«Herodes und Mariamne»

Eine Tragödie in fünf Aufzügen von Friedrich Hebbel
Aufführung im Königlichen Schauspielhaus, Berlin

Die unendliche Fülle und Mannigfaltigkeit des Sonnensystems hat Keplers weltumspannende, von der Phantasie befruchtete Gedankenkraft auf ein paar einfache Formeln von monumentaler Größe gebracht. Solche Formeln erfüllen uns mit tiefster Befriedigung. Unser Gefühl für den Reichtum der Wirklichkeit verliert nichts, wenn ihm das Bewußtsein gegenübertritt, daß einfache, große, eherne Gesetze sich in der Fülle dieser Wirklichkeit aussprechen. Denn das Schaffen der Natur hat zu seiner Grundlage das Geheimnis, daß es aus der Einfachheit die Mannigfaltigkeit heraus erzeugt; und unser Geist hat den Drang, von den verwirrenden Einzelheiten zu dem einfachen, in wenigen Linien überschaubaren Grundplan vorzudringen.

Und wie die Natur schafft, so schafft der große Dichter. Hebbels Schöpfungen liegt diese Natürlichkeit im schönsten Sinne des Wortes zugrunde. Die Einzelheiten des menschlichen Seelenlebens, seine großen Konflikte, seinen Adel und seine Verirrungen entfaltet dieser Dichter in großen Gemälden. Und wenn wir diese Gemälde überblicken, so enthüllen sich in ihnen die großen, einfachen Züge, nach denen die menschliche Seele lebt. Geradezu zur Bedingung echter, dramatischer Dichtung hat es Hebbel gemacht, daß ihre Schöpfungen sich auf einfache, große Formeln bringen lassen wie die Erscheinungen der Natur selbst.

Die große Liebe erzeugt die Eifersucht. Und diese Eifersucht kann den Gedanken nicht ertragen, daß die Geliebte jemals einem andern angehören könne. Herodes will, daß Mariamne mit ihm zugleich sterbe, damit in sein Heiligstes kein anderer Mann dringe. Wie er das zu verwirklichen sucht, ist der Inhalt von «Herodes und Mariamne». Was erfolgen muß, wenn sich erfüllt, was dieser Wille fordert, ist mit grausiger Konsequenz durchgeführt, mit jener Konsequenz, die wieder nur die Natur zeigt, wenn sie die Tatsachen im Raume und in der Zeit ihren einfachen Grundgesetzen gemäß entwickeln läßt. In Mariamnes Seele lebt der Widerklang von Herodes’ Leidenschaft. Auch sie will nicht leben, wenn der Geliebte nicht mehr da ist. Aber sie will diese Konsequenz selbst herbeiführen; und daß Herodes Mittel sucht, von sich aus seinen Willen durchzuführen, daß er nicht das Vertrauen hat, sie werde selbst in den Tod gehen, wenn ihr der seinige verkündet wird: das führt die Katastrophe herbei. Mariamne rächt sich, indem sie sich schuldig stellt und Herodes veranlaßt, sie wegen einer Schuld, die sie nicht begangen hat, zum Tode verurteilen zu lassen.

Herodes’ tragisches Geschick ist, daß er von der Liebe der Gattin nicht erwartet, daß sie sich der seinigen gleich erweisen werde. Er greift in ihre freie Willenssphäre ein. Wo er zu lieben gedenkt, will er herrschen. Seiner Liebe brächte Mariamne jedes Opfer; seine Herrschaft prallt an ihrem Stolze ab. Das ist die einfache, große Wahrheit, die uns in dem hinreißenden Seelengemälde vor Augen geführt wird.

Als ein Seelenmaler ohnegleichen, als Kündiger der menschlichen Leidenschaften in ihrer tiefsten Gestalt, zeigt sich Hebbel da wie in allen seinen Dramen. Die Naturtreue im einzelnen geht Hand in Hand mit der Naturwahrheit in den großen Zügen. Es wird immer ein Irrtum bleiben, wenn die Dichtung nach der Wahrheit im einzelnen strebt. Sie verkennt dadurch die tiefere Wesenheit der Dinge. Sie geht sogar über diese hinweg.

German original of “Herodes and Mariamne” · ← Previous · Next →