«Die guten Freundinnen» (Mon Enfant)

Lustspiel in drei Akten von A. Janvier de la Motte
Aufführung im Lessing-Theater, Berlin

Für Lustspiele dieser Art gehört ein entsagungsvolles Publikum. Es soll nicht davon gesprochen werden, daß dies Publikum jeder Art von Kunst entsagen muß, ja allem, was auch nur im entferntesten an Kunst erinnert. Denn wollte man davon sprechen, müßte man den Punkt berühren, der vielen unserer Theaterdirektoren die Schamröte ins Gesicht treibt wie einer zarten Jungfrau, wenn das Gespräch auf gewisse sehr natürliche Dinge des Lebens kommt. Die Direktoren müssen doch schließlich volle Häuser haben. Und von der Kunst wird zwar behauptet, daß sie ein Bedürfnis jedes menschenwürdigen Daseins ist; aber daraus darf nicht gefolgert werden, daß sie auch ein Bedürfnis jedes theaterdirektorialen Daseins ist. Auch die Theaterkasse gehört unter die notwendigen Requisiten eines Schauspielhauses. — Deswegen, von Kunst kein Wort! Aber dann müßte man doch, statt der Kunst, irgend etwas anderes abkriegen. Es könnte zum Beispiel möglich sein, daß man sich beim Ansehen eines «Lustspiels» unterhält. «Die guten Freundinnen» fordern auch in dieser Hinsicht volle Entsagung. Was die Veranlassung dazu gewesen ist, sie aus dem Nachbarlande zu importieren, dürfte eines der vielen ungelösten Rätsel deutscher Theaterpolitik bleiben.

Der Schriftsteller Latour ist ein Trottel. Er schreibt Stücke, die er seinen «guten Freundinnen» zum Korrigieren gibt. Diese Frauen sind alberne Gänse, im übrigen Sterne der «Gesellschaft». Den schriftstellernden Trottel zu hegen und zu pflegen, ihm ihre Protektion angedeihen zu lassen, macht ihnen das Leben lebenswert. Namentlich die eine, eine Bankiersfrau, sieht ihre Bestimmung darin, die schützende Hand über den geliebten Helden der Feder zu breiten. Durch ihren Einfluß wird er Mitglied der Akademie. Als der Schützling ein Mädchen heiratet, das auf dem Gebiete der Literatur die Werke über die Kochkunst zu seinen Lieblingen gemacht hat, will die Freundin Latours ihrer Fürsorge durchaus nicht ein Ziel setzen. Wie eine Mutter will sie weiter für den Dichter sorgen. Der unliterarischen Frau macht das aber wenig Freude. Das einzig Angemessene scheint ihr, die Bankiersfrau und Muse aus dem Hause zu ekeln. Das verlangt sie ganz energisch von dem Gatten. Dem bietet sich dazu eine günstige Gelegenheit. Der Mann der Bankiersfrau — gleich den meisten Personen dieses Stückes ein Trottel — hat ein uneheliches Kind. Der Vater möchte gerne, daß seine Frau dieses Kind adoptiere. Sie würde es nie tun, wenn sie wüßte, daß es von dem Gatten stammt. Aber wie, wenn ihr eingeredet würde, der geliebte Dichter sei der Vater? Das gelingt. Sie nimmt den vermeintlichen Sprößling statt des Vaters in ihre Pflege und überläßt den Musensohn seiner Frau, welche die Kochbücher liest.

Diese Handlung könnte amüsant sein, wenn die Menschen, zwischen denen sie sich abspielt, nicht zu läppisch wären. Oder sie könnte, bei bescheideneren Ansprüchen, auch amüsant sein, wenn die reichliche Sauce von Witzen, in der das Zeug gekocht ist, den geringsten Anlaß zum Lachen böte. Unser Lustspieldichter hält offenbar die Banalität für eine notwendige Eigenschaft eines guten Witzes. Und vom Theaterpublikum hat er eine sehr schlechte Meinung.

Die Darsteller bemühten sich redlich, über die Gefahren, die ihnen in jedem Augenblicke drohten, hinwegzukommen. Sie wollten den Schwankstil, den das alberne Ding vielleicht am ehesten verträgt, vermeiden; konnten aber den Lustspielton doch nicht festhalten, weil jedes Wort, jeder Vorgang von ihm abführt. Rosa Bertens und Jarno so herumpendeln zu sehen zwischen zwei Stilen, war noch das einzige Amüsante dieses Abends.

German original of “The Good Friends” (Mon Enfant) · ← Previous · Next →