«Pelleas und Melisande»
Drama von Maurice Maeterlinck
Aufführung des « Akademisch-literarischen Vereins» im Neuen Theater, Berlin
Es ist Maeterlincks Glaube, daß wir von einem Menschen das denkbar wenigste kennen, wenn wir nur Ohren haben für das, was er spricht, und Augen für das, was er tut, und nicht auch den lebendigen Sinn dafür, was auf dem Grunde seiner Seele vorgeht und das nie in Worten oder Taten einen Ausdruck finden kann. Auf der Seele des Bettlers, dem ich auf der Straße ein Almosen gebe, kann eine Weisheit ruhen, die größer ist als diejenige, welche Plato oder Fichte mit beredten Worten ausgesprochen haben; und in der alltäglichsten Handlung, die sich zwischen zwei Menschen abspielt, kann das große gigantische Schicksal eine Tragödie dem äußeren Sinne verbergen, die gewaltiger ist als diejenige, welche sich in Shakespeares «Othello» ereignet. Ein Großes, vielleicht Welterschütterndes in dem Kleinsten, scheinbar Unbedeutendsten zu sehen, ist eine hervorstechende Eigenschaft in Maeterlincks geistiger Anlage. Er ist kein Liebhaber der Deutlichkeit in Worten und Taten. Alles, was mit starken Farben aufgetragen wird, ist ihm zuwider. Denn für ihn spricht das Undeutliche, jede leise Andeutung, jeder Ton des Alltags schon eine deutliche Sprache. Und weil er in den Tönen des lallenden Kindes eine Weltweisheit vernimmt, so schreckt er zurück vor den deutlichen Reden der Philosophen. Man braucht nicht mit der ganzen Hand zuzufassen, wenn eine leise Berührung mit den Fingerspitzen genügt. Mit Fingerspitzen berührt Maeterlinck, der Dramatiker, die Dinge, wie sie auch Maeterlinck, der Weltbetrachter, berührt. Er gibt ein paar Züge aus dem Leben der Menschen, von denen uns andere Dramatiker die geringfügigsten Kleinigkeiten erzählen würden.
In dem Drama «Pelleas und Melisande» huschen Vorgänge an uns vorüber, deren geschichtlicher Zusammenhang völlig in einem Dunkel bleibt. Nach Ort und Zeit dieser Vorgänge würden wir vergeblich fragen. Melisande wird von Golaud in einsamer Gegend gefunden und als Gattin in das Schloß seines Großvaters, des Königs Arkel, gebracht. Wer ist Melisande? Woher kommt sie? Wo liegt das Schloß, in dem Arkel regiert? So möchte wohl derjenige fragen, dem es wichtig scheint, die äußeren Sinne zu befriedigen. Maeterlinck scheint das nicht wichtig. Ihm genügt es, aus der sonst gleichgültigen Menge der äußeren Vorgänge ein paar herauszuheben, die uns offenbaren, in welchen Verhältnissen die Seelen der Menschen stehen, mit denen wir es zu tun haben. Der ganze Hof des Königs Arkel von Allemonde mit allem, was zu einem König und zu einem Hof gehört, ist gegenüber dem eine gleichgültige Sache, was das Schicksal mit ein paar Menschenseelen vorhat. Und das Schicksal schreitet leise, ganz leise, aber um so bedeutungsvoller durch die Hallen des einsamen Schlosses und durch die mystisch zauberische Landschaft, in der dies Schloß liegt.
Als lastendes Unglück schreitet das Schicksal durch diese Räume. Und in Ergebung nehmen die Menschen hin, was es ihnen gibt. Sie handeln nicht; sie lassen die unbekannten Mächte walten. Alt ist der König Arkel. Ein entsagender Mensch ist er durch das Leben geworden. Das Glück kennt er nicht. Die Jahre sind das einzige, das für ihn reif geworden ist. Von einem Kranken hören wir, dem Vater des Golaud und seines Bruders Pelleas; nichts weiter als die geistige Krankenstubenluft, die auf den Seelen lastet, spüren wir. Der Kranke bleibt im Hintergrunde. Golaud war schon einmal verheiratet. Ein Kind aus dieser Ehe ist vorhanden. Auch über diese erste Ehe Golauds hören wir nichts. War sie glücklich, war sie unglücklich? Wie hat sie auf das Gemüt Golauds gewirkt? Wir erkennen nur, daß in der Dumpfheit dieses Schlosses allein eine Seelen-Winterstimmung gedeihen kann. Und von dieser Stimmung ist auch Golauds Seele erfüllt. An seiner Seite muß die Seele Melisandes verkümmern wie eine Blume, die die Sonne braucht, und die in einen feuchten Keller versetzt wird. Um so mehr hat diesem Sonnenkinde Golauds Bruder Pelleas zu sagen. Zwischen ihnen tritt jene tiefe Seelengemeinschaft auf, die sich nicht durch die gewöhnlichen Liebesworte ausspricht, die noch weniger zu den alltäglichen Handlungen liebender Menschen führt. Wer nur auf die groben Ereignisse der Liebe achtet, kann in Pelleas’ und Melisandes Liebe nichts als kindliches Spiel sehen. Aber gerade ein Kind, Golauds Sohn, ist es, das hinter dem Spiel den geheimnisvollen Ernst sieht, und das Golaud gegenüber zum Verräter wird. Golaud tötet Pelleas und verwundet Melisande, weil es «Brauch ist», daß man aus Eifersucht tötet. Und Melisande welkt hin und stirbt, die Sommerblume in der Winterlandschaft. Die grobe Psychologie liegt Maeterlinck ferne, die sich nur um Seelenvorgänge mit kräftigen äußeren Wirkungen kümmert. Was der innere Sinn empfindet, ist ihm unendlich wertvoller als die Wahrnehmungen der äußeren Sinne. Und weil er doch als Dramatiker nur zu den äußeren Sinnen sprechen kann, so gibt er diesen so wenig wie möglich zum Wahrnehmen. Vorgänge von der größten Einfachheit und Unbestimmtheit sollen dem inneren Sinn die Möglichkeit bieten, durch sie hindurch auf die unsichtbaren, aber darum nicht minder wahrnehmbaren Seelentragödien zu sehen. Unsere Schauspielkunst ist nicht sonderlich geeignet, Maeterlincks Geist auf der Bühne zur Geltung zu bringen. Unsere Künstler übersetzen die innere Leidenschaft in eine äußere. Und die heutige Vorstellung hat in der Kunst dieses Übersetzens Unvergleichliches geleistet. Vilma von Mayburg als Melisande, Adalbert Matkowsky als Golaud haben alles, was an Maeterlinck äußerlicher Vorgang ist, charakteristisch dargestellt; die Aufschließung des inneren Sinnes ist ihnen weniger gelungen. Aber der Charakter der Dichtung ist doch ein zu scharf ausgeprägter, als daß er in der Form der Schauspielweise hätte völlig zugrunde gehen können.
Maximilian Harden wollte die Vorstellung durch eine Conference einleiten. Äußere Verhältnisse machten es notwendig, daß er erst nach der Vorstellung vorbringen konnte, was er zu sagen hatte. Er hat manches gute Wort gesprochen. Mich erinnerte er heute in vielen Augenblicken an die Zeit, in der ich mir von seinen großen Fähigkeiten das Allerbeste für seine Zukunft als Schriftsteller versprach. Seine Anlagen schienen ihn zu einem Autor machen zu können, der aus einem starken Temperament heraus den Zeiterscheinungen ein Spiegelbild entgegenhält, das den Zauber persönlicher Größe ausübt. Die Publizistik, die sich für ihn mit einem das individuelle Empfinden störenden Bismarckkultus und mit einem absonderlichen daraus folgenden Kultus der Masseninstinkte verband, hat ihn heruntergebracht. Seine Urteilsformen sind heute unter diesen Einflüssen zu grob geworden, um solch feine Geister wie Maeterlinck zu charakterisieren. Aber man merkt noch immer etwas in ihm von seinen besseren Anlagen. Er hat im Grunde doch kein inneres Verhältnis zu dem groben Netz von Begriffen, das ihm seine publizistische Tätigkeit aufgedrängt hat. Und um sich in demselben doch zu behaupten, muß er zur Pose greifen. Er hätte sie nicht nötig. Er ist stark genug, sich selbst zu geben. Ein Universitätsprofessor bezichtigt Harden der Infamie, Dieser führt Angreifer - wenigstens für jeden Unbefangenen — so ab, daß der erst so tapfer auftretende Jugendbildner in einem komischen und noch in einem — andern Lichte erscheint. Mancher Publizist, dem es besser gelungen ist, etwas bittere Dinge hinter den Kulissen zu verbergen, hat sich heute an dem Aufrechtstehenden überzeugen können, daß geistige Fähigkeiten denn doch kein wertloses Gut sind.