«Die drei Reiherfedern»

Märchenspiel von Hermann Sudermann
Aufführung im Deutschen Theater, Berlin

«Ich hebe mein Haupt kühn empor zu dem drohenden Felsengebirge und zu dem tobenden Wassersturz und zu den krachenden, in einem Feuermeer schwimmenden Wolken und sage: ich bin ewig und trotze eurer Macht! Brecht alle herab auf mich, und du Erde und du Himmel, vermischt euch in wildem Tumulte, und ihr Elemente alle, — schäumet und tobet und zerreiber im wilden Kampfe das letzte Sonnenstäubchen des Körpers, den ich mein nenne: — mein Wille allein mit seinem festen Plane soll kühn und kalt über den Trümmern des Weltalls schweben; denn ich habe meine Bestimmung ergriffen, und die ist dauernder als ihr; sie ist ewig, und ich bin ewig wie sie.» Diese Sätze sprach Fichte in einer Rede aus, die von den höchsten Zielen des menschlichen Geistes handelte. Wer sie kennt, dem können sie in der Erinnesung aufsteigen, wenn er Sudermanns neueste dramatische Dichtung «Die drei Reiherfedern» kennenlernt. Denn die Tragödie des Menschen, den ein unseliges Geschick so weit als möglich abtreibt von dem stolzen Bewußtsein, das sich in diesen Sätzen ausspricht, wirkt in dem gedankenvollen Drama auf uns ein, und zwar in der erschütternden Weise, die wir immer dann verspüren, wenn mit den packenden Mitteln des Dramatikers die größten Probleme des Lebens vor uns aufgerollt werden.

Eine Hamletnatur, nicht bloß vor das Problem gestellt, den verbrecherisch getöteten Vater zu rächen, sondern vor das größere: mit dem Leben selbst, in seiner ganzen Rätselhaftigkeit, fertigzuwerden: das ist Sudermanns Hauptgestalt, der Prinz Witte. Ihm ist durch Widwolfs ruchlose Tat das angestammte Erbgut seiner Väter, das Herzogtum Gorhland, geraubt. Mit allen Gaben scheint er gerüstet, zu erwerben, was er ererbt von seinen Vätern hat. Doch wie Hamlets Wille, so ist auch der seinige gelähmt. Das Schicksal selbst hindert ihn, sich die Freiheit und das Leben dadurch zu verdienen, daß er täglich sie erobern müßte. Der Grund zu seiner Tragödie ist, daß ihm dieses Schicksal ohne Kampf, ohne Streben das Glück an den Kopf wirft. Aber ein solches Glück kann dem Menschen nimmer frommen.

Zu einem Volke auf einer nördlichen Insel ist Prinz Witte gezogen, wo ein Reiher als göttliches Wesen verehrt wird. Von diesem hat er drei Federn erbeutet. Sie können ihm die drei Entwickelungsstufen desjenigen Glückes bringen, das allein dem Menschen geschenkt werden kann. Doch ein solches Glück könnte nur dem vergänglichen Leben angehören. Dem Leben, mit dem der Tod in unzertrennlichem Bunde einhergeht. Dem Leben, das uns verbittert wird, wenn wir an den Tod denken. Ja, dessen einziger, nichtiger Sinn eben der Tod ist. Dem Tod, der allein über ein solches vergängliches Lebensglück Aufschluß geben kann, hat Sudermann in der «Begräbnisfrau» einen symbolischen Ausdruck gegeben. Sie deutet des Prinzen Schicksal im Sinne der drei Reiherfedern. Wenn er die erste im Feuer verbrennen läßt, erscheint ihm das Weib, das ihn glücklich macht, als Nebelgestalt in den Wolken. Verbrennt er die zweite, wird sie traumwandelnd vor ihm stehen. Er wird sie in Händen halten und doch vergebens sie zu besitzen streben. Und wird endlich auch die dritte die Nahrung der Flamme, dann stirbt vor seinen Augen das Weib, das sein Glück bedeutet.

Wie der Wille, der in dem Prinzen selber gelähmt ist, steht dessen treuer Knecht Hans Lorbaß neben ihm. Der sucht ihn immer wieder aufzurichten. Der ist die Kraft und das Feuer auf Prinz Wittes Lebenswegen. In der ersten Szene des Dramas enthüllt er uns auch schon dessen ganzes Lebensschicksal:

«Denn in jedem großen Werke,
Das auf Erden wird vollbracht,
Hertschen soll allein die Stärke,
Herrschen soll allein, wer lacht,
Niemals herrschen soll der Kummer,
Nie wer zornig überschäumt,
Nie wer Weiber braucht zum Schlummer,
Und am mindesten, wer träumt,
Drum wie ich ihn schweiß und stähle
Dazu, was er werden kann,
Sitz ich fest in seiner Seele —
Ich, der Kämpfer — ich, der Mann.»

Den ihm vom Schicksal vorgezeichneten Lebensweg tritt Prinz Witte mit seinem Knechte Lorbaß an, den er nach Erbeutung der Reiherfedern wiedergefunden hat. Er geht an den Hof der Bernsteinkönigin von Samland, die Witwe ist und einen sechsjährigen Sohn hat. Sie will dem die Hand geben, der im Turnier den Sieg davonträgt. Widwolf, der Wittes Thron geraubt, trifft hier mit dem Beraubten zusammen. Zwar siegt Witte nicht, aber der treue Lorbaß tritt ihm zur Seite und vertreibt Widwolf und dessen Mannen. Dennoch schenkt die Königin Witte ihre Liebe. Sie ist das Weib voll Güte und Hingebung, das aber ihre Liebe verschenken muß. Sie kann nur den als Sieger ansehen, der ihr Herz erobert hat; und das ist Prinz Witte. Er wird König, trotzdem das Volk der Samlandkönigin schwere Gewissensskrupel empfindet, weil Witte doch keinen ehrlichen Sieg errungen — und trotzdem er sich nicht glücklich fühlt, weil er den Thron nicht für sich erhält und verteidigt, sondern für den jungen König aus seines Weibes erster Ehe. Das Schicksal aber, das über das Glück des vergänglichen Lebens entscheidet, hat dem Prinzen dies Weib als sein Glück zugeteilt. Er kann dieses Schicksal nicht verstehen. Fremd bleibt ihm das bescherte Weib, und seine Sehnsucht lechzt nach der vermeintlich Unbekannten, die ihm nachtwandelnd erscheinen soll, wenn er die zweite Reiherfeder verbrennt. Lorbaß sieht seinen Herrn allmählich hinwelken an der Seite der Königin. Er gibt ihm deshalb den Gedanken ein, die zweite Reiherfeder zu verbrennen. Und als diese zur Flamme wird, erscheint «nachtwandelnd» die Bernsteinkönigin, seine Frau. Auch jetzt kann er sie nicht als das ihm vom Schicksal zugewiesene Weib anerkennen. Als Störenfried vielmehr sieht er sie an. Sie habe, meint er, durch ihr Erscheinen die Unbekannte aus Eifersucht vertrieben, die beim Verbrennen der Reiherfeder hätte erscheinen müssen. In diesem Momente wirkt von der Bühne herab der tief ergreifende Geist dieses Dramas: Wir verstehen ein Glück nicht, das wir mühelos, wie durch einen Zauber, als Geschenk erhalten; nur das erworbene Glück können wir als das uns gebührende anerkennen. Diese allgemeine Wahrheit vermittelt uns Sudermann durch ein rein menschliches Motiv. Witte kann den Weg zum Herzen der Gattin nicht finden, weil der Sohn, der nicht die Marke seines Blutes trägt, dazwischensteht. Er gibt Lorbaß sogar einen Wink, diesen Sohn aus dem Wege zu schaffen. Denn der Räuber Widwolf erscheint zum zweiten Male, um nach der Königin zu begehren. Witte soll für sich und die Seinen kämpfen. Er glaubt dies so lange nicht zu können, als er nicht den eigenen, sondern des Stiefkindes Thron verteidigt. Als Lorbaß den Königsknaben in all seiner Vortrefflichkeit kennenlernt, kann er ihn nicht töten. Und auch Witte ist froh darüber, daß diesmal der treue Knecht die Treue gebrochen hat. Mit all der Kraft, die in ihm ist, stürzt er sich dem Feinde Widwolf entgegen und — erobert das Königreich nun wirklich, aber — um darauf zu verzichten und weiterzuziehen, das Weib zu suchen, das ihm durch die Feuerkraft der Reiherfedern bestimmt sein soll. Er findet es natürlich nicht, sondern kehrt nach fünfzehn Jahren zurück, um in Gegenwart der Bernsteinkönigin die dritte der Federn zu verbrennen. In diesem Augenblicke verfällt die ihm vom Schicksal Bestimmte dem Tode. Erst jetzt, da ihm das Glück entflieht, erkennt er, daß es für ihn bestimmt war. Er stirbt seinem Weibe nach. Der Tod, in Gestalt der Begräbnisfrau, hat keine Mühe gehabt, die beiden für sich einzuheimsen, denn es wurde ihm ein leichtes, ihnen ein vergängliches Glück zu geben, das sie beide nicht als das ihrige erkennen können. Er erhält das Glück als Geschenk und kann es nicht erkennen, weil er es nicht erobert; und sie verschenkt das Glück und kann desselben nicht froh werden, weil sie es wahllos hingegeben.

Es gibt in diesem Sudermannschen Drama keinen toten Punkt. Man sitzt da und wartet auf jeden kommenden Augenblick mit gespanntester Aufmerksamkeit. Immer der Hintergrund eines großen Gedankens und immer auf der Bühne ein fesselndes Bild. Man hat das Gefühl, daß sich ein ernster Mensch mit ernsten Menschen über eine wichtige Sache des Lebens verständigen will. Voller Dankbarkeit, ein Stück Lebensauffassung in einer Dichtung gesehen zu haben, verlassen wir das heute meist weltanschauungslose Theater.

Die Darstellung im Berliner Deutschen Theater war eine solche, daß man sie als eine dramatische Erscheinung ersten Ranges würdig bezeichnen darf. Kainz als Prinz Witte: man darf das höchste Lob spenden; Teresina Geßner war eine Bernsteinkönigin, die die Seele erbeben machte, und Nissens Lorbaß sollte so schnell wie möglich der deutschen Bühnengeschichte einverleibt werden. Das Deutsche Thater hat viel gutzumachen nach der gänzlich mißlungenen Cyrano-Aufführung; aber es versteht gutzumachen. Und nur wo starke Vorzüge vorhanden, macht man solche Fehler wie den an dieser Stelle schwer gerügten.

German original of “The Three Heron Feathers” · ← Previous · Next →