«Die Heimatlosen»
Drama in fünf Akten von Max Halbe
Aufführung im Lessing-Theater, Berlin
Daß hintereinander aus demselben Kopf die kühne «Eroberer»Tragödie und dieses Drama von den «Heimatlosen» entspringen können, ist ein psychologisches Rätsel. Einmal ein tiefes Problem der menschlichen Seele, das andere Mal öde Theatralik; einmal ganz die Sprache des eigenen Dichtergemütes, das andere Mal in jedem Satze ein Dienern vor dem Theaterpublikum. Sollte sich Halbe, nachdem er sein Bestes gegeben hat, gesagt haben: sie haben’s nicht verdaut — nun wohl: hier stehe ich; ich kann auch anders. Gott helfe mir? — Am erklärlichsten wäre die Sache noch von diesem Gesichtspunkte aus. Ein Dichter, der es einmal versucht, welches Glück er hat, wenn er das Allerschlechteste gibt, was er zu geben vermag! Als ich das Stück an mir vorübergehen ließ, kamen mir die Worte Mercks in den Sinn, der zu Goethe sagte, nachdem dieser den «Clavigo» geschrieben hatte: solchen Quark mußt du nicht mehr schreiben, das können andere auch. Ich will nicht gleich so grob werden, für den Fall Halbe die «andern» zu nennen.
In einer Berliner Pension wimmelt eine Zahl von «Heimatlosen» herum. Sie sind uns alle gleichgültig. Halbe macht auch nicht den geringsten Versuch, sie uns näherzubringen. Wandelnde Menschenbälge ohne Seele sind sie. Selbst mit Regine Frank, die etwas genauer charakterisiert wird, wissen wir uns nicht zurechtzufinden. Sie ist Pianistin, ein weiblicher Selfmademan. Sie ist stolz auf ihre Selbständigkeit. Aber von ihrer Sorte gehen doch zwölf auf ein Dutzend. — Lotte Burwig ist ein Provinzgänschen, Reginens Kusine. Ihr kann es im Danziger Elternhaus nicht gefallen. In diesem Hause ist es für die arme Lotte auch zu ungemütlich. Der Vater hat Selbstmord begangen. Von der Mutter ist das arme Ding jämmerlich verprügelt worden. Auch soll es einen biederen Steuer-Assessor heiraten. Das gute Mädchen hält Durchbrennen für das beste. Auch hat sie an der Kusine ein Vorbild. Also auch auf eigene Füße gestellt. Sängerin will sie werden. Zunächst geht sie in die Pension, in der auch Regine ist. Die Mutter will sie heimholen; aber Lottchen hat weder Lust, ihren Steuer-Assessor zu heiraten, noch weiter sich den Erziehungsmaßregeln der Mutter zu unterwerfen. Sie bleibt also. Und verliebt sich in einen Rittergutsbesitzer, der im Winter sich in Berlin von den Strapazen, die ihm sein Beruf als Agrarier auferlegt, zu erholen pflegt. Zu seiner Erholung gehört auch, daß er jungen Mädchen den Kopf verdreht. Am Weihnachtsabend wirft sich das arme Lottchen dem Verführer unter brünstigen Küssen, nicht endenwollenden Küssen, an den Hals. Ganz gehören will sie dem «Einzigen». Zur Faschingszeit ist's schon aus. Der böse Eugen geht wieder auf sein Gut; er schüttelt seine Winterliebschaft ab. Während einer tollen Maskerade entdeckt Lottchen, wie wenig dem «Einzigen» an ihr liegt. Sie bedroht den Treulosen sogar mit dem Dolche. Sie ist eben richtig entgleist. Selbst Regine finder das. Die telegraphiert der Mutter. Lottchen soll nun doch nach Hause. Lieber sterben, sagt sie. Und in dem Augenblicke, da die Mutter eintritt, hat sie auch schon vom Leben Abschied genommen.
Einen Ansatz, die Personen psychologisch zu vertiefen, hat Halbe nicht gemacht. Die Geschichte von dem «bösen Eugen und dem armen Lottchen» stammt aus den Gefilden, in welche die Kunde von Erfindung der Psychologie noch nicht gedrungen ist. Auch die Milieuschilderung ist schwächer als in Halbes früheren Dramen. Manchmal werden wir von einer Stimmung angezogen; gleich darauf aber drängt sich eine andere vor; und wir kommen aus dem theatralischen Allerlei nicht heraus.