Arthur Schnitzler

Aufführung im Deutschen Theater, Berlin

Arthur Schnitzler hat mit allen seinen Schöpfungen in mir ein gleiches Gefühl erweckt: er schält aus den Vorgängen des Lebens fein säuberlich alles ab, was an der Oberfläche liegt, und läßt den Inhalt, der unter dieser Oberfläche sich verbirgt, liegen. Was er bringt, kann mich immer nur dieses Inhalts wegen interessieren; aber für diesen Inhalt selbst hat dieser Dichter kein Auge. Dieses Gefühl habe ich bei seinem neuen Einakterzyklus in ganz besonderem Maße gehabt.

Das Schauspiel «Die Gefährtin» führt einen Professor vor, der eben die Gattin verloren hat. Freunde bezeugen ihre üblichen Mitgefühle. Eine Frau erscheint, die Briefe fordert aus dem Nachlaß der Verstorbenen. Was in diesen Briefen steht, soll für den Professor Geheimnis bleiben. Er glaubt aber längst zu wissen, wovon diese Briefe zeugen. Die verstorbene Gattin war die Geliebte seines Assistenten. Er hat sich mit dieser Tatsache abgefunden. Es war ihm natürlich erschienen, daß er mit der um zwanzig Jahre jüngeren Frau nur ein kurzes Glück genießen könne. Sie war zur Geliebten, nicht zur Gefährtin, wie er einer bedurft hätte, geschaffen. Beide gingen, nach seiner Ansicht, ihre Wege nebeneinander. Als aber der Assistent nach dem Begräbnisse im Hause des Professors erscheint, da zeigt sich, daß die Wahrheit noch eine ganz andere ist, als der Gatte geahnt hat. Dieser Assistent hat schon zwei Jahre lang ein anderes Weib geliebt und längst zu seiner Gattin bestimmt. Er hat also die Verstorbene nicht als seine Geliebte, nein, als seine Dirne behandelt. In ein Liebesverhältnis der beiden hätte sich der Professor gefügt, denn das erschien ihm natürlich. Er hätte die Frau sogar freigegeben, wenn die Liebenden den Mur gefunden hätten, das zu verlangen. Was sich nun aber enthüllt, erfüllt ihn mit Ekel, und er weist dem Niedriggesinnten die Türe. Aus Gesprächen zwischen dem Professor, der Freundin der Verstorbenen und dem Assistenten erfahren wir alles, was sich im Laufe vieler Jahre abgespielt hat. Diese Gespräche bilden nur den Schluß einer länger andauernden Reihe von Tatsachen. Die Freundin meint, daß eben dadurch, daß der Professor die volle Wahrheit erfahren habe, er nun seinen Frieden wiedergewinnen könne. Er wisse nun, wie wenig er die Frau besessen habe, die eben gestorben ist. Er leide nun, da sie dahingegangen, nicht mehr unter dem Druck einer unnatürlichen Ehe, und er brauche auch den Tod des Weibes nicht zu betrauern, das ihm immer fremd war, das nur zufällig in diesem Hause gestorben ist. Was aber vor diesem Schluß liegt, ist, nach dem, was wir erfahren, durchaus nicht dramatisch. Jahrelang hintergehr eine Frau ihren Mann mit einem andern. Sie weiß zuletzt sogar, daß der andere sich mit einer andern zu verbinden gedenkt. Der Professor ahnt etwas, tut aber nichts. Und der Verführer lebt das Leben, das ihn tiefer berührt, außer dem Schauplatze der Handlung. So stimmungsvoll auch Schnitzler die Gespräche zu gestalten weiß: ergreifend ist nichts. Das Ganze läßt gleichgültig, weil den Tatsachen keine Scelenvorgänge zugrunde liegen, die allein ein tieferes Interesse hervorrufen könnten.

Noch weniger Eindruck konnte auf mich der zweite Einakter «Der grüne Kakadu» machen. In einer Pariser Spelunke, zur Zeit der Revolution, versammeln sich allabendlich heruntergekommene Schauspieler und sensationslüsterne Adlige. An dem Abend, der uns vorgeführt wird, wird die Bastille erstürmt. Die ExKomödianten führen mit schlimmstem Pathos Verbrecherszenen vor, und die Adligen bekommen dabei das Gruseln. Henri, einer der Schauspieler, hat sich eben mit L&ocardie vermählt. Er will darstellen, wie er den Herzog von Cadignan getötet hat, weil seine Frau mit diesem in Liebschaft lebte. Da erfährt er, daß diese Untreue auf Wahrheit beruht. Der Herzog kommt zur rechten Zeit in die Spelunke, und Henri tötet ihn nun wirklich. So packend das auch für ein auf äußere Theaterwirkungen sehendes Publikum sein mag: das Ganze ist doch nur ein höherer Ulk; es erinnert an Schaustellungen, die niederem Geschmack dienen, und ist im einzelnen langweilig.

Der beste der drei Einakter ist «Paracelsus». Die abenteuerlichgeheimnisvolle Persönlichkeit des 16. Jahrhunderts führt mit Hilfe des Hypnotismus im Hause eines Waffenschmiedes einen Streich aus. Er suggeriert der Gattin des derben, plumpen Handwerksmeisters, daß sie einen Nachmittag lang die Wahrheit sagen müsse. Da erfährt denn der Gatte allerlei Erbauliches über das Herz seines von ihm «treu gehüteten» Weibes. Trotzdem die Zeichnung der Figuren interessant ist und der Vorgang eines gewissen Hintergrundes nicht entbehrt, scheint mir die Sache doch nichts weiter zu sein als ein Extrakt dessen, was man über Paracelsus und den Hypnotismus in einem Salongespräch vorbringen und dort mit nicht gerade tiefem Witz begleiten kann.

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