Architecture, Sculpture and Painting of the First Goetheanum
GA 288 — 5 April 1920, Dornach
Die Hieroglyphe des Dornacher Baus II
Ich möchte zunächst nachholend sprechen über das Prinzip der Entwicklung, das ich schon gestern angedeutet habe. Ich sagte: Wenn man die Kräftemetamorphose innerhalb einer Entwicklungsreihe verfolgt, so kommt man zunächst aus dem Einfachen eben in das Komplizierte. Ich will also ein Einfaches zeichnen [es wird gezeichnet]; dann würde ein Nächstkomplizierteres vielleicht dieses sein; dann würden wir zu einem Dritten, zu einem Vierten kommen, welches so wäre (Abb. 105). Nun hätten wir vielleicht vier Entwicklungsstadien derselben Sache.
Nun könnte die nächste ideell etwas komplizierter sein als die vorhergehende Form. Wir würden dann vielleicht diese [fünfte] Form bekommen. Diese würde aber nicht herauskommen, sondern es wird stattdessen diese andere Form sich entwickeln. Das, was ich mit dem dicken Strich gezeichnet habe, das würde dann vielleicht nach außen hin sichtbar sein. Und würde es sich um eine wirkliche Form in der Natur handeln, so würde man dann von dieser zu dieser Form fortschreiten. Und doch schreitet nur im Ätherischen die Entwicklung weiter so fort, dass die komplizierteren Formen, die ich mit den Punkten angedeutet habe, herauskommen, während das Physische, das äußerlich Sichtbare, das sich wieder Offenbarende, sich vielleicht wieder vereinfacht.
Die nächsten Formen würden dann vielleicht so sein, dass die ätherischen Formen diese [sechsten] wären. Es kommt aber nicht diese ätherische Form zum Vorschein, sondern nach außen hin bleibt dieses [der dicke Strich] sichtbar, was wiederum eine Vereinfachung, eine wesentliche Vereinfachung ist, sodass, wenn man bloß die physische Entwicklung in Betracht zieht, man aufsteigt von einem Stadium 1-2-3-4 in Komplikation, dann in Vereinfachung. Dieses ist auch wirklich das Entwicklungsprinzip in der Natur.
Man kann zum Beispiel sehen, wie, sagen wir, die Augen gewisser niederer Tierwesen - äußerlich physisch angesehen - komplizierter sind als das menschliche Auge. Gewisse niedere Tiere haben blutgefäßartige Organe, «Schwertfortsatz» und «Fächer» in ihrem Auge drinnen. Die verschwinden wiederum, und das menschliche Auge ist nach außen hin verhältnismäßig einfacher gestaltet, aber der Ätherleib trägt die kompliziertere Form. Nur dann erfassen wir das Prinzip der Evolution richtig, wenn wir es in dieser Art vorstellen. In der Ihnen gestern vorgeführten Evolution der Säulen, Kapitelle, Architrave und Sockel ist das Prinzip der Entwicklung in der richtigen Weise festgehalten.
Wenn man unseren Bau verstehen will, so muss man auch darauf Rücksicht nehmen, dass die ganze Behandlung dem im Charakter neuen Baustil angemessen gestaltet ist. Es ist so, dass zum Beispiel selbst die Wandgestaltung künstlerisch eine andere ist als die Wandgestaltung bei früheren Baustilen: Es ist die Wand eigentlich immer so aufgefasst worden, dass sie als Grenze des Raumes, den man abschließen wollte, aufgefasst wurde. Bei uns hier am Goetheanum ist die Wand so aufgefasst, dass sie eigentlich sich selber überwindet. Das ist physisch erreicht bei unseren Fenstern. Unsere Fenster sind, insofern sie die Hauptfenster des Zuschauerraumes sind, aus einfarbigen Glasscheiben herausradiert. Es ist dann so, dass die künstlerischen Werke eigentlich erst dadurch zustande kommen, dass das Sonnenlicht durchscheint. Es ist also die Bearbeitung der Fensterscheiben eine Vorbereitung, und der ganze Eindruck wird durch das Wechselverhältnis desjenigen, was an der Scheibe gearbeitet wurde, mit dem durchscheinenden Sonnenlichte erzeugt. Da ist gerade bei den Fenstern physisch dasjenige erreicht, was sonst angestrebt worden ist im ganzen Bau, sei es durch die Säulengestaltung, sei es durch die sonstige Wandschnitzerei, sei es durch die Malerei, dass die Wand gewissermaßen sich selber aufhebt. Sodass man, wenn man an die Wand hinschaut, nicht das Gefühl hat, der Raum ist abgeschlossen, sondern dass man das Gefühl hat: Durch die Wand hindurch wird man in den Kosmos hinausgeführt. Bei den Fenstern müssen Sie ja dieses Gefühl physisch haben, weil Sie unmittelbar, ich möchte sagen, zur Lichtwirkung nach außen führen, rein durch die physische Gestaltung der Scheiben; aber bei den übrigen Wandgestaltungen ist das auch künstlerisch versucht worden.
Das wird Ihnen einen Begriff davon geben, wie bis in die Einzelheiten, bis in alle Einzelheiten hinein, hier eine neue Stilisierung der Bauformen angestrebt worden ist, wie gewissermaßen die Formensprache unseres Baues ein Neues sein soll. Dass selbstverständlich das Philistertum nicht gleich nach kann mit seinem Verständnisse dieser Neugestaltung der Formensprache, das, meine lieben Freunde, muss uns ja etwas Begreifliches sein. Nun handelt es sich darum, dass wir zunächst uns noch einiges von dem vorführen, was mit der Malerei angestrebt worden ist. Da ist vor allen Dingen vorzuführen hier - weil ich nur davon zunächst Bilder habe - die Malerei der kleinen Kuppel.
Sehen wir uns dasjenige an, was ja die verehrten Freunde gesehen haben in Wirklichkeit. Indem wir uns das vor Augen führen jetzt in nichtfarbigen Bildern, müssen wir eben gleich darauf aufmerksam machen, dass das Wesentliche gerade der Ausmalung der kleinen Kuppel nicht die Motive sind, sondern das Herausholen der Motive aus den Farben. Da liegt eigentlich der erste Anfang, ich möchte sagen dessen, was voraussichtlich die Malerei der Zukunft wird bringen müssen. Der Mensch wird ja immer mehr und mehr begreifen müssen, dass eigentlich in den Einzelheiten der Natur im Wesentlichen immer Wesenhaftes liegt. Dass zum Beispiel, wenn man in eine Farbe sich vertieft, oder namentlich in eine Farbenzusammenstellung, dass dann nicht vorliegt einfach diese Farbenzusammenstellung, sondern dass die Farbe als solche etwas Lebendiges ist, etwas aus sich heraus Wirkendes, und dass es möglich ist, sich zu erziehen zum Beispiel zu einem Zusammenleben mit der blauen Farbe. Man wird dann das Gefühl bekommen, die blaue Farbe gibt einem den Eindruck des Gestalteten, des sich Bewegenden, desjenigen, was im Raum sich bewegt oder sich gestaltet. Man wird daher, wenn man gestaltend zu Wege geht, etwas kriegen, das Sie aus dem Blau herausholen. Das Rote oder Gelbe gibt Ihnen den Eindruck, als ob es sich offenbaren wollte, Ihnen entgegenkäme, auf einen einredete. Während das Blaue an einem vorbeigleitet, gibt das Rote den Eindruck, als ob es auf einen zukommt.
So kann belebt werden das Zusammensein mit einer Farbe, aber namentlich mit vielen Farben. Und alle diese Dinge sind tatsächlich in dem Naturschaffen drinnen. Und das kann nur derjenige verstehen, der sich in diesem Einleben in die Glieder des Naturschaffens erzieht. Daher ist es etwas auffällig, wenn, sagen wir, im jetzigen, ja an sich ganz berechtigten neuen Kunststreben doch wiederum Dinge einem entgegentreten, die eigentlich zeigen, dass man herausgekommen ist aus dem Nachschaffen der Natur und, nicht wahr, in etwas hineingekommen ist, dass man eigentlich im Unkünstlerischen nach neuen künstlerischen Dingen strebt. Wenn wir sehen, dass allerlei Expressionistisches und Futuristisches und so weiter in beliebiger Weise zusammenstellt dasjenige, anders zusammenstellt, was in der Natur in einer gewissen Weise erscheint, so liegt sehr häufig- nicht immer selbstverständlich - in einem solchen Zusammenstellen etwas sehr Unberechtigtes. Derjenige, der zum Beispiel ein menschliches Auge formt, er kann nicht anders, wenn er überhaupt nicht etwa bloß sieht, sondern wenn er mit den schaffenden Kräften der Natur innig zu leben weiß, der kann nicht anders als das zweite Auge auch an die rechte Stelle setzen, aus dem einfachen Grunde, weil das eine Auge gar nicht etwas für sich ist, sondern erst mit dem zweiten Auge etwas ist. Aber auf das innere wesenhafte Schaffen der Natur kommt man erst, wenn man eben mit den Entitäten der Natur, also zum Beispiel mit den Farben, leben kann.
Und nun, sehen Sie, wie sollte es nicht möglich sein, aus der Farbe selbst heraus zu schaffen? Ich möchte bloß wissen, wenn jemand sagt: Mich interessiert nicht irgendetwas nach dem Modell Geschaffenes, sondern mich interessiert das Auftragen der Farben, ich möchte bloß wissen, warum dann nicht aus diesem reinen Auftragen der Farben die Form als das Geschöpf der Farbe hervorgehen sollte. Wir müssen wieder loskommen vom Modell. Wir müssen loskommen von dem Gebundensein an das Naturalistische. An dem hat die Kunst lange genug gearbeitet. Aber wir müssen Interesse dafür bekommen können, eine helle Fläche einfach als Farbenfleck zu sehen, und eine dunkle Fläche daran als Farbenfleck zu sehen. Ich möchte gern wissen, wie man, wenn man einfach in einer Anordnung eine helle und eine dunkle Fläche hat [es wird gezeichnet], wie man dann nicht ein nach dieser Richtung hin gewendetes Gesicht empfinden könnte, das hier von Haarwuchs umgeben ist (Abb. 105).
Es kann alles herausgeholt werden aus der Farbenkombination. Ebenso wie in der Plastik alles herausgeholt werden kann aus der Behandlung der Fläche, aus der Behandlung der Form. Der Farbe gegenüber, wenn die Malerei mit der Farbe arbeiten will, ist eigentlich die Linie, die Zeichnung, eine Unwahrheit. Denn, sehen Sie, es ist ja nirgends das wirklich und wahrhaftig vorhanden, dass der Horizont eine Linie ist. Das ist gar nicht wahr. Es ist keine Horizontlinie. Was in Wirklichkeit ist, das ist der blaue Himmel, und unten vielleicht irgendetwas so oder so von der Natur Gestaltetes, und das grenzt aneinander. Es ist die Berührung von zwei farbigen Flächen. Wer die Linie hinzeichnet, lügt. Wer zwei farbige Flächen hinmalt, die dann selbstverständlich eine Grenze haben müssen, der sagt die Wahrheit. Und bei solchen Dingen fängt es schon an, sich an die Wahrheit zu gewöhnen. Weil wir, naturalistisch sein wollend, künstlerisch so viel gelogen haben, deshalb haben wir auch die Misere, dass gegenwärtig in den anderen Weltenzusammenhängen so furchtbar viel gelogen wird.
Man bedenke nur, wozu es, sagen wir, zum Beispiel die Dramatik gebracht hat. Die Dramatik fing am Ende des 19. Jahrhunderts, in der Kulmination des Materialismus an, nun auch noch materialistisch zu sein. Da saßen die Leute im Zuschauerraum vor den dramatischen Darstellungen des Arno Holz oder des Gerhart Hauptmann und so weiter, und nun hatte man nicht irgendetwas Dramatisches im alten Shakespeare’schen, Schiller’schen oder Goethe’schen Sinn, wo große Tatsachenreihen, die weit auseinanderliegen, zusammengefasst werden, sondern ein Hinterhaus, ein Vorderhaus, oder irgendetwas, wie es recht naturalistisch nachgebildet werden sollte. Die Leute sollten nichts reden als dasjenige, was in drei Stunden sonst geredet wird. Was ist denn das für ein Naturalismus? Das ist der Naturalismus, der gerade so wie die heutige Naturwissenschaft nur auf das Außermenschliche Rücksicht nimmt, der auch im Künstlerischen nur auf das Außermenschliche Rücksicht nimmt: Kann das gesehen werden? Sie müssten ja immerfort, wenn Sie selbst das Modell zu einer Dramatik abgeben wollten, Sie müssten ja fortwährend, wenn Sie in Ihrem Zimmer säßen, die dritte Wand herausnehmen, damit jedermann hineinsehen könnte; dann kann man, was in drei Stunden vorgeht, schen und das von der Bühne aus nachbilden.
Diese Dinge, die werden natürlich im Zeitalter des Naturalismus gar nicht berücksichtigt, und man findet nicht die Möglichkeit, wirklich den Menschen wiederum hineinzustellen in den ganzen Natur- und Weltenzusammenhang. Das muss aber auch in der Kunst geschehen. Wenn die Kunst sich lange an das Modell gehalten hat, so ist das ja begreiflich; aber jetzt ist die Zeit vorüber, dass die Kunst sich ans Modell halten kann. Die Kunst muss zusammenwachsen mit den schaffenden Kräften der Natur und aus den schaffenden Kräften der Natur heraus arbeiten. Denn wozu braucht man denn eigentlich naturalistisch die Natur nachzuschaffen? Dasjenige, was naturalistisch der Natur nachgeschaffen ist, das kann ja die Natur niemals erreichen. Jede kleinste Leistung, die aus dem, was nicht sinnlich da ist, heraus gemacht wird, kann bedeutsamer sein als irgendetwas scheinbar noch so vollkommen der Natur Nachgeschaffenes. Man kann sich ja, wenn man etwas Realistisches will, sagen, dass man sich an die Natur selber halte. Und außerdem war auf vielen Gebieten der Naturalismus sogar etwas außerordentlich Frivoles. Man denke an Hauptmanns «Weber»: Die satten Menschen haben sich ins Theater gesetzt, um die ganzen Szenenreihen von Hauptmanns «Die Weber» zu übersehen. Das hat man «soziale Kunst» genannt, das Herausholen des Elendes aus dem Leben, im Theater angeschaut, etwas Frivoles, eine frivole Kulturerscheinung. So müssen wir eben wiederum ins Übersinnliche hinein. Die Menschen können sich heute schwer entschließen, in der Kunst ins Übersinnliche hineinzugehen. Aber es wird nicht hell in der Menschheit, wenn man sich nicht auf allen Gebieten zu so etwas entschließt.
Weil nun hier im kleinen Kuppelraum aus der Farbe heraus geschaffen ist, sind natürlich die Motive nur das Novellistische, nicht einmal das wirklich bildnerisch Künstlerische. Aber Sie haben ja die Sache selbst gesehen, und Sie werden daher vielleicht sich erinnern, gerade an den Bildern, die ich hier zeigen kann, an dasjenige, was Sie gesehen haben. Es ist vielleicht sogar interessant, zu schen, wie dasjenige, was dort an der Kuppelwand sich befindet, doch eben nicht nachgebildet werden kann, wenn man das bloße Motiv hat. Aber das Motiv selbst, wenn man es hat, es muss zeigen, dass es etwas Unvollkommenes hat. Es kann einfach ein Motiv, das nur in Schwarzweiß erscheint, nicht befriedigen, weil man sich sagen muss, was fehlt. Es muss natürlich fehlen; denn dasjenige, was eigentlich dargestellt werden soll, das sind Farbflächen, das ist nicht Schwarzweiß, und das sind nicht Linien, während uns jetzt gerade dasjenige erscheinen wird, was das Novellistische ist, der Gedanke, der eigentlich im Grunde gar nicht zur Sache gehört.
Sie sehen hier dasjenige, was Ihnen entgegentritt von der kleinen Kuppel, wenn Sie in diese kleine Kuppel eintreten. Ein Kind, heraus aber sich entwickelnd aus dem unbestimmt sich gestaltenden Materiellen, das hinfliegt zu der mittelalterlichen Gestalt, die etwas festgehalten worden ist, indem eine Art Faust-Gestalt festgehalten worden ist. Es sollte an der Stelle festgehalten werden, in einem gewissen Sinne, die Einweihung des Mittelalters. Nachdem die verschiedensten Einweihungsformen von der Menschheit durchgemacht worden sind, kam herauf diese Einweihung dieses Mittelalters mit ihrer ganzen Tragik.
Es ist ja so, dass nach den Geistbedingungen dieser Entwicklungsetappe der Menschheit der Mensch gar nicht anders kann, als sich nur dadurch zur Erkenntnis des Lebendigen zu erheben, dass neben ihm die Erkenntnis des Todes steht. Wie Tod und Leben zusammenhängen, dieses zu durchschauen, das führt schließlich das Mittelalter und noch unsere Tage hindurch zu dem, wodurch uns wirkliche Erkenntnis wird.
Sie sehen hier im nächsten Bild dasjenige, was weiter gegen Osten zu liegt: diesen mittelalterlichen Initiaten selber, der aus dem Nachdenklichen heraus zu seiner Erkenntnis kommt, aus dem Weltabgewandten heraus. Aber eben gerade, wenn wir dieses Weltabgewandte erleben wollen, müssen wir es dadurch erleben, dass wir ein Verständnis uns erwerben für die Todeskräfte, die in der ganzen Welt draußen sind. Und diese Todeskräfte sind ja innig verwandt mit unseren Bewusstseinskräften. Dasselbe, was uns entgegentritt im menschlichen Skelett, das, meine lieben Freunde, was äußerlich das Bild des Todes ist, das drückt zu gleicher Zeit in äußerer physischer Gestaltung dasjenige aus, was in unserem Nervensystem lebt, wenn wir das nachdenkliche Bewusstsein der neueren Zeit erleben.
Noch das frühmittelalterliche Bewusstsein und namentlich das alte Bewusstsein, sie waren so, dass sie nicht darauf angewiesen waren, dass der Mensch in jedem Augenblick seines wachen Lebens sterbe, um zu denken. Dafür aber auch waren die Menschen in ihrem Bewusstsein erfüllt von Bildern, von Imaginationen, wenn auch atavistischer Art. Der Intellektualismus, er hat sich erst seit der Mitte des 15. Jahrhunderts entwickelt. Er hat sich dadurch entwickelt, dass unsere Kopforgane eine Formation angenommen haben, die, wenn sie den ganzen Menschen ergreifen, fortwährend zum Tode führen. In dem Menschen findet fortwährend ein Kampf statt zwischen Tod und Leben. Der Kopf will sterben. Das wird verhindert durch dasjenige, was fortwährend an Lebekräften heraufschießt aus der übrigen Organisation.
Dieses Sterben des Kopfes, dem wir unser intellektualistisches Bewusstsein verdanken, das ist es, was auch ausgesprochen sein sollte durch die ganzen Farben und alles dasjenige, was aus der Farbe herausgeholt worden ist in dieser Gestalt. Das ist der einzige Ort, wo Buchstabe, Geschriebenes erscheint innerhalb unseres ganzen Baues, und an dieser Stelle mit Recht, denn erst in dieser Zeit ist das Ich, der Ich-Gedanke der Menschheit, ein so abstrakter geworden, dass man auf ihn hinweisen kann mit Buchstaben. Der Ich-Gedanke wird immer mehr und mehr nur dadurch ertragen werden können, dass in der Tat dieses Ich sich ausfüllt mit dem Christus. Daher hat auch die Mystik des Mittelalters die Aufgabe gehabt, das paulinische Wort auszubilden durch eine ganze Reihe von Predigten und Betrachtungen wie die des Johannes Tauler, des Meister Eckhart. Es ist fixiert für Ewigkeiten innerhalb der mittelalterlichen Sprache, die sich nach dem Neuzeitlichen heraufentwickelt in deutschen Gegendenzdass das Ich: ausgeschriebenidie Initialen des Chrisrus Jesus hat: ICH;
Sie sehen unter der Faustfigur - aus Gründen, die ich ja eben dargelegt habe - den Tod, den Tod, der herrührt von Kräften, die vom Mittelpunkt der Erde zu uns wirken, sich nur kombinieren mit den Merkurkräften, die aus dem Kosmos auf die Erde hereinwirken. Es wäre nicht zu ertragen dieser Anblick der Faust-artigen Figur mit dem Tod unter sich, wenn ihm nicht das Gegenbild in der Empfindung geschaffen wäre, in dem auf den Faust und das Ich herzufliegende Kind.
Das nächste Bild zeigt uns die griechische Persönlichkeit, wie sie unter der Initiation lebt, eine mehr weibliche Gestalt, da in der Tat die griechische Initiation mehr zum Weiblichen sprach. In der Regel musste ja gerade in der griechischen Hochkultur der Initiationsinhalt dadurch gewonnen werden, dass sich der Initiat dasjenige verschafft, was durch weibliche Gestalten, die sich gewissermaßen einschalteten in die Strömung, die aus dem Kosmos zum Menschen kommt, was aus solchen weiblichen Gestalten sich gewinnen ließ: Die Pythiagestalten in Griechenland hängen innig zusammen mit der ganzen Gestaltung der griechischen Initiation. Sodass dann solche Dinge zum Beispiel erscheinen wie diese Köpfe, die rein aus der Form gearbeitet sind.
Das fordert schon auf, nicht im abstrakten Sinne zu fragen: Was bedeutet so etwas? Diese Frage ist eine unkünstlerische, wenn sie in abstrakter Form gestellt ist. Man muss an dieser Stelle ansehen, was da für Farbe ist, und wie eben nach dem Prinzip, das ich vorhin hier dargelegt habe, aus dem Erleben der Farben die Gestalten selber hervorgehen. Alles dasjenige, was zu dieser Figur gehört, ist eigentlich zuletzt doch so zustande gekommen, dass es aus der Empfindung der Farben heraus entstanden ist.
Das nächste Bild: Sie haben hier eine größere Fläche zu übersehen, hier das früher gesehene fliegende Kind; hier schließt sich die kleine Kuppel an die große Kuppel an; dann diese Gestalt des mittelalterlichen Initiaten, und hier der Tod. Und hier ist die Gestalt, die Sie soeben gesehen haben, darüber die inspirierende Gestalt, eine apolloähnliche Gestalt. Leider ist das Bild sehr unvollkommen. Und oben ist da noch der höhere Inspirator.
Es ist immer in diesen Bildern dasjenige gegeben, was erstens als Persönlichkeit initiiert wird. Darüber die Gestalt, welche in die zu initiierende Persönlichkeit hineinsenkt die Imaginationen, und darüber diejenige Gestalt von einer höheren hierarchischen Ordnung, welche hineinversenkt die Inspirationen. Hier haben Sie also die inspirierende Gestalt, die über dieser faustartigen Gestalt ist.
Das nächste Bild ist leider sehr undeutlich, das ist die inspirierende Gestalt, die über dem griechischen Initiator ist. Wenn Sie sich vorstellen dasjenige, was Sie vorhin gesehen haben, mit den drei Köpfen an der Schulter, so ist das darüber die Gestalt, welche die Imaginationen in die untere Gestalt hineinfließen lässt, und darüber der Inspirator der Köpfe des Imaginators. Hier der Kopf des Inspirators, und darunter wäre dann diese athenaartige Gestalt, die inspiriert und imaginiert wird.
Hier haben Sie dann die beiden Gestalten. Die Gestalt unten ist die, welche die Imaginationen nach unten sendet in den ägyptischen Initiaten, und die andere Gestalt ist die, welche die Inspirationen einfließen lässt in diese. Und wir kommen, indem wir weiterschreiten, zu der Darstellung der ägyptischen Initiation.
Das nächste Bild ist also der ägyptische Initiat; über ihm sind die beiden Gestalten, die hier soeben gesehen worden sind.
Da kommen wir nun zur älteren persisch-germanischen Initiation. Es ist so, dass diese persisch-germanische Initiation noch in unserer Zeit wirkt, aber dass sie gewissermaßen wie etwas von ihr Umschlossenes die vorhin genannte, also in der ersten Figur charakterisierte mittelalterliche Initiation hat. Die mittelalterliche Initiation ist gewissermaßen kürzer dauernd, und diese hier umfasst den ganzen langen Zeitraum. Bei ihr kommt es namentlich darauf an, dass die Dualität in der Welt - das Helle, Luziferische, das Finstere, Ahrimanische - in der ganzen Wirkung auf die Welt durchschaut werde. Hier haben Sie auf der einen Seite das Finstere, Ahrimanische: Der kleine Kopf ist in Wahrheit der Ahriman, das andere ist sein Schatten, den er mit sich führt. Auf der anderen Seite: die Luziferfigur. Sie sehen sie dann in der plastischen Gruppe ja ausgebildet - Sie haben ja alle die Gruppe gesehen. Sie sehen also, wie der Gegensatz eines Ahrimanhauptes und eines Luziferhauptes einem da entgegentritt. Und im Malerischen konnte man auch dieses gegenseitige Verhältnis von Ahriman und Luzifer deutlich zum Ausdruck bringen.
Wenn Sie zum Beispiel sehen, wie hier in dem Vorschieben der Stirnwirkung des Luzifer geradezu dem Ahriman seine Stirne weggenommen wird, beziehungsweise wie dem Ahriman nach hinten zu seine Stirne verhärtet wird, so schen Sie das Wechselspiel, wie es organisierende Kraft der Natur ist. Das geht dann bis hinunter. Sehen Sie, wie dem Ahriman entspricht eine Art Kentaurgestalt - dem Luzifer entspricht auch eine Art Kentaurgestalt -, dass sie miteinander verbunden sind, auseinander wollen und nicht können, sich gegenseitig ergänzen auch in den Farben, und darunter den persisch-germanischen Initiaten, der das Kind schwebend auf der Hand trägt, hinweisend darauf, wie aus dem Durchschauen des Dualismus die Zukunft und die Zukunftshoffnung in den Menschen aufgenommen werden muss.
Das nächste Bild: Ahriman ist mit seinem Schatten allein. Das Ahrimanische ist also alles dasjenige im Menschen, was nach der einen Seite hin im Menschen wirkt. Die menschliche Wesenheit ist ja so eigentlich, dass der Mensch fortwährend anstrebt, die Waage zu halten zwischen dem Ahrimanischen und dem Luziferischen in ihm. Das Ahrimanische, das ist alles dasjenige in uns, was, wenn wir die Sache seelisch, innerlich nehmen, was in uns strebt nach dem Nüchternen, Prosaischen, Materialistischen, nach dem Philiströsen, nach dem Bourgeoismäßigen, nach dem Tantigen. Das ist das Ahrimanische, das den Menschen Verhärtende, das den Menschen in sich selber Verfestigende, welches verhindert, dass er sich aufschließt der Welt, welches macht, dass er in seinem Egoismus aufgeht. Es ist dasjenige, was den Menschen an die Erde zieht, physiologisch gesprochen, es ist dasjenige, was im Menschen wirkt, und wodurch er eigentlich, wenn nicht das Gegenseitige, Luziferische, da wäre, fortwährend der Gefahr ausgesetzt wäre, Verhärtungen zu unterliegen, der Sklerose, der Ossifikation. Fortwährend würde er in der Tendenz sein, Diabetiker zu werden zum Beispiel oder furchtbare Gichtknoten zu bekommen, das ist das Ahrimanische. Ahriman leidet sehr stark unter fortwährenden Gichtknoten, unter fortwährendem Rheumatismus usw. Da sind Dinge, die zusammenhängen physiologisch mit dem seelisch Philiströsen, Materialistischen, Bourgeoismäßigen und so weiter, wie ich das vorhin charakterisiert habe.
Das ist die luziferische Figur, das volle Gegenbild davon. Es ist die andere Seite des Menschen, dasjenige, was den Menschen seelisch fortwährend veranlasst, ins Mystische, Phantastische abzuirren, fortwährend veranlasst, gewissermaßen ein Wesen zu sein, das über den menschlichen Kopf hinaus will. Alles Schwärmerische im Menschen, das ist dasjenige, was durch die Kräfte angestrebt wird, die als solche luziferisch im Menschen sind.
Nun gibt es ein Zweifaches, wodurch diese Gegensätze in der menschlichen Natur sein können: Das eine ist, der Mensch strebt an, wirklich eine Art Gleichgewichtslage zu haben, das heißt alles dasjenige, was in ihm zum Philiströsen, zum Bourgeoismäßigen strebt, zu erleichtern dadurch, dass er auch Phantasie entwickelt, dadurch, dass er sich auch hingeben kann an die Welt, dadurch, dass er unter Umständen auch versteht, Künstlerisches in das rein Abstrakte hineinzubringen. Das heißt, es ist im Menschen ein solcher Ausgleich dieser zwei entgegengesetzten Strömungen möglich, dass der Mensch dadurch gerade, indem die beiden harmonisch ineinanderklingen und eins werden, dass der Mensch dadurch eine Einheit wird.
Aber es ist auch das andere möglich, dass die zwei Extreme im Menschen fortwirken, sodass der Mensch nicht einen ineinanderströmenden Ausgleich findet, sondern dass die beiden Dinge in ihm tätig sind. Man kann zum Beispiel schon kennenlernen mystische Schwärmer, die in höchste theosophische, symbolische Regionen hinaufsteigen, immer über ihren Kopf hinauswollen, aber im gewöhnlichen Leben Philister sind. Alles Philiströse, Pedantische, Materialistische lieben, Tantiges und so weiter lieben - ja, Tantiges! -, das geht ganz gut mit mystischem Schwärmen in einem Menschen zusammen. Das verdeckt sozusagen den Ausgleich tief im Unbewussten drinnen in ihm. Da kommt eigentlich dasjenige, was eine Zweiheit ist, im Dualismus heraus. Also in irgendeiner Weise können diese zwei Seiten auch sich selber offenbarend im Menschen vorhanden sein. Man ist nicht deshalb gleich kein Philister, weil man ein Schwärmer ist. Man kann ganz gut zu gleicher Zeit ein Philister sein und zu gleicher Zeit ein Schwärmer. Bild 13 (Abb. 80):
Da sehen Sie den, der von den Einsichten des Ineinanderwirkens der finsteren und der lichten Welt inspiriert wird, der eben gegen und zu miteinander verbinden muss, was angedeutet wird in dem Schwebend-Halten des Kindes.
Hier sehen Sie nun dasjenige, was schon da ist in einer gewissen Weise von einem Initiationsprinzip, das aber erst in der Zukunft seine Aufgabe haben wird: dasjenige, wie in slawischen Ländern heute die Geheimnisse der oberen Welt aufgenommen werden können, eine Art russische Gestalt, die den eigenen Schatten neben sich hat, wie so sehr häufig der Russe seinen eigenen Schatten unsichtbar mit sich führt, immer seinen Schatten neben sich hat. Dasjenige, was von oben inspiriert wird, werden wir dann deutlicher sehen. Eine Kentaurgestalt, etwas, was schon menschlich gestaltet ist oder schon übermenschlich gestaltet ist. Man braucht diese Frage nicht zu entscheiden, sondern muss in die Form sich denken. Dazwischen als Gegenbild die Engelgestalt. So wie wir Ahriman und Luzifer bei der gegenwärtigen Kultur, der germanisch-persischen, haben, so haben wir hier, wo wir etwas weiter gehen, im Tierischen drinnen steckend die Gestalt, und eine übermenschliche Gestalt als Gegensatz.
Sie sehen hier oben die noch ans Tierische erinnernde Gestalt, gleichsam das in die Sternenwelt versetzte Tier, das ätherisch gewordene Tier, welches in sich enthält die Kräfte der Initiation für diese Zukunftszeit, wenn diesen Kräften auf der anderen Seite - diesen Kräften, die mehr ahrimanischer Natur sind -, wenn diesen Kräften die Waagschale gehalten wird durch das Übermenschliche, durch das Engelhafte, das eben von der anderen Seite an diese Gestalt herantritt.
Hier haben Sie die Engelgestalt zusammen mit der tierischen Gestalt, aber es ist etwas, was ätherisch tierisch ist und ätherisch übermenschlich ist. Es ist das Zusammenwirken der Geheimnisse, die in der einen oder in der anderen Gestalt wirken, was die Initiation für das kommende Zeitalter bewirken wird.
Das nächste Bild: Sie haben hier noch einmal, damit Sie mehr davon übersehen, das Initiierende und das Initiierte. So ist eben versucht, in der Kuppel dasjenige zusammenzustellen, was aus den verschiedensten Menschheitsverhältnissen heraus - ägyptischen, griechischen, mittelalterlichen, vergangenen, zukünftigen —, was aus den verschiedensten Zeitenverhältnissen heraus zu der Erkenntnis des Übersinnlichen führt. Und alles das ist so sehr aus der Farbe heraus gearbeitet, dass man den Eindruck haben kann, die Wand vernichtet sich selbst, vernichtet sich mit etwas, was eigentlich kein Ende hat im Seelischen, was ins Geistige hineingeht; sodass sich die Wand durch ihre künstlerische Gestaltung selber aufhebt.
Hier sehen Sie die luziferische Gestalt, wie sie ist in der Mittelfigur; hier der Christus. Sie werden sich erinnern, dass Sie es ja geschen haben drüben im Bau: Sie ist namentlich in roter Farbe, aus dem Rot und Gelb herausgearbeitet. Das wollte ich nur abgrenzen aus den Farben; sodass das Ganze - wenn man so sagen möchte: das luziferische Erlebnis - ein Rot-Gelb-Erlebnis ist, aus der brennenden, phosphorigen Farbe heraus, aus der heißen Farbe heraus, Alles dasjenige, was den Menschen eben dazu bringt, dass er gern über seinen eigenen Kopf hinausgehen möchte.
Alles dasjenige, was sonst in der Kuppel und überhaupt im Bau ist, es ist wie synthetisch zusammengefasst in dieser Ostgruppe, in dieser christusähnlichen Figur in der Mitte, Luzifer darüber, Ahriman darunter, was dann eben in der darunter stehenden Felsgruppe seine Vollendung erfahren wird. Man hat tatsächlich das ganze Menschengeheimnis als Geheimnis: Christus, Luzifer, Mensch, Ahriman, und dadurch eine Fortsetzung des Baugedankens, der sich fand in seinen verschiedenen Metamorphosen von der alten griechischen, gotischen Zeit bis zu uns. Der griechische Tempel, durchaus als Wohnhaus eines Gottes, hatte nur einen Sinn, indem er den Gott umschloss. Man kann sich seine Bauformen nicht denken anders denn als Wohnhaus des Gottes. Der mittelalterliche gotische Dom hat nur einen Sinn, wenn die Gemeinde darin ist, sonst ist er verlassen. Seine Bewandung weist darauf hin, dass er nur einen Sinn hat, wenn die Gemeinde darinnen ist. Hier drinnen soll dasjenige sein, was den Menschen zur Selbsterkenntnis führt, was den Menschen vorführt, was der Mensch ist: ein Wesen, das das Hypomochlion zu suchen hat zwischen dem Luziferischen und dem Ahrimanischen.
Im nächsten Bild haben Sie nun darunter das Ahrimanische, das getroffen wird von den Feuerlichtstrahlen, die von dem Arm des Menschheitsrepräsentanten - des Christus Jesus — ausgehen, das Ahrimanische ebenso durch die Kräfte der Erde festgehalten. Es ist alles dasjenige, was den Menschen zur Erde hindrängt, das Erdenschwere im Menschen, wie das Luziferische dasjenige ist, durch das der Mensch von der Welt weg will. Das Ahrimanische: das innerlich Gebrochene, das innerlich schwer Leidende. Das Luziferische: das den Menschen zur Betäubung, zur Illusion, zur Halluzination Führende. Hier bei Ahriman alles Knochenhafte, alles sich Verhärtende. Im Luzifer alles Fieberhafte, Pleuritische usw., alles dasjenige, was, wenn es der Mensch einseitig ausbilden würde, den Menschen fortwährend dazu bringen würde, innerlich sich selbst zu verbrennen durch seine Freude und Lust und Gier und Begierde, sich innerlich zu verbrennen. Das Ahrimanische: das innerlich im Schmerz Erfrierende, das daher unendlichen Schmerz aushält, wenn die Feuerstrahlen über sein Kaltes kommen.
Das nächste Bild: Der Kopf des Menschheitsrepräsentanten so, wie ich glaube, dass er geisteswissenschaftlich voll festgehalten werden kann. Das gewöhnliche Bild, das man von Christus hat - es ist ja eigentlich erst der bärtige Christus im sechsten Jahrhundert entstanden -, überhaupt die Geschichte der Christusporträts ist ja außerordentlich interessant. Die Christusporträts gingen ja aus lebhaften Diskussionen hervor, ob der Christus schön war oder hässlich war. Natürlich waren diese Diskussionen in einer Zeit geführt, in der eine lebendige Anschauung von dem Christus nicht mehr da war. Dann ist der Drang, bildhaft festzuhalten den Christus, in einer Zeit entstanden, wo man das Schöne nicht mehr darstellen konnte im alten griechischen Sinne. Wir müssen versuchen, den Christus geisteswissenschaftlich zu schauen. Und so weit ich glaube, die Sache vertreten zu können, ist - eben natürlich, indem das Ganze zum Geistigen umgeformt wird, das man ja allein schauen kann in dem, was erhalten ist in der Akasha-Chronik - ist das die Gestalt desjenigen, der eben in Palästina im Beginne unserer Zeitrechnung wirklich gewandelt ist. Aber das soll nicht so aufgefasst werden, als ob eine Porträtstudie da wäre, sondern das kann gefühlt werden, dass der Menschheitsrepräsentant auch so mit der Geschichte zusammenhängt. Es muss alles aus dem Empfinden des Künstlerischen heraus selber folgen.
Nun habe ich noch ein paar Gestalten im nächsten Bild: Sie sehen hier die mittlere Gruppe. Hier die russische Initiation, darüber den Engel, den Kentaur; dann diesen Golgathaweg, den dreifachen Weg, zu dem Christus, zu den beiden Dieben oder Schächern. Hier die Ahrimangestalt, von den Feuerlichtstrahlen getroffen, dann die Christusgestalt, oben Luzifer. Hier wiederum die andere Seite: den Engel, die Kentaurengestalt, also das Initiierende. Darunter würden dann wiederum die beiden zusammengehörenden Initiierenden sein.
Hier sehen Sie dieses Fünfblatt, von dem ich gestern gesprochen habe. Dann sehen Sie die germanisch-persische Initiation, die luziferisch-ahrimanische, und dann die ägyptische Initiation. Das wird aber hier auf diesem Bilde schon sehr undeutlich. Sie sehen hier noch den ägyptischen Initiaten. Es ist der Versuch gemacht worden, die Sache zu fotografieren in der verschiedensten Weise. Es ist ja natürlich, dass die Fotografie nur überhaupt das Motiv geben kann, was ja im Grunde eben nicht das ist, worauf es ankommt.
Ich möchte dann noch erwähnen, dass unser Bau, der Doppelkuppelbau, eingedeckt ist mit norwegischem Schiefer. Als ich einmal auf einer Vortragsreise war, die von Kristiania nach Bergen führte, und zum Fenster der Eisenbahnwagens hinaussah, fiel mir dieser wunderschöne Vossische Schiefer von den Vossischen Schieferbrüchen auf. Dazumal während dieser Reise entstand in mir der Gedanke, dass es das Richtige wäre, diesen Vossischen Schiefer zum Eindecken unseres Baues zu verwenden - ein Gedanke, der dann realisiert werden konnte. Diejenigen, welche sich die Dächer unseres Baues anschen, wie sie, namentlich unter ganz bestimmten Sonnenwirkungen in ihrem Gräulich-Blau, erglänzen, der wird sehen, dass in der Tat dieser Gedanke ein gerechtfertigter war, diesen norwegischen Schiefer zum Eindecken dieses Baues gerade so weit nach dem Süden her zu verfrachten. Er gibt in der Tat wunderbar in seiner Reflexion die Sonnenstrahlen, die Lichtstrahlen wiederum.
Das konnte ja selbstverständlich nur, ich möchte sagen, von einigen Seiten her ein wenig charakterisieren, was in diesem Bau versucht worden ist. Sie werden - wenn Sie zusammennehmen dasjenige, was ich besprechen konnte deshalb, weil Bilder da sind, mit dem, was Sie ja noch wie vieles andere im Ganzen und in den Einzelheiten sehen werden — darüber eine Vorstellung bekommen können, wie in der Tat dieser Bau werden sollte eine Hieroglyphe, eine unmittelbare Offenbarung in Formen und Farben desjenigen, was in der ganzen anthroposophisch orientierten Weltanschauung liegt. eine große Hieroglyphe sollte er hingestellt sein vor die Gegenwart. Und es wäre ja wirklich etwas getan für unsere Zeit und für die nächste Zukunft, wenn dieser Bau jemals fertig werden könnte. Mit einer gewissen Hingabe an die Sache ist er begonnen worden, begonnen worden damals namentlich ja aus denjenigen Gebieten heraus, die jetzt für das Weltenleben zusammengeschlagen sind, die nichts mehr eigentlich beitragen können, weil sie vollständig verarmt gegenüber der übrigen Welt dastehen. Die Ereignisse haben es mit sich gebracht, dass eben diese Gegenden selber verarmt sind gegenüber den Weltereignissen, die zuerst diesen ganzen Baugedanken inaugurieren lassen, und es wäre schon eigentlich gut, wenn so viel Unchauvinistisches, Reinmenschliches in der Welt auftreten könnte, dass jetzt vonseiten derjenigen Gegenden, die weniger gelitten haben unter den Schreckensereignissen der letzten Jahre, dieser Bau auch wirklich vollendet werden könnte. Er sollte eigentlich vollendet werden.
Wenn man allerdings hinschaut auf alles dasjenige, was als Motive gewirkt hat in den letzten fünf bis sechs Jahren, und wenn man es fortwirken sieht, fortwirken sieht bei Siegern und Besiegten, wenn man sieht, wie nirgends eigentlich so recht die Erkenntnis aufdämmert, dass ein völlig Neues Platz greifen muss, dann kann ja nicht viel Hoffnung dafür entstehen, dass dieser Bau wirklich jemals fertig werden könne. Aber er ist, meine lieben Freunde, eine Forderung der Zeit, er ist eine Forderung der Zukunft. Er ist etwas, was ganz anders verstanden werden sollte, als man es bis jetzt zu verstehen geneigt ist. Und es wäre vielleicht das erste Zeichen einer Kundgebung des Willens zum Gesunden der Welt, wenn, sagen wir, von englischer, französischer, von amerikanischer Seite aus ein Verständnis aufwachen würde gerade für die Vollendung dieses Baues. Der erste Impuls ist aus Mitteleuropa hervorgegangen; das Weitere müsste von in den letzten Jahren neutraler oder von mitteleuropa-feindlicher Seite erwachen, wenn wirkliches Verständnis da wäre.
Aber es scheint ja tatsächlich so, als ob die Seelen weiter schlafen wollten, als ob die meisten sich doch sagten: Ach was, auf Neues sich einlassen! Die Sachen werden ja doch nur gut, wenn wir wiederum auf das zurückkommen und mit dem fortwirtschaften, was so ungefähr bis 1914 war. Danach sehnen sich ja viele Leute. Meine lieben Freunde, das kommt nicht wieder. Und diejenigen, die das wollen, und die daran arbeiten, das wieder herbeizuführen, diejenigen, die sich nicht aufschwingen können zu dem Gedanken, dass etwas so Neues unter uns kommen müsse wie die Baustilformen dieses Baues hier sind, die arbeiten mit am Untergange der Menschheit. Ist es denn nicht eigentlich, ich möchte sagen, in Bezug auf die Kultur der Menschheit und ihre Entwicklung herzzerreißend gewesen, wie vor einigen Tagen hier Doktor Kolisko sagen musste, wie charakterisiert werden musste, wie aufgeleuchtet hat an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert und weit in das 19. Jahrhundert hinein die Goethe-Kultur, und dass diese Goethe-Kultur vollständig versiegt ist. Sie war in den achtziger Jahren in Deutschland schon versiegt.
Ich darf mir vielleicht ein Empfindungsurteil in diesen Sachen beilegen, denn ich selbst kam zuerst 1889, dann 1890 nach Weimar nach dem Goethe-Schiller-Archiv. Ja, meine lieben Freunde, da war man nun wirklich an der Grabstätte des Goetheanismus, an der richtigen Grabstätte des Goetheanismus. Und darinnen war kein Unterschied zwischen der Angehörigkeit der verschiedensten Nationen der Welt. Da erinnerte der deutsche Gelehrte, indem er Silben stach, an Faust, zusammen mit Calvin Thomas, dem amerikanischen Gelehrten, der in der gleichen Weise Silben stach. Da arbeiteten die Leute aus aller Herren Länder. Die Wissenschaft war an den Punkt gekommen, wo sie weit weg war, wo sie sich mit Goethe beschäftigte. Wahrhaftig, überall ein Zerschneiden der lebendigen Goethe-Wesenheit, furchtbar, furchtbar!
In dem Österreich, das aber schon den Zerstörungskeim in sich trug, das durch sein staatspolitisches System die Zerstörungskeime in sich trug, da fanden sich noch einige isolierte Fortentwickler des Goetheanismus, wie es Doktor Kolisko hier in diesen Tagen charakterisiert hat. Dann: fertig, zugedeckt dasjenige, was einmal da war! Es liegt an der Menschheit selbst, ob dasselbe Schicksal, was da mit dem Goetheanismus passiert ist, mit der gesamten europäischen Kultur und ihrem amerikanischen Nachwuchs geschehen soll. Man will es nicht glauben, aber die Frage ist heute an die Menschheit gestellt: Wollt ihr etwas Neues, und damit die weiße Rasse retten aus der Barbarei heraus, oder wollt ihr für die gesamte Kultur der weißen Rasse dasselbe Schicksal wie für den Goetheanismus? Und sich erhebend über dieser Barbarei der weißen Rasse dasjenige, was bringen werden die andersfarbigen Rassen, namentlich die Neger und ähnliche Rassen über dasjenige, was heute die zivilisierte Welt ist?1 Man muss heute fragen: Wie viele Menschen können sich dieses Problem stellen? Wie viele Menschen empfinden, wie ernst es heute ist, dass es sich um Sein und Nichtsein der gegenwärtigen Zivilisation handelt?
Nichts anderes wollte dieser Bau sein als ein lebendiger Ausdruck dafür. Die Fortsetzung desjenigen, was sich europäische Kultur errungen hat, diese Fortsetzung soll leben, nicht der Tod davon! Aber dieser Bau appelliert nicht an ein unbestimmtes Schicksal, dessen Führung man sich etwa bequem hingeben will, sondern dieser Bau appelliert an ein tätig Lebendiges. Will der Mensch ohne dieses tätig Lebendige, ohne dass man das will, diese europäische Zivilisation retten, ohne diesen Impuls für die Rettung, ohne diesen Willen, ohne diese Freiheitstat der Rettung, wird diese Kultur nicht gerettet, wird sie demselben Schicksal verfallen wie in Mitteleuropa der Goetheanismus. Dann mag man große Archive gründen und in diesen großen Archiven Philologie treiben über dasjenige, was in Europa einmal war. Aber wir sollten es nicht zu Archiven allein kommen lassen, wir sollten es zu lebendigen, schon durch ihre Formen ihre Lebendigkeit ankündigenden Bauten - physischen und geistigen - kommen lassen, die sich so verhalten sollten zu der europäischen Zivilisation, wie sich dieses Goetheanum zum Goetheanismus, nicht wie sich die Goethe-Archive zum Goetheanismus verhalten. Das möchte ich, dass herausgelesen werden könnte aus diesen Formen. Denn diesen Namen Goetheanum hat jemand ersehnt, meine lieben Freunde, als Name zuletzt für diesen Bau hier, der schon erlebt hat den Unterschied zwischen einem Mausoleum des Goetheanismus und dem, was sein könnte, ein lebendiger Organismus für den Goethe-Geist, aber in seiner Fortentwicklung, jetzt für 1920, in fünfzig Jahren für 1970 usw.
Das ist dasjenige, was ich im Anschlusse an die Beschreibung des Baues heute zu Ihnen sagen wollte.
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Siehe Hinweis auf S. 159. ↩