The Building at Dornach

GA 288 — 25 January 1920, Dornach

Dritter Vortrag

Indem wir heute vorrücken zu der Malerei der kleinen Kuppel - die Fotografien der Malereien der großen Kuppel wurden nicht so, dass sie zunächst zu Lichtbildern verarbeitet werden konnten -, bin ich allerdings in einer eigentümlichen Lage. Und in dieser Lage wird jeder sein, der beim breiteren Publikum, das zunächst die Sache hier nicht sieht, aus den Nachbildungen heraus eine Vorstellung hervorrufen wollen wird von dem, was mit der Malerei dieser Kuppel gemeint ist. Denn es handelt sich dabei darum, dass jener malerische Gesichtspunkt, der in meinem Mysterium «Die Pforte der Einweihung» erwähnt ist: herauszuholen das Malerische, die Form, ganz aus der Farbe, dass dieser Gesichtspunkt bei der Malerei der kleinen Kuppel, soweit es eben - auch da ist alles im Anfänglichen natürlich stecken geblieben - möglich war, wirklich geltend gemacht worden ist.

Die Form als ein Geschöpf der Farbe erscheinen zu lassen, das ist dasjenige, was hier hat durchgeführt werden wollen. Man wird, wenn man die Geschichte der Malerei verfolgt, finden, wie dieser Grundsatz, alles Malerische aus der Farbe hervorzuholen, im Grunde genommen jetzt erst im Anfange seiner Durchführung stehen kann. Das Malerische wurde ja, weil es ganz besonders dazu verführt, auch in Glanzperioden der Malerei, in dem Ausdrucke, in der Wiedergabe, in der naturalistischen Wiedergabe irgendwelcher Motive gesucht. Wenn man allerdings zugeben muss — und wer wollte das nicht zugeben gegenüber Raffaels, Leonardos, Michelangelos und weiteren Schöpfungen -, dass ein höchstes Malerisches auf diese Weise erreichbar ist, indem man nach Ausdruck strebt, wenn man auch zugeben muss, dass die ganze neuere Weltanschauung, die ungeistig ist, kaum etwas anderes tun konnte als irgendwie nach Ausdruck streben, so muss doch jetzt, da gesucht werden muss nach einer Vergeistigung unserer Weltanschauung, ein anderer Grundsatz, eine andere künstlerische Gesinnung gerade im Malerischen sich auch Geltung verschaffen können.

Zugeben wird diese künstlerische Gesinnung allerdings nur derjenige, welcher eine Ahnung davon hat, dass in der Welt ein jedes Element gewissermaßen eine schöpferische Totalität darstellt. Wenn man die Welt des Farbigen richtig empfinden kann, so findet man in dem Farbigen durchaus etwas Weltschöpferisches. Derjenige, der sich versenken kann in die Welt des Farbigen, der wird zu dem Gefühl sich aufschwingen können, dass aus dieser geheimnisvollen Welt des Farbigen aufsprosst eine Wesenswelt, dass sich das Farbige selber durch seine in ihm liegenden Kräfte zu einer Wesenswelt hin entwickeln will. Ich möchte sagen: So wie man sehen kann im kleinen Kinde in der Anlage den erwachsenen Menschen, so kann man eine Wesenswelt in der Anlage sehen, wenn man die Welt des Farbigen richtig empfindet.

Allerdings handelt es sich dann darum, dass man nicht bloß eine Empfindung hat für die einzelne Farbe. Die einzelne Farbe wird in der Regel nur ein Verhältnis begründen zwischen dem Menschen und dem Farbigen als solchem. Blau sehen heißt den Drang, die Sehnsucht empfinden, mitzugehen mit dem Raum, in dem sich die Farbe zeigt, zu folgen der Farbe. Rot angesehen ruft die Empfindung hervor, dass man angegriffen wird, dass man sich gegen etwas zu verteidigen hat. So auch bei den anderen Farben. Auch haben die Farben gewisse Verwandtschaft mit demjenigen, was in den Farben geformt werden kann, wenn man die Form aus der Farbe herausholen kann. Das Blau zum Beispiel wird einem immer helfen, wenn man Bewegung ausdrücken will; das Rot wird einem immer helfen, wenn man Physiognomie ausdrücken will. Aber es kommt bei dem, was ich hier meine, viel weniger auf die einzelne Farbe an als auf dasjenige, was die Farben zueinander zu sagen haben, was das Rot zum Blau, das Grün zum Blau, das Grün zum Rot, das Orange zum Lila und so weiter zu sagen hat. In diesem, ich möchte sagen, Wechselgespräch und Wechselkräftewirken der Farben drückt sich eine ganze Welt aus. Und derjenige empfindet dieses Wechselgespräch und Wechselkräftespiel der Farben nicht vollständig, der nicht die Farben zu empfinden vermag wie Meereswogen, die sich erheben und senken, und spielend auf diesen Farbenwogen - aber geboren werdend zu gleicher Zeit aus den Farbenwogen heraus - die Elementarwesen empfindet, die sich ganz von selbst aus diesem Farbenwogen heraus in ihrer Gestaltung entwickeln.

So handelt es sich darum, das Geheimnis zu entdecken, malerisch, aus den Farben heraus der Natur nachzuschaffen. Denn ein großer Teil des Wesenhaften, das wir überschauen, ist eben durchaus aus der schöpferischen Farbenwelt geboren. Wie die Vegetation aus dem Meere aufsprosst, so wächst das Lebendige aus der Farbenwelt heraus.

Es ist in unserer Zeit, ich möchte sagen, fast jämmerlich zu sehen, wie diejenigen, die künstlerisches Empfinden im Leibe haben, wirklich fühlen, dass die alten Formen des Künstlerischen bei einem Bankrott angekommen sind, dass man da nicht mehr weiterkann, und wie trotzdem die Welt nicht mitwill in dem Impuls, der nur gegeben werden kann durch das anthroposophische Erfassen der Welt. Allerdings muss dann dieses anthroposophische Erfassen der Welt auf etwas anderes gehen als auf ein bloßes abstraktes, begriffsmäßig Ideelles. Es muss auf Anschauung gehen. Man muss ebenso denken können in Farben, in Formen, wie man denken kann in Begriffen, in Gedanken. Man muss leben können in Farben, in Formen.

Wenn unser Bau das sein soll, was mit ihm beabsichtigt ist, dann muss sich gewissermaßen in ihm als in einem Organischen das Geistige, das Seelische, das Physische zum Ausdrucke bringen. Das Geistige ist wesentlich in den Formen der Säulen, der Architrave, der Kapitelle und so weiter zum Ausdrucke gekommen. Darinnen ist der aus sich selbst Form herausgestaltende Geist wiedergegeben. Das Seelische wird zum Beispiel in den Glasfenstern seine Offenbarung finden. In diesem Zusammenspiel des äußeren Lichtes mit demjenigen, was in die farbigen Glastafeln hineingraviert ist, wird sich das Spiel des Seelischen ahnen lassen. Und das Physische, das wird sich ahnen lassen in seiner eigentlichen Gestaltung, wenn man den richtigen Blick hat für dasjenige, was in den Kuppeln gemalt ist. Es bringt die Kuppelmalerei gewissermaßen das Physisch-Körperliche zum Ausdrucke. Es ist natürlich, dass bei der Anordnung des Baues, der hinstrebt nach dem Verständnis der Welt, gewissermaßen eine umgekehrte Ordnung ist als beim gewöhnlichen Erfassen der drei Weltglieder. Die ergibt sich von selbst gegenüber dem, was man gewöhnlich vorstellt, wo man sich das Geistige oben, das Physische unten vorstellt. Bei dem, was als Strebenskräfte im Bau durch das ganze Künstlerische des Baues in der Menschenseele sich entwickeln soll, muss ein umgekehrtes Verhältnis da sein.

Aber gerade dieses Schaffen aus den Farben heraus kann ich Ihnen natürlich in Lichtbildern nicht zeigen, und daher empfangen wir bei den Lichtbildern gewissermaßen nur dasjenige, was nicht eigentlich im Wesentlichen gemeint ist, wenn von der Kuppelmalerei die Rede ist. Wir empfangen gewissermaßen die unkünstlerischen Grundlagen desjenigen, was künstlerisch gemeint ist. Aber das geht ja natürlich nicht anders, und zu hoffen wird sein, dass diejenigen, welche diese Lichtbilder vom Farbigen sehen, es den Bildern selber ansehen, dass sie gewissermäßen nach etwas anderem sehreien, dass sie.nicht dasjenige-eigentlich zum Ausdrucke bringen, was da sein will. Man wird etwa, wenn man richtig empfindet, diesen Lichtbildern des Farbigen gegenüber sich sagen müssen: Ja, was da in diesen Lichtbildern vorliegt, das will eigentlich in einer ganz anderen Sprache zu uns reden. Und dann wird man schon hingelenkt werden darauf, den Bau selbst in seiner ursprünglichen Gestaltung zu sehen. Es wird das als eine Sehnsucht für denjenigen, der künstlerisches Empfinden hat, aus dem Anschauen dieser Lichtbilder hervorgehen. Deshalb glaube ich nicht, dass es ganz unnötig ist, auch diese Lichtbilder vorzuführen.

Wir beginnen da, wo man als Erstes an der Wandfläche der kleinen Kuppel eine Art fliegendes Kind hat, unmittelbar anschließend an die Grenze zwischen der großen und der kleinen Kuppel (Abb. 67, 70). Sie sehen, dieses fliegende Kind, das gehört kompositionell zu demjenigen, was hier, von Ihnen links, darauf stößt (Abb. 71). Das Kompositionelle ist natürlich ganz aus dem Farbigen herausgeholt; aber es bildet doch auch ein Moment in der Gestaltung dieser kleinen Kuppel. Und Sie werden die ganze Gestaltung dieses Kindes hier begreifen, wenn Sie die zwei angrenzenden Gestalten ins Auge fassen.

Wir werden das nächste Bild jetzt einstellen (Abb. 68):

Sie sehen hier eine Art Faust-Figur. Wir werden in das Mittelalter, in diejenige Zeit hineingestellt, wo gerade unser fünftes nachatlantisches Zeitalter aufgeht. Es ist das einzige mit Buchstaben geschriebene Wort, das Sie hier als ICH finden. Im ganzen Bau finden Sie sonst nichts irgendwie berechtigt mit Buchstaben hingeschrieben. Die abstrakte Art der Darstellung des Wortes, dieses Fundamentalwortes ICH hat hier insofern seine Berechtigung, als mit dem Aufgehen der fünften nachatlantischen Kulturperiode, in der wir drinnenstehen, im 15. Jahrhundert, die sich dann weiter entwickelte eben in der Faust-Zeit, im 16. Jahrhundert, das Unanschauliche auftritt, dasjenige, was sich ausdrückt durch das bloße Zeichen, durch dasjenige, was sich ganz loslöst von der Realität. Was dem eigentlichen Ich-Wesen des Menschen zugrundeliegt, das wird ja gegenwärtig eigentlich noch nicht erfasst; Wir haben es in der allgemeinen geistigen Menschheitskultur noch nicht einmal zum Bilde des Ich gebracht. Denn wenn der Mensch Ich ausspricht, so hat er eigentlich nur einen abstrakten Punkt im Sinne. Und deshalb hat es hier seine Berechtigung, das ganz unreale Bezeichnen des Ich durch Buchstaben einzuführen. Gerade in der Nähe der Faust-Figur hat das natürlich seine Berechtigung.

Bitte, legen Sie keinen besonderen Wert darauf, dass ich sage Faust-Figur. Es handelt sich darum, dass in dem ganzen Kompositionellen dieser Figur sich ausdrückt das, was der Zeitgeist eben gerade in dieser Epoche in einem suchenden Menschen zum Vorschein bringt. Sie sehen das ausgedrückt vor allen Dingen im Auge, in der Miene, in der Handhaltung. Sie sehen es ausgedrückt in der ganzen Geste, die diese Figur hat. Dass sie an Faust erinnert, das ist, ich möchte sagen, etwas ganz Zufälliges. Es ist der Mensch, der innerhalb des fünften nachatlantischen Zeitraumes wirklich sucht, wie man in unserem Zeitalter sucht. Das, was da eigentlich bei diesem Suchen als die Grundempfindung immer auftritt, das ist noch wenigen Menschen zum Bewusstsein gekommen. Wir haben es seit dem 15. Jahrhundert immer mehr und mehr gebracht zu einer Art Weltanschauung des Toten, zu einer Weltanschauung, welche nicht imstande ist, das Lebendige zu durchdringen.

Das hängt zusammen mit der ganzen Erziehung, welche die Menschheit in dem Beginne dieses fünften nachatlantischen Zeitraumes durchmachen soll. Die Menschheit soll dahin kommen, innere Freiheitskraft zu entwickeln, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Das kann sie nur, wenn sie sich von der Natur losreißt. Aber sich von der Natur losreißen heißt, sich zusammenzuschmieden mit den Kräften, die erkennend allein das Tote auffassen. Alle unsere Begriffe, alle unsere Vorstellungen, die heute die eigentlichen Zivilisationsvorstellungen sind, gehen auf das Tote. Und derjenige, der heute nicht selbst tot wird, wie die meisten Gelehrten allerdings seelisch sind, derjenige, der heute nicht selbst tot wird bei seinem Suchen, der empfindet in dem Suchen dieser Prinzipien zwar ein Hinneigen zu dem, was den Menschen frei macht, aber zugleich, ich möchte sagen, den Abgrund des Toten. Er hat immerfort das Gefühl: Du machst dich zwar frei, aber du kommst dadurch in die Nähe des Todes. Deshalb musste kompositionell in die Nähe dieser Faust-Figur der Tod gebracht werden.

Das ist darunter. So schen Sie also das: der suchende Mensch, der heute unter dem Eindrucke, unter dem Gefühlseindrucke des Todes steht, des Todes, der immer begleitet gerade die wichtigsten Ideale des Erkenntnissuchens. Für eine empfindende Seele würde das unerträglich sein, oben eine Art Faust-Figur, unten den Tod zu haben, und kompositionell kein Gegenbild. Daher, bevor man zu dieser Komposition Faust und Tod kommt, dieses fliegende Kind, das gewissermaßen den Gegensatz darstellt in der Empfindung des Todes. So ist diese Dreiheit zu fassen: Tod, suchender Mensch, das junge, voll-lebendige Kind. Damit ist gewissermaßen dasjenige in diese kleine Kuppel hineingemalt, was die Initiation der fünften nachatlantischen Zeit darstellen kann. Die Initiationsweisheit der fünften nachatlantischen Zeit ist nämlich nicht zu erringen, ohne dass man gewissermaßen immer das volle Bewusstsein von der Bedeutung des Todes nicht nur im Menschenleben, sondern im Leben der ganzen Welt neben sich hat. Wir haben ja die Kraft unseres Denkens dadurch, dass wir die Todeskraft fortwährend in unserem Haupte tragen. Würden diejenigen Kräfte, die zum Behufe unseres Denkens in unserem Haupte tätig sind, unseren ganzen Organismus durchdringen, so könnten wir nicht leben. Wir würden fortwährend sterben. Wir leben nur dadurch, dass die Sterbetendenz unseres Hauptes fortwährend ausgeglichen wird durch die Lebenstendenz unseres übrigen Organismus. Das ist; ich möchte sagen; kurz und leicht ausgesprochen im Abstrakten das Gesetz unserer Zeit.

Wenn ich Ihnen das so sage, so kann ich begreifen, dass es nicht besonders tief in Ihre Herzen, in Ihre Seelen hineindringt. Es durchlebt zu haben, das bedeutet aber etwas Ungeheures, meine lieben Freunde; durchlebt zu haben jenen Impuls, der bei jedem Erkenntnisstreben sagt: Dasjenige, was du dir für die Gegenwart an Erkenntnis aneignen kannst, das verdankst du dem immer mehr und mehr in das Erdenleben hereindringenden Tod. Erst wenn dieses erst im Anfange seines Werdens liegende Initiationsprinzip, die Macht des Todes, immer weiter und weiter sich ausbreiten wird und erzeugen wird die lebendige Sehnsucht der neueren, der zukünftigen Menschheit nach dem ausgleichenden Geiste, nach einer Jugend, die schon Jupiter-, die nicht mehr Erdenjugend ist, die schon die Jugend der nächsten planetarischen Verkörperung der Erdeist; dann wird einziehen dasjenige, waseigentlich einziehen soll in das Erdenleben der Menschheit.

Wir gehen dann zurück zu dem, was malerisch ausdrücken kann die vierte nachatlantische Kulturperiode. Eine Art Gestalt wurde hier gegeben unter den Malereien der kleinen Kuppel,-welche in ihrer-ganzen Formung = Sie werden das besonders einpfinden, wenn Sie sich die Farbengebung dieser Gestalt in der kleinen Kuppel ansehen -, durch ihr ganzes Wesen das Hereinleuchten der geistigen Welt während der vierten nachatlantischen Periode in das Menschenwesen kennzeichnet so, wie es in der vierten nachatlantischen Kulturperiode sein musste. Über dieser Gestalt finden Sie dann die Inspiratoren, für die ich keine Lichtbilder haben konnte nach den Fotografien. Immer finden Sie hier über den entsprechenden Gestalten die Inspiratoren, nur dass bei der fünften nachatlantischen Kulturperiode der Tod selbst, der von unten nach oben an den Menschen herantritt, der eigentliche Inspirator ist.

Hier (Abb. 74) werden Sie nach oben eine Art Gott, eine apolloartige Gestalt finden als Inspirator. Dasjenige, was durch die Inspiration in eine Menschengestalt der vierten nachatlantischen Kulturperiode hineinkommen kann, das kommt in diese Gestalt hinein. Und so sehen Sie tatsächlich die Menschheitsgeschichte in ihrem inneren, seelischen Verlauf in dieser kleinen Kuppel gemalt. Natürlich müssen Sie absehen von allem Unkünstlerischen. Wenn man solch eine Gestalt malerisch auf die Fläche bringen will, dann hat man nichts von dem in seiner Seele präsent, was zu der Frage führen könnte: Was bedeutet dies oder jenes? Der unkünstlerische Mensch wird vor diese Gestalt treten und sagen: Was bedeuten die zwei oder drei Köpfe, die da links sind von der Hauptgestalt? Das ist eben eine unkünstlerische Frage, das ist eine Frage, die derjenige, der das malt, am allerwenigsten wird beantworten wollen, aus dem Grunde, weil ihm, der Gesichter malerisch zu gestalten hat, sie einfach räumlich als Gestalten in die Anschauung hineintreten. Er empfindet nicht irgendetwas, was man mit der Frage: Was bedeutet das? treffen kann, sondern er empfindet eine Notwendigkeit aus den schaffenden Weltenkräften heraus, einer Gestalt, die in der Weise inspiriert ist wie diese, beizugeben in der Umgebung dasjenige, was auch wiederum wie durch Menschengestalten ausgedrückt werden muss.

Ich sprach von den in der Farbenwelt selbst liegenden schöpferischen Kräften. Gegenwärtig hat man, wenn man Malerisches betrachtet, eigentlich immer das Abbildliche im Sinn. Das ist gerade dasjenige, was wird überwunden werden müssen. Es werden viel elementarere Empfindungen die künstlerische Seele ergreifen müssen. Ich will mich noch etwas deutlicher ausdrücken über das, was ich zu sagen habe: Nehmen Sie einmal an, ich mache hier (Abb. 105) einen einfachen Farbenfleck, einen gelben Farbenfleck, und gliedere an diesen gelben Farbenfleck hier Blau an. Derjenige, der das Farbige wirklich empfindet als Lebendiges, der kann gar nicht anders, als, indem er so etwas empfindet, einen gelben Farbenfleck mit einer blauen Umrandung, ein Haupt im Profil sehen.

Das folgt ganz von selbst für den, der das Leben der Farben in sich trägt. Bloß zwei Farbenflecke sind für den, der das Schöpferische der Farbe hat, dasjenige, was zu gleicher Zeit zum Erleben des Wesenhaften führt. Und nicht dadurch kann man, sagen wir, farbengemäß ein Gesicht malen, dass man sagt: Ich habe ein Gesicht gesehen, oder gar: Ich habe ein Modell, und nach diesem Modell gestalte ich mir das Gesicht und dann ist es ähnlich. Nicht so wird in der Zukunft gemalt werden, sondern es wird das Farbige erlebt werden, und ganz abgesehen von allem Naturalistischen, von allem Nachbilden, wird aus der Farbe selbst herausgeholt werden dasjenige, was in ihr schon liegt, was man mit Notwendigkeit aus ihr herausholen muss, wenn man ein lebendiges Miterleben mit dem Leben der Farbe selber hat.

Hier finden Sie nun eine Zusammenstellung desjenigen, was Sie früher einzeln gesehen haben: hier oben das fliegende Kind, diese Figur des 16. Jahrhunderts, unten den Tod, das weitere weniger deutlich. Sie sehen hier oben den Inspirator für die Figur (Abb. 72). Sie erkennen ihn gerade noch, die Sie eben hier auf der Tafel gesehen haben, die hier sehr undeutlich ist. Es ist natürlich schwer, die Dinge, die eigentlich nur so in den Farben hingehaucht sind über die Wand, in dieser groben Weise des Bildes, des farblosen Bildes, wiederzugeben. Manches kann ja natürlich nur, ich möchte sagen, wie eine Beschreibung desjenigen aufgefasst werden, was eigentlich gemeint ist.

Sie sehen hier die inspirierenden Gestalten der dritten nachatlantischen Kulturperiode, welche aus der Geistwelt heraus diejenige Gestalt inspirieren, die nun auf dem nächsten Bilde erscheinen wird.

Wir haben hier inspiriert von den vorigen Gestalten den Initiaten aus der dritten nachatlantischen Kulturperiode.

Es ist also seelisch in diese kleine Kuppel die wirkliche Entwicklung der Menschheit hineingemalt, allerdings nicht zeitlich, das werden Sie gleich sehen, sondern innerlich. Denn wir gehen jetzt nicht zurück bloß etwa zur früheren zweiten nachatlantischen Kulturperiode, sondern wir gehen zurück allerdings zu dem persischen Initiationsprinzip, das aber sich weiterentwickelt, das das urpersische Initiationsprinzip war, das aber auch das germanische Initiationsprinzip ist. Sodass wir, indem wir zum nächsten Bilde gehen, das germanische Initiationsprinzip haben. Dieses germanisch-persische Initiationsprinzip beruht im Grunde genommen auf dem Dualismus, und alles hängt davon ab, dass eingesehen werde, dass alle Initiation, welche die Kulturströmung umfasst, die zeitlich ihren Anfang nahm in der urpersischen Kulturperiode, die ihre Fortsetzung erfuhr in der Goethe’schen Zeitkultur, die geographisch von Vorderasien über das Schwarze Meer herüber, nordwärts vom Schwarzen Meer herüber nach Europa geht, dass diese Initiationsströmung durchaus ihr Heil darinnen suchen muss, genau zu erkennen, wie der Mensch drinnensteht in dem zu suchenden Gleichgewichtszustand zwischen Luzifer, den Sie hier rechts sehen, und Ahriman, den Sie links sehen (Abb. 77). Das ist das Wesentliche, dass man einsieht, dass diese Kulturströmung alle Kraft daraus gewinnen muss, den Gleichgewichtszustand zu finden zwischen dem Ahrimanischen und dem Luziferischen. Und versucht worden ist gerade in der Gestalt, die inspiriert wird von dem Ahrimanisch-Lu ischen selber, von demjenigen, was als untermenschlich Luziferisches hier rechts, Ahrimanisches hier links sich geltend macht, zu zeigen in der Haltung, in der ganzen Physiognomie diejenige Geistigkeit, die gerade aus der wirklichen Erfassung dieses Dualismus, des Ahrimanisch-Luziferischen, zu dem der Mensch das Gleichgewicht suchen muss, erfließen muss.

Dass Sie auch hier das Kind sehen, gewissermaßen getragen von dem Initiaten, das hat seine gute Begründung. Denn dasjenige, was in den Menschen hereinfließt aus dem Inspiriertwerden durch das duale Prinzip, das könnte nicht ertragen werden, es würde einen innerlich ertöten, wenn man nicht fortwährend den Blick hätte auf das Verjüngende, das Kindhafte. Wenn Sie es in der Kuppel schen, so werden Sie bemerken, dass das gerade, was hier gemeint ist, sehr stark aus den Farben versucht worden ist herauszuholen. Auch der Gegensatz des Luziferischen und Ahrimanischen ist aus den Farben herauszuholen versucht worden. Nur muss man nicht deuteln, sondern das Wesentliche in der künstlerischen Empfindung suchen.

Hier sehen Sie Ahriman herausgestellt. Es sind nicht zwei Ahrimane, sondern es ist Ahriman und sein Schatten. Ahriman geht nämlich nicht herum, ohne seinen fortwährenden Schatten bei sich zu haben. Ahriman selbst würde ein viel zu erstarrendes, verdorrendes Prinzip sein, wenn er in völliger Vollendung hier zum Beispiel erschiene. Man hat das notwendige Bedürfnis, seinen Schatten, der etwas seine Erstarrung mildert, neben ihm zu haben. Wenn Sie in der kleinen Kuppel die Farben studieren, so werden Sie sehen, dass in diesem Eigentümlichen des Dunklen der Farbe, des Bräunlich-Grauen, versucht worden ist, das Ahrimanisch-Erstarrende zum Ausdruck zu bringen; alles wurde versucht aus der Farbe herauszuholen.

Hier sehen Sie das Luzifermotiv. Vollständig verstehen werden Sie das Ahrimanische und Luziferische nur, wenn Sie es im Zusammenhange erblicken. Wenn Sie bloß Ahriman und bloß Luzifer anschauen, so werden Sie eigentlich keinen recht verstehen; nur wenn Sie sie nebeneinander haben, weil eigentlich Ahriman und Luzifer im Weltenall so schaffen und so wirken, dass immer dasjenige, was der eine bewirkt, aufgenommen wird, sich zunutze gemacht wird von dem anderen, und umgekehrt. Sodass eigentlich auch ihre Gestaltung nur richtig verstanden werden kann, wenn man sie im lebendigen Zusammenhange erfasst.

Was nun auf diese Weise inspiriert wird, das soll das nächste Bild zeigen.

Ich hatte gehofft, in diesem Gesichte mit der entsprechenden Farbe, in der es ist, dasjenige auszudrücken, was ungefähr ausgedrückt werden kann in einer Gestalt, die unter dem Einflusse dieses dualen Prinzips steht. Es ist diese innere Festigkeit und zu gleicher Zeit Gelassenheit im Temperament, im Charakter notwendig, und die freudige Hinneigung zu dem jugendlich Kindlichen, um ertragen zu können all dasjenige, was man erlebt unter dem wirklichen inspirierenden Einfluss des dualistischen Prinzips.

Hier sehen Sie dasjenige, was unsere Kulturperiode einmal ablösen wird. Es ist mehr gegen die Mittelpunktsgruppe, gegen den Menschheitsrepräsentanten mit Ahriman und Luzifer zu gestaltet. Man konnte dasjenige, was hier gezeigt werden sollte, nur dadurch ausbilden, dass man einen Initiaten, das heißt einen solchen Menschen, in den die geistigen Offenbarungen der künftigen sechsten nachatlantischen Kulturperiode hereinkommen, jetzt schon im Vorspiel hereinkommen, dass man einen solchen Initiaten versuchte durch Farbe und Form zum Ausdrucke zu bringen. Dazu musste man nicht etwa einen heutigen Russen, aber dasjenige, was in jedem heutigen Russen in einer gewissen Weise zu sehen ist, verbildlichen. Jeder solche Russe hat seinen eigenen Schatten immerfort im Grunde genommen zu seinem Begleiter. Er hat immer einen Zweiten, der ihn begleitet, und das ist hier zum Ausdrucke gebracht,

Nun müssen Sie sich vorstellen, dass da das Inspirierende gegenüber dem früher Inspirierenden geistiger ist. Daher diese engelartige Gestalt, die aus dem Blau in seiner ganzen Form herauswächst da. Sie werden es auf dem nächsten Bilde deutlicher sehen, diese Art Kentaurgestalt, welche wesentlich zur inspirierenden Wesenheit notwendig ist. Sie sehen, diese Inspiration führt zu gleicher Zeit in das Sternenhafte hinaus. Man erkennt wiederum den Menschen in seinem Zusammenhang mit demjenigen, was im Weltenall außerirdisch ist. Aber das Inspirierende selbst ist nicht mehr zu fassen durch etwas Menschenähnliches. Man kommt zu Gestalten, wenn man versucht, es in der Form wiederzugeben, die nicht mehr menschenähnlich sind, die gewisse Formeigenschaften haben, die an Charakter und Temperamenteigenschaften des Menschen erinnern, aber die als solche nicht mehr menschenhaft sind.

Hier ist diese inspirierende Gestalt, die ein Wesen des Kosmos ist, allerdings in Verbindung mit dem doch sich nach dem Menschlichen hinneigenden, aber ganz aus der Wolkenfarbe heraus geborenen engelartigen Wesen. Das sehen Sie hier als das eigentlich Inspirierende.

Dasselbe Wesen; es ist nur mehr zu sehen; es sind die Initiaten darauf zu sehen. Natürlich liegt die ganze Wirkung hier in der Farbenkomposition, die natürlich hier vollständig fehlt.

Nun, hier sehen Sie das oberste Glied der Mittelfigur. Die Mittelfigur (Abb. 84) zeigt den Menschheitsrepräsentanten, über ihm Luzifer. Es ist die Mittelfigur, malerisch aufgefasst, unter der die Gruppe, die die Hauptgruppe sein soll, steht, hier malerisch aufgefasst, wo es näher lag, das Luziferische und das Ahrimanische nur in einer Gestalt zu geben, während es plastisch der Schwere halber, der Raumverteilung halber immer doppelt gegeben worden ist. Zu verstehen ist diese Figur nur aus den Farben, aus dem Roten heraus, in dem sie hauptsächlich komponiert ist, mit einigen anderen Farbennuancen zusammen. Und gerade hier soll sich eben zeigen, wie der Mensch auf der Suche ist nach dem Gleichgewichtszustand zwischen dem Luziferischen und Ahrimanischen. Dieses Suchen nach dem Gleichgewichtszustand ist gewissermaßen beim Menschen sowohl physisch und physiologisch zu finden, wie auch seelisch und geistig.

Physiologisch genommen, physisch ist der Mensch nicht etwa jenes einfache Wachstumswesen, als das man ihn in einer trivialen Wissenschaft oftmals darstellen will. Der Mensch neigt gewissermaßen immer auf der einen Seite zur Verknöcherung, auf der anderen Seite zur Verweichlichung, Verschleimung. Dasjenige, was in ihm zur Verschleimung neigt, was entstehen würde, wenn das Blut die Oberhand gewinnen würde, das ist vom Luziferischen kommend. Indem das Luziferische physiologisch im Menschen die Oberhand gewinnen würde, indem im Menschen physiologisch auftreten würden als eigentliche Gestaltungsprinzipien die fieberhaften Erscheinungen, würde das Luziferische vorwiegend. Dann würde aber auch die Menschengestalt sich immer mehr und mehr dieser Gestalt nähern (Abb. 85). Der Mensch hatte diese Gestalt während der alten Mondenzeit. Man kann auch sagen: Wenn dasjenige Prinzip, das vorzugsweise in Herz und Lunge das Wachstumsprinzip ist, allein den Menschen beherrschen würde, so würde der Mensch eine solche Gestalt erhalten. Nur dadurch, dass diesem Luziferischen entgegensteht der andere Pol, das Ahrimanische, dadurch ist auch physiologisch der Gleichgewichtszustand geschaffen zwischen dem, was das Blut bewirkt, und dem, was das Verknöchern bewirkt. Das ist physiologisch, physisch gefasst, körperlich.

Seelisch kann man sagen: Der Mensch ist fortwährend auf der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen der Schwärmerei, der bodenlosen Mystik, welche das Luziferische ist, und dem Nüchternen, Materialistischen, Abstrakten, was das Ahrimanische ist. Geistig gesprochen: Der Mensch ist fortwährend auf der Suche, einen Ausgleich zu finden zwischen jenen Bewusstseinszuständen, die vorzugsweise vom Lichte durchsetzt sind, wo das Bewusstsein erweckt wird durch das Lichtartige, durch das Durchleuchtetsein des Seelischen, durch Luziferisches. Und der andere Pol ist derjenige, wo durch die Schwere, die Gravitation, das Elektrische, den Magnetismus, kurz desjenigen, was hinunterzieht, das Sich-Erfassen, das Bewusstwerden bewirkt wird: Das ist das Ahrimanische. Der Mensch ist fortwährend der Sucher nach dem Gleichgewicht zwischen diesen zwei Zuständen, und man wird immer bemerken, dass alles das, was im Menschen bewusster werden kann, was den Menschen von der Mittelbahn wegbringen kann, immer neigt nach der einen Seite, nach der luziferischen oder nach der ahrimanischen. Das wäre insbesondere wichtig auch für das Studium des menschlichen physischen Organismus, wenn man absehen würde von dem ganz abstrakten Wachstumsprinzip, das nur eines sein soll, und Rücksicht nehmen würde, dass gleichsam ineinandergeschachtelt, ineinandergeschoben, einander polarisch entgegengesetzte Wachstumsimpulse im Menschen vorhanden sind. Der andere Wachstumsimpuls ist das Ahrimanische.

Da ist das genau Entgegengesetzte. In jeder Form, in jeder Linie werden Sie das Gegenteil von Luzifer in diesem Ahriman sehen, der wie herauswächst aus den Felsenmassen, das heißt aus den Schwereverhältnissen der Erde, der herauf will zum Menschen, sodass er, wenn er den Menschen mit seiner Schwere ganz erfasste, diesen gleichsam in der Verknöcherung ertöten oder in der Ernüchterung, im Materialismus erdrücken würde. Das muss in diesem Ahriman-Wesen zum Ausdruck kommen. Vom Lichte wird es wie ertötend getroffen. Daher die Lichtstrahlen, die ihn wie Stricke erfassen, sodass er durch sie gefesselt wird. Dazwischen dann der Mensch, der eigentliche Mensch.

Hier der eigentliche Mensch, der den Gleichgewichtszustand darstellt, unter ihm Ahriman, über ihm Luzifer. Ich bemerke ausdrücklich: Es ist auch hier wiederum nicht das Wesentliche, dass jemand von der abstrakten Christus-Vorstellung ausgeht. Das Wesentliche ist, dass man empfindet dasjenige, was in dieser Gestalt als solcher liegt. Dann wird man durch das Künstlerische in der Gestalt von selbst zu dem Christus hingeführt. Das heißt, man wird entdecken können, wenn man empfindet dasjenige, was in dieser Gestalt liegt, als die Mittelpunktswesenheit alles Erdenwerdens den Christus. Der Christus kann heute rein geistig entdeckt werden. Aber man muss den Menschen richtig verstehen und richtig empfinden.

Umgekehrt kann man sagen: Derjenige, der heute alles dasjenige versteht und empfindet, was der Mensch erleiden kann, woran der Mensch sich freuen kann, derjenige, der voll empfindet, wie der Mensch nach der einen und nach der anderen Seite abirren oder sich erheben kann, derjenige, der strebt nach einer wirklichen Selbsterkenntnis, er wird, wenn er nur weit genug geht auf der Empfindungs- und Erkenntnis- und Willensbahn, er wird den Christus entdecken. Und er wird dann den entdeckten Christus in den Evangelien, in allen historischen Überlieferungen wiederfinden können. Man kann heute wirkliche Menschenerkenntnis nicht erwerben, ohne dass man zur Christus-Erkenntnis vorschreitet.

Auch physiologisch, biologisch wird man, wenn man den Menschen in seiner physischen Gestaltung richtig versteht, zum Christus-Verständnis kommen. Es wird gerade die Aufgabe der fünften nachatlantischen Zeit sein, zu diesem Christus-Verständnis immer mehr und mehr zu kommen. Daher musste nicht eine abstrakte Christus-Gestalt, nach deren bloßer Bedeutung man fragt, im Mittelpunkt unseres Baues stehen, sondern der Menschheitsrepräsentant, aus dem der Christus gewissermaßen in seiner Wesenheit herausscheint. Das ist dasjenige, was ich Sie immer bitten würde, bei diesen Dingen zu berücksichtigen: ja nicht von der Prosa, ja nicht von dem Symbolisierenden, von dem Abstrakten ausgehen, sondern ausgehen von dem, was das beseelte Auge wirklich schauen kann, ausgehen von dem, was da ist an der Wand, nicht ausgehen von dem, was man ausdenkt. Dasjenige, was den Gedanken erfüllen soll, muss von dem kommen, was an der Wand selbst ist.

Natürlich ist dasjenige, was an der Wand ist, nur unvollkommen geschaffen. Aber aller Anfang muss eben unvollkommen sein. Auch die Gotik, als sie zuerst aufgetreten ist, war unvollkommen. Es wird sich schon aus dem, was hier angestrebt ist, das Vollkommene ergeben. Dabei soll nicht gesagt werden, dass nicht angestrebt worden ist, den wirklichen Menschheitsrepräsentanten mit allen Mitteln okkulter Untersuchungskunst wirklich zu finden. Sehen Sie, diejenige Christus-Gestalt, die die traditionelle ist, die ist ja eigentlich erst im sechsten nachchristlichen Jahrhundert entstanden. Ich bin für mich - ich stelle das nur als eine Tatsache auf, verlange von niemandem, dass er das als ein bloßes Glaubensdogma annimmt -, allein ich bin für mich ganz klar darüber, für mich ist es eine Tatsache, dass der in Palästina herumwandelnde Christus Jesus dieses Antlitz hatte, und namentlich dasjenige Antlitz, das Sie an der Holzfigur sehen können (Abb. 91, 92). Und es ist nur versucht, in der ausführenden Geste dasjenige wiederzugeben, was man mehr sieht, wenn man den Ätherleib in Betracht zieht, als wenn man den physischen Leib in Betracht zieht. Daher auch die starke Asymmetrie, die hier gewagt worden ist. Diese Asymmerrie ist ja bei jedem menschlichen Antlitz vorhanden, selbstverständlich nicht in dieser Stärke. Allein das menschliche Antlitz ist ja so, namentlich wie es jetzt der Mensch trägt, in vieler Beziehung eine unwahre Maske. Wenn die Menschheit zu einer gewissen Vergeistigung aufsteigen wird im sechsten und namentlich im siebenten nachatlantischen Zeitalter, wo ja der physische Mensch gar nicht mehr auf der Erde wohnen wird, da wird der Mensch sein wahres Antlitz tragen, das heißt dasjenige in seinem Antlitz ausdrücken, was er wirklich innerlich wert ist.

Aber alles das, möchte ich sagen, ist schon lastend gewesen auf der Pinsel- und Spachtelführung bei der malerischen und plastischen Darstellung desjenigen, was hier versucht worden ist in der Darstellung des Menschheitsrepräsentanten. So unvollkommen diese Dinge sind - wer sie studiert, wird finden, dass doch die Geheimnisse, die Mysterien der Menschheitsentwicklung in diese kleine Kuppel wirklich hineingemalt sind. Man wird allerdings finden, dass dasjenige, was zum Ausdrucke gebracht werden sollte, aus der Farbe heraus erlebt ist, und dass diese Bilder Ihnen nur andeuten konnten dasjenige, was Sie empfinden können, wenn Sie mit den Mitteilungen, die ich eben heute gemacht habe, nicht Symbolisierendes erwarten, nicht dasjenige erwarten, wo man nach der «Bedeutung» fragen kann, sondern wenn Sie mit den Mitteilungen, die ich Ihnen heute gegeben habe, zu erfühlen suchen dasjenige, was in diese Kuppel hineingemalt worden ist.

Nun möchte ich noch einmal Ihnen die andere Ansicht dieses Kesselhauses zeigen. Ich habe Ihnen gestern die Fassadenansicht gezeigt; dadurch sehen Sie, dass dieses Kesselhaus als ein Ganzes gedacht ist, sodass auch seine Profilansicht gewissermaßen im vollen Einklange steht mit dem Ganzen, wie ich das gestern durch den Vergleich mit der Nussschale dargelegt habe.

Nun, ich habe versucht, Ihnen heute dasjenige, was wir vorläufig an Bildern haben, zu geben. Ich möchte bemerken, dass aber bei diesem Bau wirklich versucht worden ist, den Baugedanken zu einem einheitlichen zu machen, soweit es eben gegangen ist. So zum Beispiel sehen Sie den Bau eingedeckt von norwegischem Schiefer. Als ich einmal bei einer Vortragsreise von Kristiania nach Bergen fuhr, sah ich an den Berghängen den wunderbaren Vossischen Schiefer in den dortigen Schieferbrüchen; und da kam mir der Gedanke: Unser Bau muss mit diesem Schiefer bedeckt werden. Sie werden, wenn Sie gerade einen glücklichen Tag treffen und den guten Willen haben, die Sache anzusehen, finden, dass das eigentümliche Blau-grau-Glitzern der Kuppeldeckung dieses Schiefers in der Sonne doch einen Eindruck macht, der dem ganzen Bau in seiner Würde angemessen ist.

Das ist dasjenige, was ich zunächst an der Hand dieser Bilder über den Bau sagen kann. Ich wollte für unsere Freunde, die sich der Aufgabe unterziehen wollen, diesen Bau verständlich zu machen, denjenigen auch, für die das Goetheanum in Dornach vielleicht nichts anderes ist als etwas, wovon sie einmal den Namen gehört haben, und für die der Ort selbst nur ein geographischer Begriff ist, für diejenigen Freunde also, die denen, für die es so ist, begreiflich machen wollen, was für die Zukunft der Menschheitsentwicklung von diesem Goetheanum ausgehen soll, wollte ich Vorlagen geben. Es wird sich ja gar sehr darum handeln, dass man dieses sichtbare Wahrzeichen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft richtig der Welt zum Bewusstsein bringt, gewissermaßen zum Mittelpunkt der Betrachtungen und des Empfindens gegenüber der anthroposophisch orientierten Weltanschauung macht.

Wer so recht empfindet, an welchen Wendepunkt die Menschheitsentwicklung in der Gegenwart angekommen ist, der wird schon wirklich in sich finden den nötigen Impuls, dasjenige populär zu machen, was hier von Dornach aus gemeint ist. Es sehen heute freilich nicht viele Menschen, wie stark als zerstörende Kräfte die aus der Vergangenheit heraufkommenden menschlichen historischen Gestaltungskräfte wirken. Man hat in den letzten vier bis fünf Jahren das Zerstörende in Europa zwar über sich ergehen lassen, allein wirklich nachdenken und nachempfinden möchten die wenigsten Menschen dasjenige, was eigentlich geschehen ist. Diejenigen, die es nachempfinden, die werden dann fühlen, dass nichts für die Fortentwicklung der Menschheit zu gewinnen ist aus dem, was aus alten Zeiten hergebracht ist, dass tatsächlich die neue Offenbarung, die herein will seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in unsere irdische Welt, von dieser irdischen Welt aufgenommen werden muss.

Man kann heute nicht sozial denken, ohne dass man in sich aufnimmt die Impulse, die uns kommen von dieser Erkenntnis, die eben charakterisiert worden ist. Man muss es immer wirklich recht schmerzlich empfinden, wenn man hört, dass es heute Menschen gibt, die sagen: Ach, uns war ja ganz recht diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, solange sie Geisteswissenschaft gewesen ist, solange Sie sich nicht mit äußeren Dingen befasst hat, wie das zum Beispiel der Inhalt der «Kernpunkte der sozialen Frage» tut. Es sind einzelne Menschen unter den früheren Anhängern der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft aufgetreten, die sagen: Geisteswissenschaft war uns ganz recht allein; mit der sozialen Wendung können wir nicht mitgehen und wollen wir nicht mitgehen.

In einer solchen Gesinnung steckt eben das Sektiererische, das unsere Bewegung in Wahrheit niemals sein wollte, dieses Sektiererische, das doch nur nach einer gewissen geistigen Wollust hinstrebt. Ich möchte wissen, wie man eigentlich gegenüber dem, was in der Menschheitsentwicklung als Impulse liegt, so herzlos, so grausam herzlos sein kann, dass man sagt: Ja, ich möchte etwas, was meine Seele erwärmt, was mir die Unsterblichkeit sichert, aber ich lasse die Finger weg davon, wenn irgendeine praktisch-soziale Konsequenz dieses geistigen Strebens auftreten soll. Meine lieben Freunde, ist es denn nicht herzlos, in einer Zeit, wie diese ist, keine praktischen Konsequenzen zu wollen desjenigen, was man geistig anstrebt? Ist es nicht die vertrackteste Mystik, gleichsam die Hände kreuzend sich zu sagen: Ja, für meine Seele will ich Geisteswissenschaft, aber diese Geisteswissenschaft darf keine sozialen Konsequenzen ziehen. Es ist Herzlosigkeit. Denn wie schrecklich ist es, zu denken, dass einem diese Geisteswissenschaft das Wichtigste im Leben sein soll, und dass sie gar keinen Rat wissen soll in der gegenwärtig sozialen bedrängten Lage der Menschheit! Was wäre diese Geisteswissenschaft, wenn sie keinen Rat wissen sollte in dem, wonach die Menschheit der Gegenwart drängen muss! Soll sie ganz unfruchtbar sein, diese Geisteswissenschaft, für das Leben? Soll sie nur da sein, um seelische Wollust in den Menschen hineinzugießen? Nein, dadurch kann sie sich allein bewähren, dass sie wirklich praktische Konsequenzen aus sich ziehen kann. Und es heißt wahre Geisteswissenschaft nicht verstehen, wenn man nicht fortschreiten will zu den praktischen Konsequenzen. Geisteswissenschaft will nicht bloß spintisierendes Wissen sein, Geisteswissenschaft will wirkliches Leben sein. Darum ist es auch immer ein so großer Schmerz, dass sich doch nicht allzu viele Menschenseelen aufraffen können aus den Impulsen der Geisteswissenschaft heraus zu den großen Interessen der gegenwärtigen Menschheit.

Heute ist dasjenige, was den Einzelnen angeht, eigentlich so furchtbar unbeträchtlich gegenüber dem, was durch die Menschheit braust und gärt. Und kaum beschäftigt man sich mit irgendetwas Persönlichem, so müsste eigentlich der Gedanke sofort abgelenkt werden nach den großen Menschheitsinteressen. Aber bei wie vielen ist das doch vorhanden? Dann muss man denken, wie es heute schon notwendig wäre, gewisse esoterische Wahrheiten der Menschheit mitzuteilen, wie man das nicht kann, weil sich eben keine Vereinigung findet, in der nun wirklich die unpersönlichen, sachlichen Prinzipien sich Geltung verschaffen, die sich Geltung verschaffen müssten. Es steht vor der Türe die Notwendigkeit, gewisse Initiationswahrheiten der Menschheit mitzuteilen. Allein, man kann es nicht, wenn man es mit Menschen zu tun hat, die den ganzen lieben Tag immer wieder und wiederum mit ihren persönlichen Interessen als mit dem Allerwichtigsten beschäftigt sind. Das ist dasjenige, was so unendlich notwendig ist: den Blick hinzuwenden auf die großen Menschheitsinteressen.

Wer ihn hinwendet, wird mancherlei in der Gegenwart sehen. Ich musste immer wieder und wieder auf den Anfang jenes Kampfsturmes aufmerksam machen, der sich mit allerlei Verleumdungen und Lügen erheben wird gegen dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will. Die Menschen wollen das nicht glauben. Aber wahr ist es: Geisteswissenschaft wird nicht bekämpft werden besonders wegen ihrer Fehler; die würde man ihr verzeihen. Geisteswissenschaft wird bekämpft werden, gerade wenn es ihr gelingt, etwas Gutes zu tun. Und das Schwerste, der ruchloseste Kampf, der wird sich richten gegen dasjenige, was Geisteswissenschaft Gutes tun kann. Meine lieben Freunde, jeder hat sich selbst recht sehr zu prüfen, indem er immer wieder und wiederum mit der rechten inneren Kraft hinblickt auf dasjenige, was beurteilt werden soll an ruchloser Gegnerschaft gegenüber der Geisteswissenschaft, ob er vielleicht nicht selbst zu viel in sich trägt von dem, was ähnlich ist dem, was bekämpfen will nicht die Fehler, sondern gerade die guten Seiten der Geisteswissenschaft. Viel von dieser Art wäre heute zu bedenken. Auf solches muss immer wieder und wiederum hingewiesen werden. Und es muss dann doch die Zeit kommen, in der es möglich sein wird, erstens nicht mit der Mitteilung gewisser esoterischer Wahrheiten an verschlossene Türen zu klopfen, weil die Menschen nur mit ihren persönlichen Interessen beschäftigt sind, und in der es auch möglich sein wird, die wichtigsten Dinge, wenn sie ausgesprochen werden, auch wirklich bis zum Herzen der Menschen zu bringen. Man kann heute im Grunde genommen die allerbedeutsamsten Dinge aussprechen — die Menschen nehmen sie nur nach der abstrakten Erkenntnisseite. Daher dringen sie nicht erschütternd in ihr Herz ein, während Alltägliches, Untergeordnetes, vielleicht auch relativ Großes, leicht bis zu den Herzen der Menschen vordringt.

Das müssen wir vor allen Dingen anstreben, dass uns das, was aus dem Geiste geholt ist, wirklich bis zum Herzen, bis zur Seele dringen kann, dass es nicht bloß in unserem Verstande bleibt. Vieles von dem Wichtigsten, das heute ausgesprochen wird, das sich schon findet unter dem Inhalte anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, es trägt seine nur deshalb nicht, weil die Menschen es bloß bis zu ihrem Verstande kommen lassen. Und dann sagen sie vielleicht gar: Ja, das ist etwas, das nur von dem Verstande erfasst werden soll. Aber es liegt an den Menschen selber, dass sie es nur im Verstande lassen, dass sie es nur als eine Kopfweisheit hinnehmen, dass sie es nicht bis zum Herzen kommen lassen. Das ist doch etwas, was ich als eine Betrachtung an diese Vorführung des Baues anknüpfen wollte.

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