Wiener Burgtheater-Krisis

In Wien ist die Burgtheaterkrisis seit Wochen eine Tagesfrage. Wenn diese Zeilen erscheinen, wird sie vielleicht bereits ihre Lösung gefunden haben. Wie diese Lösung ausfällt, ist aber nicht das eigentlich Interessante an der Sache. Etwas ganz anderes muß diejenigen erregen, die an der Entwickelung des Theaterwesens Anteil nehmen. Denn wenn, wie es augenblicklich scheint, Paul Schlenther den bisherigen Direktor des Burgtheaters, Max Burckhard, ablöst, so kann gar nicht davon die Rede sein, daß künstlerische Gesichtspunkte bei der Lösung dieser Frage mitgespielt haben. Und das ist das Traurige, daß hier Dinge, die nur vom Standpunkte des Kunstinteresses aus entschieden werden sollten, von Sympathien und Antipathien abhängig gemacht werden, die mit der Kunst nichts zu tun haben.

Als Dr. Max Burckhard ins Amt trat, konnte kein Verständiger für ihn eintreten. Von allen Kandidaten, die damals in Betracht kamen, mußte er als der am wenigsten geeignete erscheinen. Man konnte keine andere Meinung haben, als daß er weder zur dramatischen Literatur noch zu dem praktischen Theaterwesen irgendwelches Verhältnis habe. Und die ersten Schritte, die er als Direktor unternahm, konnten eine solche Meinung nur bestätigen. Er zeigte sich in jeder Beziehung als Dilettant. Die Rollenbesetzungen, die er vornahm, waren geradezu unglaublich.

So scharfe Worte der Verurteilung, wie der Direktionsführung Burckhards gegenüber, hatte der Altmeister der Wiener Theaterkritik, Ludwig Speidel, selten angewendet. Sooft er unter dem Strich der «Neuen Freien Presse» sich vernehmen ließ, konnte man eine bittere Abfertigung des neuen Direktors lesen. Aber es hat sich das Unwahrscheinliche ereignet: Ludwig Speidel hat sich zu Max Burckhard bekehrt. Damit ist der Entwicklungsgang Burckhards während seiner Direktion gekennzeichnet. Er hat die Antipathien der verständigen Leute in Sympathien verwandelt. Die Kunstkenner sind heute seine Freunde und Anhänger. Er hat den Satz bewiesen, daß das Amt den Verstand gibt. Er hat sich in die Kunst eingelebt. So eingelebt, daß ein so feiner Kenner des Theaters wie Paul Schlenther kaum wird etwas anderes tun können, als die Hofbühne in dem Sinne weiterzuleiten, in dem sie Burckhard zuletzt geführt hat. Es wird, wenn Schlenther an Burckhards Stelle getreten sein wird, nichts anderes geschehen sein, als daß eine mißliebig gewordene Persönlichkeit-durch eine vorläufig beliebte abgelöst sein wird. Die künstlerischen Leistungen des Wiener Burgtheaters können durch Paul Schlenther kaum ein neues Gepräge erhalten. Ja, es muß sogar als ein Glücksfall bezeichnet werden, wenn der bisherige Direktor durch den Berliner Kritiker abgelöst wird. Es hätte ebensogut sein können, daß die Burckhard-feindliche Clique wieder irgendeinen Dilettanten an den wichtigen Posten gesetzt hätte; und es ist zu bezweifeln, daß sich der Glücksfall zum zweitenmal ereignet hätte, daß aus dem Dilettanten in verhältnismäßig kurzer Zeit ein bedeutender Könner wird.

Es gibt Leute, von denen man sagen kann: sie können, was sie wollen. Burckhard scheint zu ihnen zu gehören. Aber diese Leute sind doch recht selten zu finden. Wenn man einen hat, sollte man ihn festhalten und ihm die Möglichkeit bieten, seine Kräfte zu entfalten. Statt dessen reißt man Burckhard in dem Augenblicke aus dem Amte, in dem er eben beginnt, das Eigenartige seiner Persönlichkeit voll zur Geltung zu bringen.

Es ist eine bekannte Tatsache, daß Burckhard sieben Jahre lang gegen ihm feindlich gesinnte Schauspieler-Cliquen zu kämpfen hatte, die aber so einflußreich sind, daß sie dem Direktor ungeheure Schwierigkeiten bereiten können. Burckhard hat die Widerhaarigkeit dieser Cliquen mit Energie bekämpft und manches Vortreffliche gegen ihren Willen geleistet. Wenn er zuletzt doch nicht Sieger geblieben ist, so ist kaum anzunehmen, daß ein neuer Mann den Kampf mit mehr Glück führen werde.

Die Aufgabe des Burgdirektors ist heute, diese einzige Kunstanstalt den neuen Verhältnissen anzupassen. Das Publikum wird mit den neuen Formen der Dramatik ebensowohl wie mit den neuen Formen der Schauspielkunst einverstanden sein, wenn es bemerkt, daß der Reform künstlerische Absichten zugrunde liegen. Das Publikum ist viel weniger konservativ in Kunstsachen als die sogenannten «maßgebenden Kreise». Dem Publikum hat man das Verständnis für Arnold Böcklin aufgezwungen! Diejenigen, welche noch vor wenigen Jahren achselzuckend vor Böcklins Pieta vorübergingen, stehen heute anbetend vor ihr, wie sie es immer getan haben vor der Sixtinischen Madonna. Das Publikum des Burgtheaters wird leicht dafür zu gewinnen sein, der modernen Kunst ebensoviel Interesse entgegenzubringen wie der alten. An dieser Entwickelung des Geschmackes hat Max Burckhard mit Geschick und Einsicht gearbeitet. Man hätte ihn in seiner Arbeit nicht stören sollen.

German original of Vienna's Burgtheater Crisis · ← Previous · Next →