The Building at Dornach

GA 288 — 23 January 1920, Dornach

Erster Vortrag

In einer Art von episodenhafter Einfügung in diese Vorträge, die jetzt gehalten werden, möchte ich Ihnen heute einiges vorbringen über unseren Bau, und zwar so, dass unsere Freunde in dem, was über diesen Bau hier dargeboten wird, eine Art Unterlage haben können für ihr eigenes Wirken. Es wird sich ja in der nächsten Zeit wirklich darum handeln, dass nach vielen Richtungen hin stärker eingetreten wird für unsere Sache, und dass der Dornacher Bau, das Goetheanum, in den Mittelpunkt gestellt werde desjenigen, was wir als Bewegung für die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geltend machen wollen. Es würde von außerordentlicher Bedeutung sein, wenn dasjenige, was hier als «Goetheanum» sich befindet, der Außenwelt auch bekannt würde, bekannt würde auch denjenigen, die jetzt nicht Gelegenheit haben, diesen Bau zu besehen. Die Art, wie dieser Bau sich hinstellt vor die Geisteskultur der Gegenwart, die kann schon, wenn sie in der richtigen Weise unseren Zeitgenossen zum Bewusstsein gebracht wird, in der Richtung wirken, die in diesen Betrachtungen als eine notwendige Zeitrichtung angegeben worden ist. Ich werde daher heute - da ich ja, wie gesagt, Unterlagen geben möchte für dasjenige, was dann andere in die Welt hinaustragen können - einiges von dem, was ich im einen oder anderen Zusammenhange schon vorgebracht habe, wieder vorzubringen haben, damit dann aus dem, was diese episodischen Betrachtungen enthalten werden, eine Art von Ganzem entstehe.

Dasjenige, was in erster Linie mit Bezug auf den Dornacher Bau zu sagen ist, das ist, dass er herausgewachsen ist aus der anthroposophisch orientierten Weltanschauung. Herauswachsen konnte er aus ihr aus dem Grunde, weil diese anthroposophisch orientierte Weltanschauung, wenn sie richtig verstanden wird, die innere Kraft hat, wirklich aus sich heraus Formen, Künstlerisches, Gestaltungen zu schaffen. Noch einmal möchte ich dasjenige sagen, was ich in anderem Zusammenhange schon gesagt habe: Würde irgendeine der heutigen Geistesströmungen, wie sie mit verschiedenen Programmen vor die Welt hintreten, in einem gewissen Zeitpunkt eine eigene Behausung gebraucht haben, so würde man sich an diesen oder jenen Architekten gewendet haben, an diesen oder jenen Künstler und würde eine Art so oder so stilisierten Heimes gebaut haben, in dem dann dasjenige, was sich geltend machen will, wohnen könnte. Es wäre ein äußerliches Verhältnis dann zwischen demjenigen, was da getrieben würde, und einem Renaissancebau oder einem antiken Bau oder einem gotischen Bau oder dergleichen.

Ein solches äußeres Verhältnis sollte nicht sein zwischen dem, was hier als Weltanschauungsich offenbaren will, und demjenigen, was ihre Betätigungen umschließt. Es sollte ein innerliches Verhältnis sein. Alles Einzelne, was zur Behausung unserer Tätigkeit gehört, alles Einzelne in den Formen, in den Gestaltungen, sollte aus den Impulsen dieser Weltanschauung selbst heraus geschaffen werden. Wenn Sie dies bedenken, so werden Sie sehen, dass es zusammenhängt mit der ganzen Stellung, welche sich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zur allgemeinen Menschheitsentwicklung geben will. Das Leben der neueren Menschheit ist abstrakt und intellektuell geworden. st so geworden, weil durch Jahrhunderte hindurch die neuere Menschheit fast nur eine Erziehung in Gedanken durchgemacht hat. Wenn man Formen schaffen wollte, so wendete man sich an schon Bestehendes an diesem oder jenem alten Baustil, wie man sich auch sonst, wenn man Künstlerisches oder dergleichen schaffen wollte, nicht an die Weltanschauung wendete, sondern an irgendetwas, was sich neben die Weltanschauung hinstellte. Woher ist denn das eigentlich gekommen?

Sehen Sie, in allem, was sich in der menschlichen Kultur geltend macht, müssen zwei Strömungen zusammenfließen. Diese zwei Strömungen gehen weit in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit zurück. Die eine, die ihre intellektuellste Ausgestaltung eben in den letzten Jahrhunderten erfahren hat, geht auf dasjenige zurück, was man die Anschauung des Alten Testamentes nennen kann. Man darf niemals aus dem Auge verlieren, dass ein Wesentliches in diesen Anschauungen des Alten Testamentes das war: Du sollst dir kein Bild machen von deinem Gotte. Die bildliche Darstellung desjenigen, was geistiger Art ist, das war etwas, was dieser einen Strömung der Menschheitsentwicklung fehlte. Und so ist es in dem, was geworden ist aus dieser einen Strömung der Menschheitsentwicklung, bis zum heutigen Tage geblieben.

Es wird da viel gedacht, es wird philosophiert, es wird gewissenschaftet, es werden populäre Weltanschauungen ausgebaut. Aber diese Wissenschaften, diese Philosophien, diese religiösen Strömungen bringen es nicht dazu, aus sich selber heraus künstlerische Formen zu schaffen. Man hat aber eigentlich nur zu dem unkünstlerischen Elemente des Weltanschauungsstrebens in der neueren Zeit ein innerliches Verhältnis. Zum Formgeben, zum Ausgestalten des Bildhaften hat die neuere Zeit ein unmittelbares menschliches Verhältnis nicht.

Nun gibt es aber eben zwei Eingänge in die geistige Welt. Man kann abstrakt in die geistige Welt eindringen, so wie die monotheistischen Religionen eben abstrakt eindringen. Dann bildet man vorzugsweise das intellektuelle Element, die Abstraktheit aus. Dann bringt man es weit in dem, worin es die neueste Zeit weit gebracht hat. Man kann aber auch ausbilden dasjenige Element, welches im Bildhaften liegt, das Element des Anschauens, des Lebens in der Gestaltung. In diesem Elemente lebte innerlich die neuere Menschheit wenig. Sie erneuerte alte Stile, alte Bildlichkeiten, gelangte aber zu keinem innerlichen Verhältnis zu diesen. Ja, es ist so weit gekommen, dass auf der einen Seite diejenigen, die künstlerisch schaffen wollen, geradezu sich fürchten vor jeglicher Weltanschauung, weil tatsächlich eine gewisse Furcht berechtigt ist vor der neuesten Weltanschauung, die unbildlich, abstrakt ist. Aber auf der anderen Seite hat das noch einen ganz besonderen anderen Nachteil gehabt für die Entwicklung der neueren Menschheit. Und dieser Nachteil zeigt sich in den Niedergangserscheinungen der neuesten Zeit. Ich habe schon vor einiger Zeit hier darauf hingedeutet, wie in dem Streben der Menschen der Gegenwart etwas von Alttestamentlichem, von Jahvestreben enthalten ist, wie man gewissermaßen jedes einzelne Volk zu dem machen möchte, was das althebräische Volk aus sich machen wollte, wie das Christentum als solches noch nicht in seiner Fülle in die Herzen der neueren Menschheit eingezogen ist. Und so hat sich einseitig im sozialen Leben auch ein gewisses abstraktes Denken herausgebildet, ein gewisses abstraktes Empfinden des Menschheitszusammenhanges. Aber der Mensch als solcher und Menschengemeinschaften, sie können nicht begriffen werden von dem Standpunkt des bloßen Intellektualismus aus. Gerade dasjenige, was der Mensch ist, und auch dasjenige, durch das der Mensch sich in das soziale Leben hineinstellen soll, kann nur begriffen werden, wenn man sich erhebt zu bildlicher Anschauung.

Und derjenige, der die Gesetzmäßigkeiten auf diesem Gebiete kennt, der weiß, dass selbst in den Märchen, in den Legenden, in den Mythologien mehr Weisheit über die eigentliche Menschennatur enthalten ist als in der neueren Wissenschaft, die gar nicht die Mittel hat, den Menschen über den Menschen aufzuklären. Vor dem Hereinscheinen des eigentlich Geistigen, das nur in Bildern hereinscheinen kann in unsere menschheitliche Kultur, fürchtet man sich. Aber es wird mit dem menschlichen Kulturleben nicht besser werden, wenn nicht eine Weltanschauung wiederum die Herzen der Menschen ergreift, welche fähig ist, aus sich herassinicht nur Gedankei'zu’ prägen, sondern Foraien’zu gestlen,, das’ ganze Lebenizu durchdringen. Damit aber möchten wir hier mit diesem Bau einen Anfang machen. Es soll zwar nur ein Anfang sein, aber doch in seiner Eigentümlichkeit alles dasjenige zeigen, was einer wirklich schöpferischen Weltanschauung der Gegenwart und namentlich der Zukunft eigen sein muss. Schen Sie, alles dasjenige, was so diese Weltanschauung charakterisiert, die hier vertreten , das soll gewissermaßen im Bilde da sein, wenn man vor sich hat dasjenige, was dieser Repräsentant dieser Weltanschauung ist, das Goetheanum hier auf dem Dornacher Hügel.

Wenn wir in einigen Linien charakterisieren wollen dasjenige, was dieser Weltanschauung eigen ist, müssen wir sagen: Vor allen Dingen ist ihr eigen die Erkenntnis, dass ein neues Geistesleben sich der Menschheit in dieser Zeit offenbaren muss. Dass ein neues Geistesleben sich offenbaren soll, das muss man anfühlen dem Bau, der der Repräsentant sein soll der Verbreitung dieses Geisteslebens. Man muss es fühlen, indem man sich diesem Bau nähert. Derjenige, der sich aus der Umgebung diesem Bau nähert, der muss das Gefühl haben: Hier in diesem Bau wird sich offenbaren etwas, was sich als Neues hereinstellt in die Menschheitsentwicklung. Ein Hereindringen eines Neuen in die Menschheitsentwicklung, damit haben Sie gegeben, ich möchte sagen, von vornherein die Form dieses Baues. Zwei nicht ganz geschlossene Zylinder, von nicht ganz geschlossenen Halbkugeln bedeckt, drücken aus jene Zweiheit des sich Offenbarenden und des die Offenbarung Entgegennehmenden. Und das Prädominierende der beiden Kuppeln wird dem, der sich dem Bau nähert, zur Andeutung bringen: Es ist hier etwas umschlossen, das umhüllt wird, das sich aber offenbaren will.

Nehmen Sie dasjenige, was ich so sage, ja nicht in einem symbolisierenden Sinne; nehmen Sie es im künstlerischen Sinne, dann werden Sie das richtige Verständnis dafür entwickeln. Ich werde über diese Dinge noch mehr sprechen, aber wir wollen uns heute zunächst einmal einen Überblick machen über die verschiedenen Wirkungen der Bauformen nach außen hin und dem, was unsere Bewegung will. Stellen wir uns also zunächst vor: Nähert jemand sich, sagen wir zunächst, von Nordosten her, aus irgendeinem Punkte der Umgebung dem Hügel, auf dem das Goetheanum errichtet ist, so wird er sehen können: Hier erhebt sich ein Bau (Abb. 1), zu dem irgendwelche andere Formen nicht da sein können. Und das ist schon ein Gefühl, das man einmal durchmachen soll, durchmachen soll im unmittelbaren Anblick des Repräsentanten dieser Weltanschauung.

Von einer anderen Seite aus repräsentiert sich der Bau in dieser Weise.

Ein weiteres Bild aus dem Umblicke:

Es wird vor allen Dingen notwendig sein, auf die einzelnen Formen zu sehen. 1908 hat sich mir zuerst der Gedanke ergeben, den Bau als einen solchen Doppelkuppelbau aufzuführen. Es war ja an dem Baugedanken manches dadurch geändert worden, dass ursprünglich gedacht war, den Bau in einer Stadt, in München, aufzuführen, wo er rings umgeben gewesen wäre von Häusern, wo also die Außenarchitektur weniger in Betracht gekommen wäre. Als der Bau umzukonstruieren war für den hiesigen Hügel, da handelte es sich natürlich darum, ihn auch nach außen hin architektonisch so zu gestalten, dass er nach den verschiedenen Seiten der Umgebung hin richtig wirkt. Hier wollen wir zunächst einmal ins Auge fassen, dass der ganze Bau auf einer Art Rampe errichtet ist, sodass er also nicht unmittelbar auf dem Boden aufsteht.

Wir kommen jetzt dem Bau schon näher und haben hier ein Bild dem Haupteingange gegenüber. Nun bitte ich Sie zu berücksichtigen, dass man hineingeht zunächst in den Unterbau, dass dann, wie wir sehen werden, angehörig diesem Unterbau die Treppe ist, durch die man in den Zuhörerraum hinaufsteigt. Dann kommt man erst durch das Haupttor in den eigentlichen Innenraum. Der Bau ist etwas über dem Niveau der unmittelbaren Bodenfläche erhaben. Es wird jedem, der sich dem Bau nähert, auffallen, namentlich wenn er sich dem Haupttor gegenüber befindet, dass hier der Versuch gemacht worden ist, von den bloß mathematisch-geometrisch-mechanischen Bauformen abzugehen und organische zu finden. Selbstverständlich können diejenigen Menschen, die ganz erfüllt sind mit den alten Anschauungen, die glauben, dass nur das Geometrisch-Dynamische in der Baukunst, in der Architektur eine Berechtigung habe, viel gegen diese Überführung der architektonischen Formen ins Organische einwenden. Diese Einwände kennt man alle. Allein es hat sich hier eben wirklich einmal darum gehandelt, das Wagnis zu unternehmen, die Bauformen ins Organische überzuführen.

Dann aber war die Notwendigkeit gegeben, den ganzen Baugedanken so zu denken, wie man das Organische denkt. Verstehen, was ich damit eigentlich meine, wird nur der, der wirklich einmal versucht, was heute die wenigsten Menschen noch eigentlich wollen: in der Empfindung abzugehen von allem Symbolisierenden, Abstrakten, von allem bloß Mechanisch-Mathematischen, und der sich einlässt auf ein wirklich organisch-künstlerisches, empfindendes Denken. Nicht etwa, um die Form eines organischen Wesens symbolisch hier in Bauformen auszudrücken, handelt es sich, sondern darum, einzusehen, dass, um ein organisches Wesen zu begreifen, notwendig ist eine ganz bestimmte Art von intuitiven Gedankenformen. Man muss sich eingewöhnen in solche intuitive Gedankenformen. Und dann muss man in der Lage sein, ganz ursprünglich und elementar aus einem solchen intuitiven Denken heraus auch diese Bauformen zu finden.

Ich möchte Sie aufmerksam machen auf etwas, wovon die meisten Menschen in der Gegenwart überhaupt noch gar keine Ahnung haben. Man kann nicht sagen: In der Natur sind organische Formen; wir bilden Bauformen, die nachgestaltet sind irgendwie den organischen Formen der Natur, die gewissermaßen symbolisch zum Ausdruck bringen die organische Form der Natur. So ist hier nichts entstanden. Für diese Bauformen hier gibt es kein Vorbild, das in der Natur unmittelbar vorhanden wäre. Und wer solche Vorbilder in der Natur sucht, der zeigt eben, dass er das Grundlegende desjenigen, um was es sich hier handelt, gar nicht verstanden hat.

Das andere ist, dass man in der Lage ist, den Organismus wirklich zu verstehen. Dann, wenn man einen Organismus in der Natur versteht, dann hat man ein Denken, welches ganz unabhängig von der Natur auch organische Bauformen finden kann. Aber diese organischen Bauformen müssen ganz selbstständig und unabhängig gefunden werden, müssen aus ihrer eigenen Formwesenheit heraus geschaffen werden. Das Ganze trägt dann, wenn es wirklich aus einem organischen Baugedanken heraus gebildet ist, auch den Charakter des Organischen. Welches ist dieser Charakter des Organischen? Ja, meine lieben Freunde, nehmen Sie einen komplizierten Organismus, und nehmen Sie dann an diesem komplizierten Organismus nur ein Ohrläppchen. Wenn Sie richtig intuitiv denken und empfinden können, werden Sie sich sagen: Dieses Ohrläppchen an seiner Stelle könnte nie anders sein, als es ist; und es muss an dieser Stelle so sein, wie es ist; es hat die richtige Breite, es hat die richtige Höhe, es hat die richtige Rundung und so weiter. So muss hier an diesem organisch gedachten Bau jede einzelne Form sein. Alles Einzelne muss, indem es sich als ein Glied des Ganzen kundgibt, seine eigene Notwendigkeit in der Form offenbaren. Es muss sich das kleinste Anhängsel, das da oder dort auftritt, in seiner inneren Notwendigkeit so darstellen wie das Ohrläppchen oder wie ein Arm oder wie der Kopf am menschlichen Organismus.

Es ist hier nichts nachgebildet der Natur. Und wer durch diese Formen an das eine oder das andere erinnert wird, der zeigt eben, dass er den Bau nicht künstlerisch beurteilt, sondern unkünstlerisch. Denn wenn ich durch irgendetwas am Bau erinnert werde - und an was alles sind schon die Menschen erinnert worden durch diese Bauformen, an menschliche Augenbrauen oder dergleichen, oder an Augen -, so zeige ich nur: Ich beurteile das Einzelne für sich, während jede Einzelheit an diesem Bau nur eine Bedeutung hat im Zusammenhang mit dem Ganzen und aus dem Ganzen heraus begriffen werden muss.

Das nächste Bild zeigt dasselbe, etwas näher:

Sie haben unten den Eingang. Man kommt zunächst in die Garderobenräume, dann links und rechts, wo der Unterbau eine Rundung ist, ist das Treppenhaus. Man kommt dann auf die Rampe hinauf und geht durch das Hauptportal in das Innere hinein. Das Motiv, das einem am Hauptportal entgegentritt oben, das ist eben ein solches organisches Motiv. Und wenn Sie die verschiedenen Motive, die an den verschiedenen Seiten des Baues zu finden sind, nehmen, so werden Sie überall finden: Sie sind nach dem organischen Metamorphosenprinzip gebildet, sodass sich das eine aus dem anderen immer als Entwicklung ergibt. Schen Sie sich zum Beispiel dieses Motiv an, welches hier oben am Hauptportal ist. Wenn Sie es in seinen Formen empfinden, so werden Sie wieder empfinden können dieselbe Form an den Fenstermotiven des Seitentraktes, den Sie hier besonders deutlich sehen nach dem Süden hin (Abb. 14). Scheinbar ganz andere Motive sind diese Fenstermotive. Aber Sie werden an ihnen sehen können, dass sie sich so ergeben aus dem Hauptportalmotiv, wie etwa nach dem Prinzip der Goethe’schen Metamorphosenlehre die einzelnen Organe der Blüte sich ergeben aus dem Blatt. Es ist eine andere Metamorphose desselben Motivs. Man kann nur einen organischen Baugedanken entfalten, wenn man das Prinzip der Metamorphose wirklich innerlich intuitiv erfasst.

Sie sehen gerade bei dem, was sich links und rechts an den Haupteingang anschließt (Abb. 10, 15), den Versuch gemacht, so, wie in der organischen Natur selber gestaltet ist, zu verfahren, aber ohne dass irgendetwas Organisches nachgeahmt ist, nämlich so, dass das eine Motiv aus dem anderen hervorgeht. Sie sehen jeder Linie, jeder Fläche an, dass sie aus der anderen nach demselben Prinzip hervorgeht, wie, sagen wir, zum Beispiel beim Menschen die Wangenfläche aus der Schläfenfläche hervorgeht. Dieses Hervorgehen der Wangenfläche aus der Schläfenfläche, man kann es wirklich innerlich studieren. Man muss nur loskommen von der rein intellektualistischen Weltanschauung. Man muss die Welt in Formen anschauen können, ohne zum Symbolismus zu kommen. Dann wird man einsehen, wie eine Fläche, eine Form aus der anderen so entsteht, dass sie wirklich herausgewachsen sein könnte, und dass sie außerdem an dem Orte, wo sie ist, durchaus räumlich gerechtfertigt ist.

Sehen Sie, an diesem ganzen Bau ist kein einziges bloßes Symbolum. Als unsere Bewegung noch durch Menschen, die sich an ihr beteiligten, viel Sektiererisches in sich hatte, viel verkehrt Mystisches, das ja von mir immer bekämpft werden musste — aber es waren sehr viel mystisch-sektiererische Anlagen in den verschiedenen Menschen, die von verschiedenen Seiten zu unserer Bewegung herankamen -, da entsetzten sich oftmals gerade künstlerische Naturen, die in unsere Räume hereinkamen, über das Symbolisierende. Irgendwo ein Rosenkreuz, ein Kreuz mit sieben Rosen, dilettantisch gemacht, galt den Leuten mehr als ein wirklich künstlerisches Motiv. Das dürfte nun an diesem Bau endlich endgültig überwunden sein, und das unmittelbar Schöpferische ohne den Durchgang durch das Symbolisieren, das unmittelbar Schöpferische einer Weltanschauung im Formalen, das sollte an diesem Bau nun zum Ausdrucke kommen.

Ich bitte Sie, immer bei diesen Formen darauf Rücksicht zu nehmen - selbstverständlich ist alles ein Anfang -, dass der Versuch gemacht ist, die Flächen so zu gestalten, dass sie sich nach den entsprechenden Kräftelagen richten. Wenn Sie zum Beispiel durch den Haupteingang des Unterbaues hineingehen, so werden Sie dort Bogen schen. Studieren Sie einmal die Formung dieser Bogen, und Sie werden sehen: Diese Formung ist so, dass die Linie des Bogens genau folgt der Kräfteverteilung im Bau. Da, wo es zum Tore geht, wo also eine geringe Belastung vorliegt, da greift der Bogen aus; da, wo der Bogen sich hinwölbt gegen den Bau, da biegt er sich ein, er stemmt sich. Sodass also die Formung des Bogens durchaus den Lasten, den Kräfteverteilungen folgt. So die Formen empfinden heißt eben einen organischen Baugedanken fassen.

Da kommen wir zu der nördlichen Seitenansicht. Sie sehen hier in dem zwischen dem Hauptportal und dem Nordtrakt liegenden Teile das Motiv des Hauptportals in Metamorphose über dem dreiteiligen Fenster. Sie können da studieren, wie die einzelnen Formen so metamorphosiert sind, dass zum Beispiel Rücksicht darauf genommen ist, wie das Motiv der Seitenwand folgt. Während man in den Haupteingang hineingeht, kommt einem das Motiv entgegen, während man hier an dem Motiv vorübergeht. Dieses Entgegenkommen und Vorübergehenlassen, das sind solche Dinge, die bei einem organischen Baugedanken zum Ausdrucke kommen müssen. Es ist dasselbe Motiv in anderer Metamorphose. So ist auch dasjenige gestaltet, was nach oben hin abschließt, was gewissermaßen überdacht das Motiv. Auch das ist anders gestaltet, aber wiederum nur in Metamorphose anders gestaltet als das Hauptportal-Motiv.

Da haben Sie die Seitenansicht des Seitentraktes. Gerade an diesem Fenstermotiv können Sie studieren, wie man organische Formen ausgestaltet. Was hier die Fenster nach oben abschließt als Motiv, das ist genau dasselbe wie das Motiv, das Sie vorhin gesehen haben über den Fenstern, und das Motiv, das Sie über dem Hauptportal haben. Aber beim organischen Wachstum ist es so, dass die Metamorphosen dadurch entstehen, dass dasjenige, was an dem einen Gebilde kräftiger, breiter ausgebildet ist, sich beim anderen verkürzt, zusammenzieht, anderes, was bei einer früheren Bildung primitiver ausgebildet ist, sich mehr verzweigt. Darauf beruht ja gerade die Metamorphose. Und diese Metamorphose sehen Sie hier durchgebildet.

Außerdem mache ich Sie aufmerksam darauf, dass wenigstens das Bestreben vorhanden war, bei diesem ganzen Bau Bauwahrhaftigkeit, architektonische Wahrhaftigkeit zu entwickeln. Das ist etwas, was man in der heutigen Welt eigentlich nur noch wenig versteht. Das bloß Renaissancehafte sehen Sie hier überwunden. Sie sehen diese Fenster nicht bloß dekorativ ausgestaltet, sondern Sie sehen sie unten aufstehen. Es ist an diesem ganzen Bau nichts zu finden, was nicht zu gleicher Zeit verrät, was es ist. Es lügt nichts an diesem Bau, während gerade bei jetzigen Baugedanken so ungeheuer viel Erlogenes und Verlogenes ist. Wir haben ja in unserer Kultur gerade in den Formen so viel Erlogenes, dass es schließlich nicht wunderbar ist, dass wir auch in dem, was die Menschen sprechen, so viel Erlogenes haben. Hier ist anderes versucht worden: Wo etwas auftritt, soll es tatsächlich unmittelbar der Ausdruck desjenigen sein, was es ist. Das ist beim Symbolismus niemals der Fall, denn dieser hat immer etwas Willkürliches in sich. Das bitte ich Sie zu berücksichtigen.

Hier haben Sie dann den Seitentrakt in seiner Fassade. Sie haben dasjenige, was über dem Hauptportal ist, in einer anderen Metamorphose. Natürlich ist bei alldem, was Sie hier sehen, zu berücksichtigen, dass es ein Anfang ist. Ich sage es jedem, der es hören will, immer wiederum: Ein zweites Mal würde der Bau, gemacht von mir selber, ganz anders werden. Es ist eben ein Versuch. Aber im Einzelnen kann man ihm doch wohl ansehen, was eigentlich gewollt ist, wie der organische Baugedanke durchgeführt ist, wie zum Beispiel die bloß mathematisch-geometrisch-dynamische Säulenform überall ins Organische übergeführt ist, sodass nirgends bloß anschaulich ist das Prinzip des Tragens oder des Lastens, sondern überall drinnen ist das Prinzip des Wachsens, des Auseinanderhervorgehens, was, wie wir dann morgen sehen werden, insbesondere bei der Innenarchitektur in ausgeprägtestem Maße versucht worden ist durchzuführen.

Da ist der Anschluss von der Seite, von der Ecke her.

Hier haben Sie nun das Bild von meinem ursprünglichen Modell. Ich wollte Ihnen zuerst eine Vorstellung geben von der Idee, die sich ergibt beim Annähern an den Bau. Ich wollte Ihnen zeigen, wie der Bau wirken soll, wenn man um ihn herumgeht. Nun führe ich Sie vor das Innere, so wie es sich darstellt nach meinem ursprünglichen, in Holz und Wachs ausgeführten Modell. Dieses Modell lag ja dem ganzen Bau zugrunde. Sie haben es hier in der Mitte durchschnitten. Dadurch sehen Sie unter der großen Kuppel die sieben aufeinanderfolgenden Säulen, welche in der Rundung den Zuschauerraum abschließen. Dann haben Sie hier die Stelle des Vorhanges, die Mitte; und hier haben Sie unter der kleinen Kuppel die sechs von den zwölf Säulen, welche den kleinen Kuppelraum umkreisen. Dieser Schnitt, der hier geführt wird, geht vom Westen nach Osten. Im Osten wird dann stehen die Hauptgruppe: der Menschheitsrepräsentant, vom luziferisch-ahrimanischen Elemente umrahmt. Über das Prinzip, nach dem diese Säulen mit ihren Kapitellen und Architraven gebildet sind, werde ich morgen sprechen.

Hier haben Sie den Grundriss des Baues, hier den Haupteingang, ringsherum die Rampe, hier den Zuschauerraum und hier den kleinen Kuppelraum, den Ort, wo aufgeführt werden sollen Mysterien, wo die Eurythmie-Aufführungen und so weiter sein sollen, beides getrennt durch den Vorhang, und in der Trennungslinie von beidem wird ja auch das Rednerpult stehen. In der Trennungslinie liegen dann die zwei Seitentrakte, die dazu bestimmt sind, dass diejenigen, die etwas zu tun haben mit den Aufführungen, dort ihre Garderoben haben werden und so weiter.

An diesem Grundriss können Sie sehen, dass dem ganzen Bau eine gewisse Notwendigkeit zugrunde liegt. Wenn ich über diesen Grundriss spreche, so habe ich immer eine gewisse Sorge, dass man den eigentlichen Baugedanken missverstehen kann. Ich habe hier einmal einen Vortrag gehalten über die Grundrissform, und diese Grundrissform parallelisiert mit der menschlichen organischen Gestalt. Das verstehen dann wiederum gleich manche Zuhörer so, als ob der Bau symbolisch nachgebildet sei der menschlichen Form. Das ist aber durchaus nicht der Fall, sondern wer in der Lage ist, die menschliche Form wirklich zu verstehen, wie sie auf der einen Seite das Denkerische ist, auf der anderen Seite das Willensgemäße, das durch das Gemüthafte zusammengebunden ist, wer das Ganze versteht, Hauptesbildung, Gliedmaßenbildung mit der Rumpfbildung, mit der Herzensbildung in der Mitte, der ist auch in der Lage, andere organische Formen auszubilden. Und eine solche andere organische Form ist dieses. Es ist eben organisch gestaltet. Daher, wenn dieses hier vorliegt und die organische Form des Menschen vorliegt, wird man eine Beziehung zum Menschen finden können. Aber es handelt sich durchaus nicht darum, dass das eine dem anderen nachgebildet ist, sondern es ist hier wirklich die organische Bauform aus dem Organisch-Schöpferischen des Natur- und Weltenwirkens selber heraus gestaltet. Dasselbe können Sie ansehen dem Querschnitte, den ich Ihnen jetzt zeigen werde; hier ist der Querschnitt von Osten nach Westen geführt.

Die kleine Kuppel, die sich verbindet mit der großen Kuppel, ist in der Mitte durchschnitten, von Ost nach West. Der ganze Bau hat nur eine Symmetrieachse, und symmetrisch ist alles in Bezug auf diese Symmetrieachse angeordnet. Das bedingt, dass eben gerade der Baugedanke ein organischer sein muss, denn das Organische ist so gestaltet, dass es sich in einer gewissen Achse entwickelt, wenn es ein höheres Organisches ist. Nur gewisse niedere organische Formen sind zentral angeordnet. Und man kann annehmen, dass einmal aus dem, was hier angestrebt worden ist, gewisse vollkommenere Bauformen, als die Zentralbauten sind, heraus entstehen werden, weil eben das Prinzip des organischen Wachsens in einer Achse wirklich hier einmal angestrebt worden ist.

Hier sehen Sie den Raum, in den man zunächst hineinkommt, wenn man durch das Tor des Unterbaues hineingeht. Dann hat man hier die Treppe, über die man hinaufgeht, um oben auf die Rampe zu kommen, über die man dann durch das Hauptportal in den eigentlichen Raum, über den wir morgen sprechen werden, hineinkommen kann. Sie sehen, wenn Sie.der Treppe zu gehen, hier unten ein merkwürdiges Gebilde (Abb: 24). Das, was dieses Gebilde ist, wird vielleicht nur derjenige vollständig erfassen können, der wirklich absieht von allem bloß Intellektuellen und auf das Künstlerische zu sehen in der Lage ist. Als diese Form hier ausgebildet werden sollte, da sagte ich mir: Wer über diese Treppe hinaufgeht, der muss an irgendetwas einen Anhaltspunkt haben für die Stimmung, die man im Hinaufgehen haben soll. Und nun sehen Sie sich diese drei Formen an, die aufeinander senkrecht stehen in den drei Raumrichtungen. Aber es genügt nicht, dass Sie bloß dieses aufeinander senkrecht Stehen ins Auge fassen, sondern Sie müssen das Überhängende dieser Formen ansehen, das sich Ausbuchtende, das Lastende, im Überhängenden Lastende.

Wenn Sie die ganze Form durchempfinden, dann wird sie Ihnen ein Ausdruck der Stimmung sein, die man für die wünschenswerte halten kann, wenn man über diese Treppe hinaufgeht. Wer über diese Treppe hinaufgeht, soll ein Vorgefühl davon haben: In diesem Bau des Goetheanum findet er etwas, was ihm Festigkeit, Sicherheit, Kraft im Leben gibt, was ihm etwas gibt, ohne dass man gewissermaßen seelisch umfällt. Davon soll man ein Vorgefühl hier haben. Rein aus diesem Gefühl heraus ist diese Form entstanden. Ich möchte sagen, nur nachträglich sollte man fühlen, wie diese Form so sein muss, dass sie, wenn auch nicht in sklavenhafter Nachbildung, doch etwas ähnlich ist den drei halbzirkelförmigen Kanälen, die die kleinen Gehörknöchelchen im menschlichen Ohre bilden. Wird dieses Organ im menschlichen Ohr verletzt, so fällt der Mensch um. Er verliert das Gleichgewicht. Es ist ein Gleichgewichtsorgan im menschlichen Organismus, ein ganz kleines, winziges Gleichgewichtsorgan.

Man kann nun das Gefühl haben, dass hier so etwas sein muss, um im Gleichgewicht in diesen Raum einzutreten. Das ist nichts Ausspintisiertes, das ist etwas durchaus Empfundenes. Derjenige, der es als ausspintisiert versteht, der hat es sich selbst zuzuschreiben, denn er fängt an nachzudenken, nachzugrübeln, zu spekulieren. Es handelt sich aber nicht darum, dass man nachgrübelt, spekuliert, sondern dass man das Lastende im Überhängenden empfindet, dass man die Form empfindet, und im Empfinden eben die Stimmung fühlt, die einen überkommen kann, wenn man über diese Treppe hinaufgeht.

Hier ist gerade eine derjenigen Bogenrichtungen, die nur verstanden werden kann innerhalb eines organischen Baugedankens. Stellen Sie sich einmal hierher im Bau und sehen Sie nach dieser Richtung hin und empfinden Sie den Bau, das heißt, empfinden Sie, wie man hier hereinkommt bezichungsweise herausgeht, empfinden Sie, wie man hier die Treppe hinaufgeht, dem Lastenden des ganzen Baues entgegengeht, dann werden Sie von diesem Schwung empfinden, dass er so sein muss. Sie werden aber auch empfinden, was gemeint ist in diesem Gebilde hier (Abb. 25). In solch einem Gebilde ist einmal der Versuch gemacht, das bloß Säulenmäßige, das Pfeilermäßige ins Organische überzuführen. Es ist dabei nichts anderes zugrunde liegend als das Formgefühl, das kommt, wenn man intuitiv das Tragende durchfühlt; dann muss diese Form herauskommen. Wer erinnert wird an einen Elefanten- oder an einen Pferdefuß, der mag daran erinnert werden, aber er zeigt, dass er nicht vom Künstlerischen ausgeht, sondern vom bloß Imitativen. Hier zu empfinden, wie getragen werden soll und wie dasjenige, was trägt, sich in diese Formen auswächst, nach dieser Richtung hin in diese Formen übergeht, in diese Bogenlinie nach der anderen Richtung hin sich aufstemmt, darum handelt es sich; nicht darum, etwas nachzuahmen, sondern die darinnen tragenden und lastenden Kräfte zu empfinden und ihnen entgegenzustellen die Formen, die tragen und Iasten können: Bei-dem gewöhnlichen Baugedanken empfindet man eigentlich nur das geometrisch-mechanisch-dynamische Tragende und Lastende. Hier dagegen soll in jeder Fläche, in jeder Linie zum Ausdruck kommen, wie gewissermaßen im Baulichen der Anfang des Fühlens des Lebendigseins enthalten ist.

Wenn Sie diese Dinge, die ich heute erwähnt habe, wirklich entkleiden alles bloß Spekulativen, dann werden Sie die Sache in der richtigen Weise verstehen. Ich werde dann, von hier ausgehend, morgen fortfahren, Ihnen die Innenarchitektur darzulegen. Ich glaube, dass, wenn man zunächst einmal dasjenige, was dem Baugedanken zugrunde liegt, der Welt mitteilt und dann zeigt, wie hier etwas wirklich Neues hervorgeht aus anthroposophischer Weltanschauung in künstlerischen Formen, man der Welt ein Gefühl wird beibringen können, wie von hier aus weltanschaulich und - wie wir dann sehen werden morgen und übermorgen - auch sozial gewirkt werden kann. Heute wollte ich zunächst einmal diese Einleitung geben, morgen wollen wir von außen nach innen in unserem Bau fortschreiten.

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