Bauformen Als Welt- Und Empfindungsgedanken

GA 288 — 20 September 1916, Dornach

Worte am 3. Jahrestag der Grundsteinlegung des ersten Goetheanum

Es sind heute drei Jahre vergangen, seit wir uns auf diesem Hügel versammelten, seit eine Reihe unserer Freunde sich hier versammelte, um den Grundstein dieses Baues zu legen, der da sein soll ein Wahrzeichen für das Hereinbrechen jener geistigen Impulse in die neuere Kulturentwicklung, welche eine unbedingte Notwendigkeit in der neueren Kulturentwicklung geworden sind; eine Notwendigkeit, weil die für die Menschheit notwendige Welteneinsicht nur aus diesen Impulsen erhofft werden kann, weil das für das Menschenleben notwendige, liebevolle Menschenverstehen nur durch diese Impulse zu erhoffen ist. Wir begingen dazumal diese Feier mit dem Gefühle, einen wichtigen Augenblick derjenigen Geistesentwicklung zu erleben, die wir seit längerer oder kürzerer Zeit in unser Herz, in unsere überzeugende Kraft eingeschlossen haben. Durch unsere Gedanken ging dazumal alles, was an Menschen-Aufwärtsentwicklung das Menschenherz fühlen lässt. Wir dachten damals nicht an das, was, obzwar vorauszuschen, doch nicht immer bedacht werden sollte wegen jener geheimnisvollen Kraft, welche die Gedanken bergen, wir gedachten nicht jener leidensvollen, schmerzerfüllten Zeit, welche mittlerweile über die europäische Menschheit hereingebrochen ist. Es lag noch in der Zukunft, wenn auch in einer nahen Zukunft, dasjenige, was jedenfalls zu dem Allerschmerzlichsten gehört, das Erdenmenschen in dieser Zeit haben erleben können. Mag es noch so schmerzlich sein, was sie sonst erleben mussten, es gehört dieses Erleben, das mittlerweile über Europas Erde hingezogen ist, zu dem, was den Menschen schwer niederdrücken könnte, der nicht die Kraft des inneren Aufrichtens hätte aus dem tiefsten Bewusstsein des Webens und Wirkens der geistigen Welt heraus.

Jetzt, nachdem drei Jahre an unserem Bau gearbeitet worden ist, scheint ja wirklich nicht eine Zeit gekommen zu sein, um frohe Feste zu feiern. Man müsste wirklich seinem eigenen Herzen gegenüber in einer gewissen Weise unwahr sein, wenn man Festesstimmung nur aufkommen lassen wollte. Und so werden wir dasjenige, was Festesstimmung sein kann, einer anderen Zeit überlassen müssen; wir werden heute besser tun, wenn wir uns mehr zu Gemüte führen in einigen Gedanken, die an das anklingen, was gerade von diesem Orte aus hier schon gesprochen worden ist, die Ideale, die gerade - gewissermaßen als innerhalb unserer Bewegung geschichtlich stehend - uns erfüllten, als wir daran gingen, diesen Bau zu verwirklichen.

Ausgegangen ist dieser Gedanke ja von der hingebungsvollen Art, die viele Seelen, oder wenigstens eine Anzahl Seelen, die Jahre hindurch hatten, in denen unsere Bewegung, man möchte sagen, im Wandern gepflogen worden ist. Die Sehnsucht, unserer Bewegung eine eigene Stätte zu bauen, entstand am leuchtendsten, am energischsten in einer reifen Seele - in der Seele unseres unvergesslichen Fräulein Sophie Stinde in München - und zusammenfallend später mit dem, was sich als Notwendigkeit ergab für die Aufführungen unserer Mystepiele und desjenigen, was damit zusammenhängt. So war der Gedanke zunächst darauf gerichtet, unserer Bewegung und dem, was geistig durch unsere Bewegung fließt, eine Stätte zu bauen. Und aus diesem Gedanken wurde dann der andere heraus geboren, in dieser Stätte selber auch unsere geistige Bewegung zu verwirklichen, das heißt, diese Stätte so zu erbauen, dass in ihren Formen, in ihrem ganzen Wesen selber, äußerlich sichtbar eine Repräsentation unserer geistigen Bewegung vor der Welt dastehen könne. Dazu aber musste der Bau, um den es sich handelte, hineingestellt werden in lebendiger, produktiver Art nicht bloß in das moderne Geistesleben allein, sondern der Bau musste hineingestellt werden, in alle Notwendigkeiten, in alle werdenden Notwendigkeiten des modernen Geisteslebens. Es musste sozusagen nicht nur ein gleichgültiger Bau für unsere Seelen geschaffen werden, sondern es musste durch unsern Bau selber ein Kulturgedanke verwirklicht werden.

Da konnte die Frage vor die Seele treten: Was erfordert denn wie einen Baugedanken der modernen Kultur diese moderne geistige Kultur selber? Da konnte man ohne die Erkenntnis nicht auskommen, dass alle wirklich fruchtbaren Baugedanken, wie alle fruchtbaren künstlerischen Impulse überhaupt, zusammenhängend waren mit den geistigen Bewegungen der entsprechenden Zeitalter, mit den aufkommenden geistigen Bewegungen der entsprechenden Zeitalter. Man kann sich die griechische Baukunst nicht denken, ohne die Empfindung zu haben, dass die Formen dieser Baukunst selber wie der griechische Kulturgedanke sind: kristallisiert, in Form ergossen, in Form verlebendigt. Wer sich in den griechischen Baustil vertieft, der wird finden, dass das, was in diesem reinen griechischen Baustil geleistet worden ist, entspricht der in Empfindungen gefassten Weltanschauung des Griechentums; dem entspricht, was der Grieche als Antwort fühlte auf seine gewaltige Menschheitsfrage: Welche Kräfte sind es, die vom Erdensein aus wirkend tragen das menschliche Wesen, sodass es als menschliches Wesen harmonisch auf diese Erde gestellt ist?

Wenn man, sich ihn im Geiste wiedererschaffend, den alten Griechen hinwandeln sieht über das griechische Land in seiner eigentümlichen Weltempfindung, in seiner Art, die Welt mit ihrer Wesenheit anzuschauen, dann fühlt man in diesem Griechen, wie mehr oder weniger unbewusst dasjenige in ihm lebte, was gerade wie aus den Schwerkräften der Erde emporschießen konnte, um — so wie er sich als Erdenmensch fühlte zwischen Geburt und Tod - diesen Griechen auf die Erde hinzustellen. Das Widerspiel dieser griechischen Empfindung lebt in den schönen Maßen, in der wunderbaren Statik der griechischen Baukunst, lebt in jener inneren Geschlossenheit der griechischen Baukunst, welche die Form dieser Baukunst erscheinen lässt wie herausgewachsen aus den geheimnisvollen Schwerekräften und statischen Kräften des Erdenkörpers selber, aus jenen Kräften, die in ihrer inneren, maßvollen Harmonie zugleich durchwellen und durchweben das, was die griechischen Tragiker, was Homer, was die griechische Plastik, was auch die griechische Philosophie geschaffen hat. Eine große Kunstströmung kann nur kommen aus einer eindringlichen Weltanschauung. Der Grieche wollte leben im Geist der Erde. Aus dem Geiste der Erde heraus erschuf er sich seine baukünstlerische Statik.

Wir lassen den Blick hinweggleiten über Jahrhunderte und wir finden, indem wir mit der für solche überschauende Betrachtung notwendigen Ungenauigkeit sprechen müssen, wie unter dem Einfluss des Mysteriums von Golgatha und unter den Impulsen, welche einen Teil der Erdenmenschheit hingetrieben haben zu dem Verständnisse dieses Mysteriums von Golgatha, neue baukünstlerische Formen sich entwickeln. Wir sehen, wie der Mensch hinzuentdeckt hat für seine Empfindung, dass er nicht nur drinnen steht mit seinem Sein, das zwischen Geburt und Tod verläuft, in erdengeistiger Wirksamkeit, sondern dass von oben die Weltenseele durchdringt und durchgeistigt alles dasjenige, was der Mensch wirken kann auf der Erde. Und wir sehen als äußere Verkörperung dessen, was die mittelalterliche Menschheit von oben, von dem Himmelsgeiste, so empfangen hat wie der Grieche seine Impulse von dem Erdengeiste, wir sehen so entstehen die mittelalterliche Baukunst.

Mittelalterliche Baukunst wird wiederum durchgeistigt, durchwellt und durchwirkt von dem energischen, mächtigen Strom der durch die Welt aufklärend gehenden Weltanschauung. Vieles müssten wir anführen, wollten wir zeigen, wie christlicher Geist sich in die Kunst hineinlebt. Vieles müssten wir anführen, um zu zeigen, wie christlicher Geist sich hineinlebt in die vorraffaelische, in die raffaelische Kunst, in die Kunst Leonardos, Michelangelos, wie christlicher Geist sich hineinlebt in die himmelanstrebende Gotik, vieles anführen, wenn wir all die Impulse kennzeichnen wollten, die so gewaltig da zum Ausdruck gekommen sind, wo man in der Charakteristik der Gestalt das Wirken und Sprechen der durch den himmlischen Geist beflügelten Seele auszudrücken suchte, was dann die höchste Entfaltung in Dürer, in Holbein gefunden hat. Denn ein Gleiches wie in der gotischen Baukunst lebt bei Dürer, lebt bei Holbein.

Damit aber sind wir auch schon, gleichsam in großer Überschau, die natürlich notwendigerweise ungenau sein muss, heraufgekommen bis in die neueste Zeit. Und da wird der Menschengeist gewissermaßen gehalten, als über Europa, über Mitteleuropa namentlich hingeht das Elend des Dreißigjährigen Krieges, dem vorausgegangen war eine wunderbare Erhebung der Herzen zur Freiheit in solchen Bewegungen wie die des Zwingli, des Hus und ähnlichen. Man sieht dann - erst, ohne dass es vollständig verstanden werden kann, aber dann so, dass es deutlich wird - dieses ganze Elend des Dreißigjährigen Krieges, geschürt und aufgebracht durch einen Geist, der in sich viel schon hatte von dem späteren jesuitischen Geiste. Und wir sehen unter dem Einflusse dieses scheinbar den Geist pflegenden Impulses heraufkommen gerade die Kräfte, die den Materialismus über Europa hin ergießen. Wir sehen heraufkommen jene Zeit mit einer Weltanschauung, die zwar dem inneren menschlichen Empfinden nach nur auf das Materielle gehen will, die aber nicht das Materielle erfassen kann, weil sie den Geist in der Materie nicht erfassen will. Wir sehen über Europa hingehen eine Weltanschauung, welche die Freiheit nicht sich entfalten lassen will, weil sie immer mehr und mehr einzwängen will alles das, was nach Freiheit strebt, in starren, blinden Gehorsam. Wir sehen, wie Menschlich-Allzumenschliches sich hineinergießt in das, was als Geist die Geschichte durchströmt. Und wir sehen unter diesem Einflusse entstehen die Unmöglichkeit, aus dem, was geistig lebt, unmittelbar Formen in Kunst zu verwirklichen.

Und es entsteht zunächst die geistliche Barockkunst, die durchaus ein getreulicher Ausdruck der neueren Zeit ist, die aber zeigt, wie in ihr das, was in menschlichen Gedanken, in menschlichen Empfindungen lebt, in subjektiv-willkürlicher Weise sich zum Ausdrucke bringt in der künstlerischen Form, in den künstlerischen Werken überhaupt. Nicht mehr sehen wir, wie die Seele sich gedrängt fühlt, Erdenstatik-, Erdenschwere-Geheimnisse mitzuerleben, wie sie es getan hat, als sie griechische Tempel baute. Nicht mehr sehen wir die Seele unmittelbar dasjenige zum Ausdruck bringen, was sie miterlebt, wenn sie sich vertieft in Himmelshöhen, wie sie es damals tat, als sie die Gotik schuf, als Dürer seine so viel aussprechenden Gestalten den Erlebnissen anpasste, die seine große Seele durchtränkten. Vielmehr sehen wir, wie versucht wird, dasjenige, was Baugedanken sein sollen, überall zu durchsetzen mit dem, was der menschliche Verstand, was die menschlich-allzumenschlichen Empfindungen durchtränkt. Wir sehen, wie sich in die Säulen, in die Trägerordnung allerlei Gestalten einschieben, die nicht baugedanklich wirken, sondern die dekorativ allein wirken sollen, die aus der menschlichen Absicht entspringen, die nicht reinlich zu scheiden weiß den plastischen Gedanken, den malerischen Gedanken von dem architektonischen Gedanken, und die wiederum nicht zu verbinden weiß - weil sie nicht reinlich zu scheiden weiß - diese verschiedenen Arten von Motiven.

Wir mehr von ihrer wahren Innerlichkeit erfüllte religiöse Weltanschauung zu tragen. Wir betreten da manchen Kirchenbau, dessen Säulen wir nicht mehr verstehen, weil sie nicht aus den objektiven Verhältnissen der Welt heraus studiert sind, sondern weil sie zum Ausdrucke einer Weltanschauung werden sollten, aus der selber schon die unmittelbare elementare Kraft entflohen war. Man geht durch Säulengänge, in denen Säulen Formen haben, die nicht architektonisch, sondern malerisch sind. Nischen werden in malerischer Art durch Säulen begrenzt. Aber Geheimnisvolles soll sprechen aus solchen Nischen, geheimnisvoll soll aussehen, wie diese Säulen tragen das, was sie zu tragen haben. Menschliche Heiligenfiguren sehen wir an den unmöglichsten Stellen angebracht, nicht hervorgehend aus einer unmittelbaren architektonischen Notwendigkeit, die die Plastik an rechter Stelle und die Malerei an rechter Stelle hervorgehen lässt aus der Architektur. Wir sehen, wie durch die Kunst etwas wirken soll, was nicht mehr unmittelbar als Weltanschauung dient; wir sehen heraufkommen die materialistische Weltanschauung, die aber ohnmächtig ist, sich eine wirkliche Kunstform, die ihr angemessen ist, zu schaffen. Und da war denn der Weg nicht mehr weit, der zu den Ausartungen des Barockstiles führte, jenes Stiles, der deshalb interessant und bedeutungsvoll ist, weil er zeigt, wie die neuere Zeit sich mit ihrer vom Geistigen abgewendeten Art ausleben will, wie sie aber nicht finden kann irgendeinen original künstlerischen Gedanken, sondern nur die Gedanken des Alltäglichen, von dem man erfüllt ist, mehr oder weniger unkünstlerisch auszuprägen imstande ist. Besonders deutlich wird dies, als der Barockstil - man könnte sagen- den Jesuiten entrissen wird durch Ludwig XIV. und ins Weltliche umgesetzt wird.

Niemals allerdings blieb der Menschheit unbewusst, dass dasjenige, was Monumentalkunst sein soll, nicht ohne Zusammenhang sein dürfe mit dem Höchsten und Größten, was die Menschheit finden kann, wenn sie sich in das Weltenall vertieft. Aber nur wie ein Einschlag in das moderne Menschlich-Allzumenschliche mischte sich hinein dasjenige, was in einer etwas starren, in einer etwas akademischen Form, wie wir heute sagen würden, sich geltend machte wie eine Erneuerung des antiken Kunstwesens, mitten hinein in den Barockstil, den wir oftmals, man könnte sagen, in barocker Weise vermischt sehen mit dem Antiken. Sodass wir gerade in der Kunst, die an den Namen Ludwigs XIV. geknüpft ist, sehen, wie steif klassische Formen nach außen im Innern allzumenschlichste Barockformen bergen, durch die der menschliche Geist nicht irgendwie Einlass finden will zu irgendwelchen - seien sie auch naheliegende - Weltengeheimnissen, sondern durch die er nur fortleben lassen will seine Launen, sein alltägliches Fühlen und Empfinden in den Formen, die ihm rings herum an den Wänden erscheinen.

Und so sehen wir, wie Bauten entstehen - ich will aus gewissen Gründen nicht einzelne Bauten nennen, weil sie ja auch von der heutigen Zeit noch nicht in der richtigen Weise beurteilt werden und daher die Beurteilung nicht verstanden würde —, wie Bauten entstehen, die geradezu in Formen gegossene menschliche Champagnerlaunen sind, vom innersten künstlerischen Bedürfnis aus beurteilt. Wir sehen, wie der barocke Voltairismus des Denkens an zahllosen Orten wieder erscheint in der barocken Ausgestaltung der künstlerischen Form. Aber nicht so, wie griechische oder gotische Formen angepasst sind dem innersten Wesen der menschlichen Weltanschauung und Weltempfindung, sondern so, wie ein Äußerliches nachgemacht ist dem, was der Mensch in seinem Inneren erlebt.

Und wir erleben es dann, wenn wir den Blick weiter über die Entwicklung des menschlichen Kunstwesens richten, wie im 18, Jahrhundert die menschliche Sehnsucht zurückgeht, um die Griechen wieder aufleben zu lassen, die griechische Empfindung, den griechischen Kunstsinn wieder heraufkommen zu lassen. Wir sehen, wie ein solcher Geist wie Winckelmann eine wahrhaft religiöse Weihe darin sucht, Griechengeist, griechischen Kunstgeist wieder zu verstehen: Wir sehen dann, wie unter diesen Anregungen Winckelmanns das 19. Jahrhundert strebt, künstlerische Formen, die da waren, wieder zu erzeugen. Aber es hatte die Weltanschauung des Materialismus niemals die Kraft, die innere Kraft erringen können, die dazugehört, dasjenige, was gedacht, gefühlt, innerlich empfunden wird, so stark zu denken, zu fühlen, zu empfinden, dass es sich wie von selbst in seine eigenen Formen ausgießt, wie es beim Griechentum, wie es bei der Gotik der Fall war. Und so sehen wir denn im 19. Jahrhundert jenes wunderbare, aber doch im Grunde genommen merkwürdig äußerlich gebliebene Streben eines Overbeck, eines Cornelius, zu schaffen Formen, zu schaffen künstlerische Gestaltungen, aber ohne den mächtigen, durchströmenden Impuls einer Weltanschauung. Alte Motive, alte Weltanschauungen werden gesucht, alte Vorstellungen sollen aufleben.

Insbesondere die Baukunst litt unter dieser Ohnmacht des modernen materialistischen Denkens. Schönes, großartig Schönes in der Wiedererneuerung der Renaissance, in der Wiedererneuerung der Antike ist hervorgebracht worden von den Baukünstlern des 19. Jahrhunderts. Aber alles steht, ich möchte sagen, unter dem Impuls, der eben angedeutet worden ist. Studieren Sie ein so wunderbares Aufleben der Renaissance wie das durch Gottfried Semper - Sie können es studieren am Polytechnikum in Zürich - und Sie werden sehen, wie unmöglich der Baugedanke irgendwie fassen kann dasjenige, was durch den Baugedanken zum Ausdruck kommen soll.

Und so sehen wir denn jene Zeit dann herankommen, wo gerade die Architektur sich — wenn auch in einer gewissen Größe, weil sie alte Formen in einer wunderbaren Weise studiert hat und zum Ausdrucke bringt - doch in ihrer Ohnmacht zeigt gegenüber den höheren Entwicklungsimpulsen der Menschheit. Wir sehen, wie griechische Formen gleichsam wie eine äußere Schale herumgebaut werden um jene Körperschaften, die eigentlich im Grunde genommen nur dasjenige verschandeln, was sie selber nicht kennen, wie es etwa mancher moderne Baukünstler getan hat, wenn er griechische Formen wie Schalen herumgewickelt hat um die modernen Parlamente. Oder wir sehen, wie die Gotik tief kennende Baukünstler, die mit ihrem Herzen und mit ihrer Seele ganz ferne stehen dem alten Katholizismus, die Gotik wie eine äußere Schale herumbauen um dasjenige, was geschehen soll in dem gotischen Bau, dem sie aber vollständig fernestehen mit ihrem eigenen Fühlen, mit ihrem eigenen Empfinden. Und so stehen wir mit einer feineren Kunstempfindung vor solchen Bauten, indem wir fühlen, sie sind aufgerichtet von Menschen, die wahrhaftig mit ihrem Herzen, mit ihrem Empfinden dem Messopfer, das darin verrichtet wird, recht fernestehen, all dem fernestehen, was da geschieht.

Wie anders wirken die Bauten, die ausgeführt worden sind von denen, die noch mitfühlen konnten mit den alten christlichen Gefühlen, welche empfunden wurden in den Zeiten, in denen die Hostie noch unter anderen Empfindungen eben als in der neueren Zeit zur Konsekration in die Höhe gehoben worden ist; wie anders jene Bauten, welche wirkten wie die verkörperte Mystik gegenüber dem kalten Leben der Gegenwart, wenn man dieses Leben sucht im Gesamtzusammenhange des Geistig-Sozialen der Menschheit; wie anders bei den Bauten, in deren Steinzusammenfügung nichts sich ergossen hat von dem, was darinnen als heilige Handlungen und als die Menschenseele durchzitternde Gefühle vor sich gehen soll! Und so hat man denn oftmals dieser Kunst gegenüber dasselbe Gefühl, das man hat - betrachtet man wirklich Kunstwerke mit Anteil -, wenn ein Atheist eine Madonna malt!

Nur aus diesem Empfinden heraus konnte der Impuls zu dem Kulturgedanken entstehen, der für unseren Bau notwendig war. Die alten Impulse, sie sind, wie wir wissen, nicht mehr bis zu der Lebendigkeit zu bringen, dass sie sich in Formen ausleben können. Was in den alten Formen geschaffen wird, es wird doch nur antiquiert sein. Aber glauben dürfen wir, dass unsere Geisteswissenschaft eine solche starke innere Kraft hat, dass sie Formen aus sich gebären kann. Und diejenigen Formen, von denen geglaubt werden darf, dass sie durch einen innerlichen lebendigen Prozess aus unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung hervorgehen, die wollten verwirklicht werden an unserem Bau. Und jener Zusammenhang sollte sich dadurch wieder zeigen, der zwischen der Kunst und der Weltanschauung bestehen muss, und der immer sich doch nur dadurch wird ausdrücken lassen, dass eine Madonna nur malen kann, wer einen Impuls für Empfindungen gegenüber der Madonna in seiner Seele trägt. Den werden die modernen Menschen so nicht in der Seele tragen, dass sie künstlerische Formen daraus in Wahrheit machen können.

Neue Impulse müssen durch die Geisteswissenschaft in die Menschheit kommen, wenn die Menschheit sich nicht selber ad absurdum führen will. Daher muss der Anfang gemacht werden mit neuen künstlerischen Formen, die sich von selbst ergeben durch eine neue Weltanschauung. Wer daher so recht verstehen will, was der Bau, zu dem wir vor drei Jahren den Grundstein legten, darstellen will, der muss dies verstehen aus der lebendigen Erfassung unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, muss verstehen, wie das, was als ein Anfang gewollt ist, herausfließt aus jener Synthesis zwischen Himmels- und Erdenauffassen, die wir geisteswissenschaftliche Weltanschauung nennen, wie die griechische Baukunst herausgekommen ist aus der Erdenanschauung des Griechentums, wie die Gotik herausgewachsen ist aus der Himmelsanschauung des mittelalterlichen Christentums.

Blöde müssten wir sein, wenn wir glauben wollten, dass mit einem ersten Anhub nur Erträgliches im höheren Sinne, um gar nicht zu sagen Vollkommenes, gleich geleistet werden sollte. Unvollkommenes kann für den ersten Anfang selbstverständlich nur geleistet werden. Und niemals werden wir anders denken können als uns gestehen, dass dasjenige, was wir begonnen haben, recht unvollkommen ist; ein erster, ein allererster Anfang zu Formen, die entstehen müssen, die vielleicht in vieler, vieler Bezichung ganz, ganz anders sein werden als das, was mit unserem Bau erreicht ist. Aber das kann man dem Bau wohl schon ansehen, dass mit ihm gesucht ist ein lebendiges Hervorwachsen der künstlerischen Formen aus dem Impulse, aus dem Empfinden, die unsere Weltanschauung durchpulsen.

Daher, dass so vieles anders ist, kommt es, dass diejenigen, die zu denen gehören, die niemals etwas Neues dulden wollen, eben nicht verstehen können, begreiflicherweise nicht verstehen können dieses, was so anders ist als das, was in den bisherigen Formen, in der bisherigen Art der Plastik, in der bisherigen Art der Malerei empfunden wurde. Nur wenn wir in dieser bescheidenen Weise Unvollkommenes, einen unvollkommenen Anfang sehen in unserem Bau, dann werden wir das rechte Gefühl haben, das man ja haben kann gerade für Anfänge einer Entwicklung, weil man in den Anfängen einer Entwicklung erfühlen kann, was ganz anderes noch geschaffen werden kann aus dem unvollkommenen Anfang heraus, der nichts weiter geben will als eine Anregung.

Nun ist drei Jahre an dem Bau gearbeitet worden, und diejenigen, deren Herz verbunden ist mit dem, was durch den Bau beabsichtigt ist, werden jetzt erfüllt sein von wahrem Dankgefühl gegenüber all jenen, die ihre Opfer gebracht haben für das, was geschehen sollte - Opfer in dieser oder jener Form -, die ferner gebracht haben ihre Arbeitskraft; und viele schöne, herrliche Arbeitskraft ist ja in dasjenige hineingeflossen, was auf diesem Dornacher Hügel vor uns liegt. Und haben auch gerade diese drei Jahre Schweres zu fühlen und zu empfinden gebracht für unsere Bewegung, so dürfen wir doch sagen: Wie sich die Dinge auch entwickeln mögen, was auch für unsere Bewegung aus dem Karma erfließen möge - das, was empfunden werden durfte im Zusammenhange mit dem, was getan worden ist, ist gerade tief aus dem Wesen unserer Bewegung fließendes Empfinden, das zu den schönsten Früchten des modernen Empfindens wirklich wohl mitgezählt werden darf.

Wir sahen manche Metamorphose dieses Empfindens; wir sahen z.B. manche Menschen, wie unser unvergessliches Fräulein Stinde, deren ganzes Herz und ganze Seele daran hing, dass dieser Bau gerade in München aufgeführt würde, in hingebungsvoller Art ihre Empfindungen umändern, um mitzuerleben die durch das Karma herbeigeführte Transformation. Ob diejenigen Entschließungen absolut richtig waren, die dazumal getroffen worden sind zu dieser Transformation, das wird ja erst die Zukunft lehren können, wenn die Tatsachen zeigen werden, wie von der Kultur der Gegenwart dasjenige aufgenommen wird, was anthroposophische Bewegung ist. Manches von dem, was erwartet werden konnte, ist ja ausgeblieben, und es würde heute wie törichte Ruhmredereien erscheinen, wenn auch nur einiges von dem betont würde, was mit Recht als ausgeblieben bezeichnet werden könnte. Der Bau war da. Er zeigte auch in äußeren Formen, dass eine gewisse Bewegung da ist.

Man sehe sich an das Verzeichnis der Literatur unserer Bewegung in vielen Sprachen der gegenwärtigen gebildeten Welt, und man sehe daraus, wie viel Gelegenheit gegeben war, unsere Bewegung zu verstehen, wie viel Gelegenheit gegeben war, dasjenige, was auf dem Dornacher Hügel erstand, in Zusammenhang zu bringen mit gewissen Notwendigkeiten unserer Kulturbewegung, Man hätte insbesondere erwarten können in der heutigen Zeit, die der Menschheit eine so schwere Prüfung auferlegt, dass sich auch Urteile geltend gemacht hätten, die gerade mit Rücksicht auf diese schwere, leidensvolle Zeit Verständnis gezeigt hätten für die tiefere Kulturbedeutung dieser geisteswissenschaftlichen Richtung. Stimmen von dieser Art: Man darf sagen, auch nicht eine war da, die von außen gekommen wäre während der schweren, leidensvollen Kriegszeit, nur wenige, vereinzelte, die von innen aus der anthroposophischen Gesellschaft selbst gekommen sind, und die naturgemäß dadurch, dass die Außenwelt so wenig Verständnis der Bewegung entgegenbringt, im Winde verhallen mussten.

Und so können wir denn heute, wo wir haben zurückblicken wollen gewissermaßen auf die Impulse, die uns vor drei Jahren beseelt haben, nur wiederum neuerdings innerlichst geloben, treu bleiben zu wollen diesem Impulse, Verständnis suchen zu wollen für dasjenige, was diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung mit alldem, was mit ihr im Zusammenhange steht, der sich entwickelnden Menschheit sein soll. Von außerhalb Europas, vom fernen Asien, kommen jetzt Urteile, die in gewisser Beziehung zutreffender sind in der Beurteilung der europäischen Weltlage als alles dasjenige, was Europa durchtost. Aber gerade solche Urteile zeigen, dass die Erneuerung Europas nur durch die geisteswissenschaftliche Weltanschauung möglich ist. Möge das Verständnis für sie wirklich kommen.

Wir leiden unter dem Karma der Gedankenlosigkeit, jener Gedankenlosigkeit, die zu gleicher Zeit brutal ist, weil sie überall dasjenige gern zertritt, was nur ahnt, welche geistigen Notwendigkeiten unserer Zeitentwicklung zu Grunde liegen. Merkwürdig, merkwürdig: Die Sehnsuchten - ich habe es oftmals gesagt - die leben überall auf, jene Sehnsuchten, die sich selber nicht verstehen, weil sie nicht wissen, wohin sie sollen, und weil sie durch die Brutalität der Zeit den Weg nicht finden können zu dem, was als Weltanschauung unser Bau bedenkmalen soll. Derjenige, der ein wenig hinblickt auf seine Zeit, der findet viele, viele Zeichen der Zeit; aber nur Zeichen für Sehnsuchten.

Da ist, man möchte sagen, ein sonderbarer Kauz, ein einfacher Zimmergeselle, der aber durch das, was er geworden ist, ein lebendiger Zeuge ist gegen das unsinnige Urteil der neueren Zeit, welches da sagt, dass Geisteswissenschaft nur etwas sein könnte für gebildete Menschen und nicht für die einfachen Seelen. Ein unsinniges Urteil ist dieses; denn gerade die einfachsten Seelen fühlen in sich jene Sehnsuchten, die ihnen wirklich befriedigt werden können, wenn sie nicht abgehalten werden durch die sogenannte brutale Zeitbildung von ihren Sehnsuchten. Welche Sehnsuchten atmen in Worten wie diesen eines einfachen Zimmergesellen, der einige Bücher gelesen hat, sich umgesehen hat in dem, was man für die Gegenwart erschnen will und kann, und der sich ausdrückt in folgenden Zeilen:

In die Traum- und Geistersphäre
Scheint es, bin ich eingezogen,
Und es flüstern jene Wogen
Mir manch fremd Geheimnis zu.
Und des Lebens Töne wallen
Aus dem Busen der Natur,
Nebelhüllen seh’ ich fallen
Von des Weltgeheimnis ew’ger Spur.

Man komme nur den Sehnsuchten entgegen und finde die Wege zu den sehnenden Menschenherzen! Hinblicken können wir von diesem einfachen Zimmergesellen, der sogar ein sonderbarer Kauz ist, wie ich sagte, der sich versuchte durchzuringen vom Erkennen zum Schauen - hinblicken kann man zu dem Mann, den ich auch schon angeführt habe, zu Christian von Ehrenfels, der Professor an der Prager Universität ist und von dem ich gesagt habe, dass er in seiner «Kosmogonie» versucht, sich eine Vorstellung zu machen von dem «Rückwärts-Vorstellen», wo wir sehen die Sehnsucht sich hinneigen nach dem Weg, der gerade durch die geistige Vertiefung in der Rückwärtsschau erreicht werden soll, angestrebt werden soll.

Die Finsternis der gegenwärtigen sogenannten Philosophie lässt natürlich solche Geister nur beschränkt schauen, lässt aber manchmal Sehnsuchten in ihnen aufsprießen. Doch die verblödende Zeitbildung hält sie zurück vom Verständnis der Geisteswissenschaft. Und so bleibt es bei ihren Sehnsuchten. Aber diese Sehnsuchten sind manchmal recht merkwürdig. Und diese «Kosmogonie» des Christian von Ehrenfels, sie schließt in merkwürdiger Weise. Er suchte sich auf seine Art, dieser Professor, die Welt und den Weltenlauf anzusehen, suchte sich die Bedürfnisse der Gegenwart klarzumachen aus dem Lauf der Geschichte; und was sagt er zum Schluss:

«In diesem Sinne und nach dieser Perspektive habe ich die menschliche Geschichte aufzufassen versucht und bin hierbei zu folgendem Schluss gelangt — den ich jedoch jetzt nur erst ohne das Rüstzeug wissenschaftlicher Argumente, als bloß ahnende Antizipation mitzuteilen vermag: In Gott ist mit der Erhebung des menschlichen Intellektes (und wahrscheinlich mit ähnlichen Prozessen auf anderen Himmelskörpern) das Selbstbewusstsein erwacht und eine Phase der Verinnerlichung seines Wirkens angebrochen. In und mit dem Menschen sucht Gott nach einer führenden Idee, welche fähig wäre, sein bisher triebhaftes Gestalten in Bahnen des Zweckbewusstseins zu leiten. Diese Idee ist noch nicht gefunden.»

Denken Sie, solch ein Mensch nennt natürlich den nächsten Geist, den er noch ahnt, seinen Gott, wie es ja überhaupt die neuere Zeit tut. Aber so viel hat er von der Geschichte verstanden, dass er in einer Zeit lebt, in der dieser nächst ihm stehende Geist mit der Menschheit etwas vorhat, in einem entscheidenden Wendepunkte steht. Sodass er sich sagt: «In Gott selber ist eine Phase der Verinnerlichung seines Wirkens angebrochen.» Das fühlt er doch. «In und mit dem Menschen», sagt er weiter, «sucht Gott nach einer führenden Idee.» Als Mensch fühlt er sich nicht mächtig genug, denkend stark genug nach führenden Ideen, führenden Zielen; aber er ahnt einen Gott, der nach führenden Ideen sucht, «welche fähig wären, sein bisher triebhaftes Gestalten», das Gestalten des Gottes, «in Bahnen des Zweckbewusstseins zu leiten. Diese Idee ist noch nicht gefunden.» Damit schließt das Buch. So möge denn ein Gott, der irgendwo schwebt, eine führende Idee finden aus dem triebhaften Wollen heraus. So schließt ein philosophisches Buch, das in der unmittelbaren Gegenwart geschrieben worden ist.

Wo wir hinschauen — die zwei Beispiele, die ich angeführt habe, das eines Zimmergesellen und das eines Universitätsprofessors, sie könnten ins Hundertfache, ins Tausendfache vermehrt werden -, überall würde sich zeigen, wie die Sehnsuchten da sind, die durch das verwirklicht werden sollen, was durch unsern Bau ausgesprochen werden soll. Wenn man einsehen wird, wie dieser Bau von allem Konventionellen ferngehalten werden musste, und wie nur dasjenige, was aus der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung als Empfindungsimpuls fließt, in ihm verkörpert sein soll auf diese Weise - wenn man einsehen wird, wie wir uns fernhalten mussten nach der anderen Seite von jener äußeren Symbolisierung, wie sie in stumpfen, äußerlich okkulten Gesellschaften und den nach Okkultismus strebenden Gesellschaften überall auftritt - wenn man verstehen wird, wie zwischen dem Konventionellen und dem schalen Symbolismus der neueren Zeit die Wahrheit im Baugedanken gesucht werden musste, dann wird man auch aus diesem Baudenkmal heraus finden, welche fruchtbaren Keime und produktiven Impulse in der Geisteswissenschaft sein wollen.

Nehmen wir zu alldem, was die Zukunft bringen mag, solches Wollen, solches Fühlen in unsere Seele auf, dann wird der Bau auch schon in dem, was er bis heute nach drei Jahren ist, für uns das sein können, was wir als einen Anfang empfanden, als wir vor drei Jahren, erfüllt von unseren geisteswissenschaftlichen Idealen, den Grundstein legten. Fühlen wir dies insbesondere mitten in der Zeit, in der ganz andere Impulse sich selber ad absurdum führen; versuchen wir zu fühlen, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt. Man wird sehen, dass man es fühlen kann, wenn man will. Vieles ist allerdings von diesem Fühlen noch nicht gerade verwirklicht worden. Aber in vielen unserer Seelen lebt ehrliches, echtes Wollen; und dieses ehrliche, echte Wollen wird, wenn es sich selbst Treue hält, zu der Ehrlichkeit des Wollens Verständnis hinzufügen, und dann wird in aller unserer Seelen der andere Grundstein sich formen können, der vielfach vermannigfaltigend dasjenige geistig in die Welt hineintragen will, was für unsere Idee sich errichten wollte über dem physischen Grundstein, den wir vor drei Jahren weihevoll der Erde anvertrauten hier auf diesem Hügel.

German original of Architectural Forms Considered as the Thoughts of Culture and World-Perception · Next →