«Die Befreiten»
Ein Einakterzyklus von Otto Erich Hartleben
Aufführung im Lessing-Theater, Berlin
Otto Erich Hartleben reist jedes Jahr nach Rom. Ich begreife nun zwar, daß gewisse Philister jedes Jahr ein Nordseebad aufsuchen müssen, warum aber Otto Erich alljährlich zur gleichen Jahreszeit nach Italien gehen muß: das schien mir doch einer Frage an den Träger dieser absonderlichen Gewohnheit vor dem letzten Romzuge wert zu sein. Ich habe für diese Frage eine geeignete Stunde abgepaßt — und auf diese Weise erhielt ich eine Antwort. Otto Erich sagte mir, er müsse jedes Jahr nach Rom, um der Misere des Berliner Lebens zu entgehen. In dieser schönen Stadt sei man ansässig und deshalb mit tausend Kleinigkeiten geplagt, bei Tag und bei Nacht. Ich will gar nicht einmal verschweigen, daß er bei dieser Gelegenheit von dem Ärger sprach, den ihm seine Mitherausgeberschaft beim «Magazin für Literatur» verursacht. Kurz: man ist in Berlin gezwungen, die «kleinen Linien» zu sehen, die das Leben zieht. Diesen kleinen Linien will Otto Erich Hartleben jedes Jahr für ein paar Wochen entfliehen, um das Leben in «großen Linien» zu sehen.
So ist Otto Erich Hartleben. Es gibt keinen Höhepunkt der Anschauung, auf den er sich nicht stellen könnte, um das Leben zu betrachten. Aber er sucht sich den bequemsten Weg, um zu diesem Höhepunkte zu gelangen. Ein alter Spruch sagt: es gebe keinen Königsweg zur Mathematik. Ich vermute, daß Otto Erich nie sich um Mathematik kümmern wird. Ich kenne keine Tiefen der Weltanschauung, die ihm nicht zugänglich wären. Aber er wird recht eklig, wenn es erst Arbeit kosten soll, um zur Tiefe zu kommen. Der Ernst des Lebens ist ihm bekannt wie nur irgendeinem, aber er hat die Gabe, diesen Ernst so leicht wie möglich zu nehmen. Mir ist nie ein Mensch begegnet, in dem ich ein vornehmes Epikuräertum so verwirklicht gefunden hätte wie in ihm. Er ist ein Genußmensch, aber die Genüsse, die er sucht, müssen auserlesene Eigenschaften haben. Eines Tuns, das nur im entferntesten an das Gemeine erinnert, ist er nicht fähig.
Alles, was er tut, hat Größe. Und seine Größe gibt sich nie den Anschein der Wichtigkeit. Am liebsten macht er einen passenden Scherz, wenn die andern anfangen, pathetisch zu werden und ihren Reden Bleikügelchen anhängen, damit sie schwer genommen werden.
Man muß diese Eigenschaften Otto Erich Hartlebens kennen, um das erste Stück seines Einakterzyklus, den «Fremden», zu verstehen. Als ich es las, erinnerte ich mich sofort an die «großen Linien», denen zuliebe er alljährlich nach Rom geht. Es ist das ewige Problem: eine Frau hat einen Mann geliebt, einen anderen aus irgendwelchen Gründen geheiratet, dieses nicht ertragen, und findet ein verspätetes Glück mit dem erstgeliebten. Wie sich das im Leben abspielt, das ist im Grunde gleichgültig. Das Tiefe liegt in den Beziehungen der Menschen zueinander. Und diese Beziehungen hat Hartleben in «großen Linien» hingestellt. Ob dabei die Leute, die alles «sehen» wollen, auf ihre Rechnung kommen, ist auch gleichgültig. Für diese Leute, die fragen, was «vorgeht», hätte der Dichter natürlich eine «dramatische Fabel» mit allerlei interessanten Details erfinden und diese in drei Akten verarbeiten müssen. Um diese Leute hat er sich aber nicht gekümmert. Deshalb hat er «mit Außerachtlassung aller Details» die großen Züge der Sache hingestellt. Der Goethe, der den «Tasso» gedichtet hat, hätte an dem «Fremden» seine Freude gehabt.
Von der Aufführung habe ich vor allen Dingen Größe, Stil erwartet. Ich habe nichts davon gefunden. Theater war alles. Dies kleine Drama aber erfordert Kunst. Es wäre eine Ehrenaufgabe des Lessing-Theaters gewesen, hier einmal zu zeigen, was man durch das Theater leisten kann. Eine gute Aufführung dieses Einakters hätte alle Reden der Widersacher des modernen Theaters für eine Weile zum Verstummen bringen können. Es tut mir leid, aber ich muß es sagen: Als ich das Drama las, empfand ich Größe, die vorhin geschilderte Hartlebensche Größe. Als ich es sah, empfand ich keine Spur von dieser Größe. Alles war ins Kleine umgesetzt. Ich wäre am liebsten davongelaufen.
Der zweite Einakter «Abschied vom Regiment», scheint mir viel weniger wertvoll als «Der Fremde». Ich kann weder der Offiziersfrau, die vom Manne geheiratet worden ist, damit er seine Schulden bezahlen könne, noch diesem Manne, den sie mit einem Regimentskameraden betrügt, ein besonderes. Interesse entgegenbringen. Daß zuletzt die Sache offenbar, der Offizier in eine andere Garnison versetzt und nach dem Abschiedsessen von dem Verführer getötet wird: das alles ist mir erst recht einerlei. Davon aber habe ich gar nicht zu sprechen. Wohl aber davon, daß hier Hartleben als Meister der dramatischen Technik gewirkt hat. Tadellos fügt sich hier alles aneinander: man wird durch das «Wie» mitgerissen, selbst wenn einem das «Was» höchst einerlei ist.
Ich möchte mich bei diesem schwächsten der vier Einakter nicht aufhalten. Auf ihn folgte «Die sittliche Forderung». Rita Revera ist dem unter sittlichen Forderungen stehenden Rudolstadt entflohen und eine gefeierte Sängerin geworden. So findet sie «Friedrich Stierwald, Kaufmann, Inhaber der Firma C. W. Stierwald & Söhne in Rudolstadt». Er will sie wieder in das sittliche Rudolstädter Leben zurückführen. Nach seiner Ansicht müsse sie das: denn sittlich müsse man sein, damit die Sittlichkeit bestehen kann. Nebenbei bemerkt: dazu sagt Alfred, mein Kerr: «Weiland Paul Lindau hat denselben Witz gemacht. Er rief: Wozu wäre die Moral da, wenn man sie nicht hätte?» Aber guter Kerr: Verstehen Sie denn weder Lindau noch Hartleben? Ich habe jetzt wirklich keine Zeit, Ihnen erwas über den Unterschied zu sagen. Ich frage Sie bloß: Wissen Sie denn nicht, daß Nietzsche von der «sittlichen Forderung» entzückt gewesen wäre und daß er Paul Lindau ... — nicht weiter. Doch, ich lese ja Ihre Breslauer Berliner Briefe und sollte eigentlich wissen, daß Sie Nietzsche nicht zu mögen geruhen.
Ich komme an den letzten Einakter, «Die Lore». Ich habe die Geschichte vom «abgerissenen Knopf» immer so entzückend gefunden, daß ich der Meinung bin, der Verleger S. Fischer habe mit ihr das glänzendste Geschäft gemacht und jedermann kenne sie. Ich erzähle sie also nicht. Ich sage nur soviel: sie dramatisiert auf der Bühne zu sehen, ist ein seltener Genuß. Hier ist, was Otto Erich überhaupt in seiner Gewalt hat, das Leichte, Alltägliche, zur Kunst geworden.
Es geziemt sich nicht, daß ich meinen Mitherausgeber lobe. Deshalb habe ich nur die Schwächen seiner vier Einakter hervorgehoben.