«Das tausendjährige Reich»
Drama in vier Aufzügen von Max Halbe
Halbes Liebesdrama «Jugend» muß auf denjenigen einen peinlichen Eindruck machen, der einen ausgesprochenen Sinn hat für das Gesetzmäßige in allen Vorgängen. Denn ein Schwachsinniger besorgt den Weitergang der fortwährend stockenden Handlung; derselbe Schwachsinnige führt den Konflikt und die Katastrophe herbei. Gesetz- und Regellosigkeit, der Zufall herrscht; nicht die Gesetzmäßigkeit, die der menschliche Geist in allen Dingen immerfort sucht. Wie es scheint, hängt die große Frage nach der Bedeutung des Zufalls in der Welt mit Halbes ganzem Denken zusammen. Denn in seinem neuesten Drama ist es wieder der Zufall, auf den das dramatische Geschehen gebaut ist. Diesmal kann aber auch der energischste Anhänger der NotwendigkeitsIdee gegen das Zufallsmotiv als treibende tragische Macht nichts einwenden. Denn Halbe hat den rechten Punkt im menschlichen Geist aufgefunden, wo sich das Anschauen der «ewigen ehernen Gesetze» und das Walten des blindesten Zufalls die Hände reichen zu jenem verhängnisvollen Bunde, der die tiefsten Seelenkonflikte hervorruft. «Die Entwickelung der ganzen Welt ist ein einheitlich mechanischer Prozeß, in dem wir nirgends Ziel und Zweck entdecken können; was wir im organischen Leben so nennen, ist eine besondere Folge der biologischen Verhältnisse; weder in der Entwickelung der Weltkörper noch in derjenigen unserer organischen Erdrinde ist ein leitender Zweck nachzuweisen; hier ist alles Zufall!» Diese Worte stehen in dem Buche, in dem der größte Naturforscher der Gegenwart seine Weltanschauung zusammengefaßt hat, in Ernst Haeckels «Welträtsel» (Bonn 1899). Der menschliche Geist hat jahrtausendelang nach dem «leitenden Zweck» gesucht. Die naturwissenschaftliche Ansicht der Gegenwart setzt die mechanische Notwendigkeit dahin, wo dieser Geist die weise Leitung vermutet hat. Der gesunde, freie Geist wird gerade in dieser «Lösung des Welträtsels» seine schönste Befriedigung finden. In dem schwachen Geiste wird aber der Zusammenprall des Glaubens an die «weise Weltregierung» mit der gefühllosen mechanischen Naturordnung die verhängnisvollsten tragischen Seelenkonflikte auslösen. Wohl denen, deren gläubig-frommer Sinn nicht beirrt wird durch diesen Zusammenprall mit der Wirklichkeit. Ihr Denken reicht zwar nicht in jene Regionen, in denen sich Goethe so wohl fühlte, wenn er die ewige, eherne Konsequenz der Natur wahrnahm; aber sie sind doch glücklich. Ihre Seele erlebt ein idyllisches Schicksal. Halbes Schmiedemeister in Marienwalde ist ein solches Schicksal nicht gegönnt. Er ist eine von den Naturen, die in allen Dingen einen tieferen Sinn erkennen wollen, und die sich für auserlesene Geister, für Heilsverkünder halten, weil sie glauben, daß gerade ihnen die Gabe geschenkt sei, den tieferen Sinn der Welt zu deuten. Zur Steigerung der inneren Tragik einer solchen Seele gehört, daß gewisse Vorstellungskreise hart an die Grenze getrieben werden, wo der Arzt von Wahnvorstellungen zu sprechen beginnt. Es fehlen in der Struktur des Geistes diejenigen Kräfte, die solche Vorstellungen in Harmonie versetzen mit den übrigen Elementen des Geisteslebens. Mit einer Geisteskonstitution, wie sie hier charaktersiert ist, wird man, wenn man in die Lehren des Johannes sich vertieft und von dem Gedanken an ein tausendjähriges Reich des Heils sich erfüllt, ein Mann wie der Schmiedemeister Drewfs in Halbes Drama; wenn man seine Geistesrichtung aus dem griechischen Geistesleben und aus der Philosophie Schopenhauers herleitet, ein — Friedrich Nietzsche. In jenem Falle erklärt man, man sei berufen, die Menschen dem wiedererstehenden Heiland zuzuführen; in diesem macht man sich zum Verkünder der dionysischen Lehre von der «ewigen Wiederkunft aller Dinge».
Einen tragischen Charakter von solcher Art hat Max Halbe geschaffen. Zwei Welten stoßen aneinander. Die der äußeren Vorgänge und die Spiegelung dieser Vorgänge in Drewfs Kopfe. Ein Schmiedemeister heiratet eine Frau, die des Gutsherrn Geliebte war. Er hat sie im Verdacht, daß sie es auch nach der Verheiratung geblieben ist. Ein Zufall hat ihn Anno dreizehn im Kriege mit dem Gutsherrn an einen Ort zusammengeführt, wo er hätte leicht Rache nehmen können. Sie waren beide allein auf Vorposten. Er hat zum Schuß angelegt. Ein Zufall fügt es, daß ihn in diesem Augenblicke selbst eine feindliche Kugel trifft. Drewfs sieht nicht einen Zufall, sondern eine weise Fügung. Der Herr hat ihm ein Zeichen gegeben, daß er zu Großem auserwählt sei. Ein weiterer Zufall fügt es, daß sein Kind stirbt. Für Drewfs ist das wieder ein Fingerzeig Gottes. Dieser hat damit gezeigt, daß es sich um ein Sündenkind handelt, gezeugt von dem Gutsherrn im ehebrecherischen Bett. Drewfs fühlt sich als Prophet. Er versammelt Anhänger um sich, die er dem wiedererstehenden Heiland zuführen will. Und nun ist für ihn nichts mehr da als der krankhafte Gedanke an seine Mission. Sein Charakter gewinnt die Prägung, die der Zarathustra-Sänger mit den Worten bezeichnet: «Werder hart.» Sein Weib geht neben ihm elend zugrunde. Der Glaube ihres Mannes, daß sie die Ehe gebrochen, und alles, was sich an diesen Glauben knüpft, treibt sie zum Selbstmorde. Vollends zerstören kann in Drewfs Seele alles aber nur dasjenige Element, das alles aufgebaut hat: der Zufall. Ein Blitz schlägt in seine Schmiede ein und zerstört ihm Hab und Gut. Der Schmiedemeister verliert allen Halt. Die Seelenpein, die sich seiner bemächtigt, besänftigt er nach den beiden schrecklichen Ereignissen, dem Selbstmord der Frau und dem Blitzschlag, kurze Stunden durch — Schnaps; und dann folgt der Irrsinnige seiner Gattin freiwillig in den Tod.
Die scharfe Logik in der Seelentragik des Schmiedemeisters springt in die Augen. Man hat die folgerichtige Entfaltung einer Geistesdisposition vor sich. Dieselbe Anlage, die das hervorbringt, was man als religiösen Wahnsinn bezeichnen kann, die intensive Hinneigung zu gewissen einseitigen Ideen und die Srumpfheit gegenüber allen anderen Gedanken und Gefühlen, die mit jenen sich organisch zusammenschließen sollten — diese Anlage führt zuletzt zur Haltlosigkeit. Halbes Schmiedemeister ist nämlich durchaus keine von den großen Naturen, die ein harmonisches Geistesnaturell in die Dienste einer Idee zu stellen haben und die deshalb im physischen Untergange noch groß, ja erst recht groß erscheinen; nein, er ist einer von den Charakteren, bei denen eine Idee in den Vordergrund tritt, weil sie zu minderwertigen Geistes sind, um die ganze Harmonie des Geistes zur Entfaltung zu bringen. In dem Augenblicke, in dem diese Idee für ihn an überzeugender Kraft verliert, in dem bleibt eben nur die geistige Schwäche allem übrigen Leben gegenüber. Daß dieser Schmied sein Häuflein Gläubiger zu keinem gedeihlichen Ziele führen kann, weiß man von Anfang an. Halbe hat sich nicht die Aufgabe gestellt, eine von den starken Persönlichkeiten zu schildern, deren Charakter von einer großen Idee bis zu Ende getragen wird, und die sich selbst treu bleiben, auch wenn sie von der ganzen Welt verlacht, verhöhnt, gesteinigt werden; nein, er hat eine jener schwachen Naturen gezeichnet, in deren Seele eine Idee wie ein verhängnisvolles, zerstörendes Element eindringt, um diese Seele zu zerstören. Nicht Überfülle von Kraft ist es, die solche Menschen zu Propheten macht, sondern im Gegenteil: die Schwäche.
Wer von diesem Gesichtspunkte aus mit künstlerischem Sinne das Drama auf sich wirken läßt, wird dessen dramatische Struktur nur im hohen Grade vollendet finden können. Drei Akte hindurch mit strenger Notwendigkeit das Ausleben einer fixen Idee im Kopfe eines Menschen, in stetiger Steigerung. Und um das Leben dieser fixen Idee herum all die Erscheinungen, die sie folgerichtig mit sich bringen muß. In feinsinniger Weise sind die Charaktere gezeichnet, die innerhalb der Anhängerschar des religiösen Fanatikers stehen. Die feinen Nuancen der Suggestion, durch die eine solche Persönlichkeit auf die Mitmenschen wirkt, kommen gut zur Anschauung. Der Schmiedegeselle Jörgen, der auf seinen Reisen die moderne Form der Mitleidsreligion, den Sozialismus, in sich eingesogen hat, gibt eine vortreffliche Kontrastfigur ab zu dem weltfremden Schmiedemeister, der an dem Wortlaut des Johannesevangeliums kleben bleibt. Daß zuletzt die e Propaganda des Schmiedes in eine triviale Kneipszene umschlägt und der Gottesmann im Alkohol seine gefallenen Götzen zu ertränken sucht, scheint mir durchaus stilvoll. Der Kenner der Menschenseele wird nicht leugnen können, daß es verwandte Geistesdispositionen sind: die eine, die den schwachen Willen und schwachen Intellekt in die fixe Idee hineintreibt, und die andere, eigentlich nicht andere, die ihm in dem Alkoholnebel eine ihm begehrenswerte Atmosphäre schafft. Damit ist auf die innere Wahrheit hingedeutet, die die drei ersten Akte des «Tausendjährigen Reiches» mit dem vierten zusammenhält. Gerade in dem vierten Akte, der viel getadelt worden ist, zeigt sich uns der eigentliche Nährboden, aus dem Drewfs religiöser Wahnsinn gewachsen ist: die innere Haltlosigkeit, der Defekt in den Geisteskräften. Dieser Defekt mußte sich mit all seinen Schattenseiten zeigen, nachdem die Idee, die den Mann zu etwas anderem stempelt, als er tief innerlich doch ist, von ihm gewichen ist. Die geringe Summe von geistiger Kraft, die er besessen, hat sich nicht natürlich über seinen Organismus verteilt; sie ist zu einem künstlichen Auswuchs seines Hirns geworden. Sie wird aus dem Boden gerissen, und was übrig bleibt, ist ein geistig minderwertiger Mensch. Dieser mußte sich zuletzt enthüllen. Menschen, die aus sich die großen Ideen gebären, werden allerdings so nicht endigen. Wohl aber diejenigen, die durch einen Bruch ihres Geistes zum ungesunden Träger solcher Ideen werden. Keine schroffe Grenze ist zwischen der fixen Idee des Wahnsinnigen und der fruchtbaren des großen Genius, sondern ein allmählicher, stetiger Übergang. Man kann das zugeben, ohne sich auf den Philisterstandpunkt zu stellen, der im Genie nur eine pathologische Erscheinung erkennen will.
Es ist zweifellos, daß wir gegenwärtig Dramatiker haben, die im äußeren szenischen Aufbau Besseres leisten als Halbe. Aber ebenso zweifellos ist es, daß Halbe vielen von diesen voraus ist durch seine Vertraucheit mit den großen Problemen des Daseins. Er hat ein Herz für diese Probleme, und er sucht ihre Wirkung auf die verschiedenartigen menschlichen Charaktere zu verfolgen. Man sieht es seinem neuesten Drama an, daß er die Stimmung, in die wir durch das Zusammenwirken von Zufall und Gesetz versetzt werden, am eigenen Leibe erfahren hat. Er kennt als tragische Stimmung, was er als tragisches Geschick an seinem Schmiedemeister Drewfs darstellt. Das wird immer das rechte Verhältnis sein zwischen der Persönlichkeit des Dichters und seiner Schöpfung. Die Art der Erlebnisse, die er darstellt, wird er aus eigenster innerer Erfahrung kennen. Diese Art wird in seiner Einzelschöpfung zum individuellen Gebilde werden. Was für den Dramatiker ein Teilerlebnis ist, wird für den dramatischen Helden ein ganzes Schicksal. Ich fühle aus den bedeutenderen Werken Halbes durchaus diesen Zusammenhang zwischen Leben und Wirklichkeit heraus. Es drückt dieser Zusammenhang für mich die innere Wahrheit seiner Schöpfungen aus. Man hat oft an ihm getadelt, daß seine Technik unbeholfen ist. Dem «Tausendjährigen Reich» gegenüber konnte man diesen Tadel wieder hören. Er lasse, sagt man, Dinge geschehen, wie sie in Wirklichkeit nie vorkommen werden. Dergleichen wirke kindlich. Solches behauptet man zum Beispiel von dem Einschlagen des Blitzes in das Haus des Schmiedemeisters. Mir scheint, daß in die Lage, dergleichen Unwahrscheinlichkeiten geschehen zu lassen, jeder Dramatiker kommt, der auf die tieferen Grundlagen des Daseins zurückgeht. Das Drama fordert äußeres Geschehen. Für die Persönlichkeiten, die sich aus innerer Notwendigkeit entwikkeln, werden die äußeren Erlebnisse immer mehr oder weniger zufällig sein. Und ich würde es unnatürlich empfinden, wenn in einem Drama, in dem es auf die Entwickelung einer Geistesdisposition ankommt, die äußeren Geschehnisse am Faden einer strengen Tatsachenlogik aufgewickelt wären, wie in einem Drama, in dem sich alles aus den Situationen entwickelt. Was wir in den äußeren Geschehnissen Notwendigkeit nennen, ist doch wohl meist nichts als ein gemachter Zusammenhang, der in einem gewissen Glauben an eine moralische Notwendigkeit in den Weltereignissen seinen Ursprung hat. Im Grunde ist es nicht norwendiger und nicht zufälliger, wenn Maria Stuart im Park mit der Königin Elisabeth zusammentrifft, als wenn der Blitz in des Schmiedemeister Drewfs Haus einschlägt. Die größere oder geringere Wahrscheinlichkeit, daß dieser Blitz gerade in dieses Menschen Haus einschlägt, ist keine dramatische, sondern höchstens eine mathematische oder statistische. Aber wer ein Haus in eine Feuerversicherung aufnimmt, muß mit einer Wahrscheinlichkeit rechnen, die denn doch für den Dramatiker nichts Verbindliches zu haben braucht. Was mathematisch im höchsten Grade unwahrscheinlich ist, kann doch dramatisch als stilvoll erscheinen.