The Dornach Building

GA 287 — 12 October 1914, Dornach

Fünfter Vortrag

Wie in unserem Bau dasjenige, was im Menschen lebt, zum Vorschein kommen, wie die Impulse des Wollens, des Fühlens, des Denkens in ihm ihren Ausdruck finden sollen, davon haben wir gestern gesprochen.

Nun geht Ihnen wohl aus verschiedenem hervor, das in den letzten Tagen hier besprochen worden ist, daß das Künstlerische in unserem Bau ein neues Element enthalten soll, daß es enthalten soll etwas, was in der künstlerischen Evolution der Menschheit bisher nicht vorhanden war, was aber notwendig ist für die weitere Evolution der Menschheit und daher von jetzt ab gewissermaßen eingefügt werden muß in diese Menschheitsevolution.

Allerdings, man wird sich in dasjenige, was eigentlich gewollt ist mit unserem Bau, schwer hineinfinden, wenn man sich gewissermaßen nur so von außen hineinfinden will. In dem Augenblicke, wo man sich von außen hineinfinden will, wird man vielleicht so vor diesem Bau stehen, daß man sich sagen wird: Ja, ich kann aus alledem eigentlich nichts Rechtes machen, kann mit alledem nichts Rechtes anfangen. - Und man wird von dem Standpunkte dessen, was man bisher gewohnt war als künstlerisch anzusehen, selbstverständlich seine Kritik an dem Bau üben. Nun man hat ja zu allen Zeiten der Menschheitsentwickelung von dem Standpunkte des Vergangenen aus seine Kritik entwickelt über das, was als neuer Impuls in die Menschheitsevolution eingezogen ist.

Nun wird es uns zum Verständnis desjenigen, worauf es für uns ankommt, ein wenig dienen können, wenn wir gewissermaßen die «Formel» suchen, die in einigen Worten die Gesichtspunkte bringt für die Erneuerung auch des künstlerischen Prinzips durch die wahrhaft anthroposophische Weltauffassung. Wir können ja, wenn wir das künstlerische Leben überblicken, unseren Blick darauf lenken, was an architektonischen Formen die Menschheit hervorgebracht hat, entweder original hervorgebracht hat in der ägyptischen, in der griechischen, in der gotischen Baukunst, oder wir können unseren Blick auf das lenken, was gewissermaßen die Erneuerung eines Früheren in einer späteren Zeit darstellt, wie die Renaissance. Wir können so die Plastik, die Malerei und so weiter ins Auge fassen.

Wenn wir alles das, was da von dem eigentlichen Charakter der Künste auf unsere Seele wirkt, in Vergleich bringen mit dem, was mit unserem Bau gewollt wird, so kann man sagen, alles was gewollt wird, ist gewissermaßen für uns so, als ob es wie ein Ruhendes zum Leben aufgerufen würde. Man möchte sagen: man sah die künstlerische Entwickelung der Menschheit vor sich und betrachtete sie bildlich wie einen Menschen, der in Ruhe dasteht in irgendeiner Geste. Und nun kommt jemand und spricht zu diesem Menschen etwas, und nun beginnt der Mensch zu gehen, sich zu bewegen. So könnte es sein mit der künstlerischen Entwickelung, die wir bis zu unserer Zeit verfolgen können. Wir können sie betrachten wie etwas, was in ruhiger Geste dasteht, und dem wir gern das Zauberwort zurufen möchten, durch das es zum Gehen, zum innerlichen Leben, zur Bewegung gebracht wird. Das möchten wir überhaupt mit unserer ganzen geisteswissenschaftlichen Entwickelung tun, weil dieses gefordert wird durch die Übergangsimpulse, die gerade in unserer Zeit leben und die uns geradezu auffordern, ein neues Element für die zukünftige Menschheitsevolution zu suchen.

Etwas anderes ist es mit dem anderen Pole des Malerischen, dem Koloristischen. Da muß man bedenken, daß das Koloristische ein Festhalten dessen ist, was im Grunde genommen in der Natur gar nicht da ist, oder wenigstens nur für den Augenblick festgehalten werden kann. Zum Koloristischen kann man eigentlich in Wahrheit dasjenige nicht rechnen, was «festgehalten» an einem Wesen ist und was man so malt; denn derjenige Maler, welcher den Hauptwert darauf legte, etwa die Farben der Bekleidung bei Menschen, die er malt, so recht nachzumalen, der wäre selbstverständlich ein schlechter Maler.

Aber im Grunde genommen wäre noch nicht einmal der ein guter Maler, der zum Beispiel im Kolorit des Gesichtes die inneren vitalen Verhältnisse des menschlichen Organismus besonders zum Ausdruck bringen wollte. Wer ein blasses Gesicht malt - ich will den extremen Fall setzen -, um mit diesem blassen Gesicht anzudeuten, daß der betreffende Mensch, der so gemalt ist, innerlich vielleicht krank ist, der würde im Grunde genommen doch nicht etwas eigentlich Künstlerisches damit entfalten; gar nicht zu reden davon, daß es wenig künstlerisch wäre, wenn jemand einem Weintrinker eine rote Nase malen wollte.

Wenn man dasjenige, was gleichsam stationär ist und an einem Wesen sich ausdrückt, koloristisch festhalten will, so steht man doch nicht in den eigentlich künstlerischen Impulsen darin. Wenn man aber, sagen wir, eine Wolke malt, und in der Wolke den ganzen Zauber der Natur zum Ausdruck bringt - etwa die Morgensonne und die Einwirkung des Morgens auf die Wolkennuancen -, da hält man etwas fest, was in der Natur vorübergeht und was nicht aus dem Innern des einzelnen Wesens, der einzelnen Wolke hervorgeht. Das, was man festhält, ist also etwas, was vorübergeht, was aber in den Verhältnissen der ganzen Umgebung, des Kosmos, soweit er in Betracht kommt, begründet ist. Wenn wir eine richtig beleuchtete Wolke zu einer bestimmten Tageszeit malen, malen wir im Grunde genommen die ganze Welt mit, die zu der Tageszeit da ist. Wenn wir einen Menschen malen und die ganze Konstitution seines Innern wiedergeben wollen, dann stehen wir, wie gesagt, nicht in dem eigentlich Künstlerischen darinnen. Wenn es uns aber gelingt, zum Ausdrucke zu bringen, was dieser Mensch erlebt hat, wenn wir zum Beispiele beim Malen eines Bildes zur Darstellung bringen können irgend etwas, das verursacht, daß ein Mensch eine bestimmte Röte im Gesicht hat, dann stehen wir schon mehr im Künstlerischen darinnen; und noch mehr, sobald wir aus dem Bilde selber ersehen können, was das Erlebnis ist, wenn uns das Rot der Wange erzählt, was der Mensch durchlebt haben muß. Also wieder etwas, was nicht in dem einzelnen Wesen ist, sondern in der ganzen Umgebung, im ganzen Kosmos.

Was ich hier sage, hängt in gewissem Sinne zusammen mit dem, was ich in den Vorträgen über «Okkultes Lesen und okkultes Hören» besprochen habe, wo ich gesagt habe, daß die Seele eigentlich auch beim Tagwachen immer außerhalb des Leibes ist, und der Leib nur ein Spiegel ist, aus dem heraus der Mensch sich dasjenige zum Bewußtsein bringt, was draußen im Kosmos lebt. Und nur der ist ein wahrer Künstler, der gewissermaßen draußen mit den Dingen im Kosmos lebt und für den das, was er darstellt, eigentlich nur die Veranlassung dazu ist, sein Leben mit dem Kosmos wiederzugeben.

Wenn wir, wie ich vorhin an dem Beispiele ausgeführt habe, eine Wolke malen, so sind wir eigentlich mit allem, was wir fühlen und vorstellen, außerhalb der Wolke, und die Wolke ist nur das, was Veranlassung gibt, hinzuprojizieren auf ein einzelnes Wesen das, was im ganzen Kosmos lebt. - Nun aber müssen wir, wenn wir so mit dem Kosmos leben wollen, insofern das Koloristische in Betracht kommt, gleichsam die Farbe zum Leben erwecken. Die Farben treten uns ja, ich möchte sagen, als Eigenschaften der Wesen in der äußeren Natur entgegen. Wir erkennen die Farben an den Gegenständen der Natur, insofern wir rein auf dem physischen Plane beobachten. Wir brauchen überall eine Unterlage, wenn wir Farben sehen wollen, mit Ausnahme der atmosphärischen Erscheinung eines Regenbogens. Deshalb ist nicht mit Unrecht die Erscheinung des Regenbogens als etwas angesehen worden, was den Himmel, das Geistige, mit der Erde verbindet, weil wir in dem Regenbogen nicht den Himmel farbig sehen, sondern wirklich das Farbige als solches sehen.

Ich habe schon früher in Vorträgen darauf hingewiesen, daß es eine Möglichkeit gibt, in dem Flutenden der Farbenwelt unterzutauchen und mit den Farben zu leben, gleichsam das Farbige loszulösen von dem Gegenständlichen und mit der Farbe zu leben. Wenn man dieses Farbige von dem Gegenständlichen loslöst und mit dem Farbigen lebt, dann wird dieses Farbige zugleich der Offenbarer tiefer Geheimnisse, und eine ganze Welt lebt in dem flutenden, wogenden Farbenmeere.

Dann entsteht aber das Bedürfnis, die Farbenwelt loszulösen von den Bedingungen, die ihr auferlegt sind auf dem physischen Plane, dann entsteht das Bedürfnis, das Schöpferische der Farben zu suchen.

Wenn nun in unserem Bau die Malerei sich organisch einfügen soll in das Ganze dieses Baues, dann muß dasjenige, was in diesem Bau malerisch zur Entfaltung kommt, aus diesem Impuls heraus leben, dann muß versucht werden, namentlich in dem koloristischen Elemente dasjenige zur Darstellung zu bringen, was nicht auf dem physischen Plane als Farbiges lebt, wo alles Farbige - mit Ausnahme des Regenbogens und ähnlichem - nur gegenständlich fixiert ist. Dann muß es möglich sein, zum Beispiel in dem Blau mit der ganzen Seele so zu leben, als ob die ganze übrige Welt nicht da wäre, als ob es nur Blau gäbe und die Seele sich ausfließend fühlte in dem die ganze Welt erfüllenden Blau.

Aber das, was da hervorgehen wird, wenn man sich richtig in die flutend-wogende Farbenwelt hineinlebt, wird nicht nur etwa bloß ein Hinstreichen von Farbtönen sein; denn man lebt sich ein in das Schöpferische des Farbigen, und wenn man sich in das Schöpferische des Farbigen einlebt, dann wird man finden, daß dieses Farbige sich in der Tat innerlich differenziert. Man wird finden, wenn man in dem Blau lebt und allmählich sich hineinfindet, daß das Blau etwas die Seele Anziehendes hat, in das unsere Seele sich wie verlieren möchte, zu ihm hin sich sehnend, immer weiter sich sehnen möchte. Dann wird man auch finden, daß daraus Gestalten entstehen, Gestalten, die die Geheimnisse des Weltalls zum Ausdruck bringen, die zum Ausdrucke bringen die Seele des Weltalls. Aus dem Schöpferischen der Farbe wird selber eine Welt entstehen, eine Welt, die sich konfiguriert, die sich innerlich differenziert, die sich wesenhaft auslebt. Die Form wird herausgeboren werden aus der Farbe. Man wird fühlen, daß man nicht nur in der Farbe lebt, sondern daß die Farbe aus sich die Form herausgebiert, daß also die Form das Werk der Farbe ist.

Auf diese Weise wird man auf dem Umwege durch die Farbe sich hineinleben in das Kreative, in das Schöpferische der Welt. Nur so kann es geschehen, daß gemalt wird in der Art, daß das Malerische nicht nur die Fläche bedeckt, sondern hinausweist in den ganzen Kosmos, mitlebt das Leben mit dem ganzen Kosmos. Auf diese Weise wird dasjenige innerlich erfaßt werden müssen, was gestern auseinandergesetzt worden ist als notwendiger Inhalt unserer Kuppelmalerei - die Impulse des lemurischen, des atlantischen und unseres nachatlantischen Lebens in der urindischen, urpersischen, ägyptisch-chaldäischen und griechisch-lateinischen Kultur -, so daß aus diesem innerlichen Farbenerfassen, das zugleich, indem es in das Werk übergeht, Formerfassung wird, ergriffen wird dasjenige, was in der Evolution der Menschheit lebt.

Wer den Blick darauf richtet, wie bis jetzt gemalt worden ist, wird sehen, daß die Malerei geradezu hintendiert hat, im Farbigen, im Koloristischen zu leben; so wie das Farbige an das Gegenständliche auf dem physischen Plane geheftet ist. Eine Befreiung, eine Emanzipierung des Koloristischen von dem Gegenständlichen wird es geben müssen, wenn geschaffen werden soll dasjenige, was mit unserer Kuppelmalerei geschaffen werden soll. Es wird sich also um eine wesentliche Verinnerlichung und das In-Bewegung-Bringen des malerischen Impulses handeln.

Es wird schwierig werden, das, was da gewollt wird, schon zum Verständnis unserer Zeitgenossen zu bringen. Darauf muß man schon noch verzichten. Denn solange noch immer das Urteil möglich ist, daß jemand ein Kunstwerk «richtig» oder «gut» oder was weiß ich wie findet, wenn es ihn an irgend etwas Wirkliches erinnert, solange wird man unsere Malereien nicht verstehen können. Solange man wird sagen können: ein Baum ist gut gemalt, wenn er möglichst natürlich ist, wenn man glaubt, man stehe vor so etwas wie einem wirklichen Baume, solange dies der Maßstab für die Beurteilung des Malerischen und des Künstlerischen überhaupt ist, solange wird man nichts verstehen können von dem, was bei uns gemalt werden soll. Man wird das, was bei uns gemalt werden soll, für Torheit halten müssen, wird nichts darin finden können. Denn wozu waren Kunstwerke immer da? Doch zum Anschauen! Und wer hätte jemals gedacht, daß Kunstwerke zu etwas anderem als zum Anschauen da sind? Das, was in unserem Bau geschaffen werden soll, wird nicht zum Anschauen da sein, ganz und gar nicht zum Anschauen! Wir können froh sein, wenn diejenigen Menschen, die nach all ihren Vorbedingungen und Vorstudien glauben, daß die Kunstwerke zum Anschauen da sind, unsere Kunstwerke so schlecht wie möglich finden. Denn das ist gewiß, daß das, was diese Menschen nicht haben wollen, gerade das ist, was wir haben wollen!

Man kann so im einzelnen manchmal ganz Charakteristisches erfahren. Einer unserer Freunde begegnete mir einmal auf dem Wege vom Glasatelier zu unserer Wohnung und erzählte, daß er einen alten Herrn gesprochen habe, der gesagt habe: Wenn derjenige, der die Idee zu diesen Kuppeln angegeben hat, jemals die Peterskirche in Rom gesehen hätte, so würde er diese Kuppeln anders gemacht haben. - Nun hat derjenige, welcher die Idee zu diesen Kuppeln gehabt hat, die Peterskirche nicht nur einmal, sondern öfter gesehen, konnte sich auch daran erfreuen und auch die ganze Größe der Peterskirche empfinden, und hat dennoch die Kuppeln so gemacht, wie sie jetzt sind.

Daß solche Urteile kommen werden, ist ganz natürlich, denn auch die Peterskirche ist zum Anschauen da. Aber dasjenige, was hier gemacht wird, ist nicht zum Anschauen allein da, sondern zum richtigen Erleben. Und was wäre die Antwort gewesen für jenen alten Herrn? Die richtige Antwort wäre die gewesen, daß man ihm gesagt hätte: Kennst du das Märchen von dem Königssohn ... (Lücke in der Nachschrift), der die Dinge immer nur von seinem Fenster aus angesehen hat? Und weißt du, was geschah, als er eines Tages «von der Schlange essen mußte»? - Dann fing er nämlich an zu verstehen, was die Spatzen auf den Dächern, was die Hühner im Hof miteinander verhandelten. - Der alte Herr hatte augenscheinlich nicht «von der Schlange gegessen». Was heißt das, «von der Schlange essen»? - Das heißt, nicht nur theoretisch in die Geisteswissenschaft hineingeguckt zu haben, sondern in der ganzen Seele, im innersten Herzen von derselben ergriffen zu sein, so daß man selber ein Abbild dieser Geisteswissenschaft in sich erfühlt. Wenn man das mit seinem ganzen Innern erfühlen kann, dann hat man «von der Schlange gegessen», und dann erlebt man dasjenige, was mit unserem Bau gewollt ist: man schaut ihn nicht bloß an, sondern man erlebt in ihm dasjenige, was mit ihm gewollt ist, erlebt gleichsam, wie dumpf und unbewußt der Mensch in seinem Wollen von Inkarnation zu Inkarnation geht, indem er in der einen Inkarnation in diesem, in der anderen Inkarnation in jenem Volke verkörpert ist.

Wie man erleben kann in unserem Bau die Willensimpulse des Menschen in dem Fortschreiten von Westen nach Osten in den fortschreitenden Säulen-, Kapitell- und Architravmotiven, so kann man das Gefühlselement des Menschen erleben in dem, was sich von unten nach oben entwickelt; aber man muß es erleben. Und das denkerische Element, da, wo das Denken nicht bloß abstraktes, kaltes, nüchternes Denken ist, sondern belebt wird von dem Herzen des Kosmos selber: das soll man erleben in dem Abschlusse durch die Kuppeln; aber so, daß man es wiederum in den Einzelheiten der Kuppel erlebt. Wenn zum Beispiel eine Farbe neben einer anderen ist, die niemals in der Natur neben ihr ist, wenn ein Wesen, das im Antlitz menschenähnliche Züge trägt, mit solchen Farben erscheint, mit denen es niemals in der Natur erscheinen könnte, so muß man erleben, wie das, was da zum Ausdruck kommt, das Innerliche lebendig bewegt zum Ausdruck bringt.

Wenn einigermaßen das gelingt, was gelingen soll, dann wird zum ersten Male erreicht sein - wenn auch nur in den ersten Anfängen -, daß nichts so sein wird, gerade im Malerischen nicht, wie es in der Natur ist, daß aber um so mehr alles so sein wird, wie es im Geistigen ist.

Und zweierlei, meine lieben Freunde, muß erreicht werden, zweierlei, wozu sich in der gegenwärtigen Menschheit nur erst sehr wenige bekennen. Es gereicht wahrhaftig nicht zum Heile der Menschheit, daß noch viele Menschen nichts, aber auch gar nichts wissen wollen von den großen Perspektiven, die in der Evolution der Menschheit liegen. Sehen Sie, wenn man dasjenige so zusammengedrängt empfinden möchte, wofür unser Bau das Wahrzeichen sein soll, dann muß man sich innerlich beleben, man muß die Seele durch allerlei Empfindungen lebendig machen. Man kann nicht in einer einfachen, leicht überschaubaren Empfindung alles das zum Ausdruck bringen, was da eigentlich gewollt wird; man muß versuchen, dasjenige, was die Seele eigentlich empfinden soll, zusammenzutragen aus den verschiedensten Empfindungselementen der Welt.

Gedenken wir einmal anderer Zeiten als die heutigen sind. Gedenken wir des griechischen Horizontes, um nicht weiter zurückzugehen, und fassen wir namentlich ins Auge, was für den Griechen alles noch nicht da war, was aber für den gegenwärtigen Menschen da ist. Was war für den Griechen noch nicht da? Nun, Amerika, Australien kannte der Grieche nicht, er wußte nichts von dem westlichen Teile der Erde. Er wußte auch von vielem nichts, was man jetzt von Europa, Asien, Afrika kennt. Sein Horizont war geographisch ein enger. Versuchen Sie einmal, was man empfinden kann, wenn man die Landkarte überschaut, die der Grieche überschauen konnte. Versuchen Sie das einmal, und versuchen Sie dann auch Ihre Empfindung hinzulenken auf die reiche Welt, in der der Grieche lebte, hinzulenken auf alles dasjenige, was in dem Griechen schöpferisch war. Versuchen Sie, die geographische Karte des Himmels, die der Grieche noch zu entwerfen wußte, zu vergleichen mit der heutigen Karte des Himmels. Die Landkarte der physischen Erdgestaltung war recht klein, die Himmelskarte dagegen wahrhaftig recht groß. Es war das im wesentlichen noch ein spirituelles Erleben des physischen Planes, das im Griechentum vorhanden war: geographisch - in engen Grenzen; geistig in Himmelsweiten hinausblickend.

Es war ja bei den Griechen nicht mehr so wie zum Beispiel in der ägyptisch-babylonisch-chaldäischen Zeit, wo man in den Kosmos hinausblickte und in den astrologischen Vorstellungen noch etwas von den wirklichen geistigen Wesenheiten erlebte, deren physischer Ausdruck die Gestirne sind. Aber ein Niederschlag von alledem war noch vorhanden im alten Griechentum. Wenn wir in der Ilias des Homer lesen, wie von der Thetis dem Achill Auskunft erteilt wird, daß Zeus jetzt nichts machen könnte, weil er in Äthiopien sei und erst in zwölf Tagen wieder in sein Haus zurückkehre, so hat das noch eine Beziehung zur Astrologie, aber so, daß der Leser nicht bemerkt, daß dieser Schilderung das Durchgehen durch den Tierkreis zugrunde lag. Wenn der Grieche sagte, «Zeus ist bei den Äthiopiern», so meinte er damit, daß er sich in einem bestimmten Tierkreiszeichen befindet. Auch die Zwölfzahl deutet das an. Es ist dies alles schon mit einem Anstrich desjenigen versehen, was es später geworden ist, aber andererseits ist es eben noch durchtränkt von dem, was der Mensch ursprünglich an Weite des geistigen Horizontes hatte.

Nun versuchen wir einmal die Blicke abzuwenden von diesem Griechentum und sie herüberzulenken in die neuere Zeit. Immer mehr und mehr rundet sich geographisch die Erdkugel und nur wenige Gebiete sind heute vorhanden, die sozusagen ganz leere Flecken auf dem Globus sind. Wir sehen die neuere Zeit heraufkommen. Amerika wird von den östlichen Völkern ihren geographischen Karten der Erde einverleibt, jenes Amerika, das für die Griechen noch gar nicht da war. Der geographische Horizont wird immer größer, aber der geistige Horizont, gleichsam die Landkarte des Himmels, schrumpft gänzlich zusammen. Was weiß der moderne Mensch von der Bevölkerung, die uns in der griechischen Mythologie entgegentritt? Nichts mehr weiß er davon! Der europäische Mensch lebt im Grunde genommen in seiner Seele aus dem geschichtlichen Werden des Griechentums heraus, denn was in der Geschichte weiter als das Griechentum zurückliegt, das bekommt für den Historiker, soviel es auch erforscht wird aus Dokumenten, doch nur ein gespenstiges Aussehen. Wenn der heutige Mensch die Elemente des Griechentums aufnimmt, die in den Schulen geboten werden, so nimmt er Geschichte auf, und so lebt unsere Seele in der Geschichte, die wir so äußerlich kennengelernt haben. Wir schleppen eigentlich recht viel Geschichte mit uns herum, recht viel Geschichte.

So ist es nicht bei dem asiatischen Menschen, und so ist es heute auch nicht bei dem amerikanischen Menschen. Wenn er auch seine Geschichte hat, so lebt seine Geschichte doch sozusagen nicht im Leben darinnen. Viel ungeschichtlicher lebt der amerikanische Mensch als der europäische Mensch.

Es wird wenig amerikanische Menschen geben, die großen Wert darauf legen werden, durch Jahrhunderte hindurch ihren Stammbaum zurückzuverfolgen. Wahrscheinlich sind es recht wenige. Aber in Europa gibt es deren gar nicht wenige. Das ist das Mitschleppen des geschichtlichen Elementes, von dem so viel abhängt in der ganzen Konfiguration des Lebens, auch des sozialen Lebens.

Eine Zeit ist denkbar, in einer fernen Zukunft - für den Okkultisten mehr als denkbar -, in welcher alles dasjenige, was wir seit dem Griechentum als Geschichte mit uns herumtragen, ruht; wir wollen nicht davon sprechen, wo es ruht; eine Zeit ist denkbar, wo sich die Völkerwelle durch Asien nach Europa, nach Amerika hinübergewälzt haben wird, und wo die Menschen von alle dem, was wir jetzt als europäische Geschichte erzählen und erleben, so wenig wissen werden hier auf dem physischen Plane, wie wir heute wissen von dem, was sich vor vier- bis sechstausend Jahren in Europa zugetragen hat. Auf eine Zeit können wir blicken, wo sich diese Völkerwelle durch Asien herübergewälzt haben wird, in welcher ein ganz anderes Leben als heute sich entwickeln wird, und wo gleichsam in historisch-geologischen Schichten alles dasjenige liegen wird, was uns heute bis in die innersten Fibern des Herzens hinein bewegt. So vergangen wird es dann sein, wie heute für uns dasjenige vergangen ist, was vor drei, vier, fünf Jahrtausenden auf europäischem Boden geschehen ist.

Die Zeit wird kommen, wo man, sagen wir, Goethe so entdecken wird, wie der heutige Mensch die alte Welt in den ersten ägyptischen Hieroglyphen entdeckt hat, wie er dasjenige entdeckte, was sich damals abgespielt hat. Denn äußerlich physisch werden Menschen da sein, die nötig haben werden, Goethe so zu entdecken.

Da blicken wir in der Menschheitsevolution auf große, auf merkwürdige Perspektiven. So wie die alten Griechen nichts gewußt hatten von Amerika, so werden die Nachkommen der heutigen Amerikaner von den Griechen als von etwas längst Vergangenem wissen, oder auch nichts wissen in gewisser Beziehung, so wie ich es jetzt dargestellt habe.

Der Prozeß, von dem ich eben als von einem mehr physischen Prozeß gesprochen habe, spielt sich gewissermaßen auch im Geistigen ab. Er spielt sich im Geistigen so ab, daß der Mensch für die Zukunft im Laufe der Menschheitsevolution heranwachsen muß zu den Fähigkeiten, das Geistige wieder zu entdecken, in der Zukunft eine geistige Welt zu wissen, die heute für die meisten Menschen so unbekannt ist, wie das heutige Amerika für die Griechen unbekannt war. Wir sind im Anfange dieser Entdeckungsreise nach dem geistigen Amerika. Wir stehen geistig auch in dieser Beziehung da, wo man physisch gestanden hat, als von der alten Welt das erste Schiff nach Amerika ging. So sind wir geistig auf der Entdeckungsreise nach der anderen, der geistigen Hälfte unseres Menschheitsdaseins.

Ich wollte damit nur eine Ahnung von der Bedeutung, von der Wichtigkeit dessen hervorheben, was Geisteswissenschaft in der Menschheitsevolution sein soll. Denn nun kann sich ja jeder dasjenige selbst ergänzen, was noch ergänzt werden muß. Man nehme einmal an, Amerika wäre nicht entdeckt worden, der europäische Mensch lebte jetzt noch immer ohne Kenntnis von Amerika. Ist das denkbar? Es ist eigentlich gar nicht denkbar! So wird eine Zeit kommen, wo es undenkbar sein wird, daß jemals die Menschen nicht hatten zur Entdeckung der spirituellen Welt im Sinne der Geisteswissenschaft kommen können. Ganz undenkbar wird das sein.

Der Vergleich kann aber noch etwas weiter ausgesponnen werden. Was ist denn heraufgezogen in die Menschheit dadurch, daß der geographische Horizont sich ausgedehnt hat? Wenn wir die idealste spirituelle Kultur in ihrer Konkretheit aufsuchen, wie sie sich bisher auf der Erde entwickelt hat, so müssen wir sie vor der Entdeckung Amerikas suchen. Denn mit der Entdeckung Amerikas beginnt auch der Materialismus. Mit jeder geographischen Ausbreitung ist auch in geheimnisvoller Weise die Ausbreitung des Materialismus verbunden. Zurück wiederum muß die Menschheit zu einer ideell-spirituellen Erkenntnis der Welt. Das wird sie erreichen durch die Entdeckung des geistigen Amerika, und das wird sie entdecken, wenn der Weg gefunden wird draußen in der Welt, den wir schon symbolisiert haben in unserem Bau.

Wir haben ja hinweisen müssen auf die fortschreitende Richtung unseres Baues, indem wir von Säule zu Säule, von Architravmotiv zu Architravmotiv gingen. Dies war das Fortschreiten auf dem physischen Plan. Aber wir haben hinzuzufügen, daß es ein Hinaufblicken gibt, daß wir die Motive auch von unten nach oben verfolgen können, daß wir hinaufschauen können.

287-15
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Dasjenige, was im geschichtlichen Werden - insofern wir das geschichtliche Werden äußerlich betrachten können - auf dem physischen Plan zutage tritt, das stellt uns gleichsam das Fortschreiten dar. Aber eine Vertiefung der Menschen wird immer mehr und mehr nötig sein, eine Vertiefung in der Seele, die zugleich - wie beim Goetheschen Faust, der zu den Müttern hinabsteigt - ein wirkliches Erheben in die geistige Welt ist. Dieses Sich-Vertiefen der Seele ist selbstverständlich zugleich das Erheben in die geistigen Welten, das von den guten Geistern zustandegebracht wird.

Dann aber, wenn sich der Mensch in die geistigen Welten erhebt, wird eine Ari von Abschluß kommen. Abschluß, sage ich. Fassen wir das Wort wirklich so auf, wie ich es gesagt habe. Denn wenn man heute von Entwickelung redet, hat man eigentlich einen Gedanken, der einem vorkommt wie ein Faß, das man zu rollen anfängt, und das immer rollt und rollt und rollt, wobei man sich auch vorstellt, daß es eigentlich gar nie angefangen hat zu rollen, sondern daß es immer gerollt ist. Wer heute von Entwickelung redet, der denkt sich diese fast immer so, als ob immer Entwickelung wäre, als ob sich alles immer weiter, weiter, weiter, entwickele, und als ob das immer so und so und so gewesen wäre. Aber so ist es nicht in Wirklichkeit. Es ist nur eine schlechte Angewohnbeit, eine Ungezogenheit unseres Denkens, wenn wir uns die Entwickelung in Vergangenheit und Zukunft unbegrenzt denken. Die Erde ist in Entwickelung, geographisch, physisch, und auch jedes Volk. Das hat aber einmal ein Ende, einen Abschluß. Wenn alles entdeckt ist, hat es einen Abschluß. Man kann dann nicht sagen: Nun werden wir weiter unsere Schiffe ausrüsten und weiteres entdecken. Das geht nicht. Es ist nicht wahr, daß die Evolution ins Unendliche verlaufen kann, die Evolution hat einen Abschluß. Und so wie die physische Evolution einen Abschluß haben muß, so wird auch die geistige Evolution einen Abschluß haben müssen. Es wird sich einmal wirklich eine Kuppel erheben über dem, was die Menschheit historisch erlebte. Und so wahr es ist, daß man keine weiteren Schiffe mehr wird ausrüsten können, um damit noch fernere Länder der Erde zu entdecken, wenn der ganze Globus einmal entdeckt ist, so wahr ist es auch, daß das, was von den Menschen geistig entdeckt werden kann, auch wirklich einmal entdeckt werden wird. Das wäre eine ganz falsche Vorstellung von der Evolution, sich zu sagen: die Menschen haben ja schon so vieles entdeckt, so vieles erforscht, sie werden immer weiter und weiter forschen, endlos, und immer Neues entdecken. Das wäre die schlechteste Vorstellung, der man sich hingeben kann. Allerdings muß man real denken, wenn man zu guten Vorstellungen kommen will. Aber nur die wenigsten Menschen denken in unserer Gegenwart real: sie glauben real zu denken, aber sie denken nicht real. Man kann zum Beispiel heute Menschen begegnen, die sagen: Ja, wenn es gar nichts mehr zu erforschen gibt, dann wird ja die Welt recht langweilig sein, denn das ist es doch, was die Welt erst interessant macht, daß man sich nicht vorstellen kann, daß das Forschen ein Ende nehmen wird. - Es wird aber einmal ein Ende haben, geradeso wie das geographische Erforschen der Erde ein Ende nehmen wird. Für diejenigen Menschen, die etwa dadurch Qualen erleiden, daß ihnen der Gedanke auftaucht, der Mensch würde einmal nichts mehr zu erforschen haben, und die deshalb fragen: Was wird der Mensch denn dann tun? - für diese Menschen muß gesagt werden: Er wird eben etwas anderes tun, als forschen, das wird sich schon finden.

Nun habe ich Ihnen eine Reihe von Vorstellungen erweckt, nach deren Zweck und Ziel Sie fragen können. Sie werden aber auch, wenn Sie die Vorstellungen zusammenhalten, dieses Ziel selber erkennen können. Wir sehen gewissermaßen, wie das ganze geschichtliche Leben der Menschen sich so abspielt, wie unser Bau sich erhebt und wölbt: Die Menschen gehen durch der Zeiten Wende, wie man von Säule zu Säule geht; sie erheben sich, wie man den Blick hinaufrichtet zu den Säulenkapitellen und Architraven, und sie hoffen auf einen Abschluß, so wie man den Abschluß findet, wenn man zum Inneren der Kuppel aufsehen wird.

Aber ein Abschluß soll da sein; so wie in der Geschichte ein solcher Abschluß da sein wird, so soll auch ein Abschluß da sein in der Malerei unserer Kuppel. Diese Malerei soll ja nicht so sein, daß sie nur die Fläche bedeckt, sondern sie soll so sein, daß sie die Vorstellung hervorruft: Wenn du den Blick zur Höhe erhebst zu der Malerei der Kuppelflächen, so wirst du dort nichts [Physisches] finden. Vergessen soll man das Physische des Gemalten, das dort ist. Das Gemalte soll durchsichtig sein; man muß durch das, was [auf den Flächen] gemalt ist, hindurchsehen hinaus in die Weiten des Geistigen.

Vielleicht wird man das bei unserem Bau noch nicht können, aber in der Fortentwickelung des Prinzips unseres Baues wird es von der Menschheit einmal erreicht werden. Die Menschheit der Zukunft wird einmal dasjenige, was sie aus der Geisteswissenschaft hat, wie eine mächtige Kuppel erblicken, aber wie eine solche Kuppel, deren Konfiguration sie hinausweist in die Unendlichkeit des geistigen Lebens.

Ja, meine lieben Freunde, wenn wir auf der Erde an einem Orte leben und zu einem anderen Orte hingehen wollen und dies zu gewissen Zeiten nicht können, dann erleben wir, daß da eben die Menschen sich feindlich gegenüberstehen, daß sie über die Dinge der Erde sich streiten und noch mehr tun als streiten. Über die Sonne und die Sterne kann man sich nicht streiten. Wenn auch die Chinesen ihren Herrscher den «Sohn der Sonne», den «Sohn des Himmels» genannt haben, und wenn sie auch mit den Menschen auf der Erde wegen mancherlei Kriege begonnen haben - um den Besitz der Sonne haben sie niemals einen Krieg begonnen; es ist ihnen niemals eingefallen, den Besitz der Sonne den anderen Völkern streitig machen zu wollen. Alles mögliche kann den menschlichen Seelen der auf der Erde verbreiteten Völker Veranlassung zu Streit und Kampf geben. Nicht kann zu Streit und Kampf dasjenige Veranlassung geben, was den Blick der Menschen in die geistigen Welten hinauflenkt. Das kann niemals zu Streit und Kampf führen.

Nur müssen wir uns klar sein, daß noch manches im Verlaufe der Erdenentwickelung geschehen muß, bis die Menschheit so weit sein wird, daß sie durch die Geisteswissenschaft so in die geistige Welt hineinschauen kann. Was die Geisteswissenschaft gibt, soll so sein wie im physischen Leben Sonne und Sterne. Dazu wird aber noch mancherlei notwendig sein. Vor allen Dingen wird notwendig sein, daß durch die Geisteswissenschaft die Menschen beginnen, nicht nur mit demjenigen Instrumente zu denken, mit dem heute zumeist gedacht wird, also nicht nur mit dem Kopfe zu denken. Man kann in gewisser Beziehung sagen: nichts ist uns fremder als unser Kopf. Wirklich, nichts ist uns fremder als unser Kopf! Denn dieser Kopf, er ist im wesentlichen, in bezug auf seine Hauptanlage, für den Menschen schon abgeschlossen gewesen zur Zeit der alten Sonnenentwickelung. Das andere ist Erbschaft - zum Teil von der Saturnentwickelung - und hat sich dann weiter entwickelt, hat dann noch einen wichtigen Einschlag während der Mondentwickelung erlangt. Aber was im Kopfe gedacht wird, ist dem Menschen im Grunde genommen so fremd, wie seiner Erkenntnis heute noch die Saturn-, Sonnen- und Mondentwickelung fremd sind.

Und wenn auch viele Aussprüche, die so im gewöhnlichen Leben existieren, oftmals tiefe Wahrheiten enthalten, eines müssen Sie niemals glauben, was auch als ein solcher Ausspruch existiert: Oft wird nämlich behauptet, jeder Mensch habe seinen eigenen Kopf. Das ist falsch. Kein Mensch hat seinen eigenen Kopf, jeder hat den Kopf des Kosmos! Würde jemand sagen, er habe sein eigenes Herz, so würde er etwas Sinnvolles sagen. Etwas Unsinniges aber sagt man, wenn man behauptet: ich habe meinen eigenen Kopf.

Die Menschen werden anfangen müssen, solche Gedanken zu entwickeln, die Erlebnisse sind, so wie ich das gestern mit dem innerlichen Erleben des Aufstehens geschildert habe. Wir erleben ja das Aufstehen eigentlich auch nur mit dem Kopfe. Wir erleben es wirklich recht abstrakt, jenes Kolossale, das mit uns vorgeht, wenn wir uns aus der liegenden Haltung, in der wir gewissermaßen mit der Oberfläche der Erde parallel sind, in die Richtung des Radius der Erde bringen. Diese Veränderung, dieses Annehmen der Richtung gleichsam von dem Querbalken des Kreuzes zu dem vertikalen Balken, wenn wir dies wirklich erleben, so erleben wir etwas ganz Kolossales, so erleben wir etwas Kosmisches: das kosmische Kreuz.

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Alle Tage erleben wir es; aber nicht alle Tage denken wir daran, daß in das Menschenleben, sobald es in Bewegung kommt, dieses Kreuz eingezeichnet ist dadurch, daß der Mensch aufsteht und sich niederlegt.

Aber weit, weit hat es der Mensch von diesem abstrakten Aufstehen und Niederlegen, von diesem Einnehmen der Kreuzesform, bis zu der Vorstellung, die man in die Worte fassen kann: Wenn der Mensch nicht so eingerichtet wäre auf der Erde, daß er sich niederlegt und wieder aufsteht, dann wäre das Mysterium von Golgatha in der Erdenentwickelung nicht notwendig gewesen.

Wenn jemand den Laut «B» ausspricht oder das Zeichen für «B» macht, so bedeutet das eben den Laut «B». Wenn jemand ein Schriftzeichen der Erde verlangt, welches ihm als Schriftzeichen ausdrücken soll die Tatsache, daß das Mysterium von Golgatha für die Erdenentwickelung notwendig war, so ist es das Kreuzeszeichen, welches zusammenfaßt das Liegen und Stehen des Menschen. Weil auf der Erde der Mensch liegt und steht, so ist er als ganzes Wesen so, daß das Mysterium von Golgatha hat stattfinden müssen.

Wenn man anfangen wird, mit dem zweiten Gehirn zu denken - nicht mit dem Kopfgehirn, sondern mit dem zweiten Gehirn, das ich in den Vorträgen über «Okkultes Lesen und okkultes Hören» so charakterisiert habe, daß ich sagte: Wir müssen die Lappen unseres Gehirnes wie festgehaltene Arme betrachten, so wie wenn uns die Arme und Hände angewachsen wären und so weiter -, dann werden Sie so denken, daß es gar keinen Zweifel wird geben können, daß dieses Kreuzeszeichen der Ausdruck für das Mysterium von Golgatha ist. Nur für das Kopfgehirn ist solch ein Denken heute nicht gut möglich. Das Kopfgehirn ist es aber auch, welches die Grundlagen für die vielen Mißverständnisse in der Welt hervorruft. Es entstehen deshalb so viele Mißverständnisse, weil heute einzig und allein das Kopfgehirn erst schöpferisch ist. Das zweite Gehirn muß aber auch noch schöpferisch werden, schöpferisch werden bis zu dem Grade, daß sich etwas erfüllt in der Welt, was in gewissem Sinne mit unserem vorhin erwähnten Bilde getroffen werden kann. Ich sagte, die Griechen kannten nicht Amerika. Aber wenn wir auf andere Urkunden zurückgehen, so finden wir, daß es doch Zeiten gegeben hat, in denen man Amerika gekannt hat. Es ist eben die Kenntnis von Amerika nur wieder verlorengegangen. Ebenso hat es auch Zeiten gegeben, wo dasjenige bekannt war, was die Geisteswissenschaft nun wieder herunterholen will. Wir wissen auch aus der Geisteswissenschaft, daß vieles in bewußter Weise wiederkommen muß, was früher die Menschen aus unterbewußtem Erleben traumhaft schon gehabt haben. Wirklich haben die Menschen etwas gehabt wie eine gemeinsame Sprache, die sich später erst differenziert hat. Die in der Bibel enthaltene Legende vom Turmbau zu Babel hat etwas tief Begründetes. So lange aber die Menschen nur mit den Köpfen denken, werden sie nicht schöpferisch denken können, sie werden nicht schöpferisch sein können wie in alten Zeiten zum Beispiel in bezug auf die Sprache. Aber die Geisteswissenschaft hat in sich die Anlage, die sprachlichen Elemente schöpferisch in Bewegung zu bringen. Und wenn ich in bezug auf den Bau gesagt habe, daß im Bau das Künstlerische in Bewegung gebracht worden ist, so muß auch noch gesagt werden, daß das Leben selber in die Bewegung zu bringen ist.

Und eine Zeit kann uns perspektivisch vor Augen treten, wo die Geisteswissenschaft schöpferisch sein wird, wo durch das, was wir in der Geisteswissenschaft denken und vorstellen, die Sprache schöpferisch werden wird. So wahr es ist, daß die Geisteswissenschaft einst über die ganze Erde verbreitet sein wird, so wahr ist es, daß sie eine gemeinschaftliche Sprache hervorbringen wird, die keiner der gegenwärtigen Sprachen entspricht. Auch nicht dem Volapük oder Esperanto, denn diese Sprachen sind äußerlich, unorganisch entstanden. Die Sprache der Zukunft aber wird dadurch entstehen, daß der Mensch leben lernen wird im Laute, wie er leben lernen kann in der Farbe.

Wenn er leben lernt im Laute, dann gebiert der Laut die Konfiguration, so daß der Mensch die Möglichkeit zurückgewinnt, aus dem geistigen Erleben heraus wieder eine Sprache zu schaffen. Wenn wir in bezug auf manches in der Geisteswissenschaft noch im Anfange stehen, in bezug auf das zuletzt Charakterisierte sind wir noch nicht einmal am Anfang. Aber wir müssen daran denken, um die ganze Wichtigkeit und das Wesentliche der Geisteswissenschaft in der Seele zu empfinden, um zu empfinden, daß die Geisteswissenschaft in ihrem Schoße trägt ein neues Wissen, eine neue Kunst und sogar eine neue Sprache, eine Sprache, die nicht gemacht werden wird, sondern die geboren werden wird.

Wie sich die Menschen niemals um die Sonne und um die Sterne streiten werden, so werden sie sich auch nicht um jene Sprache streiten, neben der ja die anderen Sprachen ganz gut fortbestehen können, die es dann auch noch geben wird, wenn diese neue Sprache entstanden sein wird.

Da haben wir, wie Sie wohl fühlen werden, ein weites Ideal vor unsere Seele hingestellt, ein recht weites Ideal. Und die meisten materialistischen Denker der Gegenwart würden ganz gewiß von dem, was jetzt ausgesprochen worden ist, sagen: Das ist ein rechtes Schweben im Wolkenkuckucksheim, denn der Narr, der das hat aussprechen können von dem Schöpferischen in bezug auf die Sprache und dem, was gesagt worden ist in bezug auf die Geisteswissenschaft, muß schon allen festen Boden unter den Füßen verloren haben.

Man könnte sich sehr wohl denken, daß wenn von irgendeiner Ecke aus jemand zugehört hätte, der so ganz auf der Höhe unserer Zeit steht, er ein Hohngelächter angestimmt haben würde über das Sich-Verlieren in den Wolken und das Verlieren des Erdbodens unter den Füßen. Wir aber könnten verständnisvoll diesen Menschen anblicken, denn indem wir so hohe Ideale heute hingestellt haben, haben wir wirklich den Erdboden unter den Füßen verloren. Solange die Erde als physischer Weltkörper ihre Evolution haben wird, wird dieses Ideal nämlich nicht eintreten. Die Erde wird früher zugrunde gehen, als die Realisation dieses Ideals stattfindet. Aber die Menschenseelen werden zu anderen planetarischen Verkörperungen hinüberleben, und werden die Verwirklichung des Ideals erleben, wenn sie sich dieses Ideals gerade in unserer Zeit bewußt werden.

Ja, Ahriman könnte da stehen und den Schiedsrichter bilden zwischen uns und dem, der in der Ecke zuhört und lacht, weil er meint, wir hätten den Boden unter den Füßen verloren. Da könnte sich Ahriman so recht die Hände reiben und könnte sagen: Zukunftsideale nennen sie das; sie haben den Boden unter den Füßen verloren, der Mann da drüben sagt es; er spottet seiner selbst und weiß nicht wie; er sagt die Wahrheit und weiß es nicht.

Wir aber wissen: Wenn wir auch nicht auf dem festen Boden der Erde stehen, so stehen wir doch in der Wirklichkeit mit dem, was wir zum lebendigsten Worte unserer Seele machen. Und warum? Weil wir im Ernste und nicht mit jener Leichtfertigkeit, mit der das heute vielfach der Fall ist, zum Mysterium von Golgatha uns bekennen. Wir wissen, daß der Christus lebt und daß wir das Richtige wissen können, wenn wir ihn sein lassen den großen Lehrer und Führer in bezug auf unsere spirituelle Weisheit.

Er aber hat ein Wort gesprochen, das da besagt: Ihr könnt euch im Innersten nur zu mir bekennen, wenn ihr nicht nur im äußeren Sinne zu denjenigen Worten und zu denjenigen Idealen euch bekennt, die zugrundegehen mit der Erde - zugrunde wird gehen die ganze äußere Konfiguration der Erde, die aber nicht mehr so sein wird, wie sie jetzt ist -, sondern wenn ihr auf meine Worte hört. Von diesen Worten hat er aber selber gesagt: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.» Daher können wir fest werden in der Seele, meine lieben Freunde, auch wenn wir uns zu Idealen bekennen, gegenüber denen unsere Gegner sagen, wir stehen nicht mehr auf dem festen Boden der Erde. Wollen wir uns zu dem Mysterium von Golgatha bekennen, dann müssen wir uns zu jenen Idealen bekennen, die dauernder sind als die Erde und die ganze Konfiguration der Gestirne, die um die Erde herum im Kosmos kreisen, dann müssen wir hinhören auf die Offenbarungen des Mysteriums von Golgatha, die bestehen werden selbst dann, wenn die Erde nicht mehr bestehen wird, und auch der Himmel nicht, der auf die Erde jetzt herabsieht.

Tief, tief ist der Sinn der Worte, die vom Mysterium von Golgatha ausgehen. Und derjenige lebt nicht in der Wirklichkeit, der sich nicht erheben will vom Erdenboden in die Kuppel hinein, die durchlässig sein soll, um in die geistige Welt zu sehen. Denn soll diese Kuppel der Ausdruck für das Mysterium von Golgatha in der Architektur sein, dann muß sie uns selber etwas sagen, was uns erinnern kann an die Worte:

Himmel und Erde werden vergehen,
aber meine Worte werden nicht vergehen.

Besprechung der Schnitzarbeiten an den Architravmotiven der großen Kuppel

(stenographische Notizen von Rudolf Hahn)

An den Zwischenräumen zwischen der ersten und zweiten und der zweiten und dritten Säule haben wir unten ein Stück Grund zugegeben. Und erst aus dem Vertikalen des Grundes setzt sich in das Gewölbe hinein die Biegung fort. Zwischen der dritten und vierten Säule geht direkt das Motiv in das Gewölbe über; das bleibt bei allen Säulen-Zwischenräumen. Es beginnt bei der zweiten und dritten Säule. Man müßte zwischen der ersten und zweiten Säule herausarbeiten das eine Stück des Gewölbes, das vertikal ist. Es ist durchaus notwendig, daß wir diese Spitze, die zu leicht herausgekommen ist, versuchen mehr herauszuarbeiten.

Dann bitte ich Sie, nun Ihr Augenmerk auf etwas zu richten, was sehr wichtig ist. Wenn Sie das Modell anschauen, finden Sie da eine Art von Tropfen, der von oben nach unten hängt. Sie finden ihn, wenn Sie der linken Fläche der zweiten Säule nach aufwärts folgen. Wenn Sie den Tropfen am Modell verfolgen, werden Sie finden, daß dort dieser Tropfen da oben beginnt und sich so hinüberneigt. Dieses eigentümliche Herüberneigen ist noch gar nicht herausgekommen: der Tropfen hängt falsch, ganz senkrecht. Selbstverständlich brauche ich nicht zu erwähnen, daß die einzelnen Motive erst ineinander gearbeitet werden müssen.

Wenn wir die zweite Säule beachten und längs der rechten Fläche der zweiten Säule nach oben gehen, haben wir da ein Motiv, das als das innerste Motiv herüberlenkt von dem Motiv zwischen der zweiten und dritten Säule, und das in einem nach unten und rechts ausbiegenden Kopf endet. Dieses Motiv wird uns, wenn wir oben sind, noch einige Schmerzen machen, denn in diesem Motiv sehen wir noch im Modell in der Mitte eine Einsenkung, eine Einbuchtung sich hineinarbeiten. Dann müssen wir den Blick auf den linken und den rechten Kopf werfen. Der linke Kopf muß so hineingearbeitet werden, daß er ganz sanft ausgeht, er muß noch etwas schlanker werden. Zwischen dem linken Kopf, der sich nach unten links senkt, und dem rechten Kopf findet man, wenn man das Motiv betrachtet, daß es eine gewisse Schlankheit hat, so daß es von links nach rechts nicht so übergehen darf über den Grund wie jetzt, sondern hineingearbeitet werden muß. Flächen müssen so sein, daß man davon das Gefühl hat, sie tauchen konkav in den Grund unter, während sie jetzt konvex untertauchen.

Dann müssen wir besonders auf eines achten, wenn wir dieses Motiv nehmen, das durchgeht über den Grund hin. Sie nehmen den Arm - den von links zwischen der dritten und vierten Säule beginnenden Arm -, der wie eine Schlange hinübergeht bis in die Mitte der zweiten Säule; wenn wir dieses Motiv im Modell studieren, finden wir, daß der ganze Duktus dieses Motivs nicht stimmt. Im Modell greift es nur wenig nach oben, es muß der höchste Punkt unter diesem Punkt deutlich liegen für den Aspekt. Und dann muß erreicht werden, daß dieser Punkt der linkeste Punkt werden muß; wie das Modell zeigt, darf er nicht unterhalb dieses Punktes liegen. Also wenn Sie zwischen der zweiten und dritten Säule hinaufgehen, da wo sich dieses Schlangenmotiv am höchsten wölbt, da ist ein Punkt, der zu hoch ist; da muß durch Abtragen der oberen Fläche das ganze Motiv die richtige Richtung erhalten.

Ein Motiv, das über den Säulen zusammengesetzt ist - es ist gerade genau über der Kante der dritten Säule -, dies Motiv, das sich unter dem Einziehungs- und Wulstmotiv entwickelt hat, wenn Sie es nehmen, wie es nach dem Modell sein soll. Hier hat es eine wirklich patzige Breite; im Modell hat es eine gewisse Schlankheit, besonders im unteren Gliede. Das macht, daß es nach oben viel schlanker ausläuft, viel dezenter ist als dort oben in seiner furchtbaren patzigen Breite. Die Korpulenz muß ihm dadurch genommen werden, daß wir die Kante wegschlagen. Dann kriegen wir die nötige vollkommene Schlankheit heraus, die herauskommen muß.

Wenn Sie nun von diesem lang hingezogenen Schlangenmotiv zu dem gehen, was dann rechts von ihm ist, was dann hinübergeht, sich hinüberwindet zu dem unteren Motiv: im Modell ist da eine doppelte Krümmung, die ich etwa so charakterisiere, daß ich sage: zuerst geht es so herauf und kehrt sich etwas hin, dann überschlägt es sich und krümmt sich hier hin, es überbiegt nach dem Schlangenmotiv. Etwas muß noch herauskommen. Wenn Sie erst das Motiv zwischen der dritten und vierten Säule anschauen, und wenn Sie diesem Motiv folgen, das rechts von dem Kuppelmotiv beginnt und sich herüberbiegt um sich zu vereinigen, werden Sie sehen, daß es eine eigentümliche Art des In-sich-selber-Hineingehens hat; das bitte ich besonders am Modell zu studieren. Das taucht hier unter, ist so, daß es wirklich in sich untertaucht und rechts hervorkommt: So wird auch dieses Motiv begriffen, wenn wir es vergleichen mit dem eben vorher gezeigten Motiv, das zum links liegenden Motiv herübergeht. Diese zwei Motive entsprechen sich, man kann diese Motive nur richtig studieren, wenn man klar darüber ist, daß solche Motive, die im Raume kollidieren möchten, ähnliche Konfiguration haben. Das, was sich an das Schlangenmotiv anschließt bis zu dem Wulst über der ersten Schlange, müssen Sie so ansehen: dann werden Sie schon finden, daß in diese Windungen, die da darin sind, das Motiv drinnen ist, das sich unmittelbar rechts anlehnt. Studieren Sie die Zusammenhänge der Motive überall.

Wir werden noch viel zu tun haben, wenn wir ganz herauskriegen wollen dieses subtile Übergehen in der Folge des Wulstes, der hier noch ganz unnatürlich ist. Sie sehen es doch langsam und allmählich übergehen.

Etwas, ich möchte sagen, wo man schon das Gefühl hat: es ist vieles gelungen . . . etwas ist in dem Motiv, das hier beginnt, nach links herübergeht zwischen der vierten und fünften Säule und da übergreift. Dieses Motiv ist, auch von hier unten gesehen, schon außerordentlich gut gelungen, an dem ist vielleicht am wenigsten zu tun. Das, was noch zu tun ist an diesem Ort, ist in dem Motiv, das darunter liegt, das natürlich völlig im Einklang stehen muß.

Innerhalb der vierten und fünften Säule da haben Sie das, was darunter ist, was unmittelbar ins Gewölbe übergeht. Wenn Sie die linke Partie nehmen, so fehlt an dieser linken Partie dieser Vorsprung, der dem Ganzen den eigenartigen Charakter leiht. Es muß ein eigenartiger Vorsprung drin sein. Wo es an die Schlange anschließt, bildet es - wie wenn es nach unten ausbiegen würde - durch den Stoß eine Art von Köpfchen in diesem Motiv. Das fehlt hier, obwohl eine Einwölbung da ist, die eigentümlich wiederum in sich verläuft, so daß ich sagen möchte: sie verläuft nach hinten und nach oben zugleich, was überhaupt zu beachten ist, wo die Flächen nach zwei Richtungen zugleich verlaufen. Im rechten Teil desselben Motivs muß das, was übergeht über das Gewölbe noch höher gelegt werden, so daß deutlich hervortritt das Höhergelegtsein.

Nur noch das eine hätte ich zu sagen: Ein klein wenig müßte noch weggenommen werden in der rechtesten Partie des so sehr gelobten Motivs, was ja am Modell deutlich zu sehen ist.

Jetzt bitte ich, das Auge zu richten auf den Zwischenraum im Architrav zwischen der fünften und sechsten Säule, von links. Da werden Sie bemerken: die Anpassung des untersten Motivs, das in das Gewölbe übergeht und desjenigen, das als höchstes darüber liegt ... . ist gut; das, was dazwischen liegt, bringt den Duktus der darin liegt, der gegen den kleinen Raum zugeht - dieses wuchtige Nach-oben-Ausgreifen -, das bringt das mittlere Motiv nicht heraus. Das muß noch hineingearbeitet werden; das muß darin liegen, dieses Ausgreifen, sowohl nach oben als auch nach vorne.

Dann kommen auf das Motiv folgend zwei Tropfenmotive über der vorletzten Säule. Bei dem muß ganz besonders beachtet werden der Charakter des Zwischenraumes zwischen beiden. Wenn Sie den Charakter am Modell studieren, werden Sie finden, daß er tief hineingehen muß, noch hineingearbeitet werden muß. Aber außerdem ist ein Unterschied, ein wesentlicher Unterschied zwischen dem - von hier gerechnet - linken Tropfen und jenem rechts. Der rechte Tropfen hat eine starke Ausladung. Hier ist er wiederum ganz senkrecht und in seinem unteren Teil hat er eine starke Ausladung; nach dem Ausgang zu darf er nicht so senkrecht sein, soll er eine Ausladung bekommen, denn diese Ausladung gehört gerade im wesentlichen zu seinem Charakter.

Die oberste Wölbung zwischen den beiden letzten Säulen sehen Sie sich an. Wenn Sie diese am Modell studieren, werden Sie finden, daß sie gerade dieses Eigentümliche hat: wenn ich sie im Querschnitt machen würde, würde ich sieso machen, daß sie hineingeht und noch liebevoller herüberreicht. Sie muß noch hineingearbeitet werden in den Grund. Wenn Sie hier noch so genau sehen, wenn Sie hier hinaufsehen, können Sie nicht hineinschauen zwischen dem zweiten und dritten Motiv, was erst erreicht werden kann, wenn die unterste Fläche des obersten Motivs, also nicht des Wulstmotivs, hineingearbeitet wird, so daß es tiefer hineinkommt.

Hier überdeckt noch zu stark das zweite Motiv das erste. Das ist wohl zu beachten, weil da noch sehr wenig gemacht ist. An den beiden Tropfen über der allerletzten Säule ist das Allercharakteristischste die eigentümliche Schlankheit des rechten; sie ist schon etwas herausgekommen. Dann aber muß der linke, der der letzte ist, an den sich unmittelbar das Tormotiv anschließt, sorgfältig studiert werden. Der hat nun wirklich auch nach unten und nach oben hin diesen eigentlichen doppelt gewölbten Charakter, heraus und herüber. Das kann man auch machen, dort ist genügend Holz.

Nur noch etwas abgeplättet, weil es sonst gut ist, muß das Tormotiv selbst werden. Es ist mit einer gewissen Sorgfalt herausgekommen, es braucht nur abgeplättet zu werden.

Das muß ich auch noch erwähnen: Wenn Sie noch einmal an das aufdringlich patzige korpulente Motiv gehen, kommen Sie, links gehend, gegen die Bühne zu an das noch wenig ausgeführte Motiv zwischen der zweiten und dritten Säule, von links gerechnet. Da muß man überall studieren die eigentümlichen Kurven, die darin liegen. Wenn Sie sie im Modell studieren, werden Sie sehen, daß hier eine herausgeht und hier eine korrespondierend hineingeht. Das ist gar nicht herausgekommen. Herauskommen müßte es gerade, indem diese Schlange doppelt ausbiegt, nach unten ausbiegt und hinaufbiegt im Zwischenraum zwischen der zweiten und dritten Säule. Was darunter liegt, hat ganz eigenartige Windungen.

Man muß bei diesen Dingen immer mehreres beachten. Man muß das unterste Motiv beachten, das in das Gewölbe übergeht, man muß die Schlange beachten, die macht, daß dieses Motiv seine Form bekommt. Dadurch, daß diese Schlange eigentlich gerichtet ist gegen den kleinen oder Kuppelraum, dadurch kommen alle diese Wölbungen heraus. Gerade dieses eigentümliche Herausgebogensein kommt zwischen der zweiten und dritten Säule.

Wenn wir den Blick nach links richten, sehen wir auch diese tiefe Furche zwischen dem allerersten Motiv, das übergeht in das Tormotiv; wir sehen, daß da dieser Kopf eigentlich gar nicht herauskommt; der muß herausgearbeitet werden, und der Tropfen nach oben muß viel schlanker sein. Überhaupt zeigt sich jetzt, daß wir merkwürdig korpulente Anlagen haben. Hier am Modell ist deutlich zu sehen, daß der Tropfen viel schlanker werden muß. Das, was über den Tropfen übergreift, muß sich anschließen; es müßte das eine dem andern entsprechen. Das sehen Sie deutlich am Modell, wie der Tropfen völlig beschützt ist, und wie die Spitze wirklich angedeutet ist in der Einbuchtung, die diese Spitze bewirkt in der Fläche. Überhaupt daran müssen wir uns schon halten: man bekommt Hohlformen heraus an diesen Dingen dadurch, daß man die angrenzenden Erhebungsformen studiert. Indem man studiert, wie die in der Nachbarschaft befindlichen Erhebungsformen die Hohlformen in der Nachbarschaft bewirken, sieht man, wie die eine in die andere übergeht. Eine Fläche wirkt auf die andere ein, ist das Gegenstück der anderen; dies muß im großen zum Ausdruck kommen. Das ist dieses Eigenartige, was Sie sehen, was Sie stark gewahren können an diesen ersten Säulen von rechts, welche den Fortschritt zusammensetzen von West nach Ost. In dem Duktus der drei Architrave, die in das Gewölbe übergehen, ist er noch stark zu bemerken, hier wird er schwächer, hier macht er zusehends Halt. Und hier in der Mitte, da drückt schon wieder der Bühnenraum heraus, da fühlt man die Kraft, die von Osten herüberkommt; die übergreift sich am meisten in dem, wo wirklich die Kampfstelle ausgeprägt ist. Wenn Sie das Merkurmotiv auf den Architraven und an den Säulen nehmen, haben Sie die Kampfstelle. Da kommt die Entwickelung, das Zurückbleiben, das Alter der Hierarchien zum Ausdruck.

Es hat eine sehr tiefe Bedeutung, daß das Schlangenmotiv nicht über der Merkursäule ist, daß das Schlangenmotiv ganz seitlich verschoben ist. Als ich das bemerkte, etwa acht oder vierzehn Tage nachdem ich es gemacht habe, war ich wirklich im höchsten Grade überrascht, wie aus den geistigen Welten heraus die Dinge wirklich richtig kommen, auch wo es nicht bewußt beabsichtigt ist. Natürlich, würde ich das nach abstrakten Gesetzen gearbeitet haben, so wäre das Schlangenmotiv nicht hier, sondern über der Merkursäule. Aber so wie die zurückbleibenden hinter den fortschreitenden Wesen bleiben, so muß das Schlangenmotiv hier hinter der Merkursäule zurückbleiben.

Ich war im höchsten Grade überrascht, wie die Kunst dem Okkultismus entspricht. Acht Tage nachdem ich es gemacht hatte, entdeckte ich erst, daß es so herausgekommen ist, und daß es so sein mußte.

Damit hätten wir das Prinzipielle dessen, was wir herausarbeiten müssen, durchgearbeitet. Notwendig ist, daß wir natürlich so ohne Pedanterie arbeiten.

Das ist das Charakteristische, daß der Bau eine Symmetrieachse hat und insofern also einem Organismus entspricht. Sie werden sie sonst nicht leicht finden, weil so ohne Wiederholung längs dieser Symmetrieachse die Motive angebracht sind. Man muß innerlich im Ätherleib mitarbeiten, muß die Intentionen miterleben im Arbeiten, besonders wenn asymmetrische Formen da sind. Das gehört zu den Motiven dazu. Man muß sich in das künstlerische Wollen hineinarbeiten bis in die Finger-, die Zehen- und die Nasenspitze; man muß das Künstlerische fühlen bis in die Ohrläppchen hinein.

Die seitlichen Ziffern beziehen sich auf die Abbildung 8, Architravmodell der großen Kuppel. Sie sind von den Herausgebern eingefügt worden und als Versuch zur Erleichterung des Verständnisses gedacht und nicht bindend.

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