Wiener Theaterverhältnisse

Nationale Blätter 1889, Volume I, 22

Wir Deutschen leiden gegenwärtig an einem schweren Kulturübel. Wir sind die Träger einer hohen Bildung; aber diese kann es nicht dazu bringen, die Tonangeberin des öffentlichen Lebens zu werden. Statt daß sie allen unseren ideellen Bestrebungen das Gepräge gäbe, macht sich überall Seichtigkeit und Dilettantismus zur leitenden Macht. Wir haben es zu einer Kunstanschauung gebracht, wie sie kein Volk hat, aber in der öffentlichen Pflege unserer Kunst, in der Führung unserer Kunstinstitute, in der Kritik ist wenig von dieser Anschauung zu merken. Unser ganzes geistiges Leben steht deshalb heute auf einer viel tieferen Stufe, als es nach den Anlagen unseres Volkes, nach seiner eingeborenen Tiefe stehen könnte. Wo immer wir hinschauen, finden wir die traurigen Beweise für diese Sätze. Wir könnten sie ebensogut auf jeden anderen Zweig unserer gegenwärtigen Kulturbestrebungen anwenden, wie wir es diesmal auf die Pflege des Dramas in unseren Wiener Theatern tun wollen.

Wir haben in Wien zwei Schauspielhäuser, die einem reinen Kultur- und Kunstzwecke dienen könnten, wenn sie ihre Aufgabe richtig erfassen wollten: das Hofburgtheater und das neue Deutsche Volkstheater. An die übrigen Bühnen kann in dieser Richtung wohl kaum gedacht werden. Denn sie haben einen schweren Stand gegenüber ihrem Publikum. Einen wahren Kunstgenuß sucht dies letztere ja doch nicht, und wenn dieser nicht da ist, da hört auch der Maßstab für das Gute auf. Dann fängt eben das Bestreben an, solche Stücke zu bringen, mit denen man möglichst viel verdienen kann. Das Kunstinstitut hört auf, ein solches zu sein, und wird ein auf möglichst großen Erwerb bedachtes Unternehmen.

Ein solches hat nun unser Burgtheater nie zu sein brauchen; das Deutsche Volkstheater hätte es nie werden sollen. Es gibt nämlich in Wien noch immer Leute genug, die Sinn für höhere Ziele in der Kunst haben, um zwei Theater jeden Abend zu füllen; man muß ihnen nur den Zugang zu diesen Theatern nicht unmöglich machen. Das Burgtheater nun aber sowohl wie das Volkstheater haben es verstanden, gerade jenes Publikum auszuschließen, für das sie so recht bestimmt sind.

Durch die unerschwinglich hohen Preise und namentlich durch die Einführung des Stammsitz-Abonnements hat sich das Burgtheater ein Publikum geschaffen, das wohl meistens Geld, aber nicht immer Kunstverständnis hat. Frivolstes Unterhaltungsbedürfnis ist da an die Stelle des Kunstsinnes getreten. Man mißverstehe uns nicht! Denn wir verkennen die ja ganz bedeutsamen Errungenschaften des Burgtheaters in der letzten Zeit durchaus nicht. Es ist einem Manne die künstlerische Führerschaft übertragen, dessen dramatisches Können die Achtung jedes Einsichtigen fordert. Jede neue Vorstellung ist ein Beweis dafür. Wir sind auch nicht blind für die Verdienste, die sich dieser Mann durch Neuaufführung klassischer Stücke, wie «Gyges und sein Ring», «Die Jüdin von Toledo», «Lear», erworben hat. Das waren Theaterereignisse ersten Ranges. Ein weiteres steht uns durch die versprochene «Antigone» bevor. Auch sind wir nicht blind für den Gewinn, den das Burgtheater durch den Eintritt einer Kraft ersten Ranges mit Fräulein Reinhold in sein Künstlerpersonal zu verzeichnen hat. Aber das Wiener Burgtheater hat denn doch noch eine ganz andere Aufgabe, als alte Stücke in meisterhafter szenischer Einrichtung wieder zu beleben. Das Leben unseres Burgtheaters sollte in innigstem Zusammenhange mit der Entwickelung der dramatischen Literatur der Gegenwart stehen. Aber mit der Förderung dieser letzteren hat dasselbe wenig Glück. Es hat in den letzten Jahren an neuen Stücken fast durchaus ganz Wertloses gebracht. «Cornelius Voß», «Wilddiebe», «Der Flüchtling», «Die wilde Jagd» gehören nicht in dieses Kunstinstitut. Wir sagen es mit schwerem Herzen, aber wir müssen es sagen: sie gereichen demselben zur Schande. Man wende uns nicht ein, die Gegenwart habe nichts Besseres. Das ist einfach nicht richtig. Ein Volk wie das deutsche hat in dem Augenblicke Besseres, in welchem seine ersten Bühnen einen höheren Maßstab anlegen. Versteht es das Burgtheater, sich ein kunstsinniges Publikum zu schaffen, dann werden die deutschen Schriftsteller diesem Theater gute Stücke liefern. Solange aber auf den Stammsitzen der Bildungspöbel sich breitmacht und jede ernste Kunstrichtung ablehnt, so lange steht die Leitung des Burgtheaters einer Macht gegenüber, die es hindert, wahre Kunstaufgaben zu lösen. Hier liegt das, worauf es ankommt. Warum ist es heute fast unmöglich, eine neue Tragödie aufzuführen? Nicht weil sie kein Publikum finden würde, sondern weil dasjenige, welches eine solche zu genießen verstünde, durch ein anderes verdrängt wird, dem jeder Sinn dafür fehlt. Dieses Publikum hat neben dem oberflächlichsten Unterhaltungsbedürfnis höchstens noch jenes für schauspielerische Virtuosität. Und so kommt es, daß ganz wertlose Stücke gegeben werden, wenn sich in ihnen nur dankbare Rollen, das heißt solche Rollen finden, in denen der Schauspieler durch irgendein besonderes Kunststückchen glänzen kann. Wir haben dieses in den «Wilddieben» und im «Flüchtling» bis zur Ekelerregung mitmachen müssen. Was aber noch weit ärger ist, wir mußten es jüngst erleben, daß der literarische Beirat unseres Burgtheaterdirektors von der Lehrkanzel herab die verwerflichste aller Kunstlehren verkündigte: daß für den Wert eines Dramas die Bühnentechnik allein maßgebend sei. Damit wird ein Satz aufgestellt, der geradezu den Tod aller dramatischen Kunst bedeutet. Der Dramatiker steht doch wohl unter ganz anderen Kunstgesetzen, als die Rücksicht auf die zufälligen Einrichtungen der Bühne ist. Nimmermehr hat sich der Dramatiker der Bühne, der Dichter dem Schauspieler, sondern stets dieser jenem unterzuordnen. Was dramatisch wertvoll ist, dafür hat eben die Bühnentechnik Mittel und Wege zu schaffen, um es zur Aufführung zu bringen. Es ist ein trauriges Zeichen der Zeit, daß Lehren wie die des Barons Berger, die aller gesunden Ästhetik Hohn sprechen, soviel Zustimmung finden und Aufsehen machen konnten.

Viel weniger aber als das Burgtheater erfüllt das Deutsche Volkstheater seine Aufgabe. Man konnte von demselben, nach dem, was versprochen worden ist, mit Recht die Pflege jenes dramatischen Gebietes erwarten, das den breiteren Massen des Publikums, jenen Massen, die über keine höhere als die gewöhnliche Schulbildung verfügen, einen höheren geistigen Genuß verschaffen kann. Dieses Publikum hätte sich allmählich gefunden, wenn man es gesucht hätte. Da hätte man anfangs freilich darauf verzichten müssen, möglichst viel aus dem Theater «herauszuschlagen». Man hätte einen artistischen Leiter mit festem Gehalt an die Spitze, einen tüchtigen Regisseur ihm an die Seite stellen sollen. Statt dessen hat man das Theater verpachtet, und der Direktor ist darauf angewiesen, «einträgliche» Stücke zu geben. Womit hat man den Anfang gemacht? Mit «Ein Fleck auf die Ehr» war das Haus freilich würdig eröffnet. Es wäre aber einfach ein Skandal gewesen, hätte man nicht Anzengruber das erste Wort gegeben. Dafür war das unmittelbar Nachkommende schlimm genug. Da sehen wir «Maria und Magdalene» von Lindau, dann «Die berühmte Frau» von Schönthan und Kadelburg. Diese Stücke auf dem Volkstheater zu geben, war unerhört. Damit hatte man von vornherein sich ein Publikum geschaffen, das nicht in dieses Theater gehört. «Die berühmte Frau» hat die frivolste und verletzendste Tendenz, die man sich denken kann. Sie macht einfach alles geistige Leben der Frau, auch wenn dasselbe aus tiefem innerem Bedürfnis hervorgeht, lächerlich. Die Aufgabe der Frau liegt nach diesem Stücke nur darin, zu kochen, zu stricken und — Kinder zu gebären. Das Verwerflichste an der Sache aber ist, daß die Frivolität hier in geschickter, wirksamer Theatermache steckt, die das Publikum gefangennimmt. Nicht anders ist es mit «Maria und Magdalene», wenn wir auch so viel Schädliches wie der «Berühmten Frau» diesem Machwerk nicht nachsagen können.

Mit diesem Anfang war eben vieles, wenn nicht alles verdorben. Was wir noch von einiger Bedeutung erlebten, war die Aufführung des «Wilhelm Tell». Aber gerade an dieser Vorstellung zeigte es sich, wie auch das Künstlerpersonal den Anforderungen durchaus nicht gewachsen ist, die man notwendig stellen muß. Wir sind ja nicht so töricht, diese Vorstellung mit der großartigen Tellvorstellung am Burgtheater vergleichen zu wollen, die namentlich durch die Ausgestaltung der Tell-Rolle durch Krastel ein künstlerisches Ereignis ersten Ranges ist; aber das Volkstheater leistete doch gar zu wenig. Szenische Einrichtung so wenig wie künstlerische Darstellung erhoben sich bis zur Mittelmäßigkeit. Alles, was das Volkstheater noch Nennenswertes leistete, war eine Aufführung des «Pfarrers von Kirchfeld». Das übrige: «Die Rantzau», «Der Hypochonder», «Der Strohmann», «Die Hochzeit von Valeni» waren Stücke eben für das Publikum berechnet, das mit Aufführung der «Berühmten Frau» geschaffen war.

Unsere Bühnen sollten nur einmal den Mut haben, auf ein bestimmtes Publikum zu rechnen, und man würde sehen, daß es kommt.

German original of Viennese Theater Conditions · Next →