The Dornach Building
GA 287 — 18 October 1914, Dornach
Erster Vortrag
In den Vorträgen, die ich zu halten hatte, machte ich öfter aufmerksam auf ein Beispiel, das sich der Beobachtung im wirklichen Leben ergeben könnte, und das so recht anschaulich machen kann, wie notwendig es ist, den Erscheinungen des Lebens gegenüber allüberall tiefer zu suchen, nicht stehenzubleiben bei dem, was gewissermaßen der erste Eindruck der Anschauung darbietet. Das Beispiel, auf das ich hinwies, ist ja etwa das folgende: Ein Mann geht am Rande eines Baches, und wir sehen von ferne, wie er in das Wasser hineinstürzt. Wir kommen näher, können ihn aber nur noch tot aus dem Wasser herausziehen; wir finden einen Stein da, wo er hingefallen ist, und finden nach diesem ersten Anblick es ganz selbstverständlich, daraus den Schluß zu ziehen: der Mann ist über den Stein gestolpert, ist ins Wasser gefallen und ist im Wasser ertrunken. - Es könnte sehr leicht geschehen, daß dieses Urteil festgehalten würde, daß man es ganz begreiflich finden würde, und jenes Urteil auf die Nachwelt käme. Aber es braucht ganz und gar nicht so gewesen zu sein. Sondern wenn man genauer untersuchte, könnte sich herausstellen: der Mann wurde in jenem Augenblick, als er an den Stein herantrat, vom Herzschlag getroffen, ist infolgedessen ins Wasser gefallen und wurde tot herausgezogen. Wenn das erste Urteil geblieben wäre, und man nicht untersucht hätte, was geschehen ist, so würde sich ein falsches Urteil in der Geschichte fortschleppen, dessen Substanz so natürlich als möglich wäre: das Urteil, daß der Mann durch den Fall ins Wasser den Tod gefunden habe. Das Umgekehrte aber kann wahr sein: er starb nicht, weil er ins Wasser fiel, sondern er starb, weil er vom Herzschlag getroffen wurde, und fiel dann ins Wasser. - So kann eine völlige Umkehrung der Wahrheit auf die natürlichste Weise von der Welt entstehen. Solche Urteile aber, die mehr oder weniger eine Umkehrung der Wahrheit enthalten, sind gang und gäbe in der Welt der Beurteilung der Dinge durch die Menschen, gang und gäbe auch in der Wissenschaft, wie ich das öfter erwähnt habe.
Nun ist es für denjenigen, der sich wirklich mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung widmet, notwendig, nicht nur vom Leben zu lernen, sondern immerfort das Bestreben zu haben, vom Leben die Wahrheit zu lernen und die Möglichkeiten aufzusuchen, in denen uns auf die natürlichste Art nicht nur von Menschenmund, sondern auch von den Tatsachen selber nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Unwahrheit, die Täuschung überliefert werden kann. Vom Leben zu lernen, das ist es, was ein Leitwort unseres ganzen Strebens werden muß. Sonst wird es uns schwer werden, wirklich das zu erreichen, was wir mit vielem anderen auch durch unseren Bau erreichen wollen: lebendig teilzunehmen mit unserer Seele an dem Werden einer Weltenepoche, die sich vergleichen läßt mit dem Werden jener Weltenepoche, die hervorgegangen ist aus einem älteren Leben der Menschheit, sagen wir, zu der Zeit, auf welche sich Homers Dichtungen beziehen. In der Tat, so etwas Ähnliches will mit dem ganzen Formenwesen und künstlerischen Wesen und spirituellen Wesen unseres Baues angestrebt werden, so wie es angestrebt werden mußte damals, als der Übergang von einer älteren Zeit zu einer neueren Zeit stattfand, als das geschah, was Homer in seinen Dichtungen erzählt. Wir wollen vom Leben lernen, versuchen vom Leben die Wahrheit zu lernen.
Wir haben ja so vielfach, wenn wir nur wollen, Gelegenheit, vom Leben zu lernen. Haben wir sie nicht in den letzten Tagen gehabt? Dürfen wir nicht von etwas Symptomatischem ausgehen, noch dazu von etwas, das uns so tief erschüttert hat? Bedenken Sie, eine große Anzahl von uns ging am Mittwoch in der Abendstunde da unten am Kreuzweg, oder war in seiner Nähe, hatte den Wagen umfallen gesehen, hatte den Wagen liegen gesehen, kam hier zum Vortrage und wußte von nichts anderem, ganz selbstverständlich, ganz natürlich, als daß da unten ein Wagen umgefallen ist. Stundenlang war das der einzige Eindruck, stundenlang ... Was aber war die Wahrheit? Die Wahrheit war, daß sich in einem Menschenleben ein deutlich sprechendes Karma abspielte; die Wahrheit war, daß ein Menschenleben, das sich vor uns so schön entwickelt hatte, karmisch abgeschlossen war in jenem Augenblicke, da dieses Menschenleben zurückgefordert wurde von den geistigen Mächten, zurück in die geistigen Welten, weil diese geistigen Mächte zum Heile der Evolution zu gewissen Zeiten Menschenleben brauchen, die nicht ausgelebt sind, sondern Kräfte übrig haben, die hätten angewendet werden können auf dem physischen Plan, die aber erspart werden sollten für die geistigen Welten. Man möchte sagen: die Tatsache liegt nun für den, der sich mit Geisteswissenschaft durchdrungen hat, geistig so handgreiflich vor, daß man hinblicken kann auf dieses Menschenleben als ein solches, das die Götter zu sich forderten; und daß, um die Verwirklichung dieses Karmas herbeizuführen, an jene Stelle der Wagen hingeführt worden ist, und daß der Wagen umgestürzt ist, um das Karma jenes Menschenlebens zu vollenden. Herzerschütternd zunächst hat sich uns das gezeigt. Das Herzerschütternde ist berechtigt. Aber wir müssen auch eintauchen können in die waltende, wirkende Weisheit, von der die Welt durchdrungen ist, auch dann, wenn sie sich uns scheinbar unverständlich darbietet. Lernen sollen wir von einer solchen Tatsache, tiefer in das Wesen der Dinge hineinzuschauen. Und wie könnten wir uns würdiger zu dem Menschenleben erheben, um das es sich dabei handelt, und wie - in feierlicher Stunde - feierlicher in unserer Seele seinen irdischen Hingang begehen, als daß wir gleich damit beginnen, uns belehren zu lassen von dieser ernsten karmischen Lehre, die in diesen Tagen an uns herangetreten ist.
Aber wir sind nur zu leicht geneigt, die Lehren, die uns überdeutlich aus dem Leben gegeben werden, bei jeder nächsten Gelegenheit wiederum außer acht zu lassen, geradezu zu vergessen. Deshalb müssen wir die Meditation, das konzentrierte Denken zu Hilfe nehmen und versuchen, mit den Welterscheinungen überhaupt zurecht zu kommen, so wie es im Sinne der Geisteswissenschaft ist. Danach müssen wir unaufhörlich trachten.
In die Betrachtungen, die anknüpfend an unseren Bau hier gepflogen worden sind, möchte ich das, was ich heute zu sagen habe, einflechten, weil es zu manchem, was in künstlerischer Beziehung zu sagen sein wird, etwas wie eine Illustration darstellen wird. Wollen wir doch nichts Geringeres, als in dem, was durch unseren Bau hingestellt werden soll, ein geschichtlich Notwendiges anerkennen. Bis in die einzelnen Formen hinein soll sich ja wirklich etwas hineinstellen in die Menschheit mit diesem Bau, was geschichtlich notwendig ist!
Wollen wir so etwas in tiefstem Ernste verstehen, dann muß uns daran gelegen sein, aus der Geisteswissenschaft heraus die Möglichkeit zu gewinnen, gleichsam unsere Begriffe und Ideen zu reformieren, bessere, höhere, ernstere, durchdringendere, tiefergehende Begriffe und Ideen über das Leben zu gewinnen, als wir sie ohne Geisteswissenschaft haben können.
Von diesem Gesichtspunkte aus sei einmal überhaupt die Frage vor uns hingestellt: Was ist denn Geschichte, und was ist das, was die Menschen so oftmals unter Geschichte verstehen? Ist dasjenige, was die Menschen so oft unter Geschichte verstehen, nicht im Grunde genommen wie die Geschichte des Mannes, der am Rande des Baches geht, durch einen Herzschlag stirbt, ins Wasser fällt, und von dem berichtet wird, daß er im Wasser ertrunken sei? Ist Geschichte nicht oft etwas, was von Berichten hergenommen ist, die so charakterisiert werden können? Gar viele historische Berichte sind nicht besser fundiert. Denken wir uns einmal, jemand wäre vorbeigegangen am Mittwoch zwischen acht und neun Uhr am Kreuzweg, hätte keine Gelegenheit gehabt, irgend etwas zu hören über das erschütternde Ereignis, das sich dort zugetragen hat; er wüßte also weiter nichts, als daß dort ein Wagen umgefallen ist, und er würde das berichten. So aber sind viele historische Berichte. Dasjenige, was als das Wichtigste gleichsam unter den Trümmern der Nachrichten liegt, bleibt ganz und gar verborgen, entzieht sich ganz und gar dem, was man gewöhnlich Geschichte nennt. Oftmals kann man sogar noch weiter gehen und sagen, daß die äußeren Nachrichten, die Dokumente uns stören, den wahren Gang des geschichtlichen Werdens zu erkennen. Das ist dann der Fall, wenn diese Dokumente - und das ist für fast jede historische Epoche der Fall - von irgendeiner Seite her die Sache darstellen, und von der anderen Seite keine Dokumente da sind, oder wenn diese verlorengegangen sind. Sie meinen vielleicht, das sei eine Hypothese. Das ist keine Hypothese, sondern es beruht zum großen Teil dasjenige, was heute als Geschichte gelehrt wird, auf solchen Dokumenten, welche die Wahrheit eher verhüllen als offenbaren.
Es könnte nun die Frage auftauchen: Wie kommen wir denn überhaupt an das geschichtliche Werden heran? - Nun, die Geisteswissenschaft hat uns ja in mannigfaltiger Weise den Weg dazu gewiesen, sie, die nicht auf äußere Dokumente sieht, sondern darauf geht, aus der geistigen Welt die Impulse hervorzuholen. Sie kann natürlich dann den äußeren Verlauf der Tatsachen nicht so darstellen, wie er in der äußeren Geschichte dargestellt wird. Aber sie wird überall die inneren Impulse erkennen. Und der Geistesforscher muß die Kühnheit haben, wenn er die inneren Impulse erkannt hat, sie an die Oberfläche zu schaffen und daran festzuhalten, auch wenn die äußerlich überlieferten Tatsachen dem zu widersprechen scheinen. Den Mut zum Glauben an die Wahrheit des geistig Erkannten müssen wir haben, wenn wir uns wirklich als auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehend betrachten.
Der Übergang kann dadurch gemacht werden, daß wir versuchen, in anderer Weise uns den Geheimnissen des geschichtlichen Werdens zu nähern, als das gewöhnlich geschieht. Man nehme alle Dokumente, die aus dem 13., 14. Jahrhundert über Italien vorhanden sind, man nehme alle Dokumente, die übriggeblieben sind, zusammen, alle Dokumente, aus denen man so gerne zusammenstellt die Geschichte; und man wird, wenn man aus solchen Dokumenten die Geschichte zusammenstellt, ein Tableau, ein Gemälde bekommen, das viel weniger der Wahrheit entspricht, als wenn man Dante und Giotto studiert und sich hineinversetzt in dasjenige, was Dante und Giotto aus ihrer Seele heraus geschaffen haben. Und nimmt man noch hinzu die Scholastik, das, was uns von den Gedanken der Scholastiker geblieben ist, und versucht nachzudenken, nachzuschaffen, was Dante, Giotto und die Scholastiker geschaffen haben, dann hat man ein wahreres Bild jener Epoche, als wenn man die äußeren Dokumente zusammennimmt. Oder wenn jemand die Absicht haben würde, die Auflehnung des nordischen ‚oder mitteleuropäischen protestantischen Geistes gegen den Katholizismus der Südländer zu studieren, was kann man da aus den Dokumenten herausfinden? Es kommt aber nicht darauf an, einzelne Tatsachen kennenzulernen, sondern darauf kommt es an, daß man sich in seiner Seele vereinigt mit den schaffenden, waltenden, webenden Impulsen; dann lernt man dieses Aufbäumen des protestantischen Geistes gegen den katholischen Geist kennen, wenn man Rembrandt studiert und ihn in seiner eigentümlichen Malerei kennenlernt. Und so könnte vieles angeführt werden.
Und damit hängt zusammen, daß wir wirklich oftmals durch historische Dokumente eher gestört werden, wenn sie vorhanden sind, als daß wir durch sie gefördert werden. Vielleicht könnte es solch ein Historikerherz, das recht viel auf Dokumente gibt, erfreuen, wenn man recht viel Dokumente hätte über das Leben Homers. Und wie könnte es solch ein Historikerherz erfreuen, wenn man recht viel Dokumente hätte über das Leben Shakespeares! Aber es gibt einen Standpunkt, von dem aus man sagen kann: Gott sei Dank, daß wir keine solchen Dokumente haben! - Nur darf man diesen Standpunkt natürlich nicht pressen, nicht übertreiben. Es gilt durchaus, daß wir, ich möchte sagen, der Geschichte dankbar sein müssen, daß sie uns über Homer, über Shakespeare keine Dokumente hinterlassen hat. Ich weiß, daß, indem ich so über diese beiden Dichter spreche, jemand kommen könnte und etwas einseitig ganz Richtiges sagen könnte - denn eine einseitige Wahrheit ist auch eine Wahrheit -, es könnte jemand sagen: Ja, da müssen wir ja die Zeit herbeisehnen, wo wir nicht mehr äußere Dokumente über Goethe haben! - Das kann einseitig völlig berechtigt sein, aber nicht allseitig.
Nicht wahr, bei Goethe erscheint es ja oft nicht bloß störend, sondern direkt aufdringlich, daß wir nicht nur von Tag zu Tag, sondern manchmal von Stunde zu Stunde wissen, was er als Mensch tat. Wenn man einmal darauf eingeht sich auszumalen, was eine Menschenseele durchlebt hat, die in einem bestimmten Alter die schicksalsschweren Worte gesprochen hat: «Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert mit heißem Bemüh’n ... Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor», - dann könnte man die Zeit herbeisehnen, wo einem nicht mehr die Lewes und wie sie alle heißen, erzählen, was Goethe den ganzen Tag über gemacht hat, und wann und wo er diese oder jene Verse geschrieben hat. Und man könnte sagen: Wie hindert es uns, Goethes Seelenflug zu verfolgen bis zu der Zeit, wo er die Worte geschrieben hat «Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang», wenn wir Goethes Tagebuchblätter und Briefsammlungen, die wahrhaftig manche Bände füllen, hernehmen und nachlesen, was Goethe getrieben hat in der Zeit, in der er diese erhabenen Verse hingeschrieben hat; wie hindert es uns!
Es ist aber nur einseitig berechtigt, das zu sagen. So wahr es nämlich vollständig berechtigt ist gegenüber Homer und Shakespeare, so einseitig ist es gegenüber Goethe. Denn zu Goethes eigenen Werken gehört das Buch «Dichtung und Wahrheits, in dem er selber uns sein eigenes Leben erzählt. Es gehört eben zu dem Gefüge dieser Persönlichkeit, auch über dessen eigenes Leben etwas zu wissen, denn Goethe selbst fühlte sich veranlaßt, diese Beichte mit «Dichtung und Wahrheit» abzulegen. Daher darf niemand sagen, daß der Faust-Dichter so vor der Menschheit stehen wird, wie der Dichter der Ilias und der Odyssee. Daraus ersehen Sie, daß wir eine Wahrheit, die wir von einer Seite her erfaßt haben, nicht auf alle Fälle ausdehnen können. Sie darf zu nichts anderem nützen, als auf den einzelnen Fall, auf das ganz Individuelle einzugehen.
Aber man muß die Sache noch viel tiefer erfassen. Geisteswissenschaft versucht das. Daß die neuere Kultur nach Geisteswissenschaft hinstrebt, ich versuchte es wiederholt, auch im letzten Vortrage, durch einzelne symptomatische Tatsachen darzulegen. Wie das insbesondere in der Philosophie der Fall ist, habe ich in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» darzulegen versucht. Sie werden im zweiten Bande, der jetzt eben erschienen ist und der bis zur Gegenwart fortgeht, sehen, wie auch die philosophische Entwickelung hindrängt zu dem, was ich in dem letzten Kapitel dargestellt habe als einen «Skizzenhaften Ausblick auf eine Anthroposophie», auf die alles hintendiert. Das konnte selbstverständlich nicht geschehen, bevor einiger Rückhalt gegeben war an unserer Anthroposophischen Gesellschaft, denn die äußere Welt wird von dem ganzen Aufbau dieses Buches wahrscheinlich doch noch sehr wenig verstehen.
In Parenthese sei hier etwas erwähnt, was einem Schriftsteller passieren kann in unserer heutigen «geschmacklosen» Zeit, kann ich nur sagen. Aber diese Geschmacklosigkeit wird, wenn sie gegen ein sozusagen hilfloses Buch geübt wird, wirklich zu einer Versündigung wider das Recht, das im geistigen Leben herrschen sollte. Der zweite Band des Buches «Die Rätsel der Philosophie» hat 254 vollbedruckte Seiten und auf Seite 255 noch zehn Zeilen. Als ich heute morgen den eben erschienenen zweiten Band in die Hand bekam, mußte ich die Entdeckung machen, daß verlegerische Unverschämtheit auf die letzte Seite unmittelbar unter meinen Text eine Annonce gesetzt hat. Das Buch schließt mit den Worten: «Deshalb wurde im Anfang dieses Schlußkapitels nicht gezeigt, wie die Seele über das Übersinnliche spricht, wenn sie sich ohne weitere Voraussetzung auf dessen Boden stellt, sondern es wurden die Richtungen philosophisch zu verfolgen versucht, die aus den neueren Weltanschauungen sich ergeben. Und es wurde angedeutet, wie das Verfolgen dieser Richtungen durch die in ihnen selbst lebende Seele diese zur Anerkennung der übersinnlichen Wesenheit des Seelischen führt.» - Und unmittelbar darunter druckt der Verleger ab: «J. Zangwills Ghettoschriften soeben vollständig erschienen. Autorisierte Ausgaben deutsch durch Dr. Hanns Heinz Ewers.»
Solche verlegerische Unverschämtheit muß sich ein heutiger Schriftsteller gefallen lassen, denn unsere Zeit ist dahin gekommen, nichts mehr anzuerkennen von dem, was wirklich guter Geschmack und das geistige Leben erfordern.
Ich bemerke noch, daß ich in der Vorrede an einer bestimmten Stelle einige Worte geschrieben hatte, rechtfertigend, warum ein skizzenhafter Ausblick auf die Anthroposophie dieses Buch schließt. Da findet sich der Satz: «Nun versucht die Betrachtung, die in dem Buche zum Ausdruck kommt, zu erweisen, daß manche Lösungsverhältnisse in der Philosophie der Gegenwart dahin arbeiten, in dem inneren Erleben der Menschenseele etwas zu finden, das in solcher Art sich offenbart, daß ihm im neueren Weltbilde der Platz von der Naturerkenntnis nicht streitig gemacht werden kann. Wenn es des Verfassers dieses Buches philosophische Anschauung ist, daß das in dem Schlußkapitel Dargestellte von Seelenerlebnissen spricht, . . .» und so weiter. Ich bemerke ausdrücklich: Die Wendungen, die ich gebrauche, sind erarbeitet. Über eine Zeile habe ich oftmals stundenlang nachgesonnen. Es stand nicht unbeabsichtigt da «Wenn es des Verfassers dieses Buches philosophische Anschauung ist. . .». Als ich die Korrekturbogen bekam, wurde mir zugleich angedeutet, daß diese Wendung nicht grammatikalisch richtig sei, und der Verleger müsse das ändern. Ich mußte dazumal alle möglichen telefonischen Gespräche mit dem Verleger führen, im Auto zu ihm hinfahren und so weiter. Es steht ja jetzt so da, wie es dazustehen hat, aber ich mußte das alles machen, um meinen Text zu erobern.
Daraus ersehen Sie wohl, wie notwendig es ist, daß mit der Geisteswissenschaft so ernst gemacht wird, daß das, was sie tun will, auch wirklich eingeführt wird in das unmittelbare Leben. Nicht aus irgendwelchen eigensüchtigen Gründen, sondern weil es notwendig war, brauchten wir den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag; weil es notwendig ist, Geisteswissenschaft wirklich in das Leben einzuführen.
Dies ist, wenn auch ein kleines, so doch auch ein Kapitel zur Charakterisierung unserer Zeit, zur Charakterisierung der notwendigen Forderungen unserer Zeit. Wenn es uns gelingt, durch unseren Bau auch noch zu den Menschen der Gegenwart so zu sprechen, daß aus diesen Formen heraus auch das ästhetische Gewissen der Menschen erregt werden wird, dann ist so manches getan. Das war nur in Parenthese gesagt.
Ich sagte, für Goethe gilt ein anderes als für Homer. Aber es gilt dieses andere aus demselben Grunde, möchte ich hinzufügen. Lernen wir denn Homer etwa durch irgend etwas besser kennen als durch seine Dichtungen, trotzdem er nicht Jahrhunderte, sondern Jahrtausende hinter uns liegt? Lernen wir ihn denn nicht dadurch viel besser kennen, als es durch alle Dokumente möglich wäre? Ja, das Zeitalter Homers war in der Lage, solche Werke hervorzubringen, durch die in der Seele der wahre Homer deutlich geschaut werden kann. Unzählige Beispiele könnten angeführt werden; eines aber sei nur angeführt, das zugleich so zusammenhängt mit den tiefsten Impulsen jenes Umschlages des Weltenwerdens in der Homerischen Zeit, wie wir selber es wiederum jetzt erhoffen, wenn wir das Umschlagen der materialistischen Kultur zur anthroposophischen ersehnen. Wir wissen ja, daß im ersten Gesang der Iliade von dem Gegensatz zwischen Agamemnon und Achilles gesprochen wird. Treffend werden die Stimmungen bei Agamemnon und Achilles vor Troja geschildert. Wir wissen auch, daß der zweite Gesang damit beginnt, daß die Griechen sich allzu lange vor Troja liegen fühlen und sich nach Hause sehnen, wissen auch, daß Homer die Sache so darstellt, als ob die Götter als die leitenden göttlich-geistigen Mächte fortwährend eingriffen. Wie Zeus eingreift, wird im Beginne des zweiten Gesanges der Ilias geschildert. Es wird geschildert, wie die Götter auf dem Olymp und auch die Griechen unten so gemütlich schlummern, daß Herman Grimm, der geistvolle Mann, darauf hindeutet, man höre ordentlich das Schnarchen der Hera. Nun heißt es im Beginne des zweiten Gesanges weiter:
«Alle nunmehr, die Götter und gaulgerüsteten Männer,
Schliefen die ganze Nacht; nur Zeus nicht labte der Schlummer:
Sondern er sann im Geiste voll Unruh, wie er Achilleus
Ehren möcht’, und verderben der Danaer viel’ an den Schiffen.
Dieser Gedank’ erschien dem Zweifelnden endlich der beste:
Einen täuschenden Traum zu Atreus’ Sohne zu senden...»
Also Zeus beschließt, dem Agamemnon in der Nacht einen täuschenden Traum zu senden.
«Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:»
Also Zeus sprach zum Traum die folgenden Worte:
«Eile mir, täuschender Traum, zu den rüstigen Schiffen Achaias;
Gehe dort ins Gezelt zu Atreus’ Sohn Agamemnon,
Ihm das alles genau zu verkündigen, was ich gebiete.
Heiß’ ihn rüsten zur Schlacht die hauptumlockten Achaier
All’ im Heer; denn jetzo sei leicht ihm bezwungen der Troer
Weitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifachen Entschlusses
Sei’n die olympischen Götter; bewegt schon habe sie alle
Here durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben.
Jener sprach’s,»
— also Zeus zum Traume —
«und der Traum, sobald er die Rede vernommen,
Eilte hinweg, und kam zu den rüstigen Schiffen Achaias.
Hin nun eilt’ er, und fand des Atreus Sohn Agamemnon
Schlafend in seinem Gezelt; ihn umfloß der ambrosische Schlummer.
Jener trat ihm zum Haupt’, an Gestalt dem Sohne des Neleus
Nestor gleich, den hoch vor den Ältesten ehrt” Agamemnon.»
Zeus sendet also herunter vom Olymp den Traum zu Agamemnon. Er gibt dem Traum den Auftrag, den wir eben vernommen haben. Der Traum nähert sich Agamemnon unter der Gestalt des Nestor, des einen der Helden, der nach Troja mitgezogen war.
«Nestor gleich, den hoch vor den Ältesten ehrt” Agamemnon!
Dessen Gestalt nachahmend begann der göttliche Traum so:
Schlummerst du, Atreus’ Sohn, des feurigen Rossebezähmers?
Keinem Richter gebührt’s, die ganze Nacht zu durchschlummern,
Dem zur Hut sich die Völker vertraut, und so mancherlei obliegt.
Auf, nun höre mein Wort: ich komm’, ein Bote Kronions,
Der dich sehr auch ferne begünstiget, dein sich erbarmend.
Rüsten heißt er zur Schlacht die hauptumlockten Achaier
All’ im Heer; denn jetzo sei leicht dir bezwungen der Troer
Weitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifachen Entschlusses
Sei’n die olympischen Götter; bewegt schon habe sie alle
Here durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben
Her von Zeus. Du merk’ es im Geiste dir, daß dem Gedächtnis
Nichts entfällt, wann jetzo vom lieblichen Schlaf du erwachst.»
Also das ist es, was geschieht: Zeus, der Lenker der Ereignisse, sendet einen Traum zu Agamemnon, damit dieser sich aufraffen soll zu einer neuen Tat. Der Traum erscheint in der Gestalt des Nestor, eines Mannes, der neben Agamemnon unter den Helden ist, die mitgezogen sind. Agamemnon steht also der Gestalt des Nestor gegenüber, und Nestor, den er gut kennt seiner physischen Gestalt nach, sagt ihm im Traum, was er tun soll. Und weiter wird uns bedeutet, daß Agamemnon die Fürsten versammelt, bevor er die Völker versammelt. Und den Fürsten erzählt er den Traum, aber richtig so, wie er ihn vernommen hat:
«Freunde, vernehmt: ein göttlicher Traum erschien mir im Schlummer
Durch die ambrosische Nacht; und ganz dem erhabenen Nestor
War an Wuchs und Größ’ und Gestalt er wunderbar ähnlich.
Dieser trat mir zum Haupt und redete, also beginnend:
Schlummerst du, Atreus’ Sohn,...»
und so weiter. Also den Fürsten erzählt Agamemnon, was der Traum zu ihm gesagt hat. Keiner der Fürsten steht auf, nur Nestor, der wirkliche Nestor, steht auf und sagt die Worte:
«Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Hätte von solchem Traum ein anderer Mann uns erzählet,
Lug wohl nennten wir ihn, und wendeten uns mit Verachtung.
Doch ihn sah, der den Ersten vor allem Volke sich rühmet.
Drum wohlan, ob vielleicht zu rüsten gelingt die Achaier!»
Schauen wir nicht unendlich tief in Homers Seele hinein, wenn wir - mit den Mitteln der Geisteswissenschaft - wissen können, anschauen können, daß er uns so etwas erzählen kann? Haben wir nicht vor ein paar Tagen davon gesprochen, wie das, was wir in der geistigen Welt erleben, sich in Bilder kleidet, und daß wir erst die Bilder zu deuten haben, daß wir uns durch die Bilder nicht beirren lassen sollen? Homer, der in einer Zeit sprach, als das alte atavistische Hellsehen gerade verloren ging, wollte in Agamemnon einen Menschen schildern, der noch in, ich möchte sagen «Lebensepisoden» das alte atavistische Hellsehen erleben konnte, der selbst zu seinen Entschlüssen als Feldherr noch durch das alte Hellsehen, durch den Traum geführt werden konnte. Wenn wir den Blick auf Homer richten und auf das, was er da schildert, erinnern wir uns daran, daß die Menschenseele da am Wendepunkte einer Zeit steht. Aber wir erkennen noch mehr. Homer schildert nicht nur in Agamemnon eine Menschenseele, in die noch atavistisches Hellsehen hineinragt - und wir erkennen nicht nur die ganz sachgemäße Schilderung dieses Hellsehens -, sondern auch wunderbar, wie magisch beleuchtet, möchte man sagen, die ganze Situation: Homer läßt Agamemnon ausdrücklich schildern, daß Nestor ihm erschienen sei, Nestor, der dabeisitzt und selber redet. So deutlich schildert der wahre Dichter. Aber nun gehen wir weiter. Agamemnon hat die Fürsten versammelt und ihnen seinen Traum erzählt, Nestor hat gesprochen, daß man das tun solle, was der Traum befiehlt. Die Völker kommen herbei, aber Agamemnon redet zu den Völkern ganz anders, als es im Sinne des Traumes ist. Er redet, daß es jammervoll sei, so lange schon vor Troja zu liegen: Wir sehnen uns nach Hause, wir wollen zu den Schiffen -, und so weiter, sagt er ihnen. Er redet so, daß alle die äußerste Begierde erfaßt, zu den Schiffen zu laufen, um nach Hause zu fahren. Und Odysseus’ Überredungskunst bedarf es erst, um zu bewirken, daß die Völker zurückkehren und wirklich nun den Kampf gegen Troja beginnen.
Man sieht da in Homers Seele hinein. Man sieht, daß er in Agamemnon den ersten Menschen schildert, der den Übergang findet von einem Menschen, der noch aus dem alten Hellsehen heraus geleitet wird, zu jenem Menschen, der aus eigenen Entschlüssen heraus handelt. Und so führt er uns mit einem überwältigenden Humor zuerst den Agamemnon vor, wie er unter dem Eindruck des Traumes zu den Fürsten spricht, und nachher den Agamemnon, der das überwindet, der Abschied genommen hat von dem Traum, und der, indem er zum Volke spricht, nur unter dem Eindruck des Äußeren steht. Wir sehen da, wie Agamemnon herauswächst aus der alten Zeit und in die neue Zeit hinübertritt, wo er nun auf die Spitze des eigenen Ich gestellt ist. Wie wunderbar schildert das Homer! Er will uns sagen: So muß eine solche Seele den Übergang finden, die vom alten Hellsehen hinweggeführt wird und aus Entschlüssen handelt, die aus der menschlichen Intelligenz hervorgehen, also aus dem, was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen, die wir ja vor allem den alten Griechen zuzuschreiben haben. Weil Agamemnon, der geschildert wird als eine Gestalt des Überganges, die von der Zeit des alten Hellsehens schon in die neue Zeit übergeht, etwas recht Widerspruchsvolles tut - indem er einmal aus dem hellseherischen Traum, das andere Mal aus seinem Ich heraus spricht -, deshalb muß Homer im weiteren Fortgang der Ereignisse den Odysseus zu Hilfe nehmen, der nur aus Intelligenz, also durch den Einfluß der Verstandesseele, die Entschlüsse faßt. Es stoßen hier zwei Epochen zusammen, und wir können nur bewundern, wie sachgemäß Homer das schildert.
Und nun frage ich Sie: Kennen wir nun Homer von einer gewissen Seite aus, wenn wir einen solchen Zug kennen? Gewiß, wir kennen ihn dadurch so, wie wir ihn kennen müssen, wenn wir die Weltgeschichte richtig verstehen wollen, und wie wir sie nie und nimmer kennenlernen könnten, wenn wir noch so viele äußere Dokumente hätten. Das ist aber nur ein Zug. Viele könnten angeführt werden, und es würde die Gestalt des Homer richtig vor uns stehen; wir würden so mit ihr umgehen können, wie wir niemals mit ihr umgehen könnten, wenn wir es zu tun hätten mit einer Persönlichkeit, die uns nur durch äußere Dokumente bekannt geworden ist. Man versuche nur einmal sich klar zu machen, was man von der griechischen Geschichte kennt. Wenn man aber auf diese Weise an Homer näher herankommt, dann kennt man Homer bis zu seiner Nasenspitze hin, möchte ich sagen. Im Grunde genommen gab es Menschen, die Homer so kannten, bevor die Ungezogenheit der Philologie anbrach und das Bild getrübt hat. Man kennt so Sokrates aus der Schilderung des Plato und des Xenophon; man kennt so Plato selber und Aristoteles; sogar Phidias kennt man. Und wenn man diese Gestalten so vor sich hat, dann entsteht ein Bild des Griechentums auf dem physischen Plan, das man zu einer geistigen Geschlossenheit erweitern kann. Man muß allerdings Geisteswissenschaft zu Hilfe nehmen. Wie durch die Sonne Licht gebracht wird in die Landschaft, so werden uns durch die Geisteswissenschaft beleuchtet die plastischen Gestalten des Homer, ja sogar auch die des Sokrates, des Plato, des Äschylos, Sophokles, Phidias und so weiter.
Nun versuchen wir einmal Lykurg, Solon, versuchen wir Alkibiades zu betrachten. Wie stehen sie da, wenn man die griechische Geschichte betrachtet? Wie richtige Gespenster. Wer von der menschlichen Individualität etwas versteht, der muß sagen, daß sie wie Gespenster in der Geschichte dastehen. Denn die Züge, die sie schildern, sind so abstrakt, so einseitig, daß sie ganz gespensterhaft dastehen. Nicht weniger gespensterhaft sind die Gestalten der späteren Zeiten, die nur durch äußere Dokumente zu einem historischen Dasein gekommen sind.
Ich sage das alles, damit wirklich eine Anzahl Seelen sich findet, die nach und nach die Möglichkeit haben zu erkennen, zu verstehen und zu durchdringen, wie es notwendig ist, daß ein neuer Einschlag, ein neuer Impuls in unsere Menschheitsentwickelung hereinkommen muß, auch bei demjenigen, was viele Menschen für so feststehend halten, daß ein Rütteln daran ihnen wie eine Torheit erscheint. Dazu brauchen wir aber vieles, vieles. Wir brauchen dazu das, was man nennen kann den Willen, in die Wahrheitszusammenhänge der Welt einzudringen, und wir brauchen Urteilskraft, um einzusehen, daß diese Wahrheitszusammenhänge nicht so ohne weiteres an der Oberfläche der Dinge liegen. Es ist unendlich wichtig, daß wir in dieser Beziehung vom Leben lernen. Denn viel, viel mehr als man glauben kann, tritt der Irrtum in die Weltentwickelung, in die Menschheitsentwickelung ein durch oberflächliches Haften an äußeren Tatsachenzusammenhängen, die wirklich - so wie sie uns entgegentreten in der Weise, wie ich es anfangs hier geschildert habe - die Wahrheit nur verhüllen können.
Gerade auf philosophischem Felde hoffe ich, daß namentlich durch die Art der Darstellung im zweiten Bande der «Rätsel der Philosophie» mancher die Möglichkeit gewinnt, wirklich den Zusammenhang einzusehen, der besteht zwischen der philosophischen Grundlegung der Weltanschauung, wie sie gegeben ist in meinem Buche «Die Philosophie der Freiheit», und der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, wie sie gegeben ist in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß». Wenn auf der einen Seite von uns gesucht wird eine Darstellung der geistigen Welten, wie sie der hellseherischen Erkenntnis sich darbieten, so muß auf der anderen Seite hinzutreten zur Entgegennahme dieser Darstellungen die Erkenntnis, daß der Mensch der Wahrheit nicht unmittelbar in der Welt gegenübertritt, sondern sie sich erst erringen muß. Die Wahrheit ergibt sich nur dem strebenden, dem arbeitenden, dem durch seine eigene Kraft in die Tiefe der Dinge dringenden Menschen, nicht dem Menschen, der die Dinge so hinnehmen will, wie sie sich als halbe Wahrheiten zunächst darbieten. Solch eine Sache ist leicht ausgesprochen in dieser abstrakten Form, aber immer wieder und wiederum ist unsere Seele geneigt, abzukommen von dem Tiefernehmen desjenigen, was eigentlich gemeint ist.
Ich glaube, daß es jetzt schon manchem verständlich sein könnte, der versucht hat, in die Geisteswissenschaft einzudringen mit all den Mitteln, die sie dargeboten hat, wie zum Beispiel in unserem Bau versucht wird, durch den Zusammenklang der Säulen und ihrer Motive und allem übrigen, was gegeben ist in den Formen, der Seele etwas zu überliefern, wodurch die Seele befähigt wird, hinauszukommen über das, was unmittelbar da ist. Wenn die Seele beginnt zu erleben, was in den Formen des Baues lebt, dann werden der Seele die unmittelbaren Formen verschwinden, und durch das, was in den Formen lebt, durch die Sprache der Formen, wird gefunden werden der Weg der Seele hinaus in die weiten Sphären des Geistigen. Dann wird unser Bau seinen Zweck erreichen. Aber um das zu finden, muß wirklich noch mancherlei vom Leben erlernt werden.
Meine lieben Freunde! Ist es nicht im Grunde genommen unser aller, die wir hier gerade zum Zwecke unseres Baues versammelt sind, merkwürdiges Karma, an dem erschütternden Ereignis des Todes von Theo Faiß den Zusammenhang von Karma und scheinbarem äußeren Zufall zu erfahren? Wenn wir alles, was wir in unserem anthroposophischen Bestreben bisher erfahren haben, zu Hilfe nehmen, dann können wir schon verstehen, daß Menschenleben, die früh hinweggenommen werden, die nicht die Sorgen und mancherlei Bekümmernisse des Lebens durchgemacht haben, und die noch unberührt vom Leben wieder hinübergingen, daß solche Menschenleben Kräfte sind innerhalb der geistigen Welt, die zum gesamten menschlichen Leben in einer Beziehung stehen, die da sind, um auf dieses gesamte menschliche Leben zu wirken. Oftmals sagte ich: die Erde ist nicht da als ein bloßes Jammertal, wohin der Mensch aus den höheren Welten heraus gleichsam zur Strafe versetzt ist, sondern die Erde ist da als Lehrstätte für die Menschenseelen. Wenn aber ein Menschenleben früh endet, wenn eine Menschenseele nur eine kurze Lehrzeit hatte, dann bleiben eben Kräfte, die sonst auf den physischen Leib verwendet worden wären, um aus der geistigen Welt herunterzuströmen und fortzuwirken. Nicht nur daß wir durch die Geisteswissenschaft überzeugt werden von der Ewigkeit der Seele und von ihrem Gang durch die geistige Welt, sondern wir lernen auch das Bleibende in der Wirkung einer solchen geistigen Kraft kennen, wenn ein Mensch dem physischen Leibe entrissen wird, wie der gute Knabe, der uns jetzt entrissen wurde für den physischen Plan. Und wir ehren, wir begehen seinen physischen Hinweggang in würdiger Weise, wenn wir in der angedeuteten und noch in mancherlei Hinsicht von dem in den letzten Tagen Erlebten lernen, recht, recht viel lernen. Anthroposophie lernt man fühlend und empfindend erleben. Dann schauen wir, wenn wir so uns einem solchen Fall gegenüberstellen, in richtiger Weise in jene Sphären hinauf, in die versetzt worden ist die Seele des Kindes, dessen Leib wir heute der Mutter Erde übergeben haben.
Dasjenige, was jetzt von vielen anthroposophischen Seelen hinausgeschickt wird zu Menschen, die ihre Persönlichkeit zum Opfer bringen, das darf mit einer kleinen Veränderung auch zu den für den irdischen Plan Toten gesprochen werden. Denn auch sie erreicht die Bitte, die wir also sprechen. Diese Bitte gilt Lebendigen, sie gilt auch Toten. Und wenn wir überzeugt sind, daß die Seele die Körperhüllen schon verlassen hat, dann sprechen wir das Mantram, das wohl die meisten der hiesigen Freunde kennen, mit einer kleinen Änderung, mit der kleinen Änderung, mit der ich es jetzt nachsenden werde dem lieben, guten Theo, seiner Seele, wie sie in Sphären als Sphärenmensch weiterlebt:
Geist seiner Seele, wirkender Wächter
Deine Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Deiner Hut vertrautem Sphärenmenschen;
Daß mit Deiner Macht geeint
Unsere Bitte helfend strahle
Der Seele, die sie liebend sucht.