«Unser Käthchen»
Lustspiel von Theodor Herzl
Aufführung im Deutschen Volkstheater, Wien
Von Dr. Theodor Herzl, dem geistvollen Feuilletonisten, der seit neuerer Zeit seine zierlichen Gedanken-Arabesken um schwere und weittragende Probleme zieht, ist jüngst im Deutschen Volkstheater ein Stück aufgeführt worden, in dem die beiden Seiten seiner schriftstellerischen Natur in ihrer ganzen eklatanten Inkongruenz ziemlich peinlich zusammenstoßen. Das Stück heißt «Unser Käthchen» und nennt sich Lustspiel. Aber seine Heiterkeit liegt ausschließlich in vereinzelten Wortspielen des Dialoges und einigen konventionellen Bühnensituationen, die mit dem eigentlichen Inhalt nichts zu tun haben. Der Grundzug des Stükkes ist ein durchaus satirischer. Es soll eine gewisse Art bürgerlicher Ehen verspottet werden, die auf Schwäche und Dummheit des Mannes, auf Herrschsucht, Eitelkeit und Verlogenheit der Frau einen trügerischen Frieden aufbauen. Die Frau weiß nichts von den Leiden und Sorgen des Mannes, sie kümmert sich nicht um ihn und sucht ihr Glück, wo sie es findet. Einem solchen illegitimen Glück entstammt das Käthchen, die zweite Tochter einer Frau, in der der Autor eben den Frauentypus darstellen will, gegen den sich seine Komödie wendet. Der Vater ist nach einem langen Aufenthalt in Australien, wohin er, von seiner eigenen Sünde und der seiner Frau angeekelt, geflohen ist, zurückgekommen und will nun einen Teil seines Vermögens seinem Kinde zuwenden. Dadurch wird ein junger Advokat, der diese Schenkung möglichst unauffällig ins Werk setzen soll, in die Familie gezogen, verliebt sich in Käthchen und heiratet sie, trotz der abschreckenden Beispiele, die er in den Ehen der Mutter und der Schwester Käthchens sieht. — Das ist die ganze Handlung. Sie hat, wie man sieht, nicht ein einziges dramatisches Moment, und die szenische Durchführung bestärkt womöglich noch diesen Mangel. Die breite und stellenweise sehr banale Schilderung des Familienlebens dieser gehörnten und Pantoffelhelden schiebt sich unverändert, zähflüssig von Akt zu Akt. Gegen Schluß versucht der Autor eine deutliche Zuspitzung der gewollten Tendenz, indem er den sittenlosen Bürgersleuten ein paar ehrenfeste Arbeiter, die zu dem Zweck eigens von der Straße hereingeholt werden, entgegenstellt. Aber auch dieser höchst unwahre und verbrauchte Kontrast wirkt eher störend als fördernd. Das Stück machte bei seiner Erstaufführung sehr viel Lärm, da persönliche Anhänger und Gegner des Autors ihren Parteistandpunkt mit Gewalt durchzusetzen versuchten. Ernstlich gefallen hat das Stück wohl niemandem. Die Darstellung war tüchtig; gegeben hat sie dem Stücke nichts, freilich auch nichts genommen. Fräulein Retty löste ihre Aufgabe, Mutter und Tochter darzustellen, mit Feinheit und Grazie.