Dr. Wüllner als Othello

Gastspiel im Hoftheater, Weimar

Einen glücklichen, lichtbringenden Einfall hatte derjenige, der zuerst die Größe der Dramen Shakespeares aus dem Umstande erklärte, daß ihr Dichter Schauspieler war. Es kommt dabei weniger in Betracht, daß dieser Dichter die Schauspielkunst berufsmäßig ausgeübt hat, sondern daß er, seinem Grundcharakter nach, eine Schauspielernatur war. Es gehört zum Wesen einer solchen Natur, daß sie, mit völliger Verleugnung der eigenen Persönlichkeit, in fremde Charaktere untertauchen kann. Der Schauspieler verzichtet darauf, er selbst zu sein. Es ist ihm die Möglichkeit gegeben, aus fremden Wesenheiten heraus zu reden. Und er ist um so mehr Schauspieler, je schmiegsamer, je verwandlungsfähiger er ist. Es hat einen tiefsymbolischen Sinn, daß wir von Shakespeare als Person so gut wir gar nichts wissen. Was geht er uns auch als Person an? Er spricht nicht als Person zu uns; er spricht in Rollen zu uns. Er ist das wahre Chamäleon. Er spricht als Hamlet, als Lear, als Othello zu uns. Shakespeare spielt Theater, auch wenn er Stücke schreibt. Er empfindet nicht mehr, was in seiner Seele vorgeht, wenn er die Gestalten seiner Stücke schafft. Weil Shakespeare nur Schauspieler war, deshalb können seine Dramen auch nur von wahren Schauspielern gespielt werden. Es wird immer das Zeichen eines Mangels an einem Schauspieler sein, wenn seine Kunst in Shakespeareschen Dramen versagt.

Diese Gedanken gingen mir letzten Sonntag durch den Kopf, als ich den Othello des Herrn Wüllner gesehen hatte. Ich wurde während der ganzen Vorstellung eine gewisse Ungeduld nicht los. Ich wollte den Othello sehen und sah den ganzen Abend nur Herrn Wüllner. Ich wollte begreifen, wie Othello allmählich in diese furchtbare Wut der Eifersucht hineingeraten kann, und ich lernte nur die Empfindungen kennen, die Herrn Wüllner beherrschen, wenn er den Othello betrachtet. Herr Wüllner hat nicht die Kraft der Selbstentäußerung, die den wahren Schauspieler macht. Er läßt in jedem Augenblicke auf den Grund seines eigenen Wesens schauen.

Man soll gegen Herrn Wüllner nicht ungerecht sein. Seine Kunst ist keine geringe. Er hat eine große Herrschaft über seine Ausdrucksmittel, er ist Meister der schauspielerischen Nuancen Es wäre müßig, über einzelnes zu reden. Da gibt es vicles zu loben. Aber es ist ärgerlich, wenn man solche Kunst da angewendet sieht, wo die Hauptsache verfehlt ist.

Herr Wüllner war früher gelehrter Philologe. Ich glaube den Gelehrten auch in dem Schauspieler wiederzuerkennen. Dem Gelehrten fehlt die Fähigkeit des Hineinschlüpfens in das Fremde; er betrachtet es nur, er grübelt meist nur darüber. Und Herr Wüllner spielte nicht den Othello, sondern er spielte über den Othello. Er spielte das, was er über den Othello ergrübelt hat. Aber was kümmert den Zuschauer, was Herr Wüllner über den Othello empfindet, auch wenn es noch so lebhaft empfunden ist. Ich möchte die Empfindungen und Gedanken des Herrn Wüllner über den Charakter des Othello lieber in einer literarischen Arbeit niedergelegt als auf der Bühne gespielt sehen. Ich bezweifle nicht, daß eine solche Arbeit interessant wäre. Auf der Bühne interessieren mich aber keine interessanten Doktrinen. Da wirken sie uninteressant. Es war deshalb langweilig und ermüdend, den Othello des Herrn Wüllner bis zum Ende anzusehen. Einen Charakter so hinzustellen, daß er wie aus einem Guß dasteht, daß der Zuschauer bei jedem Worte, bei jeder Gebärde, bei jedem Schritt die Empfindung hat, alles das muß so sein: dies vermag, wie es scheint, Herr Wüllner nicht. Man hat bei jeder Einzelheit das Gefühl, diese könnte auch anders sein, ohne daß im ganzen etwas geändert wäre. Eine Mosaikarbeit schauspielerischer Nuancen bot Herr Wüllner, keinen einheitlichen Charakter. Seiner Kunst fehlt der Stil. Sie wirkt manieriert. Sie stellt die Kehrseite des guten Schauspielertums dar. Sie verleugnet alles, was gute Schauspieler groß macht. Herr Wüllner kann den «Doktor» in sich nicht ausmerzen.

German original of Dr. Wüllner as Othello · ← Previous · Next →