«Der Probekandidat»
Schauspiel in vier Aufzügen von Max Dreyer
Aufführung im Deutschen Theater, Berlin
Dr. Fritz Heitmann, dem Probekandidaten, ist der naturwissenschaftliche Unterricht in der obersten Klasse eines Gymnasiums übertragen. Er hat den Darwinismus zur Grundlage seiner wissenschaftlichen Denkweise gemacht und möchte auch seine Schüler im Geiste dieser Wahrheit heranbilden. Auch ist er ein ehrlicher Mann, der die Unwahrheit auch dann haßt, wenn sie in der vielfach beliebten Form der Notlüge auftaucht. Feigheit gegenüber denen, die im sozialen Körper höher stehen oder mächtiger sind als wir, sei der Ursprung dieser Untugend, sagt er zu seinem Schüler, der in der Religionsstunde ihre Berechtigung gelernt haben will. Es wird dem Manne schwer, auf dem Boden der Wahrheit zu bleiben. Er erregt den Zorn des Präpositus Dr. v. Korff. Dieser, ein Verwandter des Ministers und ein Träger der «Überzeugung», daß die Religion dem Volke nicht genommen werden dürfe, veranlaßt den Direktor der Schule, den unkrautsäenden Lehrer zur Raison zu bringen. Der ist in einer schwierigen Lage. Er soll die Stütze seiner Familie werden, die der Vater, ein verkrachter Gutsherr, nicht mehr über Wasser halten kann. Außerdem hat er eine Braut, deren Hand er von den Eltern nur erhalten kann, wenn er als Äquivalent seine Anstellung als Lehrer bieten kann. Er läßt sich zu dem Versprechen hinreißen, in einer Probelektion vor seinen Schülern die «Irrlehren» zu widerrufen, die er ihnen vorgetragen hat, und dafür echt christliche Offenbarungswahrheiten in die Seelen zu pflanzen. Dafür soll er des Amtes eines Jugendbildners würdig befunden werden. Als er aber seine Schüler um sich versammelt sieht und ihnen in die lieben Augen blickt, wird ihm klar, daß diese die Wahrheit und nichts anderes von ihm verlangen, und er bestätigt vor den Ohren seiner Vorgesetzten die von ihm vertretenen Gesichtspunkte. Die dankbaren Schüler lohnen ihn mit einem Ständchen; die Braut geht ihm verloren. Er ist aber ein aufrechter Mann geblieben.
Man hat diesem Drama seine «Tendenz» vorgeworfen. Darüber kann sich Dreyer beruhigen. Es kann nur von seiten derer geschehen, welche die «Räuber» des Tendenzdichters Schiller von dem Standpunkte einer «wahren» Ästhetik abkanzeln. Wir wollen damit aber nicht etwa ins umgekehrte Extrem verfallen und Dreyers Stück wegen seiner durchaus sympathischen Tendenz im Range der Kunst zu hoch stellen. Man hat es in dem Stücke mit Karikaturen von Charakteren und mit einer karikierten Handlung zu tun. Ein Werk, das die Wahrheit der Darstellung zur Voraussetzung hat, ist der «Probekandidat» nicht. Er wimmelt von Übertreibungen, von Unwahrscheinlichkeiten. Man muß aber den Stimmen gegenüber, die aus dieser Tatsache ihre Einwände gegen das Schauspiel holen, betonen, daß die Karikatur ein durchaus berechtigter Kunststil ist. Wenn man den «Probekandidaten» nicht zu hoch einschätzt, sondern ihn als Ausdruck des auf die Bühne verpflanzten Stiles ansieht, der in den durchaus künstlerisch berechtigten Journalen auf dem Gebiete der Zeichnung keinen Gegner findet, so wird man ihm gerecht werden.
Wahrheit und Wahrscheinlichkeit sind keine feststehenden Forderungen an das Drama. Der Schauspieldichter darf dasselbe Recht für sich in Anspruch nehmen, das der politische oder sonstige Karikaturenzeichner hat. Warum sollten wir den Dichter tadeln, wenn er den Stil wählt, der uns im «Simplicissimus» so oft ergötzt?