Zur Burgtheater-Krisis

Nationale Blätter 1889, Volume II, 2

Sooft bei uns in Österreich irgendeine bedeutende Stelle zu besetzen ist, sind sowohl die dabei maßgebenden Kreise wie auch die sonst so allweisen Herren der Wiener Journalistik ratlos. Immer behaupten sie, es fehle an der geeigneten Persönlichkeit, die ein solches Maß von Wissen und Können in sich vereinigt, um den in Frage kommenden Platz ganz auszufüllen. Gegenwärtig können wir dies wieder an der Direktionskrisis im Burgtheater erfahren. Es müßte uns bange werden um den Rückgang der deutschen Wissenschaft und Kunst, wenn wir wirklich so arm an hervorragenden Persönlichkeiten wären, wie uns ein hiesiger Kritiker jüngst glauben machen will, wenn er sagt: «Und es gibt wohl auch keinen, der die dazu erforderlichen Eigenschaften in sich vereinigte, denn gäbe es einen, so müßten längst alle Blicke auf ihm ruhen. Das Ideal eines Burgtheaterdirektors werden wir auf keinen Fall bekommen. Wir werden unsere Anforderungen herabstimmen und statt einer ganz geeigneten Persönlichkeit mit einer halbwegs geeigneten vorliebnehmen müssen (Edm. Wengraf in der «Wiener Allgemeinen Zeitung» vom 12. Januar d.J. [1890].» Diese Worte sind einfach lächerlich; sie werden an Sinnlosigkeit nur noch von dem übertroffen, was Ludwig Speidel im letzten Sonntagsfeuilleton der «Neuen Freien Presse» schreibt, und das darinnen gipfelt: wir hätten in ganz Österreich und Deutschland außer Baron Berger keinen Mann, der jetzt das Burgtheater leiten kann. Wenn auch diese Auslassung Speidels geradezu an Komik grenzt und schon deshalb bei jedem Einsichtigen nur ein Lachen bewirken sollte, so können wir sie doch nicht für so ganz ungefährlich halten. Denn Speidels Einfluß auf die maßgebenden Kreise des Burgtheaters ist groß, und auf sein Wort wird gehört. Wir wissen nicht, wodurch dieser Kritiker einen solchen Einfluß gewonnen hat. Es klingt das für die hiesigen Ohren geradezu ketzerisch, aber es muß doch einmal gesagt werden: Speidels Ruf ist ein großenteils gemachter. Er schreibt so, wie das einem gewissen Teile des Wiener Publikums gefällt, geistreichelnd, witzig, aber er ist ohne alle Gründlichkeit; er hat weder Kunstprinzipien, noch einen geläuterten, gefestigten Geschmack. Man bewundert den Stil Ludwig Speidels. Im Grunde ist das aber doch nur ein etwas besserer Zeitungsstil, der oft die Wahrheit dreht und wendet, um einen Absatz mit einer witzigen Wendung abzuschließen; das gefällt dann, und man fragt nicht weiter, ob das Behauptete auch wahr ist... Wir fürchten es nun, daß, wie so oft, auch diesmal die Stimme dieses Mannes erhört werden wird. Aber diesmal wäre es am gefährlichsten. Denn unser Burgtheater steht tatsächlich vor einer großen Gefahr. Es ist vor allem in Gefahr, mit dem Lustspiel vollständig zu verflachen. Was wir in dieser Richtung in der letzten Zeit zu sehen bekamen, welche Geschmacksrichtung sich darin aussprach, darauf wurde erst vor kurzem in diesen Blättern hingedeutet. Es war zumeist ganz wertlose Theatermache, aber es wurde vortrefflich gespielt. Die Schauspielkunst scheint sich in der Tat in unserm Burgtheater von der dramatischen Kunst vollständig emanzipieren zu wollen. Nicht wenig hat dazu noch beigetragen, daß der verstorbene Förster eben viel bedeutender als Regisseur denn als Dramaturg war. Hierinnen liegt ein Fingerzeig, was bei der Wahl des künftigen Direktors vor allen andern Dingen in Betracht kommt. Es wird sich jetzt um einen Direktor handeln, der Einsicht und Verständnis genug besitzt, um aus der dramatischen Literatur der Gegenwart das wahrhaft Wertvolle, das Bleibende herauszufinden, und der das hat, was man «ästhetisches Gewissen» nennt, das ihm verbietet, bloßen Stückefabrikanten wie Schönthan, Herzl, Fulda, Blumenthal den Eingang ins Burgtheater zu gewähren. Von Männern wie v. Werther, Savits können wir uns das nimmermehr versprechen. Sie würden gewiß vortreffliche Regisseure sein, aber sie dürften am wenigsten von dem Fehler frei sein, um dankbarer Rollen willen schlechte Dramen aufzuführen.

Wir haben es ja gesehen, wie gerade in der Zeit, wo ein Bühnenroutinier wie Sonnenthal das Burgtheater leitete, der obige Irrtum am tiefsten Wurzel faßte. Bei all seiner Bedeutung als Schauspieler und Regisseur fehlt Sonnenthal jedes Verständnis für die dramatische Kunst. Das fürchten wir auch von v. Werther und Savits. Es wurden noch die Namen Spielhagen, Paul Heyse und Hans Hopfen genannt. Die beiden ersteren würden wohl einer Berufung kaum Folge leisten; Hans Hopfen aber ist in seinem ganzen literarischen Wirken viel zu oberflächlich, als daß das Burgtheater etwas von ihm erwarten könnte. Auch wurde mit Recht bemerkt, daß diese letzteren drei Persönlichkeiten sich viel zu wenig in der dramatischen Kunst umgesehen haben, um der zweiten Aufgabe gewachsen zu sein, die dem künftigen Burgtheaterdirektor zufällt: Ordnung im Personalstand zu schaffen. Unsere wahrhaft guten Kräfte sind alt geworden und bedürfen bald eines Ersatzes. Unsere jüngeren sind bis auf Fräulein Reinhold fast durchaus unbedeutend. Hier muß einfach aufgeräumt werden. Der künftige Direktor wird gegenüber mancher jungen schauspielerischen Kraft die Energie haben müssen, zu sagen: «Dich kann ich nicht brauchen; es muß Platz geschafft werden für Besseres.»

Was soll es nun, wenn gegenüber diesen dringenden Bedürfnissen der Wiener Hofbühne Speidel für seinen Schützling, Baron Berger, nur die Empfehlung aufzubringen vermag: er kenne die Verhältnisse am Burgtheater, er habe sich während der Zeit seines Sekretariats gerade den Sinn für das Spezifische der «Wiener» Schauspielkunst aneignen können. Das ist kleinlich. Wir aber brauchen einen Mann mit einem Blick ins Große, mit voller ästhetischer und dramaturgischer Einsicht. Das ist Baron Berger nicht. Er hat in seinen hiesigen Universitätsvorlesungen geradezu gezeigt, daß er von der Stellung der Schauspielkunst zur Dramatik falsche Begriffe hat; er hat gezeigt, daß er wohl Vorlesungen im Feuilletonstil und in blendender Rede zu halten vermag, nicht aber, daß er die deutsche Kunstanschauung sich angeeignet hat.

Was aber Ludwig Speidel nicht zu wissen scheint, denn er geht über dessen Namen nur ganz flüchtig hinweg, das ist, daß wir tatsächlich einen guten dramaturgischen Schriftsteller besitzen, der in den letzten Jahren mit jeder neuen Publikation zeigte, dass er gewachsen ist, das ist nun Heinrich Bulthaupt. Mit feinem Verständnis für die innere Technik und Ästhetik des Dramas ausgestattet, können sich auch wenige mit ihm messen, was eindringendes Verständnis für die schauspielerische Kunst betrifft. Wenn ihm Ludwig Speidel vorwirft, er zeige wenig Verständnis für die Eigenart gerade der Burgtheater-Schauspielkunst, so haben wir dazu mancherlei zu sagen. Erstens hat diese Kunst gewisse große Vorzüge, denen sich gerade ein Mann wie Bulthaupt nicht verschließen kann; zweitens aber hat sie Unarten, Fehler, die wohl Bulthaupt, nicht aber Ludwig Speidel sehen kann, weil er sie mit großgezogen hat. Und endlich kommt noch dazu, daß Bulthaupt an dramatischer Einsicht seit jener Publikation über das Münchener Gesamtgastspiel, auf welche Speidel seine Ansicht stützt, so gewachsen ist, daß man sein jetziges Können nicht mehr nach jener Schrift, sondern nach seinen letzten, ganz außerordentlichen Publikationen über die «Dramaturgie der Oper» und die Dramaturgie unserer Klassiker beurteilen muß.

«Ja, aber müssen wir denn durchaus in die Fremde gehen; finden wir denn in Wien keinen geeigneten Mann?», so hören wir die Anhänger einer gewissen literarischen Versicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit rufen. Ohne auf die Abgeschmacktheit dieser Rede weiter einzugehen, möchten wir doch bemerken, daß man uns in Wien den Mann zeigen solle, der die oben gestellten Bedingungen erfüllt. Man nennt verschiedene Namen: Friedrich Uhl zunächst, dann in letzter Zeit sogar: Ganghofer, Schwarzkopf, Hevesi und Müller-Guttenbrunn. Von Ganghofer, Schwarzkopf und Hevesi brauchen wir nicht weiter zu reden. Was Uhl betrifft, so müssen wir sagen, daß seine Kritiken in der «Wiener Zeitung» uns in der Tat augenblicklich als die besten Wiener Theaterkritiken erscheinen; allein die anderen sind eben alle auf solcher Stufe, daß mit ihnen überhaupt nicht ernstlich gerechnet werden kann. Dadurch ist aber jemand doch noch nicht vorherbestimmt zum Burgtheaterdirektor. daß er gegenüber grenzenloser Unwissenheit und Geschmacklosigkeit ein allerdings feines und geläutertes Urteil besitzt. Was nun Müller-Guttenbrunn betrifft, so hätten wir uns seinerzeit gefreut, ihn an der Spitze des Deutschen Volkstheaters zu erblicken: jetzt, da er mit der Moral und der Entrüstung über die Mittelmäßigkeit der Leistungen jenes Theaters im Munde das schlechte Stück «Die Hochzeit von Valeni» lobt, sind wir davon zurückgekommen. Für das Burgtheater scheint uns seine Kraft aber überhaupt zu gering.

Wir geben uns nicht der Hoffnung hin, daß die Krisis im Burgtheater im oben angedeuteten Sinne gelöst wird; wir wissen dann aber auch, daß nicht aus Mangel an einer geeigneten Persönlichkeit für die Direktion des Burgtheaters die Wahl eine schlechte sein wird, sondern aus Mangel an jenen Persönlichkeiten, die zum Suchen derselben geeignet wären.

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