«Pauline»
Komödie von Georg Hirschfeld
Aufführung im Deutschen Theater, Berlin
Pauline König ist das Kind einer egoistischen, innerhalb des Familienkreises herrschsüchtigen Mutter und eines gutmütigen, arbeitsamen, selbstlosen Vaters. Dieser Vater ist einer derjenigen Männer, denen die Ehe den letzten Rest der Lebensfreudigkeit genommen hat, die stille, duldende Naturen geworden sind, weil sie häuslichen Frieden wollen und den nur haben können, wenn sie sich den herrschsüchtigen Neigungen der erkorenen Gattin unterwerfen. Kinder solcher Eheleute nehmen in den ersten Jahen ihres Lebens schon Vorstellungen auf, die sie zu einer gewissen Lebensverachtung führen. Sie sehen im Elternhause, daß nicht jedem sein gebührend Teil im Leben zukommt und daß das Schicksal kein Herz hat für die Menschen. Es läßt die Guten verkümmern und bestraft nicht die Bösen. Daß man deshalb dem Leben mit Trotz begegnen müsse: das ist die Lehre, die den Kindern eines solchen Elternpaares aus ihren jugendlichen Eindrücken erwächst. Solche Kinder werden gute Leute, denn sie haben die Güte leidend gesehen — und man wird so sehr zu dem hingezogen, was man leidend sieht. Aber sie werden Leute, die das Leben nicht sonderlich schwer nehmen, weil sie seine Ungerechtigkeit früh kennengelernt haben. Zu diesen Leuten gehört Pauline König. Sie hat in ihrem Vater einen Menschen kennengelernt, der sich sein Leben nicht einzurichten versteht. Aber das echt Menschliche seines Wesens, eine gewisse innere Gediegenheit ist von ihm auf sie übergegangen. Dieser Vater ist auf einem Gute beschäftigt. Die gräfliche Herrschaft nützt zwar ihre Leute aus, und der Mann muß sich sein ganzes Leben hindurch schinden. Aber im übrigen sind diese Grafen nette Leute, und Pauline hat mit den Kindern der Herrschaft wie mit ihresgleichen gespielt. So ist sie herangewachsen. Mit siebzehn Jahren ist sie in die Stadt gegangen, um sich durchzubringen. Der Charakter der Mutter hat wohl am meisten dazu beigetragen, daß sie vom Hause weggekommen ist.
Diese Pauline König steht im Mittelpunkt des neuen Hirschfeldschen Dramas, das am 18. Februar zum ersten Male im Deutschen Theater aufgeführt worden ist. Sie ist bedienstet bei Sperlings. Walter Sperling ist Maler. Er führt mit seiner Frau — und seinem Kinde — ein echtes Bohemeleben. Es geht da ganz munter zu, man bleibt die Wohnungsmiete und wohl auch anderes schuldig, aber man hat das Herz auf dem rechten Flecke. Als zum Beispiel die Frau Sanitätsrat Suhr bei Sperlings vorspricht, um sich nach ihrem Dienstmädchen zu erkundigen, das früher im Hause des Malers gedient hat und bei dem sie einen Hang zur Unehrlichkeit bemerkt zu haben glaubt, erhält sie zur Antwort: nun, ehrlich war sie gerade nicht, aber sie hat uns «als Mensch» interessiert. So ist denn auch Pauline den Sperlings als Mensch interessant. Und sie ist auch dem Zuschauer des Dramas interessant. In ihrer Küche, dem Schauplatz des Stückes, gehen fünf Liebhaber aus und ein: ein Pferdebahnschaffner, ein Schneider, ein Paketbriefträger, ein Turnlehrer und ein Kunstschlosser. Die vier ersten «uzt» sie nur; daß sie es aber mit dem Kunstschlosser ernst meint, merken wir sogleich. Sie nimmt das Leben nicht allzuschwer; deshalb geht sie zuweilen mit jedem der Liebhaber ein bißchen weit; und der gute Kunstschlosser hat bei seiner rasenden Liebe allen Grund, eifersüchtig zu sein. In einem Tanzlokal auf der Hasenheide spielt Pauline die erste Rolle. Alle ihre Liebhaber laufen ihr dahin nach. Im dritten Akte bricht der Sturm los. Der Kunstschlosser kann es nicht mehr ertragen, daß sie von andern sich den Hof machen und bewirten läßt. Die Liebhaber hauen sich, und die hohe Obrigkeit muß in der im modernen Staatswesen populären Gestalt des Schutzmanns eingreifen. Der Schlosser hat eben den Kopf verloren. Er prügelt sich nunmehr nicht nur mit den Nebenbuhlern, sondern er appelliert sogar an Paulinens Eltern. Sie sollen der Tochter den Kopf zurechtrücken. Denn er meine es aufrichtig mit ihr und könne ohne sie nicht leben. Man kann begreifen, daß ihm Pauline das übelnimmt. Aber gerade dieser äußerste Schritt führt zur Verständigung. Die beiden verstehen sich nunmehr und werden ein Paar. Hirschfeld hat diese zwei Charaktere in der feinsten Weise hingemalt. Was aus Pauline das Leben machen mußte, haben wir gesehen. Daß ihr die ausgesprochen sozialdemokratische Gesinnung des Schlossers nicht recht begreiflich sein kann, versteht man, wenn man weiß, daß sie schon als Kind den Grafensprößlingen menschlich nahegetreten ist. Und das gute Einvernehmen zwischen ihr und der Herrschaft ihrer Eltern ist geblieben. Im Sperlingschen Hause verkehren ein Sohn und eine Tochter dieser Herrschaft. Diese sehen Pauline, ihre alte Gespielin, wieder; und herrlich ist dieses Wiedersehen. Wie Mensch zu Mensch verhalten sich diese «Grafen» zu der einfachen Magd. Wie sollte sie da Verständnis haben für das Poltern des Bräutigams, der in allen Leuten, die nicht zu seinem Stande gehören, nur Blutsauger und Parasiten sieht. Aber über die Lebensauffassungen hinweg finden sich die Herzen Paulinens und des Schlossers.
Georg Hirschfeld war bisher ein treuer Beobachter der Wirklichkeit und ein gewissenhafter, allzu gewissenhafter Porträtist. Wie groß auch immer die Bedeutung der naturalistischen Wirklichkeitsdichtung sein mag: sie wird die Sprache niemals sein, in der wahrhaft große Dichter sprechen. Denn sie haben uns mehr zu sagen, als die bloße Wirklichkeit sagen kann. Die Art, wie sie sehen, das Gepräge ihres Geistes sprechen aus ihren Werken. Bei Hirschfeld haben wir stets eine gewisse Scheu bemerken können, dieses eigene Gepräge zu geben. Wie durch eine Glasscheibe sahen wir durch seinen Geist auf die reine Wirklichkeit. Jetzt ist das anders mit ihm geworden. In dieser neuesten Komödie hat er auch von seinem eigenen Wesen etwas gegeben. Wir spüren seine Persönlichkeit. Nicht mehr selbstlos will er Personen und Vorgänge schildern, so daß sie uns anschauen, wie wenn er gar nicht da wäre; sondern er zeigt sie uns, wie er sie sieht. Sein Werk trägt diesmal eine deutliche künstlerische Struktur. Echt lustspielmäßig ist der Stoff verarbeitet. Hätte Hirschfeld in einer Zeit gelebt, die der reinen Wirklichkeitsschilderung weniger Sympathien entgegenbrächte als die heutige, man würde ihn erst von dieser seiner Leistung an beobachtet haben. Denn erst durch sie zeigt sich in ihm der Künstler. Erst jetzt zieht er aus der Wirklichkeit jene Momente zusammen, die uns innerhalb des Kunstwerkes interessieren, und wirft den Ballast ab, der ja für den Beobachter der Welt wertvoll, für den ästhetisch Genießenden aber gleichgültig ist. Seine Gewissenhaftigkeit gegenüber der natürlichen Wirklichkeit ist geringer, sein Sinn für das Künstlerische ist feiner geworden. Else Lehmann gab als Pauline eine vorzügliche schauspielerische Leistung; nicht minder Rudolf Rittner als Kunstschlosser. Die Spannung, in die wir durch diese scheinbar einander so fremden und sich doch so anziehenden Persönlichkeiten versetzt werden, und ihr Finden durch ihre Gegensätze hindurch kam in der Darstellung voll zur Geltung.