Nachschrift

Kurz nachdem diese Zeilen geschrieben waren, trat die Burgtheater-Angelegenheit in ein neues Stadium. Es scheint heute gewiß, daß Paul Schlenther Burgtheater-Direktor wird. Zu den obigen prinzipiellen Ausführungen ist durch diese Wendung in der Sache nichts hinzuzufügen. Wenn Burckhard durchaus nicht Burgtheater-Direktor bleiben soll, so kann er durch wenige in so vortrefflicher Weise ersetzt werden wie durch Paul Schlenther. Eine allseitige Kenntnis der dramatischen Literatur und des Theaters besitzt dieser Kritiker. Ein vollkommener, moderner Geschmack ist ihm eigen. Seit Jahren hat er Gelegenheit gehabt, praktische Erfahrungen auf dem Gebiete zu sammeln, auf dem er jetzt tätig sein soll. Eine rücksichtslose Energie muß der künftige Burgtheater-Direktor besitzen. Daß Paul Schlenther sie besitzt, hat bewiesen, was aus dem Inhalte der Verhandlungen mit ihm in die Öffentlichkeit gedrungen ist. Dadurch ist die Hoffnung berechtigt, daß er sowohl in der Auswahl der aufzuführenden Stücke wie in Personalfragen nur seiner sicheren künstlerischen Überzeugung wird folgen können.

Man muß Schlenthers Autorität und Kunsteinsicht in Wien sehr hoch schätzen, wenn man ihn auf den wichtigen Posten beruft. Und damit tut man recht.

Auch grundsätzlich ist Schlenther eine der geeignetsten Persönlichkeiten. Direktor eines Theaters soll nicht ein Mann sein, der aus dem Schauspieler- und Regisseurstande hervorgegangen ist. Die Erfahrung lehrt, daß ein solcher die Auswahl der Stücke stets nach den Ansprüchen der Schauspielkunst, nicht nach den Bedürfnissen der dramatischen Literatur trifft. Er wird sich stets fragen: gibt dieses Stück gute Rollen ab? Diese Frage kann nicht in erster Linie in Betracht kommen. Die erste ist: muß dies Stück seiner literarischen Qualitäten wegen aufgeführt werden? Dann muß an die Schauspieler die Aufgabe herantreten, das Stück in entsprechender Weise zu spielen. Gegen die Ansprüche des Schauspielerstandes muß der Direktor immer die Rechte der Literatur vertreten. Das kann kein Schauspieler, das kann kein Regisseur. Das kann nur ein Mann, der im lebendigen Bezug zur Literatur steht. Das kann somit nur ein dramatischer Dichter oder ein Theaterkritiker. Die Vertreter der dramatischen Produktion und die Beurteiler dieser Produktion sind die rechten Personen für die Leitung der Theater. Deshalb ist es als ein Glück zu bezeichnen, daß die Wahl zum Burgtheater-Direktor auf Paul Schlenther gefallen ist. Es wäre zu wünschen, daß gerade die Hoftheater das in Wien gegebene Beispiel nachahmten.

Schlenther wird das Wiener Hoftheater im modernen Sinne leiten. Er wird harte Kämpfe mit Vorurteilen zu bestehen haben, die im Charakter des Österreichertums liegen. Es ist nicht sicher, daß er eine ganz klare Vorstellung von den Schwierigkeiten hat, die auf ihn einstürmen werden. Aber er wird die Kraft haben, den Kampf auch gegen diejenigen Kräfte aufzunehmen, deren Vorhandensein er nicht voraussieht. Vielleicht wird sein Regiment noch kürzere Zeit währen als dasjenige seines Vorgängers. Aber zweifellos wird er auch in kurzer Zeit Nützliches schaffen.

German original of Postscript to the Vienna Burgtheater Crisis · ← Previous · Next →