kein Bild seines Wirkens und auch nicht seine Biographie entrollen, meine lieben Freunde, sondern ich möchte nur aufmerksam machen, daß in Carstens, wenn nicht eine große malerische, so doch eine große zeichnerische Kraft steckte. Wenn man nun in die Seele dieses Carstens hineinblickt, den Blick hinwendet auf seine künstlerische Sehnsucht, so kann man gerade bei ihm in einer gewissen Weise sehen, man möchte sagen, wo es fehlte. Er möchte den Stift ansetzen, er möchte Ideen zeichnen, malerisch verkörpern, nur ist er nicht in der Lage, in der noch, ich will sagen, Raffael oder Lionardo waren, oder, um aus dem Gebiet der Dichtkunst ein Beispiel zu geben, in der Dante war. Raffael, Lionardo, Dante sie lebten in einer vollen, in einer inhaltsvollen und zu gleicher Zeit in den Menschenseelen wirklich lebenden Kultur darinnen, in einer Kultur, die die Menschenseele umspannte. Wenn Raffael Madonnen malte, so hatte das einen tieferen Grund. Es lebte das, was eine Madonna ist, in den menschlichen Herzen, in den menschlichen Seelen, und - im edelsten Sinn sei das Wort ausgesprochen - aus der Seele des Publikums heraus strömte den Schöpfungen dieser Künstler etwas entgegen. Wenn Dante die menschliche Seele entführte bis in die geistigen Gebiete, so brauchte er doch nur seinen Inhalt, seinen Stoff zu nehmen aus demjenigen, was in gewisser Weise erklang in jeder menschlichen Seele. Man möchte sagen, diese Künstler hatten in der eigenen Seele etwas, was als Substanz in der allgemeinen Kultur vorhanden war.
Man nehme irgendein, und sei es ein noch so abgelegenes Werk der damaligen wissenschaftlichen Kultur in die Hand, man wird finden, daß für diese wissenschaftliche Kultur überall doch Anknüpfungspunkte, Hinlenkungspunkte waren zu demjenigen, was in allen Seelen, selbst bis in die untersten Kreise hinein, lebendig war. Die Gelehrten derjenigen Kulturkreise, aus denen Raffael seine Madonnen schuf, standen der Idee der Madonna durchaus anerkennend und so gegenüber, daß diese Idee der Madonna in ihnen lebte. Und so erscheinen die Schöpfungen der Kunst wie ein Ausdruck des allgemeinen, einheitlichen Geisteslebens.
Das ist, was in einem einzelnen Menschen wiederum bei Goethe aufgetreten ist, in der Weise, wie es an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert sein konnte. Das ist es, was in unserer Zeit so wenig verstanden wird, daß Herman Grimm, wie gesagt, das Jahr 2000 abwarten wollte, bis einigermaßen ein solches Verständnis sich wiederum für die Welt eröffnet.
Fragen wir aber wieder bei Carstens an. Er nimmt Homers Ilias, und dasjenige, was er da liest an Vorgängen, das prägt er dann den Formen, die sein Stil schafft, ein. Ja, denken Sie, wie anders das 18. Jahrhundert und der Anfang des 19. Jahrhunderts zu den Gestalten Homers stand als etwa die Seele des Raffael zu den Gestalten der Madonna oder der anderen Motive dieser Zeit! Man möchte sagen, der Inhalt der Kunst war für die großen Epochen der Kunst ein selbstverständlicher, weil er aus dem floß, was die Herzen der Menschen im Innersten bewegte. Im 19. Jahrhundert begann die Zeit, wo der Künstler erfahren mußte, die Inhalte dessen, was er schaffen wollte, zu suchen. Wir haben es schnell erlebt, daß der Künstler gewissermaßen zu einer Art KulturEremit geworden ist, der es im Grunde genommen nur mit sich selbst zu tun hat, bei dem man sich fragt: Wie ist das Verhältnis zu seiner Gestaltenwelt bei ihm selber? Man könnte die ganze Geschichte der malerischen Kunst des 19. Jahrhunderts aufrollen, um zu sehen, wie in dieser Beziehung der Fortgang ist.
Und so ist es dann gekommen, daß jenes nicht nur kühle, sondern kalte Verhältnis der Menschheit zur Kunst eingetreten ist, das gegenwärtig besteht. Man denke sich heute einen Menschen in einer modernen Stadt, der durch eine Bildergalerie oder Bilderausstellung geht. Ja, meine lieben Freunde, da schaut nicht aufihn dasjenige, was seine Seele bewegt, womit er innerlich vertraut ist, sondern da schaut etwas ihm entgegen, was, radikal ausgedrückt, in einem gewissen Sinne für ihn zu einer Summe von Rätseln wird, die er erst lösen kann, wenn er sich einigermaßen vertieft in das besondere Verhältnis, das dieser oder jener Künstler zur Natur oder zu irgend etwas anderem hat. Da stehen wir vor lauter individuellen Rätseln oder Aufgaben. Und während man glaubt - das ist das Bedeutsame an der Sache -, während man glaubt, künstlerische Rätsel zu lösen, löst man eigentlich im höchsten Maße fortwährend unkünstlerische Aufgaben, nämlich psychologische Aufgaben der Art, wie der oder jener Künstler heute die Natur anschaut, oder Aufgaben der Weltanschauung, oder dergleichen Aufgaben, die aber gar nicht in Betracht kommen, wenn man sich in die großen Kunstepochen vertieft. Dagegen kommen dort wirkliche Künstlerische Auf gaben in Betracht, auch für den Beschauer, wirkliche ästhetische Aufgaben, weil das Wie etwas ist, was dem Künstler zu schaffen macht, während das Was nur die Substanz ist, etwas ist, was ihn umfließt, in das er eingetaucht ist. Man könnte in gewissem Sinne sagen: Unsere Künstler sind gar keine Künstler mehr, sie sind Weltbetrachter von ihrem besonderen Standpunkt aus, und was sie da beschauen, was ihnen da auffällt, je nach ihrem Temperament, das gestalten sie. Das sind aber psychologische Weltanschauungsaufgaben, Aufgaben der Geschichtsbetrachtung und so weiter, während das Wesentliche der künstlerischen Wie-Betrachtung etwas ist, was unserer Zeit fast vollständig abhanden gekommen ist und vielfach fehlt das Herz für solche künstlerische Wie-Betrachtung.
Ein gut Stück Schuld an alledem, worauf mit diesen wenigen Worten aufmerksam gemacht werden sollte, hat unsere vom Grunde aus theoretische Weltanschauung. So praktisch die Menschen in bezug auf Industrie, Technik, kommerzielle Verhältnisse geworden sind, so eminent theoretisch sind sie in bezug auf ihr Denken über die Welt geworden, in bezug auf die Vorstellungen, die sie sich über die Welt machen. Eine Brücke zwischen dem, was zum Beispiel unsere heutige Wissenschaft betrachtet, und dem, was der Künstler von seiner Höhe aus als seine Weltbetrachtung hat, ist nicht nur schwer zu schlagen, sondern es haben auch die wenigsten das Bedürfnis, sie zu schlagen. Und ein Wort, wie das von Goethe: Kunst ist die Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne sie niemals zum Ausdruck kommen könnten - ist für unsere Zeit völlig unverständlich, wenn auch dieser oder jener glaubt, es zu verstehen. Denn unsere Zeit hält fest an den alleräußerlichsten, den allerabstraktesten Naturgesetzen, an den Naturgesetzen, die sich schon, man möchte sagen, an das Mathematische, an das abstrakteste Mathematische überall anlehnen, und will nicht gelten lassen irgendeine Vertiefung in die Wirklichkeit, die über das Abstrakt-Mathematische, oder das, was dem Abstrakt-Mathematischen ähnlich gebildet ist, hinausgeht. Und so ist es denn kein Wunder, wenn unserer Zeit eigentlich verlorengegangen ist jenes lebendige Element der Seele, welches in den Weltzusammenhängen wirksam jene Substantialität empfindet, die herausquellen muß aus diesen Weltenzusammenhängen, wenn Kunst entstehen soll.
Aus wissenschaftlichen Begriffen, auch aus den abstrakt-theosophischen Begriffen wird sich niemals eine Kunst, höchstens ein stroherner Allegorismus oder ein steifer Symbolismus entwickeln lassen, aber keine Kunst. Dasjenige, was die heutige Zeit denkt, was Vorstellung über die Welt ist, ist an sich schon unkünstlerisch, strebt danach, unkünstlerisch zu werden.
Die Farben - was sind sie für unsere wissenschaftliche Betrachtung geworden? Schwingungen des Abstraktesten in der Materie, des Äthers; Schwingungen des Äthers von soundsoviel Wellenlänge und so weiter. Man stelle sich nur einmal vor,-wie weit die Wellen des schwingenden Äthers, die heute unsere Wissenschaft sucht, von dem unmittelbar Lebendigen der Farben entfernt sind. Wie ist es da anders möglich, als daß man eigentlich völlig vergißt, auf dieses Lebendige, auf dieses Unmittelbare der Farbe, wirklich zu achten. Wir haben bereits zum Schlüsse der letzten hier angestellten Betrachtung darauf hingewiesen, wie dieses Element des Farbigen im Grunde genommen ein flutend Lebendiges ist, in dem wir auch lebendig mit unserer Seele darinnen leben. Und hingewiesen habe ich darauf, daß eine Zeit kommen wird, in der man den lebendigen Zusammenhang der flutenden Farbenwelt mit dem, was sich äußerlich als gefärbte Wesen und Gegenstände zeigt, wiederum einsehen wird.
Dem Menschen ist das deshalb schwer, meine lieben Freunde, weil der Mensch aus dem Grunde, daß er während der Erdenevolution sein Ich auszubilden hat, aus diesem flutenden Farbenmeer gleichsam zu einer reinen Ich-Betrachtung heraufgestiegen ist. Mit dem Ich erhebt sich der Mensch aus dem flutenden Farbenmeer, die Tierwelt steht noch voll darinnen. Daß das eine oder andere Tier dieses oder jenes, grünes, braunes, rotes, schwarzes, weißes Gefieder oder Wollhaar hat, das hängt zusammen mit dem ganzen Verhältnis der Seele dieses Tieres zu dem flutenden Farbenmeer. So wie wir die äußeren Gegenstände mit unserem Ich betrachten, so betrachtet das Tier diese Gegenstände mit seinem Astralleib und es fließt in diesen Astralleib das ein, was an Kräften in den Gruppenseelen der Tiere vorhanden ist. Unsinn ist es, zu glauben, daß das Tier - auch die höheren Tiere - die Welt so sieht, wie der Mensch sie sieht. Aber völlig unverständlich ist in diesem Punkt das Richtige dem Gegenwartsmenschen, der glaubt, wenn er bei einem Pferde steht, daß das Pferd ihn genauso sieht, wie er das Pferd sieht. Was ist natürlicher für den Gegenwartsmenschen, als zu glauben, daß, weil das Pferd Augen hat, das Pferd ihn geradeso sieht, wie er das Pferd. Und doch ist dies eben ein völliger Unsinn. Denn geradesowenig, wie der Mensch ohne Hellsehen einen Engel sieht, würde das Pferd ohne Hellsehen einen Menschen sehen, denn der Mensch ist für das Pferd einfach nicht da als physisches Wesen, sondern nur als geistiges Wesen, und nur weil das Pferd mit einem gewissen Hellsehen begabt ist, nimmt das Pferd das über ihm stehende Menschenwesen wie etwas Engelhaftes wahr. Was das Pferd an dem Menschen sieht, ist etwas ganz anderes, als was wir an dem Pferde sehen. Wie wir Menschen herumwandeln, sind wir auch für die höheren Tiere recht gespenstige Wesen. Wenn einmal die Tiere reden könnten, nicht so, wie man jetzt die Tiere «sprechen» läßt, sondern in ihrer eigenen Sprache, dann würde man schon sehen, daß es dem Tier gar nicht einfällt, die Menschen als gleichartige Wesen zu betrachten, sondern als höherstehende, als gespensterartige Wesen. Und wenn wir die Menschen als aus Fleisch und Blut bestehend ansehen, so machen die Tiere es ganz gewiß nicht so. Wenn man das indessen ausspricht heute, so Klingt das für die Gehirne der Gegenwart selbstverständlich wie der reinste Unsinn. So weit ist die Gegenwart von der Wahrheit entfernt.
In das Tier flutet herein durch seinen eigentümlichen Zusammenhang zwischen Astralleib und Gruppenseele, die Empfänglichkeit für das lebendig Schöpferische der Farbe. Und geradeso, wie wir einen Gegenstand, der in uns Begierde erregt, anschauen und dann den Gegenstand ergreifen mit einer Bewegung der Hand, so ist es beim Tier in seinem Gesamtorganismus so, daß das unmittelbar Schöpferische in der Farbe einen Eindruck auf die Begierde macht, und das fließt wieder in die Federn oder Wolle hinein und das färbt das Tier. Ich habe es schon im vorigen Vortrag ausgesprochen, daß unsere Zeit nicht einmal einsehen kann, warum der Eisbär weiß ist. Aber die weiße Farbe ist das Ergebnis aus seiner Umgebung heraus, und daß der Eisbär sich «weißt», bedeutet bei ihm auf einer anderen Stufe ungefähr dasselbe gegenüber der Begierde, wie wenn der Mensch mit einer Bewegung die Hand ausstreckt und eine Rose pflückt. Das lebendige Produkt der Umgebung wirkt auf den Eisbären so, daß es in ihm Triebhaftes auslöst und er sich «durchweißt».
Für den Menschen ist eben dieses lebendige Weben und Wesen im Farbigen dadurch in die Untergründe gegangen, daß er sein Ich auszubilden begonnen hat. Niemals hätte der Mensch sein Ich ausbilden können, wenn er so lebendig in dem Farbenmeer drinnengeblieben wäre, daß er zum Beispiel über dem Eindruck einer gewissen Röte, sagen wir der Morgenröte, den Trieb entwickeln würde, diese Morgenröte produktiv-imaginativ einzuprägen gewissen Teilen seiner Haut. Solches war noch der Fall während der alten Mondenzeit. Da wirkte die Betrachtung von einem solchen Naturschauspiel wie Morgenröte noch so, daß sie das, was dazumal der Mensch war, beeindruckte und die Widerspiegelung des Eindrucks in die Eigenfärbung gleichsam zurückgeworfen wurde, die Wesenheit des damaligen Menschen durchdrang und sich dann nach außen wiederum an gewissen Stellen seines Leibes ausdrückte. Dieses Mitleben mit der Farbe, dieses lebendige Drinnenstehen mit dem Leibe in dem flutenden Farbenmeer, das mußte für den Menschen während seiner Erdenzeit verlorengehen, damit er in seinem Ich seine eigene Weltanschauung entwikkeln könne. Und der Mensch mußte in seiner Gestalt neutral werden gegenüber dem flutenden Farbenmeer. Die Hautfarbe des Menschen, so wie sie auftritt in den gemäßigten Zonen, ist im wesentlichen der Ausdruck des Ich, der Ausdruck der absoluten Neutralität gegenüber den äußeren flutenden Farbenwellen, sie ist eine Folge des Emporsteigens über das flutende Farbenmeer. Aber nehmen wir schon die primitivste Erkenntnis, die wir auf dem Boden der Geisteswissenschaft gewonnen haben, meine lieben Freunde, so werden wir uns erinnern, daß es des Menschen Aufgabe ist, den Weg wiederum zurückzufinden.
Physischer Leib, Ätherleib und Astralleib, sie haben sich ausgebildet während der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit, das Ich während der Erdenzeit. Der Mensch muß aber - wie dies in meiner «Theosophie» auseinandergesetzt ist - die Möglichkeit finden, den Astralleib wiederum zu vergeistigen, wiederum zu durchdringen mit dem, was das Ich sich erarbeitet. Und indem der Mensch den Astralleib vergeistigt und so den Weg zurückfindet, muß er wiederum finden das flutende Farbenwellen und Farbenwogen, aus dem er emporgestiegen ist zu der Höhe des Ich, so wie der Mensch, wenn er aus dem Meer emporsteigt, um sich herum dasjenige schaut, was draußen ist und nicht mehr das, was die Wellen unten selber besorgen.
Wir leben wirklich schon in einer Zeit, in der beginnen muß - wenn nicht das Mitleben des Menschen mit der Welt überhaupt absterben soll - dieses Untertauchen in die geistigen Fluten der Naturgewalten, das heißt der hinter der Natur liegenden Geistgewalten. Wir müssen wiederum die Möglichkeit gewinnen, nicht bloß die Farben anzuschauen und sie da oder dort als Äußeres aufzustreichen, sondern wir müssen die Möglichkeit gewinnen, mit der Farbe wirklich zu leben, die innere Lebekraft der Farbe mitzuerleben. Entdecken müssen wir die innere Lebekraft des Farbigen. Das können wir nicht, wenn wir bloß malerisch studieren, wie diese oder jene Farbe da oder dort spielt, indem wir die Farbe anglotzen, das können wir nur, wenn wir wiederum untertauchen mit der Seele in die Elementargewalten des Farbigen, in die Art, wie Rot, wie Blau zum Beispiel flutet, wenn uns das Farbenfluten unmittelbar lebendig wird. Wir können es nur, meine lieben Freunde, wenn wir in die Lage kommen, dasjenige, was in der Farbe ist, so zu beleben, daß wir nicht etwa Farbensymbolik treiben - das wäre natürlich der verkehrteste Weg -, sondern daß wir das, was schon in der Farbe ist, was in der Farbe drinnen ist - wie in dem Menschen, der lacht, die Kraft des Lachens drinnen ist -, wirklich entdecken. Das können wir aber nur - da das eben eingetreten ist, worauf aufmerksam gemacht worden ist, daß der Mensch mit seinem Ich gleichsam emporgestiegen ist auch aus der flutenden Farbenwelt, wenn wir den Weg zurücksuchen zur flutenden Farbenwelt. Wenn der Mensch heute nichts anderes erlebt, als, ich will sagen, hier rot [es wurde an die Tafel zu zeichnen begonnen], so wie man heute die Empfindung des Roten oftmals hat, und hier blau - die Farben sind schlecht, aber ich habe keine besseren -, wenn der Mensch das Rot und das Blau so erlebt, daß er einfach empfindet: hier die rote, hier die blaue Fläche, dann kann er niemals vorrücken zu dem lebendigen Miterleben mit dem eigentlichen Wesen des Farbigen. Noch weniger kann er es natürlich, wenn er das Sinnliche in verstandesmäßiger Weise umdeutete und hinter dem Rot diese, hinter dem Blau jene Symbole empfindet. Das würde noch weniger zum Erfassen des Farbenelementes führen. Dasjenige, worum es sich handelt, das ist, daß wir unsere ganze Seele hinzugeben verstehen demjenigen, was aus der Farbe zu uns spricht. Dann werden wir, indem wir dem Rot gegenübertreten, etwas empfinden wie ein Aggressives gegenüber uns selbst, etwas, was uns entgegengeht, etwas, was uns attackiert. Da kommt es heraus, was das Rot ist, da kommt es auf uns zu. Wenn alle Damen rot gekleidet wären und so herumgingen auf der Straße, so würde derjenige, der eine feine Empfindung für das Rot hat, ganz im Stillen glauben können, daß sie alle über ihn herfallen könnten, schon wegen ihrer Kleidung. Das Rot hat also etwas Aggressives, etwas uns Entgegenkommendes. Das Blau hat etwas, was von uns fortgeht, was uns verläßt, dem wir mit einer gewissen Wehmut, vielleicht mit Sehnsucht nachblicken.
Wie weit man in der Gegenwart schon entfernt ist von einem solch lebendigen Verständnis des Farbigen, das kann aus dem ersehen werden, worauf ich schon aufmerksam gemacht habe: Bei dem ausgezeichneten Künstler Hildebrand wird ausdrücklich hervorgehoben, daß man ja die Farbe eben an der Fläche habe, und daß man weiter nichts habe; daß da nichts wäre als eben die mit der Farbe überstrichene Fläche und daß das mit der Farbe etwas anderes wäre als mit einer Form, die uns zum Beispiel Distanzen wiedergibt. Die Farbe gibt uns aber mehr als Distanzen. Und daß das selbst ein Künstler wie Hildebrand nicht empfindet, das muß man als ein tiefes Symptom für die ganze Art der Farbenbetrachtung in unserer Gegenwart anschauen. Es ist unmöglich, in die lebendige Natur der Farbe sich einzuleben, wenn man nicht übergehen kann von der Ruhe unmittelbar zur Bewegung, wenn man nicht unmittelbar sich klar ist über das Gefühl: die rote Scheibe hier kommt auf dich zu, die blaue entfernt sich von dir; sie bewegen sich in entgegengesetzter Richtung. [Siehe die Farbtafel I]
Und man kommt immer weiter, wenn man sich vertieft in dieses Lebendige der Farbe. Man kommt dazu, einzusehen, daß, wenn wir der Farbe glauben und zum Beispiel zwei farbige Kugeln von dieser Art hätten, wir uns gar nicht mehr vorstellen könnten, daß diese zwei Kugeln ruhig stehenbleiben; das kann gar nicht vorgestellt werden. Es ist schon eine Ertötung des lebendigen Empfindens, wenn das vorgestellt wird, denn die lebendige Empfindung geht unmittelbar dazu über, daß sich die rote und die blaue Kugel umeinander drehen, die eine auf den Betrachter zu, die andere von dem Betrachter weg. Und dasjenige, was an einer Figur rot gemalt ist, im Gegensatz zu dem, was blau gemalt ist, das stellt sich so zu dem Blau, daß wirklich durch die Farbe selbst Leben und Bewegung in das Figurale kommt und aufgenommen, meine lieben Freunde, wird das Figurale in die lebendige Welt dadurch, daß es in Farben leuchtet.
Wenn Sie Formen vor sich haben, so ist die Form allerdings das Ruhende, die Form bleibt stehen, sie steht da. Aber in dem Moment, wo die Form Farbe hat, hebt sich durch die innere Bewegung der Farbe die Form aus der Ruhe heraus, und es geht der Wirbel der Welt, der Wirbel der Geistigkeit durch die Form hindurch. Färben Sie eine Form, so beleben Sie sie unmittelbar mit dem, was in der Welt Seele, Weltenseele ist, weil die Farbe nicht der Form allein gehört, weil die Farbe, die Sie der einzelnen Form erteilen, diese Form hineinstellt in den ganzen Zusammenhang ihrer Umgebung, ja, in den ganzen Zusammenhang der Welt. Man möchte sagen, man muß empfinden, wenn man eine Form färbt: Jetzt gehst du der Form entgegen so, daß du sie mit Seele begabst. - Seele hauchen Sie ein der toten Gestalt, wenn Sie sie mit Farben beleben.
Man braucht nur ein wenig näherzutreten diesem lebendigen inneren Weben der Farben, dann wird man empfinden, wie wenn man nicht gerade sich ihnen unmittelbar gegenüberstellte, sondern als wenn man etwas darüber- oder darunterstehe und wie selber wiederum die Farbe innerlich lebendig wird. Für den Abstraktling, für denjenigen, der die Farbe anglotzt und sie nicht lebendig durchlebt, kann sich eine rote Kugel um eine blaue herumbewegen, und er hat nicht das Bedürfnis, irgendwie die Bewegung zu ändern. Er mag ein großer Mathematikus, ein so großer Metaphysikus als möglich sein, aber mit der Farbe versteht er nicht zu leben, weil die Farbe wie ein Totes für ihn von einem Ort zum andern geht. Das tut sie nicht in Wirklichkeit, wenn man mit ihr lebt: Die Farbe strahlt, sie ändert sich in sich, und es wird unmittelbar eine Farbe, wie das Rot, wenn sie schreitet, sich bewegt, etwas vor sich hertreiben wie Orangeaura, wie Gelbaura, wie Grünaura. [Es wurde gezeichnet.] Und bewegt sich die andere, die blaue Farbe, so wird sie vor sich hertreiben anderes. - Es ist leider nicht möglich hier, weil ich die Farben nicht habe, in entsprechender Weise das wirklich vollständig genau zu zeichnen, genau zu machen. [Siehe die Farbtafel I]
So haben Sie hier eine Art von Farbenspiel. Sie haben dasjenige, was, man möchte sagen, wird, wenn man die Farben miterlebt: daß das Rot wie attackierend, daß das Blau wie weggehend ist, daß man das Rot empfindet wie etwas, vor dem man davonlaufen möchte, dem man ausweichen möchte, das Blau wie etwas, dem man mit Sehnsucht nachgeht. Und könnte man unmittelbar dasjenige, was ich hier in primitiver Form entworfen habe, empfinden an der Farbe, könnte man es miterleben mit der Farbe, daß Rot und Blau in der geschilderten Weise lebendig und beweglich wird, so würde man tatsächlich auch innerlich mit dem lebendig sich bewegenden Farbenflutigen mitgehen, man würde die wie im Wirbel übereinander sich lagernden Attacken und Sehnsuchten, das Fliehen und das hingebungsvolle Gebet, die hintereinander vorübergehen, gleichzeitig in seiner Seele nachempfinden.
Und würde man dies, in künstlerischer Weise selbstverständlich ausgeführt, zu einem Detail machen an einer Formgestalt, so würde man diese Formgestalt, die als Formgestalt ruhend ist, der Ruhe entreißen. In dem Augenblick, wo man zum Beispiel hier sich vorstellt, es wäre Formgestalt, und man würde das darauf malen, so würde man, während die Form ruhig vor einem steht, hier ein lebendiges Weben haben, das nicht bloß der Gestalt angehört, das aber den Kräften und dem webenden Wesen um die Gestalt herum mit angehört; das würde man haben. Man entreißt dadurch durch Seele - das Materielle der Gestalt seiner bloßen Ruhe, seiner bloßen Gestaltigkeit.
Es mußte einmal so etwas, möchte man sagen, von den schöpferischen Elementarmächten der Welt in diese Welt hineingemalt werden; denn all das, was der Mensch empfangen soll an Sehnsuchtsgewalten, ist etwas, was sich etwa in dem Blauen ausleben könnte. Das muß der Mensch auf der einen Seite so in seinem Haupte tragen, daß es gestaltend ist, und alles das, was in dieser roten Hälfte ausgedrückt ist, das muß der Mensch so haben, daß es aus seinem Organismus hinaufflutet bis zum Gehirn. Und diese zwei Strömungen sind tätig im menschlichen Gehirnbau. Äußerlich die Welt - das, nach dem der Mensch Sehnsucht hat, und das immer überflutet wird durch das, was aus dem eigenen Leibe aufwärtsflutet. Bei Tage ist es so, daß dasjenige, was hier in der blauen Hälfte ist, stärker flutet als dasjenige, was in der rot-gelben Hälfte ist. Bei Nacht ist es umgekehrt mit dem menschlichen physischen Organismus. Und ein getreues Abbild von diesem hier ist das, was wir gewöhnlich die zweiblättrige Lotosblume nennen, die tatsächlich ebensolche Beweglichkeit und ebensolche Farbigkeit zeigt für den Betrachter. Und niemand wird je das, was in der Gestaltenwelt als das Produktive lebt, als der obere Teil des menschlichen Hauptes, richtig durchschauen können, wenn er nicht imstande ist, dieses verborgene Farbenfluten, das beim Menschen eben «verborgenes» Farbenfluten ist, wiederum zu verfolgen.
Es muß, meine lieben Freunde, das Bestreben der Kunst werden, wieder in das elementare Leben unterzutauchen. Die Kunst hat lange genug die Natur angeschaut, studiert, lange genug versucht, allerlei Rätsel der Natur zu lösen und in den Kunstwerken dasjenige in einer anderen Form wiederzugeben, was durch das Eindringen in die Natur geschaut werden kann. Dasjenige aber, was in den Elementen lebt, das ist auch der heutigen Kunst noch ein Totes. Die Luft ist tot, das Wasser, das Licht, so wie sie heute gemalt werden, sind tot, die Form, so wie sie heute von der Skulptur geboten wird, ist tot. Eine neue Kunst wird aufgehen, wenn die Menschenseele lernen wird, sich in das Elementare, das lebendig ist, zu versenken und zu vertiefen. Man kann gegen das polemisieren, man kann meinen, daß man das nicht solle: da polemisiert aber nur die menschliche Trägheit dagegen. Denn entweder wird der Mensch sich mit seinem vollen Menschentum einleben in das Elementarische, die Elementargewalten, wird Geist und Seele des Äußeren aufnehmen und in der Kunst zum Ausdruck bringen, oder es wird die Kunst immer mehr und mehr zu der Eremitenarbeit der einzelnen Seele werden, wodurch ja recht Interessantes für die Psychologie dieser oder jener Seele zum Vorschein kommen kann, wodurch aber niemals das erreicht werden wird, was die Kunst einzig und allein erreichen kann. Man redet noch sehr, sehr von Zukunft, wenn man diese Dinge ausspricht, meine lieben Freunde, aber dieser Zukunft, ihr müssen wir gleichsam entgegensehen mit dem durch die Geisteswissenschaft befruchteten Auge, sonst sehen wir nur in das Tote, Absterbende der Menschheitszukunft hinein.
Deshalb muß ein innerer Zusammenhang gesucht werden zwischen alledem, was auf unserem Boden an Formen und Farben geschaffen wird, und demjenigen, was unsere Seele im allertiefsten Innern bewegt als unsere geistige Erkenntnis, als dasjenige, was für uns im Geiste lebt, so wie in Raffael die Madonnen lebten und er deshalb der Künstler der Madonnen werden konnte. Weil die Madonnen in ihm lebten, so in ihm lebten, wie sie lebten bei dem Gelehrten, bei dem Ackerbauer, bei dem Handwerker seiner Zeit, deshalb wurde er der wirkliche Künstler der Madonnen. Nur wenn es uns gelingt, lebendig in die Formen hineinzubringen, rein künstlerisch, ohne Symbolik, ohne Allegorie, dasjenige, was in unserer Weltanschauung lebt, nicht als abstrakte Gedanken, nicht als tote Erkenntnis, nicht als abstraktes Wissen, sondern als lebendige Substanz der Seele, dann ahnen wir etwas von dem, was mit dieser Kunstentwickelung, auf die eben hingedeutet worden ist, eigentlich gemeint ist.
Daher muß eine Einheit sein, wie sie etwa, man möchte sagen, durch ein besonderes Karma bei Goethe vorhanden war, zwischen dem, was äußerlich geschaffen wird und demjenigen, was die Seele in ihrem tiefsten Wesen durchdringt. Brücken müssen geschlagen werden zwischen dem, was für viele heute noch abstrakte Idee ist in dem Inhalt der Geisteswissenschaft, und demjenigen, was aus unserer Hand, aus unserem Meißel, aus unserem Pinsel herauskommt. An dem Schaffen dieser Brücken hindert heute eine vielfach äußerliche, eine abstrakte Kultur, die nicht lebendig werden läßt, was gedacht wird. Dann ist es begreiflich, daß der durchaus unbegründete Glaube auftaucht, daß geistige Erkenntnis das Künstlerische ertöten könnte. Sie hat es gewiß in vielem ertötet durch all das tote Allegorisieren und Symbolisieren, all das Nachfragen: Was bedeutet dieses, was bedeutet jenes? - Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, daß man nicht immer fragen soll: was bedeutet dieses, was bedeutet jenes - so wenig wie der Kehlkopf etwas «bedeutet», so wenig wir nach seiner »Bedeutung« zu fragen haben -, sondern so, wie man wissen muß, daß er das lebendige Organ ist für die menschliche Sprache, so müssen wir das, was in den Formen, was in den Farben lebt, als das lebendige Organ der geistigen Welt betrachten. Solange wir uns auf unserem Boden noch nicht gründlich abgewöhnt haben, nach Symbolen und Allegorien zu suchen und immer noch fragen, was bedeutet das und jenes, solange wir noch Mythen und Sagen allegorisch und symbolisch auslegen, statt den lebendigen Hauch des durch den ganzen Kosmos webenden Geistes zu verspüren und einzusehen, wie lebendig eindringt in die Gestalten der Mythen- und Märchenwelt das, was im Kosmos lebt, solange kommen wir nicht zur wahren geistigen Erkenntnis.
Aber ein Anfang muß gemacht werden! Er wird unvollkommen sein. Niemand soll glauben, daß wir den Anfang schon als das Vollkommene ansehen. Aber der Einwand, daß dasjenige, was mit unserem Bau gewollt wird, nichts zu tun habe mit dieser Geistesströmung, ist ebenso töricht wie manche andere Einwände, die die Gegenwart gegen unsere Geistesströmung macht. Was die Leute meinen behaupten zu können, das wissen wir schon selber. Daß all das Gefasel vom «höheren Ich», all die Gefühlsduselei, die von der «Vergöttlichung der Menschenseele» redet, daß all das selbstverständlich auch unter den gegenwärtigen äußeren Formen gefaselt werden kann, das, meine lieben Freunde, wissen wir schon auch. Und daß man auch, um Geisteswissenschaft in ihrem ideellen und begrifflichen Charakter zu treiben, überall sich befinden könne, das wissen wir selbstverständlich auch. Daß aber Geisteswissenschaft, lebendig in die Seelen ergossen, eine Umgebung fordert, die anders ist als diejenige, die von einer absterbenden Kultur geschaffen wird, das wissen wir darüber hinaus. Und jene Binsenwahrheit, daß man auch in anderen Zimmern als denjenigen, die mit unseren Formen lebendig sind, im ideellen Sinne Geisteswissenschaft treiben könne, das braucht uns wahrhaftig nicht von der äußeren Welt erst zugerufen zu werden.
Aber ernst, ernster und immer ernster, meine lieben Freunde, muß dasjenige werden, was als das Ideal unserer Geisteswissenschaft uns in die Seele sich ergießen muß. Und wir brauchen noch vieles, um diesen Ernst, diese Triebkraft, diese innere seelische Triebkraft voll und ganz in uns aufzunehmen. Leicht kann man über diese Geisteswissenschaft und ihr Ausleben in der äußeren Welt so sprechen, daß man dadurch nicht im geringsten das Wesen und den Nerv dieser Geisteswissenschaft trifft. Wenn man jetzt oftmals sieht, wie die stärksten Angriffe formiert werden gegen unsere geistige Strömung, wie sie gleichsam nur so auf uns niederhageln, dann hat man eine merkwürdige Empfindung. Man liest diese oder jene Angriffe und man muß sich sagen, wenn man bei gesunden Sinnen ist: Was wird denn da eigentlich geschildert? Allerlei Phantastereien werden geschildert, die nicht das geringste mit uns zu tun haben! Und die werden dann angegriffen. So wenig Sinn ist in der Welt dafür vorhanden, ein neues geistiges Element aufzunehmen, daß diese Welt eine nicht ähnliche, sondern ganz unähnliche Karikatur entwirft und dann von dieser unähnlichen Karikatur spricht und gegen sie zu Felde zieht. Es gibt sogar Menschen, die verlangen, man solle das Zeug widerlegen. Man kann sich dagegen wenden, aber man kann nicht widerlegen irgend etwas, was sich jemand ausdenkt und was gar keine Ähnlichkeit hat mit dem, was wirklich vorhanden ist. Aber welcher Sinn für Wahrheit und Wahrhaftigkeit solchen Dingen zugrunde liegt, darauf müssen wir wohl in unseren Seelen achten, meine lieben Freunde, denn dadurch können wir stark werden in demjenigen, was uns aus der Geisteswissenschaft ersprießen soll, was aus der Geisteswissenschaft, ich möchte sagen, sich verleiblichend, äußerlich im materiellen Dasein zutage treten soll. Daß die Welt nicht toleranter, nicht verständiger geworden ist, zeigt sich gerade in der Stellung, die die Welt heute gegenüber dieser Geisteswissenschaft einnimmt. Nicht verständiger, nicht toleranter ist die Welt geworden.
Vielleicht bei nichts mehr als bei dem Vertiefen in solche Probleme, wie das Farbenproblem ist, können wir sozusagen unser intimeres Zusammenschließen der Seele mit der Geisteswissenschaft feiern. Denn indem wir das Lebendige der Farbenfluten selbst miterleben, gelangen wir wirklich, man möchte sagen, aus unserer eigenen Gestalt heraus und erleben mit das kosmische Leben. Farbe ist Seele der Natur und des ganzen Kosmos, und wir nehmen Anteil an dieser Seele, indem wir das Farbige miterleben.
Solche Hindeutungen möchte ich heute gemacht haben, um das nächste Mal weiter noch in das Wesen der Farbenwelt und das Wesen der Malerei einzugehen.
Meine lieben Freunde, ich mußte gerade diese Betrachtungen etwas durchsetzen mit einigen Hinweisen auf die ja von allen Seiten jetzt so über uns hereinkommenden Angriffe, die von einer Welt kommen, die nun wirklich eigentlich im Grunde genommen nichts von dem verstehen kann, um was es sich in unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung handelt. Man möchte nur wünschen, meine lieben Freunde, daß diejenigen, die innerhalb unserer Bewegung stehen, gerade durch eine Vertiefung nach allen Seiten, in der Richtung unserer Geistesströmung die Möglichkeit finden, zurechtzukommen gegenüber einer Tatsache, die ja wirklich eigentlich symptomatisch ist in unserer Zeit: das Hereinbrechen von Unwahrhaftigkeit und Unwahrheit in der Auffassung desjenigen, was versucht, sich in die geistige Welt hineinzustellen. An uns wird es gewiß nicht liegen, unsere geistige Strömung wie etwas Eremitisches von der Welt abzuschließen; soviel die Welt davon haben will, wird sie haben können. Aber das, was sie wird nehmen müssen, wenn sie verstehen will unsere Richtung, das ist das Einheitliche in der ganzen Menschennatur, wodurch jede Einzelheit der menschlichen Leistung aus dieser ganzen Menschennatur hervorgeht.
Dasjenige, was ich gesagt habe, habe ich im Grunde genommen auch nicht als Angriff auf die Gegenwart gesagt, sondern ich habe es mit einer gewissen Wehmut gesagt, weil man sieht, daß, je weiter sich unser Wollen und unser Streben in unserer Strömung ausbreitet, um so böswilliger wirklich, vielleicht nicht bewußt, aber mehr oder weniger unbewußt böswillig - sich die Gegenkräfte erheben. Und noch nicht genugsam erfaßt und verbreitet ist ja auch in unseren Reihen die Art, wie man solche Dinge zu beurteilen hat, wie man doch auf den Standpunkt ernsthaftig sich zu stellen hat, daß etwas Neues, ein neuer Anfang mit unserer Bewegung zunächst wenigstens gemeint ist. Was über das «Meinen» hinausliegt, es wird gewiß kommen. Auch wir können mit unserem Bau doch nur etwas «meinem». Diejenigen, die mehr können werden als «meinem» in dieser Richtung, sie werden kommen, wenn auch vielleicht um die Zeit erst, von der Herman Grimm annimmt, daß man Goethe in vollem Sinne verstehen werde. Zum Verständnis eines solchen Satzes, wie dem von Herman Grimm, gehört eine gewisse Bescheidenheit, und die hat ja auch das Geistesleben der Gegenwart wenig. Geisteswissenschaft ist recht geeignet, uns diese Bescheidenheit, zugleich mit dem Ernst der Sache, in der Seele nahezubringen.
Einen betrübenden Eindruck macht dasjenige, was gerade jetzt von allen Seiten gegen unsere Geistesströmung auftritt, da die Welt anfängt, etwas davon zu sehen. Solange sie bloß geistig da war, konnte die Welt nichts sehen; jetzt, da sie etwas sehen kann, was sie nicht versteht, jetzt fängt sie an, ich möchte sagen, aus allen Löchern heraus ihre mißtönenden Klänge zu blasen. Und das wird immer stärker und stärker werden. Aber - machen wir uns das klar -, wenn wir auch allerdings zunächst mit Wehmut, mit einer gewissen Wehmut erfüllt werden, so wird uns doch die Kraft wachsen, einzutreten für das, was wir nicht bloß als Überzeugung, sondern als Leben aufnehmen, und auch dadurch wird Ätherisch-Lebendiges die Menschenseele durchdringen. Und was leben wird in der Menschenseele, wird noch mehr sein als theoretische Überzeugung, auf die die Gegenwartsmenschen heute noch so stolz sind. Derjenige, der solchen Ernst in seine Seele auf nimmt, der wird mit diesem Ernst auch die Zuversicht aufnehmen, daß die Wurzeln unserer Welt, daß die Wurzeln unseres Menschendaseins, wenn sie im Geistigen gesucht werden, uns tragen können. Und man braucht in der einen Zeit mehr, in der anderen weniger, meine lieben Freunde, eine solche Zuversicht. Und ist es Wehmut, von der gesprochen werden kann, wenn man von dem Verhältnis unserer Geistesströmung zu dem Echo, das sie in der Welt findet, spricht, ist das Wehmut, so muß aus der Stimmung dieser Wehmut die Stimmung der Kraft hervorgehen, von der Ihnen gesprochen worden ist, die aus der Erkenntnis stammt, daß des Menschen Lebensquellen im Geiste sind, und daß der Geist den Menschen herausführen wird aus all dem, worüber er, als über Disharmonie, nur Wehmut empfinden kann. Aus dieser Stimmung der Kraft wird man auch Stärke empfangen können.
Mußte man von geistigen Angelegenheiten vielleicht ja gerade heute, meine lieben Freunde, mit einer noch größeren Wehmut in der Brust sprechen, als die Wehmut ist, die eben jetzt wegen der Diskrepanz zwischen dem, was wir in unserer geistigen Bewegung wollen, und dem, was als Echo aus der Welt ihr entgegentönt, in uns fließt: es werden die Disharmonien der Welt in anderer Weise ablaufen, wenn die Menschheit einmal einsehen wird, was das geistige Licht vermag in den Menschenherzen anzuzünden, das wir mit unserer Geisteswissenschaft meinen. Und wenn wir auf das hinblicken, was einen heute mit Wehmut in den Geschicken Europas erfüllt, dann ist die Wehmut gegenüber unserer Bewegung nur eine kleine.
Wie von solcher Wehmut durchdrungen, im Grunde genommen wie von Wehmut durchbebt, habe ich diese Worte zu Ihnen gesprochen, aber zugleich durchdrungen von der lebendigen Überzeugung, daß, was auch in naher oder ferner Zeit an Schmerzlichem der europäischen Menschheit bevorstehen mag, in uns doch die Zuversicht leben kann, die hervorgeht aus der lebendigen Erkenntnis, daß der Geist den Menschen durch alle Wirmisse siegreich hindurchführen wird. Wahrhaftig, wir dürfen auch in Tagen der Wehmut, in Stunden, die ein so ernstes Gesicht uns zeigen wie diese, ja, wir dürfen nicht nur, wir müssen von den heiligen Angelegenheiten unserer Geisteswissenschaft sprechen. Denn den Glauben dürfen wir haben, daß, so klein sich die Sonne dieser Geisteswissenschaft heute noch zeigt, sie wachsen und immer mehr wachsen wird und immer leuchtender und leuchtender werden wird, eine Friedenssonne, eine Sonne der Liebe und Harmonie über die Menschen hin.
Das sind auch ernste Worte, meine lieben Freunde, aber solche, die uns berechtigen, an die engeren Angelegenheiten der Geisteswissenschaft gerade dann so recht seelenhaft, so recht herzhaft zu denken, wenn Stunden des Ernstes zu unseren Fenstern hineinschauen.