«Die Erziehung zur Ehe»

Komödie von Otto Erich Hartleben

In einem bekannten «grundlegenden» Werk über Pädagogik ist der Satz zu finden: «Die Wege der Erziehung und deren Mittel müssen sich nach dem Ziel richten, welches der Erzieher erreichen soll, nach dem Ideal von Mensch, das ihm vorgesetzt ist. Neben diesem Ziel, neben diesem Ideal kann der Erzieher den individuellen Charakter des Zöglings berücksichtigen. Bei dem einen wird das Ideal auf diesem, bei dem andern auf jenem Wege erreicht werden.» Diesem Erziehungspostulat gemäß hat Otto Erich Hartleben sein pädagogisches Hauptwerk «Die Erziehung zur Ehe» aufgebaut. Das Ideal, um das es sich handelt, ist ein Mensch, der in eine regelrechte. Philisterehe paßt. Die Wege, welche die Erziehung einzuschlagen hat, um dieses jedem Philisterherzen notwendig scheinende Ziel zu erreichen, sind verschieden. Sie müssen sich richten nach Bildung, Stand, Vermögenslage, nach dem Geschlecht und nach andern gegebenen Voraussetzungen. Hartleben greift aus der Mannigfaltigkeit der Fälle zwei heraus: den Sohn eines reichen Bürgerhauses, Hermann Günther, und eine arme Buchhalterin, Meta Hübcke. Hermann wird von seiner Mutter erzogen. Und als diese allein nicht mehr fertig wird, ruft sie Hermanns Onkel zu Hilfe. Metas Ehevorbildung zu besorgen, übernimmt der Sohn einer Zimmervermieterin, ein biederer Kommis. Für Hermann ist nicht nur eine «gut bürgerliche» Ehe im allgemeinen im Buche des Schicksals vorgesehen; auch die konkrete Gefährtin seiner späteren Tage, Bella König, erscheint schon ab und zu auf dem Schauplatze. Sie ist bereits in tadelloser Weise zur Ehe erzogen. Ihre Naturanlagen haben das leicht geschehen lassen. Sie scheint nur vorhanden zu sein, um den Psychologen als Exempel der Dummheit zu dienen. Hermann reißt immer aus, wenn diese Bella anrückt. Zur Ehe mit ihr muß er also erzogen werden. Er muß demnach, nach richtigen, pädagogischen Grundsätzen, erst das Leben, das heißt in diesem Falle die Weiblichkeit, kennenlernen, bevor er sich in das Schifflein setzt, das Bella steuert. So meint Mutter Günther. Sie gibt zu diesem Zwecke dem jungen Manne monatlich hundertfünfzig Mark Taschengeld. Aber der Junge macht Unsinn. Er hat zu viel von der Moral im Leibe, welche die Philister philiströs nennen. Er bandelt mit der Meta Hübcke an. Und er hat Gefühl für sie. Denn die Mutter Günther erfährt, daß er nicht einmal die Miete für die Geliebte bezahlt. Das ist schlimm, sagt sich das Mutterherz. Das muß dem Jungen abgewöhnt werden. Er muß monatlich fünfzig Mark mehr bekommen, damit er sich nicht mehr in solche Mädchen verliebt, sondern ihnen die Miete bezahlt. Alles, was damit zusammenhängt, kann aber eine «gut bürgerliche» Mutter dem Sohne nicht beibringen. Und der Vater ist tot. Deshalb ruft sie den Bruder des Vaters. Der hat die rechten Erziehungsmaximen. Er ist ein Mann und kann mit Hermann deutsch reden. Das tut er auch. Und er macht die Sache echt pädagogisch. Er lehrt durch Beispiel. Das wird ihm leicht. Hermann hat nämlich auch mit dem Stubenmädchen angebandelt. Auch das paßt der Mutter Günther nicht. Das Haus muß rein gehalten werden. Die Mutter schickt das Mädchen fort. Hermann beschließt, außer dem Hause mit ihr ein Verhältnis anzuknüpfen. Das leuchtet dem Onkel ein, und — er geht mit zum Stelldichein. Gesellschaft wird sich finden. Der Onkel will nicht bloß zusehen. So ist der Weg beschaffen, auf dem Hermann zur Ehe erzogen wird. Die Meta aber sucht der Kommis zu erziehen. Das Verhältnis mit Hermann paßt ihm ebensowenig, wie es der Mutter Günther paßt. Kommis und vornehme Dame meinen im Grunde das gleiche. Meta muß einen Liebhaber haben, der ihr Geld gibt. Die Mutter Günther natürlich mit der Einschränkung, daß es nicht allzuviel ist. Der Kommis meint das anders. Denn er will einst die Meta selbst heiraten. Dazu muß sie erst viel, recht viel Geld von einem Liebhaber bekommen. Hermann taugt also dazu nicht. Ein anderer muß kommen. Der biedere Kommis fälscht Briefe, um Hermann der Meta abspenstig zu machen. Dann schleppt er ihr einen Zahlungsfähigen heran. So will er sie zu der Ehe mit sich selbst erziehen. Ob er’s erreichen wird? Das ist in der Komödie Hartlebens nicht ausgesprochen.

Man sieht, Otto Erich Hartleben versteht die Philister; und er hat den Humor, sie zu zeichnen. Ich habe nicht den Inhalt der Komödie angegeben. Ich wollte den Impuls charakterisieren, aus dem sie mir hervorgegangen scheint.

German original of Marriage Education · ← Previous · Next →