«Die letzten Menschen»

Drama von Wolfgang Kirchbach
Aufführung des «Vereins für historisch-moderne Fesispiele» im Neuen Theater, Berlin

Wolfgang Kirchbach hat in Form eines Dichtertraumes das Schicksal des «letzten Menschenpaares» dramatisiert und am 19. Februar in der Reihe der «historisch-modernen Festspiele» dieses Traumdrama aufführen lassen. Im Traume scheint viel gestattet zu sein; und wenn jemand auftritt und uns sagt: «Dies habe ich geträumt», so entwaffnet er uns gewissermaßen. Wir sind recht hilflos gegenüber dem, was der Herr im Schlafe gibt. Aber schließlich wollen wir doch auch an einen Dichtertraum glauben können. Wir wollen eine Empfindung davon haben, daß eine menschliche Notwendigkeit vorliegt, gerade so zu träumen. Und daß jemand so über das Weltall träumen kann, wie Wolfgang Kirchbach vorgibt, geträumt zu haben, glauben wir nimmermehr. Die moderne Naturwissenschaft lehrt uns, daß die Welt allmählich einer Vereisung anheimfallen und in dieser alles Sein zur ewigen Ruhe bestatten wird. Die Zeit vor dieser Vereisung führt uns Kirchbach vor. Sirenen, Nymphen, Faune, Proteus, Pan und dergleichen Fabelwesen leben in dieser Zeit. Daß einmal Menschen gelebt haben, ist ihnen zunächst unbekannt. Da tritt der letzte Mann auf. Er stammt von einem Eskimo. Die Fabelwesen wollen ihn vernichten. Denn was soll. aus ihnen werden, wenn der Mensch ein neues Reich errichtet? Sie leben zügellos, ohne Sitt' und Gesetz. Der Mensch könnte dieses Leben nur zerstören. — Es ist völlig zwecklos, die Kämpfe zwischen den Naturfabelwesen und dem Menschen zu schildern, wie sie Kirchbach vorführt. Es genügt zu sagen, daß der letzte Mensch sich für den ersten hält, weil er ja keine Wesen seiner Art um sich erblickt. Merkwürdigerweise ist auch das letzte Weib noch da. Die Liebe zwischen beiden entsteht. Lebensfreude fühlt der Mensch. Er will die Naturgötter besiegen und ein neues Reich begründen. Das Weib zwingt auch den großen Pan in den Zauberkreis ihrer Liebe. Er steckt sich in menschliche Kleidung, um ihr zu gefallen. Sie verschmäht ihn. Er stirbt an gebrochenem Herzen. Und mit dem Tode des großen Pan ist der Weltuntergang besiegelt. Auch der letzte Mensch stirbt zuletzt. Und zwar deswegen, weil ihm Proteus den Glauben nimmt, er sei der erste seines Geschlechts, und ihm zeigt, daß kein neues Leben aus dem Schoße des Menschen entstehen könne.

Mag Wolfgang Kirchbach doch immerhin so träumen. Das ist seine Sache. So eisig wie das Weltende, das er darstellt, bleibt auch unser Herz während des ganzen Vorganges. Hohl klingt alles. Wir haben nicht das Gefühl, daß hier ein Dichter eine Aufgabe gelöst hat, die er im tiefsten Innern erlebt hat. Wir haben es nur mit einem Menschen zu tun, der ein ganz äußerliches Verhältnis zu den großen Fragen hat, die er in den Kreis seiner Kunst zieht. Alles ist mit Hebeln und Schrauben gemacht. Innere Wärme strömt keinen Augenblick von dem Dichter zu uns über. Es ist ja zum Beispiel im Traume durchaus möglich, daß Faune, die neunhundert Milliarden Jahre alt sind, nicht wissen, was ein Stiefelknecht ist, den sie am Ende des Seins aus den Trümmern der Welt ausgraben; es ist im Traume auch möglich, daß innerhalb der verödeten Zeit, die dem Weltenende vorangeht, noch ein wohlgestaltetes Menschenpaar entsteht. Aber über einen solchen Traum lächeln wir, wenn wir uns seiner nach dem Ausschlafen erinnern. Wolfgang Kirchbach zeichnet ihn aber auf und scheint zu glauben: wir könnten mitträumen. Nein, wir lächeln auch da nur. Und dann kommt der Zorn, der vielleicht unvernünftige Zorn darüber, daß Wolfgang Kirchbach es über sich gebracht hat, uns darzustellen, was ihm der Herr im Schlafe über den Weltuntergang beigebracht hat. Dichter sollten ihr Faustproblem doch im Wachen durchleben. Sie haben dann vielleicht keine Entschuldigung für ihre tollen Unwahrscheinlichkeiten; aber sie werden doch künstlerisch ehrlich bleiben. Und künstlerisch ehrlich sein heißt vor allem: schweigen über Dinge, über die man nichts zu sagen hat.

German original of “The Last People” · ← Previous · Next →