«Die Lumpen» Komödie von Leo Hirschfeld
Aufführung im Lessing-Theater, Berlin
Das Schicksal eines dramatischen Dichters hat Leo Hirschfeld zum Gegenstand einer Komödie gemacht. Man muß zugestehen, daß die Aufgabe, die er sich gestellt hat, ebenso interessant wie ihre befriedigende Durchführung schwierig ist. Heinrich Ritter beginnt als Idealist. Er will keinen anderen Forderungen als denen der Kunst gehorchen. Solange er mit seinen Idealen innerhalb eines Kreises von Kaffeehausbrüdern bleibt, kann er sie sich bewahren. Kaum tritt er aus diesem Kreise heraus, bläst sie ein leiser Windhauch um. Ritter hat eben ein Drama vollendet. Einer der Kaffeehausbrüder findet besonders den Schluß großartig. Das ist einmal etwas ganz Neues. Das andere haben ja auch schon andere gemacht. Aber dieser Schluß!!! Der Redaktor der Tagespost, Dr. Ottomar Mark, ist ein mächtiger Mann. Er hat Einfluß auf die Leitung des Residenztheaters. Mit seiner Hilfe hofft Ritter das Stück auf die Bühne zu bringen. Aber dieser Redaktor hat eine andere künstlerische Gesinnung als die Kaffeehausbrüder. Er findet den Schluß unmöglich, alles andere vorzüglich. Er will sich für das Stück einsetzen, wenn Ritter den Schluß wegstreicht. Der wackere Dichter, der das Stück wegen dieses Schlusses geschrieben hat, sträubt sich zwar anfangs. Als aber Mathilde Halm, das hoffnungsvolle Mitglied des Residenztheaters, ihm klarmacht, daß er zunächst nachgeben soll, um nach oben zu kommen, gibt er auch nach. Später, wenn er einmal oben sein wird, wird er auch die Macht haben, seine Ideale zu verwirklichen. Der große Erfolg kommt. Der «Dichter» gelangt nach oben. Aber die Ideale gehen auch zum Teufel. Man muß die Macht, die man errungen hat, auch behalten. Das kann man nur, wenn man weiter dem Publikum zu Willen ist. — Der «künstlerische» Idealismus Ritters drohte auch dessen bürgerliche Stellung zu untergraben. Seine Familie sieht ihn als Schandfleck an. Er könnte durch seinen Onkel, den Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Vinzenz Lechner, zu einer einträglichen Position kommen. Sogar die Hand des Kusinchens steht ihm in Aussicht. Solange er «Idealist» ist, weist er alles zurück, was von dieser spießbürgerlichen Seite kommt. Nachdem er oben ist, gewinnt er die Achtung des Onkels ebenso wie die Hand des Kusinchens. — Aus diesem Problem wäre künstletisch viel zu machen. Man denke sich den Kaffeehauskreis, in dem Ritter lebt, aus wirklich idealistischen Menschen bestehend, und man stelle sich vor, daß Leo Hirschfeld seinen Helden als durchaus idealistisch, aber schwach veranlagt hingestellt und seinen Fall psychologisch motiviert hätte. Der Schmerz der idealistischen Freunde über den Gefallenen könnte der ganzen Handlung einen höchst sympathischen Hintergrund geben. Von alledem ist aber in dieser Komödie nichts zu finden. Die Kaffeehausbrüder sind verbummelte Individuen. Ihr Urteil über Ritters Begabung läßt kalt. Wir wissen nicht, was an allen diesen Menschen wirklich ist. Ebensowenig wie wir wissen, was in Ritter selbst steckt und zugrunde geht. Die Entwickelung vom Idealisten zum Schmeichler des Publikums erscheint in ganz äußerlicher Weise charakterisiert. Die Freunde zeigen keinen besonderen Schmerz, sondern trinken den guten Kognak, den sich Ritter als wohlhabender Mann leisten kann, mit Lust. Ja, wenn die an sich unbedeutende Handlung noch durch besondere humorvolle Darstellung gehoben wäre! Dann würde man über dem «Wie» das «Was» vergessen. Aber auch davon kann keine Rede sein. Hirschfeld verletzt geradezu unser ästhetisches Empfinden dadurch, daß er als Dramatiker dem Publikum und der Kunst gegenüber eine Stellung einnimmt, zu der sein Held hinaufsinkt. Alles in der Komödie ist auf Wirkung berechnet. Die Entfaltung eines Charakters ist nichts, der augenblickliche Theaterwitz alles.
Die Aufführung entsprach ganz dieser Qualität der Komödie. Nur Ferdinand Bonn suchte aus dem Heinrich Ritter einen wahren Menschen zu gestalten. Die Gestalt, die er gab, ist gar nicht die des Dichters, sondern eine viel höher stehende. Besser traf den Ton Josef Jarno, der jeden Witz dick unterstrich, der überhaupt im Possenstile spielte, und der damit eigentlich doch den Stil des Stückes traf. Um so schlimmer für die Komödie.