Architecture, Sculpture and Painting of the First Goetheanum
GA 288 — 10 April 1915, Basel
Ein Dornacher Bau in Seiner Gestaltung als Haus für Geisteswissenschaft
Am gestrigen Abend versuchte ich hier eine Betrachtung anzustellen über das, was geisteswissenschaftliche Weltanschauung sich als Ziel setzt, über die Quellen, aus denen sie stammt, und ich versuchte darauf aufmerksam zu machen, wie diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung sich in einer ähnlichen Weise in die geistige Kulturentwicklung der Menschheit hineinstellen will, wie sich vor Jahrhunderten die naturwissenschaftliche Weltanschauung in das Geistesleben der Menschheit hineingestellt hat. Den meisten der verehrten Zuhörer ist ja bekannt, dass hier in diesem Lande, in der Nähe von Basel, auf einem in herrlicher Naturumgebung liegenden Hügel, in Dornach, ein Bau aufgerichtet werden soll - zum Teil ist die Arbeit an diesem Bau schon bis zu einem gewissen Grade fortgeschritten -, der der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung dienen soll, der gewissermaßen eine Stätte sein soll, in der diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung in rechter und würdiger Weise gepflegt werden kann.
Nun ist es ja gewiss nicht möglich, irgendetwas Unfertiges zu beurteilen. Aber unter den mancherlei Stimmen und Beurteilungen, die denjenigen von der Außenwelt zugekommen sind, welche mit diesem Bau zu tun haben, ist denn doch so viel Abenteuerliches, so viel die Sache ganz und gar Missverstehendes und Nichtzutreffendes, dass es vielleicht einmal von Interesse sein könnte, über das Prinzipielle, was mit diesem Bau gewollt wird, hier in dieser Stadt, in deren Nähe ja dieser Bau sich befindet, zu sprechen. Ich habe ausdrücklich zu bemerken, dass ich mich am heutigen Abend nicht einlassen werde auf die Besprechung der künstlerischen oder sonstigen Details dieses Baues, dass ich mich mehr auf die allgemeine Darstellung desjenigen beschränken werde, was diesen Bau charakterisieren kann als eine Umrahmung der geisteswissenschaftlichen Forschung. Wer sich in die geisteswissenschaftliche Weltanschauung eingelebt hat und zugleich weiß, welches die Denk- und Empfindungsgewohnheiten der Gegenwart sind, den wird es durchaus nicht wundernehmen, wenn von denjenigen Seiten, die sich noch wenig befasst haben mit der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, allerlei Phantastisches, Träumerisches, vielleicht sogar Verrücktes und Verdrehtes in dieser geisteswissenschaftlichen Weltanschauung gesehen wird. Im Grunde genommen wird das gerade demjenigen ganz selbstverständlich erscheinen, der in der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung mit seinem ganzen Seelenwesen darinnen steht. Ebenso wenig aber wird sich ein solcher darüber verwundern, dass die architektonische Umrahmung eines derartigen Baues, die - und das sei ausdrücklich gesagt - als ein erster, schwacher Versuch unternommen wird, der Außenwelt noch vielfach als etwas Abenteuerliches, Phantastisches, Sonderbares erscheinen kann. Wird doch dasjenige, was in dieser geisteswissenschaftlichen Weltanschauungsströmung lebt, mit all den Menschen, die sich zu dieser Weltanschauungsströmung bekennen, heute vielfach und ganz begreiflicherweise nach Äußerlichkeiten genommen.
Um nur eines, wirklich nur als etwas Symptomatisches, zu erwähnen: Ich wurde einmal nach einem Vortrag gefragt, ob man denn müsse, wenn man als Frau in der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung stehe, kurze Haare und absonderliche Kleidung tragen? Das könne einem doch nicht ganz besonders gefallen. Ja, ich wurde auch gefragt, ob denn irgendjemand glauben könne, dass Frauen durch das Abschneiden ihrer Haare und das Tragen absonderlicher Kleider irgendwie in der geistigen Entwicklung ganz besonders vorwärtskommen können? Solche Fragen sind wirklich gestellt worden, und sie unterscheiden sich eigentlich nicht prinzipiell von mancherlei Absonderlichem, das von mancher Seite gehört werden kann, nicht nur über die Art und Weise, wie der Dornacher Bau geformt ist, sondern auch über dasjenige, was in diesem Dornacher Bau getrieben werden soll, was da alles Geheimnisvolles in diesem Bau in der Zukunft vor sich gehen soll. Nun glaube ich, dass sich ein Verständnis am leichtesten ergibt über die Gestaltung dieses Baues als eines Hauses für geisteswissenschaftliche Weltanschauung, wenn wenigstens mit einigen Strichen hingedeutet wird auf die Entstehung des Baues.
Geisteswissenschaftliche Weltanschauung wird seit Jahren von einer Anzahl von Menschen getrieben. Sie musste ja selbstverständlich im Beginn ihrer Entwicklung gepflegt werden in Räumlichkeiten, die man gegenwärtig nun einmal in der Welt hat. Nun stellte sich in verschiedenen Städten, darunter in einer Stadt Deutschlands, heraus, dass die Räumlichkeiten, deren man sich bis dahin bedient hatte, allmählich, da die Zahl der Teilnehmer in der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung wuchs, zu klein wurden. Da dachte man darüber nach, wie man dazu kommen könne, zunächst in dieser Stadt ein eigenes Haus für die Pflege der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung zu bauen. Da nun die geisteswissenschaftliche Weltanschauung aus ihren Quellen nicht nur gewisse ihr eigene Ideen von Schönheit und Kunst hervorbringt, sondern auch befruchtend auf die künstlerische Schöpferkraft selbst wirken kann, so wollte man einen Bau aufführen, der in seiner Eigenart ein Rahmen ist für die Geisteswissenschaft, sodass in der künstlerischen Form die Empfindungswelt zum Ausdruck kommt, welche dieser Denkungsart entspricht.
Mit dieser Idee verband sich eine andere. Es entstand das Bedürfnis, dasjenige, was Geisteswissenschaft über die Gesetze, über die Tatsachen der geistigen Welt zu sagen hat, nicht nur auszusprechen durch das Wort, das ja in einer gewissen Weise die geistigen Tatsachen, die geistigen Gesetze, die hinter dem Physischen sich verbergen, doch nur andeuten kann, sondern es auszudrücken in lebendiger Darstellung, man könnte sagen - wenn das Wort mit dem nötigen Ernst genommen wird -, auszudrücken durch bühnenmäßige Darstellung. Wie konnte man zu dieser Notwendigkeit einer bühnenmäßigen Darstellung aus der Geisteswissenschaft selber heraus kommen?
Nun, Geisteswissenschaft will eben durchaus etwas sein, das, trotzdem die menschliche Seele durch Geisteswissenschaft sich erhebt in die Regionen des geistigen Lebens, des Unsichtbaren und Übersinnlichen, doch unmittelbar eingreift in das Leben. Nichts Weltfremdes und Weltflüchtiges will Geisteswissenschaft sein; sie will im strengsten Sinne des Wortes eine Dienerin des Lebens sein, eine Dienerin des Lebens für diejenigen Seelen, die zur Aufklärung über das, was sie im Leben erfahren, eben die Einsicht in die tiefen Zusammenhänge des Daseins brauchen.
Man nehme als Beispiel etwas ganz Naheliegendes. Die Menschen begegnen sich im Leben. Man weiß, dass die eine Seele die einer anderen begegnet; vielleicht zunächst von dieser anderen gar keinen besonderen Eindruck bekommt, trotzdem sie Gelegenheit hat, sie eingehend kennenzulernen. Man lernt auf diese Weise Hunderte und Hunderte von Menschen kennen, ohne von diesen einen besonderen Eindruck zu bekommen. Doch mit einer Seele ist es nicht so. Zu dieser einen Seele fühlt man in der ersten Stunde, vielleicht gar noch früher, sich in tiefstem Sinne hingezogen. Man fühlt in ihr etwas Verwandtes; man fragt nicht, was das Verwandte ist; aber das, dessen wir uns gar nicht bewusst werden, lebt in den unterbewussten Untergründen des Seelenlebens. Es wird für uns zur Gestaltung unseres weiteren Lebens. Wir werden mit einer solchen Persönlichkeit zusammengeführt durch Bande, die eben für unser weiteres Leben von einer tiefen, einer wichtigsten Bedeutung sind.
Geisteswissenschaft zeigt, dass der Mensch einen seelischen Wesenskern hat, der durch die Entwicklung seiner selbst dahin gebracht werden kann, dass er sich aus dem Physisch-Leiblichen heraushebt und rein geistig angeschaut werden kann. Dadurch erfährt Geisteswissenschaft, nicht durch philosophische Spekulation, sondern durch unmittelbare, wirkliche Seelenerfahrung, dass ein Ewiges, das durch Geburt und Tod geht und sich für die Zeit zwischen der Geburt - oder sagen wir der Empfängnis - und dem Tode mit dem physischen Leibe verknüpft, in dem Menschen vorhanden ist. Und ebenso, wie wir gesehen haben, dass unser seelischer Wesenskern, bevor er durch Geburt oder Empfängnis aus einer geistigen Welt in sein physisches Dasein tritt, schon in früheren Erdenleben vorhanden war, ebenso zeigt Geisteswissenschaft, dass unser seelischer Wesenskern, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, ein Leben zu durchleben hat zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, um dann in einem neuen Leben dasjenige zur Darstellung zu bringen, was er als Ergebnisse, als Früchte könnte man sagen, dieses Lebens durch die geistige Welt hindurchgetragen hat, um es in einem neuen Leben neu zu gestalten. Das alles sind Dinge, die für die heutigen Denkgewohnheiten schwer verständlich sind, aber es sind zugleich Dinge, die in einer gar nicht zu fernen Zukunft ganz gewiss so in das allgemeine Menschenbewusstsein übergegangen sein werden, dass man sich das menschliche Leben gar nicht anders wird vorstellen können, als dass diese Dinge zu den Selbstverständlichkeiten gehören werden.
Nun möchte ich im Anklang an dasjenige, was gestern ausgesprochen worden ist, sagen: Auch schon im gewöhnlichen Leben, ohne dass der Mensch ein Geistesforscher wird, geht er mit seinem seelischen Kern jede Nacht vom Einschlafen bis zum Aufwachen aus dem physischen Leibe heraus und lebt in einer rein geistigen Welt. Ich habe es schon gestern erwähnt, dass ja da die Träume auftauchen, Träume etwa von der Natur der äußerlichen Erlebnisse, von der Natur desjenigen, was am Tage an einem vorüberzieht. Gewiss, diese Träume sind nicht so, dass sie Aufklärung geben können über die geistigen Welten, dazu gehört das methodische Entwickeln von geistigen Fähigkeiten. Aber wenn man nicht so oberflächlich, wie es heute vielfach geschieht, sondern wenn man mit der Sonde der Geistesforschung selber in das Traumleben hineindeutet, wenn man verständig hindurchschauen kann durch das Chaotische, das Phantastische der Traumerlebnisse, und wenn man abziehen kann von diesen Traumerlebnissen dasjenige, was nur Reminiszenz, nur Erinnerung an das Alltagsleben ist, dann bleibt auf dem Grunde der Traumbilder etwas, was man so charakterisieren kann, dass man sagt: Es ist etwas in den Träumen, was sich im gewöhnlichen physischen Leben nicht ausgelebt hat.
Nehmen wir an, wir seien eines Tages mit irgendwelchen Persönlichkeiten zusammengekommen. Wir können dann träumen von ihnen und dem, was wir mit ihnen erlebten. Was wir da träumen, das kann ganz gleich sein irgendwelchen Erinnerungen, aber das muss nicht so sein. Es können sich diese Erlebnisse, die wir mit einzelnen Persönlichkeiten hatten, so umgestalten, dass wir uns sagen: Das hast du weder erlebt im Zusammensein mit diesen Persönlichkeiten, noch hast du das gedacht. Es hat sich das Ganze sozusagen verschoben und es ist daraus etwas anderes geworden. Und wenn man nun nachforscht - ich kann das nur kurz andeuten -, dann wird man gewahr, dass sich in diesem Nichterlebten, aber im Traume sich Durchdrückenden, etwas auslebt von dem, was uns jetzt noch von den Persönlichkeiten, mit denen wir zusammengekommen sind, fernhält, was aber die Keime enthält von etwas, was man mit ihnen in einem späteren Leben erleben wird, etwas, was man durchträgt durch die Pforte des Todes und was einen zusammenführen wird wiederum mit diesen Persönlichkeiten in einem späteren Leben.
Jetzt erscheint es phantastisch, was ich da sage, aber derjenige, der die Träume geisteswissenschaftlich untersuchen kann, der weiß, dass sich in diesen Träumen, wenn auch chaotisch, dasjenige schon ankündigt in der Seele, was in späteren Lebensläufen für den Menschen Schicksal wird. Wir tragen eben durchaus in unseren Gemütstiefen etwas, das hinüberwirkt in ferne, ferne Zukunft, und was ebenso schicksalbestimmend ist für spätere Lebensläufe, wie der Pflanzenkeim bestimmend ist für die Gestaltung der Blüten und Blätter der Pflanze. Und ebenso können wir in dem, was wir als Schicksal erleben, die Ergebnisse sehen von dem, was sich in unserem Seelenkern in früheren Erdenerlebnissen vorgebildet hat. So steht der Mensch in der Welt darinnen. Wenn er einem andern Menschen entgegentritt, sind auf dem Grunde seiner Seele Kräfte, Seelenkräfte, die er sich nicht zum Bewusstsein bringt, in denen er aber lebendig drinnen steht. Ich möchte sagen, das Menschenleben ist durchsponnen, durchsetzt und durchwebt von dem, was den Menschen bestimmt, was ihn manchmal zu den wichtigsten und gewichtigsten Handlungen seines Lebens bestimmt, was aber in das volle Tagesbewusstsein nicht so heraufkommt. Wie wir uns in das Leben hineinstellen, wie wir in die ganze Welt uns hineinstellen, wie wir durch andere Menschen, durch die ganze Welt und ihre Ereignisse bestimmt werden, dem liegen zugrunde verborgene, übersinnliche Erlebnisse.
‘Wenn man die moderne dramatische Kunst betrachtet, so wird durch sie ja das vor allen Dingen dargestellt, was sich äußerlich bewusst vor den Menschen abspielt. Und ganz selbstverständlich ist es, dass ein Drama umso durchsichtiger erscheint, je mehr es sich bloß zusammensetzt aus demjenigen, was man unmittelbar überschauen kann. Jene tieferen Kräfte, welche die Menschenseele bestimmen, welche mit der Seele zusammenhängen, insofern in dieser Seele etwas ist, was über Geburt und Tod hinausgeht, können in der gewöhnlichen Dramatik nicht zur Darstellung kommen. Dass aber das Leben beherrscht wird von solchen Kräften, das ist ein unmittelbares Ergebnis der Geisteswissenschaft. Nun kann die Geisteswissenschaft, indem sie, und zwar jetzt nicht theoretisch, nicht philosophisch, sondern echt künstlerisch sich ausleben will, noch durch etwas anderes als durch das Wort zur dramatischen Darstellung des Lebens kommen, sodass im Spiel in der Art und Weise, wie die dramatischen Personen gegeneinander gestellt und gruppiert werden, wie die ganze dramatische Handlung gestaltet wird, die tiefsten Kräfte des Lebens zum Ausdruck kommen, von denen wir im gewöhnlichen Leben nicht reden, die wir uns oftmals nicht zum Bewusstsein bringen. Was das Leben aus seinen Tiefen heraus bestimmt und beherrscht, kann im Grunde genommen nur durchschaut werden, wenn man mit denselben Methoden in dieses Leben hineinschaut, durch welche die Geisteswissenschaft hineinschaut auch in dasjenige, was hinter der äußeren Natur ist, in das, was die Welt überragt und bestimmt. Vertiefung der menschlichen Beziehungen, Vertiefung der Beziehungen der Menschenseele zur Welt, das ist dasjenige, was solcher Dramatik, ich möchte sagen, solcher dramatischen Ausdrucksweise der geisteswissenschaftlichen Tatsachen zugrunde liegen müsste.
Es mussten also, um gewissermaßen zu versinnlichen, was die Geisteswissenschaft über das menschliche Leben zu sagen hat, es mussten dramatische Darstellungen vorgeführt werden. Nun waren wir in der ersten Zeit darauf angewiesen, solche dramatischen Darstellungen in den gewöhnlichen Theatern aufzuführen. Es ist begreiflich, dass die gewöhnlichen Theater, die wirklich - nicht das Geringste soll gegen sie eingewendet werden - zu ganz anderen Aufgaben und Zielen bestimmt sind, nicht in der richtigen Weise einen Rahmen abgeben können für das, was gerade diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung will. So entstand denn aus diesen und anderen, aus reinen Notwendigkeiten hervorgehenden Gründen die Idee, einen solchen Bau einmal selber auszuführen und dabei zu verbinden einen Zuschauerraum mit einem Raum - der jetzt nicht «Bühne» genannt zu werden braucht -, einem Raum, der sich eignet, solche aus der geisteswissenschaftlichen Anschauung heraus geschöpfte Darstellungen in sich vollführen zu lassen.
Ich erwähne dies alles über die Entstehung unseres Planes, weil ja alles Mögliche gesagt worden ist über dasjenige, was dieser Bau in sich bergen soll. Man hat gedacht, da werden die Geister nur so spuken, da werden Geister zitiert werden, da werden die Menschen mit allen möglichen Gespenstern in Berührung kommen. Nein, darum handelt es sich nicht, sondern es handelt sich um ernste Erfassung der Tiefen des Lebens, die nun einmal da sind, nach deren Erkenntnis die Menschen sich sehnen und dürsten, und die durch Geisteswissenschaft eben vor die menschliche Seele hingestellt werden, aber nicht durch Spuk- und Gespensterwesen, sondern durch künstlerisches Schaffen, künstlerische Ausgestaltung mit den Mitteln, die durchaus Ausdrucksmittel sein müssen für dasjenige, was als das Leben immer tiefer begründend angedeutet worden ist. Mit diesen Mitteln, diesen Ausdrucksformen soll Geisteswissenschaft sprechen in diesem Bau zu den Zuhörern. So ist vorzugsweise dieser Dornacher Bau ein Haus, bestimmt, Geisteswissenschaft durch das Wort und Geisteswissenschaft durch die Darstellung zu pflegen. Dass sich selbstverständlich, indem Geisteswissenschaft fortschreitet, noch manches andere damit verbinden wird, braucht nicht erst gesagt zu werden, aber dass man es mit etwas durchaus Naturgemäßem und nicht mit Spuk- und Gespensterhaftem zu tun hat, das musste eben einmal besonders erwähnt werden.
Nun ist im Grunde genommen alles, was in der Kunst sich auslebt, wenn von wirklicher Kunst die Rede sein soll, eine Offenbarung desjenigen, was durch die menschliche Seele als Weltanschauung wirkt. Sonst bleibt die Kunst ein bloßes Anhängsel des Lebens, eine müßige Zugabe zum Leben. Versuchen wir nur einmal, uns hineinzuversetzen in diejenigen Kunstepochen, die wirklich große Epochen der künstlerischen Entwicklung waren. Es kann, weil uns ja heute nur kurze Zeit zur Verfügung steht, selbstverständlich nur auf Charakteristisches Bezug genommen werden, aber machen wir uns einmal klar, wie im Aufgang der italienischen Renaissance die Renaissancemalerei in alledem, was sie darbot, im tiefsten, im charakteristischsten Sinne des Wortes ein Ausdruck desjenigen war, was in der damaligen Zeit die christliche Weltanschauung durchwebte und durchseelte, was sich in ihr offenbarte. Da sehen wir in Leonardo da Vincis, in Michelangelos, in Raffaels Schöpfungen ausgestaltet, was das Gemüt als Weltanschauung durchzog. Alle Kunst, die nicht mit innerer Notwendigkeit aus einer Weltanschauung fließt, alle solche Kunst ist nur Beigabe des Lebens und nicht im wirklichen Sinne Kunst.
Nur muss man sich klar sein darüber, dass mit «Weltanschauung» nicht gemeint sein kann, wenn so von ihr gesprochen wird, dass sie fordert, gleichsam in Kunst auszufließen, auszuströmen, und auch nicht so, dass diese Weltanschauung nur unseren Verstand berührt, wie das bei manchen modernen philosophischen oder naturwissenschaftlichen Weltanschauungen der Fall ist, die nur auf den Verstand wirken. Wenn man eine Weltanschauung aufbaut aus bloßen philosophischen oder naturwissenschaftlichen, auf Verstand gegründeten Begriffen und Ideen, da hat man nicht das Bedürfnis, die Umrahmung, die Architektur, in der sich das Wort dieser Weltanschauung ausspricht, in besonderer Weise zu gestalten, neu zu schaffen. Wenn aber eine Weltanschauung die ganze Menschenseele ergreift, wenn all das, was in der Menschenseele an Empfindungen, an Willensimpulsen vibriert, ergriffen ist von dieser Weltanschauung, wenn der ganze Mensch dieser Weltanschauung angehört, dann ist diese Weltanschauung eine solche, die nicht bloß erdacht ist, sondern den Menschen in Zusammenhang bringt mit der ganzen ihn umgebenden Welt, dann ist diese Weltanschauung eine solche, die nicht bloß in seinen Begriffen lebt, sondern die, indem er sein Verhältnis zur Welt ringsum bildet, in alledem, was er sieht in seiner Umgebung, eine Fortsetzung seines eigenen inneren Wesens sehen will, in jedem Baum, jeder Wolke, in jedem Berg.
Alles, was uns äußerlich umgibt, und alles, was geistig vermutet werden kann hinter dem, was uns äußerlich umgibt, will lebendig in Zusammenhang mit dem, was wir innerlich erleben, ergriffen werden. Der Mensch will durch seine Weltanschauung zusammenwachsen mit allem, was ihn umgibt, er will seine Umgebung ergreifen, nicht nur in abstraktem Verstehen, sondern er will mit seinem ganzen Gemüt geistig-seelisch ergreifen, was da draußen sich ausdehnt im Raum. Wenn also die Weltanschauung den ganzen Menschen ergreift, dann fordert sie, dass sie ausfließt und ausströmt in die Form, in alles das, was uns umrahmt, was uns umgibt. Da wir Weltanschauung nach den Bedürfnissen des heutigen Lebens nicht in der freien Natur treiben können, da sie uns nicht die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt, in denen wir Weltanschauung treiben können, so fordert gerade geisteswissenschaftliche Weltanschauung, dass sie umrahmt wird von demjenigen, womit der diese Weltanschauung Hegende wirklich innerlich lebendig zusammenhängt.
Machen wir uns nur einmal klar, dass ja in jedem Menschen ein Wesenskern wohnt, der geistig-seelisch ist, der im Schlafe herausgeht aus dem Menschen. Machen wir uns klar, dass dieser vom physischen Menschen unabhängig werden könnende geistig-seelische Wesenskern, indem er erkennt, indem er lebendig erkennend die ganze Welt ergreift, in ganz anderer Weise mit dieser Außenwelt sich zusammenfügt als der Mensch, der sich nur der Sinne und seines an das Gehirn gebundenen Verstandes bedient. Indem wir in der Sinneswelt stehen, steht der Mensch hier; die Welt ist draußen, ist gewissermaßen räumlich entfernt. Indem wir aufrücken in die geistige Erkenntnis, müssen wir anerkennen, dass diese geistige Erkenntnis etwas ist, was viel intimer verknüpft ist mit den Dingen und Wesenheiten, welche von dieser geistigen Erkenntnis ergriffen werden sollen, als die sinnlichen Dinge von unsern Sinnen ergriffen werden. Indem der Geistesforscher mit seinem Seelisch-Geistigen sich so verhält, dass er außerhalb seines Leibes erkennt - wie ich es gestern ausgeführt habe —, verschmilzt er gleichsam, identifiziert er sich mit allem, was in der Umgebung ist. Während wir, wenn wir die Hand ausstrecken und auf irgendetwas Sinnliches zeigen, dieses Sinnliche außerhalb unser bleibt, verbinden wir uns, wenn wir geistig-seelisch erkennen, mit alledem, was die geistig-seelische Welt erfüllt, wir tauchen unter in das Geistig-Seelische.
Denken wir nun daran, dass diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung im Künstlerischen sich ausleben soll. Ist es denn da nicht natürlich, dass das Bedürfnis entsteht, eine solche Architektur, eine solche künstlerische Umrahmung zu haben, von der sich die Seele vorstellen kann: Wenn du das Nächste ergreifst, was dich hier umgibt, soll es nicht etwas sein, was sich unmittelbar aus deinem geistig-seelischen Leben selber ergibt; soll es nicht etwas sein, was du erleben möchtest, wenn du mit deiner nächsten Umgebung zusammen sein willst? Nun, daraus geht mit Notwendigkeit hervor, dass sich eine ganz besondere Formengebung, eine ganz besondere Gestaltung der räumlichen Verhältnisse ergibt. Wenn wir eine physische Gebärde machen, so sind wir zufrieden, indem die Hand die Form dieser Gebärde annimmt, oder der Arm. Wenn wir von jenem geistigen Zusammenhang sprechen, in den die Seele kommt mit ihrer Umgebung durch das geistige Erkennen, da gehen die Gebärden aus uns heraus, da wird die Gebärde unmittelbar unsere Umgebung bevölkernd; das, was sonst in unserer Haut lebt, indem wir physische Menschen sind, das geht im geistigen Erkennen aus uns heraus, man möchte sagen, es wird eine geistige Gebärde, die liebevoll die Umgebung erfasst.
Das, was diese geistige Gebärde erfassen möchte, das, was sie berühren möchte, das, was sie erschauen möchte, die Formen, in denen sie leben möchte, das ist dasjenige, was die Grundgestaltung abgeben muss für einen Bau, in dem Geisteswissenschaft getrieben wird. Die Formen, die Farben, alles Künstlerische muss sich unmittelbar ergeben aus demjenigen, was erlebt werden kann mit der Welt, wenn man sie geisteswissenschaftlich auffasst. So hängt ein Bau, der dienen soll der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, unmittelbar in seinen Formen, in seinen Farben, in allem, was geschaffen wird, künstlerisch so an dem Wesen der Geisteswissenschaft selber, dass diese Geisteswissenschaft sich umgestalten muss aus ihren Ideen, aus ihren Worten heraus in künstlerische Formen. Und indem sie sich so umgestaltet in künstlerische Formen, schafft sie die notwendige künstlerische Umrahmung für das, was innerhalb des Baues getrieben werden muss.
Nun, hier entstehen ja aus den Denkgewohnheiten unserer Zeit heraus sogleich ganz bestimmte Schwierigkeiten. Geisteswissenschaft ist wirklich erst in ihrem Anfang, und das, was demjenigen, der mit seiner ganzen Seele in der Geisteswissenschaft drinnen steht, vorleuchtet für die menschliche, vielleicht gar nicht mehr so ferne Zukunft, das ist doch ganz elementar in dem vorhanden, was wir in der Gegenwart als Geisteswissenschaft betreiben können. Daher kommt es auch, dass unter denjenigen Menschen - es soll nicht der geringste Tadel gegen sie ausgesprochen werden -, die heute zur Geisteswissenschaft herankommen, viele sind, welche noch, wenn auch nicht an äußerlich materialistischen Vorurteilen, so doch an andern Vorurteilen hängen. Wie oft muss man es erleben, dass gerade diejenigen, welche mit innerem Eifer ihrer Seele, mit einem oftmals fanatischen, ja zu fanatischen Eifer, mit einem bis zur Unwahrheit gehenden fanatischen Eifer an die Geisteswissenschaft herankommen, noch an allerlei Begriffen von Mystik und Theosophie hängen, die man durch wahre Geisteswissenschaft gerade überwinden möchte. Hören wir denn nicht heute sehr häufig eine so gar beliebte Definition der Mystik: Mystik ist das, was man nicht durchschauen kann, was man nicht verstehen kann. Mystik ist das, was verborgen bleiben muss. Mancher glaubt sich schon unendlich tief, wenn er alle Viertelstunde einmal das Wort «okkult» ausspricht, wenn er sagt: Das sind eben okkulte Wahrheiten! - Man möchte gerade durch die Klarheit, die durch Geisteswissenschaft möglich ist, so etwas ausmerzen.
Ich habe es selbst erlebt - verzeihen Sie, dass ich zur Charakteristik solche Exempel erwähne -, wie vor siebenundzwanzig, achtundzwanzig Jahren in der Stadt, wo ich damals lebte, diese oder jene Theosophen an mich herangekommen sind, und haben, was sonst vernünftige Menschen für ein gewöhnliches Gedicht oder eine dramatische Dichtung nehmen, oder sonst ein Kunstwerk oder auch eine Malerei, das haben sie erklärt, indem sie diese oder jene Bedeutung darinnen suchten, die man erst hineinspintisieren muss, wenn man sie darin finden will. Wenn sie etwas ganz Bedeutsames haben sagen wollen, um zu zeigen, dass sie mehr wissen als gewöhnliche vernünftige Menschen, dann sagten sie: Das ist abgrundartig tief! Das war etwas, was man damals alle Augenblicke hören konnte; damit glaubte man etwas ganz Besonderes gesagt zu haben. Die Menschen suchen manchmal gerade nicht die Dinge der Welt zu durchdringen, sondern sie suchen etwas hineinzulegen, etwas beizumischen; und das, was sie nicht verstehen, nicht durchdringen, das kommt ihnen besonders tief vor.
Hat man doch sogar erleben müssen, dass zum Beispiel Shakespeares «Hamlet»-Drama, das jeder Mensch so nehmen muss, dass es sich eben selbst erklärt, von Theosophen dadurch interpretiert worden ist, dass in Hamlet ein Prinzip gesehen wurde, in anderen Personen wieder ein anderes Prinzip und in anderen wieder ein anderes; allerlei wurde herbeigezogen und hinzugeraten. Es war jammervoll, schrecklich. Sagen hat man können: Ja, dieser Shakespeare hat nicht bloß diesen träumerischen Dänenprinzen hinstellen wollen, sondern ein besonderes Prinzip. Als ob das Kunstwerk dadurch etwas gewinnen würde, dass man einen Menschen zu einer allegorisch-symbolischen Strohpuppe macht und einen dramatischen Aufbau zu einem äußerlichen Gerippe von theosophisch-philosophischen Wahrheiten! Man kann es erleben, dass insbesondere in den Symbolen, den Allegorien das gesucht wird, was man als das wahrhaft Tiefere ansieht, während das Leben verarmt, wenn man es nur in Symbolen und Allegorien sieht.
Das reiche Leben verarmt, wenn man glaubt, in den Symbolen etwas Tieferes finden zu können. Es gibt Menschen, welche etwas Besonderes darin sehen, wenn sie an irgendeiner Wand oder sonst wo ein Pentagramm anbringen. Was dieses Pentagramm ist, das machen sie sich nicht klar, das verstehen sie gar nicht, aber dieses Pentagramm, das ist die Fünfzahl, das Pentagramm ist nach oben gerichtet, da kann man vieles darüber schwätzen, da kann man vieles darüber munkeln und dunkeln, und wenn man etwas sagen kann, was alles nicht so recht zusammenhängt mit den fünf Strichen, die man da in sich verschlungen hat, dann ist man überzeugt davon, etwas besonders Tiefes gesagt oder ausgedrückt zu haben. Oder gar wenn man den Schlangenstab, den sogenannten Caduceus, irgendwo anbringt, dann glaubt man etwas ganz Besonderes getan zu haben. Wer solche abstrakten Symbole und Formen irgendwie hinstellt und glaubt, das hätte etwas mit Kunst zu tun, der ist so wie einer, der Noten vor sich hat, und allerlei Abstraktes über die Form der Noten spintisiert und theoretisiert, während ja doch nur der allein ein natürliches Verhältnis zu den Noten hat, dem die musikalischen Begriffe aufgehen, indem der in die Noten hineinfixierte Ton so auflebt, dass der Ton im Gemüt lebt. Nur in Beziehung zu dem, was im Gemüt lebt, kann dasjenige eine Bedeutung haben, was mit den äußeren Notenzeichen aufgezeichnet wird.
Bei einem Bau, der wahrer Geisteswissenschaft dienen will, hat man selbstverständlich zu kämpfen mit solchen falschen Vorstellungen, die gerade von falscher Mystik, von falscher Theosophie, von allerlei Abenteuerlichem herkommen. Wenn nicht irgendwelche Begriffshülsen in Stein und Holz ausgedrückt werden sollen, sondern Künstlerisches dargestellt werden soll, dann ist es im eminentesten Sinne notwendig, dass nicht eine philosophische oder eine theosophische Idee oder eine mystische Un-Idee irgendetwas äußerlich symbolisch gestaltet, sondern es ist notwendig, dass dasjenige, was von der Idee ausgeht, was das Gemüt innerlich erlebt, sich von selbst durch die Gestaltungskraft der Seele zur Form, zur Farbe gestaltet, sodass die Kunst nicht eine Erklärung braucht, sondern sich selbst erklärt. Jene Kunst ist keine Kunst, die erst eine Erklärung braucht.
Das wird angestrebt, dass derjenige, der nur die Sprache dieses Baues versteht, nicht eine Erklärung des Baues braucht. Selbstverständlich kann niemand ein spanisches Gedicht verstehen, der nicht Spanisch gelernt hat. Wer die Sprache der Geisteswissenschaft versteht, braucht nicht eine Erklärung des Baues; für ihn ist es so, dass er, ohne dass ein Wort gesagt wird, in diesem Bau etwas sich selbst Erklärendes hat, weil er seine Freude, seine Erhebung, ein innerliches Regewerden der Seelenkräfte hat von dem unmittelbaren Zusammenhang mit dem, was dasteht, mit dem, was wirklich in der Form und in der Farbe lebt. Man möchte sagen, ein Bild ist schon nicht mehr ein richtiges Kunstwerk, bei dem man nötig hat, darunterzuschreiben, was es eigentlich darstellt. Ein Bild ist erst ein Kunstwerk, wenn man es nur zu beschauen hat und wenn aus dem, was man sieht, all das folgt, was das Bild zu sagen hat. Wenn wir daher in dem Dornacher Bau Symbolik, Allegorik suchen, wenn wir etwas suchen, was nach jedem Schritt erfordert, dass man Antwort gibt auf die Frage: Was bedeutet dieses oder jenes?, dann wird in dem Dornacher Bau nichts gefunden werden können, was dem entspricht, Wenn aber im Dornacher Bau etwas gesucht wird, was Antwort gibt auf die Frage: Welche Formen findet der schön, der geisteswissenschaftlich empfindet? Welche Formen möchte der um sich herum haben, der geisteswissenschaftlich sich sammeln will?, dann wird man durch den Dornacher Bau eine Antwort finden auf diese Fragen.
Aber in einer gewissen Beziehung ist ja Geisteswissenschaft etwas, was sich als ein Neues in unser Kulturleben hineinstellen will. Daher ist es begreiflich, dass auch eine solche Umrahmung etwas sein muss, was in einer gewissen Weise sich als ein Neues hineinstellt auch in unser künstlerisches Leben. Und hier an dieser Stelle möchte ich einmal ganz besonders betonen, dass ich Sie bitte, nicht zu glauben, dass das, was einem vorschweben kann als Architektur, überhaupt als künstlerische Ausgestaltung dessen, was Geisteswissenschaft geben kann, im Dornacher Bau schon erreicht ist. Der Dornacher Bau ist ein Anfang, und als ein Anfang so unvollkommen, als nur irgendein Anfang sein kann. Die geringen Mittel, die im Grunde genommen verwendbar waren - trotzdem der Bau für gewisse Begriffe reichliche Mittel in Anspruch genommen hat -, die Mittel gestatteten eben erst, einen allerersten Anfang zu machen. Und auch die Arbeit, die aus Freundeskreisen notwendig war, konnte sich zunächst nur begnügen mit einem allerersten Anfang desjenigen, was als ein neuer Stil der Kunst, wie er aus der Geisteswissenschaft selbst sich ergeben muss, sich vor die Seele hinstellen kann.
Daher möchte ich Sie bitten, diesen Dornacher Bau nur von dem Gesichtspunkt eines allerersten, primitiven Anfanges, mit allen Mängeln, mit allen Unvollkommenheiten eines Anfanges zu betrachten; ihn nur so zu betrachten, dass einmal Gesichtspunkte geltend gemacht werden im künstlerischen Erschaffen von Formen, die dem geisteswissenschaftlichen Fühlen und Empfinden, nicht dem geisteswissenschaftlichen Denken, sondern dem Fühlen und Empfinden entsprechen, wenn dieses sich künstlerisch vertieft. Was heute noch ganz unvollkommen auf dem wunderschönen Hügel da draußen sich erhebt, das ist wirklich der primitive Anfang von etwas, was einmal in späterer Zeit erst zu einer wirklichen Schönheit sich gestalten wird, was sich gestalten soll zu einem adäquaten Ausdruck dessen, was durch Geisteswissenschaft der menschlichen Kulturentwicklung gegeben werden soll. Daher wird es durchaus begreiflich erscheinen müssen, wenn soundso vieles von dieser oder jener Seite gegen das, was da draußen gebaut wird, eingewendet wird, wenn so vieles unvollkommen und unvollständig gefunden wird. Aber einige von den, man könnte sagen, Grundgefühlen, die einen leiten können gerade in der Architektur eines solchen Baues, die möchte ich anführen.
Wie gesagt, ich kann mich heute wegen der Kürze der Zeit nicht in Details einlassen. Ich möchte nur erinnern an ein Wort, welches Michelangelo gesprochen hat in Anknüpfung an den Altmeister der Architekturkunst, Vitruv, an ein Wort, das so recht die Idee, das Wesen der Architektur wiedergibt. Michelangelo sagt: Nur wer die menschliche Anatomie kennt, ist imstande, sich einen wahren Begriff von der inneren Notwendigkeit zu machen, die einem architektonischen Plan zugrunde liegt. Es ist ein merkwürdiges Wort, aber für den, der sich auf solche Sachen einlassen kann, ein durchaus verständliches Wort. Wenn wir die ganze Natur überschauen, wenn wir alles das, was an Kräften in der Natur wirkt, vor unsere Seele stellen, wenn wir die Gestaltungen, die in der Natur leben, vor unsere Seele stellen, dann fragen wir uns: Wohin zielt für einen unbefangenen Beschauer der ganzen Natur und Welt all dieses Weltenwerden, alle diese Weltentätigkeit, wohin weisen sie alle? Sie weisen zuletzt auf die menschliche Gestalt. In der menschlichen Gestalt steht etwas vor uns, von dem wir in Bezug auf die Formen, in Bezug auf die Art, wie sie sich ausdrückt, sagen dürfen: Es gilt das Goethesche Wori denn indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich bis zur Produktion des Kunstwerkes erhebt, das neben seinen übrigen Taten und Werken einen glänzenden Platz einnimmt.»
Dasjenige, was nun der Mensch selber wieder gestaltet, wenn er als Künstler gleichsam die Natur fortsetzt, das wird daher die mannigfaltigsten Anhaltspunkte gewinnen gerade aus dem, was aus der ganzen Welt und ihren Geheimnissen die menschliche Gestalt, den menschlichen Bau mit allen seinen Gesten, mit all seinem Leben, gestaltet hat. Es kann heute nicht auf Baustile oder auf die Entwicklung der Architektur eingegangen werden. Wer die Entwicklung der Architektur wirklich innerlich kennt, der weiß, wie im Grunde genommen gerade in der architektonischen Kunst zwar am schwersten gesehen wird das Wesen des künstlerischen Schaffens, wie es sich aber auch in dieser architektonischen Kunst ausspricht. Aber weil an der architektonischen Kunst am schwersten gesehen werden kann dieses Wesen des künstlerischen Schaffens, so sei es an der Skulptur gezeigt, dasselbe könnte auch an der Malerei, an der Musik, an andern Künsten gezeigt werden.
In unserer heutigen Zeit herrscht, gerade weil die materialistische Anschauung und Gesinnung alles ergriffen hat, wenig wirkliche Einsicht darüber, was eigentlich das Wesen des künstlerischen Schaffens, das Hervorgehen der Kunst aus der inneren Seelenbetätigung des Menschen ist. Der Künstler hat heute so vielfach die Notwendigkeit, sich an das Modell anzulehnen, und derjenige, der irgendetwas, was ein Kunstwerk ist, beschaut, dessen erste Frage ist heute: Ist das natürlich? Bildet es dieses oder jenes natürlich ab? Solche Urteile gehören nicht der wirklichen Kunst, sondern dem Verfall der Kunst an. Wirkliche Kunst hängt mit dem zusammen, was innerlich im Menschen vor sich geht. Schafft der Bildhauer ein Antlitz, so muss in ihm wirklich etwas von den Empfindungen und inneren Seelenerlebnissen leben, welche die Physiognomie, welche selbst die Geste des Antlitzes aus dem Innern der Seele offenbarend hervorzaubern. Wenn es in der Seele des Künstlers lebt, dann kann sich ausgießen, was in ihm fühlend und schaffend lebt, in das, was er gestaltet.
So nahe liegen die Formen, die wir architektonisch wiedergeben, zwar nicht dem, was wir unmittelbar erleben oder was in unserer Seele lebt. Aber in einer gewissen Weise ergibt sich dasjenige, was architektonisch gestaltet werden kann, doch aus dem, was in der menschlichen Seele erlebt wird. Ich habe schon angedeutet, wie die Geste sich fortsetzt, wie dasjenige, was in der Umgebung geschaffen werden kann, hervorgeht aus der Bewegung, aus der Geste - nicht aus derjenigen Geste, welche die physische Hand macht, sondern aus der Geste, die die geistigen Organe machen, wenn sie die unmittelbare Umgebung ergreifen wollen. Was innerlich erlebt wird, so auszugestalten in Formen und Farben und in anderen Kunstmitteln, dass man in allem darinnen steht, sodass das, was man als Formen und Farben im Raume schafft, eine Fortsetzung des inneren Wesens ist, das ausfließt, ausströmt in die Formen, in alle Rundungen und Neigungen, in alle Farben, die die Wände bedecken: Das ist es, was Geisteswissenschaft zeigen will.
Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus einmal oberflächlich, wie sich der Bau gestalten müsste. Man hat es damit zu tun - das ist ja in der Beschreibung der Entstehungsweise dargestellt worden -, dass etwas, was durch die Ergebnisse der Geisteswissenschaft klar wird für die menschliche Erkenntnis, nun vor den Augen und Ohren der Zuhörer sich abspielt. Geisteswissenschaft ist etwas, was in Sammlung der Seele aufgenommen werden soll; gesammelt müssen diejenigen sein, die aufnehmen wollen, was in der Geisteswissenschaft dargeboten wird. Wir haben es also zu tun mit einem Raum für die Zuhörerschaft und mit einem Raum für das, was dargeboten werden soll aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraus.
Wenn der Mensch gesammelt ist, so muss er sich gegen die Außenwelt abschließen, er muss gleichsam seine Kräfte zusammenhalten. Das ergibt die äußere Art des Baues. Was wird für ein Raum entstehen müssen, wenn das, was in den Menschen, die in einem solchen Raume sind, wirklich nicht nur sich bedeutungsvoll ausdrücken soll, sondern wenn es sich fortsetzen soll in der Umgebung? Es ist ganz selbstverständlich, nicht für abstrakte Begriffe, sondern für das künstlerische Empfinden, dass ein Rundbau entstehen muss und dass sic vor allen Dingen die Sammlung in derjenigen Raumform am besten darstellen kann, die kuppelförmig abschließt. Durch kuppelförmigen Abschluss wird zum Ausdruck gebracht, was da wirklich lebt, nicht zum symbolischen, nicht zum allegorischen Ausdruck, sondern so, dass gleichsam im Raum, ich möchte sagen, eine Aushöhlung gemacht wird, dass der Raum zurückgeschoben wird, und die Art, wie der Raum zurückgeschoben wird, ergibt die architektonische Form. Im Wesentlichen muss daher ein solcher Bau, dem zugrunde liegt Innenarchitektur, ein Bau sein, der seine Form dadurch erhält, dass das, was in ihm vorgeht, schwingt und anstößt an die Umgebung, und dass die Schwingungen stehen bleiben. Was ich jetzt nur andeute, könnte ich weiter ausführen. Dann würde sich ergeben, dass selbstverständlich durch die beiden Abteilungen - das aus der Geisteswissenschaft Gewonnene und die Zuhörerschaft - zwei Rundbaue entstehen; zwei Rundbaue, die aber zusammenhängen, die zusammengehören müssen. So würde es sich ergeben, wirklich nicht durch abstraktes Nachdenken, sondern indem man es ganz künstlerisch durchfühlt. Es würden sich ergeben jene beiden in der Mitte zusammenhängenden, sich übergreifenden Rundbaue, die durch Teile von Kugeloberflächen nach oben abgeschlossen sind (Abb. 1, 3, 8, 9).
Dass die Außenarchitektur, ich möchte sagen, von geringerer Bedeutung ist für einen solchen Bau, der der inneren Sammlung, der inneren Konzentration gewidmet ist, das ist ganz selbstverständlich. Alles das, was sich da in Formen und Farben künstlerisch ausgestalten will, muss von innen entspringen, muss von innen nach außen projiziert werden. Das, was außen gebildet wird, ist gleichsam dasjenige, was entsteht dadurch, dass, indem zurückgestoßen werden die Wellen der Welt, wiederum die anderen Wellen der Welt herankommen, sich begegnen mit dem, was hinauswirkt in den Raum; und in dem Begegnen wird das gebildet, was — wenn ich das Wort gebrauchen darf - Außenform, Außendekoration ist. Aber das Ganze muss aus diesem Grundgedanken heraus gebildet sein. Aus diesem Grundgedanken, aber aus dem gefühlten, empfundenen Grundgedanken, ergab sich mit Notwendigkeit diese äußere Form. Technisch war es gar nicht so leicht auszuführen, was Sie da ausgeführt sehen: Kugelflächen aneinanderzufügen so, dass die Sache technisch bestehen kann. Und ich darf hier wohl erwähnen, dass es uns gelungen ist, durch die Einsicht und die Anstrengung eines uns befreundeten und geschätzten Basler Ingenieurs, dieses Problem zu lösen, das ja in der Architektur vorher nicht gelöst worden ist. Damit haben wir die äußere Form gegeben.
In derselben Weise muss gedacht werden über das, wie sich nun der Bau selbst als solcher zu gestalten hat. Sie werden, wenn Sie einmal um den Bau herumgehen, drei Tore finden (Abb. 3-9). Diese drei Tore werden Sie so gestaltet finden, dass Sie Formen an diesen Toren finden, von denen Sie sich fragen können: Ja, warum sind denn diese Formen gerade so, wie sie uns da entgegentreten? Gibt es eine Antwort darauf, wenn man fragt: Müssen diese Tore gerade so gestaltet sein?
Ja, Sie können eine Antwort bekommen, nur kann diese Antwort nicht eine abstraktphilosophische sein, sie kann keine unkünstlerische sein, sondern man könnte etwa so sagen: Ja, ich kenne auch noch etwas anderes, wo von außen etwas hereinkommt in ein Inneres, wie die Menschen durch das Tor hereingehen werden in das Innere, ich kenne zum Beispiel das menschliche Auge. Licht dringt durch das Auge ein, um sein Werk, das Lichtweben im Innern des Menschen zu verrichten. Und jetzt fragen Sie nicht nach irgendeiner abstrakten Idee, wonach das Auge gestaltet sei, sondern Sie fühlen, wie das Licht notwendigerweise eine ganz bestimmte Gestaltung des Auges hervorruft. Damit Licht von außen hereinkommen kann in das menschliche Innere, braucht es das Auge; damit sich das Licht fortpflanzen kann, muss es durch etwas, was so gestaltet ist wie das Auge, in das Innere kommen. Schauen Sie unsere Tore an, dann werden Sie die Antwort geben müssen: Man nehme an, dass es Menschen gibt, die eine gewisse Beziehung zur Geisteswissenschaft gewinnen wollen; diese Menschen gehen von außen durch das Tor in diesen Raum hinein. Dass sie hineingehen, das lebendig empfunden, lebendig durchfühlt, das soll in diesen Formen des Tores zum Ausdruck kommen.
Und wiederum, wir gehen hinein in den Raum (Abb. 28, 29). Aus der Art der Darstellung, die ich gegeben habe, können Sie sehen: Zuschauer sitzen darinnen. In dem kleineren Raum, der ebenfalls als ein Rundbau sich anschließt (Abb. 55, 62), geht etwas vor, was ein Offenbaren, aber nicht ein spuk- und gespensterhaftes, sondern ein natürliches Offenbaren der geisteswissenschaftlichen Ergebnisse ist, nur eben völlig aus dem Philosophisch-Theoretischen ins Künstlerische umgestaltet. Zuschauer sind da, die sich konzentrieren auf dasjenige, was im Raume der Darstellung vor sich geht. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer durcheilt den Raum, durchströmt den Raum. Nun denken wir uns, dieser ganz durch die Aufmerksamkeit der Zuschauer belebte Raum soll sich offenbaren in sich selber. Die ganze Stimmung, die sozusagen die Seele überkommen muss, wenn sie fühlt: Da sind Zuschauer, da sind Zuhörer, da sind aufmerksame Leute, Leute, in deren Seelen das hineingeht, was da vor ihnen sich abspielt, diese ganze Stimmung, dieses Gefühl setzt sich fort in der Gliederung der Säulen, die den Raum entlanggehen, setzt sich fort in eigentümlichen Skulpturformen, die aus dem Holz heraus gebildet sind.
Es ist eine einzige Symmetrieachse, die vom Eingangstor durch die Mitte des Raumes geht, und es setzen sich über den einzelnen Säulen solche Formen an, welche in der Art, wie sie verlaufen, zeigen, dass die Aufmerksamkeit der Zuschauer gegen den Darstellungsraum geht, und dass das, was vom Darstellungsraum ausströmt, ihnen wiederum entgegenkommt (Abb. 29). Sehen Sie auf das, was die Säulen tragen, so werden Sie aus den Formen, die aus dem Holz herausgeschnitzt sind, erkennen, wie wirklich die Aufmerksamkeit sich begegnet mit dem, was von dem Darstellungsraum her dieser Aufmerksamkeit entgegenkommt und wie sich das fortsetzt. Das bildet sich nicht bloß ab, das ist wirklich im lebendigen Leben in den Gesten festgehalten in diesen Holzgebilden.
So ist das Ganze durchgestaltet bis in das Material hinein. Ich habe gehört, dass man gesagt hat: Ja, es ist doch eine vertrackte Idee dieser Theosophen da draußen in Dornach, dass sie ihre Holzsäulen so machen, dass sie immer andere Hölzer verwenden für die einzelnen Säulen. Solch eine Frage entspringt gerade aus dem Drang, irgendetwas philosophisch Theoretisches als Antwort zu bekommen und nicht eine künstlerische Empfindung, nicht etwas, was aus dem unmittelbaren Leben hereingreift. Was kann man einem Menschen als Antwort geben, der fragt: Warum macht ihr eure Säulen aus verschiedenen Holzarten? Man kann ihm vielleicht antworten: Hast du schon einmal eine Violine gesehen, auf der lauter A-Saiten sind? Nein, es sind eben verschiedene Saiten; das hat zu tun mit der Gestaltung der Violine. Der ganze Bau ist auf das Leben, das unmittelbare Erfühlen und Empfinden hin erbaut, bis in das Material hinein. Daher soll der Bau restlos künstlerisch und nur künstlerisch, nicht abstrakt bedeutungsvoll das zur Darstellung bringen, was in der Geisteswissenschaft lebt. Es war selbstverständlich notwendig, dass für die einzelnen Gebiete des Künstlerischen ganz bestimmte Arten und Weisen auftreten, weil ja Geisteswissenschaft gewissermaßen hinter die Geheimnisse des Daseins der Sinneswelt dringen will, dass dasjenige, was sonst als Kunst sich nur im unmittelbaren Zusammenhang mit der Sinnlichkeit entwickelt, in einer anderen Weise gestaltet wird.
Der Innenraum jener Kuppel - die man nur uneigentlich eine Kuppel nennen kann, denn nicht um eine Kuppel handelt es sich, sondern nur um einen kugelförmigen Abschluss -, dieser Innenraum wird bemalt (Abb. 29, 62). Aber dieser Bemalung liegt etwas anderes zugrunde als das, was der Malerei gewöhnlich zugrunde liegt. Gewiss, die Malerei kann nicht das malen, was wirklich ist im materialistischen Sinne des Wortes. Diese Malerei malt die Art und Weise, wie ein Wesen, ein Gegenstand, eine Landschaft beleuchtet wird, was hinhuscht über die äußere materielle Wirklichkeit; sie malt das, was im nächsten Augenblick nicht mehr da sein kann, sie malt das Flüchtige, das, wofür die Gegenstände nur die Veranlassung sind, dass es da ist. In einem noch ganz andern Sinne muss unsere Malerei wirken.
Erinnern Sie sich, was ich vorher gesagt habe: Das ist das Wesen des künstlerischen Schaffens, dass in dem, was entsteht durch den Künstler, der Künstler mit dem inneren Erleben selbst darinnen ist, dass er, indem er das Material formt, etwas gestaltet, was in ihm lebt, wo er innerlich dabei ist, nicht abmalt nach etwas Äußerlichem, sondern das Äußere selbst formt nach dem, was in seinem Innern ist. Dass dieses auch sich übertragen kann gerade auf das Prinzip der Malerei, das wird heute vielleicht noch nicht durchweg verstanden werden können. Aber es gibt eine Möglichkeit, sich zu denken: Wie erlebtest du in deinem Gemüte, wenn du, ich möchte sagen, die Welt durch und durch rot sehen würdest? Würde sie anders auf dein Gemüt wirken? Dass die Frage berechtigt ist, wussten diejenigen, die etwas tiefer mit der Kunst zusammenhängen, zu allen Zeiten. Goethe zum Beispiel macht die Bemerkung, dass, wenn jemand darstellen wollte, wie einstmals am Ende des Erdendaseins der Weltenzorn sich ergießen würde über alles, was sündhaft ist in der Menschheit, müsste dieser göttliche Zorn in rotglühendem Licht erstrahlen. Da sehen wir, wie Farben übergehen in das Moralische, in das Seelisch-Geistige.
Was erlebt man im Rot, im Grün, im Blau? Ebenso wie die Form kann die Farbe erlebt werden. Dann hat man es nicht zu tun mit einem Nachmalen der Farben desjenigen, was das Licht als Färbung bietet, dann kriecht man sozusagen in die Farbe hinein, dann erlebt man mit das Wesenhafte der Farbe, dann schafft man, indem man sich in der Farbe auslebt, aus dem Wesen der Farbe selbst heraus. So soll in unserer ganzen Wandmalerei nichts abgemalt werden, sondern aus dem inneren Grunde der Dinge heraus, insofern sie mit Farbe etwas zu tun haben oder mit dem Moralischen, dem Geistig-Seelischen, das in der Farbe zum Ausdruck kommt, soll aus der Farbe selbst heraus die Form geschaffen werden. Was auf die Wände gemalt wird, soll sich selbst ausdrücken, nicht etwas anderes, es soll durch sich selbst zu uns sprechen.
Und so wird dann der ganze Bau so gebildet, dass gleichsam die Wände nicht wirkliche Wände sind. Ist doch der Geisteswissenschafter davon überzeugt, dass, so wie er als physischer Mensch umgeben ist von Luft und dem übrigen Physischen der Welt, er sich als geistigseelisches Wesen in der Umgebung befindet des die Welt ausfüllenden und erfüllenden Geistigen mit all seinen Wesenheiten und Vorgängen. Während sonst ein Bau so gestaltet ist, dass er als abschließend gedacht wird, muss man von unserem Bau sagen: Sosehr er eine Umrahmung der sich sammelnden Zuhörerschaft ist, so sehr ist er zu gleicher Zeit etwas, was sich selbst aufhebt. Diese Decke soll, von innen gesehen, den Eindruck machen, dass im Grunde genommen da nichts ist, sondern dass wir wissen: Indem wir aufschauen zu dieser Decke, hebt diese Decke sich selbst auf; sie wird zur geistigen Richtung, in unendliche geistige Weiten hinaus ist sie der Anfang. Wir werden im Grunde genommen trotz der Umrahmung keine Wände haben, sondern etwas, was durchlässig ist, was in Weltenfernen, in Weltenweiten hinausführt. Und ebenso ist es mit der Architektur, mit der Skulptur, mit den Säulenformen, mit alledem, was uns umgibt. Es soll uns nicht abschließen; in die Weiten und Fernen der geistigen Welt soll es uns hinausgeleiten. Die Wände müssen so dastehen, dass man sagt: Wenn man den Schritt hinaus macht, muss das das Erste sein, und verfolgt man das weiter, so kommt man in die Weiten der geistigen Welt hinaus. Wände, die sich selbst vernichten durch das, was sie sind, das ist dasjenige, was in gewisser Beziehung - wenn es auch, wie ich es angedeutet habe, ganz im Anfang steht - doch das Ziel einer neuen Kunst ist.
Und noch etwas darf gesagt werden. Derjenige, der heute unsern Bau betritt, wird sagen können: Ja, alles, was so vielfach als das eigentlich architektonisch Richtige angesehen wird, was gerade als edelste Formen der Architektur angesehen wird, ist ja hier im Grunde nicht mehr da. Und es ist etwas Wahres daran. Wenn wir, um gleich einen extremen Fall zu nehmen, einen griechischen Bau betrachten in seinem Ebenmaß der Formen, gebaut durch die Kräfte, die als Raumeskräfte draußen wirken, die in ein schönes Ebenmaß gebracht sind, dann können wir nicht sagen: In derselben Weise ist unser Bau gestaltet. Der griechische Bau ist so gestaltet, dass er ein Höchstes darstellt in Bezug auf die Verwendung der Raumeskräfte, der Druckkraft, oder wie man sie nennt: der Schwerkraft, die sonst den Raum erfüllt. Bei uns ist die Sache so, dass den ganzen Bau durchdringt ein Hauch des Lebendig-Webenden. Während wir beim griechischen Tempelbau etwas Mathematisches haben, etwas, was vom bloßen Kräftezusammenspiel kommt, das doch ein Unlebendiges ist, wenn es auch in schönster Harmonie, in Rhythmik und Ebenmaß zusammengestellt ist, ist unser Bau so gedacht, dass man das Gefühl haben kann, es geht leise etwas Lebendiges durch seine Linien durch, wie durch die menschliche Gestalt etwas im höchsten Maße Lebendiges durchgeht. Leben durchpulst und durchvibriert das, was da in Formen zum Ausdruck kommt. Das ist wahr; aber darin wird gerade der Fortschritt der Architektur bestehen.
Ich müsste viele Stunden reden, wollte ich das architektonische Stilprinzip auseinandersetzen; wie das Griechische allmählich hinüberführt in dasjenige, wodurch Leben in die Architektur hineinkommt. In Zukunft wird die bisher tote Architekturform wirklich zum Leben erweckt werden. Wir können nur einen unvollkommenen allerersten Anfang machen. Dieser Anfang aber soll gemacht werden, und es soll in die bloß physikalisch-mathematischen Formen etwas Dynamisches, etwas Belebendes, Bewegtes hineingebracht werden. Auch da darf man sich berufen auf jenen Ausspruch Michelangelos: Nur wer die menschliche Anatomie kennt, ist imstande, sich einen wahren Begriff von der inneren Notwendigkeit zu machen, die einem architektonischen Plan zugrunde liegt.
Aber wir finden, dass wenn wir die menschliche Gestalt, wie sie sich uns in der wirklich geistig durchschauten Anatomie darbietet, anschauen, dass neben all ihrem Bewegten, Lebendigen etwas ist, was sich schon im Leben als etwas Totes darstellt, als etwas bloß Mathematisches darstellt: die Art und Weise, wie sich das Gefüge unseres Knochensystems gegeneinander verhält. Die Art und Weise, wie wir im Gange physikalisch die verschiedenen Teile unseres Knochensystems miteinander im Zusammenhang in Bewegung bringen, zeigt, dass etwas Totes, Mathematisches im Leben des Menschen ist, dass Tod darin enthalten ist. Und nun ist es möglich, gerade so viel Lebendiges in den toten Bau hineinzubringen, als Totes in dem lebendigen Menschen darinnen ist. Und das ist versucht worden mit unserem Bau. Er ist herausgehoben aus der Starrheit des bloß Mathematischen, des bloßen Linienverfolgens und Kräfte-Aufeinandersetzens. Es ist Leben hineingebracht, Organisches hineingebracht, so viel, als im lebendigen Menschen Totes ist. Das Lebendige im Menschen kann nur dadurch bestehen, dass ihm in gewisser Weise beigemischt ist das Tote.
Unser Bau erhält den Schein des Lebens dadurch, dass dem, was bloß tot aneinandergefügt ist, der Schein des Lebens aufgedrückt ist, der Schein des Lebendigen verliehen ist. Und an einer Stelle, da ist gezeigt, was als eine Grundidee der Geisteswissenschaft zugrunde liegt, dass diese Geisteswissenschaft in der Seele etwas anfachen soll, was die Seele in innigen Kontakt bringt mit dem Leben. Lebensfreundlich, hingebungsvoll für das Leben soll Geisteswissenschaft den Menschen machen. Finden soll der Mensch in der Geisteswissenschaft etwas, was ihn hereinführt in das Leben, was ihn stark und kräftig macht für das immer komplizierter werdende Leben. Daher muss unser Bau auch etwas haben, wo unmittelbar gezeigt wird, wie man nicht bloß mit den Mitteln, die uns nun einmal als Menschen zur Verfügung stehen, etwas zusammenfügt und -malt, sondern es muss an dieser Stelle etwas auftreten, was diese Tendenz ausdrückt, dass unser Bau mit der ganzen Welt in einem innigen Kontakt steht, sodass nicht nur wir an dem Bau arbeiten als Menschen, sondern die ganze Welt daran arbeitet.
Das wird dadurch versucht, dass die frühere Glasmalerei in eine Art von Glasradierung umgewandelt ist (Abb. 102, 103). Man wird eine besondere Art künstlerischer Behandlung der Fenster im Dornacher Bau finden. Ich kann das nur andeuten. Die Fensterscheiben werden nicht so behandelt wie früher in der Glasmalerei, sondern es werden die verschiedenfarbigen Scheiben so behandelt, dass durch eine besondere Radierungstechnik aus dem Glas die Form wie ausgeschabt wird, sodass die entsprechenden Figuren dadurch entstehen, dass durch die verschiedene Dicke des Glases das Licht von außen dringen kann und das äußere Licht, indem wir ihm das Glas entgegenhalten, zusammenarbeitet mit uns selbst. Solch eine Glasscheibe ist für sich kein Kunstwerk; erst wenn sie eingesetzt ist und das äußere Licht durch die Glasscheibe fällt, entsteht das Kunstwerk. Glasradierung, durch die unmittelbar das Sonnenlicht in das Innere des Raumes hereindringt durch verschiedene Zeichnungen des Glases. Da haben wir die ganze Welt mitarbeitend in der Art und Weise, wie von außen das Licht hereinkommen kann in den Innenraum, der ja bei Veranstaltungen zumeist mit dem künstlichen Licht der neuen Zeit, mit elektrischem Licht, beleuchtet werden muss.
Und so muss gesagt werden, dass ja ein solcher Bau nicht dazu dienen soll, nun etwas ganz besonders Abstraktes, etwas ganz Absonderliches hinzustellen, was so ein paar Taugenichtse des Lebens als angenehmen Aufenthaltsort empfinden, sondern es soll etwas hingestellt werden, was gerade derjenige, der für das Leben Stärkung braucht, aufsucht, damit er das Leben in seinen Tiefen kennenlernen kann. Da durfte nicht etwas hingestellt werden, was mit dem, was gerade heutige Kultur ist, nichts zu tun hat. Daher wurde ganz bewusst auch neuestes Material verwendet. Neben dem Teil, der aus Holz hergestellt wurde, aus Gründen, die heute nicht besprochen werden können, ist neuestes Betonmaterial verwendet, und es ist einmal versucht worden, weil künstlerisches Schaffen wirklich aus dem Material heraus gestalten muss, dieses Betonmaterial so zu verwenden, mit diesem neuesten, allermateriellsten Produkte materiell - wenn ich das Paradoxon anwenden darf - das Geistigste wirklich auszudrücken. Nicht etwas Absonderliches sollte zusammengetragen werden, sondern dasjenige, was die Zeit hergibt, soll für die Ideen verwendet werden, die gerade für die Zeit, die durch äußere Materialität wirkt, das Spirituelle, das Ideelle, das Geistig-Seelische bringen sollen.
Neben dem Bau sehen Sie noch etwas, für viele Empfindungen von heute ganz besonders Verrücktes (Abb. 100, 101). Das ist etwas, was entstanden ist durch die Frage: Wie soll der ganze Bau mit Wärme versehen werden? Aus gewissen Gründen wollte man das, was in diesem Nebenbau ist, nicht in dem Bau selber drinnen haben, aus künstlerischen Gründen vor allen Dingen. Sollte man nun nach gegenwärtiger Art einen Schornstein bauen, sollte man all das, was ein solcher Schornstein mit einem Heizhaus erfordert, in der Weise hinstellen, wie es oftmals hingestellt wird in der Welt? Das war die Frage, und zu gleicher Zeit war dann noch die Aufgabe zu lösen, für einen solchen Bau Betonmaterial zu verwenden. Nun musste diese gelöst werden: Welche Betonumhüllung hat man einem solchen Heizhaus zu geben? Wie muss sich das, was in Beton ausgestaltet wird, aufbauen? Gewiss, die Formen, die da entstanden sind, werden heute noch nicht von sehr vielen verstanden werden. Allein, so geht es mit allem, was als etwas Neues aufgebaut wird. Aber man wird schon verstehen lernen.
Vollständig fertig ist das Heizhaus erst dann, wenn Rauch herausgeht; der gehört dazu zu den Formen. Und man wird einstmals verstehen, dass die Formen, die da aus dem Betonmaterial herausgearbeitet sind, wirklich zu dem, was da drinnen geschieht, zu der ganzen Idee des Baues sich so verhalten - künstlerisch gesprochen — wie die Nussschale zur Nuss. Wie man empfindet, dass die Nussschale nach der Nuss gestaltet ist - um der Nuss willen muss die Nussschale so gestaltet sein, und sie wäre unschön, wenn sie nicht so gestaltet wäre, dass sie eine richtige Schale wäre für die Nuss -, so muss das, was da drinnen vorgeht in dem Heizhaus, von einer solchen Schale umhüllt sein, wie es dieser sonderbare Betonbau ist, der neben unserm Dornacher Bau steht. So sehen Sie, dass überall Künstlerisches mitgespielt hat. Künstlerische Fragen waren es, Fragen der Empfindung, Fragen des Gefühls, nicht Fragen der ällegorischen oder symbolischen Bedeutung.
Ich habe Ihre Zeit lange in Anspruch genommen und konnte dennoch nur, ich möchte sagen, die allerelementarsten Hauptideen unseres Dornacher Baues vor Sie hinstellen, ohne auf das eigentlich Grundkünstlerische einzugehen. Aber vielleicht hat sich gerade durch das, was ich mir erlaubte, vor Ihnen auseinanderzusetzen, gezeigt, wie gewissermaßen aus den Bedürfnissen des modernen Lebens heraus solch ein Bau geformt werden musste. Und derjenige, der diesen Bau besucht, er wird auch finden können, dass diese wunderschöne Landschaft, die um den Dornacher Hügel herum liegt, diese wunderschöne Landschaft, die sich nach allen Seiten fortsetzt, doch in dem Dornacher Bau etwas hat, wovon man gewissermaßen auch sagen kann, was von vielen gelungenen Bauten gesagt wird: Sie wachsen aus der Erde richtig heraus, es ist, wie wenn die Erde die Kraft nach oben senden würde für ihre Entstehung. Derjenige, der die Berges- und Hügelformen, die ganze wunderschöne Natur da draußen auf seine Seele wirken lässt, der wird schon in dem, was auch die Außenform des Dornacher Baues darbietet, gewissermaßen eine architektonische Fortsetzung dieser ganzen Natur finden.
Daher dürfen diejenigen, die in diesem schönen Lande diesen Bau aufrichten durften, mit besonderer Freude begrüßen, dass dies möglich geworden ist, dass sich dies durch die Verhältnisse herausgestaltet hat. Und ich glaube, dass diejenigen, denen durch ihre Weltanschauung dieser Bau so nahe liegt, von tiefem Dankgefühl erfüllt sind, dass gerade in diesem Landesteil dieser Bau aufgerichtet werden durfte. Ein gütiges Geschick darf es genannt werden, dass diejenigen Menschen, die draußen im Leben stehen, der eine in diesem, der andere in jenem Berufe, der eine an diesem, der andere an jenem Orte der Welt, zu gewissen Zeiten des Jahres einkehren dürfen auf dem schönen Dornacher Hügel und da sich holen dürfen wiederum für das, was sie in der Welt draußen zu verrichten haben, Kraft des Lebens, Stärkung des Lebens, durch jene Sammlung, welche in unserem Bau gesucht werden soll und welche durch die Formen, durch die Kunst des Baues zum Ausdruck gebracht werden soll.
Im Zusammenhang damit darf vielleicht erwähnt werden, dass es ja durchaus begreiflich, ja selbstverständlich ist, dass Menschen, welche durch ihr Leben in die Lage versetzt sind, sein zu können, wo sie wollen, zu bauen, wo sie wollen, sich ihre Häuser in der Nähe des Baues aufrichten. Es darf ja mit einer großen Freude begrüßt werden, von mancherlei Standpunkten aus, dass den Bau umgeben werden eine Anzahl von Häusern, vielleicht später eine größere Anzahl von Häusern, in denen solche Menschen wohnen werden, welche mit ihrem Gemüt, mit ihrer Empfindung zusammenhängen mit demjenigen, dem der Bau dienen soll. Die Hauptsache aber ist nicht dasjenige, was man diese Kolonie nennt; die Hauptsache ist der Bau, der weder eine Kirche noch ein Tempel sein will, sondern eben dasjenige, was man nennen kann eine Umrahmung gerade der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. Und weil dieser Bau das sein will, was dargestellt worden ist, so will er Menschen dienen, die draußen im Leben stehen, von denen der eine da, der andere dort arbeitet. Unsere Weltanschauung kann nicht viel übrig haben für solche Weltanschauungen, theosophische oder mystische oder wie Sie sie nennen wollen, durch welche sich Menschen herausreißen aus dem unmittelbaren Leben der Gegenwart, in Müßiggang sich zusammensetzen in Kolonien, um da ihren Mucken und Phantasien und Träumen nachzugehen. Für Müßiggänger soll Geisteswissenschaft nicht da sein, nicht für Menschen, die nichts tun, die sich nur um zu träumen zusammensetzen in das, was sie Kolonien nennen, nicht für diese soll unsere Weltanschauung da sein, sondern für Menschen, die emsig arbeiten wollen an dem, was in der Gegenwart für Menschenarbeit, für Menschenheil und Menschenfortschritt geleistet wird; für diese Menschen, die mitten im Leben stehen, für Menschen, die etwas zu tun haben im Leben, soll dieser Bau sein. Da sollen sie nur sein in den Zeiten, die ihre Lebens-Sonntage, ihre Lebens-Feiertage sind, an denen sie zusammenkommen, um dann für das übrige tätige Leben Kraft für die innersten Kräfte der Seele zu bekommen. Wahrhaftig nicht eine Kolonie für Müßiggänger wollen wir begründen, sondern etwas wollten wir hinstellen, was dient dem Leben, wie es gerade in unserer Zeit, in unserer Kulturepoche sich dem Menschen darstellt. Dem wollen wir dienen, was in unserer Kulturepoche von den Menschen gefordert wird. Damit ist selbstverständlich nicht getadelt, wenn jemand sich zur Ruhe setzen oder ein Sommerhaus haben und sich erholen will, dass da auch irgendwie etwas entstehen kann, was man Kolonie nennen kann, die den Bau umgibt. Das wird von einzelnen Gesichtspunkten aus große Vorzüge haben, aber die Grundidee erheischt, das auszusprechen, was ich eben ausgesprochen habe.
Wer dasjenige aufgefasst hat, was über Geisteswissenschaft im Zusammenhang mit der Gestaltung dieses Hauses in Dornach gesagt worden ist, wird nun nicht mehr nötig haben, dass ihm im Besonderen auseinandergesetzt werde, dass diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung nicht feindlich oder gegnerisch gegenübertritt diesem oder jenem Religionsbekenntnis, dieser oder jener Art, religiös sich zur übersinnlichen Welt zu stellen. Im Gegenteil, Geisteswissenschaft will dasjenige der Menschenseele nahebringen, was hinter den physisch-sinnlichen Erscheinungen lebt, will das der Menschenseele so nahebringen, wie es durch die bisherigen Errungenschaften der Kultur der Menschenseele nicht hat nahegebracht werden können, wie es aber gefordert wird von der Zukunft. So wie von einem bestimmten Zeitpunkte der Menschheitsentwicklung an die kopernikanische Weltanschauung, die Weltanschauung eines Galilei, eines Kepler, alles das, was mit moderner Naturwissenschaft zusammenhängt, für den Raum draußen gefordert wurde, so wird in dieser unserer Zeit etwas für das seelische Leben gefordert werden, was hereinkommen muss, so wie die naturwissenschaftliche Weltanschauung hereingekommen ist, etwas, das dem Leben in seiner moralischen, seiner geistig-seelischen Entwicklung dienen wird, so wie die Naturwissenschaft dem materiellen Leben gedient hat.
So wie dort der Fortschritt unerlässlich, notwendig war, so ist der Fortschritt auf geistigseelischem Gebiete unerlässlich, notwendig, und die Menschen werden in der Zukunft ohne dasjenige, was Geisteswissenschaft zu geben hat, ebenso wenig leben können, wie die Menschen heute leben können ohne die Errungenschaften der Naturwissenschaft. So wenig aber wahrer naturwissenschaftlicher Fortschritt irgendwie hindern kann die religiöse Erhebung zum Übersinnlichen, die religiöse Verbindung der Seele mit dem Übersinnlichen, so wenig wird das die geisteswissenschaftliche Weltanschauung tun. Im Gegenteil, das darf ganz besonders betont werden: Während die naturwissenschaftliche Weltanschauung den Menschen leicht zu dem macht, was man nennen kann eine Seele, die sich nicht kümmern will um alles Übersinnliche, die da glaubt, dass aus dem, was Naturwissenschaft selbst gibt, sich ein befriedigendes Weltbild ausgestalten lasse, zeigt uns Geisteswissenschaft, dass des Menschen Seele in Verbindung steht mit übersinnlichen Welten. Und indem sie diese übersinnlichen Welten der Menschenseele eröffnet, wird sie gerade das religiöse Bedürfnis noch mehr vertiefen.
Ebenso wenig, wie unser Bau ein Tempel oder eine Kirche sein will, ebenso wenig will Geisteswissenschaft irgendetwas sein, was irgendeine Religion ersetzen soll. Im Gegenteil, zum religiösen Leben zurück wird gerade derjenige geführt, welcher auf geisteswissenschaftliche Art in die Tiefen der Welt hineindringt. Wie es dann der Einzelne hält mit seinem religiösen Bekenntnis, das ist seine persönliche Sache; darum hat dasjenige, was die Geisteswissenschaft umfasst, sich nicht zu kümmern. Geisteswissenschaft will eine geisteswissenschaftliche Weltanschauung begründen; sie entfremdet den Menschen nicht seinem religiösen Bekenntnis; sie kann ihn nur noch intimer, noch tiefer, energischer in sein religiöses Leben hineinführen. Und würde man den eigentlichen Grundnerv der wahren Geisteswissenschaft so recht durchschauen, so würden die Religionsbekenntnisse am allerwenigsten das Allergeringste gegen diese Geisteswissenschaft einzuwenden haben, sondern sie würden sagen: Durch manches, was in der Welt heraufgezogen ist, ist uns manches Gemüt entfremdet worden, jetzt aber kommt eine Strömung, die die Menschen zusammenbringt mit den übersinnlichen Welten; das wird wiederum religiöses Leben in seinen Tiefen erwecken und befruchten. Nicht wie etwas, was den Religionsgemeinschaften ins Gehege kommt, wird man die Geisteswissenschaft ansehen, wenn man Verständnis dafür gewonnen hat, sondern man wird sie ansehen als etwas, was notwendig in die Welt treten muss, was aber in die Welt tritt so, dass man als religiöser Mensch es als etwas Erfreuliches zu bewillkommnen hat.
Aber auch in diesem Punkt sehen wir, dass noch vieles, vieles notwendig ist, wenn in einem großen Umkreis unserer Zeitgenossen wahres, echtes Verständnis für dasjenige entstehen soll, was Geisteswissenschaft will und was sie zu tun hat auf allen Gebieten des Lebens - zum Beispiel in Bezug auf das Künstlerische, aber man könnte das ebenso sagen in Bezug auf das Soziale - in der Welt, in der sich die menschlichen Verhältnisse gegen die Zukunft hin immer komplizierter und komplizierter entwickeln. Und für manches Gebiet, ja, man darf ohne Übertreibung sagen, für alle Gebiete des Lebens ließe sich zeigen, dass Geisteswissenschaft da sein will, um befruchtende Keime auszustreuen zur Erneuerung des Lebens, wie sie gebraucht werden wird. Diese Erneuerung des Lebens, ihre innere Notwendigkeit kann erkennen, wer das Leben durchschaut. Nicht die Religion zu ersetzen, nicht eine andere Religion zu begründen, ist die Geisteswissenschaft da. Nicht irgendwie polemisch oder kritisch gegen das aufzutreten, was bisher künstlerisch geschaffen ist, ist Geisteswissenschaft da. Aber wie jede wirkliche, nicht bloß unseren abstrakten Verstand, unsere Ideen und Begriffe philosophisch ergreifende Weltanschauung, sondern wie jede Weltanschauung, die den ganzen Menschen erfasst, sich künstlerisch ausleben muss, so muss Geisteswissenschaft sich künstlerisch ausleben. Und ein allererster Anfang dazu ist der Dornacher Bau - wie gesagt, ein primitiver Anfang.
Dass Geisteswissenschaft das religiöse Leben zu vertiefen vermag, dass Geisteswissenschaft die Kunst zu befruchten vermag, man wird es einsehen. Aber Geisteswissenschaft will eine Wissenschaft sein, allerdings eine Wissenschaft, welche nahesteht den intimsten Bedürfnissen der menschlichen Seele. Und eine solche Wissenschaft will sie sein, die eine starke Förderin ist des Lebens, wie es unsere Zeit braucht. Daher kann für alles Künstlerische, für alles Soziale, für religiöse und noch manche Sondergebiete des Lebens gesagt werden, was Goethe sagte in Bezug auf das religiöse Empfinden des Menschen:
Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion. Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion.
Wer wirklich Wissenschaft vom Geiste besitzt und wer sich versenkt in jene künstlerische Anschauung, die aus der Geisteswissenschaft empfindungsgemäß fließt, für den darf das gesagt werden, wiederum in eine Empfindung zusammenfassend, diesmal eine Goethe’sche Empfindung, was auch jeder Stein, jedes Holzstück unseres Baues zum Ausdruck bringen soll: Wer Wissenschaft - hinzugefügt sei: im Sinne der Geisteswissenschaft - besitzt und wer Kunst - Kunst insbesondere im Sinne der Geisteswissenschaft - besitzt, der hat auch Religion. Das ist dasjenige, was für die Religion, was für manches andere Gebiet des Lebens vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft gesagt werden kann. Deshalb dürfen die Empfindungen, die heute meine Betrachtungen durchströmen sollten, in das Goethe-Wort ausklingen - wenn sich dies auch nur auf die Religionsströmung bezieht, so gilt das, was für Religion gilt, auch für die anderen Gebiete des Lebens:
Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion.
Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion.