«Das liebe Ich»

Volksstück in drei Akten und einem Vorspiel von C. Karlweis
Aufführung im Lessing-Theater, Berlin

Während der furchtbaren Langeweile, die dieses «Volksstück» drei Stunden lang verursacht, taucht immer wieder der Gedanke auf: Da hat einer ein Raimund werden wollen und hat es nicht einmal bis zur Birch-Pfeiffer und zu O.F.Berg gebracht. Etwas, das in seiner Sentimentalität und plumpen Possenhaftigkeit gleich aufdringlich und gleich nichtssagend ist, wird man innerhalb des dramatischen Genres, dem dieses Stück angehören will, nicht leicht finden können. Ein widerwärtiger Kerl mit allen Instinkten, die die Gemeinheit und Niedrigkeit zeitigt, quält seine ganze Um: gebung, weil er nur das eigene Ich zu lieben vermag. Er malträtiert sein Weib, er verurteilt seinen Sohn zur Faulenzerei, obgleich dieser in der Fabrik des Vaters als selbständiger Mitarbeiter gern tätig sein möchte. Denn der alte Egoist will das «Peitscherl» nicht weggeben, solange er noch einen Atemzug tun kann. Er versagt seine Zustimmung, als seine Tochter dem Mann ihrer Liebe die Hand reichen will, weil es seiner gemeinen Gesinnung besser entspricht, sie an einen andern zu verkuppeln; und als ein guter Freund in Not und Elend kommt, ist von dem Ich-Liebhaber nicht ein Heller herauszubringen. Dies der erste Akt. Ihm geht ein Vorspiel voraus, das einen Streit der Fee Humanitas mit der Wiener Fee darstellt. Symbolisch soll angedeutet werden, wie das «gute Wiener Herz» von aller Humanität verlassen, auf den Weg des Eigennutzes und der Lieblosigkeit geführt werden kann. Aber der Wiener muß doch sein goldenes Herz wieder entdecken. Zu dieser Entdeckungsreise verbindet sich «Gott Morpheus» mit der Humanitas und der Wiener Fee und läßt — im zweiten Akt — den bösen Egoisten in einen schlimmen Traum verfallen, der dem Träumer zeigt, wohin sein harter Sinn ihn führen wird, wenn Gott ihn strafen und zum armen Mann machen will. Und als sich der Vorhang zum dritten Akte wieder hebt, da ist der Egoist geheilt: mit possenhafter Behendigkeit hat der «Dichter» den Sünder zum besten Vater, zum Menschenfreund und zum musterhaften Gatten gemacht.

Das alles spielt sich mit unsäglicher Plumpheit ab. Karlweis will naiv wie Raimund sein; er ist aber nur kindisch. Auch nicht ein Hauch von jenem Geiste ist in dem Stücke wahrnehmbar, durch den uns Raimund sogleich gewinnt, wenn sich der Vorhang hebt und seine Zaubermärchen vor unseren Augen spielen.

Die Rolle des alten Egoisten, den Florian Heindl, spielte Herr Bonn. Er hat alles getan, um die Figur noch widerwärtiger zu machen, als sie durch den Dichter geworden ist. Fräulein Groß, die im Vorspiel die Wiener Fee, im Drama die Verlobte des jungen Heindl zu spielen hat, war in beiden Rollen nur eine «fesche Wienerin», ohne irgendein weiteres Interesse erregen zu können. Carl Waldow allein bot eine nennenswerte Leistung als Hausknecht bei Heindl.

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