«Freilicht»
Schauspiel in vier Akten von Georg Reicke
Aufführung im Berliner Theater, Berlin
Zu den reizvollsten Erscheinungen der gegenwärtigen dramatischen Kunst gehört zweifellos Georg Reickes Schauspiel «Freilicht», das vor kurzem im Berliner Theater zur Aufführung gelangt ist. Wir haben es hier mit einer dichterischen Persönlichkeit zu tun, an deren Vorzügen man leicht vorbeigehen kann. Je mehr man sich aber in die genannte Schöpfung liebevoll vertieft, desto mehr erscheinen einem diese Vorzüge vor der Seele. Die Frau, die von dem modernen Streben nach Befreiung der Persönlichkeit ergriffen wird, die deshalb den Kreisen, in denen sie geboren und erzogen ist, entfremdet wird und die unter Schmerzen und Entbehrungen einen eigenen Lebensweg sich bahnen muß: sie war schon oft Gegenstand der dramatischen Dichtung. Sie ist es auch in Reickes Drama. Aber dieser Dichter hat etwas vor denen voraus, die den gleichen Stoff behandelt haben. Er ist ein intimerer Beobachter. Deshalb springt er nicht, wie so viele andere, von der Beobachtung zu der tendenziösen Zuspitzung des Problems, der These über. Es ist heute noch vieles in der Frauenseele, was der verstandesmäßigen Ergreifung der Freiheitsidee widerstrebt. Eine langwirkende Kulturvererbung hat auf den Grund dieser Seele Empfindungen gelegt, die sich wie ein Bleigewicht der kühnen Idee der Frauenbefreiung anhängen. Gerade die Frauen, die nichts von solchen Empfindungen wissen wollen, die glauben, ein absolutes Bewußtsein von Freiheit in sich zu tragen, erscheinen dem feineren Beobachter heute wie unredliche weibliche Poseure. Die tiefinnerlich ehrlichen, wahren Frauencharaktere haben mit einer starken Empfindungsskepsis zu kämpfen. Eine erschütternde Tragödie des Herzens ist ihnen die Wahrnehmung des vollen Freiheitsbedürfnisses. Man muß ganz feine Beobachtungsorgane haben, um die seelischen Imponderabilien wahrzunehmen, die im Innern einer solchen Frau wirken, die nicht aus Programm, sondern aus ihrer Natur heraus der Freiheit zustrebt, heraus aus den Fesseln, die traditionelle gesellschaftliche Anschauungen geschmiedet haben. Georg Reicke hat solche Beobachtungsorgane. Jeder Zug in der Charakteristik seiner Cornelie Linde ist psychologische Wahrheit, und keiner ist Tendenz.
Man kann sehr leicht die Beobachtung machen, daß modern sein wollende Dichter zwar neue Ideen vertreten, daß sie aber im Grunde ihres Wesens, in ihrer eigentlichen Gesinnung sich gar nicht unterscheiden von den Philistern, die sie verspotten. Sie sind Philister des Neuen, wie die andern Philister des Traditionellen sind. Von solchen Dichtern ist Reicke grundverschieden. In ihm ist auch nicht eine Spur von Philistertum. Eben darum steht er den Dingen objektiv, als wahrer Künstler gegenüber. Das hat bewirkt, daß der Mann, den er der Cornelie gegenüberstellt, der Maler Ragnar Andresen, eine so prächtige Gestalt geworden ist. Ein echter Bekenner der Freiheit, ein Mensch, dem dieses Bekenntnis natürlich ist wie eine leibliche Triebfeder. Man wird lange suchen müssen, bis man unter den modernen dramatischen Typen eine so posenlose Persönlichkeit finden wird.
Und ebenso wahr wie diese modernen Gestalten sind die einer alt gewordenen Kultur. Die Geheimratsfamilie, aus der Cornelie herausgewachsen ist, der Leutnant Botho Thaden, mit dem sie verlobt ist und von dem sie sich los macht, um zu dem ihr kongenialen Ragnar zu flüchten: alles von klarer Wahrheit. Nirgends eine andere Tendenz als die, die Charaktere des Lebens begreiflich erscheinen zu lassen. Nirgends die falsche Gegenüberstellung des vortrefflichen Neuen und des bösen Alten. Aber überall das Bewußtsein, daß das Neue sich naturgemäß aus dem Alten entwickelt hat, daß dieses Neue doch die vom Alten vererbten Züge noch an sich tragen muß. Nicht bloß Berechtigung des Zukünftigen, sondern durchaus auch Verstehen des Vergehenden.
Solche Charaktere sind in eine Handlung gefaßt, die nichts hat von dem oft so Gemachten dramatischer Entwickelungen und auch nichts von den überraschenden szenischen Wendungen. Wie das Leben in Irrgängen verläuft, so verläuft diese Handlung. Wir haben fast in jedem Augenblicke das Gefühl, alles könnte auch anders werden. So ist es auch im Leben. Gewiß herrscht überall Notwendigkeit, aber gerade diese Notwendigkeit: sie ist eine treue Schwester des Zufalls. Hinterher sagen wir uns: es hat alles so werden müssen; vorher haben wir nur die Perspektive in unzählige Zukunftsmöglichkeiten. Das ist bei Reicke in Form einer feinen dichterischen Künstlerschaft vorhanden. Es gibt in seinem Drama keine grotesken Überraschungen, aber es gibt auch das peinliche Vorhersehen des Ausgangs nicht, das uns so oft in der Dichtung als Lebensunwahrheit erscheint.
Besonders anziehend ist Reickes Stimmungsmalerei. Mit einfachen, dezenten Mitteln stellt er das Münchener Maleratelier, in dem Cornelie die Luft der Freiheit atmet, vor uns hin; und mit ebensolchen Mitteln verkörpert er das Milieu der Berliner geheimrätlichen Häuslichkeit.
Ein freier, durch kein Vorurteil getrübter Blick für das Wirkliche tritt mir bei diesem Dichter entgegen. Ein Blick, der das Äußere der Lebensvorgänge ebenso anschaulich ergreift wie die im Innern der Menschenseele sich abspielenden Erscheinungen. Wir haben es mit einem Manne zu tun, der keine grellen Farben, keine starken Lichter und Schatten braucht, um zu sagen, was er zu sagen hat. Mit einem Kenner der Übergänge in den Erscheinungen haben wir es zu tun. Ein realistischer Dichter ist Georg Reicke, zugleich mit jenem Zug nach dem Idealismus, den das Leben selbst hat.