Der Wiederaufbau des Goetheanums
GA 286 — 25 October 1924
Sonntagsblatt der Basler Nachrichten vom 25./26. Oktober 1924
Da die Solothurner Regierung dem Modell-Entwurf des neuen Goetheanums im Prinzip ihre Genehmigung erteilt hat, so wird in der allernächsten Zeit mit dessen Wiederaufbau durch die Anthroposophische Gesellschaft begonnen werden. Um den Abänderungsvorschlägen der Gemeinde Dornach und denen der Regierung gerecht zu werden, bedarf es bis zum Baubeginn nur noch geringer zeichnerischer und rechnerischer Vorarbeiten.
Der neue Bau wird sich in seinen Formen allerdings stark von dem alten Goetheanum unterscheiden. Denn er wird ja nicht wie dieses aus Holz sein, sondern aus Beton. Dem hat sich das künstlerische Empfinden bei Ausgestaltung des Baugedankens zu fügen. Dass das Goetheanum nicht in einem beliebigen von außen bestimmten «Baustil» errichtet werden kann, ist klar. Denn es soll der Anthroposophie dienen; und diese will nicht einseitig eine theoretische Weltanschauung, sondern eine umfassende Gestaltung der menschlichen Lebensführung aus dem Geiste heraus sein. Wenn sie künstlerisch vor die Welt tritt, so kann sie das nur so tun, dass ihre Geistanschauung den Kunststil hervorbringt. Nicht in diesem eigenen Stil bauen, hieße das Wesen der Anthroposophie bei ihrem eigenen Haus verleugnen.
Man wird bei unbefangener künstlerischer Betrachtung finden, dass der Goetheanum-Stil nichts ablehnt, was an geschichtlichen Stilen heute noch Bedeutung hat; aber er geht nicht von dieser oder jener «Anregung» aus gegebenen Stilen aus, sondern es handelt sich bei ihm um ein Schaffen aus den Grundbedingungen alles Stilgefühles heraus. Aber die Formen, in denen man einen Stil schaffen kann, sind eben auch vom Material abhängig. Der alte Bau konnte in der Weichheit des Holzes aus dem Geiste anthroposophischer Anschauung dem Raums, in dem gearbeitet wurde, in allen Einzelheiten seine Gestaltung geben; beim Beton mussten Formen gesucht werden, in denen der Raum aus seiner Natur heraus die Bildungen entfaltet, die die anthroposophische Arbeit aufnehmen können. Man bekam im Wesentlichen gerade verlaufende Linien und ebene Flächen für Umfassungsmauern und Bedachung, die in ihren Winkelneigungen sich zur Gesamtheit des Baugedankens zusammenschließen. Nur gegen die Portale hin und in denselben werden Linien- und Flächenformen etwas kleiner und in ihrer Gliederung etwas mannigfaltiger. Der ganze Bau erhebt sich auf einer Rampe, die allseitig einen künstlerischen Abschluss haben wird, und die ein Umschreiten des Baues möglich machen wird. Bei diesem Umschreiten tritt das wunderbare Landschaftsbild der Umgebung vor das Auge des Besuchers.
Die Formen des Baues werden zu umschließen haben: ein unteres Geschoss, in dem Ateliers, Vortrags-, Übungsräume, Arbeitsstätten usw. sein werden; und ein oberes Geschoss, in dem der für neunhundert bis tausend Zuschauer oder Zuhörer berechnete Raum sich befindet. Nach hinten schließt sich an das untere Geschoss eine Versuchsbühne, an das obere die Bühne, auf der die öffentlichen Vorführungen stattfinden werden. Außen soll der Bau die künstlerisch wahr sich gebende Umhüllung dessen sein, was darinnen an geistigem Erleben sich entfaltet. Zu den Portalen werden stilvolle Treppen vom Erdboden zur Rampe hinaufführen. Der notwendigen inneren Raumgestaltung der beiden Geschosse werden die Außenformen zu folgen haben; das Dach - diesmal nicht in Kuppelform - wird in seinen Linien- und Flächenformen auf der einen Seite dem ansteigenden Zuschauerraum zu folgen haben; auf der anderen Seite wird es sich künstlerisch der Umhüllung der beiden Bühnen mit ihren Magazin-Räumen anzuschließen haben. Im Innern wird die Aufgabe zu lösen sein, die den Raum zugleich zum Vortragssaal wie auch zum Eurythmie- und MysterienAufführungsraum gestaltet. Man wird z.B. das Dehnen des Raumes nach oben in der Konfiguration von Säulen sehen. So wird wieder, wie beim alten Goetheanum, das, was Anthroposophie zu sagen hat, auch in den Bauformen und in dem ganzen Baugedanken empfunden werden können, in denen sie das Haus errichtet, in dem sie wirken soll.
Dass in dem Baugedanken etwas Monumentales sich herausgebildet hat, ist durch die Idee des Baues gekommen; was aber im Ganzen und in jeder Einzelheit angestrebt worden ist, das ist, in der Baugestaltung nicht unwahr zu sein, sondern in ihr ein künstlerisch völlig wahrheitsgetrenes Abbild von dem zu schaffen, was innerhalb aus Geist-Erkenntnis heraus erarbeitet wird. Bei dem Erbauer ist die Meinung vorhanden, dass damit etwas geschaffen wird, mit dem der allgemeine, unbefangene Geschmack, der nichts von Anthroposophie weiß oder wissen will, durchaus mitgehen kann.