Aristophanes
Aufführung des «Vereins für historisch-moderne Festspiele» im Neuen Theater, Berlin
Zwei Aristophanische Komödien hat der Verein von Künstlern und Literaten, der jetzt in Berlin «historisch-moderne Festspiele» veranstaltet, auf die Bühne gebracht. Die «Vögel» und den «Weiberstaat». Die «Vögel» werden für die geistreichste Leistung des griechischen Spötters gehalten; zugleich aber auch für diejenige, die am schwersten zu deuten ist. Der Dichter spricht hier kühner als sonst irgendwo von dem Verhältnis der Menschen zu den Göttern. Und das erzeugt in den Köpfen der Deuter und Ausleger immer ganz sonderbare Geistesblasen. Insbesondere dann, wenn es sich um einen Dichter handelt, dessen Größe wegen des berühmten Asyls für Urteilslose, genannt «consensus gentium» — Übereinstimmung aller —, nicht abzuweisen ist. Da möchte denn jeder auch anerkennen. Und deshalb legt er in eine solche anerkannte Größe alles das hinein, was, nach seiner Meinung, Anerkennung verdient. Eine böse Geschichte ist deswegen dem Schreiber des «offiziellen Theaterzettels» der «Historisch-Modernen» passiert. Dieser Schreiber ist nämlich einer der vielen Nietzsche-Anhänger. Also schrieb er über den Inhalt der «Vögel»: «Zwei Menschen haben sich aus Athen und dem verworrenen Getriebe des Lebens geflüchtet, geraten in einsamer Gegend unter die Vogelwelt und begründen mit dieser einen Zwischenstaat, das sogenannte «Wolkenkuckucksheim>, welcher den Zweck hat, den Verkehr zwischen Menschen und Göttern durch eine Art von Handelssperre zu hintertreiben. In humorvoller Weise wird die ganze alte Götterwelt und in ihr alle abergläubischen Religionssysteme verspottet, indem eine Vogelmythologie an ihre Stelle tritt. Die Götter werden ausgehungert; und zuletzt trier das Menschengeschlecht in seinem Vertreter die Weltherrschaft an, nachdem die Götter abgesetzt sind. Die «Blitze des Zeus» hält jetzt der Mensch selbst in der Hand, ganz im Sinne des Satzes von Friedrich Nietzsche: «Tot sind alle Götter, nun wollen wir, daß der Übermensch lebe»» — Der komische Herr, der diese Zeilen geschrieben hat, scheint nicht den geringsten Sinn für Humor zu haben, denn er nimmt den Menschen, der am Schluß der Aristophanischen Dichtung mit den «Blitzen des Zeus» auftritt, ernsthaft. Aus dem Geiste des Aristophanes heraus kann aber dieser «Übermensch» nicht anders aufgefaßt werden wie der Frosch, der sich aufblasen will, bis er so groß wie ein Ochse ist. Ein Bild unwiderstehlicher Komik soll dieser Mensch sein, unglaublich lächerlich dadurch, daß er, der Knirps, mit den Attributen des großen Gottes vor uns steht. Ein Zwerg, der mit Aufwendung aller seiner Kräfte strebt, ein Riese zu werden, kann ein tragischer Held sein; ein Zwerg, der sich hinstellt und sagt: «Siehe da: ich bin ein Riese», ist eben lächerlich. Und Aristophanes wollte wohl nur den kleinen Menschen zeichnen, der sich hinstellt und meint, ein Gott zu sein.
Sehen wir uns daraufhin die Komödie einmal an. Zwei unzufriedene Athener, Ratefreund und Hoffegut, wandern aus ihrer Stadt aus. Es ist ihnen in dieser allmählich erwas ungemütlich geworden. Wenn man an die Zeit denkt, in der die «Vögel» spielen, erscheint das begreiflich. Es war die Zeit, in der die Bürger dieser Stadt unausgesetzt belästigt wurden durch Leute, die einen feinen Geruch hatten für alles «Staatsgefährliche». Alkibiades wirkte damals. Ein fähiger, aber ehrgeiziger Mann. Er wollte Athens Macht durch große Eroberungen in Sizilien vermehren. Es gab Gegner dieses Unternehmens. Die Bewohner der Stadt waren in zwei Lager geschieden. Gegenseitige Befehdung der Parteien führte zu einem wirklich ungemütlichen Zustand. Da mag es Leute genug gegeben haben, die so nach Art des Ratefreund und Hoffegut gedacht haben, in der Fremde eine bequemere Lebensweise führen zu können. Es wird wohl in Athen Gesellen gegeben haben, die sich das Heil in der Fremde in den rosigsten Farben ausmalten. Sie waren das rechte Fressen für einen Aristophanes; Naturen wie er durchschauen die Menschen. Er ist nicht geneigt, zu glauben, daß die Menschen an einem Orte besser sind als an dem andern. Die Torheit seiner Mitbürger wirkt mit einem unwiderstehlichen Zauber auf ihn. Er fühlt sich zu schwach dazu, die Toren zu bessern; aber er fühlt sich um so stärker, sie zu verspotten. Und so mag er sich denn gesagt haben: Toren seid ihr in eurer Vaterstadt, weil ihr euch das Leben verleidet. Aber da ihr einmal Toren seid, werdet ihr es in der Fremde nicht besser machen. Und da wollte er denn zwei Auswanderer einmal etwas recht Dummes machen lassen. Über alles Bestehende zu schimpfen ist ja die Weltklugheit der Toren; warum sollen Ratefreund und Hoffegut nicht darauf kommen, die Götter anzuklagen, weil sie die Welt so schlecht eingerichtet haben, daß es Ratefreund und Hoffegut in ihr ungemüclich ist. Moderne Unzufriedenheit ist etwas zahmer. Die verlangt bloß eine andere Staatsform. Antike Unzufriedene wollen gleich andere Götter. Ratefreund und Hoffegut gelangen in das Reich der Vögel und wollen diese zu Göttern machen. Und nun spinnt Aristophanes diesen Gedanken aus. Als rechter Schalk schildert er die Verhältnisse in dem neu entstehenden VogelGötter-Reich, genannt «Wolkenkuckucksheim». Alles, was er gegen menschliche Torheit auf dem Herzen hat, ladet er ab. Und zuletzt stellt er auch noch den ungleichen Kampf in seiner ganzen Komik dar, der entsteht zwischen dem Vogel-Menschen-Reich und den Göttern. Der Mensch holt sich sogar die Basileia (die Herrschaft) aus dem Götterreich und hält in seiner Hand die Blitze des Zeus.
Dieser Mensch hat aber die Götter nur in seiner Einbildung von ihrem Throne gestoßen.
Das Geheimnis der Komik liegt darin, daß ein vollständiger Widerspruch als wirklich vor uns auftritt. Für Aristophanes ist es ein solcher Widerspruch, daß der kleine, schwache Mensch gegen die Götter sich auflehnt. Deshalb läßt er ihn mit den Attributen der Göttermacht erscheinen. Lachen soll man über den Knirps, der sich als Gott erscheint.
Nach demselben Rezept ist der «Weiberstaat» gearbeitet. Die Frauen verkleiden sich als Männer und beschließen in der Volksversammlung, daß ihnen die Herrschaft über den Staat in die Hände fallen solle. Alle Ideale des menschlichen Zusammenlebens, von der Gütergemeinschaft bis zur freien Liebe, wollen sie verwirklichen. Dadurch, daß uns dieses Ideal als wirklich vorgeführt wird, soll es sich selbst lächerlich machen.
Von allen Menschen ist der Humorist vielleicht am schwersten zu verstehen. Wir wissen, daß auf der Seele des wahrhaft großen Humoristen ein tiefer Ernst liegt. Er kann diesem Ernst aber keinen rechten Ausdruck geben. Was seine Sehnsucht ahnt, das kann der Humorist nicht gestalten. Aber alles, was er sieht, erscheint als Spott gegenüber diesem Ernst. Und den Spott gibt er uns. Den Ernst behält er für sich. So geht es uns mit Aristophanes. Daß hinter allem seinem Gespötte eine ernste Weltanschauung liegt, das empfinden wir. Wir glauben es ihm, daß ihm diese Weltanschauung das Recht gab, den Sokrates zu verspotten. Aber welches diese Weltanschauung ist, wissen wir nicht. Wir fragen uns vergebens, wie Aristophanes über die alten Götter dachte. Wollte er sie wiederherstellen oder träumte er von einer neuen Weltanschauung?
Wir dürfen nicht vergessen, daß die Sophisten fast Zeitgenossen des Aristophanes waren. Und auch über die Sophisten wissen wir nicht recht Bescheid. Wollten sie die Zeitgenossen lächerlich machen, weil diese von der alten guten Kultur abgefallen waren, oder dämmerte in der Seele dieser Spötter eine neue Kultur?
Weil wir aber selber so gerne unseren Ernst bei uns behalten, so genießen wir die Spötter so gerne. Wenn wir nur ahnen, daß es ihnen mit der Welt so ernst ist wie uns, dann lachen wir mit ihnen herzhaft und sind ganz froh, daß sie uns etwas zum Lachen vorsetzen.
Es gibt wenig so starke Beweise für die menschliche Kraft wie das Lachen. Wir fühlen immer eine gewisse Erhabenheit über das, worüber wir lachen können. Wer sich ereifert über die Schwächen seiner Mitmenschen, der ist ein Unfreier, denn er leidet unter diesen Schwächen. Wem aber diese Schwächen als Torheiten erscheinen, der lacht und ist deswegen ein Freier. Er leidet nicht mehr. Und als ein Lachender erscheint uns Aristophanes. Mehr als ein anderer hat er zur Überwindung der alten Weltanschauung getan. Er zeigte, wozu sie geworden ist — und man konnte über sie lachen.
Daß sie uns an dieses große Lachen erinnert haben, das sei den Unternehmern der «historisch-modernen Festspiele» nicht vergessen.