«Die Zeche»

Schauspiel in einem Aufzug von Ludwig Fulda

«EIN EHRENHANDEL»

Lustspiel in einem Aufzug von Ludwig Fulda</h3> «UNTER BLONDEN BESTIEN» «LIEBESTRÄUME»

Komödie in einem Aufzug von Max Dreyer

Komödie in einem Aufzug von Max Dreyer
Aufführung im Lessing-Theater, Berlin

Man gibt im Lessing-Theater diese vier Einakter in der Reihenfolge: Zeche, Unter blonden Bestien, Ehrenhandel, Liebesträume. Dadurch hat der Zuschauer Gelegenheit, eine gewisse Beobachtung zweimal hintereinander zu machen. Bei Fulda hat er den Eindruck eines in sich geschlossenen Bildes. Es ist alles da, was man wissen möchte. Der Dichter hat ein Gefühl davon, daß der Mensch ungeduldig wird, wenn man eine Sache vorbringt und ihm nicht zugleich alles sagt, was er braucht, wenn er die Sache verstehen will. Wenn nach jedem der beiden Fuldaschen Einakter der Vorhang niedergelassen wird, haben wir das Gefühl: wir wissen alles, was wir verlangen können, wenn die Sache, die wir da sehen, uns in befriedigender Weise einleuchten soll. Bei Dreyer ist das ganz anders. Es wird der Vorhang gehoben: wir haben das Gefühl der Verblüfftheit. Und aus diesem sind wir auch nicht wieder herausgekommen, wenn das Stück zu Ende ist. Wir haben ungefähr die Empfindung, wie wenn uns jemand aus einem größesen Bilde ein kleines Stück herausgeschnitten zeigte. Wenn wir nun auch der Ansicht sind, daß alles vortrefflich ist, was wir auf dem herausgeschnittenen Stücke sehen: wir werden doch ungeduldig, weil wir wissen, daß zu dem Dinge etwas gehört, was wir nicht kennen. Ein Einakter von Dreyer wirkt wie eine Szene aus einem größeren Drama, nicht aber wie ein kleines Kunstwerk für sich.

Fulda stellt in der «Zeche» einen Vorgang dar, der sich in weniger als in einer Stunde abspielen kann. Wir haben einen Edelmann vor uns, der in einem Badeort Heilung für seinen durch eine etwas flotte Lebensweise heruntergekommenen Organismus sucht. In diesem Badeorte trifft er mit dem Weibe zusammen, dem er vor mehr als dreißig Jahren die Liebe von derjenigen Ewigkeit geschworen hat, die dann endet, wenn die Verwandten des Liebhabers die Verführte aus dem Hause werfen. Das Weib ist durch einen Zufall nicht zugrundegegangen. Die Frucht der Liebe, an die sie geglaubt, mit der aber der Edelmann nur gespielt hat, ist ein treuer Sohn geworden, der der Mutter alles ersetzt, was das Leben ihr geraubt hat. Und dieser Sohn ist der Badearzt des Ortes, in dem sich der Held unseres Stückes wieder geeignet machen will, sein lockeres Leben fortzusetzen. Der Mann trifft also mit dem eigenen Sohn und dessen Mutter zusammen. Der Augenblick erhält Gewalt über ihn. Er möchte die einst Verführte heiraten und den Sohn anerkennen. Er erhält dafür die rechte Antwort. Das Leben dreier Personen, das sich in den Vorgängen einer halben Stunde als Wiederholung im kleinen abspielt, tritt vor uns hin. So muß ein Einakter sein.

Dreyer läßt eine norddeutsche Gutsbesitzerin vor uns auftreten, die einen Violinvirtuosen auf dem Klavier begleitet. Der Mann der Gutsbesitzerin ist auf der Jagd. Der Virtuose möchte, daß dieser Mann nicht nach Hause käme. Er bestürmt die Frau mit Liebesanträgen. Die Frau verlangt, daß er alles, was er ihr unter vier Augen gesagt hat, auch vor ihrem Manne wiederhole. Sonst wolle sie diesem selbst alles sagen. Der Mann kommt — der Virtuose macht sich aus dem Staube. Um für dergleichen Interesse zu haben, müßten wir über die Personen allerlei erfahren, was uns Dreyer vorenthält. Eine Szene, aber keinen Einakter haben wir vor uns. Wenn der Vorhang fällt, sind wir im Grunde so klug wie vorher. Es war kein besonders glücklicher Gedanke, Fulda mit Dreyer abwechseln zu lassen. Denn wenn man Dreyer sah, mußte man immer an Fulda zurückdenken, weil man sozusagen einen Beweis durch das Gegenstück für die künstlerische Abrundung bei Fulda bekam.

Im «Ehrenhandel» küßt auf einem Balle ein Regierungsrat die Frau eines Majors und wird von diesem überrascht. Ein Duell wäre unvermeidlich, wenn es auf Wirklichkeit ankäme. Doch kommt es darauf eben nicht an. Sondern darauf, daß der Dramatiker an Stelle der Wirklichkeit einen guten Einfall in äußerst graziöser Weise setzt. Die Frau des Regierungsrates läßt sich einfach von dem Major wiederküssen, und zwar unter charmanten Begleitvorgängen, die uns lieber sind als die Vorbereitungen zu einem Duell und das Hereintragen eines mehr oder weniger leicht Verwundeten.

Dreyers «Liebesträume» muten dem Sinne des Wirklichkeitsfanatikers nicht weniger zu. Aber sie entschädigen dafür um so weniger durch einen künstlerischen Witz. Ein etwas täppischer Draufgänger hält um die Hand einer mit ihm verwandten Gutsbesitzerin an, eines robusten Frauenzimmers, das sich aus einem «Elefantenküken» allmählich zu einer derben Agrarierin mit recht handfesten Idealen entwickelt hat. Eins von diesen Idealen ist eine «Fettsau», die sie auf ich weiß nicht wieviel hundert Zentner gebracht hat. Den Heiratsantrag ihres Verwandten will sie noch ein wenig «beschlafen». Der Vetter aber füllt die Wartezeit damit aus, daß er ein kleines Mädchen im Mondenschein und ein Stubenmädchen, wo er es eben treffen kann, abküßt. Als die erkorene Gutsbesitzerin die polygamen Neigungen ihres Bräutigams, noch bevor sie sich die Sache beschläft, gewahr wird, haut sie ihn mit der Peitsche durch. Es geht ihm wie manchem Pudel. Er weiß gar nicht einmal, warum er die Prügel bekommt. Denn die fettschweinzüchtende Dame haut zu, ohne ein Wort zu sagen. Und mit den Prügeln ist auch das Stück zu Ende.

Es besteht ein genaues Verhältnis: wie die Lippen der schönen Majorin zur Reitpeitsche der Frau Gutsbesitzerin verhält sich der «Ehrenhandel» zu den «Liebesträumen».

Die Darstellung war recht gut. Adolf Klein als abgelebter Freiherr in der «Zeche» und Rosa Bertens als ehemalige Geliebte holten ebenso die Reize dieses Stückes heraus wie Schönfeld als Regierungsrat diejenigen des «Ehrenhandels».

Ferdinand Bonn als Violinvirtuose und Elise Sauer als Gutsbesitzerin (sowohl in «Unter blonden Bestien» wie in den «Liebesträumen») konnten aus Steinen, die eben keine Feuersteine sind, auch keine Feuer des Witzes schlagen.

German original of “Die Zeche” · ← Previous · Next →