«L’Interieur»

Drama von Maurice Maeterlinck. Deutsch von Stockhausen. Für die Bühne eingerichtet und in Szene gesetzt von Zickel
Aufführung im Urania-Theater, Berlin

Eine Maeterlinck-Aufführung ist eine ebenso schwierige wie dankenswerte Aufgabe. Der Dichter, welcher denjenigen Konflikten des Lebens aus dem Wege geht, welche die Dramatiker am meisten beschäftigen, und der dafür die tiefsten, intimsten Regungen darstellen will, die hinter den Alltagsäußerungen des Menschen auf dem Grunde der Seele vorgehen, muß an die Bühne ganz besondere Anforderungen stellen. Starke Leidenschaften, grobe Beziehungen der Menschen sind im Sinne Maeterlincks nicht dasjenige, was uns die menschliche Seele in ihrer wahren Gestalt zeigt. Die Leidenschaft eines Othello und das Schicksal der Desdemona sind Vorgänge, die dem Wahren nicht entsprechen. Wenn ich einem unbekannten Wesen zum ersten Male entgegentrete, kann in meinem Gemüte etwas vorgehen, das tiefer, wahrer und bedeutungsvoller ist als jene Leidenschaft und jenes Schicksal. Was tiefer als Worte, wahrer als die große Leidenschaft ist, will Maeterlinck darstellen. Deshalb möchte er am liebsten die Mittel der Rede auf der Bühne ganz entbehren. Durch Marionetten will er die Vorgänge in diesem kleinen Drama «L’Interieur» und in ähnlichen, die er geschaffen hat, dargestellt wissen. Eine Familie sitzt um den Tisch in einem Zimmer. Wir sehen sie durch ein Fenster. Um das Haus ist ein Garten. Zwei Fremde stehen in dem dunklen Garten. Ein Mitglied der Familie ist ertrunken. Die Fremden sprechen von dem Unglück. Der eine der Fremden, ein alter Mann, spricht von den Empfindungen, die das Unglück in seiner Seele aufsteigen läßt. Er soll der Familie das Furchtbare, das sie getroffen hat, mitteilen. Alles, was vorgeht, ist zugespitzt auf den Moment, da der Alte ins Zimmer tritt, die Mitteilung zu machen. Eine Dramatik der Empfindungen spielt sich vor unserer Seele ab. Empfindungen, zu denen wir keine Worte und keine starken Handlungen brauchen.

In höchst anerkennenswerter Weise haben Stockhausen und Zickel den ergreifenden Vorgang im kleinen Theatersaal der Urania zur Aufführung gebracht. Alles grob Theatralische war vermieden. Das Beispiel verdient entschieden Nachahmung.

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