«Ein Frühlingsopfer»

Schauspiel in drei Aufzügen von E. von Keyserling
Aufführung zum Jubiläum der Freien Bühne, Berlin

Die «Freie Bühne» in Berlin feierte am 12. November das Fest ihres zehnjährigen Bestehens. Sie hat sich bei ihrer Gründung die Aufgabe gesetzt, Dramatikern den Weg zur Bühne zu ebnen, die trotz ihrer reifenden oder gereiften Künstlerschaft eine solche Unterstützung brauchten, weil der herrschende Geschmack an ihnen vorüberging. Die Vorstellung vom 12. November war wenig geeignet, die Erinnerung an die so löblichen Absichten der Gründer des Institutes aufzufrischen. Das «Frühlingsopfer» ist ein Bündel von Konzessionen — weiter nichts. Eine Konzession an den Naturalismus, die zweite an die Romantik, die dritte an den herrschenden Theatergeschmack.

Die außereheliche Tochter des Säufers Kappel, halb noch Kind, halb zur Jungfrau erblüht, lebt im Hause ihres Vaters. Das Weib, das den verlumpten Mann geheiratet hat, ist ein braves Geschöpf. Sie hat das Kind, das von aller Welt mißachtet wird, ins Haus genommen. Hier wird es auch von dem Vater mißhandelt. Die Stiefmutter liegt im Sterben; sie hat eben die Tröstungen des Pfarrers empfangen. Damit setzt das Drama ein. Dem Sündenkind steht in Aussicht, daß sich der Vater nach dem Tode der Gattin wieder verheiratet und die Tochter aus dem Hause jagt. Während die Mutter mit dem Tode ringt, flammt in der Jungfrau zum ersten Male leidenschaftliche Liebe zu einem jungen Bauern auf, der sie zunächst scheinbar erwidert, in kürzester Zeit aber zu seiner Madda wieder zurückkehrt. Das Mädchen hat alle Empfindungen einer jäh auflodernden Neigung in wenigen Stunden durchgemacht. Es muß bald auch den Schmerz der Verlassenen erfahren. Es hat in die Welt des Glückes einen Blick getan und ist nun, nachdem der Geliebte es verlassen, doppelt unglücklich. Es wird nun nicht nur wegen der Sünde ihrer Mutter verachtet werden, sondern man wird es auch noch als ein Wesen betrachten, das sich an den Nächstbesten wegwirft. Aus diesen Voraussetzungen hätte ein naturalistisches Drama geschaffen werden können. Der Autor fügt diesem Stoffe einen romantischen Sauerteig bei. Im Hause lebt eine alte Großmutter. Sie erzählt dem Mädchen, daß im Walde eine schwarze Kapelle ist mit einem Muttergottesbilde. Dort hat einst eine Frau die Gesundung eines Kindes erbetet und dafür ihr eigenes Leben zum Opfer gebracht. Ein Gleiches will das Mädchen nun für ihre Stiefmutter tun. Es will sterben, auf daß ihre Wohltäterin lebe. Es geht hin und erhält bei der Gottesmutter Erhörung. Auf dem Rückwege geschieht es ihm dann, daß es sich verliebt. Jetzt will es wieder nicht sterben. Es bereut, was es getan. Doch der Gang der Vorsehung geht richtig weiter. Als die Jungfrau nach Hause kommt, findet sie die Kranke auf dem Wege der Besserung. Da erfährt sie die Untreue ihres Geliebten. Nun will sie doch wieder sterben. Sie wartet aber nicht auf das Wunder der Muttergottes, sondern nimmt — wieder ganz naturalistisch — Gift in Form der Tropfen, die der Arzt der Kranken verordnet hat.

Ich weiß natürlich, daß alles in dem Stücke seinen natürlichen Gang hat, und daß die Romantik des Aberglaubens nur in den Köpfen der alten Großmutter und des Mädchens ihren Sitz hat. Die Mutter gesundet, nicht weil die Stieftochter gebetet hat, sondern weil sie die Tropfen genommen hat, die ihr der Arzt gegeben hat. Aber wozu vergiftet sich denn das Mädchen? Wenn es an das Wunder glaubt, so könnte es doch, still ergeben, seinen ihm sicher erscheinenden Tod erwarten. Der könnte aber nicht kommen, wenn der Dichter nicht selbst den Gang der «Vorsehung» zum treibenden Motiv des Dramas machte. Deshalb ist der Selbstmord des Mädchens durch nichts motiviert. Er ist die Konzession an die Theatermache. Solcher sind noch viele in dem Stück.

Man müßte traurig werden über die dramatische Produktion der Gegenwart, wenn Vereinigungen wie die «Freie Bühne» keine besseren Stücke finden könnten. Aber es wird wohl nicht an dieser Produktion liegen, daß wir am 12.November diesen Mischmasch aller möglichen Stile vor uns aufmarschieren sahen.

German original of “Ein Frühlingsopfer” · ← Previous · Next →